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Till the undead do us part - eine Liebesgeschichte mit Zombies

GeschichteParodie, Liebesgeschichte / P18
02.08.2020
19.09.2020
4
14.774
5
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
06.08.2020 3.289
 
Hellow!!!

Mellow speaking!

Direkt zum Start 5 Sternis? NICE! <3 Wir ziehen nach und liefern ab!

Heute gibt's wieder ein Jules-Kapitel, die mit ihrer eher depressiven Grundstimmung in totalem Kontrast steht zu raging Charlie. Tja, jeder geht mit so einer Apokalypse anders um... Und so wird es für euch nicht langweilig.

Grüßlis
Hellowfinity




3. Vom Winde verwehst
mellow: Jules POV


Ich erinnere mich noch genau an das geilste Geschenk, das ich je bekommen habe. Es war an meinem 18. Geburtstag. Damals, als die Welt noch in Ordnung und Mom noch am Leben war. Es war wenige Wochen, ehe ihre Leiche vergewaltigt und zerstückelt auf dem Feld hinter unserer Schule gefunden wurde. Ich wusste noch nicht, dass ich bald mehrere Tage in Angst um sie leben würde, weil sie einfach nicht mehr nach hause kam. Mir war noch nicht klar, dass Medien mich und meinen Vater belagern würden und uns fragen würden, ob wir nicht einfach überreagierten, indem wir von einem Verbrechen ausgingen, weil sie plötzlich nicht mehr auftauchte. Könne es nicht sein, dass sie einfach die Schnauze voll gehabt hatte, und uns einfach nicht mehr sehen wollte? Dass sie ein neues Leben in einem andern Land beginnen wollen würde? Nein. Ich war mir total sicher, dass sie mich nie im Stich lassen würde. Und meinen Dad auch nicht. Was ich aber tagelang nicht wusste ist, dass ich ihre sterblichen Überreste auf dem Weg zur Schule quasi direkt passierte. Ich hoffte auf ihre Rückkehr, und gleichzeitig war ich ihrer Leiche so nah. Nur 50 Meter vom Radweg entfernt lag sie. Tagelang in der Junihitze, wo sie verfaulte.

Vielleicht fing es damals schon an; meine ungeahnte Nähe zu Leichen. Mom umgab mich, obwohl sie tot war. Auch heute umgeben mich viele Leute, die tot sind. Ich bin nie ganz alleine. Aber gleichzeitig bin ich es doch.

Aber ich möchte auf das Geschenk zurückkommen, das sie mir wenige Wochen vor ihrem Tod zu meinem 18. Geburtstag überreichte. Tatsächlich war es nichts Handfestes. Es war ein großer Umschlag und ein Reiseführer - Ein Gutschein für meinen ersten Flug nach London. Mom und Dad würden mit mir fliegen. Ich hatte es mir immer so sehr gewünscht. Und nach dem bestandenen Abi und vor dem Beginn meines Studiums würde ich durchstarten. Da bis jetzt immer zu wenig Geld für Urlaub da war, würde diese Reise einzigartig und absolut neu für mich sein. Mom und Dad hatten lange für mich gespart. So stolz waren sie auf mich.

Aber dann wurde Mom ermordet und alles änderte sich. In der Schule tobte und schrie ich, wenn jemand mir dumm kam. Ich weinte dauernd. Ich wollte nicht mehr raus, sackte notentechnisch so furchtbar ab, dass meine Zulassung zum Abi auf der Kippe stand. Und als mir Frau Schuflitoski, meine Klassenlehrerin, diese frohe Botschaft vor all meinen Mitschülern mitteilte, baute ich mich vor ihr auf und zischte: „Wenn du mich sitzenlässt, bring ich dich um.“ Das war's dann für mich. Psychiatrie. Meine Abiprüfung schrieb ich also nie. Und wie ihr es euch wahrscheinlich schon gedacht habt, flog ich auch nie nach London. Abgesehen davon, dass ich meine Mutter verloren und die Schule aufgrund meines Klinikaufenthaltes unterbrechen musste, kamen dann die Zombies. Und London ist mittlerweile wahrscheinlich genauso von ihnen überlaufen, wie die deutschen Großstädte.

Ich hatte schon tolle Sachen zu meinen vorigen Geburtstagen gekriegt, ja. Eine Nintendo Switch. Und einen Bogen. Ja wirklich, ich liebe das Bogenschießen. Als Kind hatte ich diese sprechende Plüschkatze bekommen, die für mich das geilste war, bis die Batterien in ihr ausliefen und sie nicht mehr antworten konnte. Ich hatte echt schon geile Geschenke bekommen. Wieso ich diese Reise trotzdem als mein schönstes Geschenk bezeichne? Nun, damals war eben alles noch okay. Ich wusste, dass meine Eltern mit mir nach all der Mühe, die ich ins Lernen stecke, nach London fahren würden und, dass ich mir dort die Harry Potter Ausstellung ansehen könnte. Ich habe mich so gefreut. Ich wusste zwar, wie London aussah, hatte aber keinen Schimmer davon, wie es sich wirklich anfühlte, schmeckte und roch, wenn ich wirklich da sein würde. Ich überließ all das meiner Fantasie. Und in meiner Fantasie wurde alles an dieser Reise einfach zu dem perfektesten und erfüllendsten Erlebnis. Mom, Dad, ich und Dobby. Was könnte es Schöneres geben?

Manchmal begebe ich mich gedanklich wieder dorthin. Wenn die andern Freaks auf Vögel schießen; sich gegenseitig bedrohen oder einen einzelnen Zombie einlassen, um sich zu unterhalten, indem sie ihn herumschubsen. Dann ziehe ich mich zurück und schon bin ich wieder da, in diesem magischen King's Cross. Ich ziehe mit Mom und Dad zum Big Ben. Er läutet immer in meiner Vorstellung. Mom lacht. Wenn es mir schlecht geht, fallen Mom in meiner Vorstellung manchmal die Augen heraus. Aus blutig-eitrige Höhlen starrt sie mich dann an und fragt mich: „Juliane. Könntest du mir... bitte... das Messer aus dem Rücken ziehen?“ Sie lächelt dabei. In meinen Gedanken tue ich ihr den Gefallen. Danach reiche ich ihr ein Taschentuch. Und alles wird wieder gut.

Während ich versuche, das dröhnende Stöhnen der Untoten vor den Toren der verbarrikadierten Klinik zu ignorieren, bedecke ich meine Ohren mit den Händen.

Ich wäre wirklich so, so gerne mal in London gewesen. Auf der andern Seite glaube ich nicht, dass London überhaupt so schön ist, wie ich es mir immer ausmale. Selbst, wenn Mom in meiner Fantasie Blutgerinnsel aus der Nase laufen; wenn ihre Fingernägel langsam absterben und sich ihre Haare büschelweise von ihrer Kopfhaut lösen – so ist es immer noch Mom, mit der ich dort bin. Mom, wie sie mich liebt. Und das ist alles, was ich je wollte.

Ich hätte diese Londonreise also heute Früh noch als das schönste Geschenk aller Zeiten bezeichnet. Nun kauere ich auf dem Boden auf dem Klinikvorplatz, lehne mit dem Rücken an dem Reifen eines Autos, das schon lange nicht mehr fährt, und umschlinge meine Knie. Ich blinzele in die Sonne. Direkt vor meinen Füßen ist eine Pfütze von getrocknetem Blut. Und daneben noch eine.

Mein Finger deutet träge von einer Lache zur nächsten, während ich das Blut ihren ursprünglichen Besitzern zuordne. „Teddy“, murmele ich zu mir selbst und deute auf den linken Fleck. „...und Joe.“ Ich deute auf den Fleck daneben, der von seiner Tattoowunde stammt.

„Hast du was gesagt?“

Ich schlucke und hebe den Blick. Schon wieder war ich gedanklich irgendwie nach London abgedriftet. London ist so schön. Es regnet dort. Aber das ist nicht schlimm. Ich habe eine Reise vor, nach London, mit Mom. Ich fliege mehrmals wöchentlich, in meiner Fantasie – es ist so schön in... „London“, murmele ich und starre mit weit aufgerissenen Augen hinauf zum Ursprung der Stimme, die vom Blumenkübel kommt.

Ich wünschte, ich könnte mich mehr fokussieren. Auf ihn – auf mein neustes und bestes Geschenk. Denn das steht groß und schön vor mir, hat die Ärmel seines Flanellhemds hochgekrempelt und Erde an den Fingern. Trotzdem wirkt er so unwahrscheinlich perfekt und makellos.

Ben, der seit einer halben Stunde damit beschäftigt ist, den Blumenkübel zu bepflanzen, runzelt belustigt die Stirn. „London?“, wiederholt er.

Ich schlucke und fahre mir mit der Zunge über die Lippen. „Ja“, gebe ich zu und wende den Blick ab. Ein Zombie umfasst neugierig das Gitter des Tores, das uns vor ihnen schützt. Gierig streckt er seine Arme nach mir aus.

Ben wird lachen. Jeder der Freaks hier würde lachen. Manchmal lachen sie sogar in der Gruppentherapie, die wir trotz der Apokalypse noch abhalten. Unser Therapeut Herr Borchardt, den wir alle nur Doktor Max nennen, hätte es verboten, garantiert. Er hätte mich beschützt vor ihrem Lachen. Aber was Doktor Max wirklich gewollt hat, kümmert hier niemanden mehr.

„Was ist mit London?“, fragt Ben irritiert und klopft sich die Hände ab. Klumpige Erde sinkt vor ihm auf den Boden. Er lehnt sich gegen den Blumenkübel und schaut mich neugierig an.

Ich räuspere mich und besinne mich. Ben ist heiß. Er ist groß, gepflegt, und er lacht mich gerade seltsamerweise nicht aus. Von der Gang bin ich ganz andere Töne gewohnt. Ich werde nichts Besseres hier finden, als ihn. Wie ich ihn so mustere und seine verstrubbelten Haare ihm in die Stirn fallen, während er mich aufmerksam ansieht, fokussiere ich mich wieder auf eins: Ich muss ihn einfach flach legen. Darum lungere ich ja eigentlich hier draußen rum. Um ihm näher zu kommen. Oder nicht?

„In London ist die Harry Potter Exhibition“, erwidere ich mit fester Stimme. Ich strecke den Rücken durch und schaue entschlossen zu ihm hoch. „Da will ich unbedingt mal hin.“

„Oh“, sagt Ben und runzelt nachdenklich die Stirn. Von drinnen ist Tumult zu hören, und er folgt den Schreien mit dem Blick, konzentriert sich dann aber wieder auf mich.

„Das ist halt jetzt schwierig“, füge ich unter zusammengebissenen Zähnen hinzu. Meine Hände spielen gedankenverloren mit Betty herum. Sie ist kühl. Sie ist da. Sie bringt mich runter, in all den wirren Gefühlen.

Ben seufzt. Wieder schaut er beunruhigt nach drinnen. „Das ist es“, sagt er.

„In welchem Haus wärst du?“, frage ich ihn.

Irritiert hebt er den Blick. „...Haus?“

„Na, in Hogwarts!“, sage ich. „Jeder weiß doch, in welches Haus der sprechende Hut ihn wohl einordnen würde. Wo wärst du?“

Ben legt den Finger an die Schläfe. Seine ebene Haut strahlt im Sonnenlicht und kurz frage ich mich, wann ich jemals in meinem Leben jemanden für seine tolle Haut bewundert hatte. Ben schließt kurz die Augen und stutzt. Ich erwarte jetzt von ihm zu hören, dass er ein Hufflepuff ist, denn genauso benimmt er sich, seit er vor wenigen Stunden zu uns stieß. Er ist höflich, zuvorkommend, ruhig und bepflanzt uns aus einer eigenartigen Übersprungshandlung hinaus sogar den Blumenkübel. Ich habe keine Ahnung, weshalb er das tut, wo er all die Zeit war, und wo er überhaupt her kommt. Aber er will wohl einfach nett sein, während wir andern noch immer mit den Folgen des Durcheinanders von Charlies und Teds Ausflug zutun haben. Als Ben antwortet, überrascht er mich nur noch mehr. „Ich weiß es nicht“, sagt er, als er die Augen wieder öffnet.

Ich glotze ihn an. „Was?“ Jeder in unserm Alter ist doch vertraut mit Harry Potter. Das darf doch nicht wahr sein.

Aus ehrlichen, blauen Augen blickt er mich an. „Ich weiß es nicht“, wiederholt er schlicht, als hätte ich ihn darum gebeten, seine Worte zu wiederholen.

„Aber...“, druckse ich und stecke überfordert Betty in meine Hose. „Ich wäre Gryffindor!“, erkläre ich und rappele mich verwirrt auf. „Joe, Charlie und Sophie bezeichnen sich zweifelsohne als Slytherin. Und Ted...“ Mein Zeigefinger kreist vor meiner Stirn. „Er hält sich für einen Ravenclaw, aber seien wir mal ehrlich...“

Ben lächelt. Er bekommt ein niedliches Grübchen auf der Wange. „Das hört sich toll an, Julie“, sagt er freundlich. „Dann möchte ich auch gerne Gryffindor sein.“

Verdutzt starre ich ihn an. Ich ziehe langsam in Erwägung, dass er mich einfach verarscht. Auf der andern Seite spricht so viel treue Ehrlichkeit aus seinem Blick. Mir wird bewusst: Dieser Typ weiß gerade einfach wirklich nicht, wovon ich rede. Er will aber auch irgendwie, dass ich ihn mag.

„Naja, okay“, nuschele ich peinlich berührt und füge achselzuckend hinzu: „Dann wärst du in meinem Haus.“

Ben lächelt breiter. „Ja. Das wäre bestimmt schön.“

Ich glotze ihn an. Verdammt! Flirtet der Typ gerade mit mir?! Entsetzt reiße ich die Arme hoch und fahre mir durch die frischgeschnittenen Haare. Ich weiß doch gar nicht, wer er ist und was er hier tut. Ich darf jetzt nicht ausflippen! Aber oh Gott!

„Julie, ist alles okay...?“, fragt Ben vorsichtig, doch ein schreiender Ted unterbricht ihn.

„FINGER UM FINGER, HAAR UM HAAR!“, schreit er und dreht sich irre lachend im Kreis. Die Fäuste hat er emporgehoben und torkelt weinend um sich selbst. Blut läuft ihm aus der Nase.

Sofort lasse ich Ben stehen. „Teddy, was ist passiert?!“, schreie ich ihn an. „Solltest du nicht völlig ausgeknockt sein von den Benzos? Was...?“ Entsetzt wird mir klar, dass er ein Büschel in seiner Hand hält. Einzelne Haare fallen aus seiner Faust und rieseln auf den gepflasterten Boden.

Plötzlich stürmt Sophie auf mich zu. „Meine Haare!“, plärrt sie und wirft sich mir weinend in die Arme. „Charlie hat meine Haare nicht zu Ende geschnitten! Ich hasse Charlie! Ich hasse alles! Ich...!“

Ich umfasse Sophies Schultern und starre fassungslos zu dem wankenden Teddy hoch. Nun erkenne ich, wessen Haare er da in der Faust hält. Und es sind nicht Sophies. Instinktiv drehe ich den Kopf und starre in die Lobby hinein, um nach Charlie zu sehen.

Ben nähert sich uns vorsichtig. Er tapst so langsam auf uns drei zu, als wolle er gleich eine Bombe entschärfen, und ich kann es ihm nicht verübeln. Sophie plärrt, Teddy lacht und weint gleichzeitig, und von drinnen dringt noch ein gedämpftes Wimmern nach draußen. Wir alle sind völlig kaputt und wohl nur deshalb im Stande, in der neuen Welt zu überleben. Noch immer ist es mir ein Rätsel, wer Ben ist und wo er herkommt. Aber er hat wirklich noch etwas von einem normalen Menschen in sich. Und auf ihn wirken wir zweifelsohne wie ein total gefährlicher Haufen. Und das sind wir nunmal auch.

„Teddy, hast du Charlies Haare geschnitten?“, frage ich schwach, obwohl ich die Antwort schon kenne. Drinnen erkenne ich Charlie, die in Joes Armen liegt. Entsetzt glotze ich hinein. Verdammt. Sie muss gerade völlig die Nerven verlieren, wenn sie so reagiert. Teddy wollte sich scheinbar für die unfreiwillige Amputation rächen und hat da wohl einen Nerv getroffen.

Ben tritt näher an uns heran und will wohl die Situation entschärfen. Wenn ich Charlie aber jetzt vor einem schützen muss, dann davor, dass auch nur eine Person mehr als nötig sieht, dass sie gerade wirklich ihr Gesicht verloren hat und weint.

Beim Gedanken dran, meine beste Freundin den Blicken von diesem fast schon grusligen, gefassten Ben auszusetzen, knallen bei mir die Sicherungen durch. Ich ziehe Betty und deute sie auf Ben. „Keinen Schritt näher!“, fauche ich.

Ben kommt augenblicklich zum Stehen. Verwundert hebt er die Hände.

Im nächsten Augenblick richte ich meine Waffe auf Ted. „Und du: HALT DIE KLAPPE!“, schreie ich. Meine Hand zittert. „HÖR AUF ZU HEULEN. UND HÖR AUF ZU LACHEN!“

Wenigstens Sophie muss ich das nicht mehr sagen, denn sie macht quiekend einen Satz von mir weg.

Ted stört sich nicht im Geringsten an meiner Bedrohung.

Mit irrem Blick wedelt er seine Faust über meinem Kopf. Nur noch wenige Haare sind in seiner Hand. Die andern sind alle um ihn herum auf den Boden gerieselt. Tja, es ist nunmal schwierig, einen Zopf mit vier Fingern zu halten, wenn man eigentlich daran gewöhnt ist, fünf zu haben. „Sie hat es verdient, Julie“, zischt er mir zu. Spucke spritzt zwischen seinen Zähnen bis auf mein Gesicht. Angeekelt wende ich mich ab. „Sie hat... meinen Finger...“, flüstert er weiter, doch ich habe keinen Bock mehr auf die Spielchen.

Betty schießt Ted direkt vor die Füße und er weicht mir schreiend aus.

Einen Moment lang sehe ich nichts mehr. Um mich herum wird alles dunkel, während mein Puls in meinen Ohren widerhallt und ich mich frage, was noch geschehen muss, damit ich mir die Kugel gebe. Kurz hebe ich meine Hand an und erwäge, die Waffe gegen mich selbst zu richten. Doch dann lasse ich Betty wieder sinken. Unter meinen flackernden Lidern erkenne ich Bens beruhigende Gestalt. Und ich denke: Nicht ungefickt, Jules. Du stirbst nicht ungefickt!

Ich überlege gerade, wie ich Ruhe in die Situation bringen kann, die ich selbst noch mit meiner Waffe befeuert hatte, da schnellt Ben auf Teddy zu und presst ihm plötzlich die Arme auf den Rücken.

Teddys Augen weiten sich, als er plötzlich komplett in Bens Gewalt steht und keine Möglichkeit mehr hat, um zu agieren. Im Takt seines rasselnden Atems spritzt Blut aus seiner Nase auf den Vorplatz der Klinik. Eine dritte Blutlache, denke ich, während Sophies Arme sich wieder um meine Hüften schlingen. Für heute sind wir echt gut.

Anerkennend blicke ich zu dem Neuankömmling hoch, dessen Gesicht noch immer in einer freundlichen Perfektion auf Sophie und mich gerichtet ist. Wie konnte er so schnell handeln? Wie kann er dabei so entspannt und freundlich aussehen? Und wer zur Hölle ist dieser Typ überhaupt?

Teddy beruhigt sich unter Bens festem Griff, und ich bemerke kaum, wie ich Sophie mittlerweile fester umklammere, als sie mich.

Was Ben da macht, ist gut. Was Ben da macht, ist übelst heiß. Aber was Ben da macht, ist auch gruselig. Teddy ist einer von uns. Er kam, wie wir, vor über zwei Jahren in diese Klinik. Er war schon immer völlig verrückt. Aber er hat mir schon so oft das Leben gerettet. Und nun ist da Ben, den ich seit wenigen Stunden kenne, den ich zwar liebend gern flachlegen will, aber herrje – er hält da gerade eine feste Instanz unsere Gruppe in Schach und wenn es doof läuft, tötet er ihn jetzt und hier noch mit seinem völlig gefassten Lächeln. Und das nur, weil ich ihn vorhin eingelassen hatte, ohne mit der Wimper zu zucken und völlig in Trance meines irrationalen Begehrens.

„Lass... ihn los“, zische ich schwer atmend und vergesse total, Betty erneut auf ihn zu richten.

Sophie ist ähnlich angespannt, wie ich. Eine ihrer Hände löst sich von meiner Hüfte. Langsam und unauffällig tasten sie sich ihren Weg in ihre Jeansjacke hinein. Dorthin, wo ein Messer am andern liegt.

Ohje. Wir müssen die Situation auflösen. Sonst dreht Sophie völlig durch und zerfleischt Ben einfach, wie eine wildgewordene, kleine Katze. Aber würde sie sich überhaupt gegen ihn durchsetzen können? Zu was ist dieser heiße Typ mit seinem karierten Flanellhemd überhaupt imstande?

Gerade, als ich glaube, es gleich herauszufinden, tritt Joe zu uns heraus. Im Inneren knallt eine Tür. Charlie. Wahrscheinlich brauch sie ihre fünf Minuten, um sich von dem Schreck zu erholen, und das ist auch okay – Körperkontakt aller Art fällt ihr schwer. Ihre Haare sind ihr heilig. Und niemand – NIEMAND wird sie hier je wieder so schwach sehen, wie eben noch. Davon bin ich überzeugt.

Betont lässig lehnt Joe sich an die offene Tür und fährt sich mit der Hand über seinen Iro. „Hey, ihr Ficker!“, kräht er zwinkernd und verschränkt die Arme vor der Brust, als hätte ich gerade nicht auf den Boden geschossen und als würde Teddy nicht noch immer von Ben im Polizeigriff gehalten werden. „Ich glaub, wir alle sind mal wieder bereit für eine Gruppentherapie. Was meint ihr?“

„Oh! Gerne!“, sagt Ben. Augenblicklich lässt er von Ted ab. Gleichzeitig zieht sich Sophies Hand langsam wieder aus ihrer Jeansjacke zurück. Kein Messer befindet sich darin. Ich bin erleichtert. Denn die Anspannung fällt von ihr ab. Und somit auch von mir.

Joe hat die Lage im Griff. Wir alle atmen tief durch. Trotzdem merke ich, dass er Ben genauso wenig traut, wie Sophie oder ich.

„Also...“, fügt Ben verschämt hinzu. „Wenn ich bei eurer Therapie mitmachen darf.“

Joe grinst ihn breit an und offenbart seine auffällige Zahnlücke. Der Griff des Beils in seiner Seitentasche fällt wohl nicht jedem Neuling auf. Ich sehe ihn aber sofort. „Aber wie du mitmachen darfst. Du musst sogar.“ Er läuft auf Ben zu, als sei dies ein alter Freund. Er klopft ihn auf den Rücken und führt ihn hinein.

Ted rotzt Blut auf den Boden. Er hebt den Kopf und schaut mich und Sophie an. Wir sind uns sofort einig und müssen nicht reden. Ben ist cool. Aber Ben ist creepy. Diese Therapiesitzung dient nicht nur unserm Wohlbefinden. Joe will endlich wissen, wer dieser fremde Freak ist, der hier auftaucht und unsern Blumenkübel mit neuer Erde bestückt. Das ist doch eigentlich echt das Letzte, woran man während einer Apokalypse denkt. Oder nicht?

Kaum merklich nicken wir drei uns zu und folgen Joe und Ben in die Klinik, während drei Zombies an der Klinikpforte uns sehnsüchtig hinterher stöhnen.
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