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[Projekt: Random Plot Generator] (K)Ein friedlicher Friedhof

von Antjenia
KurzgeschichteDrama / P16 / Het
07.08.2020
07.08.2020
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Gehört zum Projekt:[Challenge] Random Plot Generator

Die 'Random Plot'-Vorgaben:
A woman in her eighties, who is very restless.
A young man in his late teens, who can be quite stubborn.
The story begins in a cemetery.
Someone has a stalker.
It's a story about rivalry.

dt.
Eine rastlose Frau in ihren Achtzigern.
Ein sturer junger Mann um die Zwanzig.
Die Geschichte beginnt auf einem Friedhof.
Jemand hat einen Stalker.
Es ist eine Geschichte über Rivalität.

Disclaimer: Die Geschichte hat - wie das bei solchen Kreativprojekten manchmal ist - einen ganz eigenen Lauf genommen und ich bin selber überrascht, welches Ende sie sich ausgesucht hat.



(K)Ein friedlicher Friedhof

Seit 84 Jahren lebte sie in Salthill, neben einem Pub, der seit 84 Jahren derselben Familie gehörte, und in all den 84 Jahren war dies das Einzige, dass sich in ihrem Leben nie verändert hatte. Camira O'Neill hatte schon die halbe Welt bereist, hatte Reisschnaps mit Einheimischen in Laos getrunken, hoch zu Ross die Wüste Gobi durchquert, eine mehrtägige Meditation in einem buddhistischen Kloster absolviert, die Alpen bestiegen, den Yukon mit dem Floss bezwungen. Doch niemals in ihrem ganzen Leben hatte sie solche Angst gehabt wie heute hier.
Sie stand am Grabe ihres Mannes Jackson, der sie die letzten vierundzwanzig Jahre auf ihrem Lebensweg begleitet hatte und erzählte ihm von ihrer Angst. Sie hatte Briefe bekommen. Briefe voller Wahn, voller Hass, Briefe voll mit Drohungen. Vor diesen Briefen hatte sie keine Angst gehabt. Doch heute Morgen war ein Brief durch den Schlitz in ihre Wohnung gefallen, der schlagartig alles veränderte. Der Inhalt unterschied sich von allen vorherigen Briefen. Es war nicht die übliche Computerschrift, die sie empfing. Nein, dieses Mal waren es Fotos von ihr gewesen. Beim Einkaufen. Beim Schwimmen. Beim Umziehen.
Camira hatte niemanden mehr, mit dem sie über die Briefe sprechen konnte. Nur noch Jackson. Auch ihre Freundinnen waren über all die Jahre nie die gleichen gewesen, sie hatte nie so etwas wie 'Freundschaft fürs Leben' geschlossen. Ihre letzte Freundin war vor drei Jahren an Krebs gestorben, nur kurz bevor Jackson überraschend gestorben war. Zu ihren zwei Kindern hatte Camira nur spärlich Kontakt, ihre Enkel kamen meist nur zu Weihnachten einmal vorbei. Grossmutter Camira war ebenso spannend wie sie gruselig war. Stets auf Achse, sogar mit 84 Jahren noch – immer rastlos, auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, nach einer Bestimmung.
Sie hatte sie nicht gefunden. Sie glaubte auch nicht mehr daran.
Erschöpft liess sich Camira etwas tiefer auf ihren Rollator sinken.
"Ich komme bald zu dir, mein Lieber", murmelte Camira und betrachtete mit müden Augen das Grab ihres Mannes. Jackson war das Beste gewesen, dass das Leben ihr geschenkt hatte und sie wünschte sich jeden Tag, sie hätte ihn früher kennengelernt und er wäre später gestorben. Es war selbstsüchtig und trotzdem ihr sehnlichster Wunsch: sie hätte vor Jackson sterben wollen. Er war ihr einziges Zuhause gewesen. Nicht einmal ihr Elternhaus, dass sie geerbt, hatte ihr je dieselbe Wärme geboten.
Das mittlerweile abbruchreife Haus in Salthill war ihr nie lieb genug gewesen, um dazu Sorge zu tragen – aber auch nicht unwichtig genug, um es wegzugeben. Solche Paradoxen zogen sich durch Camira's Leben wie Krokodile durch den Nil schwammen.
"Du fehlst mir", flüsterte Camira und schloss die Augen. Sie könnte sich das Leben nehmen. Wer würde sie schon vermissen?
"Sind Sie Mrs O'Neill?", ertönt da eine Stimme hinter ihr. Camira öffnete nicht die Augen. Vielleicht war es ihr Stalker, der sie jetzt endlich tötete?
"Ist man denn noch eine Witwe, wenn die Liebe bereits gegangen ist?"
"Er war mein Grossvater."
Jetzt öffnete Camira ihre Augen und suchte das Gesicht zur Stimme. Sie wünschte nur wenig später, sie hätte es nicht getan. Der junge Mann, der neben sie getreten war, sah aus wie eine jüngere Version von Jackson. Es war dieses Alter, das Alter des jungen Mannes, indem sie Jackson gerne kennengelernt hätte.
"Sie sehen aus wie er."
"Ich weiss. Er war gutaussehend."
Camira kniff die Augen zusammen. Was für ein seltsamer junger Mann.
"Haben Sie ihn umgebracht?", fragte der junge Mann nun, ohne sich weiter vorzustellen.
"Er ist selber gestorben", antwortete Camira trocken. "Der Glückspilz."
Die Angst, die sie eben noch gespürt hatte, war weg. Stattdessen schien das Herz ihr zu reissen. Der junge Mann war nicht nur ein Ebenbild ihres Geliebten, er war auch charakterlich genau gleich. Keine grossen Worte. Keine grossen Umschreibungen. Nackte Tatsachen, schonungslos ehrlich dargelegt.
"Einfach so? Ich habe Sie beobachtet. Sie sind glücklich", knurrte der junge Mann. Jacksons unverhohlene Wut. Ihr Herz zerbrach.
"Sie haben mir Briefe geschickt."
Er nickte und sah sie jetzt an. Diese Augen.
"Schwören Sie es mir. Schwören Sie mir, dass Sie nichts mit seinem Tod zu tun hatten."
"Ich schwöre es", antwortete sie. "Ich hätte ihn gerne behalten. Ich hätte ihn gerne kennengelernt, als er in ihrem Alter war. Wie alt sind Sie?"
"Neunzehn."
"Ich hätte ihn gerne mit neunzehn Jahren kennengelernt, ich hätte gerne mit ihm all das erkundet, was man als Frau und Mann in ihrem Alter erkundet", sagte Camira, ihre Stimme träge und müde. Dieser junge Mann hatte sie bedroht, dieser junge Mann hatte sie beobachtet – doch alles in ihr fühlte Sympathie zu diesem Nachkomme Jacksons. Vielleicht war es ja Jackson? Jackson, als junger Mann, zu ihr gesandt. Um noch einmal zu leben. Ein letztes Mal.
"Sie hätten ihn nicht verdient", antwortete der junge Mann. "Er ist bei Ihnen gestorben."
"Oh, ich hätte ihm all die Wunder schon früher gezeigt", antwortete sie gelassen. Und jetzt erwiderte sie den Blick des jungen Mannes.
"Sie hätten ihn nicht verdient", wiederholte der junge Mann stur.
Nun lächelte sie. "Doch, doch. Ich kann es dir beweisen."
"Sie sind alt."
"Kommen Sie mit, ich zeige Ihnen die Wunder", meinte Camira nur und erhob sich.
"Sie wollen mit mir schlafen?"
"Ich glaube, nicht, dass du dich das getrauen würdest", antwortete sie mütterlich. Ihr Tonfall, ihr 'Du', die Herausforderung in ihrer Stimme – all das reizte ihn bis ins Unermessliche und sie wusste, er konnte ihr nichts abschlagen. Es war das Abenteuer, das Direkte – er war wie Jackson. Als er schliesslich fragte: "Wo wohnst du?", wusste sie, dass es richtig war. Das Schicksal hatte ihr die Chance gegeben, ihren letzten Wunsch zu erfüllen: Der Wunsch, Jackson schon früher kennengelernt zu haben.
Camira schob ihren Rollator an. "Folg mir."
Das unübliche Gespann trottete schweigend nebeneinander her bis zum Haus in Salthill. Dort öffnete Camira erst die Wohnungstür, dann diejenige zum Schlafzimmer. Der junge Mann zögerte keine Sekunde.
Die Nacht war lang.
Die Briefe waren vergessen.
Die Rivalität war vergessen.
Der Tote war vergessen. Er war wieder da.
Als der junge Mann viele Stunden später das Zimmer verliess, setzte sich Camira an den kleinen Küchentisch. Sie goss sich einen Tee und hockte dort, bis in die tiefsten Knochen mit Ruhe und Zufriedenheit erfüllt. Sie sass lange auf dem kleinen Stuhl, so lange, bis die Tasse ihr aus den Händen fiel, auf dem Boden zerbarst und ihr lebloser Körper mit einer gespenstischen Ruhe auf dem Stuhl zusammensackte.
Zwei Tage später wurde ihr Leichnam neben Jackson beerdigt. Niemand besuchte je ihr Grab.
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