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Holunderblütenwein

Kurzbeschreibung
OneshotFreundschaft, Schmerz/Trost / P12 / Gen
Adrian Pucey Alicia Spinnet Fred Weasley George Weasley
07.08.2020
07.08.2020
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1.935
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07.08.2020 1.935
 
Der Titel ist ein ganz kleines bisschen von Maia geklaut, die einen Oneshot mit einem ähnlichen Thema verfasst hat, den ich jedem von euch nur ans Herz legen kann. Genau wie den von Noctua, also, falls ihr mal wieder so richtig Rotz und Wasser heulen wollt.

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  „Ich hätte nicht gedacht, ausgerechnet dich hier zu treffen“, sagte Alicia und glitt neben dem dunkelhaarigen jungen Mann auf einen Barhocker. Er hob den Kopf. Offenbar hatte er schon einiges intus, denn es dauerte einen Moment, bis sein verschwommener Blick sich fokussierte und er sie erkannte.
  „Spinnet.“ Er seufzte.
  „Was, hast du dir jemand anderen gewünscht?“
  „Gewünscht hab ich mir nur, in Ruhe meinen Scotch trinken zu können.“
  Sie schwieg. Er sah sie von der Seite an.
  „Warum bist du hier?“
  Sie zuckte mit den Schultern. „Freunde besuchen. Oder eher... einen, einen Freund.“
  „Noch einen“, bedeutete er dem Barkeeper nach kurzem Schweigen, „und bringen Sie ihr auch gleich einen.“
  „So großzügig, Pucey?“
  „Ich habe nie gesagt, dass ich zahle.“ Er erlaubte sich ein kleines Grinsen und Alicia schnaubte. „Das klingt schon eher nach dir.“ Eine Weile verging, in der keiner von beiden etwas sagte und jeder seinen eigenen Gedanken nachhing.
  „Was machst du jetzt?“, wollte sie irgendwann wissen in einem kläglichen Versuch, Konversation zu betreiben.
  Nun war es an ihm, die Achseln zu zucken. „Ich schlag mich irgendwie durch. Ist nicht ganz leicht, jetzt, wo meine Familie...“ Er räusperte sich kurz. „... naja, bei der Zaubererwelt etwas in Verruf geraten ist.“ Alicia erinnerte sich, dass seine Eltern sich einem Prozess hatten unterziehen müssen, weil sie als Todesser gehandelt wurden. Die Puceys hatten sich zwar nicht am Krieg beteiligt und waren auch nicht vom Zaubergamot verurteilt worden, doch die meisten Zauberer waren offenbar anderer Meinung und begegneten ihnen mit derselben Verachtung, die allen reinblütigen Slytherinfamilien seit dem Sturz Voldemorts zuteil wurde. Bei all dem Misstrauen, das ihm entgegenschlug, hatte Adrian es sicher nicht leicht. Fast spürte Alicia so etwas wie Mitgefühl in sich aufkeimen, dann allerdings fiel ihr wieder ein, dass sie heute nicht umsonst in diese Spelunke gegangen war. Sie hatte selbst genügend Probleme. Sie wollte vergessen.
  „Und selbst? Es ist helllichter Nachmittag und du tauchst in dieser heruntergekommenen Muggelkneipe auf, von der ich nicht gedacht hätte, dass du sie jemals betreten würdest.“
  „Alkohol betäubt, oder nicht? Und etwas Betäubendes kann ich gerade wirklich gut gebrauchen.“ Nachdrücklich leerte sie ihr halbvolles Glas in einem Zug und bestellte ein zweites.
  „Natürlich.“ Er nickte nachdenklich. „Ich bin wohl nicht der Einzige, dem es ziemlich beschissen geht.“
  „Ging schon mal besser“, stimmte Alicia zu und trommelte ungeduldig mit ihren Fingern auf den staubigen Tresen, während ihre Augen die Bewegungen des Barkeepers verfolgten.
  „Spinnet, könntest du das freundlicherweise unterlassen? Ich bekomme ohnehin schon eine Migräne.“
  „Na, dann ist es ja jetzt auch egal“, meinte sie, ohne den Blick von ihrem herannahenden Whiskyglas abzuwenden.
  Mit einem frustrierten Kopfschütteln leerte Adrian sein Glas und knallte es heftiger als nötig auf den Tresen. Alicia beugte sich vor, nahm dem Barkeeper das Glas aus der Hand und kippte es in einem Schluck runter. Ihre Kehle brannte und ihr Magen wurde zunächst unangenehm warm, doch nach einem Augenblick begann sie sich angenehm schummrig zu fühlen. Ihre Probleme kamen ihr plötzlich nicht mehr ganz so groß vor. Vielleicht lag das daran, dass sie die Fähigkeit verloren zu haben schien, darüber nachzugrübeln. Alles, was sie wahrnahm, waren das leere Glas vor ihr und der junge Mann neben ihr. Den Rest blendete sie aus, und sie war begeistert davon, wie gut das klappte.
  Adrian sah sie von der Seite her an. „Dir geht’s wirklich nicht gut, was?“
  Alicia wiegte den Kopf hin und her. „Mich hat's noch am wenigsten getroffen. Eigentlich lächerlich, dass ich mich so abschieße.“ Lallte sie etwa? Nein, bestimmt nicht. Höchstens ein bisschen. Und warum war der Boden plötzlich so uneben? Der Barhocker fühlte sich an wie ein schwankendes Schiff auf stürmischer See, und haltsuchend klammerte sie sich am Tresen fest.
  „Du hattest für heute genug“, sagte Adrian entschieden und schob ihr leeres Glas auf seine andere Seite. Alicia wollte protestieren und danach greifen, doch er fing ihren Arm ab und bugsierte sie mit sanfter Gewalt von dem Barhocker und in Richtung Garderobe. Dort holte er ihren Mantel und half ihr hinein.
  „Was hast du vor?“, maulte Alicia.
  „Du musst nach Hause. Wenn ich dich hier lasse, veranstaltest du noch ein Komasaufen.“
  „Und was interessiert dich das überhaupt?“ Anklagend zeigte sie mit dem Finger auf ihn, und diese Bewegung genügte, um sie wieder aus dem Gleichgewicht zu bringen. Adrians Hand schnellte nach vorn – etwas langsamer, als es seine Jägerreflexe normalerweise bewerkstelligten – und packte sie am Arm, um sie zu stabilisieren. Ein seichtes Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. „Weil du, sobald du wieder nüchtern bist, mich zur Verantwortung ziehen wirst. Und darauf kann ich verzichten.“ Alicia dachte noch über diese Antwort nach, als er sie schon aus der Tür geschoben hatte. Eine laue Sommerbrise wehte ihnen entgegen und trotz ihrer getrübten Sinne entging ihr nicht, dass Adrian ein wenig schwankte. Er schien also auch nicht so nüchtern zu sein, wie er vorgab.
  „Und wohin jetzt?“, fragte sie ihn.
  „Geh zu deinem Freund. Der kann sich besser um dich kümmern als ich.“
  „Und wohin gehst du?“
  „Mal sehen. Ich finde schon was.“ Er lächelte und vergrub die Hände in seinen Manteltaschen.
  „Komm doch mit mir!“, schlug Alicia vor. „Das wird bestimmt kein Problem sein!“
  Je länger sie darüber nachdachte, desto begeisterter war sie von diesem Plan, und deshalb konnte sie auch gar nicht nachvollziehen, weshalb Adrian zögerte.
  „Ich weiß nicht...“
  „Du kannst doch sonst auch nirgendwohin. Und wenn ich dich jetzt allein lasse, bist es wahrscheinlich du, der in der nächsten Kneipe das Komasaufen veranstaltet.“
  Er lachte leise. „Ja, kann sein. Nun denn, Spinnet. Dann mal auf.“
  Die beiden machten sich auf den Weg die lange, gewundene Straße entlang, die über einen Hügel führte. Der Aufstieg kam Alicia unendlich vor, doch irgendwann hatten sie die Kuppe erreicht und konnten das nächste Tal überblicken.
  „Oh nein“, murmelte Adrian, der neben ihr stehen geblieben war, „nein, nein. Das war keine gute Idee, Spinnet.“ Vielleicht hätte er sich früher fragen müssen, wer dieser Freund war, den sie besuchen wollte. Offenbar jedoch hatte der Alkohol seine Sinne so vernebelt, dass ihm diese naheliegende Frage nicht eingefallen war. Sofern er das von seiner Schulzeit her richtig in Erinnerung hatte, gab es in dieser Gegend nicht viele Freunde, die sie hätte meinen können. Genau genommen kamen nur vier Familien in Frage.
  Die Diggorys konnten es nicht sein, denn ihr einziger Sohn Cedric war tot. Die Tochter vom verrückten Lovegood war drei Jahre jünger als Alicia, und mit den Fawcetts hatte sie, soweit er wusste, nie viel zu tun gehabt.
  Das ließ nur noch eine Familie übrig, und die wollte ihn ganz bestimmt nicht sehen.
  „Jetzt stell dich nicht so an“, zog ihn Alicia auf. „Die werden dich schon nicht auffressen.“ Der Gedanke schien sie zu erheitern.
  Missmutig stapfte Adrian neben ihr her und versuchte, sich auf den Empfang gefasst zu machen, der sicherlich alles andere als herzlich ausfallen würde.
  Es lag nur ein Haus in diesem Tal, und es war ein sehr wunderliches. Schief zusammengenagelt, sah es nicht aus, als würde es den nächsten Winter überstehen, Alicia allerdings wusste es besser. Das Tor zu einem großen, verwilderten Garten öffnete sich quietschend, als Alicia die Klinke herunterdrückte. Sie und Adrian marschierten Seite an Seite auf das Haus zu – mit einigen ihrer zeitweiligen Gleichgewichtsstörung geschuldeten Schlenkern.
  Schließlich klopfte Alicia und wartete ab, ob sich im Haus etwas regte. Es war ungewöhnlich still hier, bemerkte sie. Früher hatte man schon auf dem Wieselkopf die Energie und Lebensfreude gespürt, die von hier ausging. Aber jetzt hing der Hauch des Todes über dem Anwesen. Natürlich.
  Von innen ertönten Schritte, dann wurde die Haustür aufgerissen.
  „Alicia!“ George Weasley kam mit großen Schritten auf sie zu und nahm sie fest in die Arme. Sie hielt ihn, so gut sie konnte. Es war das erste Mal seit Kriegsende, dass sie sich sahen, und ihr Anblick schien etwas in ihm wachgerufen zu haben, denn seine Schultern bebten vor unterdrückten Schluchzern.
  Nach einigen Minuten löste er sich behutsam von ihr und schenkte ihr ein verlegenes Lächeln. Dann schweifte sein Blick zu ihrem Begleiter, und das Lächeln gefror. Seine Züge verhärteten sich. „Du bringst einen Gast mit?“
  „Wir haben uns zufällig unterwegs getroffen“, erklärte Alicia, „ich hoffe, du hast nichts dagegen, dass ich ihn mitgebracht habe?“ Sie sah ihn flehentlich an. George ignorierte sie.
  „Lang ist's her, Pucey“, sagte er in frostigem Tonfall.
  „Vier Jahre“, präzisierte Adrian. „Freut mich auch, dich zu sehen.“
  George biss die Zähne zusammen. Auch wenn er es zu verbergen suchte, konnte Adrian erkennen, dass sich Schmerz und tiefer Kummer in seine Züge eingegraben hatten. Er wirkte um Jahre gealtert. Jetzt ging ihm plötzlich auf, warum dem so war, warum George Weasley, der Sonnenschein in Person, so unglücklich aussah, warum Alicia sich in einer benachbarten Kneipe hatte betrinken müssen, um diesen Besuch durchzustehen, warum das Haus so still und verlassen dalag.
  George hatte seinen Zwillingsbruder Fred im Krieg verloren. Adrian konnte sich nicht ansatzweise vorstellen, was für ein Gefühl das sein musste. Niemand hatte die Weasleyzwillinge jemals getrennt voneinander gesehen, es war beinahe so gewesen, als habe man nur eine Person vor sich stehen. „Ich glaube manchmal, das ist einfach eine Seele in zwei Körpern“, hatte sein bester Freund Marcus Flint mal gesagt und sich danach, ohne Luft zu holen, wieder über die beiden aufgeregt. Wie mochte es sich wohl anfühlen, einen Teil seiner Seele zu verlieren?
  Die Antwort darauf stand hier vor ihm. In George Weasley. Gebeutelt, schweigend, einsam. Ohne einen Anflug des alten Lächelns auf dem Gesicht, von dem Adrian nicht gedacht hätte, dass es jemals wegzudenken wäre.
  Und während ihm dies durch den Kopf schoss, erkannte er, dass sein eigener Schmerz nichts war im Vergleich zu dem, was die Angehörigen der vielen Opfer fühlen mussten. Er hatte sich die letzten Monate selbst bemitleidet, sein Leid in Alkohol ertränkt, doch wie musste es den Weasleys ergangen sein? Sie hatten ihren Sohn verloren, ihren Bruder.
  Und Adrian begriff, was für eine Anstrengung es George kosten musste, diese feindselige Maske ihm gegenüber aufrechtzuerhalten, seinen Verlust zu verbergen, und er fühlte sich seltsam schuldig, dass George das für nötig erachtete. Dass er ihn immer noch für den Feind hielt, wo er doch gerade weitaus Schlimmeres durchlitt.
  Also tat er das Einzige, was sich in diesem Moment richtig anfühlte: Er trat vor und streckte George Weasley eine Hand entgegen.
  Für einen Augenblick ließ dieser die Maske fallen und schaute Adrian überrascht an. Dann verschlossen sich seine Züge wieder, doch er blickte nicht ganz so abfällig wie zuvor.
  Einige Sekunden verstrichen.
  Er ergriff die Hand.
  Und später, als George von drinnen für jeden eine Flasche Holunderblütenwein geholt hatte, als die drei sich draußen auf den Stufen zur Hintertür niedergelassen hatten, als Alicia vergaß, dass sie eigentlich schon betrunken war, als sie alle drei in trautem Schweigen dasaßen und den Bienen bei der Arbeit zusahen oder in die Ferne starrten; da dachte Adrian, dass vielleicht, und nur vielleicht, ihr Leben doch kein einziger Scherbenhaufen war und dass der Krieg sie zwar in vieler Hinsicht entzweit, doch in mancher Hinsicht auch zusammengeschweißt hatte.
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