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Sechs sind fünf zu viel

GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12 / Gen
02.08.2020
15.04.2021
27
51.790
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Noch war er mit seinen Fahrkünsten alles andere als geübt, aber das sei für jemanden, der gerade erst seinen Führerschein gemacht hatte, ganz normal, hatte Charles' Mutter zu ihm gesagt, kurz, bevor er über die Türschwelle getreten und sich in die Selbstständigkeit verabschiedet hatte. In nur einer halben Stunde würde er das erste Mal seit zehn Jahren wieder in seinem Elternhaus stehen und dieses konnte ihm niemand nehmen! Dachte er jedenfalls, als er in seinem bescheidenden schwarzen Auto die von hochgewachsenen Birken eingesäumte Landstraße entlang fuhr.  
Charles war gerade 18 Jahre alt und mit der Schule fertig geworden und hatte es mit dem Auszug von zu Hause sehr eilig. Das Zusammenleben mit seinen Eltern, einer übervorsichtigen Mutter, eines nur auf Geld und Reichtum bedachten Vater und einer kleinen Schwester im Höhepunkt ihrer Pubertät, an deren Menschlichkeit er zweifelte, hatte ihn auf Dauer ausgelaugt. Als er acht war, zog die Familie in einen übergroßen hässlichen Kasten, am Stadtrand Dublins, wo Charles nie richtig glücklich wurde. Ganz anders hingegen sah es mit der ersten Hälfte seiner Kindheit aus: Damals lebte er mit seiner Familie noch in einem gemütlichen Häuschen auf einem kleinen Hügel in der grünen Abgeschiedenheit, welche der strohblonde Junge so sehr schätze. Diese und natürlich sein Elternhaus, an dem so viele Kindheitserinnerungen hafteten.
Er erinnerte sich noch gut an den besagten Abend, an dem er bereits hundemüde am Schreibtisch vor dem Bildschirm gesessen und gelangweilt zufällige Immobilienseiten durchforstet hatte. Komplett wach hingegen wurde er, als er ein Bild von seinem Elternhaus erblickte und nach dem Lesen einiger Zeilen realisierte, dass es zum Verkauf angeboten wurde. Enthusiastisch hatte sich Charles schon am nächsten Tag mit dem Verkäufer, einem schlacksigen, ziemlich ernsten Herrn im Alter seines Opa Edward, in Verbindung gesetzt und nach etlichen unterschriebenen Verträgen und Gesprächen mit seinen Eltern stand einem Umzug auf eigene Faust nichts mehr im Wege. Nicht mal eine Besichtigung seiner alten neuen Heimat war nötig gewesen - nachdem er mit seiner Familie das Häuschen verlassen hatte, zog wenig später ein junges Pärchen ein, welches am Mobiliar rein gar nichts verändert hatte, was Charles sehr beruhigte. Aufgrund der Trennung der beiden im vergangenen Jahr verschlug es ihn zurück in die Großstadt und sie nach Deutschland. Kurz zuvor hatte es noch durch Handwerker und Elektriker ein paar typische Erneuerungen erhalten, sodass es für Charles direkt bewohnbar war. Letzte Woche wurde ihm der Schlüssel ausgehändigt und heute war der Tag gekommen.
Wie ein Umzug wirkten die Siebensachen des jungen Iren hingegen nicht, stattdessen glichen sie einer durchschnittlichen Urlaubsreise: Sein Kofferraum beinhaltete zwei Gepäckstücke, welche lediglich mit ausreichend Kleidung, Hygieneartikeln und einer Handvoll persönlicher Gegenstände gefüllt waren. Alles andere, was er so zum Leben brauchte, gab es bereits im Haus, das er ab sofort wieder offiziell sein Eigen nennen konnte. Wenn er die nächsten Tage noch für einen Abstecher zum Bau- und Supermarkt nutzte, wäre auch schon alles erledigt. Doch selbst das konnte warten, er war nicht auf der Flucht. Im Gegenteil: Er war auf dem Weg nach Hause.

Charles' Herz klopfte ihm bis zum Hals, als er seinen Wagen behutsam auf den steilen Hügel lenkte, auf dessen Oberem sein Ziel auf ihn wartete. Wie lange er das nicht mehr gesehen hatte! Links von ihm zogen weitere bodenständige Häuser, welche sich mit dem Erdboden immer weiter in die Höhe erstreckten vorbei, rechts davon lachte ihn das Kiefernwäldchen, in dem er als Kind immer herumgetollt ist, förmlich an. Charles wagte nicht zu atmen. Das alles fühlte sich wie der schönste Traum seines Lebens an, bloß, dass es die pure Realität war, das Leben. Und das liebte er gerade abgöttisch.
Auf dem Hügel angekommen erschlugen seine Kindheitserinnerungen ihn förmlich. Es wirkte alles so, als wäre er nie von hier fort gewesen, jeder Baum, jeder Busch, ja, jeder Stein lag an seinem richtigen Platz. Charles bog noch zweimal ab, dann erreichte er die Einfahrt, wobei er bereits an seinem Elternhaus vorbeikam. Es war von weiteren, über die Jahre liebevoll gepflegten Pflanzen nahezu verdeckt und thronte als das Herzstück seiner eigenen Wurzeln unter Bäumen, in deren Zweigen er als Vierjähriger dank seiner lebhaften Fantasie Tiere und sogar Fabelwesen entdecken konnte. Charles fühlte sich verbunden mit diesem Haus, dem Sitz seiner Kindheit, seiner tiefsten und wichtigsten Gefühle, Träume und Erinnerungen an eine sorgenlose Zeit. Eine sorgenlose Zeit, die hiermit fortgesetzt wurde. Das breite Grinsen in seinem Gesicht, während er in dem hölzernen Carport parkte, bekamen allenfalls die Vögel mit, deren Vorfahren ihn damals jeden Morgen sanft geweckt hatten. Sofort war all der Schmerz vergessen, der in ihm eine Welt zusammenbrechen ließ, an dem Tag, an dem er sein Haus das letzte Mal sah. Nun wurde es Zeit, diese Welt wieder aufzubauen und Charles musste sich darum bemühen, keine Freudenträne zu vergießen, als er den Motor mit zittrigen Fingern abstellte und die Autotür öffnete.
Bereits auf dem Weg vom Fuße des Hügels bis hierhin war jeder einzelne Zentimeter mit Erinnerungen gespickt und eigentlich genug Aufregung für heute, so seltsam das für Außenstehende vielleicht auch klingen mochte. Aber nun kam eines auf das andere. Nervös tastete Charles nach dem noch im Schloss steckenden Schlüsselbund, an welchem ebenfalls der Haustürschlüssel baumelte. Er beschloss, die Koffer zunächst im Auto zu lassen und wollte einfach nur bei einem Rundgang durch die Mauern seines Elternhauses in Erinnerungen schwelgen. Charles wagte wieder nicht zu atmen, als er die wenigen Schritte, die ihn jetzt noch von der Fußmatte trennten, zurücklegte. Erst nach einem inneren Countdown von zehn auf eins traute er sich, den Haustürschlüssel in das silberne Schloss zu stecken. Er passte, der Zugang zu seinem Elternhaus war wieder hergestellt. Muskel für Muskel beteiligte sich an der ehrfürchtigen Drehung, bis die Tür schließlich nachgab.
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