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Achterbahn der Gefühle

von Amy12
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P12 / Gen
Bettina Weiss Dr. Frank Stern Dr. Tobias Lewandowski Hanna Winter Prof. Dr. Alexander von Arnstett
06.08.2020
19.06.2021
72
76.483
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06.08.2020 1.329
 
„Mann Betty, jetzt geh doch endlich ran...“, murmelte Dr. Frank Stern leise vor sich hin, während er zum gefühlt tausendsten Mal sein Handy gegen's Ohr presste. Mittlerweile war er aus dem Klinikgebäude getreten und auf dem Weg zum Parkplatz. Seine Füße bewegten sich allerdings nur beschwerlich, ganz so als wollten sie das Krankenhaus an diesem Abend nicht so recht verlassen.

„Mist!“, stieß er halb besorgt, halb genervt aus, als ein stetiges Piepen am anderen Ende der Leitung erklang. Wieder war sein Anruf ins Leere verlaufen. Langsam aber sicher spürte der Stationsarzt, wie die Sorge in ihm in Angst überging. Irgendwie passte dieses Verhalten so gar nicht zu seiner Freundin. Klar, die letzte Zeit zwischen ihnen war schwierig gewesen. Nicht zuletzt durch sein eigenes egoistisches Verhalten. Ohne es selbst richtig wahrzunehmen, hatte er mit seiner Sturheit Betty in den letzten Tagen immer weiter von sich weggetrieben. Doch war dies wirklich der Grund, wieso sie jetzt nicht einmal mehr ans Telefon ging, wenn er anrief? Obwohl es so abgemacht war? Nein, das konnte nicht sein... Sie hatten sich doch vertragen. Zumindest halbwegs.

Trotz Nieselregen, dessen Tropfen ihn nun im Gesicht berührten, blieb er stehen und fuhr sich erschöpft durchs kurze, dunkle Haar, während seine Gedanken zurück zu seinem Gespräch mit Betty schweiften, das er vor einigen Stunden mit ihr am Empfangstresen geführt hatte. Es war das erste Mal seit Tagen gewesen, dass er überhaupt einen Schritt auf sie zugemacht und mit ihr gesprochen hatte. Im Nachhinein kam er sich reichlich dämlich vor, dass er dies nicht schon viel früher getan hatte. Doch in seiner Sturheit war er geradezu blind gewesen und hatte sich so sehr in seinen Kinderwunsch hineingesteigert, dass er Bettys Sicht der Dinge komplett ignoriert, ja sogar verurteilt hatte. Dabei hätte er ihr nur zuhören müssen. Sie erklären lassen sollen, wieso sie noch nicht dazu bereit war mit ihm eine Familie zu gründen.

Zugegeben: Wirklich lange waren sie noch nicht zusammen, aber sie liebte ihn genauso sehr, wie er sie. Dessen war sich Frank zu hundert Prozent sicher. Und doch hatte es erst ihren kleinen Wutausbruch auf Station gebraucht, bis er vollends kapiert hatte, warum sie noch warten wollte. Anders als er in seiner Enttäuschung geglaubt hatte, war es nicht, dass sie sich schlicht keine Kinder mit ihm vorstellen konnte, es war vielmehr Angst. Angst davor, dass sie etwas überstürzten und am Ende scheiterten. Im Gegensatz zu ihm, der bis jetzt eigentlich hauptsächlich nur Verantwortung für sich selbst hatte tragen müssen, kam sie nicht nur aus einer langjährigen Beziehung, sondern hatte auch eine kleine Familie. Eine Familie die erst vor kurzem auseinander gerissen worden war. Woran er definitiv eine gewisse Mitschuld trug.

Wieder fuhr Frank sich durchs Haar und atmete die kalte, feuchte Abendluft tief ein. „Na? Heute gar keine Lust auf Feierabend?“ Abrupt drehte der Dunkelhaarige sich um und blickte geradewegs zu Tobias Lewandowski, der ihn freundlich, aber gleichzeitig auch ein wenig neugierig anlächelte. Scheinbar kam es ihm merkwürdig vor, dass sein Freund und Kollege sich noch immer auf dem Krankenhausgelände herumtrieb, obwohl er bereits Dienstschluss hatte. „Nicht so richtig.“, nuschelte Frank matt und spähte dann wieder zu seinem Handy. Ganz so als würde er erwarten, dass dieses ihm eine Nachricht von Betty verkündete. Irgendeinen triftigen Grund wieso sie nicht rangehen konnte. Doch nichts dergleichen.

„Frank, was ist los?“ Tobias Gesichtsausdruck veränderte sich merklich, während er sein Gegenüber nun schon fast drängend ansah. Irgendetwas beschäftigte diesen. Das war eindeutig. „Nichts...“ wiegelte der leitende Stationsarzt dennoch ab und wählte dabei erneut Bettys Nummer. Ehe er sein Telefon aber wieder gegen sein Ohr drücken konnte, kam Tobias ihm zuvor und entriss es ihm kurzerhand. „Lewi, was soll das?!“ blaffte Frank verärgert, doch sein Freund schien nicht im Geringsten davon beeindruckt. Im Gegenteil. Tobias wollte einfach nur wissen, was los war. Frank war doch nicht ohne Grund derart durch den Wind. „Das frage ich dich. Ist irgendetwas passiert? Etwas mit Betty? Habt ihr euch wieder mal gestritten?“

Frank zögerte einen Moment, noch immer leicht verärgert, seufzte dann allerdings hörbar auf. Eigentlich sollte er ja dankbar sein, dass er in Tobias nun jemanden hatte, der ihm zuhörte. Mit dem er seine Angst, die sich immer mehr in seiner Magengegend breit machte, teilen konnte. „Nein, im Gegenteil. Ich habe mich bei ihr entschuldigt. Naja zumindest halbwegs.“ „Sie hat die Entschuldigung aber nicht angenommen?“ „Doch.... Wir wollten in Ruhe reden. Heute Abend.“ „Ja gut, aber wieso bist du dann noch hier?“ Tobias legte irritiert den Kopf schief. So ganz konnte er scheinbar nicht folgen. „Weil ich sie anrufen sollte, sobald ich fertig bin, um den Treffpunkt auszumachen, aber sie geht einfach nicht ans Handy. Ich hab's schon mehrfach versucht. Erfolglos...“

Abermals schwappte eine Welle der Angst in Frank hoch, während er sich sein Handy wieder zurück ergatterte. Mit einem Blick zu seinem Freund erkannte er, dass seine eigene Sorge sich nun in dessen Augen widerspiegelte. Offensichtlich fand auch Tobias, dass dieses Verhalten so gar nicht zu der Betty Weiss passte, mit der er nun schon seit einigen Jahren zusammenarbeitete und die mittlerweile zu seinem engsten Freundeskreis gehörte.

Dennoch schüttelte der junge Arzt nach kurzer Stille, kaum merkbar den Kopf und legte dabei beruhigend eine Hand auf Franks Oberarm. „Das muss aber nichts bedeuten, das weißt du.“ Er versuchte soviel Überzeugung wie nur möglich in seine Worte zu legen, doch zu seinem eigenen Verdruss gelang es ihm nicht so recht. Das entging auch Frank nicht. Trotzdem versuchte dieser sich an einem leichten Lächeln. „Wahrscheinlich hast du recht.“

Für den Bruchteil einer Sekunde schloss er die Augen und versuchte dann jegliche Sorgen um Betty auszuklammern, bevor er Tobias wieder ansah. Es wurde Zeit endlich auf andere Gedanken zu kommen, ehe er sich noch komplett verrückt machte.

„Was machst du überhaupt hier? Du hast doch heute frei. Und wo ist Emil?“ Überrascht über den plötzlichen Themenwechsel, musterte sein Gegenüber ihn kurz irritiert. Tobias kannte seinen Kollegen nun lange genug, um zu wissen, dass dieser sich schwer damit tat, anderen an seinen Gefühlen oder Ängsten teil haben zu lassen. Ein Charakterzug, der ihn oft an sich selbst erinnerte. Anders als er, der auf Fremde eher spießig und ein wenig überkorrekt wirkte, versteckte sich Frank Stern hingegen gerne hinter seiner coolen, unbekümmerten Fassade. Genau das versuchte er wohl auch jetzt wieder. Was Tobias sogar irgendwie verstehen konnte.

„Ich musste nur ein paar Unterlagen abholen, die ich gestern vergessen habe.“, sagte er schließlich und hob die Akten in seiner rechten Hand hoch. „Die Nachbarin passt derweil auf Emil auf.“ Sein Blick wanderte zur Armbanduhr. „Allerdings sollte ich langsam wieder zurück. Ich habe ihr versprochen, dass es nicht lange dauern würde.“ Tobias wollte sich in Bewegung setzen, verharrte allerdings prompt wieder und blickte seinen Freund dann geradewegs ins Gesicht. „Sag mal... Hast du keine Lust mitzukommen? Emil würde sich bestimmt freuen.“ „Was?“ Frank wirkte leicht überrumpelt. „Ich weiß nicht...“, sagte er und zögerte merklich. Einerseits käme die Ablenkung in Form von Tobias kleinem Sohn ihm ziemlich gelegen, doch andererseits hatte er vorgehabt sich mit Betty zu treffen. Er konnte doch jetzt nicht einfach zu den Lewandowskis abhauen, nur weil er seine Freundin nicht sofort erreichte...

„Betty ruft dich bestimmt bald zurück und dann könnt ihr euch immer noch treffen. So weit liegt meine Wohnung doch schließlich nicht von ihrer WG entfernt.“ Tobias schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln. „Also... Kommst du mit, oder willst du hier im Park Wurzeln schlagen und womöglich noch klitschnass werden?“ Kurz zögerte Frank erneut, ehe dann auch ein Lächeln über seine Lippen huschte. Tobias hatte recht. Warten bis Betty sich meldete, konnte er auch bei ihm und Emil. Vermutlich machte er sich ohnehin ganz umsonst Sorgen und seine Freundin hatte schlicht ihr Handy verlegt, oder war eingeschlafen. Kein Grund sich weiter verrückt zu machen. „Okay... Ich bin dabei.“ sagte er schließlich, verdrängte die Sorgen um Betty in die hinterste Ecke seines Gehirns und schritt zusammen mit Tobias los.

Nichts ahnend, wie falsch seine Entscheidung, das Krankenhaus nun zu verlassen, tatsächlich war.
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