Sechs Tage

GeschichteRomanze, Freundschaft / P12 Slash
Anthony J. Crowley Erziraphael
06.08.2020
26.09.2020
12
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16.09.2020 1.608
 
Hallo alle,
heute kommt es endlich zum nächsten Treffen. Ich wünsche euch ganz viel Spaß und meldet euch gern zwecks Feedback. Ich bin, wie immer, sehr gespannt, was ihr davon haltet.
Lasst es euch gut gehen.
Kitty

Kapitel 10 – 19 Uhr in Covent Garden



Wie es sich für ein Wesen göttlicher Güte gehörte, war Arziraphale natürlich überpünktlich am vereinbarten Treffpunkt. Möglicherweise war er auch 60 Minuten vorher bereits da gewesen, um dem Dämon definitiv keine Möglichkeit mehr zu geben, ihn doch telefonisch im Laden zu erwischen und womöglich noch abzusagen. Innerlich beglückwünschte er sich zu dieser gewieften Handlung.

Nun stand er also mitten in Covent Garden vor einem kleinen, neu eröffneten Lokal und genoss das bunte Treiben, welches um diese Zeit die stilvolle Halle belagerte. Die Luft war gefüllt von den zarten Düften der Blüten an den Verkaufsständen, teuren Parfüms aus den Ladengeschäften und den feinen Speisen der umliegenden Restaurants. Hätte Arziraphale nicht gewusst, wie der Himmel riecht, hätte er den Duft des Covent Garden vermutlich als himmlisch bezeichnet.

Auch wenn es niemand der Passanten bemerken konnte, war Arziraphale angespannt. Die neuen Erkenntnisse hatten wie eine Bombe eingeschlagen und so ganz genau wusste der Engel selbst nicht, was er von diesem Treffen erwartete. Klar war, dass er Crowley mit seinem neu erlangten Wissen konfrontieren wollte, aber er fürchtete auch die Auswirkungen, die das auf ihre Freundschaft haben könnte. Er konnte sich keinen wirklichen Reim darauf machen, dass Crowley ihn in diese vermeintlichen Träume entführt hatte und war sich nicht sicher, wie das manchmal stürmische, dämonische Gemüt damit umgehen würde, dass Arziraphale die Wahrheit herausgefunden hatte. Erfahrungsgemäß war der Dämon nicht unglaublich umgänglich in solchen Situationen, sodass es meist zwei Möglichkeiten der Flucht gab – die lokale Distanzierung für einen ungewissen Zeitraum oder eben das Herunterspielen und Lächerlichmachen des Geschehenen. Der Engel erinnerte sich noch gut an die Übergabe der verloren geglaubten Bücher in den Trümmern der Kirche, aus der Crowley ihn damals gerettet hatte. Während Arziraphale kaum glauben konnte, was der Dämon da gerade getan hatte, welches Zugeständnis an ihre Freundschaft dort gerade von statten gegangen war, spielte Crowley die Situation herunter und tat so, als wäre es etwas völlig Alltägliches – für einen Dämonen – einem Engel – etwas derart Wichtiges – mir nichts dir nichts zurück zu wundern. Der Abend versprach heikel zu werden und der Engel musste geschickt vorgehen, denn wenn er ehrlich war, vermisste er die Präsenz des anderen übernatürlichen Wesens in seiner Nähe. Dunkel war die Macht, die den Dämonen umgab, daran gab es keinen Zweifel und trotzdem hüllte sie Arziraphale beruhigend ein. Dieses Gefühl begleitete den Engel mittlerweile schon so lange durch die Jahrtausende, dass er nicht genau sagen konnte, wann es angefangen hatte. Vermutlich war es ein schleichender Prozess gewesen, aber er war sich einer Sache sehr wohl bewusst: Das Gefühl des Hasses, welches ein Wesen wie er für ein Wesen aus der Hölle hätte haben müssen, hatte sich in seiner unsterblichen Seele nie hatte einstellen wollen. Selbst ganz zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise, als er auf der Mauer von Eden erkannte, dass diese vermeintlich neue Schöpfung von Ihr doch nicht so neu war, sondern ein Vertreter der Hölle, hatte Arziraphale nicht den Drang verspürt, dieses Wesen zurück dahin zu befördern, wo es her gekommen war.

Mitten in diesen Gedanken nahm sein engelhaftes Unterbewusstsein eine Veränderung war. Da war sie, die Aura – gleichsam dunkel wie beruhigend- und Arziraphale wandte ganz automatisch den Kopf in die Richtung. Die blauen Augen blickten ans andere Ende des Covent Garden, wo eine schlanke Gestalt, ganz in schwarz gehüllt, wiegenden Schrittes auf ihn zu kam. Wie so oft wunderte sich der Engel, wie es sein konnte, dass sein irdischer Körper ganz automatisch natürlich reagierte. Seine Atmung wurde automatisch schneller und passte sich so an den erhöhten Rhythmus seines Herzens an, nicht das er beides benötigt hätte. Den Blick weiter auf die näherkommende Gestalt gerichtet, wrang der Engel seine Hände hinter seinem Rücken und seine Gedanken wanderten zum Traum, der gar keiner gewesen war. Gerade war Crowley an dem Geschäft vorbeigeschlendert, vor dem die Musikerin gesessen hatte, vor dem er Arziraphale durch den Tanz geführt hatte, vor dem er selbst den Dämon schlussendlich geküsst hatte. Ihm wurde warm, sehr warm. Der Engel nestelte kurz an seiner Fliege, rief sich dann aber zur Räson. Jetzt hieß es das Pokerface zu wahren.



Einmal mehr war Crowley froh über genau zwei Dinge, die das Dämonendasein mit sich brachte – seine Sonnenbrille und seine Fähigkeit so auszusehen und zu agieren als wäre die Welt seine Auster. Auch wenn er sich gerade eher so fühlte, wie ein Tier auf dem Weg zum Schlachter. Seine innere Stimme hatte neuerdings offenbar ein Faible für schäbige Musik entwickelt, denn schon wieder sah sie sich dazu berufen den Soundtrack zu Crowleys Leben zu liefern. Es hörte sich verdächtig nach dem „Spiel mir das Lied vom Tod“-Song an. Crowley verdrehte die Augen. Er würde dringend mit seiner inneren Stimme ein ernstes Wörtchen reden müssen. Das war gerade alles andere als hilfreich.

Er bewegte sich weiter auf den Engel zu, der dort noch in einiger Entfernung mitten im Gewusel stand, umgeben von Blumenständen und Menschen mit vollen Einkaufstaschen, den Blick aber fest auf den Dämon gerichtet. Crowley fühlte die pulsierende, helle Macht, die von dem Engel ausging bei jedem Schritt stärker werden, sie fühlte sich beinahe magnetisch an. Die Gedanken an ihr letztes Zusammentreffen in Covent Garden versuchte er so gut es ging zu verdrängen, doch als er an besagtem Laden vorbei ging, kam er nicht umhin sich kurz an die Lippen zu fassen. ‚Idiot‘, schimpfte die innere Stimme, ‚geht es vielleicht noch ein winziges Bisschen auffälliger???‘

Und dann standen sie sich gegenüber. Hell und Dunkel nur einen Schritt entfernt. „Hallo Crowley, wie geht es dir?“, wollte der Engel wissen. „Em, du weißt, wie das ist. Das Böse schläft nie, ich hatte viel zu tun… Verführungen und so…“, stammelte Crowley eine Antwort. „Oh, du bist noch im Dienst?“ „Hrmmm, nun ja, nicht direkt. Komm, lass uns reingehen, du musst doch schon verhungern.“ Arziraphale ließ Crowley den Vortritt und lächelte ob dieses wirklich ärmlichen Versuchs der Ablenkung.

Das Essen war vorzüglich und der Wein war süffig und doch war die Stimmung angespannt. Arziraphale hatte das Gefühl, dass sie beide wie Raubkatzen um die Beute streunten, beide warteten quasi auf den Moment, in dem der Andere den ersten Schritt machte. Und so führten sie zwar hin und wieder eine leichte Konversation, aber der Berg an unausgesprochenen Fragen und Antworten blieb weiterhin unangetastet.

Es dauerte bis zum Dessert, bis der Engel es schließlich nicht mehr aushielt. „Crowley, mein Lieber, ich habe die letzte Zeit genutzt und mich ein wenig an diese moderne Musik herangewagt.“ „Neue Musik? Warum das? Du warst doch immer sehr zufrieden mit deinen Opern und dem ganzen Kram.“ „Ich dachte, es wäre mal an der Zeit für eine kleine Veränderung. Ein wenig Schwung in den alten Kram bringen, wie man so schön sagt. So eine Fast-Apokalypse schien mir der richtige Zeitpunkt, um sich neu zu orientieren. Kennst du eine Band namens ‚foo fighters‘? Die sind mir just untergekommen, interessante Musik, die diese jungen Männer machen.“ Und während der Engel diese letzten Worte sprach, ergoss sich eine Fontäne aus Rotwein über den Tisch. Der dämonische Urheber des plötzlichen Ausbruchs schaffte sich einige wertvolle Sekunden durch einen ausgedehnten Hustenanfall, um sein völlig leergefegtes Hirn auf Spur zubringen und sich eine adäquate Antwort zu überlegen. Er scheitere kläglich und alles, was seinen Lippen entkam, war ein überaus eloquentes „Em, nein?!?“. Für einige Sekunden schaute der Engel den Dämon eindringlich an.

„Ich weiß es, Crowley“, ergriff der Engel erneut das Wort. ‚Ich weiß es‘, hallte es wieder und wieder durch Crowleys Inneres und trotzdem dauerte es eine gefühlte Ewigkeit, bis die Bedeutung der Worte wirklich in seinem Bewusstsein angekommen war. Und mit dieser Erkenntnis kam das Wissen, dass dieser Abend nur noch in einem Desaster enden konnte. Und so bereite sich Crowley auf das unausweichliche Donnerwetter vor. Dies war der Tropfen, der das Fass der Unsagbarkeiten, die der Dämon sich über die Jahrtausende geleistet hatte, zum Überlaufen bringen würde, da war er sich sicher. Und selbst die innere Stimme hatte offenbar erschrocken die Luft angehalten und wagte es nicht, sich in diesem Moment einzumischen. Da sollte Crowley wohl schön alleine durch, er hatte es ja schließlich auch verbockt.

Da saß er also, eine Koryphäe aus der Hölle, und wartete wie das Vieh auf die Schlachtung. Den Blick auf den Tisch gerichtet, harrte er der Dinge, die unweigerlich kommen würden, die Enttäuschung in den Augen des Engels wollte er nicht sehen. Es würde reichen diese in der Stimme, die er so liebte, hören zu müssen und nichts tun oder sagen zu können, um Linderung zu verschaffen.

Sekunden vergingen und nichts passierte. Keine von den berühmten Moralpredigten des Engels rieselte auf ihn hinab und schließlich wagte er doch einen kurzen Blick in das Gesicht ihm gegenüber. Crowley wollte gerade doch das Wort ergreifen, als plötzlich ein kleinformatiges, aber recht dickes Büchlein mit einem verwitterten braunen Ledereinband über den Tisch zu ihm geschoben wurde. Crowley hob fragend eine Augenbraue. „Das ist für dich, ich möchte, dass du es liest.“, sprach der Engel mit gedämpfter Stimme, den Blick auf die Hand gerichtet, die das Buch übergeben hatte und nun noch schützend auf diesem ruhte. Dann ging ein Ruck durch den Blonden, er erhob sich und verließ den Tisch mit einer plötzlichen Eile. Im Gehen konnte Crowley ihn noch murmeln hören, dass er die Rechnung bereits beglichen habe. „Melde dich bei mir, wenn du fertiggelesen hast, mein Lieber.“ Zurück blieb ein irritiert dreinblickender Dämon, der nichts weiter tun konnte. als dem Engel mit leicht geöffnetem Mund nach zu starren.
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