Die Spieluhr meiner Urgroßmutter

KurzgeschichteFamilie / P12
01.08.2020
01.08.2020
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Im Schlafzimmer, in dem es immer so wunderbar süß duftete, auf der Kommode mit den vielen Schubladen, neben dem großen, doppelten Bett mit den riesengroßen Federbetten, meiner Urgroßmutter Frieda, stand ein Kästchen aus Mahagoni. Mit wunderschönen Intarsien. Schon oft wenn ich bei ihr zu Besuch war, hatte ich es mir heimlich angesehen.
Ich war ungefähr vier Jahre alt. Vielleicht auch schon fast fünf. Da stand ich wieder einmal vor der Kommode und dem Kästchen. Ich hatte die Gelegenheit genutzt, daß meine Urgroßmutter all die vielen Stufen, die zu ihrer Wohnung ganz oben unter dem Dach führten, runter gestiegen war. Sie wollte etwas im Gemüse Laden im Erdgeschoss kaufen. Sie wohnte in meinen Augen fast im höchsten Punkt über der Stadt. Wenn ich im Wohnzimmer auf der Fussbank stand und aus dem einen Fenster sah, konnte ich links die Burg und den Dom sehen und rechts unten in der Stadt die Frauenkirche mit ihrem herrlichen Glockenspiel. Und geradeaus bis über die Elbe ans andere Ufer. Meine Neugier machte mir schwer zu schaffen. Was wohl in diesem Kästchen war? Wenn ich mich auf Zehenspitzen stellte konnte ich gerade so mit den Fingerspitzen das Kästchen berühren.
Plötzlich stand meine Urgroßmutter wieder hinter mir. Schuldbewusst zog ich den Kopf ein und erwartete aus geschimpft zu werden.
"Möchtest du wissen was da drin ist?" fragte sie mich stattdessen mit einem Lächeln. Ich nickte eifrig.
Sie hob den Deckel  an und eine wunderschöne Melodie erklang. In dem Kästchen, das ausgeschlagen war mit leuchtend blauenem Samt, stand auf einem  Podest in der Mitte eine kleine Ballerina! Sie trug ein rosa Tutu, hatte ein wunderschönes, zartes Gesicht und einen blonden Dutt.  Zu der Melodie, die erklang drehte sie sich im Kreis, auf einer goldenen Platte, um sich selbst.  Dabei bewegte sie ihre Arme und eines ihrer Beine.
"Das Kästchen heißt  Spieluhr." sagte meine Urgroßmutter. " Diese schöne Spieluhr hat mir mein Sohn geschenkt. Dein Großonkel Werner, bevor er für eine lange Zeit fort gehen musste. Er hat sie selbst gebaut."
Aber wieso hatte sie denn nun auf einmal so einen traurigen Blick? Die Spieluhr war doch ein wunderschönes Geschenk! Einen kurzen Augenblick später lächelte sie mich wieder an. Seit diesem Tag habe ich immer, wenn ich auf Besuch bei ihr war, die kleine Ballerina tanzen lassen. Bevor ich schlafen gegangen bin,nachdem ich aufgestanden war und auch über Tag öffnete ich immer wieder einmal das Kästchen.
Heute nun, nach vielen Jahren weiß ich wieso sie  damals so traurig geschaut hatte. Ich habe alte Papiere meiner Familie mit zu mir nach Hause genommen und gesichtet. Ziemlich alte Papiere.Darunter waren auch Briefe aus dem zweiten Weltkrieg. Von der Front. Beileid s Schreiben an meine Urgroßeltern.Ihr Sohn Werner war  gefallen.
Die wunderschöne Spieluhr war zum Abschiedsgeschenk  und  zum Andenken geworden.

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Ob meine Urgroßmutter je so eine Spieluhr besaß? Ob mein Großonkel Werner so ein Künstler war? Das ist von mir  ausgedacht. Dafür gibt es keine Beweise.
Diese Beileid s Briefe von der Front existieren jedoch wirklich.
Und obwohl meine Urgroßmutter soviel tragisches in Ihrem Leben erlebt hatte, hatte sie nie ihren Mut, ihren eigenen Willen und ihre Lebensfreude verloren. So war sie  für mich immer einer der guten Geister in meinem Leben , bei denen ich so sein durfte wie ich war. Und so war es gut. Wir wohnten nur ein knappes Jahr in der Heimatstadt meines Vaters. In der Nähe meiner Urgroßmutter.
Als wir wieder fort zogen, zurück ins brandenburgische, war es für mich ein großes Abenteuer. Was mir damit jedoch verloren ging begriff ich erst Jahre später. Die Reisen zur Urgroßmutter/Grossmutter so oft es meinem Vater möglich war, er hatte ja versprochen sich um seine Großmutter zu kümmern, endeten oftmals auch in night rides. Was für mich wieder neue aufregende Abenteuer waren.
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