Aingeru Aroha - Dämonenflügel (Band 4)

GeschichteRomanze, Fantasy / P16
07.08.2020
18.10.2020
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07.08.2020 1.713
 
Kapitel 1

Aaron seufzte auf und fuhr sich durch die Haare, als er das Zimmer betrat, das Saori seit Tagen nicht verlassen hatte. Er kam gerade von Tabitha, die recht ruhig gewesen war. Sie freute sich über seine Anwesenheit und sie machte einige Dinge zusammen. Dennoch spürte Aaron immer wieder die unterschwellige Eifersucht und so war er immer erschöpft, wenn er zurückkehrte.

Die Dämonin saß in seinem Zimmer vor einer kleinen Leinwand, auf der sie malte. Zephyr stand neben ihr und staunte, wie feinfühlig Saori die Blumen von draußen darstellte. Aber das war nicht das Einzige dabei.

Sie hatte sogar Zephyr und ihren Bruder Ephraim, den sie eigentlich nur zweimal gesehen hatte, detailgetreu nachgestellt. Wie sich die Geschwister gegenseitig auf der Wiese jagten und glücklich waren. Das war eine Situation gewesen, die Saori erst vor kurzem von Aarons Zimmer aus gesehen hatte. Und diese Bilder hatten sich in ihr Gedächtnis gebrannt.

Myuvi und Ronny, dem es viel besser ging und keinen Verband mehr trug, schleckten andächtig Sahne aus einer Schüssel, die auf dem Boden stand.

Sobald Aaron das Zimmer betrat, drehte sich Zephyr zu ihm um und begrüßte ihn mit einem Knicks. Sie war die meiste Zeit bei Saori gewesen, wenn er bei Tabitha war oder seiner Arbeit nachgehen musste. Die beiden jungen Frauen verstanden sich sehr gut und taten viele Dinge gemeinsam, solange sie sich in dem Zimmer abspielten. Saori hatte den Raum nicht mehr verlassen und hatte auch nicht vor, das in der nächsten Zeit zu tun. Noch immer bekam sie Panik, wenn Leika anklopfte und etwas brachte. Auch wenn es nur das Essen war.

Da Saori gerade vertieft in das Malen war, bekam sie es gar nicht mit, dass der Engel zurückgekommen war. Deshalb erschreckte sie sich auch, als Zephyr seinen Namen sagte und hastig drehte sie sich zu ihm um.

Aaron lächelte sanft. "Lass dich von mir nicht immer so erschrecken", bat er und trat auf Saori zu, um sie auf die Wange zu küssen.

"Entschuldigung. Ich war in Gedanken", gestand sie und stand auf, um genau wie Zephyr leicht zu knicksen. Auch wenn er ihr Geliebter war, so hatte sie Respekt und zeigte es ihm auch. "Das Bild, wie die zwei sich hinterhergerannt sind, war einfach zu süß und ich wollte es so genau wie möglich festhalten."

"Das kann ich verstehen", meinte Aaron, der dieses mit Staunen betrachtete. "Würdest du kurz mit mir hinaus auf den Balkon kommen?", fragte er und strich ihr sanft über den Rücken.

"Ich würde lieber das Bild zu Ende malen", wehrte Saori ab und wandte sich diesem wieder zu. Dass sie eigentlich damit fertig war, sagte sie nicht. Es gab noch ein paar Kleinigkeiten, die sie gerne vervollständigen wollte.

"Dann beende es vorher", stimmte Aaron zu, doch er würde nicht nachlassen.

"Ihr führt etwas im Schilde, Meister", meinte sie und warf ihm einen Seitenblick zu. Die Art, wie er es gesagt hatte, deutete daraufhin.

"Du kennst mich mittlerweile sehr gut", bemerkte er und tätschelte ihren Kopf, bevor er sich in den Sessel setzte, um zu warten.

Saori versuchte, sich weiterhin auf das Bild zu konzentrieren, doch da Aaron etwas vorhatte, konnte sie es nicht mehr. Sie wurde nervös und aufgeregt, sogar ein wenig ängstlich. Warum wollte er auf den Balkon? Nur zum Gießen ging sie dorthin und hielt sich so wenig wie möglich dort auf.

Ihre Hand zitterte, als sie versuchte, eine Blume zu verbessern, doch sie ließ diese nach unten senken und drehte sich zu ihm um. "Ihr habt mich aus der Konzentration gerissen", tadelte sie den Engel.

"Dann komm mit mir, damit du dich danach wieder konzentrieren kannst", neckte er sie und reichte ihr eine Hand.

"Ich will nicht raus", beharrte Saori, als sie die Farbtuben verschloss, damit sie nicht austrockneten. Zudem verstaute sie das Bild, aber auch die Dinge, die sie zum Malen brauchte, im Badezimmer, damit die Katzen diese nicht in die Krallen bekamen.

Als sie fertig war, zog Aaron sie einfach an sich und ging mir ihr kommentarlos auf den Balkon hinaus.

"Lasst mich los", keuchte die Dämonin auf. Ihre blauen Flecken heilten langsam, aber es würde dauern, bis sie komplett verschwunden waren und ihre blasse Haut nicht mehr zierten. Der Riss im Flügel heilte durch die Salbe besser, aber so ganz war er auch noch nicht ausgeheilt.

Saori drückte sich von ihm weg und die Panik kroch in ihr hoch. Sie wollte nicht raus, nicht dorthin, wo sie ungeschützt war.

Allerdings stieg Aaron fast sofort mit ihr hinauf in den Himmel und hielt sie weiterhin fest an sich gedrückt.

Sobald sie den Halt unter den Füßen verlor, krallte sie sich panisch an seiner Tunika fest. Nichts von der Ruhe und Entspannung der ersten Flüge war zu spüren. Saoris Herz klopfte so schnell, dass sie das Gefühl hatte, in Ohnmacht zu fallen. Die Neugier, die sie immer gehabt hatte, war verschwunden und durch Angst ersetzt. Steif hielt sie sich an Aaron fest und hatte ihren Kopf so an seiner Brust versteckt, dass sie nichts sehen konnte. Dazu hatte sie auch die Augen fest geschlossen, um der Panik Herr zu werden.

"Saori", sagte er sanft zu ihr. "Hier oben kann dir nichts passieren", versuchte er sie zu beruhigen.

Das sagte er! Sicher war sie sich darüber nicht. Nirgends war sie wirklich sicher. Ihr Griff wurde nur fester, anstatt lockerer. "Bringt mich zurück", flehte sie in einem heiseren Ton. Oder er sollte sie fallen lassen. Diese zwei Auswahlmöglichkeiten hatte Aaron. Der kalte Wind streifte die schwarzen, samtigen Flügel von Saori, die sie in den letzten Tagen ein kleines bisschen bewegt hatte. Dabei war Zephyr eine Hilfe gewesen, um sie zu stützen, wenn sie durch das leichte Bewegen das Gleichgewicht beinahe verloren hatte.

Nun schien Aaron sie wieder zu manipulieren, damit sie die Flügel so hielt, dass er ruhig fliegen konnte und er flog immer höher und höher, bis er sie plötzlich einfach losließ.

Ein Schrei entwich Saoris Mund, als sie den Fall und den kalten Wind um sich spürte. Kopfüber stürzte sie in die Tiefe und schloss die Augen. Voller Panik konnte sie nicht denken, als der Boden immer näher kam. War das ihr Ende? Die Art, wie Aaron sie loswerden wollte?

Ihre schwarzen Flügel versuchte sie zu bewegen, aber es funktionierte nicht wirklich. Die Flügelspitzen würden nicht ausreichen, um den Fall abzufedern. Saoris silberne Haare, die in der Sonne sogar mehr violett erschienen, flogen ihr um das Gesicht, als sie angestrengt versuchte, die neuen Flügel irgendwie zu bewegen.

Dann spürte sie Aarons Arme, der sie sanft griff und mit ihr wieder hinauf in den Himmel stieg, bevor sie am Boden aufschlagen konnte.

Saoris Mund war trocken vor Angst und sie bekam fast keine Luft mehr. Sie schlang ihre Arme um Aaron, sodass dieser ihr Zittern spüren konnte. Keuchend krallte sie sich an ihm fest. Was bezweckte er nur damit?

"Wieso hast du solche Angst?", fragte er, da er sich noch sehr genau an das letzte Mal erinnerte, als sie das getan hatten. Damals hatte es ihr Spaß gemacht.

War seine Frage wirklich ernst gemeint? Er wusste doch, dass Saori große Angst hatte, seit dem Vorfall hinauszugehen. Das schon allein reichte aus, dass sie sich nicht auf die schönen Dinge konzentrieren konnte. Anstatt zu antworten, hielt sie sich nur noch fester an ihn.

"Sieh dich um", sagte er und es klang fast wie ein Befehl. "Hier sind nur du und ich. Niemand sonst."

Trotzdem schaffte es die Dämonin nicht, ihr Gesicht von seiner Brust zu lösen. Es fühlte sich nicht wie davor an, als sie entspannt und glücklich mit ihm geflogen war. Als sie neugierig die Welt angesehen und gequietscht hatte, wenn er sie fallen gelassen hatte. Damals war das Vertrauen sehr groß gewesen, dass er sie beschützte.

"Lass nicht zu, dass sie dir das nimmt, was dich ausmacht", bat Aaron sie und kurz darauf ließ er sie erneut fallen.

Kopfüber stürzte Saori erneut in die Tiefe. Ihre blauen Augen waren weit aufgerissen, als sie den Boden näher kommen sah. Seine Worte hingen in ihrem Kopf, als ihr Körper anfing, mit aller Macht die Flügel bewegen zu können. Die Versuche waren kläglich, konnte sie nur die Flügelspitzen bewegen.

"Lass nicht zu, dass sie dir das nimmt, was dich ausmacht", hallten Aarons Worte in ihrem Kopf. Er hatte recht! Sie sollte nicht ihre Fröhlichkeit und Neugier verlieren, nur weil jemand sie hasste. Saori wurde von vielen gehasst, das konnte sie nicht ändern. Es würde auch für immer so bleiben. Aber es hieß nicht, dass sie nicht trotzdem das Leben genießen konnte.

Mit einem plötzlichen Willen versuchte Saori, die Flügel zu bewegen, aber das ging einfach nicht. Dafür schaffte sie es zumindest, diese ein bisschen zu strecken. Das führte allerdings dazu, dass ein Schmerz ihren Körper durchfuhr. Es kostete sie viel Kraft und Anstrengung, sie nur ein kleines Stück zu strecken.

Der Wind, der ihr entgegenblies war stark und ihr Körper sehr schwer. Es fehlte ihr an Kraft die Flügel auszustrecken und dennoch spürte sie den Wind in den Federn. Wie dieser sie bewegte und die Flügel sogar ein Stück mit sich zog und so langsam ausbreitete. Jedoch nicht schnell genug, um nicht auf den Boden zu krachen.

Doch da war Aaron, der an ihr vorbeigeschossen kam und sie in der Luft sanft in den Arm nahm. Während sie in die Tiefe stürzte. Doch dabei wurden sie langsamer, bis sie schließlich wieder in den Himmel empor stiegen.

"Ich sollte Euch wirklich dafür hassen, dass Ihr mir ständig Angst mach und mich erschreckt", murmelte Saori erschöpft und mit Schmerzen in ihrem Körper. Sie hatte ihre Arme um Aarons Nacken geschlungen, um sich festhalten zu können.

"Wir hat sich der Wind un den Flügeln angefühl?", fragte er und lächelte leicht. Als wäre Saori überhaupt dazu in der Lage zu hassen.

"Kalt und schmerzhaft", gestand sie. Das war das Erste gewesen, was sie festgestellt hatte. Aber die Kühle war trotzdem angenehm gewesen.

"Deine Flügel sind zwar ausgewachsen, aber du hast noch nicht die Kraft", bemerkte Aaron. "Versuch sie jetzt mit mir auszubreiten."
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