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Erste Person Singular

von Sheepi
Kurzbeschreibung
OneshotDrama, Familie / P12 / Het
Angelina Johnson Fred Weasley George Weasley
07.08.2020
07.08.2020
1
1.653
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07.08.2020 1.653
 
A/N: Nach einer kleiner Ewigkeit poste ich auch mal wieder was. Und wieder mal hat die Dreiecksbeziehung um FredGeorgeAngelina mich gepackt. Oh, und natürlich das Zwillingsthema. Ich hoffe, der kleine feine Shot gefällt ein bisschen.


Disclaimer: Alle bekannten Charaktere und Schauplätze des Harry-Potter-Universums gehören J.K. Rowling. Ich leihe sie mir nur aus und verdiene mit dieser Geschichte kein Geld.

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Erste Person Singular


„Es klingt bestimmt komisch, aber...“, George holte tief Luft und sah auf seine weißen Turnschuhe, bevor er weitersprach, „es gab nie ein Ich. Es gab immer nur ein Wir.“

Sie schwieg. George hob langsam den Kopf, um sie anzusehen. Es wunderte ihn selbst, wie wichtig es ihm war, was sie in diesem Moment über ihn dachte. Meistens waren Fred und ihm die Meinung anderer Leute über sie herzlich egal, sie machten einfach ihr Ding und fertig. Aber sie war schon immer eine Ausnahme – und zwar für alle beide, natürlich.

Doch jetzt war ja alles anders. Fred war nicht mehr da, nur George war übrig. Er war ganz allein mit sich. Das erste Mal in seinem Leben. Es würde nicht funktionieren, das hatte er schnell gemerkt. Ohne Fred konnte es keinen George geben. Es war einfach unvorstellbar, irgendwie beinahe absurd.

„Du hältst mich bestimmt für einen totalen Freak“, sagte George und er konnte ihrem Blick nicht standhalten. Diese dunkelbraunen warmen Augen, in denen der Schmerz stand. Trotzdem wusste sie, dass es immer jemanden gab, der noch mehr trauern würde als sie. Und sie war für ihn da.

„Das tue ich nicht, George“, erwiderte Angelina Johnson, ihre Stimme klang brüchig, aber auch ernst. Sie seufzte. „Aber natürlich kann ich es nicht verstehen, ich hatte nie einen Zwilling.“

Hatte. Sie hatte hatte gesagt. George biss sich auf seine spröde Unterlippe. Er hätte sie nicht reinlassen sollen, es war zu früh. Er bereute es augenblicklich, dass Angelina gerade vor ihm stand und er würde sie am liebsten sofort rausschmeißen. Das alles kam ihm mit einem Mal viel zu intim vor. Angelina war nie in ihrem Zimmer gewesen – in dem von Fred und George. Sie hatte es früher ja noch nicht einmal über die Türschwelle geschafft, wohl weil es doch etwas gab, was Fred und George auf irgendeine Art peinlich war. Denn sie teilten sich auch hier noch ein Schlafzimmer – genauso wie damals im Fuchsbau und danach in Hogwarts.

Ihren Eltern, Brüdern und Ginny hatten sie das alles noch ganz anders verkauft.
„Endlich bin ich den Penner los“, hatte Fred verkündet, als sie in die Wohnung über ihren Scherzartikelladen eingezogen waren.
„Oh ja, endlich frei“, hatte George ihm zugestimmt, aber am Ende blieb doch irgendwie alles beim Alten. Eine Nacht hatten sie es mit den Einzelzimmern durchgezogen, dann wurde Georges Zimmer als Arbeitszimmer bzw. Abstellkammer genutzt und sein Einzelbett wurde gegenüber von Freds aufgestellt. Das wusste keiner – nicht einmal Lee.

Zwischen den beiden Jungs gab es nicht viel darüber zu reden, beide hatten eine schreckliche Nacht hinter sich – die erste ohne einander. Noch nie in seinem Leben hatte sich George so einsam gefühlt. Zu wissen, dass Fred nur ein paar Meter weiter neben ihm lag, gab ihm immer ein Gefühl von Sorglosigkeit und Sicherheit. Sie waren zusammen, nichts konnte ihnen passieren. Doch ohne Freds gleichmäßigen Atem konnte George nicht einschlafen. Er wurde unruhig und begann sich im Bett hin- und herzuwälzen. Irgendetwas war nicht richtig. Er hatte gespürt, wie sein Herz ganz schnell schlug, seine Hände waren schweißnass und ihm wurde schlecht. Wieso bekam er es nicht hin ohne Fred?

Am nächsten Morgen in der neuen Wohnung hatten sie sich wie selbstverständlich zum gemeinsamen Zähneputzen im Bad getroffen und ebenfalls selbstverständlich trugen beide den gleichen hellblau-gestreiften Schlafanzug mit Hochwasserhosen. Beide hatten die gleichen tiefen Ringe unter den Augen und wussten beim Anblick des Anderen nicht so recht, ob sie lachen oder weinen sollten.

„Wir sind ein hoffnungsloser Fall“, hatte Fred gesagt, nachdem Georges Bett an der richtigen Stelle stand, aber innerlich hatte George den Kopf geschüttelt und das erste Mal bewusst im Ich gedacht. Er war der hoffnungslose Teil von ihnen beiden. Denn während Fred wenigstens versuchte sich zu lösen, konnte George nur klammern.

Zum Beispiel bei Angelina.

Es ist merkwürdig, wenn dein Zwilling auf einmal eine Freundin hat, die nur ihm zu Verfügung steht, wo man doch sonst immer alles geteilt hat. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie George optisch genauso gut gefallen würde wie Fred, war sehr hoch, die, dass sie wiederum George attraktiv finden würde, absolut klar und durchaus nicht hilfreich.

„Pass auf, dass du am Ende nicht den Falschen küsst“, hatte er einmal linkisch grinsend verkündet, als Fred und Angelina frisch zusammen waren. Wie konnte er auch ahnen, dass genau das in ihrem letzten Hogwartsjahr passieren würde. George hatte einfach mitgeknutscht, anstatt sie wegzustoßen und war sich schon währenddessen vorgekommen wie ein Riesenarsch. Trotzdem konnte er nicht widerstehen und hatte damit alles für immer kompliziert gemacht.

Sehr oft hatte sich George gewünscht, dass Angelina einen eineiigen Zwilling hätte, das wäre zumindest in seiner Phantasie die perfekte Lösung gewesen. Denn wie zu erwarten gefiel sie ihm gut, zu gut. Er hätte nicht einmal sagen können, wer sich zuerst von ihnen in Angelina verknallt hatte, er oder Fred. Es spielte ja doch keine Rolle, Fred hatte sie zuerst auf den Weihnachtsball eingeladen. Pech gehabt.

Es gab eine verwirrende Zeit, in der George nicht so recht wusste, ob er auf Fred eifersüchtig war oder auf Angelina. Er verstand nur, dass sich hier ein neues Duo bildete, ein Duo, das ihn als dritte Person ausschloss. Auf einmal gab es Rendezvous, zu denen George nicht mitging und Erfahrungen, die Fred ihm voraus war. Und während Fred sich weiterentwickelte, blieb George stehen.

*


„Weißt du, Fred. Einmal, da hab ich mit Angelina geknutscht.“

Fred glotzte und George knetete nervös seine Finger ineinander, dabei wollte er den Satz eigentlich so lässig wie möglich fallenlassen. Er hatte normalerweise nie ein Geheimnis vor Fred, sie erzählten sich alles. Aber das, ja, das hatte er schon eine ganze Weile mit sich herumgetragen.

„Hm“, erwiderte Fred nur und schien nicht genau zu wissen, wie er darauf reagieren sollte. Eigentlich müsste er natürlich wütend sein, andererseits hatten er und George auf der Hochzeit von Bill vor gerade einmal einer Woche jeder eine Veela-Cousine von Fleur abgeschleppt. Das mit Angelina war vorbei – zumindest im Augenblick. Denn eigentlich war ihm genau durch die Veela-Cousine klar geworden, dass er keine andere Frau wollte außer Angelina. Das Geständnis von George kam also zu einem merkwürdigen Zeitpunkt.

„Die Frau hat eben Geschmack“, sagte er also mit einem desinteressierten Schulterzucken, weil er eben Fred war.

„Das auf jeden Fall.“ George kniff abschätzig die Augen zusammen und nickte. Eigentlich sollte ihn die Reaktion seines Bruders nicht überraschen, so hielten sie es doch beide: Man durfte das Leben nur niemals zu ernst nehmen. Aber bei Angelina hätte er doch irgendwie erwartet, dass es Fred treffen würde. Wenigstens ein bisschen.

„Aber keine Angst, sie hat mich nur für dich gehalten.“ George fand es nur fair und richtig, das noch dazuzusagen, immerhin hatte Angelina Fred niemals wissentlich hintergangen. Es war allein sein Fehler, nicht ihrer.

Fred glotzte wieder eine Weile, dann fing er an zu lachen.

„Ach Georgie“, sagte er und legte noch immer grinsend seinen Kopf schief. „Wenn es eine Person auf der Welt gibt, die uns auseinanderhalten kann, dann ist es Angelina.“

Jetzt war es an George zu glotzen, seine Stirn lag prompt in tiefen Falten. War das etwa wahr? Aber wieso hatte Angelina dann nichts gesagt?

Noch in Georges Überlegungen hinein hörte er Fred kichernd „Dieses Luder“ sagen. Anerkennung schwang darin mit und er lächelte verliebt.


*



Gedanklich kam George wieder in der Gegenwart an und er sah Angelina diesmal direkt in die Augen. Eigentlich wollte er seine Frage herausfordernd stellen, aber er musste feststellen, dass er merkwürdig kindlich klang.

„Wie kannst du mich ansehen und nicht ihn sehen?“

Angelina überlegte nur kurz, doch als sie den Mund öffnete und antworten wollte, unterbrach George sie. „Alle aus meiner Familie sehen mich an und ich weiß, sie sehen durch mich nur ihn. Ich kann ja selber nicht mal in den Spiegel schauen, ohne ihn zu sehen. Warum also siehst du mich?“

Er hatte sich etwas in Rage gesprochen, war lauter geworden, doch Angelina zuckte nicht mit der Wimper. Sie hatte geduldig gewartet, bis er zu Ende gesprochen hatte.

„Niemand sieht dich an und sieht nur Fred“, sagte sie schließlich. „Das bildest du dir nur ein. Wenn sie dich traurig ansehen, dann weil sie mitansehen müssen, wie du dich selbst zerstörst. Wie du aufgibst und niemanden an dich ranlässt.“

George war versucht „Dich lass ich an mich ran!“ zu brüllen, aber er konnte sich in letzter Sekunde noch beherrschen. Seine Phantasien waren mehr als geschmacklos und er wollte Angelina nicht damit belästigen, ein dummer Kuss in der siebten Klasse hin oder her. Solche Erinnerungen kamen ihm heute vor wie aus einem anderen Leben.

„Es gibt auch einen George ohne Fred“, hörte er Angelina sagen. „Den gab es schon immer, auch schon vor der Schlacht, ob du das nun wahrhaben willst oder nicht.“

„Da bin ich mir nicht so sicher“, gab George nur zurück und komischerweise brachte dieser Satz Angelina zum Schmunzeln.

„Fred war sich immer sicher“, murmelte sie. „Du warst schon immer der Grübler. In manchen Dingen seid ihr unterschiedlicher, als ihr denkt.“ Sie machte eine kurze Pause. „Oder denken wollt“, fügte sie dann noch vielsagend hinzu.

Es war nicht leicht, diesen Gedanken zuzulassen – aber Angelina hatte die überaus nervige Eigenschaft, immer rechtzuhaben. George zuckte mit den Achseln.

„Du kennst mich offenbar besser, als ich mich selbst.“

„Ja, ich bin sozusagen Expertin auf dem Gebiet“, erwiderte Angelina und das erste Mal erreichte das Lächeln auch ihre Augen. Sie schien für einen Moment in Gedanken versunken und George hätte gerne gewusst, an was sie sich gerade erinnerte.

Aber allein zu wissen, dass ihr Lächeln nicht mit Fred gestorben war, war irgendwie tröstlich. Vielleicht war seines ja auch noch da.
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