Remember you remember me

von TheWInd
GeschichteDrama, Tragödie / P18 Slash
HIM
05.08.2020
23.08.2020
50
104.855
 
Alle Kapitel
noch keine Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 
05.08.2020 2.016
 
Völlig verschwitzt stand Ville im Backstagebereich des Provinssi. Er lächelte, auch wenn er etwas atemlos aussah und sich mit einem dunklen Handtuch immer wieder übers Gesicht fuhr. Das dunkle Hemd klebte ihm am Leib und in seinem Kopf herrschte noch immer diese diffuse Leere. Er hörte das Kreischen und Klatschen der Zuschauer, aber er hatte noch immer das seltsame Gefühl, also ob es nicht wirklich ihm gelten würde, sondern jemand vollkommen anderem. Esa war bei ihm. Gerade reichte er ihm eine der Wasserflaschen, doch Villes Hände zitterten so stark, dass er sie kaum halten konnte. Er schaffte es nicht mal mehr den Schraubverschluss zu öffnen.
Esa sah ihn fragend an und zog dabei eine Augenbraue hoch, doch der Frontmann wich seinen Blicken aus, stattdessen steckte er sich eine weitere Kippe an und ließ sich noch immer hörbar atemlos in einen der hellen Plastikstühle sinken.
„Ville!“
Er wandte halb den Kopf. Er war vollkommen erschöpft wie auch merklich durcheinander, zudem fühlte er sich noch immer benommen und blinzelte immer wieder heftig.
Es war Christel, die zusammen mit Silke und Thomas auf ihn zu hielten. Der hellblonde Tourmanager war vollauf begeistert und überschlug sich fast mit seinen Worten. „Du warst großartig, Vil. Der ganze Gig war nahezu perfekt! Mich haben sogar noch mehr Veranstalter angefragt... alle wollen dich und die Agents auf ihrer Bühne haben. Mein Telefon steht ja kaum noch still...“
„Uhh... ja...?“ Er klang müde und er hatte Mühe sich zu konzentrieren, da in seinem Kopf noch immer alles durcheinander ging. Auch das laute Kreischen hallte ihm noch immer durch den wummernden Schädel.
Thomas sah ihn mit zusammen gezogenen Augenbrauen an. „Das fragst du noch? Hast du die Leute da draußen nicht gesehen? Hast du es nicht gespürt? Sie grölen sogar jetzt noch nach dir. Du warst fantastisch! Wie Rauli damals... du hast ein wahnsinniges Comeback hingelegt, und damit habe selbst ich nicht mehr gerechnet Ville, es tut mir leid, aber...“ Er schüttelte den Kopf, ohne den anderen Finnen zu Wort kommen lassen, „Aber du hast mich restlos überzeugt! Und nicht nur mich. Es war perfekt!“
Doch Ville winkte unwirsch ab. Sein Blick war seltsam leer geworden. „Lass das. Ich möchte nicht mit ihm verglichen werden. Er ist tot und er war einmalig. Ich habe bloß versucht seine Songs zu singen... ich habe sie ja nicht mal mehr verfasst... also bitte hör auf damit. Ich bin nicht Rauli und ich möchte es auch nicht sein, nein. Ich habe mich auch nicht gefühlt wie er. Und wenn, dann hat er das Lob verdient. Er und die Band, aber nicht ich.“ Er klang mürrisch und zog kurz die Schultern hoch. Die heiseren Schreie draußen auf dem weitläufigen Festivalgelände dröhnten ihm noch immer in den Ohren.
Thomas schüttelte überrascht den Kopf. „Das ist Unsinn, Vil. Du bist wie er, es ist...“
Ville zwinkerte ihm müde zu, dann ließ er ihn jedoch stehen. „Hör auf damit... bitte. Ich werde niemals so gut oder so schlecht sein wie er. Ich möchte es auch gar nicht. Ich habe nie versucht ihn zu kopieren. Das ist schwachsinnig. Also lass mich damit einfach in Ruhe.“
„Ville!“
Doch der reagierte nicht mehr. Er stand nun bei Silke und umarmte sie, aber auch ihr entging nicht, wie müde und erschöpft der Frontmann war. Auch ihr war sein leerer, entrückter Blick aufgefallen. Schon wollte sie nach seinem Arm greifen, doch Ville hatte kaum noch die Kraft um sich auf den Beinen zu halten. Kurzerhand ließ er sich auf keuchend in den nächstbesten dunklen, gepolsterten Sessel fallen. Christel sah ihn mit wachsender Besorgnis an und griff nach seiner Hand. Sie streichelte ihm über das verschwitzte Gesicht, dann küssten sie sich flüchtig.  
„Oh Ville... es war grandios dich endlich wieder auf einer Bühne zu sehen und zu hören. Du kannst Thomas ruhig glauben, du hast dich stellenweise sehr wohl wie Rauli angehört, nur eben besser und etwas tiefer. Es war ein absolut wunderbarer Moment. Das war vielleicht der beste Gig deines Lebens! Ich... es war magisch. Jeder hat es gespürt. Jeder. Mir fehlen die Worte.“
Er blinzelte zu ihr hinüber. Er war noch immer völlig durcheinander und er musste wieder an Jonne denken. War er wirklich dort gewesen oder hatte er sich getäuscht und ihn bloß verwechselt? Grübelnd starrte er vor sich hin, bis er sich Christel, die neben ihm saß und ihn ansah, wieder bewusst wurde.
Der Frontmann räusperte sich. Er war heiser geworden. „Ja, es war toll. Ich habe dieses Gefühl schon irgendwie vermisst und es hat sich vertraut angefühlt... auch wenn ich am Anfang eine Scheiß Angst hatte... ich...“ Er hielt noch immer ihre Hand in der seinen und streichelte sachte darüber, dann sah er sie plötzlich an. Er versuchte die Gedanken an Jonne mit aller Macht zu verdrängen, auch wenn es ihm merklich schwer fiel. „Darling, ich danke dir für alles. Du hast immer an mich geglaubt, und du hast zu mir gehalten, wo mich alle anderen bloß noch wie Mist behandelt haben. Ohne dich hätte ich es nie zurück auf eine Bühne geschafft. Nie.“
Sie fuhr mit ihrem Finger sachte über seine sinnlichen, warmen Lippen. „Ville ich... Himmel du zitterst ja...“
Er sah beschämt aus. „Ja... ich... ich bin völlig erledigt. Ich bin müde und ich habe Kopfschmerzen, das ist alles. Vielleicht bin ich auch einfach etwas aus der Übung...“ Er versuchte belang los zu klingen, doch Christel spürte, dass da mehr war als bloße Erschöpfung. Besorgt sah sie ihn an, ehe sie wieder nach seiner zitternden Hand griff und sie umklammerte.
„Ville... du... oh nein, hast du etwa wieder diese verdammten Tabletten genommen? Hier? Auf dem Gig? Verdammt noch mal Ville... was...? Was ist mit dir?“ Sie versuchte leise zu sprechen, sodass die anderen es nicht mitbekamen, aber ihre Wut war dennoch aus ihren Worten heraus zu hören.
Ville seufzte neben ihr auf und fuhr sich durch die feuchten Haare. Er zitterte nun merklich und auch sein Atem war sehr flach. Sein Blick war kurz verwirrt, dann schüttelte er wieder den Kopf. Er brauchte einige Sekunden, ehe er ihr schließlich antworten konnte. „Ich... ich kann sie nicht so einfach absetzen. Wegen der heftigen Entzugserscheinungen... Darling, bitte...“
„Was bitte? Ville! Du musst diesen Mist endlich absetzen! Und das weißt du! Du hast es mir versprochen...“
Er wurde blass, während er die Augen zusammen kniff und mit zitternden Lippen an seiner Kippe zog. Er konnte kaum noch den Arm halten. „Ich weiß. Und ich bin wirklich nicht stolz darauf, dass ich es noch nicht geschafft habe. Bitte... Christel... ich...“ Er holte Luft, „Ich habe auch schon über einen Entzug nachgedacht...“ Er klang nachdenklich und starrte wieder mit leerem Blick vor sich hin. All die Liebe, die Leidenschaft und die Energie, die er noch während des Gigs empfunden wie auch versprüht hatte schien wie erloschen oder unter einer dicken Ascheschicht begraben zu sein.
„Und wann willst du den Entzug machen, Ville? Verdammt? Wann? Ich habe Angst um dich. Dieses Zeugs ist gefährlich... du musst damit aufhören. Du siehst so seltsam aus, wie betäubt und...“
Ville fuhr auf.
„Das bin ich auch. Was denkst du denn, warum ich es nehme? Aus Vergnügen? Oh nein. Ganz sicher nicht! Ich... dieser verdammte Prozess macht mich fertig, und ohne das Alprazolam schaffe ich es einfach nicht. Ich kann das ohne die Tabletten nicht durchstehen, ich kann es einfach nicht...“ Sein Herz flatterte und er hatte Mühe tief Luft zu holen. Für einen kurzen Augenblick lang drohte alles vor seinen zusammen gekniffenen Augen zu verschwimmen.
Christel war sauer. Sie pustete sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht, ehe sie ihn wieder eindringlich ansah. „Ville... nach dem Prozess ist es vielleicht schon zu spät für dich! Du musst jetzt davon loskommen, begreifst du das denn nicht?“
Auch Ville war ziemlich ungehalten.
„Was denkst du denn? Hältst du mich wirklich für einen solchen Idioten? Ich kann es nicht absetzen, nicht einfach so... ich...“
„Was ich? Sag es mir doch einfach!“
Ville holte heiser Luft. „Ich bin längst abhängig von dem Zeugs. Es tut mir leid...“ Er zuckte die Schultern, ehe er versuchte aufzustehen, aber er war so schwach und zitterte, sodass er erschöpft zurück sank. Esa hatte es bemerkt und kam nun mit einem seltsamen Gesichtsausdruck und zusammen gepressten Lippen auf ihn zu.
„Ville, hey... ist alles in Ordnung?“
Der Fronter sah erschrocken auf. „Uhh ja sicher... es ist nur sehr anstrengend gewesen denke ich. Aber ich bin ok.“
„Du kannst nicht aufstehen.“ Nun hatten es auch die anderen bemerkt. Thomas wie auch Silke drehten die Köpfe in seine Richtung. Ville hatte es bemerkt und seine Miene verfinsterte sich augenblicklich. Wütend holte der dunkelhaarige Frontmann Luft. „Hört auf mit dem Unsinn, verdammt... natürlich kann ich aufstehen!“ Er klang gehetzt wie auch leicht panisch, doch dann stemmte er sich mit beiden Armen hoch und stand tatsächlich auf. Er war blass und er zitterte, aber er stand. Dann ging er wortlos wie auch mit leerer Miene an den anderen vorbei und strebte mit unsicheren Schritten dem Bühnenaufgang zu. Er sah nicht einmal zurück, da er sich für das, was gerade zwischen ihnen vorgefallen war, in Grund und Boden schämte. Er machte ihnen etwas vor, und das hatte er nie gewollt. Er war schwach und er war abhängig. Und das war nur schwer zu ertragen.  
Hastig versuchte er den Backstagebereich zu verlassen, doch es war zu eng und zu voll und nun war es Silke, die ihn schon nach wenigen Schritten eingeholt hatte und energisch am Arm herum riss und ihn ansah. Überall wuselten noch Tontechniker oder andere Musiker herum, das Festival war noch immer in vollem Gang. Silke musste beinahe schreien, damit er sie verstand.  
„Ville. Was versuchst du uns gegenüber zu verheimlichen?“ Auch die Deutsche klang besorgt aber auch eindringlich, „Ist es immer noch wegen den Psychopharmaka? Ville?“
Erst jetzt hob der Fronter langsam den Blick.
„Ja verdammt... ich... ich komme davon einfach nicht los. Nicht jetzt und... bitte... hänge du es nicht auch noch an die große Glocke...“
„Ville. Ich muss. Ich will dir helfen, und Christel hat Recht, du musst davon loskommen!“
„Nein!“
Der Sänger riss sich von ihr los. „Ihr habt doch alle keine Ahnung, was ich gerade durchmache! Scheiße noch mal nein! Und ich bin abhängig, ich kann nicht einfach so damit aufhören... Silke... das würde mich umbringen. Die Tabletten sind sehr stark dosiert und...“
Mit ängstlichem Blick kam sie wieder auf ihn zu, dann strich sie ihm über den linken tätowierten Arm. „Ich weiß, Vil, ich weiß, aber wir werden einen Weg finden, das verspreche ich dir. Ich werde nicht mitansehen, wie du dich mit den Medikamenten kaputt machst. Ich...“
„Uhh ja...“
Er klang niedergeschlagen und leer. Und genauso fühlte er sich in diesem Augenblick auch. Wertlos. Vollkommen wertlos. Er hatte wieder einmal alle enttäuscht. „Es tut mir leid,“ murmelte er leise auf Finnisch, dann sah er sie nochmals an. „Nach den Gigs und dem Prozess werde ich einen Entzug machen. Nur nicht jetzt. Bitte... ich... kann nicht ohne die verdammten Tabletten. Gut ich zittere etwas, aber das ist schon ok und auf der Bühne merkt man es kaum. Ich habe das im Griff, Silke! Das habe ich dir damals schon gesagt und es gilt auch heute noch, das weißt du.“
Sie sah ihn mitfühlend an. „Aber du empfindest nichts mehr, oder?“
„Nicht sehr viel... ich... es ist alles gedämpft. Ich bin müde und ich fühle mich absolut beschissen, das kannst du mir glauben, aber wenn die Alpträume zurück kommen, dann kann ich gar nichts mehr machen. Weder einen Gig spielen, noch ein Interview geben, noch für meine Frau und mein Todkrankes Kind da sein... ich... mein Gott ich halte das nicht mehr aus. Ich habe Angst, Silke. Große Angst.“
Sie hielt seine warme, große Hand lange Zeit fest. „Ich auch, Vil. Ich habe auch Angst. Um dich.“
Er schüttelte traurig lächelnd den Kopf. „Ich...“
„Was ist es noch? Vil, bist du glücklich?“
Auf einmal hielt der schlanke, dunkelhaarige Mann mit den grünen Augen inne. Sein Blick war leer und abwesend, seine blassen Lippen zitterten leicht. Immer wieder fuhr er sich fahrig durch die offenen, verschwitzten Haare.
„Nein. Verdammt nein... aber ich sollte es sein, mm?“
Review schreiben