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Das Leben ist ein mieser Verräter

von LilaLemon
GeschichteAllgemein / P12 / Gen
Die deutsche Nationalmannschaft OC (Own Character) SGS Essen TSG 1899 Hoffenheim VFL Wolfsburg
07.08.2020
04.06.2021
33
75.787
7
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Dieses Kapitel
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19.03.2021 3.429
 
POV Lena

Der verhältnismäßig spät gestellte Wecker reißt mich doch noch aus dem Schlaf. Ich fühle mich nicht mehr müde, aber das gestrige Spiel merke ich trotzdem noch. Man weiß gar nicht, wie gut es tut, nach einem anstrengenden Spiel am nächsten Tag nichts machen zu müssen, außer ein wenig Regeneration und dann die freie Zeit ausnutzen.
Und natürlich Nora zu sehen. Bei dem Gedanken an sie muss ich grinsen. Mit ihr ist alles gleich noch besser. Vielleicht ergibt sich ja mal irgendwann wieder die Chance sich nicht nur zwei Tage lang zu sehen. Das wäre das pure Paradies. Ganz unabhängig davon, ob die Sachen mit Paul dann schon geklärt sind. Und wenn nicht, dann können wir vielleicht gleichzeitig dann Urlaub von diesen ganzen Sorgen machen. Und dem Druck.
Der Wecker klingelt ein zweites Mal und jetzt regt sich auch Sara. Ich werde aus meinen Gedanken gerissen. Die sollte ich sowieso noch einmal mit Nora besprechen.

Sara sieht so aus, als hätte sie es nicht gestört, noch für ein paar weitere Stunden zu schlafen. Aber irgendwie braucht auch der größte Faulenzer-Tag etwas Struktur und die will uns das Trainer-Team mit der täglichen Traineransprache beim Frühstück geben.
Ich gebe noch schnell meinen Eltern und Nora Bescheid, dass wir uns nach dem Mittagessen treffen können um etwas in der Stadt zu machen. Vorher werden die Leute die gespielt haben, ganz sicher nicht von der Regeneration freigestellt.
Dann ziehe ich mir etwas an, um mit Sara eine Viertelstunde später zum Frühstück zu erscheinen. Wir sind, anders als sonst, ziemlich früh dran, weshalb am Tisch von Alex Popp und Lena Goeßling noch Platz für Sara und mich ist.
Wir lassen unsere Trainingsjacken auf den Stuhllehnen, um uns am Buffet zu bedienen. Nachher ist die Schlange dort bestimmt länger, jetzt stehen nur Lina und Caro bei den Säften. Beide sehen noch etwas schlaftrunken aus, weshalb beim Einschenken auch gleich mal was schief geht, als Almuth mit einem lauten "Guten Morgen" den Raum betritt und Lina dadurch erschreckt. Ungefähr drei Leute rufen gleichzeitig "Och Mensch, Lina!", während die anderen nur lachen. Immerhin erbarmt sich Caro ein paar Servietten bei unserem Tisch zu ergattern.
Grinsend beobachten Sara und ich das Treiben, während wir uns entscheiden, was wir heute Morgen trinken werden. Mit einem vollen Tablett kommen wir schließlich wieder an unserem Platz an, an dem sich inzwischen auch Svenja und Maro niedergelassen haben.
"Was habt ihr so für Pläne heute?", fragt Maro in die Runde. "Ach eir wollten in die Stadt gehen und Lenas Familie treffen", meint Sara und zwinkert mir dabei zu. "Und was ist mit Nora?", fragt Dzeni. Anscheinend erinnert sie sich noch an ihren Besuch vor zwei Tagen. Wenn Nora das hört wird sie ausflippen.
"Sage ich ja, Lenas Familie", grinst Sara und ich verdrehe lachend die Augen. "Sara!", warne ich sie. Svenja zieht belustigt die Augenbrauen hoch. "Ich glaube da muss uns Sara weiter auf dem laufenden halten." Bevor Sara "Gerne" sagen kann oder weitere Andeutungen macht, rettet mich eine lautstarke Auseinandersetzung zwischen Almuth und Lina. Die Servietten haben wohl die Wogen nicht glätten können, die logische Konsequenz besteht aus einer nicht allzu ernsthemeinten Streiterei, bei denen alle Umstehenden interessiert zuhören, um sich sie die Comedyshow nicht entgehen zu lassen. Carolin ist eine etwas parteiische Kommentatorin und spielt nebenher auch noch Linas Cheerleaderin.
Dadurch ist das Wortgefecht ziemlich ausgeglichen. Einige gute Sprüche und viel Gelächter folgen, bis Martina die Veranstaltung lachend auflöst. "Almuth, du hättest einige Schüsse von Lina aber echt noch besser halten können und Lina, von dir hätte ich mehr Laufarbeit erwartet", lautet ihre Analyse, wodurch die allgemeine Erheiterung noch einmal einen neuen Höhepunkt erreicht.
Dann wird es aber langsam ruhiger und ernster. Das Programm für heute wird bekanntgegeben und wie erwartet haben wir erst am Mittag wirklich frei. Davor ist Regeneration angesagt und Sara einigt sich mit mir darauf, einen großen Bogen um Eistonne und Sauna zu machen.
Ein wenig mit dem Heimtrainer zu arbeiten ist bestimmt nicht verkehrt. Fast unser ganzer Tisch ist bei der Idee dabei, nur Alex will noch einen Abstecher in die Eistonne machen.
Die ersten zwei Stunden gehen ganz ordentlich und ohne größere Probleme um. Wir unterhalten uns quer durch den Raum, während wir strampeln. Dabei kommt es zu einigen spannenden Gesprächen über vorherige Turniere, wobei ich da natürlich nicht so stark mitreden kann. Dafür umso mehr über lustige und verpeilte Aktionen von allen möglichen Mitspielerinnen lachen, die mir haarklein erzählt werden.
Immer wieder kommen andere Spielerinnen dazu und so wird unsere Runde größer, bis Sara uns an die Pausen erinnert, die wir auch mal gelegentlich machen sollten.
Wir und noch ein paar weitere verlassen die anderen also wieder und machen uns auf den Weg in unser Zimmer, um uns umzuziehen. Sara will sich noch massieren lassen und zieht mich mal wieder mit. "Ein wenig Entspannung tut dir bestimmt auch gut", meint sie nur und ich habe sowieso keine andere Idee.

Ich mache es mir auf einer Liege gemütlich und lasse die Massagestiefel die Arbeit erledigen. Sara liegt neben mir und lässt sich eine Wade entspannen. Ich habe vorsorglich mein Handy mitgenommen, jetzt kann ich etwas mit Nora hin-und herschreiben. Wir unterhalten uns noch ein wenig über das Spiel gestern, aber auch der Drohbrief wird diskutiert. Nora schlägt dabei vor, mit ihrem Onkel einmal ein sehr ernstes Gespräch zu führen.

"Ich meine, so kann das doch nicht weitergehn! Er kann nicht irgendwelche Forderungen stellen und dann darauf warten, dass wir sie auch wirklich erfüllen. Da muss mal was passieren." Schreibt sie.

"Es muss was passieren, ja, aber denkst du wirklich, dass es besser wird, wenn du dich noch mehr in Gefahr bringst? Wenn er weiß, dass wir ihn durchschaut haben, haben wir uns einen Trumpf genommen. Wir sollten das langsam und hinter seinem Rücken machen."

"Und wir kriegen währenddessen noch mehr von den netten Briefen?!"

"Ja, aber erstens wissen wir ja, dass da bisher nichts schlimmes passiert ist und zweitens werden die auch nicht aufhören, wenn du ihn verantwortlich machst. Er wird alles abstreiten. Das ist nur ein unnötiges Risiko", versuche ich sie zu beschwichtigen.

Eine kurze Zeit kommt nichts mehr von ihr. Ob sie eingeschnappt ist oder überlegt, weiß ich nicht. Es könnte beides sein.

"Na gut, also warten wir ab. Und was machen wir, wenn doch was passiert? Du spielst eine WM, ich habe in ein paar Tagen wieder Schule, da wissen die doch ganz genau, wo sie uns finden können. Und unsere Familien wahrscheinlich auch."

"Nora, mach dir da nicht zu viele Sorgen. Es wird alles gut gehen. Und nur weil sie wissen könnten, wo die Leute sind, heißt das nicht, dass sie auch gleich was machen werden. Aber wenn es so sein sollte, können wir eindeutig ein paar Beweise zu den Tätern liefern. Das werden die ja auch wissen."

Ich merke, dass ich mich durch meine Nachrichten am meisten selbst überzeugen will. Dass nichts passieren wird, davon bin auch ich nicht ganz überzeugt. Aber was bringt es, sich darüber zu streiten. Im Endeffekt können wir nichts machen, egal was diese Leute sich überlegen.
Wir switchen zu einem anderen Thema um und schmieden Pläne für heute Nachmittag. Das ist eindeutig ein schöneres Thema, über das wir uns auch eher einig sind.
"Sara hättest du heute ein paar Minuten zwischendrin Zeit, meine Eltern zu bespaßen?", frage ich irgendwann. Sara grinst sofort. "Aber gerne doch. Wie lange braucht ihr denn?" Ich ignoriere die Frage. "Danke dir", sage ich nur und wende mich wieder meinem Handy zu, um Nora mitzuteilen, dass ich soeben die Garantie für einige ungestörte Momente bekommen habe.

Das ganze Mittagessen über freue ich mich auf das Wiedersehen mit Nora und das merken auch einige andere. "Sag mal, haste die WM gewonnen, oder warum grinst du so?", fragt Poppi irgendwann. Sara wackelt verschwörerisch mit den Augenbrauen. Ein weiteres mal ignoriere ich sie. "Nein, ich bin einfach nur glücklich über die Freizeit heute Mittag. Ich habe mir nämlich auch vorgenommen, dass ich mich nicht um die Sachen kümmern werde, die ich eigentlich lernen muss, die mache ich irgendwann, wenn ich mal wieder gestresster bin", versuche ich eine Erklärung zu liefern.
"Warum hast du nicht versucht Almuth als Aufsicht für deine Klausuren zu bekommen? Dann müsstest du nicht mal lernen", fragt Svenja grinsend.
"Glaub mir, das hat sie, aber ich muss in der Zeit Lina beibringen, wie man sich die Schuhe richtig bindet", fällt Almuth grinsend ein. Sofort startet wieder eine Diskussion, der mal wieder nur durch Martina Einhalt geboten werden kann.

Nach dem Mittagessen geht es endlich los. Unseren DFB-Dress haben wir durch eigene Kleidung getauscht. Neben Sara und mir haben sich noch andere Essener Spielerinnen, aber auch ein paar Bayern für den Stadtrundgang gemeldet und so machen wir uns in einer ziemlich großen Gruppe auf den Weg.
Als wir aber schließlich an dem Treffpunkt mit meinen Eltern und Nora angekommen sind, ist die Gruppe nur noch knapp halb so groß. Daran sind vor allem die Geschäfte und Cafes schuld, an denen wir schon vorbeigekommen sind und an die wir das eine oder andere Zweiergrüppchen verloren haben.

Die anderen drei sind schon da, als wir ankommen und ich umarme Nora zur Begrüßung. Meine Eltern natütlich auch. Die nehmen mich für die ersten Minuten mal wieder in Beschlag und wir reden noch ein wenig über die Schule und wie das mit dem Lernen klappt. Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass sich Sara mal wieddr Nora angenommen hat und jetzt mit ihr redet. Die beiden lachen kurz darauf und ich bin doch froher über Sara, als ich gedacht hätte. Zumindest was die Beziehung zu Nora angeht.
Wir streunen ein wenig zwischen Geschäften herum, dann einigen wir uns auf ein relativ großes Einkaufszentrum. Meine Eltern wollen noch irgendwelche Souvenirs kaufen und Nora und ich ergreifen unsere Chance, murmwln irgendwas von "neuen T-shirts" und machen uns auf den Weg in die andere Richtung. "In zwanzig Minuten treffen wir uns wieder hier", ruft uns meine Mutter noch nach und wir lassen ein "Geht klar" zurückschallen. Zwanzig Minuten alleine. Wir schlendern ein wenig herum, bis wir einen Laden für Kleidung finden. Beide wagen nicht, die Hand der anderen zu nehmen, irgendwie ist es doch ein wenig seltsam, wenn so viele Leute um uns herum sind. Erst nachdem wir hinter ein paar Ständern mit Pullis, T-shirts oder Hosen stehen berühren sich unsere Hände. Wir grinsen uns an. "Ich habe dich schon wieder vermisst", meint Nora. "Oh, ich dich auch. Schade, dass wir gestern nicht so viel miteinander reden konnten, mein Eltern sehen mich scheinbar nicht oft genug". "Kein Problem, kann ich ja verstehen. Ich wäre da auch unglaublich stolz auf meine Tochter, wenn sie bei einer WM spielen würde. Stolz bin ich natürlich auch so auf dich", grinst sie. "Na das will ich hoffen", lache ich. Wir wenden uns wieder mehr unseren Kleidern zu, dabei führen wir ein belangloses Gespräch über unseren Vormittag. Ich erzähle alle möglichen witzigen Geschichten, dann haben wir beide schließlich ein T-shirt gefunden, das wir anprobieren wollen.
Nora ergattert uns eine freie Kabine und ich lasse sie als erstes umziehen. Sie hat sich für ein schlichtes blaues T-shirt entschieden, es sieht aber (wie alles) echt super an ihr aus. "Nimm das auf jeden Fall mit, wenn es dir gefällt", gebe ich meine Bewertung ab. "Die Frage ist eher: Gefällt es dir?", zwinkert Nora. Ich ziehe die Augenbrauen hoch. "Natürlich gefällt es mir! Und der eigentliche Grund ist ja sowieso, dass du drinsteckst", antworte ich grinsend. Ein Glück, dass uns die meisten Leute hier nicht verstehen. Denn Nora kontert prompt: "Na dann kann ich ja auch nichts mehr an-... kaufen." Wir werden beide leicht rot und müssen kichern. "Also wirklich, du bist unmöglich", grinse ich. Nora schiebt mich in die Kabine. "Warte lieber mit deinen Analysen, du bist auch noch dran", meint sie. Grinsend ziehe ich den Vorhang hinter mir zu. Dann merke ich, dass Noras eigentliches T-shirt immer noch auf dem Hocker in der Kabine liegt. Mir kommt eine Idee.
Als ich wieder aus der Kabine trete, schaut mich Nora erst überrascht, dann belustigt an. Ihr T-shirt spannt ganz leicht an meinen Schultern, sonst passt es ganz gut. "Wo hast du das denn aufgetrieben?", lacht Nora. "Tja, die besten Sachen findet man durch Zufall", grinse ich. "Soll ich da jetzt wirklich eine Bewertung abgeben?"
"Nein, nein, ich weiß dass ich darin einfach gut aussehe", lache ich. "Na gut. Wollen Sie das T-shirt denn kaufen?", fragt Nora in verstellter Stimme. "Warum nicht?", antworte ich. "Und mit was laufe ich dann hier raus?", fragt Nora, jetzt wieder normal. "Naja, hattest du vorher nicht so eine Idee, die du aber nicht ganz ausgesprochen hast...", fange ich an, aber muss mittendrin aufhören, weil ich über Noras Gesichtsausdruck lachen muss. "Nein, nein, Spaß! Nimm doch einfach mein T-shirt", schlage ich, immer noch lachend, vor. "Abgemacht, mal sehen, was die anderen dazu sagen. Aber probier mal trotzdem dein neues an, das will ich auch mal noch sehen. An dir." Nora hat den Trick raus und wendet meine eigenen Waffen dabei schamlos gegen mich an. Ich werde mal wieder rot und verschwinde ein weiteres Mal grinsend in der Kabine.

Wir kaufen am Ende beide unsere neuen T-shirts und verlassen mit dem Alten der jeweils anderen den Laden. Wir haben ziemlich genau zwanzig Minuten gebraucht, müssen aber auf dem gesamten Rückweg zum Treffpunkt kichern. Die anderen warten schon. Meine Mutter ist die Erste, die bemerkt, dass da was anders ist als vorher. "Sag mal, habt ihr eure T-shirts verwechselt?", fragt sie. "Ja, irgendwie kam das durch Zufall so zustande", antwortet Nora. "Wollt ihr das irgendwie wieder zurücktauschen?", fragt mein Vater. Ich winke ab. "Nein, nein. Irgendwann bringe ich Nora ihres wieder mit oder andersherum. Jetzt müssen wir ja keine Zeit für sowas verschwenden." Meine Eltern sehen das nach ein wenig hin-und her schließlich auch ein. Wir verlassen das Einkaufszentrum wieder und machen uns auf den Weg, um einen Bäcker zu finden. Alle haben langsam etwas Hunger. Während wir durch die Straßen laufen, taucht Sara irgendwann neben mir auf. Sie hat sich bei unserer Geschichte leise hinter meinen Eltern totgelacht, jetzt meint sie nur: "Durch Zufall also, soso." "Ja, es war wirklich Zufall", verteidige ich mich, aber Sara will davon gar nichts wissen. "Ihr beiden seid zwar nicht unbedingt Talente im Lügen, aber was Ideen angeht, da habt ihr schon was drauf. Mal sehen was als nächstes kommt", grinst sie. Dann schließt sie sich wieder Linda und Lea an, die etwas weiter hinten laufen.
Irgendwann finden wir eine Bäckerei und lassen uns auf der Terasse davor nieder. Wir besetzen zwei Tische, immerhin sind wir ja auch 8 Personen.

Ein paar Kuchen und etwas Kaffee später sind wir wieder gestärkt und können wieder aufbrechen. Wir schauen noch in den einen oder anderen Laden hinein und treffen dabei auch immer wieder Mitspielerinnen, wir suchen aber nichts konkretes mehr. Meine Eltern schlagen vor, noch in die Altstadt zu spazieren, dort gehen dann auch die meisten Bahnverbindungen ab, sodass alle wieder Zuhause ankommen. Langsam wird es doch etwas kühler und ich ärgere mich, dass ich nicht noch eine Jacke mitgenommen habe. Dazu kommt noch, dass Nora uns ganz sicher nicht zu zweit verabschieden können, in der Stadt ist zu viel los und unser Trupp ist ja auch noch anwesend. Es wird also bei einer Umarmung bleiben müssen. Wird also Zeit, dass wir uns mal wieder besuchen. Zwar haben wir ja auch hier viel Zeit miteinander verbringen können, aber es ist eben nicht das gleiche, wenn wir uns nur durch Augenkontakt unsere Gefühle mitteilen können. Und, na gut, wir haben uns beim Laufen immer wieder an den Händen berührt. Wenigstens für ein paar Sekunden, damit es nicht auffällt.

Der Spaziergang geht nicht lange und so rückt unser Abschied extrem schnell auf uns zu. Der einzige Trost an diesem Tag scheinen die zwanzig Minuten im Einkaufzentrum gewesen zu sein und natürlich Noras T-shirt. Das bekommt auf jeden Fall einen Ehrenplatz in meinem Koffer. Oder wird noch ein paar Mal angezogen. Wenn ich sie besonders vermisse.
Wir kommen an dem Bahnhof an. Eine Bahn in die Nähe unseres Hotels soll in zwei Minuten fahren, da sind wir ja auch noch ziemlich pünktlich angekommen. Aber die Zeit reicht immerhin, um sich schnell zu verabschieden. Ich umarme Nora zuerst und wir halten uns lange fest. "Ich werde dich vermissen", flüstert sie. "Ich dich auch. Und zwar extrem", flüstere ich. "Ich liebe dich, machs gut", antwortet Nora. "Ich dich auch. Tschüss, bis hoffentlich bald." "Tschüss", sagt Nora etwas lauter und wir zwingen uns voneinander weg.
Ich verabschiede mich auch von meinen Eltern, während Nora bei meinen Mannschaftkolleginnen beschäftigt ist.
Der Zug kommt schließlich. Wir sprechen noch die letzten Abschiedsworte, dann müssen wir auch schon einsteigen. Ich winke den dreien auf dem Bahnsteig noch, bis ich sie nicht mehr sehe, dann lasse ich mich von Linda ablenken, die wissen will, wie ich mich nach dem Spiel gestern fühle. Sie scheint bisher noch keine Möglichkeit gefunden zu haben, mich das zu fragen. Ich versuche mich auf das Gespräch zu konzentrieren. Es klappt nur mit extremem Willen, aber es hilft, mich von dem Abschied abzulenken.

Zehn Minuten später kommen wir am Hotel an und machen uns gleich auf den Weg zum Abendessen. Im Hotel ist es wieder wärmer, weshalb ich doch keinen Abstecher zu unserem Zimmer mache, um eine Jacke zu holen. Dadurch fällt Noras Shirt auch mehr auf, was mir aber relativ egal ist. Alleine der Fakt, dass ich es jetzt für eine längere Zeit noch haben werde, lässt mich das übliche Dauer-Grinsen aufsetzen.
"Hey Obi, hattest du nicht heute Mittag noch ein anderes Shirt?", fragt Maro irgendwann. "Ja, hatte ich. War shoppen", füge ich noch hinzu. Maro nickt und scheint mit der Antwort zufrieden. Zumindest ist Sara nicht in der Nähe, die bestimmt mehr verraten würde.

Allerdings ist sie immer noch meine Zimmernachbarin. Sie hat das Abendessen etwas früher als ich, mit Marina verlassen, weshalb ich auf dem Weg zu unserem Zimmer schonmal überlegen kann, wie ich ihr die Tausch-Aktion erkläre, ohne dass sie falsche Schlüsse ziehen kann.
Ich klopfe kaum an der Türe, sie hat die einzige Schlüsselkarte mitgenommen, da reißt sie diese auch schon auf. Sie schaut mich mit Sorgenvollem Gesicht an und hält dabei mein Handy hoch. Das habe ich den Mittag über im Zimmer gelassen. "Komm rein", meint Sara und zieht die Türe schnell hinter mir zu. "Ich bin gerade hier angekommen gewesen, da hat dein Handy geklingelt. Ich habe geschaut, ob es vielleicht deine Familie ist, aber es war eine Nummer, die du nicht eingespeichert hattest. Deshalb habe ich es klingeln lassen. Als ich dann einige Minuten später wieder geschaut habe, war da eine Nachricht von der Nummer. Sie wird ja so halb angezeigt und ich konnte die ersten Zeilen lesen. Nicht dass ich dich stalken würde oder so, aber ich habe mir Sorgen gemacht, weil du das mit der SMS erzählt hast. Und naja, das was ich gelesen habe klang genauso, wie du es mir beschrieben hast. Mit 'Hallo Lena' und deiner Familie und so..." "Bist du dir sicher?", unterbreche ich sie etwas panisch. Wortlos reicht mir Sara mein Handy und ich entsperre es. Sofort gehe ich auf mein Postfach und sehe die SMS. Mist! Nicht schon wieder! Sie beinhaltet genau die gleiche Nachricht, die ich schon einmal bekommen habe. "Und was machen wir jetzt?", fragt Sara. "Ich weiß es nicht", gebe ich zu. Mein ganzes Gerüst von "Mach dir keine Sorgen" beginnt schnell zu bröckeln. Ich mache mir Sorgen. Und zwar große. "Ich glaube erst einmal klar denken können und dann Nora anrufen wäre ein Anfang", schlage ich vor. Dann mache ich mich auf den Weg in die Dusche. Der zweite Teil meines Plans wird sich hanz sicher schwieriger gestalten lassen.
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