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Geheimnisse

von Kingsman
GeschichteAllgemein / P16 / MaleSlash
Basil Hallward Dorian Gray Lord Henry Wotton
06.08.2020
06.08.2020
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06.08.2020 5.004
 
Hallo, dies hier ist mein Wichtelgeschenk für Einself, die das schöne Einsame-Fandom-Wichteln gestartet hat. Ich finde immer noch, dass dies eine tolle Idee war. Sonst hätte ich vermutlich auch nie im Leben dieses Werk gelesen, zu dem nun folgende Geschichte entstanden ist.

Ich wünsche allen und vor allem dir Einself viel Spaß beim Lesen.


Die Geschichte beginnt nach Kapitel 2:


Auch 2 Tage später war der düstere Ausdruck nicht aus Basils Gesicht verschwunden. Zigmal hatte er nun schon über den Nachmittag nachgedacht an welchem er Dorians Portrait vollendet hatte. Er wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Tag ein Wendepunkt gewesen war.
Er hätte Harry schon morgens nichts von Dorian erzählen dürfen und erst recht… erst recht hätte er ihm nicht seine Gefühle verraten dürfen. Dorian war das größte künstlerische, ja das herrlichste Meisterwerk, das die Welt besaß und er hatte es besudelt, indem er versucht hatte, dies mit Worten zu beschreiben. Ja, es war besser Geheimnisse zu haben. Denn ja, die Geheimnisse waren es, die das Leben Lebenswert machten. So lange man Geheimnisse hatte, konnten sie heilig bleiben und nicht vom Schmutz der Welt und dogmatischen Gedanken verunreinigt werden.
Und dann hatte er es noch solch einem Zyniker wie Harry versucht zu erklären.
Nein, er wollte jetzt nicht schlecht von Harry denken. Er mochte Lord Henry Wotton. Dennoch kam er nicht umhin sich Sorgen zu machen.
Hatte Harry wirklich vergessen worum Basil ihn gebeten hatte, bevor er mit Dorian aufgebrochen war? Oder war es wieder nur so eine seiner Floskeln gewesen? Für gewöhnlich hatte er ja ein sehr analytisches Denken und behielt Gespräche gut in Erinnerung. Zumal besser als Basil selbst. Basil stöhnte auf. In der Bleistiftzeichnung, an der er gerade gearbeitet hatte, hatte er sich verzeichnet. Dorian hatte definitiv zartere Brauen als jene, die nun vor ihm auf dem Papier zu sehen waren. Seine Konzentration war heute einfach nicht die beste. Besonders das letzte Thema des Vergessens quälte ihn. Denn Dorian hatte auf jeden Fall vergessen worum Basil ihn gebeten hatte. Er hatte ihre gestrige Verabredung vergessen, obwohl Dorian es ihm so fest versichert hatte zu kommen. Basils Magen zog sich zusammen bei dem Gedanken, aber er sollte Recht behalten mit seiner Vermutung, dass dies in Zukunft noch öfter der Fall sein sollte. Er sollte Recht behalten mit seiner Vermutung das Harry ihn ihm stibitzt hatte.

Lord Henry hingegen hatte in diesen Tagen ein köstliches Leben. Er fühlte sich beflügelt von seinem neuen „Projekt“. Der junge und überaus gutaussehende Mr. Dorian Gray liebte es Zeit mit ihm zu verbringen und ja Harry liebte es zu Reden. ihm seine Welt vorzustellen.
Das trostlose Dasein, welches Lord Wotton für gewöhnlich führte, war in den Hintergrund gerückt und die Zeit verging für ihn wie im Flug. Egal ob sie in der Oper waren, im Club oder bei ermüdenden Gesellschaften, sie hatten immer Ihren Spaß. Lord Wotton hätte dies nie so zugegeben, vermutlich war es ihm nicht einmal bewusst, aber er brauchte Dorians Gesellschaft. Dorian gab ihm das, was er nicht hatte. Er hauchte seinem Leben Leben ein.

Und doch kam Dorian dazu auch noch etwas Zeit alleine zu verbringen und so lernte er Sibyl kennen. Natürlich erzählte er Harry bald von ihr und in ihm keimte der Wunsch, sie der ganzen Welt zu zeigen. Deswegen drängte er Harry dazu, sie ihm und Basil, der ihm immer noch teuer war, auch wenn er ihn selten besuchte, im Theater zu zeigen. Zum Glück erklärte Harry sich bereit ihm über dieses Treffen Bescheid zu geben. Denn Dorian, ja er schämte sich schon ein kleines bisschen, dass er sich so selten meldete bei Basil. Aber es hatte seine Gründe. Basil war immerzu damit beschäftigt, ihm Ratschläge zu geben. Dorian wollte das nicht hören. Er wollte die Lebensweisheiten von Harry hören. Auch wenn jene zum Thema Sibyl ihm wiederum nicht ganz geheuer gewesen waren. Aber wenigstens war Harry sich sicher, dass Sibyl ihm gehören würde.
Und er sollte recht behalten. Direkt am nächsten Tag telegraphierte Dorian Harry, dass er sich mit ihr verlobt habe.

Und so war Harry gespannt wie Basil diese Nachricht aufnehmen würde. Wie verabredet traf Harry am Abend des Theaterbesuchs Basil und Dorian zuerst im Restaurant Bristol. Und Harry war hocherfreut über Basils gewohnte Pünktlichkeit. Ja, auch wenn es niemals sein Prinzip würde, in diesem Fall war es das beste was ihm hatte passieren können. So konnte er ihn direkt fragen und seine Reaktion genauestens analysieren.
„Du hast wohl das Neueste schon gehört, Basil?“ sagte Lord Henry und sah ihn erwartungsvoll an. Mit einem Schwall Worte verneinte der angesprochene und innerlich grinste Lord Henry. „Dorian Gray hat sich verlobt.“ Und wie erwartet ging ein kurzes Zucken durch den Körper seines Freundes. Ja, man mochte sagen es lagen für eine Sekunde so viele Emotionen auf seinem Gesicht: Er wirkte erschüttert, ungläubig, fassungslos, überrascht und nahezu entsetzt. Nicht zuletzt erkannte Lord Henry auch jene Gefühlsregung, die er erwartet hatte: Bestürzung und Eifersucht.  Ja, Eifersucht! Er hatte es bereits schon vor einigen Wochen vermutet. An jenem Tag in Basils Atelier als alles begonnen hatte. In jenem Gespräch als Basil ihm seine ganze Seele dargelegt hatte. Und falls er jemals Basil darauf ansprechen würde, wusste er schon jetzt, dass Basil erneut, sollte er diese Eifersucht, die er nicht hätte leugnen können, zugeben, versuchen würde sich mit seinen künstlerischen Thesen herauszureden. Dass diese Eifersucht wegen seinem Wunsch die Einzigartigkeit Dorians festzuhalten kam. Und vielleicht, aber nur vielleicht war sogar etwas dran an dem was er sagte. Aber der Hauptgrund war, dass Basil unwiderruflich in Dorian Gray verliebt war.  Vielleicht, so hoffte Henry, würde sich das Gespräch heute Abend in diese Richtung entwickeln…
Zunächst jedoch bestätigte sich Lord Henrys These weiter, weil Basil mit einem Hauch von zu viel Neugier sich nach dieser Sache erkundigte. Er fragte natürlich das offensichtliche. Wer sie war und ob sie ein gutes Mädchen war und ob Harry die Sache billigte. Aber sein Missfallen und seine eindeutige Sorge um Dorian kamen ebenso zum Vorschein.
Und gerade über diese Missbilligung musste Harry innerlich grinsen. Basil argumentierte zunächst mit Dorians Geburt, Stellung und Reichtum… Mit diesen Argumenten würde er bei Dorian nur auf taube Ohren stoßen. Dorian hatte Basils Ratschläge und seine Abneigung gegen diese erst in ihrem jüngsten Gespräch angedeutet. Fairerweise gab er Basil nun schonmal diesen Tipp. Ob Basil ihn nutzen würde, war seine Sache.
Harry ahnte schon wie Basil sich wirklich Gehör verschaffen könnte bei Dorian. Auf welchen Rat Dorian vielleicht tatsächlich hören würde, warum er Sibyl nicht heiraten sollte. Doch diesen Rat. Diesen Rat bei dem Basil ganz auf sein Herz hören musste, diesen Rat wollte er ihm jetzt nicht geben.
Abgesehen davon betrat keine 2 Minuten später Dorian selbst das Restaurant und zum dritten Mal an diesem Abend erkannte Harry, dass er recht hatte. Die Art und Weise wie Basil, Dorian sagte, dass er hoffe, dass Dorian immer sehr glücklich sein möge, war von Traurigkeit durchdrungen. Von tiefer und wahrhaftiger Wehmut, welche noch den ganzen Abend anhalten sollte.
Auch nach der grauenhaften Vorstellung im Theater, die Basil und Harry frühzeitig verlasen hatten war er ganz niedergeschlagen, auch wenn es den meisten nicht auffiel, da sie es für seine typische zurückhaltende Art hielten. Aber Harry wusste es besser. Irgendeine Stimmung ließ ihn während dieser Zeit erneut darüber sinnieren, ob er Basil nicht einfach darauf ansprechen sollte. Es durchflogen ihn Gedanken wie jener, dass es sicher gut für beide wäre. Dass es sicher ebenso spannend war, Dorian dabei zuzusehen wie er Sibyl den Hof machte. Aber nach wie vor hielt ihn etwas zurück, doch er schob es darauf, dass zu viele Leute anwesend waren. Immerzu kam einer der anderen Herren zu ihnen und sie unterhielten sich angeregt über Politik, Wirtschaft und Amerika. Dabei wäre es ein leichtes gewesen, sich irgendwo zurückzuziehen und ein privates Gespräch zu führen. Doch Harry verdrängte den Gedanken und sagte sich, dass zudem die Etikette es verbiete seinen alten Freund Basil so vorzuführen. ihm viel dabei gar nicht auf, wie untypisch dieser Gedanke für ihn war. Er entsprach so gar nicht seiner Art.

Als er am nächsten Morgen erwachte, war er schon gespannt auf das nächste Kapitel im Leben des Dorian Gray. Doch dieses sollte Finster werden. Sibyl Vane war tot. Sofort schrieb er Dorian. Doch er meldete sich nicht, sodass er es am späten Nachmittag nicht länger aushielt und sich auf den Weg zu ihm machte. Und da Dorian den Brief noch nicht gelesen hatte, musste Harry ihm die ganze Tragödie erklären und sie mit ihm durchleiden. Er tat es gern. Er konnte Dorian klar machen, dass es etwas Gutes hatte. Dass es zwar tragisch war, aber er wirklich Glück gehabt hatte. Sibyl hatte ihm bewiesen wie echt ihre Gefühle gewesen waren. Für ihn selbst hatte nie eine Frau so etwas getan… Ja, unter anderem hatte er ihm dies gesagt und Dorian hatte ihn verstanden und war abends noch mit ihm in die Oper gekommen.
Harry war sich sicher, dass diese Geschichte, auch wenn sie immer ein wichtiges Kapitel in Dorians Leben bleiben würde, nun bald vergessen war. Wie sehr er sich doch täuschte.
Denn am nächsten Morgen eilte Basil Hallward zu Dorians Haus. Er wollte ihn trösten. Sich erkundigen, ob er ihm beistehen konnte in dieser schweren Stunde. Auch wenn Dorian ihn vernachlässigte, so war Basil ihm doch ergeben als Freund. Er hätte alles für ihn getan und so war er bereit ihm die nächsten Wochen beizustehen, bis Dorian den Tod von Sibyl überwunden hätte.
Denn er hatte wahrlich Angst um ihn gehabt. So sehr wie er Sibyl geliebt hatte, so wie er von ihr geschwärmt hatte… Ja er hatte wahrlich Angst gehabt, dass er nun auch Dorian nicht mehr antreffen würde.
Doch Dorian ging es bestens… das Gespräch nahm einen völlig anderen Verlauf als erwartet und als Basil wieder ging, hatte er Dorian sogar sein Geheimnis anvertraut. Und Basil bereute es zutiefst. Er hatte es schon bereut, als er es Harry anvertraut hatte. Und nun da Dorian es wusste, war ihm, als müsse auch er Sibyls Vorbild folgen. Ja, die Leichtigkeit der Kunst war dahingeschwunden. Und dann hatten sie noch über Ihre Freundschaft gesprochen. Bei ihm hatte es geklungen, als ob ihm seine Anbetung zu viel wäre… es war bedauerlich.
Und so bedauerte er an diesem Abend mehr sein Leid, als das von Dorian. Doch am nächsten und übernächsten Tag dachte er immer wieder über das gesamte Gespräch nach. Er konnte das nicht mehr dulden! Dorian hatte so kalt gewirkt. So emotionslos und er war nach wie vor sicher, dass Harrys Einfluss dahintersteckte. Noch einen Abend vorher hatte er ihm im Bristol von Sibyl vorgeschwärmt. Er hatte – trotz Harrys Thesen – sich wie ein Gentlemen geäußert und wortwörtlich gesagt, dass er: „verwandelt wäre , wenn ihn Sibyl Vane bloß mit der Hand berührt, dann vergesse er alle von Harrys schlechten, bezaubernden, vergifteten, entzückenden Theorien.“
Aber Harry hatte ihm mal wieder nicht richtig zugehört und einfach die nächste Theorie aufgestellt. Basil spürte Wut in sich aufkommen. Für einen kurzen Moment verachtete er ihn sogar. Er schnappte sich Hut und Mantel und machte sich auf den Weg zu Harry.

Harrys Diener teilte ihm mit, dass sich Harry über seinen Besuch sicher freuen würde und machte sich bereits auf den Weg seinem Herrn Bescheid zu geben, doch Basil wartete nicht auf Ihn. Trotz seines Protestes ging er an ihm vorbei und schnurstracks auf Harrys Räume zu. Er hatte es damals nicht geschafft, Harry von Dorian fernzuhalten. Aber diesen Fehler konnte er vielleicht wieder ändern.
„Warum tust du das mit Dorian?“, fragte Basil scharf und Lord Wotton war erstaunt. Auch wenn er eine ungefähre Ahnung hatte worauf Basil hinauswollte, antwortete er ihm nicht sofort. Im Gegenteil. Er war sich sicher, dass dies eine interessante Unterhaltung werden würde. Deswegen legte er die Konversationen die er gerade las beiseite, nahm sich entspannt eine seiner Zigaretten und setze sich auf seinen Diwan wo er sie sich anzündete. Dabei ließ er den wütenden Basil nicht eine Sekunde aus den Augen. Er war wirklich aufgebracht. „Warum tue ich was mit Dorian?“ fragte er schließlich langsam. Was Basil innerlich noch mehr aus der Haut fahren ließ. Aber er war zu gut erzogen um sich noch mehr zu echauffieren, als er es ohnehin schon tat. „Warum verführst du ihn zu diesen schändlichen Gedanken und zu seinem frevelhaften Benehmen. Erst stellt er dieser Schauspielerin nach, trifft sich mit ihr hinter der Bühne dieses heruntergekommenen Theaters obwohl es angebrachter wäre, dass er einem Mädchen von seinem Stande offiziell Blumen schickt und sie in passender Begleitung im Park ausführt. Und jetzt wo sie nicht mehr da ist, da redest du einen Nachmittag mit ihm und Dorian scheint, als habe er nie an ihr gehangen. Er erzählt mir das man Empfindungen loswerden müsse und er dann Herr über sich selbst wäre. Er will nichts hören von Sibyls Totenbett und Ihrer Mutter, die sicher unsägliche Schmerzen erleidet. Er spricht davon in der Vergangenheit und schwärmt davon, dass ihr gestern in der Oper wart! Harry, ihr wart in der Oper…! Das ist…“ er brach ab um gleich darauf neu anzusetzen. „Harry, selbst wenn du ihn mit den besten Absichten eingeladen hast, weil du ihn auf andere Gedanken bringen wolltest. Das was du eindeutig getan hast, hat seinen Effekt absolut verfehlt.“ Er sah ihn streng an und Harry, der mittlerweile schon einige Züge geraucht hatte sah wiederum seinen Freund an.
„Dir ist schon klar, dass ein solches Erlebnis zu den verschiedensten Reaktionen führen kann. Jeder trauert auf seine Weise Basil.“ „Harry! Beim besten Willen. Bei jedem anderen würde ich das gelten lassen. Aber es ist nicht das erste Mal, dass mir auffällt welchen Einfluss du auf Dorian ausübst. Und du kannst mir nicht sagen, dass es normal ist, dass Dorian es reizend findet und einen romantischen Ton in der Stimme hat, wenn er mir erklärt, dass es kein Unfall war, sondern ihr eigener Wille. Noch vorgestern wäre ich mir sicher gewesen, dass, sollte sie jemals dahinscheiden, dann würde Dorian die Gärtner rufen um Mohn zu pflanzen. Doch nichts dergleichen kommt Dorian in den Sinn, nachdem du bei ihm warst. Harry, ich will keine weiteren Theorien von dir hören. Ich will nur eines: dass du Dorian endlich in Ruhe lässt bevor es zu spät ist. Er hat sich jetzt schon so sehr verändert. Es gibt so viele junge Männer hier in der Stadt mit denen du deine schändlichen Theorien bequatschen kannst. Ich habe es schon einmal gesagt, nimm mir nicht den einzigen Menschen, der meiner Kunst allen Zauber gibt. Damals Harry war es eine Bitte. Dieses Mal ist es keine Bitte. Halte dich von ihm fern! Wenn er dich sehen will, sag ihm du kannst nicht.“
Lord Henry war immer erstaunter… und wusste nichts zu sagen. Basil hatte gesagt er wolle keine seiner Theorien hören… vermutlich wollte er wirklich gar nichts hören. Das einzige was Basil vermutlich wollte, war ihm die Schuld daran zu geben, dass er nicht mehr den gleichen Draht zu ihm hatte, wie Harry ihn nun hatte.
Deswegen stellte er nur eine Frage: „Denkst du nicht, dass Dorian das selbst entscheiden kann? Glaubst du wirklich dich dort einmischen zu müssen?“
Basil hatte nicht mit dieser Frage gerechnet und doch… war ihm die Antwort vertraut. „Harry, genau das ist der Grund, warum ich so lange zögerte, dir zu sagen, was ich denke. Es in dieser Form zu sagen. Ich hatte gehofft, dass Dorian deinen Worten widerstehen könnte, aber Harry, du hast eine Art an dir – und das weißt du auch – du ziehst die Menschen in deinen Bann. Ja, Dorian tut es auch, mit seinem Charme und seiner Schönheit. Aber er verdirbt die Menschen nicht. Du hingegen Harry fesselst sie mit deinen Worten und deiner Stimme. Bei dir klingt selbst die schlimmste Sünde wie ein Lausbubenstreich und ja, Dorian hat die Bodenhaftung dabei verloren.“
„Dann gib sie ihm doch wieder, anstatt mich zu behelligen.“, sagte Harry schroff und etwas gekränkt. Und tatsächlich fragte Basil sich, ob er nicht vielleicht doch zu hart gewesen war. „Es tut mir leid, Harry, wenn ich jetzt taktlos bin, aber dass Dorian sich so verändert geht mir nahe. Ich heiße das nicht gut.“ „Menschen verändern sich im Laufe Ihres Lebens. Ich habe schon einmal versucht dir das zu erklären. Das ist normal…“ Begann Harry ein neues Thema und Basil spürte schon wieder die Wut in sich aufkommen: „Harry, schweif jetzt nicht ab!“ Doch Harry sah ihn mit ausdruckslosen Augen an. „Basil… ich habe dir gesagt was du tun sollst. Errette ihn doch selbst, wenn du meinst, dass er das braucht. Er ist und bleibt gut. Der Meinung bin ich, nur weil er jetzt kein schwarz trägt und Mohn im Garten pflanzt wie du vorschlägst, ist er doch nicht verdorben. Im Übrigen, ja, das wollte er wirklich tun. Aber das war ein wahrlich melodramatischer Gedanke von ihm, den ich ihm wirklich ausreden musste…“
Basil fiel es schwer höflich zu bleiben und Harry nicht an den Hals zu springen. Harry gab sogar zu wie er Dorian manipulierte und gleichzeitig schien er sich dessen nicht bewusst zu sein. Basil atmete durch und versuchte besonnen zu handeln: „Er hört mir doch nicht zu… Harry bitte, lass ihn gehen. Entlasse ihn aus deinem Bann.“ Basil wirkte einen Moment verzweifelt, was Lord Wotton das Gefühl gab wieder in sichereren Gewässern zu fahren. Aber er war auch tief berührt von der Eindringlichkeit von Basils Worten. Jetzt war der Zeitpunkt gekommen. „Basil, er hört dir nicht zu, weil du nicht ehrlich mit ihm bist.“ Basil sah ihn wie verdattert an. „Was? Es gibt niemandem bei dem ich ehrlicher bin. Ihr 2 seid mir die wichtigsten Menschen. Ich log ihn nie an.“ Harry musste Lächeln, Basil wusste wirklich nichts von dem, was er fühlte oder er hatte es tief in sich vergraben: „Doch das hast du getan, du hast ihm gesagt er solle bei Sibyl aufpassen, da sie nicht von seinem Stand ist. Dabei hast du einen ganz anderen Grund warum du nicht wolltest, dass er sie heiratet.“ Basil sah ihn immer noch irritierter an. Schauer durchzogen seine Haut. Nun war Harry es, der einen schrofferen Ton an den Tag legte. Aber vor allem, dass Basil nicht genau wusste worauf Harry hinauswollte, machte ihn nervös.
„Was redest du Harry? Natürlich gibt es weitere Gründe. Ich sagte doch auch, dass ich hoffe, dass sie ihm und seiner Intelligenz gerecht würde… Ich kannte sie nicht.“ Harry schüttelte den Kopf. „Das brauchtest du auch gar nicht um sie zu hassen. Und ich bin mir sicher, du hättest auch jede andere Beziehung von Dorian nicht gutgeheißen. Du bist Eifersüchtig!“ Basil verschlug es die Sprache und wie Harry vermutet hatte, begann Basil sogleich die Kunst als Vorwand einzubinden.
Nun musste er laut auflachen. „Basil… nicht schon wieder. Wie lange willst du auch diese Lüge noch erzählen. Ich habe sie dir schon beim ersten Mal nicht geglaubt. Damals im Atelier. Ja Basil… du hast deine ganze Seele mir in diesem Gespräch dargelegt und ich weiß auch, dass deine Seele in Dorians Portrait schlummert.“
Basil wurde immer blasser… das was Harry sagte stimmte… aber es durfte nicht stimmen. Und es stimmte auch nicht zu 100%. Aber der Kern stimmte… Redete Harry wirklich von dem was er dachte? Oder verstand Basil nur das, was er fürchtete zu hören?
Sogleich als Harry fortfuhr, bemerkte er, dass Harry wirklich davon sprach. „Du hast so von ihm geschwärmt wie es die Frauen hinter Ihren Fächern tun, wenn sie Dorian erblicken. Deine Augen haben geleuchtet und die Beschreibung von der Anziehung, als ihr euch das erste Mal bei Lady Brandon getroffen habt. Es war der Zauber einer Romanze darin. Wenn du es jetzt wieder abstreiten willst, dann sag mir eines. Warum interessiert es dich ob Dorian einer Dame von unserem Stand den Hof macht oder nicht? Warum schickst du nicht selbst einer Dame Blumen und triffst sie im Park, so wie es sich gehört? Basil, du bist jung und ungebunden. Wir sind zwar nicht die umschwärmtesten Männer, aber neulich erst habe ich eine junge Lady vor einem deiner Bilder stehen sehen und gehört wie sie in höchsten Tönen von dir sprach. Doch dich interessiert nur was Dorian sagt.“ Mittlerweile war Harry von seinem Diwan aufgestanden und auf Basil zugegangen, der immer noch mit seinem Hut in der Hand aufgebracht in der Raummitte stand. Er stand nun direkt vor ihm und sah ihm feste und beinahe triumphierend in die Augen. Doch Basil sah nur angewidert zurück. „Du bist abscheulich Harry!“
Harry zuckte die Schultern. Ja, vielleicht war er das… aber Basil war heute auch sehr kaltherzig mit ihm umgesprungen. „Willst du es immer noch abstreiten Basil? Meinst du nicht, ich weiß, wo du damals hingegangen bist als du die Stadt verlassen hast?“ Er ließ diese Frage einen Moment wirken und ging fast gelangweilt zu einem Tischchen, auf dem Getränke standen. „Ich verurteile das nicht. Genauso wenig, wie ich deine Gefühle für Dorian verurteile… Ich verurteile nur, dass du Dorian nicht einfach sein Leben lässt und einsiehst, dass du es bist, der hier Probleme sieht die es nicht gibt. Das einzige Problem ist, dass du ihn zu einem Leben verführen würdest das noch viel sündhafter wäre als alles was du mir vorwirfst.“  
Basil schüttelte, völlig durcheinander den Kopf und Harry bot ihm auch ein Glas an. Das brachte Basil wieder dazu, klar zu denken. „Nein, nein ich möchte nichts trinken. Wie kannst du mir etwas anbieten. Du stehst da, als würden wir nur wieder über eine deiner Theorien sprechen. Als würden wir ein normales philosophisches Gespräch in einer netten Teerunde halten… Aber das ist es nicht…“ Basil holte Luft und legte endlich seinen Hut und seinen Mantel ab und raufte sich die Haare. „Harry, um genau zu sein ist es eine deiner Theorien. Und zwar die erste die ich dir glaube.“ Zum ersten Mal huschte ein kleines Lächeln über Basils Lippen während er nun doch zu Harry ging und sich etwas zu trinken nahm. Ja, er liebte Dorian und Harry hatte gesagt, dass er ihn deswegen nicht verurteilte. Harry schmunzelte: Vielleicht sind sie es ja alle und es fällt dir erst heute auf?“ Basil schüttelte lachend den Kopf und legte Harry eine Hand auf die Schulter. „Ach Harry, alter Freund… nur weil ich dir ein kleines Zugeständnis mache, heißt das nicht, dass du immer richtig liegst. Und auch in dieser These ist viel, dem ich lieber widersprechen möchte… Ich würde Dorian nicht zu diesem Leben verführen. Ich habe es nicht und werde es nicht. Und das, weil ich Dorian ein schönes, anständiges Leben wünsche. Deswegen interessiert es mich auch, dass er eine Dame von seinem Stand kennenlernt und mit ihr glücklich wird.“
Die beiden Männer setzten sich und sannen einen Moment nach.  Nach einer Weile sprach Basil Hallward den Gedanken aus, der sich in den letzten Minuten geformt hatte und zu einem Plan gereift war. „Wir müssen uns also beide von ihm fernhalten. Denn du hast recht, auch meine unreinen Gedanken könnten ihn beeinflussen. Vielleicht werde ich nach Frankreich gehen. Das wollte ich schon immer.“ Harry sah ihn entgeistert an. Er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht damit. „Aber Basil, du kannst doch jetzt nicht fortgehen. Vielleicht ist es genau das richtige, ihm das endlich zu sagen, was du fühlst. Wie ich vorhin schon sagte… als du von eurem Kennenlernen gesprochen hast, darin habe ich diesen Zauber erkannt. Und du hast es damals so beschrieben als ob Dorian es genauso gegangen wäre.“ Basil schnaubte nun wieder etwas aufgebrachter. Dieses Gespräch war ein Wechselbad der Gefühle. „Harry, ich hoffe inständig, dass ich mir das nur eingebildet habe. Denn solch ein Leben möchte ich ihm nicht zumuten. Ein einsames Leben in Heimlichkeit. Das hat er nicht verdient. Und das was du vorschlägst, kannst du nicht ernst meinen… obwohl es so verlockend ist. Wirklich, es ist sehr verlockend ihm endlich komplett zu sagen was ich fühle. Nicht hinter dem Schleier der Kunst, den du gelüftet hast.
Aber ich merke eben, dass diesmal ich es bin, der fast auf deine Wörter hereinfällt. Das was du sagst ist nicht gut, Harry. Nur, dass ich meist besser widerstehe. Ich bleibe dabei. Wir müssen beide den Kontakt abbrechen. Versprich mir das du dich nicht mehr mit ihm triffst, wenn ich fort bin.“ Harry sah ihn immer noch betroffen an. Auf der einen Seite war er an einem Punkt angekommen, an dem er seinem Freund diesen gefallen nicht mehr abschlagen wollte. Denn vielleicht hatte er Recht. Aber auf der anderen Seite, was würde dann aus ihm werden? Wenn er Dorian nicht mehr sehen würde und Basil fortging, mit wem sollte er dann seine Zeit verbringen? Klar, Basil hatte recht. Es gab viele Menschen hier und er war überall eingeladen. Er würde immer jemanden haben, mit dem er sich unterhalten konnte, aber das war nicht so interessant. Sie waren nicht zu vergleichen mit Dorian und Basil. Er vergaß völlig, dass er Basil eine Antwort schuldete, bis dieser sich nach einer Weile räusperte. „Harry?“ „Ähm, ja… verzeih… ich war in Gedanken…“ Basil merkte, dass Harry heute anders war als sonst. Das, worum er Harry gebeten hatte schien Harry mehr mitzunehmen als er gedacht hatte. Er ließ ihm einen Moment Zeit, den auch er selbst zum Nachdenken nutzte. Doch dann sprach er ihn wieder an: „Harry, was ist los?“ Harry zog die Schultern hoch. Er mochte es nicht, dass das Gespräch sich nun doch wieder um ihn drehte. Er überlegte, abzulenken. Aber… Basil würde das dieses Mal durschauen. „Was soll ich denn hier noch ohne dich und ohne Dorian?“ Basil wusste, dass dieser Satz, so kurz er auch gewesen war, von größter Bedeutung war. „Basil, du bist seit Jahren mein engster Freund. Du kennst mich besser als jeder andere. Wenn du gehst ist das schon schwer. Aber wenn ich dann nicht einmal mehr Dorian treffen soll.“ „Harry, kann es sein, dass…“ er brach ab. Er war nun derjenige, der eine Theorie hatte… „Harry, kann es sein, dass du mein Leben und meine Gefühle für Dorian so gut verstehst, weil es dir ähnlich geht?“ Harry erschrak. „Was?“ tat er verwundert doch Basil sah, dass seine Hand leicht zitterte auf der Lehne des Diwans. Und dann wurde ihm alles klar. „Oh Harry, deswegen tust du das also alles. Du redest ständig über Sünden und Moral und die einzige die du wirklich begehst ist jene, dass du notorisch zu spät kommst. Deswegen studierst du die Frauen und schätzt deine eigene so gering. Ich habe nie so richtig verstanden warum du sie überhaupt geheiratet hast. Harry! Ich dachte, es sei nur dein gutes Gedächtnis, dass du dich an jedes Wort so gut erinnerst von unserem Gespräch im Atelier. Aber eigentlich. Eigentlich wünschst du dir genau dasselbe. Dass mein Kennenlernen mit Dorian vom Zauber einer Romanze geprägt war, die auf Gegenseitigkeit beruht. Deswegen wolltest du ihn kennenlernen. Um zu sehen, ob es so ist. Und weil du dir gewünscht hast, dass es dir ebenso ergehen könnte, auch wenn du den Gedanken genauso wenig zugelassen hast wie ich. Und dein Schleier war nicht die Kunst, sondern die Wissenschaft. Ich weiß du siehst die Menschen als Studienobjekte. Und Dorian ist dein Teuerstes gewesen. Jetzt ist mir auf einmal alles so klar. Dein ganzes Verhalten, dein ganzes Leben. Wie konnte ich nur so blind gewesen sein. Du bist genauso süchtig gewesen nach ihm, wie ich es war.“ Immer noch verwundert über sich selbst und über Lord Wottons Gefühle sah er Harry eine Weile an, welchem der Mund für einen Moment offenstand. Lord Wotton wusste, dass er widersprechen musste, es ins lächerliche ziehen musste. Aber er konnte nicht. Er wollte nicht mehr. Er hatte sein Leben genauso einsam wie Basil zugebracht. Er sah ihn an und prostete ihm zu. Auch Basil hob sein Glas und stürzte den Alkoholischen Inhalt nahezu hinunter. Harry hatte ihm schweigend zugestimmt. „Weißt du Basil, in gewisser Weise habe ich schon die Kunst als Schleier benutzt. Ich habe letztens darüber nachgedacht, dass die Kunst Menschen berührt. Dass die Kunst die Mysterien des Lebens den Menschen enthüllt. Und dass selten auch Menschen diesen Platz einnehmen. Die dann wiederrum ein Kunstwerk sind. Ich hielt mich für ein solches Kunstwerk. Ich wollte es für Dorian sein und ich war es für Dorian.“
Basil war wieder etwas verstimmt. Ja Harry war ein Kunstwerk gewesen, das Einfluss auf Dorians Leben gehabt hatte. Aber zum ersten Mal an diesem Tag erkannte er, dass Harry darüber selbst anders dachte als noch zuvor. Und eigentlich konnte Harry auch nichts dafür. Er hatte gar nicht anders gekonnt. Er hatte versucht hinter Kunst und Wissenschaft den Abstand zu wahren der sich gebührte und doch Dorian auf sich zu prägen. Ihn zu einem Teil von ihm zu machen. Er war seiner Natur gefolgt. Dieser Tag war wirklich verrückt.

„Und jetzt?“, fragte Harry nach einer Weile. „Willst du immer noch, dass wir den Kontakt zu ihm abrechen? Ich kann es jetzt verstehen. Du hattest recht. Ich bin abscheulich.“ Basil Hallward überlegte lange. Harry hatte sich, seit er dessen Geheimnis gelüftet hatte, verändert verhalten.  Er bereute in Gewisser Weise sein Handeln. „Du bist nicht abscheulich Harry. Auch vorhin nicht. Ich denke, es ist gut, dass wir so klar gesprochen haben. Auch wenn es hart war.“ Er sah zu Harry der ihm zustimmend zunickte. Dann beantwortete Basil seine Frage: „Ich weiß auch nicht, wie es jetzt weitergeht. Ich bin noch ganz durcheinander dadurch, dass du meine Seele offenbart hast. Von dem Rest unseres Gespräches ganz zu schweigen. Ich denke wir sollten in den Club gehen. Den Kopf wieder etwas freier kriegen. Ja, ich denke, das ist es, was ich jetzt brauche.“ Lord Henry nickte. Dann lachte er: „Dass ich das noch erlebe. Du schlägst eine Unternehmung in die Gesellschaft vor. Wo du doch sonst die Abgeschiedenheit bevorzugst.“ „Ja Harry, es geschehen noch Zeichen und Wunder.“, versuchte Basil Hallward in das Lachen seines Freundes einzustimmen und stand auf. Es würde guttun, erst einmal über etwas anderes zu reden und zu lachen. Über das, was sie heute hier besprochen hatten würden beide Männer noch oft genug sinnieren. Für heute jedoch war es genug und so stand auch Lord Henry Wotton auf. Gemeinsam machten sie sich auf den Weg in den Club.

Ende
 
 
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