Im Fluss der Zeit

GeschichteAllgemein / P18
Christian "Flake" Lorenz OC (Own Character) Till Lindemann
08.08.2020
22.10.2020
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08.08.2020 2.955
 
Oktober 2020 - Wien


Jubel, Trubel, Heiterkeit - so konnte man die Stimmung von Annika Wallner am ehesten beschreiben. Die zierliche Journalistin und Pressefotografin mit der blonden Kurzhaarfrisur schob sich gemeinsam mit ihrer besten Freundin und Kollegin Martina Leitner, einer großen, schlanken, schwarzhaarigen Frau, durch die Menschenmenge, die sich laut schwatzend im Foyer des Hotels eingefunden hatte. Beide Frauen steuerten zielstrebig auf eine geschlossene Türe zu, die sie in den Seminarraum bringen würde. Unbeobachtet von den vielen Gästen verschwanden die zwei im angrenzenden Zimmer.
Dort, am anderen Ende auf einer kleinen Bühne unterhielten sich zwei Männer leise miteinander. Der große, schlaksige mit Brille und Panama-Hut saß auf einem Tisch, der kleinere, der seine blonden Haare zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte, lehnte am Stehpult. Als der Geräuschpegel durch die aufgehende Türe kurz anstieg und die Frauen eintraten, sahen beide auf und unterbrachen ihr Gespräch.
Annika eilte den Gang zwischen den Stuhlreihen entlang, in der Hand ihren Presseausweis einsatzbereit. Martina folgte ihr schnellen Schrittes, ihre Kamera lässig über die Schulter gehängt.
Erstere steuerte zielstrebig auf den blonden Mann zu, hielt den Presseausweis hoch, streckte ihm die Hand entgegen und stellte sich vor.

„Guten Abend, Hr. Kelly! Mein Name ist Annika Wallner, ich bin die Journalistin für SpectreLife und das ist meine Kollegin Martina Leitner. Sie wird heute Abend die Fotos schießen.“

Martina trat neben ihre Freundin und schüttelte erst dem kleinen, dann dem großen Mann die Hand.

„Ah, sehr gut. Freut mich, dass sie es so früh geschafft haben. Bitte, Joey reicht vollkommen. Das ist mein Freund, Christian Lorenz.“

„Flake, bitte“, äußerte sich der Mann neben Joey Kelly freundlich.

„Fein, dann Annika für euch“

„Und Martina“, gab diese lächelnd zurück.

Nach der Vorstellungsrunde wurden die Aufträge für den Abend geklärt. Das Interview mit Joey sollte im Anschluss an das Seminar stattfinden, einen Teil der Portraitfotos würden jetzt gemacht werden, danach Aufnahmen während des Vortrags und einige Abschlussbilder vom Interview. In der Zwischenzeit hatte Martina ihre notwendigen Utensilien aufgebaut, die Kameraeinstellungen kontrolliert und dirigierte Joey nun zu dem Tisch, an dem Flake lehnte. Dieser machte seinem Freund Platz und besah sich alles aus einigen Schritten Entfernung. Verschiedene Einstellungen wurden getestet, unterschiedliche Winkel ausprobiert, die Posen geändert. Nach jeder Einheit begutachteten Joey und Flake die Fotos eingehend und gaben zu dem einen oder anderen Verbesserungsvorschläge ab. Martina ging geduldig auf beide ein, änderte Kleinigkeiten und gab wieder Anweisungen. Annika hatte es sich in der ersten Reihe bequem gemacht und besah sich die Szene grinsend.

Schade, dass es von Flake heute keine offiziellen Fotos geben würde, aber eines, zumindest ein Selfie, würde sie sich nachher mit ihm holen. Sie liebte harte, laute Musik, und Rammstein stand weit oben in der Liste ihrer Lieblingsbands - und Flake war ihr liebstes Bandmitglied, gefolgt von Schneider und Till. „Professionell bleiben“, schalt sie sich selbst, und bedauerte es, heute nur das Interview führen zu dürfen, während ihre beste Freundin den Spaß beim Fotografieren hatte.
Schließlich waren die Portraits im Kasten und es blieben noch gute zwanzig Minuten, bis der Vortrag beginnen würde.
Annika und Martina entschuldigten sich bei den beiden Herren, verließen den Saal und gönnten sich noch ein Getränk an der Bar.



Joey hatte sich über seinen Laptop gebeugt und blätterte durch die Präsentation, die er in wenigen Minuten halten würde.

„Wat sagste zu den beeden? Nett wa?“

Flake hatte sich an den Tisch gelehnt und beobachtete Joey.

„Finde ich auch. Ich bin auf das Interview nachher gespannt.“

Joey wandte sich nun Flake zu.

„Da fällt mir gerade ein: wir haben nächstes Jahr doch diesen Trip in Schottland geplant. Dafür fehlt uns noch jemand, der fotografiert. Vielleicht können wir eine der Girls dafür gewinnen?“

Flake kratzte sich nachdenklich am Kinn.

„Ick komm aus der Sache nicht mehr raus, wa? Für solche Abenteuer haste doch eigentlich Till.“

„Eine Woche paddling, eine Woche hiking. Und du hast wieder genug Stoff für dein nächstes Buch. Außerdem hat deine Frau gemeint, sowas würde dir mal guttun“, lachte Joey und verschränkte die Arme vor der Brust.

Seufzend lenkte der Größere ein.

„Ja ja, is jut, ick bin dabei. Dann kannste den Damen gleich nachher mal von deinem Plan erzählen. Vielleicht is eene ja janz scharf drauf mit drei Männern zwei Wochen das Zelt zu teilen.“ grinste dieser.

„Oder bringt Till vielleicht auf andere Gedanken…hast du was von ihm gehört, seit ihr von der Tour zurück seid?“

„Nicht viel. Hat sich nach Mecklenburg verzogen, reagiert auf keene Anrufe. Hab mit seiner Schwester telefoniert vorn paar Tagen. Er ist noch ruhiger als sonst“

„Wie war er die restliche Tour drauf?“

„Nich jut. Aber verständlich nach den letzten zwei Monaten. Jute Miene, böses Spiel triffts ziemlich, er hat ja nicht auskönnen. Weest du wat da nach Nele passiert ist? Uns hat er nichts jesagt.“

Joey zuckte mit den Schultern und schüttelte den Kopf.

„Weiß auch nicht viel. Er hat mir nur vor Monaten erzählt, dass er in Bayern eine Frau kennengelernt hat. Und dann ist offenbar etwas schief gegangen.“

Beide Männer schwiegen einen Moment und sahen betreten zu Boden. Dass ihr Freund zurzeit so litt, war keinem von ihnen egal. Nur was tun, wenn sich derjenige in ein anderes Bundesland abgesetzt hatte und auf keine Nachrichten reagierte?
Der Geräuschpegel schwoll an, die ersten Gäste betraten den Saal. Flake trat zu Joey, klopfte ihm auf die Schulter und verließ die Bühne, um sich in einer Ecke niederzulassen.



„Na, was hältst du von den beiden?“

Annika prostete Martina zu.

„Sind doch beide sehr nett. Die Fotos sind auf jeden Fall gut geworden. Dieser Flake hatte bei der letzten Serie eine wirklich gute Idee.“

Martina musterte die Freundin, die grinsend neben ihr saß.

„Und warum grinst du jetzt wie ein Honigkuchenpferd?“

„Du hast echt keine Ahnung, was?“

Diese hob nur eine Augenbraue, und wartete, dass Annika fortfuhr.

„Das ist Flake...DER Flake von Rammstein.“

„Ach… Ist das der, auf den du so abfährst? Du weißt genau, dass ich sowas nicht höre. Da könntest du mir genauso gut AC/DC oder die Rolling Stones hinstellen, ich würde die nicht kennen.“

Die Blonde stieß einen genervten Laut aus, lachte im nächsten Moment aber schon wieder.

„Was heißt da, abfahren? Ich finde den einfach total sympathisch. Wenn ich gewusst hätte, dass er heute auch da ist…“

„Hättest du dich in dein Konzertoutfit geschmissen, schwarz geschminkt und wärst ihm an den Hals gesprungen?“

Dafür kassierte Martina einen Stoß in die Rippen.

„Wohl kaum, wenn ich im Dienst bin. Und an den Hals werfen, ich weiß nicht. Er ist verheiratet, das tut man nicht…“

„Seit wann machst du einen Bogen um verheiratete Männer? Ist ja ganz was Neues“, schmunzelte die Schwarzhaarige.

„In dem Fall würde ich echt eine Ausnahme machen… Und NICHT mit ihm ins Bett steigen“, lachte Annika.

„Ne aber im Ernst, ich find den toll, ich mag seinen Humor. Du solltest dir wirklich mal seine Radiosendung anhören, dann weißt du, was ich meine.“

„Hm, ja vielleicht.“

Martina nippte an ihrem Getränk und dachte nach.

„Sag mal, was hat Max eigentlich dazu gesagt, dass du quasi mit Joey Kelly unterwegs bist? Immerhin ist er doch so ein großer Fan von ihm.“

„Bitte, fang nicht du auch noch an. Ich hätte es ihm ja gar nicht erzählt, aber er ist letztens mit unserem Chef zusammengelaufen und der musste ihm das natürlich auf die Nase binden, dass wir ein Exklusivinterview mit Joey Kelly bekommen haben. Dann war die Hölle los… manchmal denke ich mir, dass es vielleicht doch keine so gute Idee war, in derselben Agentur zu arbeiten wie mein Mann…“

„Hättest ihn ja einfach mitnehmen können…? Und hör auf, was mach ich sonst ohne dich?“

„Annika, du kennst Max und weißt, wie aufdringlich er dann immer wird. Wäre er hier gewesen, wären wir jetzt noch nicht durch mit den Portraitfotos. Aber ich musste ihm versprechen, wenigstens ein Autogramm zu besorgen“, Martina verdrehte die Augen und seufzte, „seit er diese IronMan DVD gesehen hat, ist er total fanatisch am Trainieren. Ich meine, nichts gegen einen fitten Mann, aber irgendwo sind dann doch Grenzen. Zurzeit ist alles ein Wettkampf… Und wenn ich alles sage, meine ich ALLES…“

„Was…? Oh...nicht dein Ernst?“

„Doch. Gerade, dass wir dabei nicht auch noch die Zeit stoppen.“ Martina leerte ihr Glas.

„Wir sollten langsam wieder hinein, es geht gleich los und ich muss noch ein paar Probefotos machen, bevor Joey loslegt.“

Die beiden Frauen zahlten und begaben sich in den nun bereits gut gefüllten Seminarraum. Annika nahm den ihr zugedachten Platz in der ersten Reihe ein, während Martina sich ihre Kamera schnappte, den Blitz adjustierte und mit Beginn der Veranstaltung begann, Fotos des Redners zu schießen.



Das Motivationsseminar war ein voller Erfolg gewesen. Einige Gäste hatten sich absichtlich viel Zeit gelassen, um mit Joey Kelly im Anschluss ins Gespräch zu kommen. Martina hatte ihre Runden mit dem Fotoapparat zur Genüge gedreht und stand nun gemeinsam mit Annika und Flake an der Bar, während sie darauf warteten, dass Joey sich zu ihnen gesellen würde. Annika hatte Flake in ein Gespräch über die letzte Rammstein Tour verwickelt, ein Thema, mit dem Martina absolut nichts anfangen konnte, also stand sie neben den beiden, lächelte freundlich und tat interessiert. Dies ging genau solange gut, bis Flake sich an sie wandte.

„Und? Hast du unsere Show auch gesehen?“, erkundigte er sich neugierig.

Martina verschluckte sich an ihrem Getränk und hustete. Die Blonde kam ihr zu Hilfe.

„Nimm‘s nicht persönlich, Flake, aber vor dir steht eher so ein Schlager und Kuschelrock-Girl. Sie hat mit Metal und Rock nix am Hut.“

„Nika!“, schockiert stieß Martina ihre Freundin an.

Flake grinste sie nur an und meinte lapidar: „Keen Ding, ick hör unsere Musik auch nicht. Nur kurz bevor wir wieder auf Tour gehen… Damit ick weiß, wat ich spielen muss.“

Hilfesuchend warf Martina Annika einen Blick zu, doch die bog sich vor Lachen, genauso wie Flake, der ihr nun freundschaftlich auf die Schulter klopfte.

„Ne wirklich, allet jut. Hört ja jeder was anderes gern.“

Gerade, als er ihr seine eigenen Musikvorlieben darlegen wollte, wurden sie von Joey unterbrochen, der endlich zu ihnen an die Bar geschlendert war. Er bestellte sich einen Drink und ließ sich mit Annika an einem der umstehenden Tische nieder, damit sie das vereinbarte Interview hinter sich bringen konnten. Martina blieb vorerst zurück, die letzten Interviewfotos würden erst am Ende geschossen werden.
Flake beobachtete die dunkelhaarige Frau aufmerksam. Sie war groß und schlank - er schätzte sie um die 1,80m - trug die schulterlangen Haare mit einer Spange zusammengebunden und war dezent geschminkt. Alles in allem nicht außergewöhnlich, bis auf ihre Augen, die trotz des gedimmten Lichts an der Bar extrem hell funkelten. Flake konnte den Farbton nicht genau einordnen, ein sehr helles blau oder ein eisiges grau. Er fand die Dame, die ruhig, vielleicht fast ein wenig schüchtern zu sein schien, interessant.
Martina spürte seine Blicke auf ihr ruhen und drehte sich in seine Richtung. Sie hatte gerade ihre Freundin und den Extremsportler beim Interview beobachtet und war etwas in Gedanken versunken. Ihre Freundin schien sich prächtig zu amüsieren und flirtete mit Joey. Typisch Annika, immer auf der Suche nach neuen Abenteuern.

„Tut mir leid, ich wollte nicht unhöflich erscheinen“, versuchte sie, von dem Umstand abzulenken, dass sie ihn die letzten Minuten komplett ignoriert hatte.

„Tuste nicht.“

„Und ja, Annika hat es vorhin bereits erwähnt - es ist zwar peinlich, aber ich habe keine Ahnung von deiner Band. Den Namen habe ich natürlich schon mal gehört, aber das war es dann auch schon.“

„Ist mal eine erfrischende Abwechslung“, grinste Flake und nahm einen Schluck von seinem Bier.

„Erzähl mal von euch“, forderte sie ihn auf.

„Och, da gibt's nicht viel zu erzählen. Wir sind zu sechst - sechs Männer - und machen seit 1994 Krach.“ Er zwinkerte ihr zu.

„Wow, das ist eine lange Zeit. In der ursprünglichen Besetzung?“

„Ja. Da sind Richard und Paul, unsere Gitarristen, Olli am Bass, Schneider trommelt, Till singt und ich bin der Tastenficker.“

„Schneider?“

„Eigentlich Christoph, aber jeder nennt ihn nur Schneider.“

Martina war ehrlich beeindruckt. Dass sechs Männer fast 30 Jahre miteinander musizieren konnten, ohne sich gegenseitig die Köpfe einzuschlagen, fand sie bemerkenswert.

„Martina, hey, komm in die Gänge!“

Annika hatte sich in ihrem Lounge Sessel umgedreht und winkte sie zu sich herüber.

„Oh verdammt, entschuldige bitte, Flake, die Pflicht ruft!“

Sie schnappte sich ihre Kamera und wechselte den Ort des Geschehens.



Die letzten Bilder waren schnell im Kasten, die letzte Runde schnell getrunken, eine Autogrammkarte wechselte den Besitzer und man verabschiedete sich von den beiden Journalistinnen. Joey und Flake blieben alleine an der Bar zurück - sie hatten es nicht eilig, da sie hier im Hotel übernachten würden.

„Die kleene Blonde hat einen Narren an dir gefressen, wa?“, schmunzelte Flake während beide ihre Bierflaschen hoben u sich zuprosteten.

„Tatsächlich?“ Joey sah ihn verwundert an.

„Biste blind? Da wäre selbst Till neidisch geworden, bei den Blicken, die sie dir zugeworfen hat.“

Die Männer lachten.

„Im ernst, des haste nicht bemerkt?“

Joey schüttelte den Kopf.

„Ich bin glücklich verheiratet. Lassen wir das.“ Er nahm noch einen Schluck.

„Ich habe ihr von dem Schottland Trip erzählt, sie war ganz begeistert. Hat mir die Visitenkarte dagelassen und gemeint, wir sollen in der Agentur anfragen.“ Joey fischte die Karte aus seiner Gesäßtasche und reichte sie Flake. Dieser drehte sie zwischen den Fingern hin und her, warf einen Blick darauf und gab sie wieder zurück.

„Ick weiß nich…“

„Was stört dich? Dass sie offenbar mit mir geflirtet hat?“

Joey grinste und fragte sich, wie er das übersehen konnte. Oder hatte sein Freund übertrieben?

„Ne quatsch. Ick weeß nur nicht, ob es eine gute Idee ist, eine Agentur miteinzubinden. Die Rechte und so. Du und Till habt doch wieder vor, daraus ein Fotobuch zu machen?“

„Ja, das stand zur Diskussion. Und ein paar Bilder für dein Buch sind da sicher auch drin“

„Eben. Das könnte vielleicht Ärger mit dem Verlag geben. Wäre da eine - wie heeßt det nochmal - freischaffende Fotografin nicht besser?“

„Fragen kostet ja nichts. Sie hat mir einige Fotos gezeigt, die sie gemacht hat - sie ist wirklich gut! Wir haben mal den Kontakt, und wenn daraus nichts wird, fragen wir eben, ob sie das ohne ihre Agentur machen würde.“

„Oder ihre Kollegin.“

„Ja.“



Annika und Martina hatten sich ein Taxi bestellt und fuhren nun durch die Wiener Bezirke. Zuerst würde Annika aussteigen und anschließend würde das Taxi Martina nachhause bringen. Annika redete ohne Punkt und Komma. Sie musste ihrer Freundin haargenau von dem Interview erzählen.

„Aber jetzt halt dich fest, weißt du, was Joey mir angeboten hat? Ich soll sie nächstes Jahr im Frühsommer auf einen Trip nach Schottland begleiten! Sie brauchen noch einen Fotografen, weil da offenbar wieder ein Bildband entstehen soll! Tina, kannst du dir das vorstellen?? Ich mit Joey, Flake und Till! Oh mein Gott, ich glaub‘s noch gar nicht!“

Martina saß lächelnd neben ihrer besten Freundin und freute sich für sie.

„Ist das schon fix, dass du sie begleitest?“

„Nein, noch nicht ganz. Ich habe ihm meine Visitenkarte dagelassen und gemeint, er soll mal in der Agentur anfragen. Aber die Chancen stehen nicht schlecht.“

Annikas Wangen glühten und sie hüpfte aufgeregt in ihrem Autositz auf und ab.

„Du hast dem armen Mann ja gar keine Chance gelassen, so, wie du ihn angeschmachtet hast“, lachte Martina auf.

„Hey, was heißt hier angeschmachtet? Ich habe mich nur ein wenig amüsiert. Wenn dabei ein Job rausspringt, kann es mir nur recht sein.“

Dabei grinste sie die Dunkelhaarige verschwörerisch an. Das Taxi hielt und Annika verabschiedete sich mit einer Umarmung von ihrer Freundin.

„Sehen wir uns morgen in der Arbeit, Süße?“

„Ja, aber erst am Nachmittag - ich werde die Fotos daheim bearbeiten. Spätestens um 14:00Uhr bei der Redaktionssitzung dann.“

„In Ordnung, schlaf gut!“

„Du auch.“



Einige Stunden zuvor, 900km weiter nördlich saß ein Mann auf einem kleinen Holzsteg und starrte auf den See hinaus. Wie so oft die letzten Tage hatte er ein abgegriffenes Notizbuch geöffnet auf seinem Schoß liegen, den Kugelschreiber in der Hand und kritzelte Gedanken und Wortfetzen auf die leeren Seiten, strich Sätze durch, fügte Wörter hinzu, nur um danach ungehalten wieder von vorne anzufangen. Schließlich klappte er das Büchlein wütend zu und warf es auf den Steg. Mit einem Platschen landete es im Wasser.

„Scheiße! Verflucht nochmal!“

Hastig rappelte er sich auf, beugte sich über die Planken und rette das Buch aus den Fluten. Der Stift war verloren. Mit zitternden Händen blätterte er durch die triefenden Seiten, bis ihm ein klatschnasses Foto entgegen fiel. Darauf war er selbst zu erkennen, sitzend auf einem Holzsteg (wie passend, dachte er zähneknirschend), mit einer jungen, dunkelhaarigen Frau auf seinem Schoß. Sie hatte sich an ihn gelehnt, ihren Kopf an seinen Hals gebettet, ihre Arme um ihn geschlungen, sodass die Tattoos auf ihrem linken Unterarm unter der Jacke hervorblitzten, und lächelte in die Kamera. Ein Bild aus einer anderen Zeit, einer guten Zeit. Obwohl die Aufnahme erst fünf Monate alt war, fühlte es sich an, als wäre es in einem anderen Leben gewesen.
Er betrachtete das Foto lange - gut, dass es nur eine Kopie war, das Original war sicher auf seinem Handy und Laptop abgespeichert.
Minuten verstrichen, er rührte sich nicht, starrte die junge Frau von dem Foto an. Irgendwann legte er es vorsichtig zurück in das nasse Buch, blätterte eine Seiten weiter, um sich das nächste Bild anzusehen: diesmal eine junge, blonde Frau mit langen Haaren, die einen etwa 10-jährigen ebenso blonden Jungen im Arm hielt und in die Kamera lachte. Tief ein- und ausatmend klappte er das Notizbuch zu, und legte es diesmal sachte neben sich am Boden ab. Dann ließ er sich zurücksinken, streckte sich aus und starrte eine Zeit lang in den von Abendrot durchzogenen Himmel.
Dann schloss Till Lindemann die Augen und wünschte sich, noch ein letztes Mal seine Freundin und seine Tochter im Arm halten zu können.
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