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Der Ziz und der Polarstern

von Auruun
GeschichteAllgemein / P18 / MaleSlash
J-Hope Jimin Kim Seokjin RM Suga
07.08.2020
25.11.2021
22
194.845
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25.11.2021 9.977
 
Entgegen seiner Erwartungen wurde Hoseok nicht hingerichtet. Stattdessen wurde er mit anderen Männern - überlebenden aus seinem Heer, wie ihm bald klar wurde, auf einen Wagen geladen. Man warf sie in einen Käfig und kettete sie an Händen und Füßen zusammen. Die dickste Kette verband sie mit dem Käfig selbst. Hoseok wehrte sich wie ein Löwe, er mobilisierte ungeahnte Kräfte aus Angst um Jimin. Er konnte ihn doch nicht zurücklassen! Jimin brauchte Hilfe! Vielleicht war es nocht nicht zu spät!
Aber die Männer waren zu viele. Zu fünft rangen sie den wild um sich schlagenden und tretenden Hoseok nieder und schlossen die Eisen um seine Hände, Hals und Knöchel. ,,Hör auf dich zu wehren!" sagte einer barsch. ,,Der Junge ist tot. Du wirst ihn auch nicht wieder erwecken, wenn du dir selbst das Leben schwer machst."
Hoseok sah ihn kalt an. ,,Ihr lügt! Jimin lebt! Ich weiß es!" aber seine Stimme zitterte, denn er wusste, dass der Wachmann recht hatte. Jimin hatte nicht mehr geatmet. Der ganze Käfig war voller Blut gewesen und die Nacht so kalt, dass er selbst blaue Finger und Zehen davongetragen hatte. Es war unmöglich, dass Jimin die letzten Stunden überlebt hatte. Er war endgültig tot.
Tränen traten ihm in die Augen und er vergrub das Gesicht in den Händen als sich der Wagen in Bewegung setzte.
Einer der Männer legte ihm die zusammengeketteten Hände auf die Schulter. ,,Ich weiß nicht wen ihr verlieren musstet, aber ihm ist immerhin unser Schicksal erspart geblieben."
Hoseok schüttelte die Hand des Mannes ab. ,,Das mag euch trösten." sagte er kalt. ,,Aber ihr saßt nicht hilflos neben ihm als er unter schlimmsten Schmerzen langsam verbluten musste."
Der Mann wich zurück und wandte sich mit einem Seufzen ab. Hoseok schlang die Arme um seine Beine, legte die Stirn auf die Knie. Jimin war tot. Gestorben in eimer eiskalten Winternacht. Stundenlang hatte er schlimmste Schmerzen erleiden müssen und war in der Kälte und dem Frost langsam verblutet. Der ganze Käfig und seine Kleider waren getränkt gewesen. Und er, sein Gefährte, hatte nichts tun können um das zu verhindern. Nun war seine Familie tot. Von einem Augenblick auf den anderen aus dem Leben gerissen. Für immer von ihm gegangen.  Er konnte Jimins Leichnam noch vor seinem inneren Auge auf dem Boden des Käfigs liegen sehen. Er war ganz dünn und ausgezehrt. Irgendwann in den letzten, qualvollen Stunden hatte er ihr Baby im Wehensturm verloren und dann sein Leben.
Nicht umsonst benutzte kaum jemand den Abbruchtrank. Dieser teuflische Trunk tötete das ungeborene Baby mit einem Gift und löste zugleich starke Wehen aus. So viele Omegas waren mit ihren Kindern schon daran verstorben. Nun hatte dieses grausige Gift auch Jimin und die kleine Ari mit in den Tod genommen.
Hoseok konnte es noch immer nicht begreifen. Die letzte Nacht erschien ihm wie ein einziger Albtraum und er wünschte sich nichts mehr als nun geweckt zu werden und wieder in Jimins strahlende Augen sehen zu dürfen. Er wollte ihn im Arm halten, ihn küssen und über seinen Bauch streicheln. Wollte fühlen wie ihr Kleines sich bewegte und strampelte. Er wollte sie beide lebendig und in Sicherheit wissen.
Aber dieser Wunsch würde niemals wieder Wirklichkeit werden.
Der Gedanke ließ die ersten Tränen seine Wangen hinab rollen.
Jimin und ihr Baby waren tot.
Er würde niemals zu ihnen nach Hause zurückkehren können. Niemals mehr würde er Jimin im Arm halten und küssen dürfen, nie würde er ihr kleines Krümelchen kennenlernen und mit ihm über die Wiesen toben.
Seine kleine Familie, die er mehr als alles auf der Welt liebte, war gestorben. Vor seinen Augen brutal ermordet.
Er hatte alles verloren was ihm lieb und teuer gewesen war. Seinen Grund diesen grausamen Krieg zu überleben und zu kämpfen bis zum letzten Atemzug. Er hatte Jimin versprochen nicht sterben zu können, solang dieser sein Herz in den Händen hielt, aber nie hatte er daran gedacht, dass Jimins warme, sanfte Hände eines Tages kalt und reglos werden, sein Herz verlieren könnten. Nun lag es dort am Boden, in tausend Scherben zersplittert. So wie Hoseoks Träume von ihrer Zukunft und das Leben, dass sie sich erkämpft hatten.
Er schloss die Hand um das kleine Glückstotem in seiner Tasche und begann bitterlich zu weinen.

Die nächsten Tage vergingen für Hoseok in einer einzigen Trance aus Schmerz und Leere. Der Wagen mit ihnen rumpelte immer weiter nordwärts. Er machte nur halt, wenn die Fuhrmänner und Wachen rasteten oder zu schlafen gedachten. Dann warfen sie den Sklaven ein paar Reste zu Essen in den Käfig. Die anderen Männer machten sich hungrig darüber her. Hoseok beachtete sie nicht. Er konnte nur vor Wut zittern als er sah wie die Männer sich um das schimmlige Brot und die Kartoffelschalen stritten. Keiner dieser Soldaten hätte nur einen Finger gekrümmt um Jimin zu retten, aber wenn es um sie selbst ging, schlugen sie sogar mit Eisenketten aufeinander ein.
Der Mann vom ersten Tag schob Hoseok oft ein Stück von seinen Mahlzeiten zu, aber dieser beachtete ihn nicht und wandte sich ab. Während er dort Tag und Nacht auf dem Wagen verharrte, war es ihm als würde die Zeit innehalten und er langsam aus der Welt schwinden. Sein Körper schmerzte von dem Gewicht der Eisenketten, der Kälte und der unbequemen, verdrehten Position in der er sitzen musste, weil zehn Männer dicht an dicht in einen winzigen Käfig gequetscht worden waren, aber immer öfter spürte er das gar nicht mehr. Er fühlte nur die gähnende, verzweifelte Leere in seinem Inneren. Das schwarze Loch, das Jimin und Ari hinterlassen hatten und das ihn entweder taub für jedes Gefühl oder wahnsinnig vor Trauer und Schmerz machte. Es schrie danach gefüllt zu werden, die Hoffnung flüsterte ihm trügerische Lügen zu: Jimin wäre doch gar nicht so reglos gewesen, er hätte doch geatmet. Aber dann dachte er wieder daran wie Jimin dort am Boden des Käfigs gelegen hatte und es gab keinen Zweifel mehr. Wenn er an den Raureif auf seinem goldenen Haar dachte, erinnerte er sich auch wieder an ihren letzten Kuss, damals als Jimin ihn verabschiedet hatte und dann kamen ihm wieder die Tränen und er weinte bis seine Augen trocken und seine Lippen spröde und rissig waren.
Doch auch wenn alle Tränen versiegt waren, war da dieser Knoten in seiner Brust, dieser überwältigende Schmerz, den keine Träne lindern konnte. Der Schmerz, der niemals vergehen würde.

So rollten die Tage dahin. Allmählich ließen die anderen Männern ihn in Ruhe. Er hielt sich von ihnen fern, aß kaum etwas und schlief kaum. Eines Tages lag einer der Gefangenen am Morgen in tot im Käfig. Verendet an seinen Verletzungen, dem Hunger und der Kälte.
Jemand meinte, man brächte sie zu den Minen im Norden wo sie als Bergarbeiter dienen sollten. Die Männer zitterten bei dem Gedanken niemals mehr nach Hause zurückkehren zu können.
Hoseok war es gleich. Das Zuhause, das er einmal gehabt hatte, war mit Jimin und Ari gestorben. Welchen Sinn hatte es nun noch aufzubegehren?

Die Tage reihten sich aneinander und bald waren beinahe zwei Wochen um. Am dreizehnten Tag erreichten sie ein Dorf am Fuße der Berge. Es war bis an den Rand gefüllt mit Sklaven, die in den nahen Erzstollen arbeiteten. Aufseher und Wachen hatten das Kommando in den Händen und nahmen die frische Ware entgegen.
,,Soldaten aus dem Süden." brummte der Kutscher. ,,Starke Jungs."
Der Aufseher besah sich die Neuankömmling egenau. ,,Nur neun?"
,,Die Zinatonen waren zäher als erwartet. Aber ihr Heer ist fast vollständig vernichtet worden."
Der Mann nickte. ,,Schlechte Ware bringst du mir. Der hier ist doch fast tot!"
Er stach mit einer Gerte in Hoseoks Rücken. Der Händler zuckte mit den Schultern. ,,Hat sich aufgegeben. Weint nur und starrt vor sich hin. Aber wenn du ihn etwas dran nimmst, kann er noch eine Weile lang arbeiten. Brechen musst du ihn jedenfalls nicht mehr."
Der Aufseher brummte. ,,Nun gut." Er nickte seinen Männern zu. ,,Bringt sie in die Baracken und bereitet alles vor. Ich will sie in einer Stunde im Stollen sehen."

Dann wurde der Käfig geöffnet und die Ketten gelöst. Hoseok wehrte sich nicht als man ihn aus dem Käfig zog und mit den anderen Gefangenen fort brachte. Er dachte nur daran wir Jimin leblos dort in dem Käfig gelegen hatte. Was würde Yikung mit ihm machen? Würde sie seinen Leichnam im Fluss versenken wie die der hingerichteten Gefangenen? Würde sie sie schänden? Ihm wurde kalt als er daran dachte wie Jimin und Ari im Uferschlamm der Peeg lagen. Ihre Gesichter leer und grau, ihre Haut kalt. Die Tiere fraßen an ihnen und der Schnee deckte sie zu. Der Gedanke wollte ihn seit Tagen nicht loslassen. Er verfolgte ihn sogar bis in seine Träume wenn er vor Erschöpfung doch einschlief.

Die Männer wurden in die Baracken geführt und mussten ihre Kleider ablegen. Sie protestierten, versuchten sich zu wehren, aber ihre Versuche wurden mit Peitschenhieben und Schlägen bestraft. Hoseok schob sich das kleine Glückssäckchen und die Stierkette in einem unbeobachteten Moment in den Mund. Niemand bemerkte das und als die Männer damit begannen ihre Kleider nach wertvollen Dingen zu durchsuchen und dann zu beschlagnahmen, wurde er aus dem Raum geschoben ohne dass sein Geheimnis aufflog.
Man gab ihnen neue Kleider. Einfache, teils zerrissene Hemden und Hosen und legte ihnen Halsbänder an. Ihre Füße wurden mit Eisenringen umschmiedet, die an einer kurzen Kette miteinander verbunden waren. Dann bekam jeder einen Hammer und einen Pickel. So ausgerüstet führten die Aufseher die Gruppe zum Berg. Hoseok versteckte das kleine Beutelchen in seiner Tasche. Es war nun alles was ihn noch an Jimin und Ari erinnerte. Alles was von seinen Lieben noch übrig war, lag nun in diesem kleinen Samtsäckchen. Jimins letzter Liebesbrief, eine Strähne seines goldenen Haares, das Hoseok sich für Ari gewünscht hätte und die kleine Stierkette. Hoseok fragte sich schmerzlich was mit Jimins Kette geschehen war. Ob Lord Avonsis sie auf dem Markt für ein paar Münzen verkaufte oder gar fortwarf? Der Gedanke ließ ihm übel werden.

Die Männer wurden zusammengekettet und unter die Erde gebracht. Dann schloss jemand das Tor zum Stollen hinter ihnen.
,,Von nun an seid ihr tote Männer." sagte der Aufseher als er sie durch einen langen Minenschacht in den Berg führte. ,,Ihr werdet das Tageslicht nie mehr wiedersehen. Folgt unseren Anweisungen und tut fleißig eure Arbeit, dann werdet ihr keinen zu grausamen Tod haben."
,,Ihr könnt uns hier nicht festhalten! Bitte! Ich habe Familie!" flehte einer der Männer. Die anderen stimmten mit ein, aber der Aufseher ging nicht darauf ein. ,,Macht euch besser nicht die Mühe entkommen zu wollen." sagte er nur kalt. ,,Ihr würdet es nicht weit bringen. Der ganze Stollen ist gesichert von bewaffneten Wachen. Ihr würdet sterben ehe ihr nach draußen kämt."
Hoseok umklammerte das Säckchen in seiner Tasche fester. Wenn das hier sein Ende war, dann wollte er es schnell hinter sich bringen. ,,Bald bin ich bei euch." dachte er im Stillen und eine Träne rollte ihm über die Wange.
Der Aufseher führte sie hinab in den Berg. Es gab vier Ebenen mit jeweil endlos vielen Gängen. Überall waren bereits hunderte Sklaven an der Arbeit und schürften Erz. Ihre Halsbänder waren mit Ketten an eine dicke Eisenstange an der Decke befestigt, sodass sie sich nicht von ihren Arbeitsorten fortbewegen konnten. Im ganzen Berg war es schrecklich heiß und stickig. Die Luft war erfüllt von Staub und Dreck und bis auf ein paar wenige Fackeln an den Arbeitsstätten war es völlig dunkel. ,,Achtet auf eure Schritte. Hier wird euch niemand helfen, wenn ihr fallt und euch etwas brecht." Man hörte den Aufseher kaum über den Lärm hunderter Pickel und Hammer, die unermüdlich auf Stein geschwungen worden. Langsam schoben sie sich durch die engen Gänge. Vorbei an den elenden, schmutzigen Gestalten der Sklaven. Viele der Männer waren verletzt. Sie alle waren erschöpft und abgemagert von der pausenlosen Arbeit und mehr als einmal erblickte Hoseok eine Leiche zwischen den Felsen.
In jeder Ebene ließ der Aufseher zwei von ihnen zurück. Er löste sie aus dem Ring an den sie alle gekettet waren und übergab sie den dortigen Aufsehern.
Hoseok kam mit den zwei letzten Männern, darunter auch jener, der sich auf der Reise um ihn zu kümmern versucht hatte, auf die unterste Ebene. Hier war so heiß, dass man kaum atmen konnte und es war noch dunkler als in den oberen Ebenen. Der Aufseher nahm sie grinsend entgegen.
,,Frischer Nachschub? Ich nehme also an die Königin hat die Zinatonen besiegt?" Er prüfte seine neue Ware. ,,Etwas mager, aber ihren Dienst werden sie tun. Bring sie zu John, er teilt sie ein. Ich muss jetzt nach oben. Meine Schicht ist vorbei."
Damit ging er an ihnen vorbei.
Ihr Aufseher zog an ihren Ketten und führte sie tiefer auf die Ebene. Dort trafen sie den Mann namens John, der sie auf ihre Posten brachte. Er brachte sie an ihre Arbeitsstellen ganz hinten im Stollen und kettete sie an die dicke Stange an der Decke. ,,Und nun schwingt die Pickel! Die Ader geht nach Osten in den Berg. Ihr werdet ihr folgen und den Weg ausschürfen. Ich will drei Meter am Tag sehen, sonst werdet ihr die Hölle auf Erden zu spüren bekommen. Er schwang seine Peitsche und die Männer duckten sich hastig. ,,Und glaubt nicht, dass ihr euch ausruhen könnt. Wenn ich einen ausruhen sehe, bezahlt ihr alle dafür!"
Damit drehte er sich um und hängte seine Fackel in einen Ring in der Wand. ,,An die Arbeit! Ich komme in ein paar Minuten mit John wieder und schaue mir euren Fortschritt an!"
Damit verließ er sie und die Männer sahen einander an. ,,Wir können hier nicht bleiben." sagte der eine gedämpft. ,,Jano, wir müssen weg hier! Nach Hause." ,,Aber wie?" sagte der andere mutlos. Es war jener, der sein Essen mit Hoseok hatte teilen wollen. ,,Es sind zu viele Wachen und wir sind nur zu dritt."
,,Wir müssen uns etwas einfallen lassen. Vielleicht beim Wachwechsel oder wenn die Schicht endet." ,,Es wird kein Schichtende geben." Hoseoks Stimme war rau und kratzig als er sprach. ,,Habt ihr das nicht begriffen? Wir werden hier arbeiten bis wir sterben. Also sollten wir damit anfangen."
Er ergriff seinen Pickel und trat zur Wand. Seine Arme zitterten vor Schwäche als er das Werkzeug hob und auf den Stein niederfahren ließ. Steine sprangen ihm entgegen und er kniff die Augen zusammen.
Die beiden Männer sahen ihn zweifelnd an. ,,Wie könnt ihr das einfach akzeptieren? Wir können doch nicht hier bleiben! Wir müssen zurück! Zu unseren Familien! Wie könnt ihr euch nur so einfach mit dem Gedanken abfinden hier zu bleiben und zu sterben? Warum gebt ihr so einfach auf?" sagte Jano. ,,Meine Frau erwartet unser Baby! Habt ihr denn niemanden, den ihr wiedersehen wollt?"
Hoseok warf ihm einen kalten Blick voller Schmerz zu. ,,Ihr werdet sie nie wieder sehen!" sagte er zornig. ,,Begreift es doch! Ihr seid tot für sie!"
Jano sah ihn erschrocken an. Noch nie hatte er den Fremden so sprechen hören.
,,Aber wenn ihr noch glauben habt, so geht dem denn nach!" setzte Hoseok wütend hinterher. Er war blind vor Zorn auf den Mann. ,,Lauft zurück in ihre Arme! Lasst euch töten auf dem Weg dorthin! Ein Narr seid ihr, dass ihr glaubt das zu schaffen! Aber wer ist kein Narr, wenn er noch um jemanden weiß, der auf ihn wartet!" Bitter hob er erneut den Pickel. ,,Geht denn! Geht und sterbt! Alle beide! Vielleicht begegnet ihr im Tod eurer Familie! Oder wen auch immer ihr wiedersehen wollt! Dann bin ich euch los!"
Die Männer sahen ihn völlig entsetzt an. Nie hätten sie gedacht, dass der schweigsame, traurige Fremde zu solchen Wortn fähig wäre. ,,Mein Freund… es war nicht meine Absicht euch zu kränken." begann Jano, aber er wurde von dem Knallen einer Peitsche unterbrochen. Das Leder sauste auf ihn herab und Jano keuchte auf, als er nach vorn stolperte. ,,Was steht ihr hier rum?!" der Aufseher stand hinter ihnen, das Gesicht vom Zorn verzerrt, die Peitsche erhoben. Er ließ sie auf Jano niedersausen. Mit einem Klatschen traf sie auf dessen Rücken und der Mann keuchte auf vor Schmerz. ,,An die Arbeit oder ich löse euch das Fleisch von den Rippen!"
Eilig schritten die Männer herzu und hoben die Pickel, aber der Aufseher hatte nicht genug. Er schwang die lange Lederpeitsche und schlug auf einen nach dem anderen ein. In blindem Zorn griff er die Eisenstange an seinem Gürtel und begann auf die Männer einzuprügeln. ,,Ich werde euch lehren was es heißt hier herumzustehen! Faules Pack! Ich zertrümmere eure Rippen!"
Voller Zorn schlug er mit dem Metallstab und der Peitsche wieder und wieder auf sie ein.
Hoseok biss die Zähne zusammen. Er gab sich alle Mühe den Pickel zu heben und in das Gestein zu schlagen, aber der Aufseher ließ ihn nicht zu Atem kommen. Er schlug ihm den Stab in die Seite, prügelte auf seine Rippen ein, dass ihm die Luft wegblieb. Die Peitsche schnitt in sein Fleisch bis Blut hervor trat. Seine Rippen knackten unter den heftigen Schlägen und er meinte sie müssten brechen so voller glühendem Schmerz waren sie. Er krümmte sich unter den Schmerzen, aber der Aufseher hatte kein Erbarmen
Es schien eine Ewigkeit zu dauern bis er von ihnen abließ und Hoseok wären beinahe die Knie weich geworden vor Schwäche. Er vermochte kaum seinen schmerzenden Körper zu bewegen. Er spürte wie ihm das Blut den Rücken hinunter lief. ,,Und nun macht weiter! Oder ich schneide euch ein paar Bilder eurer Heimat mit Messern ins Fleisch!"
Die drei geschundenen Männer gehorchten. Ihre Kleider waren zerfetzt und Blut durchtränkt. Eine von Janos Rippen war gebrochen und er konnte kaum atmen. Aber er zwang sich dazu weiter zu hacken. Wenn er hier irgendwie rauskommen und zu seiner Familie zurückkehren wollte, musste er gehorchen und abwarten. Er konnte sie nicht allein lassen! Er musste hier heraus und zurück zu ihnen! Er warf einen mitleidigen Blick zu Hoseok hinüber. Vielleicht konnte er dieser verlorenen Seele helfen. Wenn er ihn nur überreden könnte mit ihnen zu fliehen. Aber er ergriff nun nicht wieder das Wort. Er brauchte jeden seiner gequälten Atemzüge um bei Bewusstsein zu bleiben.
Hoseok konnte kaum stehen und ihm immer wieder schwarz wurde vor Augen. Die Wunden auf seinem Rücken brannten wie Feuer und er wusste sie würden sich in dem Dreck und Staub hier unten bald entzünden. Mit zitternden Gliedern hob er mechanisch wieder und wieder den Pickel, nur darauf konzentriert zu arbeiten, jeden weiteren Fehltritt zu vermeiden. Er dachte an Jimin und fragte sich wie lange es dauern würde bis er ihn endlich wiedersehen durfte. Wie lange würde er arbeiten und dahin schwinden bis sich seine Augen für immer schlossen? Dieser Mine konnte er nicht lebend entkommen. Und der Gedanke dass es vielleicht so etwas wie ein Jenseits gab, in der er Jimin und ihr Kleines wiedersehen durfte, ließ sein Herz schwer werden vor Sehnsucht. Er sah die Beiden vor sich: Im Schatten einer alten Eiche auf einer saftigen Wiese. Der sanfte Sommerwind verfing sich in Jimins goldenem Haar als er zu Hoseok herüber sah. Seine Augen blitzten und er lächelte Hoseok glücklich an. ,,Da bist du ja Liebster! Wir haben auf dich gewartet!" Auf seinen Beinen saß ein kleines Mädchen. Kaum ein paar Monate alt. Ihr dünnes, goldenes Haar wehte in der Brise und sie quietschte glücklich als sie Hoseok erblickte. ,,Schau sie dir nur an!" sagte Jimin. Stolz blickte er auf ihre Tochter hinab. ,,Ihr süßes Lachen! Sie kommt ganz nach dir." Er beugte sich hinab und küsste die kleine Ari voller Liebe auf die Stirn. ,,Komm!" er sah auf und streckte die Hand nach Hoseok aus. ,,Jetzt kannst du sie endlich kennenlernen."
Das Bild verschwand und als er blinzelte, stand er wieder im halbdunkel des Stollens. Tränen liefen ihm nun über die Wangen. Nur einmal, dachte er verzweifelt und wischte sich über die Wange. Wie gern würde ich euch nur noch einmal im Arm haben!




Weiter im Süden öffnete sich zwei Tage nach Hoseoks Abtransport ein paar meeresblauer Augen.
Die Frühlingssonne war ungewöhnlich hell und so wurden sie gleich wieder zusammengekniffen. Der junge Mann stöhnte und legte die Hand über das Gesicht.
,,Guten Morgen." begrüßte ihn da eine entfernt bekannte Stimme. ,,Endlich seid ihr erwacht. Ich hatte schon befürchtet ihr wärt zu weit auf der anderen Seite."
Jimin stöhnte und blinzelte die Augen langsam auf. Als seine Sicht sich schärfte, sah er tatsächlich in ein bekanntes Gesicht. ,,Taehyung?" fragte er verwirrt als ihm der Name des jungen Mannes wieder in den Sinn kam. ,,Was...was machst du hier?"
,,Euch zu den Lebenden zurückholen." sagte der junge Omega mit einem Lächeln. ,,Ich befürchtete schon ich wäre zu spät."
Jimin sah sich um und erkannte, dass er in Lord Avonsis Zelt lag. Langsam kam ihm wieder in den Sinn was geschehen war.
Entsetzt fuhr er hoch und schlug die Decke zurück. Die Erinnerungen stürzten sofort auf ihn ein und er musste nicht die Hand auf seinen Bauch legen um zu wissen, dass das alles kein Albtraum gewesen war. Diese schrecklich kalte Frühjahrsnacht...sie war tatsächlich real gewesen! Er hatte dort im Käfig gelegen, Hoseok neben ihm und hatte sein Baby verloren! Völlig außer sich starrte er auf seinen viel zu schlanken Bauch. So dünn und athletisch vom Schwertkampf. So als wären die letzten Monate nie passiert! Als hätte er ihr Kleines nie unter dem Herzen getragen! Als wäre Kookie nie-
,,Wo ist mein Baby?" fragte er mit zitternder Stimme.
Tae hielt in seinem Tun inne und sah auf. ,,Taehyung, wo ist mein Baby?!" fragte Jimin eindringlich, aber seine Stimme bebte. Tränen sammelten sich in seinen Augen als Tae immer noch nicht antwortete. ,,Wo ist es?" Er wusste nicht wie er es schaffte die Stimme zu heben. Im Angesicht dieses unendlichen Verlustes verließ ihn jede Kraft. Seine Glieder waren schwer wie Blei und die Welt um ihn herum schien schwarz zu werden. Er vergrub das Gesicht in den Händen und begann zu weinen. Tae musste nichts sagen. Jimin wusste es auch so. Lord Avonsis hatte ihm den Abtreibungstrank untergemischt.
Tae kam zum Bett und legte ihm etwas unbeholfen die Hand auf die Schulter. ,,Ich habe versucht es zu retten, aber es war zu spät. Es tut mir leid."
Es zu hören, die Wahrheit aus dem Munde eines anderen zu erfahren, machte es noch viel schlimmer. Jimin schluchzte verzweifelt auf. Jungkookie! Sein Baby! All die Monate hatte er sich so darauf gefreut es kennenzulernen. Hatte es kaum erwarten können es im Arm zu halten. Hoseok hatte eine wunderschöne Wiege in einem tollen Zimmer für es gebaut. Sie hatten ihren kleinen Krümel schon mehr als alles auf der Welt geliebt, bevor sie ihn jemals gesehen hatten. Und nun war er fort. Grausam ermordet von einem Alpha, den nichts anderes scherte als seine Ehre.
Er rieb sich mit der Hand über den Bauch. Schlank und dünn war er. Nur ein leiser Schmerz erinnerte ihn noch an die Qualen die er in dieser Nacht durchlitten hatte. Er wusste kaum noch wie lange er dort in der Kälte gelegen hatte. Die Schmerzen waren schlimmer gewesen als alles was er je gefühlt hatte und doch hatte er an nichts anderes denken können als sein Baby. Er hatte gefühlt wie seine aufgeregten kleinen Tritte und Bewegungen immer langsamer und schwächer wurden. Sein Baby hatte wie er um sein Leben gekämpft bis es die letzte Kraft verlassen hatte. Er fühlte noch den letzten kleinen Tritt in seine Seite. Schwach war er gewesen und verzweifelt wie Jimin selbst, aber er hatte nichts tun können. Dann war es still geworden und reglos und der Krümel war eingeschlafen. Jimin hatte nur beten können, dass er keine starken Schmerzen gehabt hatte. Aber das Gift war wie Feuer durch seine eigenen Venen geschossen und er befürchtete, dass es dem Kleinen noch schlimmer ergangen sein musste.
Der Gedanke brachte ihn fast um den Verstand. Er konnte Hoseok noch neben sich nach Hilfe rufen hören und am liebsten hätte er seine Hand gehalten, aber er hatte den Arm nicht heben können. Hoseok hatte die ganze Nacht geschrien bis seine Stimme versagte oder Jimin in die Ohnmacht abgeglitten war. Er wusste nicht mehr was zuerst passiert war.
Aber Hobi! Er hielt inne und sah auf. Tae sah ihn überrascht an. ,,Wo ist Hoseok?" fragte Jimin ihn drängend. ,,Wie lange habe ich geschlafen? Haben sie ihn schon geholt?"
Die Miene des jungen Omega wurde noch dunkler. Er senkte den Blick und seufzte. ,,Ich weiß es leider nicht. Am Morgen nach...der Nacht haben die Wachen ihn aus dem Käfig gezogen und weggebracht. Keiner wollte mir sagen wohin. Ich befürchte...sie haben ihn wohl nicht am Leben gelassen. Jedenfalls hat Lord Avonsis das gesagt."
Jimin konnte es nicht glauben. Taes Erklärung darüber wie er versucht hatte die Wahrheit herauszufinden, ging völlig unter. Es rauschte laut in Jimins Ohren. Er hörte nicht mehr was um sich herum geschah. Verzweifelt griff er an die silberne Stierkette an seinem Hals. Voller Entsetzen umschloss er sie mit den Fingern. Hoseok! Sein geliebter Hoseok! Er war tot! Sie hatten ihn umgebracht. So grausam ermordet wie sein Baby! Und er hatte sich nicht einmal verabschieden können.
Er bemerkte gar nicht wie Tae ihn sanft an der Schulter rüttelte. Vor seinem inneren Auge sah er nur wie ein paar Wachmänner mit Hoseok auf eine ruhige Lichtung fuhren und ihm den Kopf von den Schultern schlugen. Er sah wie Hoseoks Körper zu Boden fiel, wie die Männer ihn in eine rasch gescharrte Grube warfen. Der Gedanke, dass er nun allein irgendwo lag und die Tiere sich an ihm zu schaffen machten, ließ Jimin eiskalt werden.

In diesem Moment öffnete sich die Plane des Zeltes und herein trat der Mann, den Jimin am meisten auf dieser Welt verabscheute.
Lord Avonsis hatte ihm alles genommen was er liebte: seine Familie, seine Freiheit und seine Heimat.
Der Zorn überkam Jimin wie aus den Nichts. Heiß wie Feuer brodelte er in seinen Adern auf und von einem Moment auf den anderen war seine Erschöpfung und der Schmerz in seinen Gliedern vergessen. Er schlug die Decke zurück und kam strauchelnd auf die Beine. Kurz wurde ihm schwarz vor Augen und er musste sich am Bett festhalten um nicht zu stürzen. ,,Ihr seid ein abscheuliches Monster!" spie er Lord Avonsis entgegen, die so Stimme kalt und voller Hass wie niemand sie je gehört hatte. ,,Wo habt ihr Hoseok hingebracht? Ihr seid ein wahrhaft kleiner und schwacher Mann, dass ihr eurem Feind nicht einmal einen ehrenvollen Tod gewähren könnt und euch an einem unschuldigen Kind vergreift!" Seine Knie bebten als er sich zwang aufrecht zu stehen und auf den Lord zuzugehen. ,,Ich kann kaum glauben, dass ihr euch an mir rächen wolltet, weil ich eure Ehre als Alpha verletzt hätte. Denn wenn ich euch ansehe, sehe ich weder einen ehrbaren Mann noch einen Alpha vor mir! Ihr seid die kleine Made die ihr zu sein fürchtet! Verkrochen unter den schützenden Fittichen eurer tyrannischen Königin!"
Er wusste selbst nicht woher er den Mut und die Kraft für diese Worte nahm, aber der Schmerz, die Verzweiflung und der Zorn auf den Mann der sein Leben zerstört hatte, weckten ungeahnte Stärke in ihm.
Lord Avonsis baute sich vor ihm auf, sein Blick so schwarz wie ein Gewitterhimmel, seine Züge voller Abscheu und gefährlichem Zorn. Zorn, der Jimin seine Familie und seine Heimat gekostet hatte. Aber er weigerte sich vor dem Lord zurückzuweichen. Entschlossen reckte er das Kinn und funkelte den Lord kalt an. Er hatte nichts mehr zu verlieren. Wenn es seine letzte Tat war diesem Mann zu demütigen, dann mochte es so sein.
Er hatte nichts mehr zu verlieren. Alles was ihm etwas bedeutet hatte, war nun tot.
,,Kleiner Omega!" sagte der Lord mit kaum beherrschter Wut ,,So sprichst du nicht mit deinem Herren!”
,,Ich habe keinen Herren!" sagte Jimin kalt. ,,Und wenn ich einen hätte, wäre es ein Alpha und kein ehrloses Schwein wie ihr!”
Lord Avonsis reagierte zu schnell, als das Jimin ausweichen konnte. Er hob die Hand und schlug ihm ins Gesicht. Jimin wäre beinahe zu Boden gestürzt, so geschwächt war er noch von den Nachwirkungen des Trankes, aber er fing sich in letzter Sekunde und richtete sich wieder auf. Seine Wange brannte und er funkelte Lord Avonsis kalt an als er mit den Fingern darüber strich. ,,Du wirst meine Ehre und meine Herrschaft über dich nicht in Frage stellen. Du gehörst mir Omega! Und für solchen Ungehorsam wirst du bezahlen!"
Jimin funkelte ihn voller Hass an. ,,Ich kann nichts in Frage stellen, dass es nicht gibt! Ihr werdet mich nie besitzen! Für den Rest meines Lebens werde ich gegen euch kämpfen! Und ihr werdet euch wünschen ihr hättet niemals Hand an meine Familie gelegt, hättet sie nie-" seine Stimme zitterte und erstarb, aber Lord Avonsis lächelte nun. ,,Deine Familie...ja, kleiner Omega, ich kenne deine Schwächen. Und ich werde zusehen wie sie dich zerstören." Ein gehässiges Grinsen trat auf seine Lippen als er noch näher kam und sich zu Jimin hinab beugte. ,,Deinen Hoseok...ich habe ihn in den Wald bringen lassen. Meine Männer sind ganz früh mit ihm hinaus gefahren." Jimin erstarrte als er das hörte. Der Lord grinste noch breiter. Mit gesenkter, eindringlicher Stimme fuhr er fort.  ,,Er hat geschrien und gewimmert als sie ihn von dir weg zogen, hat verzweifelt geweint und geschluchzt als jeder Versuch dich zu wecken erfolglos blieb. Ich habe ihn zerbrechen sehen als er glaubte du seist gestorben. Seine feurigen dunklen Augen wurden so leer und stumpf. Meine Männer hatten kaum mehr Mühe mit ihm. Sie haben ihn gefesselt und auf einen Wagen geladen." Er legte die Hände an Jimins Hüfte als der Zorn aus dessen Körper wich und dem Entsetzen Platz machte. Der Prinz bemerkte es kaum. Er starrte nur voller Angst vor sich in, die Hände zu Fäusten geballt, Tränen glitzerten in seinen Augen. Hoseok hatte ihn für tot gehalten?
,,Meine Männer fuhren mit ihm in den Wald. Er hat geweint und um dein Leben gefleht, aber niemand hat ihn erhört. Sie haben ihn zu einer Lichtung mit einem Weiher gebracht und vom Wagen geholt. Da war er schon ganz schwach. Seine Augen waren rot und seine Wangen nass vom weinen."
Eine Träne lief Jimin über die Wange und Lord Avonsis zug den wehrlosen jungen Mann an sich. Jimin regte sich nicht. Er war wie gefangen in seinem Körper, unfähig sich zu rühren als er den Worten des Lords lauschte. ,,Sie haben Steine an seine Füße gebunden. Dann haben sie ihn in den Weiher geführt. Das Wasser war nicht so tief, dass er gleich ertrunken ist, aber er hat gekämpft, Jimin. Er konnte gerade noch aus dem Wasser schauen, aber sie haben ihn unter die Oberfläche gedrückt. Immer wieder und wieder. Ab und zu haben sie ihn hochkommen und Luft holen lassen. Er hat gehustet und gekeucht, dann haben sie ihn wieder unter Wasser gedrückt. Es war ein langes Spiel mit der Angst. Eine Stunde. Dann hatte ihn die ganze Kraft verlassen. Er ist gesunken wie ein Stein, Jiminie. Sie haben ihn kaum herunterdrücken müssen. Nur ein paar Minuten, dann hat er sich nicht mehr bewegt." Er lächelte und näherte sich mit den Lippen Jimins Ohr. ,,Sie haben ihn dort gelassen, kleiner Omega. Nun schwebt seine Leiche dort im Teich und die Fische fressen ihm das Fleisch von den Knochen."
Jimin reagierte kaum als die Hände des Lords sich auf seinen Bauch legten. Er sah zum Zeltdach als könnte er die Götter im Himmel um Hilfe bitten, Tränen liefen im stumm über die Wangen und er sah Hoseok dort vor sich im Wasser schweben: das Gesicht bleich und leblos, die Kleider zerrissen, Fische fraßen an seinen Gliedern. Er war allein gestorben. In dem Glauben Jimin wäre ebenfalls tot. Über eine Stunde hatte er Todesangst erleiden müssen bis die Männer ihn endlich hatten sterben lassen. Und nun war der Weiher im Wald zu Hoseoks nassem, kalten, einsamen Grab geworden. Er konnte sich gar nicht vorstellen wie verzweifelt sein Liebster gewesen war. Fest in dem Glauben alles verloren zu haben, das er liebte.
Er brachte kein Wort heraus. Nur die Tränen hörten nicht auf zu fließen. Wie hatte dieses Schwein ihm das antun können? Und wie hatte er selbst nichts bemerken können als Hoseok von ihm weggeholten worden war? Warum war er nicht erwacht? Hatte nichts getan um seinen geliebten Gefährten zu trösten? Warim hatte er ihn nicht wissen lassen, dass nicht alles verloren war?

Lord Avonsis lächelte noch immer gehässig als er sich von Jimin löste. ,,Was dein Baby angeht….es ist hier."
Er ging zum Tisch und nahm zwischen Taehyungs Heiltränken und Arzneimitteln ein kleines Bündel hervor, dass Jimin zuvor nicht bemerkt hatte. Tae sah den Fürsten ausdruckslos an als dieser zu dem noch immer reglosen Jimin hinüber kam und ihm das kleine Bündel entgegen hielt.
Jimin hörte das Blut in seinen Ohren rauschen. Er wollte da nicht hinsehen, musste nicht mit eigenen Augen sehen was er ohnehin schon wusste, aber sein grausamer Verstand, der nicht begreifen wollte, dass ihm wirklich alles genommen worden war, zwang ihn dazu den Blick auf das Bündel zu senken.
Lord Avonsis grinste als er das Tuch zurück schlug.

Jimin keuchte als er sah was der Stoff dort preisgab. Mit einem Wimmern taumelte er zurück und schlug sich die Hände vor den Mund. Er kniff die Augen zusammen und Tränen liefen ihm über die Wangen als er auf die Knie sank. ,,Nein! Nein, das kann nicht sein! Ihr seid ein Monster! Nein-" stammelte er, unfähig zu begreifen was seine Augen ihm gezeigt hatten. Sein ganzer Körper zitterte und ein lautes Schluchzen zerriss seine Kehle. ,,Nein! Nein! Das ist nicht wahr! Es ist nicht-"
Lord Avonsis kam auf ihn zu, hielt ihm das kleine leblose Bündel unter die Augen. Es war fast so groß wie ein Neugeborenes, aber die Haut war aschfahl und bläulich. Das Gesicht war vorhanden, die Augen und die Nase, die Lippen und Ohren. Die kleinen Hände waren verkrampft, die winzigen Beinchen an die Brust gezogen. Es war kalt und steif und roch nach verrottendem Fleisch.
,,Da ist sie!" sagte der Lord mit honigsüßer Stimme. ,,Du hast eine Tochter geboren. Schau wie unschuldig und klein sie ist." Er grinste und drehte das tote Baby in der Hand. ,,Ein Glück hast du dir das Mädchen für deinen Hoseok aufgespart. Von mir wirst du nur Söhne bekommen. Starke Alphas!"
Mit einem verzweifelten Schrei stieß Jimin den Lord von sich. Er konnte nicht glauben was er da sah, wollte nicht wahrhaben, dass dieses blutige kleine Wesen seine Tochter war. Sein Krümel! Seine Ari!
Mit einem Schluchzen kauerte er sich zusammen, vergrub das Gesicht in den Händen. Nein! Nein das war doch unmöglich! Sein Baby!
Sein Bauch begann zu schmerzen als hätte er noch immer das Gift im Körper. Er presste die Hände darauf und weinte. Wie konnte es sein? Wie konnten die Götter solche Grausamkeit zulassen? Alles hatte er getan um ihre Familie zu beschützen und nun waren sie tot! Hoseok trieb auf dem Grund des Weihers und sein kleines Mädchen, sein geliebtes Krümelchen, lag dort in dreckigen Lumpen. Ihr Anblick hatte sein Herz entgültig zerbrechen lassen. Es war wie ein Beweis: seine Familie war wirklich tot. Grausam ermordet aus Machtgier und Rachelust.
Er schluchzte auf. Alles lag vor ohm in Scherben und er spürte das Herz in seiner Brust zerbrechen.

Lord Avonsis rappelte sich auf und rief die Wachen. Mit einem verächtlichen Blick auf den vom weinen geschüttelten Jimin befahl er ihnen ihn zu fesseln und nach draußen zu bringen. ,,Ich will dass er aufrecht steht und sorgt dafür, dass er mich nicht aus den Augen lässt!"
Die Männer gehorchten. Während sie Jimin fesselten, verließ Lird Avonsis das Zelt. Simor stand reglos daneben und betrachtete den schluchzenden Prinzen mit unverhohlener Abscheu und angewiderter Neugier. Er hatte noch nie jemanden so weinen sehen. Offenbar hingen die Menschen sehr an ihren Kindern. Eine Neigung, die er nicht nachvollziehen konnte. Langsam folgte er den Männer und Jimin nach draußen. Von weitem kam schon der Lord auf sie zu.
Tiberias hatte seine beiden Jagdhunde an der Kette. Die wolfartigen, großen Tiere gingen mit tropfenden Lefzen und gierigen Blicken neben ihm her. Sie erwarteten eine Aufgabe und frisches Futter.
Er führte sie zu Jimin herüber, dessen Augen sich vor Entsetzen weiteten. ,,Sorg dafür, dass er zusieht, Simor!"
Der Magier gehorchte widerwillig. Er wisperte Jinin zu wie leid es ihm tat und legte dann einen Zauber über ihn, damit er nicht wegsehen konnte.
Mit einem Grinsen machte Lord Avonsis seine Hunde los und befahl ihnen sich neben ihn zu setzen. Die Kreaturen gehorchten brav. Ihre Blicke blieben fest auf ihren Herren geheftet. Dieser griff in seinen Umhang und nahm erneut das kleine Bündel heraus. Mit einem gehässigen Lächeln hielt er es dem entsetzten, zitternden Jimin entgegen.
,,Willst du dich nicht verabschieden?" fragte er gespielt mitleidig. ,,Ich hörte ihr Omegas hängt an euren Kindern. Auch an den Töchtern."
Jimin sah ihn völlig geschockt an. Tränen sammelten sich wieder in seinen Augen. ,,Bitte!" wisperte er mit rauer Stimme. ,,Habt doch Gnade! Ich flehe euch an! Tut mit mir alles was ihr wollt! Ich werde euch gehorchen! Ich werde alles tun um euer würdiger Sklave zu sein und euch alle Söhne zu gebären die ihr wünscht. Aber bitte...bitte tut das nicht! Bitte gebt sie mir! Lasst mich sie begraben! Ich flehe euch an!"
Der Lord lächelte sanft. .,So ein braver Omega. Ich dachte gar nicht, dass du so mit mir reden kannst." Er strich dem toten Baby über die Wange. ,,Aber du musst verstehen Jimin: Wir sind im Krieg. Gräber auszuheben kostet so viel Zeit und die Kraft unserer Männer. Und dieses kleine Baby hier hat schon Maden in den Ohren und den Augen. Ich kann nicht zulassen, dass es dich krank macht, wenn du es hälst. Lass mich dafür sorgen, dass es dir nicht länger zur Last fällt. Meine Hunde sind ohnehin hungrig."
Er wickelte die kleine Ari aus ihrem Tuch und Jimin begann an seinen Fesseln zu ziehen. Die tränennassen Augen fest auf seine kleine Tochter geheftet, wehrte er sich mit aller Kraft gegen die Fesseln. ,,Nein! Bitte habt doch ein Herz! Bitte lasst sie mir doch!"
Aber Lord Avonsis lächelte nur höhnisch. ,,Luin! Bea! Fasst!"
Er warf den kleinen Körper zu Boden und seine Jagdhunde stürzten sich darauf. Mit lautem Kläffen und Knurren machten sie sich über das kleine Mädchen her, zerfetzten das Baby mit ihren Zähnen. Jeder bekam ein Ende zu fassen. Luin den Körper und Bea den Kopf. Mit einem Knurren begannen sie zu ziehen, malmten mit den starken Kiefern, schüttelten die Köpfe und ruckten in verscheidene Richtungen bis Ari an ihrem Hals zerrissen wurde.
Jimin schrie auf vor Schmerz als er mit ansehen musste wie die grausamen Biester sich über sein Baby her machten und es mit wenigen Bissen verschlangen. Er fiel auf die Knie, starrte mit Entsetzen und Schmerz auf die Hunde, die das Fleisch von den kleinen Knochen leckten und sich laut fiepend und knurrend um die letzten Fetzen stritten. Ein kleiner Schädel, leer von Fleisch und Augen rollte über das Gras, bevor Bea kam und ihm mit ihren kräftigen Kiefern entzwei biss.
Fiepend kaute sie darauf herum und leckte die letzten Blutstropfen ab bis Luin kam und ihr die andere Hälfte stahl. Es dauerte nur ein paar Sekunden. Dann war von Ari nichts weiter übrig als ein paar Tropfen Blut im nassen Gras.
Es war Jimin als hätten die Hunde ihm selbst das Herz aus der Brust gerissen. Mit einem verzweifelten Schrei voller Schmerz und Trauer und unendlichem Leid brach er auf dem Gras zusammen. Niemand kümmerte sich um ihn als er bitterlich zu weinen begann und die Hände in die nasse Erde krallte. Und keiner der unstehenden Soldaten warf ihm mehr als einen mitleidigen Blick zu. Zinaton war noch nicht gefallen, aber für die wenigen Wochen der Freiheit hatten Ari und Hoseok den höchsten Preis gezahlt. Zurück blieb nur Jimin, gefangen in den Kleuen eines Monsters und zerbrochen an dem Schmerz um seine tote Familie.








Simor hatte sich noch nie so intensiv um einen Menschen gekümmert. Er empfand nichts als Abscheu und Befremdlichkeit ihnen gegenüber und am liebsten hätte er sich dauerhaft von ihnen fern gehalten. Aber wegen seiner Zauberkräfte und Lord Erions dringlichen Bitten war er gezwungen sich in den folgenden Tagen um den völlig aufgelösten Jimin zu kümmern. Einen Umstand den Lord Avonsis leider einfach akzeptierte.
Nachdem der Lord Jimins Baby vor seinen Augen an die Hunde verfüttert hatte, die es in tausend Stücke gerissen hatten, war Jimin schreiend vor Schmerz zusammengebrochen. Die Wachen hatten ihn zurück ins Zelt gebracht und Simor hatte den Rest des Abends damit verbracht den Menschen zu beruhigen. Aber Jimin hatte kaum auf ihn reagiert. Stundenlang hatte er gewimmert und geschrien und geweint. Ein Weinkrampf nach dem anderen durchlitten und Simor hatte schließlich entnervt aufgeben wollen - zum Teufel mit seiner Hilfe dem Ritterorden gegenüber, da waren Sir Robin und Sir Owen aufgetaucht. Die beiden hatten sich im Schutz der Dunkelheit zu ihm geschlichen, ihn dankend abgelöst und gemeint er möge sich stärken. Mit einem Schnauben war er verschwunden. Wenn er nicht sein Gesicht als Helfer der Ritter und zugleich Diener Der Königin zu wahren hätte, hätte er diese widerlichen Menschen schon lange wieder verlassen. Aber er brauchte sie. Und er musste Jimin helfen, damit die Ritter nicht auf den Gedanken kämen er stünde auf Yikyungs Seite. Es war so anstrengend all diese Masken aufrecht zu erhalten, wenn er diese Menschen am liebsten alle im Feuer brennen lassen würde, aber er hatte keine Wahl. Er brauchte sie noch, wenn er endlich frei sein wollte. So presste er ein paar falsche Tränen hervor und entschuldigte sich wortreich bei dem leer vor sich hin starrenden Jimin dafür, dass er ihn entführt und ihn gezwungen hatte mit anzusehen wie seine Tochter zerrissen wurde. Der Prinz sah nicht aus als höre er ihm zu, aber es war Simor egal. Er musste nur dafür sorgen, dass der Prinz ihn nicht hasste, denn er könnte ihm eines Tages noch nützlich sein.
So blieb er an Jimins Seite, erzählte ihm wie er wirklich hieß und versuchte den völlig zerbrochenen jungen Mann wieder zusammenzuflicken. Er hatte wenig Hoffnung für ihn. Jimin aß und trank nicht. Alles was er zu sich nahm, erbrach er wieder. Er fieberte so stark, dass er halluzinierte und sein Gemütszustand schwankte zwischen Leere mit stumpfen an die Wand starren und völlig verzweifelten Weinkrämpfen. Schlafen war ihm nicht möglich und wenn doch, erwachte er schreiend aus Albträumen. Sein vom Gift geschwächter Körper konnte seinen brechenden Geist nicht mehr halten. Während Jimin innerlich zerfiel, schwand sein Körper innerhalb weniger Tage dahin. Es wäre ein herzzerreißendes Bild gewesen, wenn Simor sich nur irgendwie dazu bringen könnte Mitleid oder Zuneigung für den Menschen zu empfinden, der ihm aufgedrängt worden war und der ihn mit seinen unkontrollierten Emotionen anekelte.
Schließlich war er unheimlich froh als Lord Avonsis, der allmählich genug davon hatte jedes Mal wenn er sein Zelt betrat ein an Trauer zerbrechendes Bündel Elend zu sehen, Jimin in einen der Käfige werfen ließ und Simor von seiner Pflege befreite. Er genoss es ihn los zu sein. Umd natürlich tat er so als würde er des Öfteren heimlich zu ihm schleichen und ihm helfen, denn das taten auch die Ritter. Aber insgeheim war er froh, dass der Prinz ihn nichts mehr anging.
,,Es ist nur ein Baby." murmelte er ungehalten als er sah wie die Ritter sich unauffällig zu Jimins Käfig schlichen. ,,Die gibt es wie Sand am Meer auf der Welt."





Während Yikyung in den folgenden Tagen südwärts zog um Lirend einzunehmen,
war niemand der kleinen Gruppe Reisender gewahr, die sich im Norden durch das Junkai-Gebirge schlugen. Seit Wochen waren sie nun in eisigen Höhen und tief verschneiten Tälern unterwegs. Die steilen Aufstiege und eisigen Hänge, dazu der eisige Wind und die ewige Kälte hatte die kleine Gruppe enger zusammenrücken lassen. Für Yoongi war es Himmel und Hölle zugleich. Sein Himmel, weil Seokjin ihm so nahe war wie selten, ihn umsorgte und ihm seinen Mantel gab. Hölle, weil er Namjoon ebenso nicht aus den Augen ließ. Wie immer ging sein Prinz, dank göttlichem Blut unbeeindruckt von Kälte und Wind, in dünnen Kleidern an der Spitze der Gruppe, während Namjoon und Yoongi frierend und mit blauen Zehen hinterdrein stapften und sich Seokjins Kleider teilten. Der Weg war hart und beschwerlich und sie konnten nur selten reiten, weil die Aufstiege zu steil und die versteckten Pfade, die sie entlang gingen, zu schmal waren. So führte jeder sein Pferd hinter sich her.
Das hielt Seokjin nicht davon ab, Yoongi und Namjoon im Auge zu behalten. Er war stets zur Stelle wenn sie im Schnee stecken blieben. Wenn sie abrutschten, hielt er sie sicher auf den Beinen und an den steilsten Hängen bildete er das Schlusslicht um sie nicht zu verlieren. Je weiter sie die Berge überschritten, desto sanfter und fürsorglicher schien er zu werden. Yoongi genoss es, wenn Seokjin ihm den Umhang um die Schultern legte, ihn vor seiner Brust zu band und ihm über die kalte Wange strich. ,,Bald sind wir hier raus." versprach er dann und Yoongi nickte überzeugt. Es wäre ihm gleich wenn sie noch hundert Jahre durch diese Eislandschaft gehen müssten. Solange Seokjin bei ihm war, konnte er sich keinen Ort vorstellen an dem er lieber wäre.
Manchmal konnte er sich nicht rechtzeitig auf die Zunge beißen und diese Worte herunter schlucken. Dann schenkte Seokjin ihm eines seiner selten gewordenen Lächeln und sein Herz pochte ihm so heftig gegen die Rippen, dass es schmerzte. Namjoons missbilligende Blicke ignorierte er gekonnt. Simor hatte Recht. Yoongi würde sich nicht schlecht fühlen, wenn er seinen Greifen zum lächeln brachte.
Ihm war nicht entgangen wie nachdenklich sein Greif geworden war. Es machte ihm große Sorgen.
Mehrmals hatte er versucht Seokjin auf sein Grübeln, seine schlaflosen Nächte und die wiederkehrenden Albträume anzusprechen, aber sein Prinz verschloss sich vor ihm und gab nichts preis. Auch nicht Namjoon gegenüber wie Yoongi zufällig feststellte als er die beiden abends am Feuer reden hörte. Das bereitete ihm Genugtuung, aber es machte ihm auch noch mehr Sorgen. Seokjin hatte sich noch nie leicht geöffnet, aber es war besser geworden in den vielen Jahren, die sie sich kannten. Dass er nun so hartnäckig schwieg, war kein gutes Zeichen. Etwas musste ihm schwer zu schaffen machen.
So begann er zu überlegen wie er Seokjin helfen konnte. Genug Zeit hatte er, wenn sie stundenlang über verschneite Pfade stapften. Aber noch hatte er keinen wirklichen Plan ersonnen.
,,Passt auf!" rief Seokjin ihm da durch den heulenden Wind zu. ,,Der Pfad wird enger. Nicht dass ihr abrutscht!"
Yoongi griff die Zügel seines Pferdes fester und seufzte. Seit heute Morgen gingen sie durch eine sehr schmale Klamm. Rechts von ihnen war ein tiefer, reißender Fluss, der sich mit brausen und tosen durch die enge Schlucht stürzte. Die Luft war erfüllt mit Wassertröpfchen, die an ihren Haaren und den Mähnen der Pferde gefroren. Es war bitterkalt. Yoongi konnte seine Hände nicht mehr fühlen, aber er ging schneller um hinter Seokjin zu bleiben. Namjoon folgte ihnen.
Tatsächlich stieg der Weg die nächsten Meter an und wurde noch schmaler. Der Boden war glitschig und von Eis bedeckt. Yoongi wickelte die Zügel seines Pferdes um sein Handgelenk und ergriff dessen Mähne um sich festzuhalten. Nur langsam kam er voran und musste den Boden im Auge behalten um an keine falsche Stelle zu treten.
Sein Pferd ging hinter ihm. Es schien zu spüren wie vorsichtig Yoongi war, aber der Pfad war für vier Hufe einfach zu schmal. Es kam was kommen musste. Yoongis Pferd trat auf eine rutschige Stelle am Rand des Pfades und rutschte ab. Überrascht riss es den Kopf hoch und wieherte auf. Dann geschahen mehrere Dinge zugleich.
Yoongi drehte sich nach seinem Hengst um, im selben Moment hörte er Seokjin hinter sich seinen Namen rufen.
Bevor er irgendwie reagieren und seine Hand aus den Zügeln befreien konnte, verlor sein Pferd den Halt und stürzte über den Rand. Bevor er irgendwie reagieren konnte, wurde Yoongi mitgezogen. Er hörte einen erschrockenen Schrei und realisierte, dass es sein eigener war. Dann wurde er auch schon über den Rand gerissen.
,,YOONGI!" schrie Seokjin.

Er wusste nicht wo oben und unten war. Zusammen mit seinem Pferd stürzte er den Hang hinab, unfähig den rasenden Fall aufzuhalten. Er versuchte mit der Hand sich irgendwo festzukrallen, einen Ast oder Strauch zu erwischen, aber der Schwung war so groß, dass er jedes Mal wieder loslassen musste. Dann prallte er mit dem Kopf auf einen der Steine. Für eine Sekunde wurde alles um ihn schwarz, dann landete er in den reißenden Fluten.

,,Yoongi!" schrie Seokjin entsetzt. Er ließ sofort Quints Zügel los und stürzte Yoongi nach. Namjoon tat es ihm gleich. Gemeinsam rannten sie den Hang hinter, stolperten und rutschten auf dem Geröll, stürzten und rappelten sich wieder auf. Namjoon hatte geistesgegenwärtig ein Seil von Rabias Sattel ergriffen und begann eine Schlinge zu binden, während Seokjin in die Fluten sprang. Rasch schwamm er mit dem Strom, Yoongi hinterher. Das Wasser war eiskalt, aber er sah nur wie Yoongi immer weiter mitgerissen wurde.
Sein Pferd versuchte kläglich zu schwimmen, aber es schien verletzt und hatte keine Chance gegen die reißende Strömung. Es wurde flussabwärts getrieben und unter die Wasseroberfläche gezogen.
Die Zügel waren gerissen als sie an einem Stein hängen blieben, so war Yoongi frei gekommen, aber während sein Pferd ums nackte Überleben kämpfte, hatte Yoongi durch den heftigen Schlag an de Kopf das Bewusstsein verloren. Der Fluss riss ihn unaufhaltsam mit sich, wirbelte ihn unter die Oberfläche und schleuderte ihn gegen die Steine und Felsen in seinem Bett.
Seokjin konnte nicht mithalten. So schnell er auch schwamm, Yoongi schien sich immer weiter zu entfernen. Weiter unten in der Klamm kamen Stromschnellen und Stufen im Flussbett bevor die Wassermassen sich über eine Felskante in einem langen Wasserfall in das nächste Tal stürzten. Wenn Yoongi dorthin kam, war es unmöglich ihn zu retten, als biss Seokjin die Zähne zusammen und schwamm schneller. Die Strömung riss ihn mit sich und warf ihn gegen die Felsen, aber er bemerkte den Schmerz nicht. Die Angst um seinen besten Freund nahm sein ganzes Denken ein.
Es schien eine Ewigkeit zu vergehen in der er verzweifelt versuchte Yoongi einzuholen und nur seinen blonden Haarschopf zwischen den Wellen aufblitzen sah. Dann, endlich, trieb die Strömung Yoongi gegen einen breiten Fels. Der Aufprall war hart und Seokjin verzog mitfühlend das Gesicht, aber der dicke Steinbrocken hielt Yoongi auf. Die Strömung drückte ihn dagegen und endlich konnte Seokjin aufholen. Er kämpfte sich mit langen Schwimmzügen an seinen Freund heran. Kurz bevor er ihn zu fassen bekam, änderte die Strömung jedoch ihre Richtung und trieb Yoongi weiter.
,,Yoongi!" Verzweifelt streckte Seokjin die Hand nach ihm aus, aber er war nicht schnell genug. Yoongi war immer ein paar Meter vor ihm. Mit aller Kraft schwamm Seokjin vorwärts. Dabei sah er sich verzweifelt um, suchte nach einem Ausweg um Yoongi und sich zu retten, doch er fand nichts. Namjoon war einige Meter hinter ihm. So schnell er konnte rannte er am Fluss entlang, aber die Strömung war schneller.
Im Laufen knüpfte er eine Schlinge in das Seil, dass er in Windeseile von Rabias Sattel gezogen hatte. ,,Jin!" schrie er über das tosen des Wassers hinweg. ,,Weiter vorn kommen noch mehr Felsen. Versuch ihn dort zu kriegen. Ich ziehe euch raus."
Seokjin hatte keine Zeit und keine Luft für eine Antwort, denn plötzlich zog ihn eine reißende Strömung rasend schnell vorwärts. Er wurde mit dem Rücken gegen einen Felsen geworfen. Der Aufprall presste ihm die Luft aus den Lungen und er verzog das Gesicht. Mühsam kämpfte er sich um den Stein herum und sah erleichtert, dass Yoongi weiter unten im Fluss an einem Baumstamm hängen geblieben war, der aus dem Wasser ragte.  Rasch schwamm er zurück in die Strömung. Rasend schnell ergriff sie ihn und trieb ihn flussabwärts. Er versuchte sich den Baum zu nähern indem er quer zur Strömung schwamm, aber das Wasser war einfach zu stark. Der Stamm kam immer näher und er streckte die Hand nach ihm aus. Der Fluss riss ihn mit sich, trieb ihn immer schneller darauf zu und schon glaubte er es würde ihn vorbei reißen, doch da bekam er das äußerste Ende des Stammes zu fassen. Fast wären seine tauben Finger an dem nassen Holz abgerutscht, aber er klammerte sich mit aller Kraft daran. Langsam, quälend langsam zog er sich mit aller Kraft gegen die Kraft der Wassermassen an das Holz und zu Yoongi hinüber. Es schien eine Ewigkeit zu dauern in der er seinen Freund dort im Wasser treiben sah, das Gesicht kaum eine Handbreit über der Wasseroberfläche, die Augen geschlossen und noch immer bewusstlos. Dann endlich erreichte er Yoongi und zog ihn an sich. Der junge Ritter war kalt und völlig reglos in seinen Armen. ,,Komm. Ich bring dich hier raus." Er sah sich um und versuchte einen Weg aus dem reißenden Wasser zu finden, da sah er Namjoon am Ufer. Er schwang das Seil und warf es zu ihm in den Fluss. ,,Bind ihm das um. Ich ziehe ihn raus."
Seokjin versuchte das Seil zu erwischen, aber die Strömung trieb es flussabwärts. Zweimal musste Namjoon es noch werfen, dann bekam Seokjin es endlich zu fassen.
Rasch band er es um Yoongis Oberkörper und sicherte es mit Knoten. ,,Zieh!" rief er Namjoon über das Rauschen der Wassermassen zu. ,,Ich helfe dir!"
Namjoon stemmte die Beine in den Boden und begann an dem Seil zu ziehen. Zuerst ging es gut, obwohl die Strömung Yoongi gegen den Baumstamm drückte. Seokjin umklammerte Yoongi mit einem Arm und hielt ihn über Wasser, während er versuchte sich dem Ufer schwimmend zu nähern. Aber der Fluss war breit und tükisch und sobald sie an dem Baumstamm vorbei waren zogen die reißenden Fluten sie flussabwärts. Namjoon glitt das Seil einige Zentimeter durch die Hände, bevor er es wieder zu fassen bekam. Seokjin mühte sich verzweifelt gegen die Strömung anzuschwimmen, aber sie war zu stark. Er musste sich an Yoongi festklammern um nicht abzutreiben. ,,Namjoon!" Das Wasser zog Yoongi und ihn langsam immer weiter den Fluss hinab. Sein Liebster stemmte sich mit aller Kraft in das Seil, konnte sie aber nur gerade so halten. ,,Ich lasse ihn los und versuche mich weiter unten an einem Felsen festzuhalten. Zieh Yoongi raus!"
Oh, wie sehr er wünschte sie könnten die Pferde hier herunter holen. Sie hätten genug Kraft um sie an Land zu ziehen.
Er selbst würde es nicht schaffen mkt Yoongi ans Ufer zu schwimmen.
Das kalte Wasser ließ seine Gliederbtaub werden und allmählich verließ ihn die Kraft. Die Wellen schlugen oft hoch auf, spritzten ihm Wasser ins Gesicht, überrollten ihn und drohten ihn hinab zu ziehen.
,,Nein! Die Klamm geht zu Ende!" rief Namjoon. ,,Da kommt ein Wasserfall. Du würdest ihn herunter stürzen. Halt dich fest! Ich kriege euch da raus!"
Verzweifelt stemmte er sich in das Seil und versuchte die beiden aus dem Wasser zu ziehen, aber es regte sich keinen Millimeter. Die Strömung war einfach zu stark.
Er sah sich verzweifelt nach einer Möglichkeit um das Ende des Seils zu fixieren und entdeckte ein ganzes Stück flussaufwärts Yoongis Pferd. Das Tier hatte sich mit letzter Kraft aus der Strömung gerettet und stand nun mit zitternden Beinen und hängendem Kopf am Ufer. Mit einem Pfiff versuchte er es herbeizurufen, aber es reagierte nicht. Es hob nur ganz kurz den Kopf ein wenig, dann sank es völlig erschöpft zur Erde. Namjoon fluchte verzweifelt. Von Sekunde zu Sekunde schwanden seine Kräfte immer mehr und das glitschige, dicke Seil glitt ihm langsam durch die tauben Hände.
Seokjin sah es und wollte eben das Seil loslassen, als die reißenden Fluten ihm einen Strich durch die Rechnung machten.
Denn es kam ein dicker Ast die Stromschnellen herab. Bevor Seokjin irgendetwas tun konnte, prallte das dicke Stück Holz mit ihm und Yoongi zusammen.  Eine spitze des Astes bohrte sich in seine Seite und eine andere in Yoongis Bauch. Der Ruck war so stark, dass Namjoon das Seil aus den Händen rutschte und in den Fluss fiel.
,,Nein!" erschrocken schrie der Grauling auf, aber es war zu spät. Er bekam das Seil nicht mehr zu fassen und das Wasser riss Seokjin und Yoongi davin. Immer schneller ging es hinab, über Stromschnellen und scharfe Steinspitzen, die ihnen die Kleider und die Haut zerrissen. Seokjin klammerte sich an Yoongi und versuchte sie beide über Wasser zu halten, es gelang ihm jedoch kaum. Immer öfter schluckte er Wasser. Schneller und schneller nährten sie sich dem Ende der Klamm und jeder seiner Versuche einen der Steine oder Äste im Flussbett zu greifen und sich daran festzuhalten schlug fehl. Namjoons Stimme ertönte undeutlich über das Tosen des Wassers zu ihm herüber und er sah ihn einmal am Ufer entlang rennen, aber dann riss das Wasser ihn weiter fort und unter die Oberfläche. Das Ende der Klamm war erreicht, nur ein paar Meter noch, dann kam die Kante des Wasserfalls. Lautes Brausen lag in der nebligen Luft und der Fluss wurde breiter. Der letzte Felsen rauschte an ihm vorbei. Hilflos streckte der den Arm aus dem Wasser, versuchte ihn zu ergreifen, sich irgendwo festzuhalten, aber vergebens. Ein Herzschlag verging und noch einer, dann riss der Fluss sie über die Kante und mit einem erstickten Schrei stürzten Yoongi und er in die Tiefe.

,,SEOKJIN!"
Namjoon schrie verzweifelt auf als sein Liebster zusammen mit Yoongi auf den Wasserfall zu gespült wurden. Die Wassermassen rissen sie in einem Wimpernschlag über die Kante und schon waren die beiden verschwunden. Er hörte nur noch einen erstickten Schrei. Dann war da nur noch das Brausen des Wassers. Fassungslos starrte Namjoon auf die Stelle, an der eben noch Seokjins Hand aus dem Wasser geragt hatte. Er war verloren. Der Fluss hatte ihn genommen. ,,SEOKJIN!" schrie er verzweifelt als könnte er den Fluss allein durch sein Entsetzen dazu bringen anzuhalten und ihm seinen Liebsten wiederzugeben. Aber das Wasser toste unbeeindruckt an ihm vorbei und stürzte sich über die Felskante hinab ins Tal. Er war allein. Seokjin und Yoongi waren von den Wassermassen verschluckt worden. Sicher ertranken sie gerade in diesem Augenblick in den Fluten. Er konnte nicht begreifen was seine Augen ihm als Realität zeigten. ,,Das kann nicht sein!" er fiel am Rande des Flusses auf die Knie und starrte auf den Wasserfalls, der im diesigen Wasserdampf fast unsichtbar war, aber wie der tödliche Schlund eines Monsters durch den Nebel schimmerte. Er konnte noch vor seinem inneren Auge sehen wie Seokjin mit Yoongi darin verschwunden war. Eine innere Stimme sagte ihm, dass sie dieser Todesfalle nicht entkommen konnten. Sie waren fort. Vielleicht schon fast tot. Er schob den Gedanken von sich. Nicht Seokjin. Nicht sein Jin! Er musste doch leben! Ziz würde ihn doch retten! Oder nicht? Er konnte sich nicht mehr rühren. Schwer wie Blei zogen seine Glieder ihn auf die Erde nieder. Alles in ihm fühlte sich leer an. Er konnte einfach nicht begreifen was eben geschehen war.
In einem Augenzwinkern sollte ihm alles genommen worden sein? Unmöglich!
Er starrte mit Tränen in den Augen auf den reißenden Fluss, als plötzlich ein seltsames Vibrieren die Luft ergriff. Der Fluss schien immer langsamer zu fließen. Die Wassermassen wälzten sich nur noch träge über den Rand. Dann schienen sie völlig still zu verharren und ein seltsam prickelndes Gefühl lag auf Namjoons Haut und erfüllte die ganze Luft. Ein Schimmer goldenen Lichts war über den Rand des Wasserfalls zu sehen. Dann zog innerhalb von Minuten ein Sturm am Himmel auf.
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