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The Womb

KurzgeschichteDrama, Fantasy / P16 / MaleSlash
07.08.2020
08.08.2020
2
8.293
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07.08.2020 4.132
 
{[Das ist ein TwoShot zu dem The-Boyz-Spin-Off ‚Checkmate‘. Kurz gesagt, die Handlung spielt im Red-Eyes-Universum. Wenn du das Spin-Off nicht gelesen hast, wirst du hier beim Verständnis deutlich Probleme haben. Du hast also nun drei Optionen: diese Geschichte wieder verlassen, auf gut Glück trotzdem versuchen zu lesen oder die vorherige Geschichte lesen. ]}

Disclaimer: Die Charaktere gehören mir nicht. Sämtliche Handlungen sind größtenteils nur ausgedacht. Mit dieser Geschichte möchte ich niemanden Schaden. Es ist alles bloß Fiktion.


Teil I

5. November 1956

Youngjae blickte mit seinen immer zu glasigen Augen zu der seltsamen Menschenfrau hinauf. Leise schniefte der 6-jährige Junge und kauerte sich mehr in die dunkle Ecke seines Schlafzimmers zusammen. Die Frau, die von ihm Eomma genannt werden wollte, kam näher. Ihre Augen waren weit aufgerissen und waren mit Wahnsinn gefüllt.

„Youngjae, mein kleiner Liebling, hab ich dir nicht gesagt, dass du das Zimmer nicht verlassen darfst.“, fragte sie naiv und wirkte absolut realitätsfern. Youngjae zog sich eine seiner unzähligen Decken über den Kopf, so dass nur sein Gesicht sichtbar war. Kein Wort verließ seinen Mund. Er sprach sowieso gar nicht. All die Jahre, die er hier verbrachte, hatte er nicht gesprochen. Er konnte es auch nicht sonderlich gut, da man ihm in dem Sinne nicht viel beigebracht hatte. Er war für sein Alter unterentwickelt. Youngjae verstand vieles nicht. Er wusste nicht, warum er hier war. Diese Frau war nicht seine Mutter, sowieso kannte er seine Eltern überhaupt nicht. Er war verwirrt und diese Irritation machte ihm Angst.

„Ach… Mein kleiner Youngjae…“, säuselte Eomma, die Youngjae widerwillig in seinen Gedanken so nannte, weil er sonst keine andere Bezeichnung für die Frau hatte, „Weil du dein Zimmer verlassen wolltest, muss ich dich leider bestrafen. Du wirst heute kein Abendessen bekommen und ich werde dir heute Abend auch kein Märchen erzählen.“

Youngjae blieb wie immer stumm und kugelte sich in seine Decke zusammen, um Eomma nicht sehen zu müssen. Er wollte sie nicht sehen, mit ihren fettigen und dünnen schwarzen Haaren und ihrer gebückten und knochigen Statur. Leise quiekte Youngjae auf, als er sanft hochgehoben wurde und auf seinem pompösen weißen Bett inmitten der ganzen Kissen und Decken gelegt wurde. Mit schnellen Bewegungen versteckte sich er sich unter dem Berg an Decken.

„Schlaf gut, Youngjae.“, verabschiedete sich die Frau und verließ den Raum. Youngjae hörte noch wie der Schlüssel im Schloss umgedreht wurde und lugte vorsichtig wieder hervor. Er war wieder eingesperrt und doch war er ein wenig froh, dass Eomma zumindest an diesem Tag nicht mehr wiederkommen würde. Eine Mahlzeit konnte er auch auslassen und die Märchenstunde brauchte er nun wirklich nicht. Die Geschichten machten ihm Angst, sogar etwas traurig. Sie raubten ihm jegliche Hoffnung. Er erinnerte sich noch genau an die Märchen. Nie war der Prinz der wahre Retter und Happy Ends gab es auch kaum. Sie waren brutal und absolut nicht kindergerecht. Sie brachten Youngjae zum Weinen. Arielle hatte nicht nur ihre Stimme verloren, sondern ihr wurde die Zunge herausgeschnitten und weil sie es nicht übers Herz gebracht hatte den Prinzen zu töten und sich stattdessen ins Meer gestürzt hatte, löste sie sich einfach in Schaum auf. Schneewittchen wurde nicht vom Prinzen wachgeküsst. Er hatte einfach nur plump den Glassarg, in welchem sie sich befunden hatte, fallen gelassen, wodurch sich das Apfelstückchen in ihrem Hals gelöst hatte und sie so wieder zum Leben erwachte. Dornröschen hatte gar kein Happy End. Sie schlief gar nicht, sondern war tot. Der Prinz hatte sie nicht wachgeküsst, sondern sich zu ihr gelegt, mit ihr geschlafen und war dann wieder gegangen. Verstörend, oder? Youngjae wusste, dass er niemals in seinem Leben einen Prinzen haben wollte. Es brachte nur Kummer und Leid. Und die Märchen brauchte er auch nicht mehr zu hören. All die Jahre hatte Eomma ihm keine erzählt und nun hatte sie darin wohl etwas Neues für ihren Liebling gefunden. Youngjae konnte darauf getrost verzichten.

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18. November 1956

Youngjae stand vor dem Fenster, welches mit Holzbrettern blickdicht verriegelt war. Nur durch einen kleinen Spalt konnte er hindurchsehen und beobachtete mit großen Augen den Vollmond, welcher sichtbar war. Er war wunderschön und verzauberte ihn. Er fühlte sich irgendwie angezogen von dem Planeten. Mehr als den Tag- und Nachthimmel hatte er aus der Außenwelt nicht zu Gesicht bekommen. Er wusste nicht, wie Menschen draußen lebten.

„Youngjae? Habe ich dir nicht schon gesagt, dass du nicht hinaussehen sollst?“, fragte Eomma anklagend und betrat den Raum, „Was gibt es denn da so Schönes, dass du immerzu hinausblickst?“

Die Frau kam auf den Jungen zu, welcher hastig beiseite ging. Sie blickte durch den Spalt und bekam schon fast einen normalen Gesichtsausdruck. Ein sanftes Lächeln erschien auf ihren schmalen Lippen, woraufhin sie wieder zu Youngjae sah, welcher sie mit großen Augen anblickte.

„Der Mond ist so schön und magisch, stimmt’s? Genauso wie du, mein kleiner Youngjae.“, meinte die Frau und hockte sich vor den Kleinen. Ihre rauen und trockenen Hände legten sich auf seine weichen Wangen und strichen darüber, während Youngjae bemühte sich, nicht ängstlich und angeekelt wegzutreten.

„Wenn du bloß wüsstest, wie besonders du bist… Du bist etwas ganz Spezielles.“, sagte sie ihm eindringlich. Youngjae hörte es sich bereits einige Jahre an, aber er begriff nie, was so anders an ihm war. Sie behandelte ihn meistens so, als ob er kein Mensch, sondern etwas weitaus Größeres wäre. Sein Aussehen konnte Youngjae nicht kontrollieren. Er hatte noch nie einen Blick in einen Spiegel geworfen und wenn er es zugab, er würde sich das auch nicht trauen. Irgendwas musste aber anders an ihm sein, weshalb Eomma ihn in diesem doch sehr schönen und gepflegten Zimmer festhielt. Eigentlich war er hier sicher, aber vor was…?

Fragend legte Youngjae seinen Kopf leicht schief, woraufhin die Frau ihre Hände von seinem Gesicht nahm. Vorsichtig, als wäre Youngjae etwas ganz Zerbrechliches, hob sie ihn hoch und setzte ihn wieder auf dem weichen Bett ab. Sofort setzte sich Eomma an die Bettkante und holte ein Märchenbuch hervor. Youngjae wurde gleich wieder bedrückt. Welche Geschichte sollte heute folgen?

„Heute lese ich dir Rotkäppchen vor.“, erklärte sie euphorisch und begann auch augenblich die ersten Sätze vor zu lesen. Über kurz oder lang saß Youngjae weinend auf seiner Bettdecke. Es gab schon wieder kein Happy End. Der große böse Wolf hatte die Großmutter umgebracht und ihr Fleisch gekocht, welches er dem nichts ahnenden Rotkäppchen serviert hatte. Zum Trinken hatte er ihr Rotwein gegeben, was in Wirklichkeit das Blut der Großmutter war. Der als Großmutter verkleidete Wolf bat das müde Rotkäppchen zu Schlaf, half ihr beim Entkleiden und fraß sie anschließend auf.

Youngjae schüttelte sich vor Grauen und Furcht. Es war ein brutales Märchen. Hoffentlich würde er nicht wieder Albträume davon bekommen. Schniefend drückte Youngjae seine Bettdecke gegen seinen Mund und Nase, um den Schnodder etwas abzuwischen.

„Wein nicht, Youngjae. Da draußen gibt es noch schlimmere Dinge als in diese Märchen.“, meinte die Frau und sah den Jungen mitleidig an, „Weißt du, was ein Krieg ist?“

Youngjae schüttelte seinen Kopf und wischte sich noch seine Tränen aus den Augenwinkeln. Fragend blickte er zu Eomma auf, welche langsam begann zu erklären: „In einem Krieg stehen sich zwei Gruppen gegenüber, welche verschiedene Meinungen haben oder eine Gruppe Macht über die andere haben möchte. Um ihre Ziele zu erreichen benutzen sie Waffen, die Menschen Leid, Schmerz und Tod zufügen. Es ist schlimm und du kannst es dir wahrscheinlich überhaupt nicht vorstellen, so unschuldig und rein du doch bist.“

Youngjae konnte es sich wirklich nicht ausmalen, aber es musste schrecklich sein, wenn es sogar noch grausamer als die Inhalte der Märchen sein sollte.

„Du solltest nun schlafen, mein kleiner Youngjae.“, säuselte die Frau und zog die Bettdecke, welche Youngjae festhielt, etwas mehr über den Jungen. Er wollte nicht schlafen, zu sehr hatte er Angst, dass ihn Albträume heimsuchen würden. Eomma stand aber bereits auf und löschte das Licht im Zimmer. Youngjae krallte ängstlich seine kleinen Hände in die weiche Bettdecke, unter welcher es mollig warm war.

„Schlaf gut, Youngjae.“

Die Tür schloss sich und Dunkelheit umgab ihn. Leise klapperte der Schlüssel im Schloss. Youngjae war mal wieder eingesperrt, was er gefühlt sein ganzes bisheriges Leben war. Hastig zog er die Bettdecke über seinen Kopf, legte sich zur Seite und nahm die Embryohaltung ein. Fest zog er seine Beine an seinen Körper. Wärme lullte ihn ein und gab ihm etwas Sicherheit, aber keine Geborgenheit.

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19. November 1956

Youngjae öffnete seine Augen und wusste sofort, dass er sich in einem Traum befand. Davor fürchtete er sich immer wieder. Allein in einem fast komplett dunklen Raum stehen, war nichts neues in seiner Traumwelt. Seine nackten kleinen Füße tapsten über den kühlen Boden. Er hätte jetzt gerne seine warme und weiche Decke wieder in seinen Händen gehabt, um sich darin einwickeln zu können. Der Ort machte ihm Angst.

Noch schlimmer wurde es, als er auf einmal ein raues Knurren hinter sich hörte. Youngjae erzitterte. War das ein Wolf? Er hatte es gewusst, das Märchen hatte ihn negativ beeinflusst. Würde er nun vom großen bösen Wolf aufgefressen werden, so wie es Rotkäppchen passiert war?

Langsam drehte sich Youngjae um und weitete seine verängstigten Seelenspiegel. Da stand am anderen Ende des Zimmers tatsächlich ein großer schwarzer Wolf. Seine stechenden weiß-silbernen Augen mit den schlitzförmigen Pupillen visierten den Jungen gezielt an. Das kräftige Raubtier setzte eine Pranke nach der anderen vorwärts und näherte sich lauernd dem kleinen Jungen. Youngjae brach augenblicklich in Tränen aus und ging rückwärts, dabei verhedderten sich seine zitternden kleinen Füße und er landete auf seinem Gesäß, was ihn laut zum Winseln brachte. Hastig schob er sich weiter rückwärts bis sein Rücken Bekanntschaft mit einer kalten Wand machte. Es gab keinen weiteren Ausweg für ihn. Würde er nun aufgefressen werden?

Fest kniff Youngjae seine tränenden Augen zusammen und streckte seine rechte Hand aus, als würde diese den Wolf davon abhalten können, sich ihm weiter zu nähern. Youngjae schniefte ununterbrochen und erwartete das Schlimmste, bis er plötzlich überrascht seine Augen wieder aufriss. Etwas Kühles und leicht Feuchtes berührte seine Handinnenfläche. Verwundert beobachtete er wie der Wolf an seiner Hand schnüffelte und mit seiner Schnauze dagegen stupste. Verwirrt blinzelte Youngjae sich seine Tränen aus den Augenwinkeln und wischte anschließend mit seiner freien linken Hand die Tränenspuren von seinen rosafarbenen Wangen. Obwohl der Wolf zuvor so angriffslustig gewirkt hatte, schien er nun auf wundersame Art und Weise recht zahm und sanft zu sein. Youngjae hätte gerne geglaubt, dass es so wäre. Aber seiner Meinung nach lag es eher daran, dass das immer noch ein Traum, -vielleicht kein Albtraum mehr-, war und er letztlich doch etwas darin beeinflussen konnte. Wie sollten sich seine doch so unschuldigen Gedanken vorstellen können, dass ein Wolf ihn fressen würde? Er könnte es sich graphisch gar nicht ausmalen. Er war doch nur ein Kind.

Beinahe vorsichtig legte der Wolf seinen Kopf auf der Handfläche ab und schloss entspannend seine animalischen Augen. Zaghaft strich Youngjae durch das weiche schwarze Fell und war noch verwunderter als der Wolf noch zutraulicher wurde. Der Junge verstand das alles zwar nicht, doch irgendwie musste er zugeben, dass er sich bei dem Tier sehr wohl fühlte. Fast schon behütet.

Langsam schoss Youngjae seine Augen, um das Fell noch genauer erfühlen zu können. Irgendwie hatte er genug Vertrauen in das Raubtier, um es aus dem Blick zu lassen. Es würde ihm nichts tun, da war er sich sicher. Konzentriert hörte Youngjae das doch recht laute Atmen des Wolfs. Doch zuckte heftig zusammen, als eine angenehme Stimme erklang:

„Eric!“



Youngjae riss seine Augen automatisch auf und starrte in die Dunkelheit, die ihn wie immer umgab. Er lag immer noch in seiner Embryohaltung unter seiner Bettdecke. Sein Körper zitterte leicht und Ratlosigkeit befiel ihn. Was war in diesem Traum passiert? Wer war Eric? War er das? Wessen Stimme war das? Sie hatte so schön geklungen. Er hatte noch nie so eine Stimme gehört. Die einzige Stimme, die er in seinem bisherigen Leben gehört hatte, war die von Eomma und die klang kratzig und unangenehm. Youngjae hörte ihr ungerne zu, aber die Stimme in seinem Traum war wundervoll. Er würde ihr eine Ewigkeit lauschen wollen.

Seine Gedanken drehten sich im Kreis und so fand Youngjae in dieser Nacht keinen Schlaf mehr. Vor seinem inneren Auge sah er immer den großen, anmutigen schwarzen Wolf.

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12. Dezember 1956

Youngjae wusste, dass an diesem Tag etwas nicht stimmte. Eomma war öfters als sonst in sein beleuchtetes Schlafzimmer gekommen und hatte nach ihm gesehen. Sie wirkte so, als hätte sie Angst, dass man ihn ihr wegnehmen würde. Ihre Augen waren immer zu geweitet und wanderten immer wieder überall hin. Paranoid schien sie und verfiel einem Verfolgungswahn. Youngjae konnte es nicht ganz beschreiben, aber er glaubte etwas Seltsames zu spüren. Vielleicht bildete er sich mittlerweile auch schon Sachen ein.

„Youngjae, mach dir keine Sorgen.“, entkam es der Frau, die kurz ihren Kopf in den Raum gesteckt hatte. Sie war absolut panisch und ließ im nächsten Moment die Tür offenstehen. Sie wandte sich hastig um und schrie laut auf. Youngjae öffnete erschrocken seine Augen, als er einen großen kupferbraunen Wolf erkannte, welcher Eomma ansprang und sie zu Boden riss. Die beiden verschwanden glücklicherweise aus dem Sichtfeld des Jungen, da die Frau schmerzhaft und gequält schrie. Youngjae begann zu zittern und zu weinen. Fest schlang er mal wieder eine Kuscheldecke um seinen Körper und Kopf, so dass er die Enden mit einer Hand unter seinem Kinn festhielt. Beinahe wie eine Kapuze zog er die Decke etwas weiter vor sein Gesicht. Er konnte gerade noch so hindurch lugen und zuckte leise zusammen, als ein junger Mann im Türrahmen erschien. Dieser starrte kurz an die Stelle, wo sich wohl die immer noch schreiende Eomma und der Wolf befanden. Dann hob sich sein Blick und wandte sich direkt zu Youngjae, welcher in seinem Bett bis zum Kopfende rutschte. Silberne Augen sahen ihm entgegen und jagten ihm Angst ein. Der Fremde kam in das Zimmer und ging auf das Bett zu. Youngjae war trotz seiner Furcht fasziniert von dem guten Aussehen des Mannes. Seine Haare waren hellbraun und glatt. Seine Gesichtszüge wirkte recht sanft, während seine dunkle, teilweise aus Leder bestehende Kleidung einen etwas kämpferischen Eindruck hinterließ.

„Hey Kleiner.“, begann er ruhig zu sprechen und ließ Youngjae verblüfft wirken. Schon wieder so eine angenehme Stimme, dachte sich der Junge und schniefte leise.

„Hab keine Angst. Wir wollen dir nichts tun.“, sprach der junge Mann weiter, während irgendwo im Hintergrund die Schreie von Eomma verstummten und ein weiterer silberäugiger Mann den Raum betrat. Seine kupferbraunen Haare standen ihm wild vom Kopf ab, während seine Kleidung, der des anderen Mannes, ähnelte. Beide trugen auf der Brust einen goldfarbenen Orden, welcher recht offiziell aussah.

„Und? Ist es Prinz Acedia?“, fragte der kupferhaarige Fremde den anderen, während er sich bemühte seine Haare irgendwie wieder zu richten.

„Nein, aber…“, meinte der andere und streckte vorsichtig seine Hand aus, um Youngjae’s Decke von seinem Kopf zu ziehen, „Hier haben wir ein anderes kostbares Juwel.“

Youngjae hob seinen Kopf leicht und blickte zu den beiden Fremden hoch, welche ihn überrascht ansahen. Der Junge konnte einfach nicht begreifen, was alle so besonders an ihm fanden. Die Gesichtszüge beider Männer wurden liebevoll, während sich ein sanftes Lächeln auf den Lippen des Fremden mit den hellbraunen Haaren legte.

„Kannst du uns verstehen?“, fragte er vorsichtig nach. Youngjae hatte das Gefühl, dass er ihnen vertrauen konnte und nickte leicht als Antwort.

„Kannst du sprechen?“

Zaghaft schüttelte Youngjae seinen Kopf. Irgendwie überkam ihn ein Schamgefühl. Er hätte ja gerne gesprochen. Neue Tränen sammelten sich in seinen Augen.

„Sshh… Sshh… Es ist alles gut. Wir können auch so mit dir kommunizieren.“, beschwichtigte der Mann ihn und strich behutsam die Tränen von den weichen Wangen.

„Das da ist mein… Freund Sangyeon.“, deutete er auf den jungen Mann mit den kupferbraunen Haaren, „Und ich bin Jacob. Eine wichtige Frage hätte ich aber noch an dich. Bist du ein Mensch?“

Youngjae legte seinen Kopf fragend schief. Was war das für eine dumme Frage? Natürlich war er ein Mensch, was sonst? Sofort nickte er und musste beobachten wie sich Jacob und Sangyeon einen ernsten Blick zuwarfen. Jacob wandte sich erneut an den Jungen vor ihm.

„Du wirst es mir wahrscheinlich im ersten Moment nicht glauben, aber es gibt noch etwas anderes als Menschen auf dieser Welt. Es sind sogenannte übernatürliche Wesen. Werwölfe, Vampire, Hexen, Zauberer und so weiter…“

Youngjae weitete seine Augen. Wollte man ihm weismachen, dass es all diese Wesen aus den Märchen wirklich gab? Erneut war er den Tränen nah. Er bekam noch mehr Angst vor der Außenwelt.

„Du brauchst dich nicht zu fürchten. Viele dieser Wesen sind nett und tun niemanden etwas. Sangyeon und ich sind auch keine Menschen. Wir sind Gestaltwandler. Das heißt, wir können uns in fast alles verwandeln, was wir wollen. Der Werwolf, den du eben gesehen hast, war Sangyeon.“

„Tut mir leid, dass du mich so außer Kontrolle sehen musstest. Ich verwandle mich so selten in einen Wolf, da haben wir einen anderen Experten in der Familie.“, erklärte Sangyeon entschuldigend und kratzte sich beschämt am Hinterkopf. Zuerst war Youngjae wirklich geschockt, doch er beruhigte sich recht schnell. Sangyeon wirkte auf ihn sehr zuverlässig und vertrauenserweckend.

„Weiß du… Gestaltwandler wie wir kann man daran erkennen, dass wir silberne Augen haben.“, meinte Jacob und stupste verspielt seinen Zeigefinger gegen die niedliche Stupsnase von Youngjae, „Du hast auch silberne Augen, zwar mit einem kleinen Rosastich, aber das ist schon wieder eine ganz andere Sache, die man dir besser erklären sollte, wenn du älter bist. Kleiner Gestaltwandler~“

Youngjae weitete erschrocken seine Seelenspiegel. Fragend zeigte er mit seinem Zeigefinger auf sich selbst. Jacob nickte bestätigend. Youngjae konnte es nicht glauben. Er war gar kein Mensch, sondern ein Gestaltwandler.

„Komm, wir nehmen dich mit zu uns. Dort bist du sicher und kannst in Ruhe aufwachsen. Wenn du alt genug bist, kannst du entscheiden, ob du bei uns bleiben möchtest.“, entschied Sangyeon bestimmend und sah zu einem glücklichen Jacob, welcher seine Arme dem kleinen Gestaltwandler entgegenstreckte. Youngjae zögerte erst, krabbelte dann aber doch zu dem Älteren und schlang seine Arme um den Nacken von Jacob, welcher ihn hochhob. Youngjae hatte doch sowieso keine Wahl. Wo sollte er sonst hin? So wie Eomma geschrien hatte, bezweifelte er, dass Sangyeon sie noch in einem Stück zurückgelassen hatte.

„Mach dir keine Sorgen. Dir wird es gut bei uns gehen. Die anderen werden dich liebhaben. Du kannst mit Sunwoo spielen. Er ist ungefähr so alt wie du und Hyunjoon wird auch mit dir spielen. Er ist zwar ein bisschen älter, aber immer noch total kindisch.“, plapperte Jacob fröhlich und hob Youngjae hoch, um Sangyeon zu folgen, welcher den Raum verließ. Im Flur erhaschte der Kleine eine Blutspur und wollte seinen Blick heben, jedoch zog Jacob in diesem Moment die Kuscheldecke über den Kopf von Youngjae.

„Sieh nicht hin. Sie war irgend so eine verrückte Sekten-Tante und glaubte, dass du eine Art Messias gewesen seist.“, gab er ernst von sich und wechselte anschließend hastig das Thema, „Draußen ist es kalt. Hast du schon mal Schnee gesehen?“

Youngjae schüttelte seinen Kopf. Er hatte davon nur in Märchen gehört. Überrascht atmete er im nächsten Moment frische kühle Luft ein und konnte es nicht zurückhalten. Leise kicherte er glücklich auf und brachte Sangyeon und Jacob so liebevoll zum Lachen. Youngjae’s Augen wanderten neugierig über die Umgebung, die einem weißen Winterwunderland glich. Lange hielt er aber mit dem Betrachten nicht durch und schlief mit dem Kopf an Jacob’s Schulter gelehnt ein.

Nach einer etwas längeren Weile öffnete Youngjae seine Augen wieder flatternd und sah sich um. Leicht drehte er seinen Kopf und blickte auf das große Gebäude vor ihnen. Zumindest teilweise blickte er dort hin, da die Kuscheldecke ihm ein wenig vor das Gesicht fiel. Bestaunend starrte er den schönen asiatischen Palast an. Überrascht stellte er fest, dass Sangyeon eine der großen Türen öffnete. Jacob schien den nun fragenden Blick von Youngjae zu bemerken und erklärte mit seiner beruhigenden Stimme: „Das ist der Palast des Dämonenkönigs. Das Gebäude ist nur für übernatürliche Wesen zu sehen.“

Youngjae gab einen erschrockenen Laut von sich. Dämon? Waren die nicht böse, dachte er etwas verängstigt und krallte seine kleinen Hände die schwarze Kleidung von Jacob, welcher leise auflachte.

„Keine Angst. Anders als die meisten erwarten, ist der Dämonenkönig sehr gütig und freundlich, aber leider auch sehr traurig. Wir helfen ihm bei der Suche nach seinem verlorenen Sohn, deshalb dürfen wir hier unter seinem Schutz leben.“

Leicht nickte Youngjae und schien auch zu verstehen, weshalb Sangyeon und Jacob wirklich in dem Haus gewesen waren, wo sie ihn gefunden haben. Sie dachten, dass er vielleicht der Sohn des Dämonenkönigs wäre. Da lagen sie wohl falsch.

Kurzdarauf umhüllte sie angenehme Wärme, als sie den Palast betraten. Die Einrichtung war pompös und edel. Youngjae glaubte sich in einem Traum zu befinden. Sangyeon schloss hinter ihnen die Tür. Schritte erklangen nur wenig später.

„Sangyeon-Hyung! Jacob-Hyung! Ihr seid wieder da?! Wie war die Mission? Habt ihr den Prinzen gefunden?“, rief eine aufgedrehte Stimme und verschreckte Youngjae ein bisschen. Fest drückte er sich an Jacob.

„Hyunjoon! Nicht so laut und nein, wir haben den Prinzen nicht gefunden. Die Spur war mal wieder ein Reinfall.“, erklärte Jacob zurechtweisend und wandte sich an eine weitere Person, die angelaufen kam, „Hyunjae, kannst du ihn etwas mehr im Auge behalten?“

„Klar, Hyung. Ich bin doch sein persönlicher Babysitter.“, erklang eine weitere Stimme, die wohl zu diesem Hyunjae gehörte.

„Ich bin kein Baby, auf das man aufpassen müsste.“, quengelte Hyunjoon schnell.

„Doch, du bist mein Baby. Haha.“, lachte Hyunjae belustigt, hörte aber sofort damit auf. Weitere Schritte waren zu hören.

„Was ist den hier für eine Versammlung?“

Youngjae zuckte leicht in den Armen von Jacob zusammen. Die Stimme kannte er. Es war dieselbe wie in seinem Traum, als er den schwarzen Wolf gesehen hatte.

„Wer ist der Kleine?“, fragte Hyunjae neugierig. Jacob drehte sich, so dass Youngjae unter seiner Decke ein bisschen hervorlugen konnte.

„Wir wissen leider seinen Namen nicht, weil er nicht spricht. Er wurde von so einer Verrückten festgehalten, deshalb habt etwas Rücksicht, wenn er verängstigt scheint.“, erklärte Jacob und deutete auf die Personen vor ihnen, „Der Kleine da ist Hyunjoon, aber wir nennen ihn meistens nur Hwall und der neben ihm ist Jaehyun. Warum auch immer möchte er Hyunjae genannt werden? Und der griesgrämige Typ daneben mit dem finsteren Blick ist Juyeon.“

Youngjae ließ seinen Blick über die anderen wandern und stockte bei Juyeon. Seine Augen weiteten sich bei dem Anblick des gutaussehenden jungen Mannes. Tatsächlich sah er etwas finster aus. Youngjae musste feststellen, dass er silberne Augen mit einem leichten Weißanteil besaß, wie bei dem Wolf im Traum und hatten sogar etwas Wölfisches an sich. Die Haare waren pechschwarz und sein Gesicht war markant. Vielleicht war er auch ein Märchenprinz, dachte Youngjae und wusste nicht wirklich, was er davon halten sollte. Seine Augen haftete an Juyeon. Nur am Rande bekam er mit, wie Jacob die Kuscheldecke von Youngjae nahm und sie Sangyeon zuwarf. Augenblicklich weiteten sich Juyeon’s schmale Augen. Sein finsterer Gesichtsausdruck verschwand sofort. Seine Seelenspiegel lagen direkt auf Youngjae und musterten den Kleinen genau.

„Woah… Die Spannung ist zum Greifen. Die Funken sprühen. Das ist Liebe auf den ersten Blick. Das ist so ein Gefährten-Scheiß.“, gab Hwall theatralisch von sich und schlug Jaehyun mehrere Male gegen den Oberarm.

„Language!“, ermahnte Jacob den Teenager. Youngjae hörte nicht wirklich zu. Er hätte das Gesagte sowieso nicht begreifen können, was er aber begriff, war, dass er unbedingt in die Arme von Juyeon wollte. Nicht, dass er etwas gegen Jacob hatte, aber er wollte zu Juyeon. Sofort streckte er seine Arme nach den schwarzhaarigen Gestaltwandler aus und spreizte seine Finger. Sehnsüchtig blickte er zu dem Älteren. Jacob verstand die Situation und ging schnurstracks zu Juyeon.

„Hier, nimm ihn.“, meinte Jacob und druckte Youngjae kurzerhand in die Arme des überforderten Juyeon’s, „Beschütz ihn mit deinem Leben, sonst reiß ich dir deinen Kopf ab.“

Juyeon weitete geschockt seine Augen. Jacob verbreitete wirklich diese angsteinflößende Mutter-Aura, die jedem das Fürchten lehren konnte. Sangyeon sah ihn einfach nur verliebt an. Der trug doch eine rosarote Brille, wenn es um Jacob ging.

„Hmm… Aber wie sollen wir ihn nennen, solange wir seinen richtigen Namen nicht kennen?“, dachte Hyunjae laut nach und sah die anderen fragend an. Juyeon blickte zu Youngjae hinab, welcher seine Seelenspiegel nicht von dem Älteren abwenden konnte.

„Eric?“

Youngjae nickte eifrig zur Antwort. Juyeon konnte ihn eigentlich nennen, wie er wollte. Youngjae hätte überhaupt nichts dagegen.

„Also… Eric?“, hakte Sangyeon nach und erhielt Zustimmung, „Dann sollten wir wohl zu den anderen und unser neues Familienmitglied vorstellen.“

Youngjae war aufgeregt. Er wurde Teil einer Familie. Das hörte sich in seinen kindlichen Ohren so wundervoll an. Fest schlang er die Arme um den Nacken von Juyeon und spürte wie dieser über seinen Rücken strich. Youngjae fühlte sich geborgen und beschützt.
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