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Till the undead do us part - eine Liebesgeschichte mit Zombies

GeschichteParodie, Liebesgeschichte / P18
02.08.2020
19.09.2020
4
14.774
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3 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
04.08.2020 4.035
 
Hellooo!

Mellow zieht vor, Missy zieht nach :D

Ich konnte es kaum erwarten, euch erste Eindrücke von Charlies Gedankenwelt zu liefern! Ursprünglich waren wir uns einig, dass wöchentliche Posts ausreichen, aber für den Anfang können wir ja einfach direkt mit einer Ausnahme beginnen.

Obwohl die Story zuerst nur eine Spinnerei war, haben wir sie echt schnell in die Tat umgesetzt. Und... DAMN, was fabrizieren wir ein Feuerwerk an Wahnsinn, Zombies und Psychosen!

Es macht richtig viel Spaß, so viel hat Mellow ja schon gesagt. Mal sehen wo wir noch hinkommen und auch hin wollen. :)

So, und da ihr sowieso schneller als ihr merkt von mir hören werdet, mache ich Schluss und übergebe der werten Protagonistin Charlie  das Wort.
Viel Spaß :3

Hellowfinity




2. Charlies Faust. Der Tragödie erster Teil
Missy: Charlies POV

Cyanblau ist eine schöne Farbe. Denn sie bedeutet, dass ich noch am Leben bin und der ausgebrochene Android tot ist.
Gegen diese miesen Kampfmaschinen bin ich einfach nicht gewappnet. Mag sein, dass ich es gut mit einem Pulk hirnloser Untoter aufnehmen kann, aber nicht gegen einen Androiden, der für den Kampf programmiert wurde. Zu meinem Glück kam dieser Typ an und hat mich gerettet, aber statt mich glücklich zu schätzen, hasse ich ihn irgendwie dafür. Es zeigt mir, dass ich in gewisser Hinsicht einfach unzureichend und schwach bin.

Androidenblut riecht metallisch, vermischt mit meinem Schweiß und dem Duschgel „Frischer Sommerwind“, weckt es fast schon nostalgische Gefühlsregungen. Es erinnert mich an mein Fitnessstudio, das ganz sicher von hirnlosen Zombies überrannt wurde. Die interessieren sich allerdings nicht für Laufbänder, Hanteln und Boxsäcke. Außer lebendiges Fleisch glaube ich sowieso nicht, dass sie sich für irgendetwas interessieren.
Ein Schauer durchfährt meinen Körper, was auch an dem eiskalten Wasser aus der kanisterförmigen Outdoordusche liegen könnte, an das ich mich die letzten zwei Jahre gewöhnen musste. Aber so wirklich gewöhnt man sich nie daran, denke ich. Es bleibt immer noch der Wunsch, nach einem wirklich heißen Bad.

"Hast du einen Androiden abgeschlachtet?", hallt Joes Stimme neugierig durch den kahlen Duschraum. Ein leiser Schrei entfährt mir vor Schreck und ich stelle hastig das Wasser ab.
"Was zur Hölle machst du hier?", schreie ich los und meine Worte hallen bedrohlich von den Wänden zurück. Niemand sonst duscht in dem leicht modrigen Duschraum der Sporthalle, ohne Fenster im kaltblauen Schein einer Solarcampinglampe. Jules hat öfter Witze darüber gemacht, dass ich hier Satansrituale abhalte. Das hier ist Charlies Ding, würden die anderen vielleicht sagen. Und es gibt viele von diesen Eigenarten, die die anderen nicht mehr hinterfragen. Entweder aus Angst, oder aus Respekt. Mir ist nur wichtig, dass sie mich in Ruhe lassen.

"Ich wollte mal nach dir sehen", plaudert Joe und lehnt sich in den Türrahmen. Der Fakt, dass er noch Klamotten trägt und ich hier splitterfasernackt, ausgekühlt und nass stehe, scheint er vollkommen zu ignorieren.

"Verpiss dich, du Psycho!", kreische ich. Nicht weil ich mich schäme. Im Grunde ist es während der Apokalypse sowieso scheiß egal, wie man herumrennt, weil keiner mehr da ist, der einen verurteilen kann. "Es gibt persönliche Grenzen, verfickt nochmal!"
Joe grinst bloß und ich ahne schon, was er jetzt sagen wird, ohne dass er es muss.
Ich schlachte Haustiere ab, von Grenzen habe ich noch nie etwas gehört.
"Mir geht’s gut", grolle ich halbversöhnlich und verdrehe die Augen, während ich meine Hände bibbernd an meine Brüste presse. Er dringt hier in mein Hoheitsgebiet ein und das weiß er.
"Gut", kommentiert Joe gelassen. Ich wische mir Schaum aus den Augen und seufze ungeduldig.
"Sonst noch was?", fauche ich entnervt.
"Wir beerdigen gleich Teds Finger", fährt er fort und streicht sich die dunklen Haare aus der Stirn, die immer noch voll mit Teddys Blut ist. Vermutlich findet er das in irgendeiner Weise befriedigend. Es ist abartig, dass ich es sogar verstehen kann. Am lebendigsten fühle ich mich seit Tag 0, wenn ich von Kopf bis Fuß voll von stinkendem Zombieblut bin und auf die reglosen Körper hinab starre, die ich abgeschlachtet habe.

"Komme", stoße ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor und betätige wieder den Plastikhahn des Kanisters. Aus ungefähr zwölf kleinen Löchern rinnt das Wasser auf mein Gesicht und spült mir das Shampoo aus den Haaren, zusammen mit dem ganzen bläulichen Blut. Ich ignoriere Joe und als ich fertig bin, ist er nicht mehr da. Besser für ihn.

Ich wickle mich in ein Handtuch, ziehe die viel zu großen Badesandalen an, die vermutlich mal einem der Patienten hier gehört haben, und schlurfe damit in meine Höhle. Die große Sporthalle ist mein Reich und keiner macht sie mir streitig. Das ist der Vorteil, mit nur fünf Menschen in einer riesigen Klinik zu wohnen, die für gut hundert Leute ausgestattet ist. Wir haben Platz ohne Ende und ich habe die Einsamkeit, die ich verlange.

Wasser tropft von meinen Haaren auf den staubigen Holzboden. Mit den Turngeräten, Matratzen und Möbeln aus einigen popligen Patientenzimmern, habe ich mir ein richtig gemütliches Zuhause geschaffen.
Während ich mich fertig mache und meine nassen Haare verbissen in einen strengen Bauernzopf flechte, der mein Psycho-Amazonen-Image unterstreichen soll, grinse ich vor mich hin, wie eine Wahnsinnige ohne wirklichen Grund. Teddys und meine Ausbeute ist gut und dass der Idiot einen Finger verloren hat, geschieht ihm ganz recht. Er war schließlich derjenige, der in seinem Wahn alles verballert hat, was wir bis dato noch hatten. Sein Finger sitzt mehr als lose an allem, mit dem man schießen kann. Man muss Teddy aber einfach lassen: so wie er, schießt sonst niemand von uns. Und gegen Zombies und Plünderer, empfiehlt es sich immer, einmal mehr zu schießen als nötig. Alles andere wäre ein Experiment, welches einem das Leben kosten könnte.

Ich für meinen Teil bin für die Apokalypse geboren worden. Daran habe ich seit Tag 0 keinen Zweifel. Für mich ist es vollkommen logisch, dass alles in meinem Leben auf dieses Szenario hingedeutet hat. Die Zombies kamen und ich wusste genau, was ich zu tun hatte. Es ist mir auch scheiß egal, dass ich theoretisch auch in einer fetten Psychose stecken könnte und in Wahrheit, vollgepumpt mit Psychopharmaka, auf einem Bett festgeschnallt liege. Ich fühle mich so gut wie nie zuvor.
In dieser neuen Welt bin ich nicht mehr Psycho-Charlie, die durchgedreht ist, ihrem Ex ein Messer an den Hals gedrückt hat und deswegen in die geschlossene Psychiatrie eingewiesen wurde. Ich habe keinen Therapeuten mehr, keinen Nachnamen, keine Verwandtschaft, die mich sowieso nicht besuchen kommt. Sowieso gibt es weder eine verfickte Gesellschaft, noch Therapeuten, die mir sagen könnten, ich sei verrückt. Sollen die mal die Psychos kennenlernen, mit denen ich hier seit zwei Jahren eingeschlossen bin.

Mit griesgrämigen Gesicht stiefle ich durch den langen Flur, den dessen Ende sich der damals ziemlich sterile Empfangsraum der Klinik befindet. Hier fing alles an. Am Tag, als die Zombies kamen. Hier haben wir uns wohnlich eingerichtet und verbringen die meiste Zeit.
Teddys Heulen ist schon von Weitem zu hören. Ich entdecke Sophie, die wieder einmal dabei ist, ihr Arsenal an Messern zu polieren. Das ist ihr Ding. Wenn sie nicht gerade unschuldige Tiere abschlachtet, poliert sie summend, wie die Mörderin in einem Horrorfilm ihre Messer. Dafür kann sie auf fast zehn Meter alles zielgenau treffen und vor diesem Talent habe ich Respekt.

"Wir können ihn doch wieder annähen", kreischt Ted aufgebracht, "Er wird wieder anwachsen. Ich kann ohne meinen Finger nicht leben."

Jules presst stöhnend die Hände auf ihre Ohren und legt den Kopf in den Nacken.
"Ich kann das nicht mehr ertragen", japst sie, kann aber Sophies kichernde Versuche, Teddy zu beruhigen, gar nicht übertönen.

"Ted, die Betäubung sollte jetzt wirken", grummelt Joe missmutig und gibt dem zeternden Teddy einen leichten Schlag auf den Hinterkopf.
"Aua!", gellt er empört auf, "Da ist aber keine Betäubung."

Joe grinst nur breit und streicht sich wieder die Locken zurück, die ihm verklebt in die Augen fallen. Irgendwie sehen wir alle ein bisschen verwahrlost aus. Es ist wieder an der Zeit, eine Schere anzulegen.
"Wir müssen ihn festhalten", entdeckt mich Jules und verdreht die Augen. Sie sieht ziemlich mürbe aus.

"Da kann sich der Neue ja direkt mal einbringen und zeigen was er kann", feixe ich in Richtung Ben, der ziemlich stumm das Geschehen beobachtet. Ein bisschen zu analysierend, wenn man mich fragt. Ich weiß genau, dass ich die nächsten Nächte kein Auge zumachen werde.
Ja, ich habe ihn angeschleppt. Das habe ich nicht aus Nächstenliebe getan, sondern schlicht und ergreifend, weil er mir vielleicht ein bisschen mein Leben gerettet hat. Außerdem ist er ganz hübsch und ich weiß, dass wir einen ansehnlichen und vielleicht auch normalen Typen in der Gruppe ganz gut gebrauchen können. Nun hoffe ich nur, dass er selbst erkennt, dass es unsere ausgesprochen nützlichen Talente nur mit unseren kaputten Persönlichkeiten gibt. Wenn er es mit uns aufnehmen kann, dann können wir ihm durchaus nützlich sein. Umgekehrt bin ich mir ziemlich sicher, dass er eine Bereicherung ist. Er hat einen verfickten Androiden aus fünfzig Metern Entfernung und einem einzigen Schuss im Stand gekillt, ohne dass ich eine Kugel abbekommen habe. Teddy hätte dafür locker fünf Kugeln gebraucht, es vielleicht auch geschafft, aber sicher nicht ohne mich dabei zu erwischen.

Joe schiebt Teddy ein paar Benzos in den Mund, als Jules es vorschlägt. Wir haben alle keinen Bock darauf, dass er sich in seine Manie so hineinsteigert, dass er noch auf die Idee kommt seinen Worten Ausdruck zu verleihen. Ohne seinen Finger will er nicht leben, schon klar.
Nachdem ich Teddys Fingerstumpf zugenäht habe, jammert er immerhin nur noch in Zimmerlautstärke über sein Unglück.

"Ich will ihn nicht beerdigen", informiert er uns, "Ich will ihn als Halskette tragen."

Julie schnaubt aus und zuckt mit den Schultern. Sie hat Ted wohl schon längst aufgegeben. Wir sind alle nicht so wahnsinnig scharf drauf, wenn Teddy seinen Finger um den Hals trägt und wir ihn zu jeder Tages- und Nachtzeit ertragen müssen. Ganz zu schweigen davon, dass er den Vorfall so niemals vergessen wird. Diese Gedanken tauschen wir anderen vier nur mit wenigen Blicken aus.

"Was ist, wenn du ihn Doktor Max bringst?", ergreife ich das Wort versöhnlich, "Dann kannst du auch direkt mit ihm ein bisschen reden. Er freut sich bestimmt."

Teds Augen zucken über mein Gesicht. Ja, er ist wirklich irre.
"Ich komme mit", schaltet sich Sophie mit ihrer dünnen Stimme begeistert ein, "Wenn Doktor Max Teddys Finger isst, will ich dabei sein!"

"Essen?!", stößt Ted schockiert aus. Ich versuche mich an einem Lächeln. Es ist selten und daher wirklich wertvoll.
"Ja, essen", bestätige ich so sanft es mir möglich ist. Das war's. Mein Kontingent für Nettigkeiten ist wieder aufgebraucht bis zur nächsten Apokalypse.

Wir erwarten wohl alle nicht, dass Ted einlenkt. Je länger ich darüber nachdenke, desto sinnvoller erscheint mir diese spontane Variante. Wenn Ted seinen Finger vermisst, kann er seinen Wahnsinn unserem Therapeuten mitteilen und uns verschonen. Win-Win.

Sophie nimmt Ted tatsächlich an der Hand und zieht ihn einfach mit sich. Ich kann den beiden nur ratlos hinterherstarren und mir meinen Teil denken. Joe trampelt unschlüssig auf einer Stelle herum, scheint sich aber doch gegen den Drang zu entscheiden, die beiden zu begleiten.

"Vielleicht sollten wir den Doc heute Abend für eine Gruppentherapie holen. Wenn er gegessen hat, ist er vielleicht ruhig", schlägt Jules mit ihrer angenehm warmen Stimme vor und erstarrt. Ihr Blick wandert zu Ben, der noch immer stumm das Geschehen beobachtet. Oh, ja, richtig. Vielleicht habe ich Ben nach der Begegnung mit dem Androiden auch so entschieden eingepackt, weil er mir als Geschenk für meine beste Freundin dienen soll. Vielleicht wäre er nicht begeistert, wenn ich ihm eine Schleife um den Hals hängen würde, aber er muss ja nichts von seinem Glück wissen. Außerdem ist Jules wirklich hübsch und ich kann mir kaum vorstellen, dass da draußen so viel Auswahl herumrennt, die sich noch nicht in einen hirnlosen Zombie verwandelt hat.

"Ist mir fuck-egal, ich brauche mal frische Luft", faucht Joe seinen typischen Spruch. Man kann nur nie wirklich sagen, was er dann tut. Entweder, er schlachtet irgendwelche armen Tiere ab oder er verletzt sich selbst. Von beidem kann man ihn nie abhalten.


Am frühen Abend nutzen wir die letzten Sonnenstrahlen dazu aus, Frisör zu spielen. Teddy schläft den friedlichen Benzo-Schlaf auf einem der bequemen Lobbysesseln, die hier schon stehen, seit ich vor zwei Jahren eingewiesen wurde. Meine Hand zittert leicht, als ich mit der Schere versuche Jules Haare gerade abzuschneiden. Ich greife mit meiner freien Hand nach der Flasche Whiskey und nehme einen kräftigen Schluck. Immerhin wagt es niemand ein Kommentar darüber zu verlieren, dass ich mir die Kante gebe, während ich mit einer recht scharfen Küchenschere versuche die ungepflegten Zotteln meiner Leidensgenossen zu kürzen.

Ich bin keine Friseurin, um das klarzustellen. Alles was ich frisurentechnisch drauf habe, sind praktische Flechtzöpfe und halbwegs ein Händchen für die Schere. Ich bin mir ziemlich sicher, dass jeder der anderen, ausgenommen Ted, das so wie ich hinkriegen würde. Aber Joe und Sophie wollen wir keine Schere in die Hand geben, mit der sie unseren Kehlen näher als eine Armlänge kommen und Jules verlässt manchmal den Mut, wenn sie ahnt, dass sie im Begriff ist eine Frisur zu verkacken. Und ich habe schon viele Frisuren richtig verkackt, aber keiner nimmt es mir krumm und ich gehe es immer wieder von Neuem an. Selbst, nachdem ich Sophie einen dermaßen kurzen Pony geschnitten hatte, dass sie auch gut und gerne alles abrasieren hätte können.

Ich tätschle Jules seufzend den Kopf und wende mich Joe zu, der abwesend mit den Fingern in seiner Tattoowunde pult.
"Du bist", grummle ich. Jules geht ziemlich zielstrebig wieder nach draußen, wo sich der Neue irgendwie dem Blumenkübel auf dem Vorplatz widmen will. Keine Ahnung, was er sich dabei denkt, ein paar verdorrte Rosen rauszurupfen und womit er sie ersetzen will, aber Jules gönne ich einfach das Frischfleisch.
Ich weiß, wie eingesperrt sie sich hier fühlt und wie sehr sie sich wünscht, einfach mal richtig durchgevögelt zu werden. Okay, mir geht es ziemlich ähnlich. Auch ich bin jungfräulich - man mag es kaum glauben - in diese Klinik spaziert. Aber ich habe eine Mission. Zwar eine ohne Ziel, aber ich weiß, dass ich in dieser Welt nicht gelandet bin, um zu ficken. Ich bin hier um Zombies abzuschlachten und zu leben. Wenn ich irgendwann Sex haben sollte, ist das für mich natürlich total okay, aber ich gebe mir die größte Mühe mich da nicht hineinzusteigern.

"Senk deine Ansprüche, Charlotte", würde meine Oma mir altklug raten,"Den Prinzen auf dem weißen Pferd gibt es nicht."  
Danke, Oma, das ist mir durchaus bewusst. Mir würde ein Bear-Grylls-mäßger Survivaltyp mit Machete sowieso besser gefallen.

"Einen Iro, bitte", bestellt Joe, der sich mittlerweile auf dem Stuhl platziert hat, um den Jules hellbraune Spitzen verteilt liegen. Mir egal, wer hier aufräumt. Ich werde keinen Finger krumm machen, sondern mir heute Abend die Kante geben.

"Wie bitte?", entfährt mir stichelnd, während ich schon den Rasierapparat präpariere. Zum Glück läuft dieser mit Batterien, denn Strom gibt es in der Apokalypse doch tatsächlich keinen mehr. Wir befinden uns also auf einem Campingtrip. Nur etwas luxuriöser, wahnsinniger und blutiger.

Joe fährt mit seinen Händen durch seine Haare an den Seiten.
"Ab damit", verlangt er, "Und dann will einen Iro."

"Ich bin nicht taub", fauche ich und stelle den Rasierer an, damit er in meiner Hand fröhlich schnurrt. Ich habe in den vergangenen zwei Jahren und unzähligen Haarschnitten gelernt, dass Joe nicht wirklich Wert auf sein Aussehen legt. Ganz offenkundig hatte er das vor der Klinik erst recht nicht, denn als die Zombies kamen, hatte er gut 130 Kilo, aschfahle Haut, die vermutlich noch nie Sonnenlicht gesehen hatten, und unzählige Narben auf den Armen. Er kam her, weil er mit zu vielen Energydrinks nach einem Videospielmarathon von fast dreißig Stunden ohnmächtig vom Stuhl gekippt ist. Ich erinnere mich sogar daran, dass er in der ersten Zeit sehr viele Wutanfälle hatte, weil er ohne Strom keine Videospiele spielen konnte.
Also rasiere ich schamlos und nach Gutdünken von seinen Ohren bis kurz vor seinem Scheitel. Ich habe halbwegs gutes Augenmaß, weshalb mir das Angleichen der beiden Seiten leicht von der Hand geht.
"Und gleich darf ich deine Haare schneiden?", fragt Joe mit einem fetten Grinsen. Ich erwidere es kühl.
Meine. Haare. Sind. Tabu.

"Träum weiter, Titten-Joe", raune ich böse, als ich dicht an sein Gesicht herangehe, um zu checken, ob der Streifen in der Mitte auch wirklich in der Mitte sitzt. Ich spüre Joes Atem auf meinem Gesicht und rücke schnell wieder ab.
"Das ist unfair", bemerkt er, klingt aber viel zu amüsiert, um das ernst rüberzubringen, "Titten-Joe hat nur in der alten Welt existiert."
"Und Charlie hätte dich auch in der alten Welt einfach aufgeschlitzt. Jeden von euch", drohe ich ihm maßlos übertrieben. Das ist so ein Ding zwischen uns. "Alte Welt" und "Neue Welt".

"Vielleicht in der alten Welt", säuselt er ungeahnt selbstbewusst, "In der neuen Welt bist du viel zu froh mich zu haben."

Ja, er macht mich gerade mundtot. Aber ich würde lieber mitbekommen, wie ein Zombie mir bei vollem Bewusstsein meine Gedärme herausreißt und als Spaghetti schlürft, als Joe in dieser Sekunde Recht zu geben.

"In einem Punkt gebe ich dir recht", lenke ich halb ein, "Titten-Joe ist nicht mehr Titten-Joe."

Joe, dessen Haare ganz merkwürdig aussehen, weil ihm nur eine viel zu lange, lockiger Strähne in die Stirn hängt, packt sich begeistert an die Brust. Er nimmt die Zunge zwischen die Lippen und stößt einen johlenden Laut aus.

"Pure Muskelmasse, willst du mal fühlen?", feixt er begeistert. Ich lege den Rasierer weg und greife nach der Schere.
"Pass bloß auf, sonst darfst du nicht mehr in meiner Halle boxen", zische ich griesgrämig und kämme seine feuchten Locken zur Seite, "Dann war's das mit deiner Muskelmasse."

"Deine Halle!", prustet er zynisch.
"Du spielst mit deinem bisschen Leben", stoße ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.

Wenn ich kurz anmerken darf: Joe hat sich verflucht nochmal in exakt den Survival-Freak verwandelt, den ich in einer Apokalypse gerne an der Seite habe. Wie Bear Grylls, nur jünger.
Als die Zombies kamen, ließ er die Ballerspiele einfach sein. Geht auch echt nicht, wenn man keinen Saft aus der Steckdose kriegt. Stattdessen verlor er sich eine Zeit lang in der Fantasie, nun sein ganz persönliches reales Videospiel zu leben, zumindest hat er mir das im Suff erzählt. Irgendwann kam die Erkenntnis, dass er als Stubenhocker nicht wahnsinnig zum Überleben unserer merkwürdigen Ansammlung an heimlichen Überlebenskünstlern beitragen kann und er begann zu trainieren wie der Wahnsinnige, der er ist. Die Pfunde gingen und er entdeckte ungeahnte Talente. Mit dem Beil kann er umgehen, wie ein junger Gott. Er zertrümmert damit ohne große Mühe den Schädel eines Zombies und vergisst zu keiner Sekunde seine Deckung.

Aber Joe kennt nur Extreme, zu der Erkenntnis bin ich schon vor einiger Zeit gelangt.
Extrem spielsüchtig. Extrem fertig.
Extrem stark. Extrem verrückt.

Plötzlich schlingt er mir einen Arm um die Taille und zieht mich glucksend auf seinen Schoß.
"Ach, Charles", lacht er, "Vielleicht sind wir die letzten Menschen auf der Erde. Wir sollten netter zueinander sein."

Das hier ist zu viel für mich. Es ist zu viel plötzliche Nähe zu einem Menschen. Zu einem Mann.
Ich kämpfe mich erbarmungslos aus seinem Arm und kralle ihm meine Hand wie eine Schraubzwinge in den Nacken, genau auf schmerzhafte Druckpunkte. Joe zieht sich japsend zusammen und winselt um Gnade.
"Tu das NIE wieder", zische ich gefährlich leise. Jules und ich umarmen uns hin und wieder. Ein wahnsinnig nähebedürftiger Mensch war ich noch nie.

"Ja, ja!", pflichtet er mir bei und ich lasse schnell los.
Egal, was er versucht, ich rede kein Wort mehr mit ihm, während ich die restlichen Haare auf seinem Kopf stutze. Das Ergebnis kann sich sehen lassen. Ohne den ganzen Speck, hat Joe recht markante Züge. Ein bisschen speziell, durch die schwarzen Augenbrauen, die seine Augen verdunkeln. Der Iro tut unerwartet viel für ihn.

"Jetzt ich!", jauchzt Sophie und hüpft über Joes schwarze Wolle am Boden auf den Stuhl. Ich greife nach der Whiskeyflasche und nehme drei kräftige Schlucke, bevor ich anfange Sophies aschblonde Haare zu kämmen. Joe geht zu Ted und kitzelt ihn mit einer langen schwarzen Strähne.
Ich vertiefe mich in meine Arbeit, bis Teddys Flüche die Aufmerksamkeit auf sich lenken.
"Eh!", brülle ich wütend. Ich hab keine Lust auf Tumult, während ich mich der heiklen Aufgabe widme und Sophies Pony vielleicht nicht verunstalte.

"Du hast mir den Finger abgehackt", heult Teddy auf und zeigt anklagend mit seiner verbundenen Hand auf Joe. Dieser lacht hämisch und hüpft über die Sofalehne hin zur ehemaligen Rezeption, hinter der er in Deckung gehen kann.

Ich kämme gerade Sophies Pony und will nach der Schere greifen, als ich ihr Fehlen bemerke. Augenblicklich geht mein Körper in Hab-Acht-Stellung und ich scanne den Raum nach Ted ab.

"HAHA!", kreischt dieser und mein Kopf wird nach hinten gezerrt. Das darauffolgende Geräusch ist das Schlimmste, was ich je gehört habe. Selbst berstende Zombieköpfe sind wie Musik in meinen Ohren.
"NEIN!", brüllt Joe noch und hechtet auf uns zu. Ich glaube schon, es ist aus mit mir und Ted schneidet mir die Kehle durch - weit gefehlt.

"JAAA!", jubelt Teddy und schmeißt die Schere scheppernd quer durch den Raum. Er rennt los, bevor ich wirklich begreifen kann, was passiert ist.

In den Händen hält er verdammt viel von meinem Zopf. Nein... er hält meinen geflochtenen Pferdeschwanz in den Händen und ich greife mir fassungslos in die Haare. Sie sind noch immer lang.
Aber er hat sie einfach abgeschnitten.

"ER HAT SIE ABGESCHNITTEN!", kreische ich los und sprinte Ted hinterher. Sophie heult auf wie ein Schlosshund, weil ihre Haare noch gar nicht fertig sind.
"FUCK!", flucht Joe, "Lauf, Teddy!"

Es gibt kein Erbarmen. Nicht dafür.
"Eine Prinzessin hat immer lange Haare", höre ich meine Mutter sagen. Ich habe sie dafür verabscheut und trotzdem ist es ein Zwang. Mein logischer Verstand ist gerade ausgeschaltet, aber er würde sicherlich sagen, dass ich mich wegen der letzten zwanzig  Zentimeter nicht aufregen soll. Zumal sie vermutlich nur noch aus gefühlt fünf Haaren bestanden.

Ich springe Ted auf den Rücken und reiße ihn im Schwitzkasten nach hinten um. Die Schreie um mich herum verlaufen in einander zu einem eintönigen Rauschen. Als wäre der Sender gerade gestört. Ich habe Teds Genick in einem festen Griff, all sein Gestrampel hilft ihm kein Stück. Ein kleiner Ruck und er ist tot.
Doch Teddy ist einer von uns, erinnere ich mich nur schleppend. Das hier ist eine neue Welt, in der ich die Regeln schreibe. Aber wenn ich jemanden von uns töte, dann verwische ich die Grenzen. Dann bedeutet das, das ich nicht besser bin als die hirnlosen Zombies da draußen.

Mit einem ohrenbetäubenden Kreischen lasse ich Ted für den Bruchteil einer Sekunde los und schwinge mich auf ihn, wo ich meine harte Rechte erbarmungslos auf seine Nase sausen lasse. Jemand packt meine Arme und zieht mich von ihm fort, während ich wie ein wildgewordenes Tier um mich schlage.

Okay. Herzlichen Glückwünsch, Teddy. Das hier ist der Trigger, den ich für einen Ausraster brauche.

Die Frage ist nur, ob ich wirklich die ganze Zeit diejenige war, die nicht ständig tickt und ausrastet.
Vielleicht war ich die ganze Zeit das Pulverfass mit dem Zeitzünder, während die anderen nur harmlose Feuerwerksraketen waren.
Vielleicht krümme ich mich auch gerade in Joes Armen in einem heftigen Heulkrampf zusammen, wie ein erbärmliches Stück Scheiße, weil mir jemand meine Haare abgeschnitten hat.
Ich weiß es nicht.
Eigentlich weiß ich nichts.
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