Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Das Leben ist ein mieser Verräter

von LilaLemon
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Die deutsche Nationalmannschaft OC (Own Character) SGS Essen TSG 1899 Hoffenheim VFL Wolfsburg
07.08.2020
04.06.2021
33
75.787
7
Alle Kapitel
32 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
28.03.2021 3.100
 
POV Lena

Ich lasse mir mit dem Anruf Zeit, bis ich sicher bin, dass Nora alleine in ihrem Hotelzimmer ist. Das ermittle ich daran, dass sie mir auf Whatsapp als "online" angezeigt wird und ich weiß, dass sie ihr Handy niemals in der Gegenwart meiner Eltern benutzen würde. Der richtige Weg zu einem guten Ruf bei ihnen. Ich klingele Nora also schweren Herzens an, nehme mir dabei vor, die Nachricht nicht lange mit ihr zu besprechen. Wir hatten dieses Gespräch nun für meine Empfindung schon zu oft und an der Situation ändert sich dadurch auch nicht viel. Aber wir haben uns versprochen ehrlich zueinander zu sein, das will ich auch ganz sicher einhalten.
Viel schöner und lustiger ist es doch bestimmt sowieso den Nachmittag zu besprechen. Sara hat sich nach mir unter die Dusche gestellt und sollte uns also nicht stören dürfen, inzwischen macht sie sich aber sowieso mehr Sorgen über die Drohnachrichten, als über irgendwelche potenziellen Neckereien.
Nora nimmt das Gespräch sehr schnell an.

"Hey!", meldet sie sich.

"Hi", gebe ich zurück. Ich sammle mich, um ihr die Nachricht zu überbringen. Es fällt schwer, vor allem weil ich weiß, dass das Thema für sie auch schon vorher nicht vom Tisch war.
"Ähm, ich habe eine schlechte Nachricht: Gerade habe ich schon wieder so eine blöde Drohnachricht bekommen, dieselbe wie letztes Mal. Ich mache mir langsam ehrlich gesagt auch immer mehr Sorgen, aber dennoch finde ich, wir sollten unseren eigentlichen Plan weiter verfolgen. Sollen sie uns eben hunderte SMS schicken."

"Warte was?! Schon wieder? Das kann doch echt nicht wahr sein! Klar, es ist noch nichts passiert, aber glaubst du, das ist ein "Zeichen", wenn sie Nachrichten in kurzen Abschnitten schicken? So nach dem Motto: 'Wir wissen, wann ihr euch trefft und dann kriegt ihr was ihr verdient?' So als Einschüchterung meine ich."

"Mh, könnte schon sein. Vor allem wissen sie ja wann wir uns treffen, wenn du mal eine Pause von Pauls Training machst. Aber ehrlich, wir sollten da nicht weiter drüber nachdenken, wir haben das echt schon zu oft, da sollten nicht noch unsere Telefonate dafür draufgehen. Lass uns lieber über den Mittag reden", versuche ich die Konversation in die andere Richtung zu leiten.

Nora springt darauf an. "Klar, danke aber, dass du mir davon erzählt hast."

"Sicher doch, du hast mir ja auch von deiner Nachricht erzählt. Wie war denn der Morgen mit meinem Eltern?", will ich wissen.
Nora erzählt von dem üppigen Frühstück, das sie zu dem Ausschlafen am Morgen hatte. 'Ich mache meine Regeneration hier durch Essen', meint sie uns wir müssen schon wieder kichern. Ich erzähle ihr deshalb, wie die Essen bei uns meistens ablaufen, eine besondere Hauptrolle bekommt dabei natürlich auch die Saft-Story.
Zusätzlich erinnere ich mich noch daran, dass Maro extra noch nach ihr gefragt hat und Nora bringt ein glückliches-quitschendes Geräusch zustande.

"Oha, mega cool! Liegt wohl daran, dass du mich so gut vorgestellt hast", vermutet sie.

"Bestimmt, aber vor allem hat Sara davor unsere Mittagsaktivität als 'Treffen mit Lenas Familie' bezeichnet. Da wollte Maro natürlich wissen, wo du dann bist, naja Sara hat es ihr noch einmal gleich erklärt."

"Hilfe, Sara druckt demnächst den ersten Boulevard-Zeitungsartikel über uns", stellt Nora fest. Darauf kann ich noch ein paar weitere Storys erzählen.

"So lustig wars bei uns zwar nicht, aber deine Eltern sind trotzdem superlieb, sie haben mich noch mal wegen der Schule gefragt und auch, wie es bei mir im Fußball läuft und wie das Probetraining war", antwortet Nora und ich bin froh, dass bei den Dreien auch alles so gut klappt.

"Ich habe mich so unendlich gefreut, dass wir wenigstens die kurze Zeit für uns hatten. Und jetzt beide zwei neue Tshirts."

Nora grinst. "Ich habe deines auch beim Abendessen angehabt, deine Eltern haben zwar etwas komisch geguckt, aber das war mir egal. Deine Idee war dafür umso besser, jetzt haben wir ganz offiziell auch mal was von der anderen, wenn wir uns mal wieder über längere Zeit nicht sehen."

"Das glaube ich dir. Solange sie keine unangenehmen Fragen gestellt haben, ist ja alles gut gegangen. Ich hatte deines auch an und einige haben gemerkt, dass es neu ist. Zum Glück war Sara nicht da, um das richtig zu stellen", lache ich.

"Wow, das war dann wirklich knapp. Zusammen mit der Familien-Geschichte hätten da bestimmt so einige eins und eins zusammengezählt. Apropos Sara: Hast du sie gefesselt und geknebelt in euren Schrank gesperrt, oder warum war heute von ihr noch nichts zu hören?"

"Nein, nein, die duscht nur. Morgen ist schon früh Training, da will sie gut ausgeschlafen sein. Wann ist denn euer Flug zurück?"

"Wir fliegen Mittags, dann können wir uns in Ruhe fertig machen. Ich bin dann wahrscheinlich erst relativ spät wieder zuhause, noch ein Tag, an dem ich also Ruhe vor Paul habe. Das wird sich bestimmt übermorgen dann schlagartig ändern."

"Stimmt ja, den gibt es auch noch. Er wird denke ich mal glücklich sein, dass du nicht mehr bei mir bist."

"Ja und dann werde ich ihn schnell enttäuschen müssen, weil ich noch einen Container voll Hausaufgaben habe, die liegen geblieben sind und die ich lieber noch vor Ferienende erledigen sollte."

"Oh, der Arme! Das darfst du ihm doch nicht antun! Aber findest du vielleicht neben deinen Hausaufgaben noch ein oder zwei Stündchen für Englisch mit mir? Das wäre superlieb, ich habe nämlich keine Ahnung über den ganzen Grammatik-Kram. Ich benutze immer die Zeit, die mir gerade passt."

"Ja, das finde ich bestimmt und wir kriegen das auf jeden Fall hin! Wann schreibst du denn die Arbeit?"

Ich nenne Nora den Termin und wir einigen uns darauf, das Telefonat am nächsten Wochenende zu machen, da passt es bei uns beiden am besten. Es wird noch ein langes und lustiges Gespräch und wir finden immer wieder neuen Gesprächsstoff. Irgendwann kommt Sara schließlich aus dem Bad und weist uns auf die Uhrzeit (kurz nach elf Uhr nachts) und das morgendliche Programm hin. Wir verabschieden uns also und wünschen uns Glück für Morgen, dann legen wir auf.
"Sag mal, wie lange telefoniert ihr denn? Ich habe über eine Stunde im Bad gewartet, zum Glück gibts da auch Internet, damit ich euch nicht störe, aber wow, ganze zwei Stunden! Da brecht ihr, wenn ihr älter seid, sämtliche Rekorde von Omas, die Stundenlang telefonieren, um über ihre Enkel zu reden."
"Danke, dass du gewartet hast. Wir haben uns eben viel zu erzählen. Zum Beispiel, wie es bei sämtlichen Mahlzeiten bei uns im Team abläuft."
Sara sieht ein, wie wichtig das Thema ist und so komme ich schließlich um halb zwölf dazu, mich Bettfertig zu machen. Sara hatte dafür ja reichlich Zeit und kann sofort unter die dünne Bettdecke, um etwas Schlaf abzubekommen.
Ich krieche bald auf meine Seite, aber schlafen kann ich noch lange nicht. Dafür bin ich durch das Telefonat mit Nora viel zu aufgekratzt. Ich will gar nicht daran denken, wie es gewesen wäre, wenn wir jetzt ein Zimmer auf den Krötenteich von Rennes hätten.
Erst langsam versinke ich in einen ruhigen Schlaf, mit einem Lächeln auf den Lippen.

POV Nora

Ich wache durch die Sonnenstrahlen der Morgensonne auf. Ein Blick auf mein Handy verrät mir, dass es erst kurz nach sieben Uhr ist, also viel zu früh. Ich lasse mich noch einmal in mein Kissen sinken und versuche, weiter zu schlafen, was aber nicht klappt. So wälze ich mich stattdessen von einer auf die andere Seite, um wenigstens eine gemütliche Position zum Liegen zu finden. Ich lasse mein Handy mit dem Internet des Hotels verbinden und warte auf neue Nachrichten. Dann habe ich wenigstens etwas zu tun. Meine Eltern wollen wissen, wann sie mich vom Flughafen in Frankfurt abholen müssen und ich schreibe ihnen die Uhrzeit. Aufgeregt gucke ich auch nach neuen Mails oder ähnlichem, wer weiß, ob die Hoffenheimer schon mit ihrer Teamentscheidung fertig sind. Leider finde ich nur Werbung, weshalb ich mich schließlich auf Internetartikel über das Spiel vorgestern fokussiere. Ich weiß zwar, wie das Spiel abgelaufen ist, aber es ist trotzdem spannend noch ein paar neue Fakten auch über die anderen Spielerinnen zu lesen. Und vielleicht finde ich sogar ein Bild von Lena, wer weiß. Oder sogar ein Bild von mir in den Zuschauerrängen. Das gäbe ein Problem, denn dann könnte mir Paul unter die Nase binden, dass ich dort war und mich fragen mit wem und wo, ohne dass er mehr erwähnen müsste. Zum Beispiel, dass er beim Fernsehen schauen ganz explizit darauf geachtet hat, ob ich im Stadion bin. Zum Glück finde ich kein Bild, auf dem ich auch nur als kleiner, unscharfer Punkt zu sehen bin. So ein Glück!
Trotzdem muss ich bestimmt eine plausible Geschichte auf Vorrat haben, die nicht den Titel "WM in Frankreich" trägt. Er wird mir wahrscheinlich sowieso keine Version glauben, die ich für den Verlauf der letzten drei Tage erfinde, aber wenn wir das Katz-und-Maus-Spiel weiter spielen wollen, sollte es wenigstens so klingen, als hätte ich mir mit der Ausrede Mühe gegeben. Vielleicht gebe ich an, mit ein paar Schulfreunden eine Fahrradtour oder so gemacht zu haben, dann kann er mich zusätzlich schon nicht wegen potenziell fehlender sportlicher Aktivität zu einem erneuten Training bringen. Aber es kommt sowieso darauf an, was meine Familie ihm bisher erzählt hat. Ich bin mir nämlich zu 100% sicher, dass er mindestens danach gefragt hat.

Irgendwann entschließe ich mich, doch aufzustehen, mich anzuziehen und meinen Koffer weiter einzupacken. So habe ich wenigstens etwas bis zum Frühstück zu tun und danach ist es bestimmt stressig genug mit anderen Dingen, die bei der Heimreise mit dem Flugzeug noch zu beachten sind.
Pünktlich um Neun, wie ausgemacht, klopft es an meiner Zimmertüre und Lenas Eltern holen mich zum Frühstück ab. Ich habe Lenas T-shirt in meinem Koffer verstaut und ein frisches von mir angezogen, weshalb die doch etwas skeptischen Blicke von ihnen vom Vortag ausbleiben.
Wir unterhalten uns über verschiedene Themen, meistens wieder über Fußball und das anstehende Spiel gegen Südafrika. Wir fachsimpeln darüber, ob es besser ist, von einem Sieg auszugehen und eventuell einen Sprung ins extrem kalte Wasser zu erleben, oder den Gegner zu überschätzen und vor lauter Verkrampfung das Spiel zu verlieren.
Die Diskussion geht auch noch im Taxi und selbst am Flughafen noch munter weiter, weshalb ich gar nicht dazu komme, mir Sorgen darüber zu machen, was nach meiner Ankunft zu Hause auf mich wartet. Das funktioniert erst wieder im Flieger. Während des Fluges versuche ich schon einmal die Hausaufgaben zu ordnen, die ich noch zu machen habe und auf die nächsten Tage zu verteilen. Möglichst gleichmäßig versteht sich. Neben einer Ausrede versuche ich auch zu überlegen, wie ich das mit Paul insgesamt hinbekomme. Soll ich weiter so viele Einzeltrainings nehmen und wirklich schnell besser werden, dafür aber fast keine freie Zeit haben? Oder wird er mir sie gar nicht mehr anbieten? Was passiert, wenn ich in das erste Team Hoffenheims aufgenommen werde? Und vor allem: Was passiert, wenn nicht?  
Lieber nicht an dieses Horrorszenario denken. Paul würde ausrasten, ich wäre traurig darüber, mein Ziel nicht erreicht zu haben und meine Familie inklusive Lena hätte wahrscheinlich das gleiche Problem wie ich. Nur für den Doppelpack "Isa und Nora" wäre das eine gute Entscheidung. Dann können wir endlich mal wieder zusammen spielen und unser gemeinsames Können zeigen. Und ich hätte vielleicht dann auch weniger zusätzliche Termine. Weniger Stress ist auf jeden Fall ein Faktor, der so einige Gegenargumente aushebeln kann. Ich merke, dass die drei Tage in Frankreich nicht nur wegen Lena so schön waren, sondern auch deshalb, weil ich den ganzen Problemen, Verpflichtungen und dem Druck zu Hause entsliehen konnte. So fühlen sich die Ferien auch nach richtigen Ferien an. Fast so, wie die Sommerferien letztes Jahr, in denen ich Lena getroffen habe. Es ist unglaublich, wie viel seither nicht nur im Fußball zwischen und mit uns beiden passiert ist, sondern auch insgesamt. Verrückt ist das ja alles schon.

Das Flugzeug landet am späten Nachmittag am Frankfurter Flughafen und nach einer halbstündigen Prozedur des "Koffer-suchens" und "Nach-draußen-kommens", kann ich schließlich meine Familie sehen, die mich in Empfang nimmt. Ich bin durch den Flug etwas müde, aber die Verabschiedung mit der Dauer von einer weiteren halben Stunde (Meine und Lenas Eltern haben sich mal wieder sehr viel zu erzählen und zu diskutieren), überstehe ich noch. Ich bedanke mich auch gerne dafür dass ich dabei sein und so ohne Probleme Anhängsel sein durfte. Wir laufen auch noch zusammen in das große Parkhaus, dort trennen sich unsere Wege dann aber. Mein Vater hat mir meinen Koffer abgenommen und da es nur einer ist, lässt er sich gut in das Auto einladen, wodurch ich mich bald auf meinen Sitz fallen lassen kann und mit den Erinnerungen der letzten drei Tage im Kopf etwas eindösen kann.
Es ist noch ein warmer Frühsommerabend, als wir ankommen. Ich bin nun alles andere als müde und nehme mir vor nach dem Koffer-auspacken schon gleich mit den ersten Aufgaben anzufangen. Aber mein Plan geht nicht ganz auf, denn als erstes soll ich meinen Eltern noch über die letzten Tage erzählen. Auf der Autofahrt ging das ja offensichtlich nicht.
Ich erzähle ihnen von dem Besuchstag, dem Spiel und vom gestrigen Tag, natürlich wieder mit Filter, aber diesmal muss ich nicht einmal viel auslassen.
"Und was erzählst du dann Paul?", fragt meine Mutter. Die gleiche Frage habe ich mir ja heute schon oft gestellt.
"Hat er euch schon irgendwie gefragt?", frage ich zurück.
"Nicht einmal. Nur in einem Nebensatz hat er mal gefragt, ob dir die Pause guttun würde, als wir telefoniert haben. Es stehen dir also alle Möglichkeiten einer Geschichte offen."
"Gut, dann fällt mir schnell was ein", sage ich erleichtert. Ein Problem weniger.
Kurz darauf bin ich auch wieder in meinem Zimmer und kann Lena schreiben, dass ich angekommen bin. Sie ließt es noch nicht, wahrscheinlich ist sie gerade beim Abendessen. Etwas lustloser setze ich mich an die ersten Aufgaben.

In den nächsten Tage warte ich auf die Nachricht aus Hoffenheim. Die Schule fängt aber auch bald wieder an, weshalb es geschickt ist, dass sich Paul nicht meldet. Ein wenig seltsam ist es aber auch. Vielleicht wartet er ja auf meine Anfrage. Ich kann in der freien Zeit endlich mal wieder alles mögliche gebacken kriegen, was nicht mit Fußball zu tun hat. Natürlich mache ich weiter meine Läufe und Kraftübungen und habe auch das eine oder andere Mal Training in der U17. Isa wird erst nächste Saison hier spielen, weshalb ich ihr die Vorkommnisse in Frankreich über Textnachrichten erkläre, statt es ihr so sagen zu können.
Das Englisch-Telefonat mit Lena läuft zuerst produktiv und wir gehen noch einmal gemeinsam die englischen Zeiten durch, da aber das ihr einziger Zweifelpunkt war, trudeln wir bald wieder zu Schwärmereien über unsere gemeinsame Zeit.
"Wir müssen uns unbedingt mal wieder treffen. Nur wir zwei und länger als ein paar Stunden", stellt Lena fest und ich stimme ihr da voll und ganz zu.
"Wie wäre es, wenn wir zusammen einen Urlaub buchen, ohne unsere Familien, dann hätten wir auf jeden Fall eine schöne gemeinsame Zeit und müssen keine Zimmertüren abschließen", schlage ich vor.
"Oha, sehr gute Idee, das machen wir auf jeden Fall! Gleich in den Sommerferien, dann könnten wir sogar zwei Wochen buchen. Wir müssen da wahrscheinlich nur noch unsere Eltern für die Idee begeistern und was nettes finden, wo wir hinkönnen."
"Das wird sicher ein etwas schwierigeres Unterfangen. Aber ein Urlaub zu zweit wäre einfach der Hammer. Wir müssen eben schauen, wie das mit unseren Spielplänen vereinbar ist, aber sonst sehe ich da keine weiteren Probleme."
Außer Paul, aber den lasse ich bewusst raus. Meinetwegen soll er sich versetzt fühlen, ich darf auch mal Freizeit haben. Und da ich die Fahrradtour-Lüge noch nicht gebraucht habe, kann ich sie dann auch für den Urlaub verwenden.
Wir planen noch ein bisschen weiter, dann werde ich zum Abendessen gerufen.

Einen Tag später klingelt unser Festnetztelefon. Ich bin alleine zu Hause, meine Eltern sind mit Luca einkaufen gegangen. Es ist eine nicht eingespeicherte Nummer und so gehe ich mit etwas flauem Magen ans Telefon. Aber es sind die Leute von Hoffenheim, die mich darüber informieren wollen, ob ich nun in die erste Mannschaft aufgenommen wurde. Sie wollen mich erst über meine Stärken und Schwächen informieren, damit ich schon gleich Feedback bekomme und mir dann erst am Ende mitteilen, ob ich es geschafft habe. Was für eine blöde Ordnung.
Ich versichere ihnen, dass ich Papier und einen Stift neben mir habe, dann beginnen sie mit ihrer Einschätzung.
Insgesamt scheinen sie sehr zufrieden mit mir gewesen zu sein, nur einige technische Fehler werden angesprochen und ich soll an längeren Bällen arbeiten, sowie öfter Mitspielerinnen in Szene zu setzen. Durch das Feedback bin ich mir unsicher, ob ich es geschafft habe, aber trotzdem froh, eine ehrliche und gute Einschätzung bekommen zu haben.
Nun kommt die finale Entscheidung. "Nun, wir hatten sehr viele gute Bewerberinnen und Du warst eindeutig nicht schlecht. Vor allem für dein Alter. Allerdings müssen wir natürlich die aktuelle Leistung im Vergleich zu den anderen sehen. Wir haben uns entschieden, dich noch nicht ins Bundesliga-Team aufzunehmen. Du hast aber großes Potenzial, das du nutzen solltest und, wer weiß, vielleicht klappt es ja schon nächste Saison..."
Nicht aufgenommen. Diese zwei Worte graben sich in mein Gedächtnis. Ich sinke auf dem Stuhl, auf dem ich sitze ein wenig weiter zurück und muss plötzliche Frusttränen unterdrücken. Mist mist mist! Ich habe mich doch so unglaublich angestrengt. Und ja, es ist nicht alles perfekt gelaufen, aber ich wollte doch ins Team kommen!
Ich bekomme noch ein "Ok, dann werde ich es auf jeden Fall noch einmal probieren", heraus, dann muss ich während der restlichen Begründung und Verabschiedung sehr gut aufpassen, dass meine Stimme weiterhin fest ist.
Als ich auflegen kann, kann ich weiterhin nur noch daran denken, dass ich es nicht geschafft habe. Nicht geschafft. Ich fühle mich schlecht. Und Lena anrufen kann ich auch nicht, die wird wahrscheinlich auf dem Weg zum Stadion sein. Ich seufze auf und hoffe, dass meine Familie noch etwas braucht beim Einkaufen. Ich will die schlechte Nachricht so spät wie möglich irgendjemand anderem überbringen.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast