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Eisvogel

von Hyrule
GeschichteDrama, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
Frigga Heimdall Laufey Loki Odin Thor
06.08.2020
18.02.2021
27
85.959
24
Alle Kapitel
201 Reviews
Dieses Kapitel
11 Reviews
 
 
06.08.2020 3.526
 
Hallo ihr Lieben,

da bin ich wieder. Mein neues Projekt darf hiermit das schützende Nest verlassen und flügge werden. „Eisvogel“ ist fast fertig, hat 21 Kapitel, ungefähr 90.000 Wörter. Wie oft ich zum Posten der Kapitel komme, kann ich noch nicht sagen, da ich momentan durch die Pandemie beruflich sehr eingespannt bin.

Gebetat wurde das Ganze von der wundervollen lokilove21. An dieser Stelle einen ausdrücklichen Dank an sie. Sie hat unermüdlich auch noch die letzten Rechtschreibfehler aus den Kapiteln gezogen hat. Tapfer hat sie inhaltliche Wiederholungen, Brüche im Storyverlauf, fehlende Kommata und Fehler bei der wörtlichen Rede aufgesammelt und mir zurück auf die Tastatur geschüttet. Sie ist definitiv leidensfähig, kann ich euch sagen. Chapeau, lokilove21, chapeau!

Und nun geht es los. Viel Spaß mit "Eisvogel".

***

Das blaue Licht der untergehenden Doppelsonne schien nur noch schwach in seine Kammer. Die Fenster hatte Loki weit geöffnet, um die letzte Wärme des Tages einzulassen. Wobei Wärme wohl das falsche Wort war. Die zwei Sonnen, um die Jotunheim kreiste, waren so weit weg, dass ihre Strahlen kaum in der Lage waren, das permanente Eis Jotunheims zu schmelzen. Bald würde es wieder unerträglich kalt werden. Es fing schon an. Und dabei war es gerade Sommer. Eine Gänsehaut legte sich über seine Arme. Schnell warf er sich einen wärmenden Mantel, der aus der feinen, dichten Unterwolle von Hochland-Harkarindern gefertigte worden war, über, den er seit einiger Zeit zu tragen pflegte. Das hatte ihm den einen oder anderen skeptischen Blick seiner Mutter eingebracht. Schließlich trugen Jotunen für gewöhnlich keine Kleider. Schnell schloss er die Fenster und entzündete mit einem Wink seiner Hand ein kleines Feuer in einer der Wandnischen seiner Kammer. Es war magisch und damit ungefährlich. Aber es wärmte ein wenig und war damit für seine Zwecke gut genug. Die letzte Welle an Schmerzen, die sich sein Rückgrat entlang zog, klang langsam ab. Die nächste würde nicht lange auf sich warten lassen. Er trat an das geschlossene Fenster heran und ließ seinen Blick schweifen.

Manchmal fragte er sich, wie es hatte soweit kommen können, dass er, Loki, der Kronprinz Jotunheims, litt wie eine Frostratte im Sommer. Eigentlich sollte er wie seine Brüder kraftstrotzend umherlaufen und sein Leben genießen, solange ihm noch nicht die Ehre und Bürde der jotunischen Krone überantwortet wurde. Das Leben unbeschwert genießen – das war etwas, das Loki verwehrt blieb.

Dieser eine schicksalhafte Tag, diese eine Begegnung war schuld daran, dass sich sein junges Leben in einer unendlichen Talfahrt befand. Es rauschte einfach bergab, ohne die Möglichkeit, es anzuhalten. Aber es war seine eigene Entscheidung gewesen. Eine vernebelte Entscheidung, die ihn alles gekostet hatte. Warum nur war er damals nicht einfach zurückgegangen, warum hatte er sich nicht zügeln können? Er wusste sehr genau warum. Doch dass diese Begegnung in dieser Form überhaupt möglich gewesen war, hatte ihn sehr überrascht. Mehr noch, es hatte ihn schockiert. Aber es hatte sich doch so richtig angefühlt, so perfekt. Konnte es denn dann so falsch gewesen sein? Ja, konnte es. Es war falsch gewesen. Und die Folgen begleiteten ihn nun jeden einzelnen verdammten Tag.

Oft hatte er sich gewünscht, es seinen Eltern zu sagen. Sie einzuweihen, nicht mehr allein zu sein mit all dem Schmerz. Aber was wäre die Konsequenz gewesen? Vater hätte ihn vermutlich ausgelacht und Mutter geweint. Er hätte seinen Status als Kronprinz verloren. Sein Bruder wäre an seine Stelle getreten. Nein, Loki wollte solange der stolze Kronprinz bleiben, wie er konnte. Sein Bruder würde noch früh genug zum Zuge kommen. Auch wenn er es jetzt noch nicht wusste.

Die Sonne war bereits untergegangen und die Sternbilder des südlichen Himmeläquators breiten sich vor seinen Augen aus. Es war keine einzige Wolke am Himmel, die die strahlenden Sterne hätte verdecken können. Die große Himmelsschlange zog sich in einer ausladenden Helix über den Nachthimmel. Ein schönes Bild, aber Loki konnte es nicht würdigen. Seufzend senkte er den Kopf. Bald würde es so weit sein. Er konnte sich heute nicht in seiner Kammer verkriechen.

Dabei war es ein ungemein schöner Abend. Und ein wichtiger noch dazu. Vater hatte sie alle zu einem Familienrat in die große Halle Utgards geladen. Das tat er immer, wenn sich große Ereignisse ankündigten. Für gewöhnlich waren die königlichen Berater die ersten, die mit dem König die aktuellen innen- und außenpolitischen Entwicklungen besprachen und daraus Maßnahmen für das Volk ableiteten. Die königliche Familie wurde erst danach informiert. Sie hatten die Entscheidungen des Königs und des Beraterstabes zu tragen.

Als erstgeborener Sohn war er einer der Berater seines Vaters. Er nahm zwar nur selten an den Sitzungen teil, weil er es einfach nicht schaffte, länger als ein paar Stunden am Stück still zu sitzen. Wie oft hatte König Laufey ihn gerügt, er möge sich mehr seinen Pflichten als Kronprinz und Thronfolger widmen. Loki konnte es nicht zählen. Ja, er war ein wirklich schlechter erstgeborener Sohn. Helblindi füllte diese Rolle wesentlich besser aus. Aber er hatte auch nicht eine solche Bürde zu tragen wie Loki.

Bei der letzten, spontan einberufenen Ratssitzung war Loki jedoch zugegen gewesen und so wusste er, warum Vater sie alle zusammenrufen ließ. Es war auch der Grund, warum er sich in seinen Gemächern eingeschlossen hatte und vorgab, unpässlich zu sein. Er wollte nicht in die freudig glänzenden Augen seiner Mutter schauen, wenn Vater das herannahende Großereignis ankündigte, zu dem auch die komplette jotunische Königsfamilie einladen worden war. Er wollte nicht sehen, wie seine geliebten Brüder euphorisch aufsprangen und verkündeten, dass sie den verklemmten Höfen nun endlich zeigen konnten, wie man als Eisriese richtig feierte.

Natürlich hatten Vater und die anderen Berater auf Teilnahme votiert. Objektiv gesehen gab es keinen vernünftigen Grund für eine Absage. Dennoch ertrug er es nicht. Er wollte nicht dorthin. Erinnerungen würden geweckt werden, Wunden aufgerissen. Es würde seine Qualen nur verstärken. Und das war etwas, dass er sich nicht antun wollte. Natürlich hatte Vater sein Gesuch, dem Familienrat fern bleiben zu dürfen, abgelehnt. Als Thronfolger hatte er zu erscheinen. Außerdem sei es doch ein schönes Ereignis und eine Chance für die königliche Familie, sich im Kreis der anderen Höfe zu präsentieren. Vielleicht konnten neue Kontakte geknüpft werden, die für ihr Volk von Vorteil sein konnten. Auf Verständnis konnte Loki nicht hoffen. Er hatte den Worten seines Vaters nichts entgegenzusetzen gehabt.

Sicher, sein Vater hatte recht. Ihre Welt war diejenige im Gefüge der Weltenesche, der am wenigsten Beachtung zukam. König Laufey hatte es sich zum Ziel gemacht, Jotunheim wieder zu dem Glanz alter Zeiten zu verhelfen. Einst waren die Eisriesen den Asen, Vanen sowie Licht- und Dunkelelfen ebenbürtig gewesen. Sie wurden für ihre Freiheit bewundert und ihre Wildheit gefürchtet. Sie galten als unberechenbar. Aber sie waren eine feste Größe im Gefüge Yggdrasils. Die Wildheit, mit der sich die Eisriesen einst rühmten, wurde ihnen letztlich zum Verhängnis. Die Gesellschaft zerbrach an sich selbst. Auch nach einigen Jahrtausenden klaubten die jotunischen Könige die Scherben der Gesellschaft zusammen, um mit ihnen ein halbwegs erkennbares Muster zusammenzulegen. Es funktionierte recht gut. Die Größe von einst hatten sie noch lange nicht erreicht. Aber König Laufey war hartnäckig. Immerhin hatte er es erreicht, dass man die Eisriesen auf dem interyggdrasilischen Parkett nicht mehr schlicht und ergreifend ignorierte.

Denn zu lange waren die Eisriesen aus der Gemeinschaft der Welten Yggdrasils ausgeschlossen gewesen. Niemand wollte mit dem streitlustigen und aggressiven Volk zu tun haben, dass sich selbst abschlachtete. Man überließ sie sich selbst. Die Folgen waren verheerend. Seit sich die jotunische Gesellschaft wieder stabilisierte, wurde König Laufey nach und nach zu kleineren Veranstaltungen geladen, bei denen Vertreter aller Königshäuser anwesend waren. Außenpolitisch war es von enormer Wichtigkeit, dass die Eisriesen wieder in Kontakt mit den anderen Völkern Yggdrasils traten. Das wusste Loki nur zu gut. Handel und Forschung blühten in der Folge auf und damit auch die jotunische Gesellschaft. Die Beziehungen zu den anderen Königshäusern der vernunftbegabten Welten musste dringend ausgebaut werden. Vielleicht konnte man in ferner Zukunft festere politische Verbindungen herstellen. Aber davon waren die Eisriesen noch weit entfernt.
Die große Politik fand an den Höfen in Asgard oder Vanaheim statt. Hier wurden die wichtigen Entscheidungen getroffen. Wer mit wem Handel treiben durfte, welche Handelsverbindungen zu Welten außerhalb Yggdrasils aufrechterhalten wurden, welche Verteidigungsmaßnahmen im Falle eines Angriffs durchgeführt und welche Welten mit welcher Intensität geschützt werden sollten. Die Jotunen waren in diese Entscheidung bislang nicht eingebunden. Sie wurden höchstens über deren Ausgang informiert.

Das sollte sich ändern. Es hatte bereits begonnen. Zur letzten Versammlung zur Ausweitung der Handelsbeziehungen und Aufstockung der Handelsflotte waren auch Vertreter der Eisriesen geladen gewesen. Ihnen wurde immerhin eine Stimme zugestanden. Man wollte wohl testen, wie vernünftig sie ihre Entscheidungen abwogen. Scheinbar hatten sie den Test bestanden, denn kurze Zeit später folgten weitere Einladungen.

Das letzte große Ereignis, zu dem die Eisriesen gemeinsam mit dem yggdrasilischen Adel teilgenommen hatten, waren die Festlichkeiten anlässlich des 5.000-jährigen Bestehens der Akademie auf Vanaheim. König Laufey und Königin Farbauti nutzen die Gelegenheit und führten ihre Kinder Loki, Helblindi und Byleistr in die Welt der Königshäuser der yggdrasilischen Welten ein. Sogar das asische Königshaus war vertreten gewesen. Die Allmutter hatte sich mit ihren Söhnen die Ehre gegeben, die Hauptrede zu halten.

Königin Farbauti hatten ihren Kindern eingetrichtert, sich um jeden Preis still und unauffällig zu verhalten. Das richtete sich vor allem an ihren rebellischen ältesten Sohn, der nur zu gern Schabernack trieb. Dieser Unfug war bisweilen nur für ihn selbst scherzhaft und für andere schmerzhaft. Die anderen beiden Söhne waren noch zu jung, um auffallen zu können. Doch die Sorge um Lokis rebellisches Wesen schien unbegründet gewesen zu sein. Den offiziellen Teil der Feierlichkeiten bestand die jotunische Königsfamilie mit Bravour. Danach hatte Loki seine Mutter bei Wort genommen. Loki hatte sich danach schnell bei seinen Eltern entschuldigen lassen, um sich in die Bibliothek der Akademie zurückzuziehen. Bis zur Abreise war er nicht mehr zu sehen gewesen. Das war Lokis erster und einziger Ausflug auf andere Welten. Der Junge war wie ausgewechselt, als sie nach Jotunheim zurückkehrten. War er früher mit seinen Brüdern durch die Gänge getobt, saß er nun lesend in seinem Gemach. Farbauti nahm ihn oft beiseite und sagte ihm, dass sich ihre Aufforderung, sich still und ruhig zu verhalten, nur auf die Feier auf Vanaheim bezogen hatte. Es kam so weit, dass sich Loki weigerte, Jotunheim für diplomatische Anlässe zu verlassen. Stattdessen wurde der König und die Königin von Helblindi oder Byleistr, manchmal sogar beiden, begleitet, wenn die Anwesenheit der Königsfamilie erforderlich war.

Das war nun schon ein paar Jahrzehnte her. Die jotunischen Prinzen hatten inzwischen alle ihre Reife erreicht. Loki kam mehr schlecht als recht seinen Pflichten als erstgeborener Sohn des Königs nach. Helblindi und Byleistr lebten das leichte Leben von Prinzen in der zweiten Reihe. Doch während sie aufblühten, sich zu kräftigen Eisriesen entwickelten und sich ihren Gelüsten hingaben, wie man es von jungen, ungestümen Jotunen erwarten würde, schien sich Loki in genau das Gegenteil zu wandeln. Von dem rebellischen, Unfug treibenden Jugendlichen war nicht mehr viel übrig. Meist blieb der Kronprinz für sich, verkroch sich in seiner Kammer und las.

Ab und an nahmen seine Brüder ihn mit auf Streifzüge durch die Hauptstadt. Vordergründig gaben sie vor, sich mit ihm amüsieren zu wollen. Doch was sie wirklich umtrieb, war der Fakt, dass sich ihr ältester Bruder, obwohl er die Reifeweihe bereits seit langer Zeit abgelegt hatte, immer noch keinerlei Anstalten machte, sich binden zu wollen. Sie hofften, durch die Kontakte mit den Bewohnerinnen der Stadt endlich eine geeignete Kandidatin für ihn finden zu können. Bislang ohne Erfolg. Loki zeigte verwunderlicher Weise keine Anzeichen, dass er auch nur einen Funken Interesse in sich hatte.
Für die Brüder war das ein unergründbares Rätsel. Eigentlich müsste Loki nach all der langen Zeit vor unerfüllter Lust vergehen. Es war schlicht unmöglich. Schließlich saß der Samen der Nornen auch in ihm. Aber Loki zog sich lieber zurück, mied den Kontakt zu Eisriesen außerhalb der königlichen Familie und schien sich um das Gebot der Nornen nicht zu scheren.

Auch König Laufey und Königin Farbauti beobachteten das seltsame Verhalten des Kronprinzen mit kritischen Blicken. Längst hätte sie Loki zu Großeltern machen müssen. Das Gebot der Nornen galt auch für ihn. Aber er nahm sich einfach keine Partnerin. Alle Eisriesinnen, die Farbauti ihrem Sohn vorstellte, - gleich ob sie von Stand waren oder nicht - wurden von ihm abgelehnt. Irgendwann gab die Königin auf und zog Heiler hinzu. Irgendetwas stimmte mit ihrem ältesten Sohn nicht. Aber auch die Heiler konnten nichts feststellen, außer dass Loki augenscheinlich in der normalen Entwicklung eines Eisriesen zurückhing. Er war kleiner und schmächtiger als die anderen Eisriesen in seinem Alter. Seine Haut war zu blass, seine Zeichnungen am Körper stachen dunkel hervor. Die Wölbungen, die seine Stirn zierten, waren nicht so ausgeprägt, wie sie eigentlich sein sollten. Insgesamt war er zu glatt. Helblindi und Byleistr hingegen waren wahre Musterbeispiele und Prachtjotunen. Sie waren riesig und massiv, hatten sich bereits gebunden und einige Kinder gezeugt. So wie es sein sollte. Loki war sich sehr sicher, dass seine Mutter nicht aufhören würde, zu forschen, was genau hinter seinem Verhalten steckte. Aber nicht heute.

Große Ereignisse standen an. Ein Rabenbote hatte ein Pergament mit dem königlichen Siegel von König Njörd von Vanaheim nach Utgard getragen. Die Einladung, die vor einem Monat ankam, versprach Abwechslung. Immerhin erging die Einladung anlässlich der Hochzeitfeierlichkeiten von Prinz Freyr und Prinzessin Freya von Vanaheim an die gesamte jotunische Königsfamilie und nicht nur an den König selbst.

Dass die Geschwister Freyr und Freya miteinander verheiratet werden sollten, wunderte Laufey wenig. So konnte die Macht des vanischen Hofes in voller Stärke erhalten bleiben. Ob die Geschwister das auch wollten, war dabei irrelevant. Sie hatten zu tun, was ihr Vater, König Njörd von Vanaheim, ihnen auftrug. Die angefügte Liste an erwarteten Gästen war lang und erlesen. Alle würden da sein. Der komplette Hochadel der vernunftbegabten Welten Yggdrasils. Die Liste an Kleidungsregeln zu den einzelnen Stationen der Feierlichkeiten war ebenso lang.

Kleidung. Eisriesen trugen für gewöhnlich keine Kleidung. Weshalb auch. Die brauchten sich nicht zu wärmen. Ein lederner Rock zum Verdecken der Scham war alles, was ein Eisriese benötigte. Die Geschlechter unterschieden sich dabei kaum. Dennoch zogen auch auf Jotunheim mit der gesellschaftlichen Öffnung nach und nach die Gepflogenheiten der anderen Welten ein. Die adligen Eisriesinnen hatten seit geraumer Zeit begonnen, die Kleidung der Asinnen und Vaninnen zu imitieren. Sie hüllten sich bevorzugt in dünne, durchscheinende Stoffe, die nicht wärmten, aber für die Männer ungleich anziehender wirkten.

Aber für eine königliche Hochzeit passende Kleidung war tatsächlich ein Problem. Laufey hatte mit dem Rat beschlossen, die besten Schneider der Hauptstadt zu beauftragen, für die königliche Familie angemessene, aber nicht zu übertriebene Kleidung nach asischem Vorbild zu entwerfen. Die Kleidervorlieben am vanischen Hof kamen für die Eisriesen nicht in Frage. Sie kleideten sich in zu viel wärmenden Stoff, ausladenden Röcken und aufgeplusterten Hosen. Asen trugen dagegen viel kaltes Metall am Körper, glänzende Rüstungen, Schienen an Armen und Beinen. Fließende, glatte Stoffe dominierten die asische Mode. Was die Licht- und Dunkelelfen, Zwerge und Feuerriesen zu tragen pflegten, war nicht weiter von Belang. Entscheidend war, was die führenden Höfe gerade an Mode vorgaben. Die ersten Entwürfe sollten später in einem Familienrat vorgestellt werden.

Heute war es nun so weit. Der Rest der königlichen Familie würde über die vanische Hochzeit informiert werden. Leise Schritte auf dem Flur vor seinen Gemächern kündigten Loki an, dass es Zeit wurde. Schon kam ein Klopfen von der Tür und die Aufforderung des Dieners, sich auf Geheiß von König Laufey in der großen Halle einzufinden. Schnell warf er den wärmenden Mantel auf seine Bettstatt. Er hatte wenig Lust, sich das Gespött seiner Brüder anzuhören, warum er wie ein vanisches Weib Fellkleidung umlegte.

Loki bereute die schnelle Bewegung sofort. Schmerz brandete in seinem Kopf auf, biss sich hinter seinen Augen fest und raste in den Hinterkopf und zog sich abwärts den Rücken entlang. Japsend zog Loki Luft in seine Lungen, schloss die Augen und stützte sich auf seinem Bett ab. Zählen… eins, zwei, drei… atmen… eins, zwei, drei… atmen… es geht gleich vorbei. Loki wiederholte sein Mantra einige Male, bevor er sich mühsam aufrichtete. Es wurde tatsächlich besser.

Der abklingende Schmerz perlte noch in kleinen Wellen seinen Rücken hinab. Am schlimmsten war das nagende Gefühl hinter seinen Augen. Es war schwer, sie offen zu halten. Am liebsten hätte er sie den ganzen Tag geschlossen gehalten und wäre zurück unter seinen Turm aus Fellen zurückgeklettert, der sich seit einiger Zeit auf seiner Bettstatt stapelte.

Seit er seine Reife erreicht hatte, war ihm ständig kalt. Eigentlich sollte er als Eisriese keine Kälte fühlen können. Seine Reifeweihe… Das war auch eine der unangenehmeren Stationen seines Lebens gewesen. Der Zeitpunkt, als er das Erwachsenenalter erreicht hatte, war nun schon seit einer ganzen Weile verstrichen. Die damit verbundenen Feierlichkeiten waren seines Standes angemessen gewesen. Man erwartet viel von ihm. Immerhin war er ein jotunischer Prinz. Der erstgeborene Prinz, um genau zu sein. Ihm kam die fragwürdige Ehre zuteil, die Thronfolge aufrecht zu erhalten. Seit er die gesellschaftliche Vollwertigkeit erreicht hatte, ging es nur noch darum, wann er sich endlich binden würde. Es war unerträglich. Wenn sie nur wüssten…

Die Blicke zu seiner Reifeweihe waren mehr als eindeutig gewesen. Der ganze Hofstaat war anwesend, um den Prinzen bei seinem Schritt in die Vollwertigkeit zu begleiten. Es war üblich, dass man bei Erreichen der Volljährigkeit in eine Lebensphase des Sturms und des Drangs eintrat. Die Gefühle waren plötzlich angefüllt von Hormonen und Verlangen. Der weibliche, ungebundene Teil des Hofstaates hatte hoffnungsvoll zu ihm geblickt, und darauf gewartet, dass er eine von Ihnen sofort mit ein sein Gemach nahm.

Ungewöhnlich wäre es nicht gewesen. Byleistr war so verfahren. Die Lust hatte ihn im Zeitpunkt seiner Reifeweihe übermannt und ihn sofort in ein Weib gedrängt. Helblindi war maßvoller gewesen. Er hatte sich einige Zeit gezügelt und bewusst eine Partnerin von Stand ausgewählt. Mit ihr war er heute noch zusammen. Nur Loki war noch ungebunden.

Lokis Leben hatte sich seit seiner Reifeweihe vollkommen geändert. Schmerzen waren Lokis allgegenwärtiger Begleiter geworden. Sie kamen und gingen, aber sie waren ein regelmäßiger Bestandteil seines Lebens. Und sie wurden mit den Jahrzehnten stärker. Da er die Bedingungen, die sein Volk und das Gebot, das die Nornen über die Jotunen gesprochen hatten, an die Vollendung des Weiherituals knüpfte, einfach nicht erfüllen konnte, würde es auch so bleiben. Je länger dieser Zustand anhielt, desto schlimmer würde es werden. Mit jedem verdammten Tag. Irgendwann würde er den Verstand verlieren. Dann, wenn der Schmerz die Oberhand gewann. Er hatte alles darüber gelesen, was er darüber in der Bibliothek finden konnte. Viel war es nicht.

Eine nächste Welle jagte durch seinen Körper. Er schloss die Augen. Der nagende Schmerz wühlte sich in seine Augäpfel und ließ ihn innerlich aufschreien. Es würde vorbeigehen. So wie es immer vorbeiging. Seine Hände krampften sich zu Fäusten zusammen. Langsam flaute die Schmerzwelle ab. Er seufzte leise und straffte sich. Er musste funktionieren. Heute war schließlich ein wichtiger Tag. Schnell trat er in den Gang hinaus und folgte dem Diener in den Thronsaal seines Vaters, als sich eine riesige Hand um seine Schulter legte.

„Na, Bruderherz, bereit für den großen Auftritt? Ich bin ziemlich gespannt, was Vater und zu sagen hat.“

„Du wirst es gleich erfahren“, antwortete Loki kurz angebunden. Der Schmerz hallte noch immer hinter seinen Augen nach.

„Ach komm, verrate es mir.“

„Sei nicht so neugierig, Byleistr.“

„Also gut. Was könnte es sein? Vater hat endlich den überheblichen Asen den Krieg erklärt?“

„Wie kommst du denn darauf? Nein, natürlich nicht.“

„Er hat zumindest den überheblichen Vanen den Krieg erklärt.“

„Nein. Außerdem, wenn er den Vanen den Krieg erklären würde, käme das einer Kriegserklärung gegenüber den Asen gleich.“

„Hat er überhaupt irgendwem den Krieg erklärt?“

„Nein, warum sollte er?“

„Ach, nur so. Es ist doch so langweilig hier. Ich mag die asischen Hampelmänner einfach nicht.“

„Kann ich verstehen“, sagte Loki leise.

„Sie denken, sie stehen über uns. Sie reden immer großspurig vom Zusammenhalt und der Gleichberechtigung der Völker der Weltenesche. Aber zum Beispiel Midgard wird komplett ignoriert. Gut, da hausen auch nur Primitivlinge. Mit uns sprechen sie wenigstens, aber auch nur das Nötigste. Es kommt nahe an Ignorieren heran. Gleichberechtigung. Pah. Wer ist denn der Allvater? Wem sind denn die Nornen treu ergeben? Wer bestimmt, wer in den Genuss der goldenen Äpfel kommen darf? Ein Ase!“

„Byleistr, hör auf, du steigerst dich da in etwas hinein.“

„Am liebsten würde ich ihnen allen das verlogene Grinsen aus dem Gesicht schlagen.“

„Du bist zu grundsätzlich. Du hast in einer Sache recht. Wir werden kurzgehalten. Wir können unser wahres Potential nicht ausschöpfen. Der Allvater kontrolliert uns, in dem er uns häppchenweise an seiner großen Macht teilhaben lässt. Aber mit Gewalt wirst du das Problem nicht lösen. Ein Krieg mit den Asen kann unser Volk nicht überleben. Wir müssen subtiler vorgehen, unsere Positionen in den Gremien, denen wir beiwohnen dürfen, durchsetzen. Das nennt man Diplomatie.“

„Diplomatie? Subtil Positionen stärken? Du redest wie Vater. Ach, komm schon, so ein kleiner Ausrutscher mit der Faust ganz subtil in eines dieser überheblichen asischen Gesichter…whoooa!“

Loki hatte die Hand gehoben, grünes Licht sammelte sich am Boden und unter Byleistrs Füßen bildete sich eine spiegelglatte Eisschicht. Byleistrs Füße verloren sofort den Halt und der glitt unsanft zu Boden.

„Loki! Was war das denn?“

„Das, liebster Bruder, war ein ganz subtiler Ausrutscher.“
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