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Black Halo

GeschichteDrama, Freundschaft / P18 / Gen
OC (Own Character) Pi Stoffers
02.08.2020
31.01.2021
29
55.747
8
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02.08.2020 2.083
 
«Mist!» entfuhr es Alex nach einem Blick auf ihre Armbanduhr. Sie musste sich jetzt echt beeilen, dachte sich die 30-jährige, als sie nochmals hastig in ihr Badezimmer ging. Sie hatte viel zu lange geschlafen, viel länger als üblich und viel länger als es ihr Zeitplan zugelassen hatte, ihr Chef war zwar informiert, dass sie heute etwas später aufschlagen würde, aber überstrapazieren wollte sie seine Geduld dann doch nicht.

Sie war aus Prinzip ein pünktlicher Mensch und legte auch bei anderen viel Wert auf Pünktlichkeit, zu spät kommen ging gar nicht. Hektisch wuselte die braunhaarige, grossgewachsene Frau durch ihr Badezimmer.

Kontaktlinsen rein, die noch nassen Haare kämmen und zusammenbinden, Zähne putzen. Schnell trug sie ihren dunkelroten Lippenstift auf, damit sie immerhin nicht aussah wie der Tod auf Stelzen, wenn sie sich schon so fühlte. Mehr Zeit für Make-up war heute nicht drin, das musste reichen. Sie schnappte sich Jacke, Schal und Handtasche, dann stürzte zu ihrer Wohnung raus Richtung Parkplatz.
Der Luxus eines eigenen Autos brauchte sie einfach, auch wenn es bei ihren Geldproblemen eigentlich unsinnig war. Egal, der Job und die Arbeitszeiten brauchten Flexibilität, Punkt. Und selbst wenn sie ihr altes Auto verkaufen würde, käme nicht genug Geld zusammen, um ihre Schulden abzuzahlen traurig, aber wahr.

Hastig stieg sie in ihr Auto, schmiss ihre Handtasche achtlos auf den Beifahrersitz und startete den Motor. Es war aber gestern auch verdammt anstrengend gewesen und später als üblich geworden. Alexandra arbeitete in einer Bar mitten in Hamburg. Es war normal, dass es Freitag abends spät werden konnte, doch dass der Laden so brannte wie gestern, das war selbst für sie überraschend und ungewöhnlich gewesen. Ein Bräutigam in Spe war mit seinem ganzen Gefolge um etwa drei Uhr morgens bei ihnen gelandet und ein feuchtfröhlicher Junggesellenabschied nahm seinen Lauf.
Bis fast um halb 7 heute Morgen war sie noch dort gewesen, mit Kassenabschluss, putzen und aufräumen beschäftigt. Deshalb war sie eben auch erst aufgestanden, viel zu spät, um pünktlich ihre nächste Schicht zu beginnen. Ihr Chef war zum Glück sehr locker drauf und sie wusste, dass sie keinerlei Probleme mit ihm bekommen würde, das beruhigte sie immerhin.

«Tschüss Privatleben» murmelte sie als sie auf ihren Parkplatz fuhr. Heute war Samstag, es würde nicht weniger voll oder anstrengend werden als gestern, hoffentlich wenigstens heute ohne Junggesellenabschied, ging es der jungen Frau durch den Kopf, ein solcher pro Wochenende hatten ihr gerade so gereicht. Alexandra wollte sich nicht beklagen, sie arbeitete wirklich gerne hier, sie kannte die meisten Stammgäste, das Team hinter der Bar war der Knaller, aber die Wochenenden hier waren anstrengend. 12 Stundenschichten wie diese gestern gehörten standartmässig dazu. Alex arbeitete allerdings am liebsten die Wochenenden, das Trinkgeld war besser als unter der Woche und sie konnte das Geld wirklich mehr als nur gebrauchen.
Naja, an den Schulden war sie selbst schuld, das wusste sie und so nahm sie auch mal einen Haufen betrunkener Männer am Freitag morgens um fünf in Kauf, welche auf dem Tresen tanzten und Helene Fischer sangen. Beim Gedanken dran musste sie lächeln, trotz ihrer anderen Probleme.

Sie schnappte sich ihre Handtasche, stieg aus und schloss das Auto gedankenverloren ab. Die nächsten Stunden würde sie keine Zeit haben, um Gedanken an privates zu verschwenden. Das mochte sie an dem Job, nicht nur die gute Bezahlung, auch die Ablenkung und die normalerweise ausgelassene Stimmung.

«Hey Dornröschen, auch schon wach?» rief ihr eine mehr als vertraute Stimme aus dem Lager zu, ihr Chef Tim. «Aufpassen mein Lieber, ich war die, welche gestern bis Schluss hier war, mit der ganzen betrunkenen Polterabend-Crew welche hier gefeiert hat und dir den Umsatz in die Höhe gesoffen hat. Ich habe die Kotze von denen an der Theke aufgewischt und spontane Stripeinlagen ertragen. Die halbe Stunde mehr Schlaf heute sei mir also gegönnt!» antwortete sie lachend. «Oh Gott, ist das noch so ausgeartet? Sorry, wenn ich das gewusst hätte, wäre ich noch geblieben!» Tim schaute sie jetzt wirklich mit grossen Augen und besorgtem Blick an und sie merkte, dass er gerade ein richtig schlechtes Gewissen dafür bekam, dass er sich gestern um 4:30 Uhr aus dem Staub gemacht hatte.

Doch Alex winkte ab: «Nein, die waren eigentlich ganz lustig, haben auch echt ordentlich Trinkgeld gegeben und ich habe möglicherweise ein bisschen dazu beigetragen, dass sie genug getrunken haben.» sie setzte einen Unschuldsblick auf und Tim lachte laut darauf los. Ja, Leute zum Trinken animieren konnte Alex, das wusste er nur zu gut. Er konnte sich noch gut daran erinnern, als sie damals zum Probearbeiten hier war.

Er gab es zu, zuerst war er vor allem von ihrem Äusseren angetan: Lange dunkle Haare, grosse grüne Augen, grosse Brüste, gut gebaut. Er wusste, dass sie bei den männlichen Gästen sehr gut ankommen würde. Wirklich überzeugt hat ihn aber ihr Umgang mit Menschen, sie ging ohne Vorurteile auf jeden zu, war ausserdem nicht auf den Kopf gefallen und hatte ein dickes Fell, wenn wieder einmal einer der Gäste hier seine Grenzen nicht kannte. Sie war ausserdem immer sehr ehrlich zu ihm gewesen. Er wusste, dass sie ganz und gar keine heilige war und ihre Vorgeschichte sowie einige finanzielle Probleme hatte, aber heilig war er schliesslich auch nicht, genau so wenig wie Suzana und Mark, welche ebenfalls hier arbeiteten. Jeder hatte nun einmal seine Bürde zu tragen.

Er schaute Alex hinterher, wie sie im Aufenthaltsraum verschwand, um ihre Sachen zu deponieren. Sie legte ihren dicken Wintermantel und ihre Handtasche in ihren Spind, schnallte sich ihren Geldbeutel um, und ging an die Theke.
Sie half Tim dabei, die Kühlschränke auf zu füllen und auch sonst alles weitere für den Abend vorzubereiten.

Suzana, ebenfalls Bar Mitarbeiterin kam nun ebenfalls aus dem Lager und begrüsste sie freudig, «du hattest gestern das Vergnügen mit einem Junggesellenabschied habe ich gehört?» ihre Arbeitskollegin stand grinsend da. «Jep, mit allem Drum und Dran, aber wirklich mit allem!» gab sie kichernd zurück.
Die beiden Frauen tauschten sich über die wildesten Bar Geschichten den letzten Wochen aus und mussten sich vor lauter Gequatsche schon beeilen, um noch zusammen eine Zigarette zu rauchen, bevor sie die Bar pünktlich um 19:00 Uhr öffneten. Sue war in den letzten 2 Jahren mehr als eine Arbeitskollegin für Alex geworden, sie war ihre Vertrauensperson und hatte immer ein offenes Ohr, wenn Alex Probleme hatte.

Kaum war die Bar geöffnet, strömten die Gäste rein. Alexandra kannte viele von ihnen, hielt hier und da einen Schwatz an einem Tisch und merkte kaum, wie die Zeit verflog. Die Bar war gut gefüllt, aber nicht so voll wie gestern, sie konnte es also ein bisschen gemütlicher nehmen und sich sogar ab und zu in eine Runde dazusetzten. Erst kurz vor Mitternacht wurde es voller. Aus dem Augenwinkel sah sie eine kleine Gruppe Leute reinkommen und zu einem Tisch ganz nach hinten gehen. Sie achtete jedoch nicht weiter darauf, sie war gerade mit Gläser Abräumen und Tische abwischen beschäftigt. «Alex, kannst du Tisch 21 bedienen, ist eigentlich meiner, aber ich komm grad nicht hinterher und möchte sie nicht warten lassen» fragte Suzana sie. Sie nickte ihrer Kollegin zu, stellte ihr volles Tablett hinter der Theke ab, schnappte sich ihren Notizblock und ging zu besagtem Tisch.

Ach, das waren ja die Jungs von Lord of the Lost, oder zumindest Teile davon, easy Money für sie. Die Jungs waren echt ein netter Haufen und tranken normalerweise ordentlich was. Sie waren regelmässig hier und kannten Alex. «Hey Tunte!» begrüsste sie Gerrit mit einem Klaps auf die Schulter. «Du freches Ding!» antwortete er und schmiss einen Bierdeckel nach ihr. Mit dem schwarzhaarigen war sie zur Schule gegangen und kannte ihn deshalb am besten von allen aus der Gruppe. Kichernd wich sie dem Geschoss aus und begrüsste die anderen etwas zurückhaltender. «Was für eine Arscheskälte heute, mir ist alles abgefroren!» murrte Gerrit, schälte sich aus seiner dicken Jacke und setzte sich zu den anderen. Heute waren nur Chris und Pi dabei. Chris kannte sie schon etwas länger, mit Pi hatte sie bis jetzt wenig zu tun gehabt, sie kannte ihn flüchtig von hier, aus der Bar.

«Wie kann ich euch drei glücklich machen?» fragte Alex unverblümt, nachdem alle sassen. Worauf Chris unmissverständlich in ihren Ausschnitt schaute und lachend sagte: «da würde mir so einiges in den Sinn kommen!» Alex lachte auf und korrigierte, «ich meine Getränketechnisch» mit einem schelmischen Grinsen und hochgezogener Augenbraue fügte sie hinzu «alles andere können wir nach Feierabend diskutieren. Wird aber teuer.» Gared und Chris prusteten los, Pi blickte etwas verwirrt herum. «Pi, das war ein Witz» klärte ihn Gerrit auf. Pi zuckte die Schultern und murmelte «irgendwie schade», Gerrit und Pi kicherten im Chor drauf los und Chris verdrehte die Augen.

Alex merkte, dass die zwei Jungs wohl schon einiges an Alkohol intus hatten und kam wieder zur Sache, «also was kann ich euch bringen?» «eine Cola für mich» sagte Chris, er trank seit einer Weile keinen Alkohol mehr, sie nahm die Bestellung mit einem Nicken zur Kenntnis und blickte zu Gerrit. Dieser schien unschlüssig und klopfte mit den Fingern auf dem Tisch herum. Nach einer gefühlten Ewigkeit und langem hin und her sagte er: «Egal, überrasche mich, du weisst was ich mag Alex», lachend schüttelte sie den Kopf «auf deine Verantwortung!» dann wanderte ihren Blick zu Pi, dem Gitarristen. Irgendwie fiel ihr heute erst auf wie gut Pi aussah, dieses schiefe Grinsen, auf welches der bisher geflossene Alkohol sicher Einfluss hatte, war irgendwie süss. Wie alt er wohl war? Sie schätzte ihn jünger ein als sie selbst war, aber nicht viel. Erst jetzt bemerkte sie, wie dämlich sie ihn wohl anstarrte und versuchte, ihren Blick von ihm zu lösen.

Doch sie war nicht die einzige, welche starrte. Sein Blick wanderte an ihr herunter und sie hatte das Gefühl, er ziehe ihr Top und ihren schwarzen, kurzen Rock fast mit seinen Blicken von ihrem Körper ehe er sagte «ein Bier und eine Runde Shots für uns alle, inklusive dir!» dabei setzte er erneut ein schelmisches Grinsen auf. «Ok», sagte sie und gab Gerrit ein Handzeichen, dass er nichts sagen musste. Alex trank nie, oder besser gesagt nicht mehr, der Keyboarder wusste das, aber bei Einladungen zu Shots hatte sie ihre eigenen Waffen.

Sie mixte einen Drink für Gared (einen Margarita mit einem pinken Schirmchen drauf), stellte eine Cola und ein Bier auf das Tablett und vier Schnapsgläser dazu. In zwei davon füllte sie pinken Wodka, die ekligste Erfindung seit es Alkohol gab und in die zwei anderen Pink Grapefruit Saft mit viel zu viel Heidelbeersirup gemsicht. Mit vollgeladenem Tablett ging zum Tisch. Sie verteilte die Drinks und die Schnapsgläschen, die alkoholfreien zu sich und Chris, den Wodka zu den beiden anderen Sumpfnudeln. Sie prosteten sich zu und alle drei verzogen das Gesicht. «Ihhh was war das, da klebt einem ja der Mund zusammen!» protestierte Chris und sie grinste, das Zeug war viel zu süss, aber alkoholfrei, also konnte der Herr Harms nicht motzen. «Tja, Geheimrezept von mir, ich nenne den Shot Pink Lady. Ich muss mal weitermachen, Prost und ruft wenn ihr Nachschub braucht!» Alex räumte die leeren Schnapsgläser weg und bediente andere Gäste.

Sie bekam aus den Augenwinkeln mit, dass Suzana die Jungs etwas später mit der nächsten Runde eindeckte und ebenfalls mit ihnen einen Kurzen trank. Später folgte eine weitere Runde, schien ein feuchtfröhlicher Abend zu sein bei den Jungs.

Irgendwann verabschiedete sich Gerrit von ihr, «dein Margarita war der beste Drink des Abends! Pass auf den Gitarristen und den alten auf!» er umarmte sie überschwänglich und torkelte aus der Bar. Sie musste lachen als sie sah, dass er sich das pinke Schirmchen vom Cocktail in die Haare gesteckt hatte und jetzt so rauslief. Klassischer Gerrit-Moment.

Sie ging weiter ihrer Arbeit nach, half kurz Tim hinter der Bar und ging wieder raus zu den Tischen zum Bedienen, die Bar war schliesslich immer noch gut gefüllt. Etwas später machte sie eine Pinkelpause und gab Tim ein Zeichen, dass sie kurz raus zum Rauchen ging. Sie blickte auf ihr Handy, nichts Dringendes. Einzig als ihr Blick auf das Datum fiel, wurde ihr kurz mulmig. Es war bald Ende Monat, schon wieder. Mit dem Trinkgeld von diesem Wochenende würde sie etwas Geld auf Reserve zusammen haben, das würde in diesem Monat wohl kein Problem werden, trotzdem hatte sie keine Lust IHN zu sehen. Sie schüttelte die negativen Gedanken ab und ging wieder in die Bar, die Arbeit machte sich schliesslich nicht von selbst.


*****

Und, wie ist euer erster Eindruck von Alex und wie gefällt euch der Einstieg in die Story? Ich freue mich auf eure Rückmeldungen!
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