Offenbarungen

von lindork
OneshotAngst / P12 Slash
Wilma Irrling
02.08.2020
02.08.2020
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„Wir haben, glaube ich, eine Eigenschaft gemeinsam.“


So begann der Brief, den Wilma nach der letzten Theaterprobe zwischen ihren Sachen versteckt gefunden hatte. Dieser Satz war schon genug gewesen, um ihren Herzschlag in die Höhe schießen zu lassen, um den Schweiß in ihre Handflächen zu treiben, und das Papier zwischen ihren Fingern zu zerknittern.
Bleib ruhig, Wilma, das könnte absolut alles bedeuten. Wahrscheinlich ist das nur eine richtig dumme Art dich zu fragen, ob man bei dir abschreiben kann. Schmeiß ihn einfach weg und vergiss diesen Scheißbrief endlich!
Das war eine verdammt verlockende Idee. Sie hatte den starken Drang diesen Zettel für immer loszuwerden, ihn aus ihren Gedanken zu verbannen, und kein Wort daraus zu lesen. Fast hätte sie auch genau das getan, hätte das Blatt in einen faustgroßen Ball gepresst und ihn in den nächstbesten Mülleimer geschmissen. Aber Wilma wusste auch woher dieser Impuls kam.
Es war Angst.
Angst vor dem, was im Brief stehen könnte, Angst vor der Erkenntnis, vor der Konfrontation. Angst vor der Person, die es in ihr hätte beobachten können. Angst vor genau diesem es in ihr, unsichtbar, unbestreitbar, unaufhaltsam. Angst davor, was es in ihr auslöste, was es mit ihr tun könnte, was es schon mit ihr getan hatte – ihre Gefühle verwirrt, ihre Identität auf den Kopf gestellt, das Bild ihrer Zukunft unscharf gemacht. Aber vor allen Dingen hatte sie Angst davor, was passieren könnte, wenn die anderen es wüssten. Besonders die Wilden Hühner. Besonders Melanie.
Und was bedeutete diese Angst?
Wilma schluckte. Faltete den Brief noch einmal auf. Strich mit ihren Fingern die Kanten glatt. Ganz vorsichtig. Beinahe sanft.

Ach, was für eine Scheiße! Was für ein totaler Schwachsinn! Sie war doch ein Huhn, oder etwa nicht? Also sollte es schon mehr brauchen als ein paar dahingekrakelte Worte auf irgendeinem Stück Papier, um sie unterzukriegen. Hatte sie sich nicht schön viel größeren Bedrohungen gestellt? Wilma war viel, aber sie war mit Sicherheit kein Feigling!
Mit dieser neuen Entschlossenheit schloss sie ihre Augen, atmete tief ein, und las weiter.

„Vielleicht irre ich mich auch. Es könnte genauso gut sein, dass ich alles nur falsch interpretiere. Vielleicht bist du einfach nur sehr fokussiert auf's Stück oder vielleicht stehst du sogar heimlich auf einen der Jungs.

Dann wärst du aber richtig gut darin das zu verstecken. Vielleicht bist du also einfach nur eine krass gute Schauspielerin.“


Wilma atmete scharf ein. Verdammt... wie oft hatte sie schon darüber nachgedacht sich irgendeinen Jungen auszusuchen und einfach so zu tun als wäre sie ihn ihm verliebt, nachdem sie erkannt hatte, dass sie... so war wie sie war. Gott, wie erbärmlich... Ihre Angst sträubte sich sogar davor das Wort auch nur zu denken, geschweige denn es laut auszusprechen.
Ein kalter Schauer rann über ihren Nacken. Was wenn sie es hier lesen müsste? Wenn es einfach hier stünde, Tinte auf Paper? Als gehörte es verewigt. Als könnte man es einfach so niederschreiben.
Das war irrational von ihr, Wilma wusste das. Natürlich wusste sie schon, was sie war, ansonsten würde sie doch jetzt keine solche Panik schieben! Natürlich kannte sie das Wort. Natürlich hatte sie es schon gehört.
Es war sogar schon aus ihrem eigenen Mund gekommen, mehrmals sogar. Nur nicht in Bezug auf sie selbst. Meist in einem verteidigendem Tonfall. Nur weil die Sängerin nicht von irgendeinem ekligen Typen angegrabscht werden will, ist sie noch lange keine-- oder auch Ihr wollt mir nur nicht zuhören. Ist auch viel schwieriger sich mit echten Argumenten zu befassen, als einfach zu sagen 'oh jedes Mädchen, das so denkt, ist bestimmt--'
Bei ihr zuhause würde ihre Mütter sicher mit ihr schimpfen, wenn sie es offen aussprechen würde. So ein Vokabular gehört nicht in einen zivilisierten Haushalt, Wilma.
Die Vorstellung schickte einen dumpfen Schmerz in ihre Brust.
Es war ein Brandmal.

„Ich hab da nur so ein Bauchgefühl. Weißt du, ich habe dich beobachtet. Bitte versteht das nicht falsch! Ich bin jetzt kein Stalker oder so! Es ist nur... es ist schwierig dich nicht zu bemerken.“


Wieder schoss ihr Herzschlag in die Höhe und sie blickte sich noch einmal panisch um, um sicherzustellen, dass sie niemand beobachtete oder schlimmer noch über ihre Schulter las. Was wollte dass denn heißen? Was hatte sie getan, dass es ihr anscheinend so offensichtlich anzulesen war? War es ihr Aussehen? Ihre Körpersprache? Ihr Verhalten?
Ihre Mutter machte in letzter Zeit des Öfteren kleine Bemerkungen, was das anging, sie solle sich präsentabler anziehen, sie solle sich ordentlicher in den Stuhl setzen, solle aufhören ihre Beine so zu spreizen, und hatte sie schon darüber nachgedacht ihre Haare länger wachsen zu lassen?
Bisher hatte sie diese Kommentare ignoriert, aber langsam machte sie sich Gedanken, ob es nicht doch besser wäre in diesem Sinne auf ihre Mutter zu hören, so sehr sie sich im Inneren dagegen sträubte. Soweit sie es wusste gab es keine Gerüchte dieser Art über Mel, Sprotte, Frieda, oder Trude, also konnte es wohl nichts mit den Wilden Hühnern zu tun haben...
Wie hatte sie sich also preisgegeben? Hatte sie etwas falsches gesagt? Hatte sie zu lange gestarrt, als Melanie...
Sie biss sich auf die Lippe. Es brachte nichts weiter darüber nachzudenken.

„Wenn du auf der Bühne stehst, erfüllst du den gesamten Saal mit deiner Energie und deiner einmaligen Ausstrahlung. Selbst wenn du nicht so hübsch wärst, wäre es schwierig dich nicht anzusehen.“


Hübsch? Sie? Wilma las die Stelle nochmal, nur um sicherzustellen, dass ihre Augen sie nicht betrogen. Aber da stand es. Völlig selbstverständlich, in einem Nebensatz, als wäre es völlig offensichtlich. Ohne großes Tam-tam darum, dass ihr gerade ein Kompliment gemacht wurde.
In diesem Moment war Wilma sicher, dass dieser Brief nicht von einem Jungen stammen könnte. Aber wenn sie ganz ehrlich mit sich selbst war, dann hatte sie es schon von Anfang an gewusst.
Seit dem ersten Satz.

„Ja, meine liebste Wilma, du hältst meine Aufmerksamkeit in engen Fesseln gefangen. Mein Auge kann dir nie entkommen, egal wie sehr ich es versuche. Du monopolisierst meine Gedanken und Gefühle.

Aber das heißt auch, dass ich Dinge an dir bemerke, die dir sonst niemand ansehen kann. Wie gesagt, ich glaube wir haben einiges gemeinsam.

Du baust dir all diese Mauern auf, um stark zu wirken. Du schaffst es sehr gezielt, dass andere nur die Teile von dir sehen, die du ihnen zeigen willst. Du zeigst ihnen nichts, was wehtun könnte.“


Langsam bekam Wilma es mit der Furcht zu tun, dass diese geheime Briefschreiberin tatsächlich ihre Gedanken lesen konnte.Das würde vieles erklären, vor allen aber dass diese Worte hier eine pure Offenbarung ihres innersten Selbst, ihren Zweifeln und Gefühlen waren.
Denn wenn sie ehrlich war, war sie mit niemandem ganz ehrlich. Es gab immer mindestens den einen zusätzlichen Schritt Distanz. Die Wahrheiten, die ungesagt zwischen ihr und den anderen schwebten. Selbst mit ihren besten Freundinnen war es nicht anders.
Diese Gewohnheit war so tief in ihr drin, dass sie sich gar nicht vorstellen konnte anders zu leben. Eine Front aufzubauen, wer anders zu sein, sich zu verstellen – all das gehörte zu ihrer Natur. Wenn sie das aufgeben würde, würde sie doch nur eine Lüge mit einer anderen austauschen, oder etwa nicht?
Das bestätigte sich nur darin, dass sie das Theater so sehr liebte. Es tat gut aus ihrer eigenen Haut zu schlüpfen und all die Dinge hinter sich zu legen, die die echte Wilma im wirklichen Leben plagten.

„Du zeigst niemandem dein wahres Gesicht.

Aber das ist in Ordnung. In dieser Schule ist es sogar notwendig.

Ich tu es ja auch nicht.


Wilma kaute auf ihrer Unterlippe. Geheimnisse...
Es war nicht so als wäre eine von denen, die davon überzeugt waren, dass das was sie fühlte – was sie war – etwas Falsches war. Das war doch Schwachsinn, wirklich. Es war völlig idiotisch so zu denken. Solange sie niemandem wehtat, tat sie auch nichts Falsches. Alles andere war ihre eigene Angelegenheit, das war's. Ende der Diskussion.
Allerdings ging es ihr auch nicht darum. Nicht wirklich...

„In Liebe und Bewunderung

Deine geheime Verehrerin“


Schließlich stand es da, schwarz auf weiß.
Alles davor hatte den Schleier der Implikation getragen. Es war etwas gewesen, das sie hätte bestreiten können, wenn es sein musste. Klar, sie wusste, was Sache war, aber jetzt konnte sie nicht mehr so tun als ob.
Ein Teil von ihr nahm es dem Brief übel ihr diese Verleugnung gestohlen zu haben, ein anderer Teil von ihr war erleichtert. Jetzt gab es kein Drumherum mehr.
Es stimmte. Wilma war lesbisch.
Und trotz allem war sie wesentlich glücklicher eine geheime Verehrerin zu haben, als sie es gewesen wäre, wenn die letzten beiden Buchstaben gefehlt hätten. Aber genau das machte es auch so kompliziert.
Bei einem Verehrer hätte sie nicht gezögert zu den anderen Hühnern zu rennen und ihnen den Brief zu zeigen. Zusammen hätten sie sich über das Papier gebeugt, Ellbogen an Ellbogen, so nah dass der Geruch von Freiheit und Geborgenheit sie komplett erfüllen konnte. Stundenlang hätten sie den Inhalt diskutiert, jedes Wort, jeden Strich genaustens analysiert, und wilde Theorien geschmiedet, wer es denn sein könnte.
Aber die Tatsache, dass es ein Mädchen war, machte diese Vorstellung komplett kaputt. Und die Tatsache, dass sie sich darüber freute, dass es ein Mädchen war, bedeutete, dass sie alles dafür tun musste, dass keine von ihnen jemals davon erfuhren.
Wilma machte sich keine Illusionen. Sie konnte es sich einfach nicht vorstellen, dass die Wilden Hühner es akzeptieren würden, dass sie auf Mädchen stand. Auf jeden Fall würde niemand von ihnen froh darüber sein. Und besonders bei Melanie hatte sie die leise Ahnung, dass die Reaktion darauf in einer Katastrophe ausarten könnte.
Sie konnte das nicht zulassen.
Die Wilden Hühner waren ihr zweites Zuhause. Sie wollte es nicht verlieren. Was hatte sie denn ohne sie? Und wenn sie sich vorstellte, wie Melanie sie anstarren würde, mit zusammengezogener Nase, und Ekel in ihren Augen...
Ihr Magen zog sich zusammen.
Nein, sie konnte niemandem davon erzählen.
Sie faltete den Zettel wieder zusammen und verließ den Raum.
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