Hexenjagd - Zugabe

von KKlever
GeschichteDrama, Angst / P12
Chloé Saint-Laurent Frédérique Simone Kancel Grégoire Lamarck Hyppolite de Courtène Thomas Rocher
01.08.2020
09.08.2020
4
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04.08.2020 2.141
 
Es geht weiter!

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Die Kriminologin Chloé Saint-Laurent trat in den Kellerraum noch bevor Bauchart und seinem Komplizen Handschellen angelegt worden waren. Sie sah, dass eine Kollegin vom Revier sich um Katharina Dunckel kümmerte und deren Fesseln löste, doch wen sie auf den ersten Blick nicht sah, war ihr Kollege Thomas Rocher, was ihr aber noch keine Sorgen bereitete, denn Thomas konnte normalerweise sehr gut auf sich alleine aufpassen.

Doch Chloé sah jemand anderen, der ihre Aufmerksamkeit auf sich zog. Langsam ging sie auf Anne Richer zu, die wie versteinert im Raum stand und ein zugeklapptes Feuerzeug in der Hand hielt. Die Kriminologin hatte natürlich den durchdringenden Geruch von Benzin bemerkt, als sie den Raum betreten hatte und da sie genau wusste, was man mit Katharina vorgehabt hatte, wusste sie auch, was das Feuerzeug zu bedeuten hatte. Sie ging auf Anne zu und hielt ihr einfach nur ihre offene Hand hin. Anne Richer sah sie kurz an, blinzelte ein paar Mal, blickte dann wieder auf das Feuerzeug und übergab es ihr langsam. Chloé sah, dass ihre Hand dabei zitterte. Sie hätte gerne noch ein paar Worte zu Anne gesagt, doch eine Kollegin vom Revier fasste Anne am Arm und zog sie weg.

Als sich Chloé in dem halbdunklen Keller weiter umsah, sah sie Fred, die am Boden kniete und irgendetwas rief, was sie nicht verstand, doch als sie näher an Fred herantrat, erkannte sie, dass diese neben jemandem am Boden kniete, der dort lag.

Es war ihr Kollege Thomas Rocher, der sich nicht bewegte. Dann sah Chloé das Blut und Panik ergriff sie. Mit einem Mal sah sie Matthieu Pérac, den Kollegen, dessen Stelle Thomas eingenommen hatte, vor sich, der vor drei Jahren vor ihren Augen verblutet war. Er war verblutet und sie war daran Schuld gewesen. Sie allein.

Sie holte ein paar Mal tief Luft und zwang sich dazu, sich neben Fred zu knien. Fred hatte eine Hand auf Rochers Schulter gelegt, während sie mit der anderen Hand an seinem Hals nach einem Puls suchte. Chloé hielt den Atem an. Immer wieder sah sie Matthieu vor sich und sagte sich, dass dies nicht wahr sein konnte. Dies konnte nicht schon wieder passieren. Dies durfte Thomas nicht auch passieren. Sie schlug eine Hand vor den Mund und unterdrückte ein Schluchzen. Fred sah sie an und ihr wurde sofort klar, was mit Chloé los war.

„Er lebt, Chloé! Ich habe seinen Puls gefühlt.“ Als die Kriminologin darauf nicht reagierte, sagte sie es erneut, aber diesmal eindringlicher. „Chloé! Er lebt. Hörst du mich?“

Chloé blickte sie an und zwinkerte ein paar Mal. „Ja, ja, ich habe dich gehört, aber das viele Blut…. Es ist wie bei ….“ Sie sprach nicht weiter, doch Fred verstand genau, was sie hatte sagen wollen.

Fred sah sich um. „Doulac!“, sprach sie hastig einen Kollegen an. „Bringen Sie Chloe bitte hinaus! Sie braucht frische Luft.“ Als der Angesprochene auf Chloe zutrat und ihr half sich aufzurichten, sagte Fred noch: „Sagen Sie den Sanitätern, dass sie sich verdammt nochmal beeilen sollen!“

Nachdem Chloé den Kellerraum verlassen hatte, atmete Fred tief durch. Auch sie nahm es ziemlich mit, ihren Kollegen und Vorgesetzten bewusstlos und voller Blut vor sich liegen zu sehen, doch sie musste jetzt funktionieren und das tat sie. Vorsichtig nahm sie Thomas die Handschellen ab, die ihn immer noch an das Heizungsrohr fesselten, ansonsten bewegte sie ihn aber nicht. Sie sah die tiefen, zum Teil blutigen Abschürfungen an seinen Handgelenken und wäre am liebsten aufgesprungen, um Bauchart und seinem Kumpanen ein paar Tritte in deren Weichteile zu verpassen, doch sie atmete erneut tief durch. Zum Glück kamen in diesem Moment der Notarzt und ein paar Sanitäter herein und Fred machte Platz, damit diese ihre Arbeit erledigen konnten.

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Fred trat auf die Straße und atmete tief durch. Dies war knapp gewesen, verdammt knapp. Wenn sie nur ein paar Minuten später gekommen wären, hätte Bauchart Katharina Dunckel mit Sicherheit angezündet. Und Hauptkommissar Rocher? Sie konnte nur hoffen, dass sie für ihn auch noch rechtzeitig gekommen waren. Zumindest lebte er.

Fred nahm ihr Handy aus der Tasche und wusste, dass sie sofort ihren Chef anrufen musste, um ihm Bericht zu erstatten, außerdem wartete Hyppolite sicher schon wie auf heißen Kohlen darauf, zu erfahren, was passiert war. Polizeirat Gregoire Lamarck würde sicherlich nicht erfreut über den Ausgang des Einsatzes sein. Immerhin war einer seiner Mitarbeiter schwer verletzt worden. Sie holte tief Luft und wählte.

Lamarck meldete sich sofort. Seiner Stimme konnte Fred anhören, wie angespannt er war. Sie berichtete ihm kurz und knapp, was passiert war und sicherte ihm zu, dass sie ihm sofort Bescheid geben würde, wenn sie wusste, in welches Krankenhaus Rocher gebracht wurde. Lamarck bat sie außerdem, sich besonders um Chloé zu kümmern. Er kannte seine Kriminologin einfach zu gut, als das dieser Vorfall spurlos an ihr vorübergehen würde.

Fred sicherte ihm dies zu und ging zu ihrem Dienstwagen. Da entdeckte sie Chloé, die an einer Hauswand lehnte und sehr blass aussah.

Fred ging zu ihr und berührte sie sacht am Arm. „Soll ich dich nach Hause bringen? Ich könnte auch deine Mutter anrufen, wenn du….“, begann sie, doch weiter kam sie nicht.

„Nein...nein, schon gut. Es geht mir gut!“, versicherte Chloé, obwohl das Zittern ihrer Finger sie Lügen strafte. „Ich hatte nur….“, sie brach ab und starrte auf ihre Hände, ganz so als sähe sie dort etwas, was gar nicht da war. „Das Blut….all das Blut….es war wie bei Matthieu….so viel Blut!“

Fred fasste sie an beiden Armen, schüttelte sie ganz leicht und zwang Chloé so, sie anzusehen. „Chloé! Hör auf damit und reiß dich zusammen, es war nicht wie bei Matthieu! Matthieu ist tot und Rocher nicht. Der Notarzt kümmert sich um ihn!“

Chloé nickte verstehend, doch in ihren Augen waren Tränen zu sehen. „Ich weiß, aber….“ Sie sah über Fred´s Schulter und flüsterte nur ein angsterfülltes Wort: „Thomas!“

Fred sah sich um und erkannte, dass die Sanitäter gerade ihren Kollegen auf einer Trage liegend aus dem Haus brachten. Rochers Gesicht war bis auf das Blut, welches ihm nur notdürftig abgewischt worden war, kreidebleich. Seine Augen waren geschlossen. Der Notarzt hielt einen Infusionsbeutel, gefüllt mit einer klaren Flüssigkeit, in der Hand, während er neben der Trage herlief.

Während Rocher in den Krankenwagen geschoben wurde, lief Fred zum Notarzt. „Wie sieht es aus?“, fragte sie knapp. Der Notarzt sah sie nur ganz kurz an, doch sein Blick sprach Bände. „Er muss so schnell wie möglich ins Krankenhaus!“, antwortete er hektisch.

Fred schluckte. „Wohin bringt ihr ihn?“

„Ins Saint-Louis!“, bekam sie nur als kurze Antwort, dann schlossen sich schon die Türen des Krankenwagens und er fuhr mit Blaulicht und Sirene davon.

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Als Polizeirat Gregoire Lamarck und Kommissar und Internetexperte Hyppolite de Courtene in den Wartebereich des Krankenhauses kamen, sprang Fred sofort auf und kam auf sie zu. Sie war sofort mit Chloé hierher gefahren und hatte Hyppo auf der Fahrt ins Krankenhaus Bescheid gegeben, wohin Rocher gebracht wurde.

„Habt Ihr schon etwas gehört?“, fragte Hyppo etwas außer Atem.

„Nein, nichts“. Fred schüttelte bedauernd den Kopf. „Aber wir warten auch noch nicht sehr lange.“

Lamarck blickte zu Chloé, die auf einem Stuhl saß und vor sich hin starrte. „Wie geht es ihr?“

Fred sah über ihre Schulter und schüttelte leicht den Kopf. „Seit wir hier sind, hat sie kein Wort mehr gesagt. Das ganze hat sie ziemlich mitgenommen.“ Sie fuhr sich mit der rechten Hand durch ihr kurzes blondes Haar. Sie selbst hatte es ebenfalls mitgenommen, doch das würde sie nie so einfach zugeben, da sie nicht als schwach angesehen werden wollte. „Als sie Rocher dort liegen gesehen hat, so voller Blut.“ Sie stockte kurz und holte tief Luft. „Ich denke, sie hat an Matthieu gedacht und war wie erstarrt. Ich habe sie von einem Kollegen raus bringen lassen, doch seitdem ...“ Fred sprach nicht mehr weiter.

Lamarck nickte ihr zu. „Ich rede mit ihr“, sagte er und ging langsam zu Chloé. Er setzte sich neben sie. Vorsichtig legte er ihren eine Hand auf den Arm. „Chloé, ist alles in Ordnung?“, fragte er leise und voller Mitgefühl in seiner Stimme.

Die Kriminologin zwinkerte ein paar Mal, so als würde ihr jetzt erst bewusst, dass jemand neben ihr saß und sah ihn fragend an. „Gregoire?“

Chloé kannte ihn seitdem sie ein Teenager war. Seit dem Tag, an dem ihr Vater versucht hatte, ihre Mutter umzubringen, war er für sie da gewesen. Sie vertraute ihm, da er immer eine Art Vaterersatz für sie gewesen war.

„Ja, ich bin hier, Kleines! Erzähl mir, was dir durch den Kopf geht!“

Chloé brauchte ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. Sie hielt die Luft an und atmete sie dann abrupt wieder aus. „Ich weiß, dass es albern ist, aber ich….“ Sie suchte nach Worten, während Lamarck sie nur verständnisvoll anblickte und darauf wartete, dass sie weitersprach. „Als ich Thomas dort liegen sah, sah ich plötzlich Matthieu vor mir. Matthieu, dem ich nicht mehr helfen konnte und der einfach so verblutet ist.“

Lamarck legte eine Hand auf ihre Schulter. „Chloé, es ist doch ganz normal, dass dies bei dir wieder hochkommt. Das ganze ist doch erst drei Jahre her. Matthieus Tod hat uns alle mitgenommen und dich besonders, weil du dabei warst. Aber denk immer daran, dass du daran keine Schuld hattest. Du warst nicht Schuld an Matthieus Tod!“ Den letzten Satz sagte er sehr eindringlich. „Dass du seinen Tod miterleben musstest, war fürchterlich traumatisierend für dich. Es ist also absolut verständlich, wie du in diesem Keller reagiert hast, aber es muss dir klar sein, dass die Vergangenheit nicht dermaßen deine Gegenwart beeinflussen sollte.“

Chloé nickte und wischte sich über die Augen. Mit dem Thema Schuld ging sie selbst für sich ganz anders um, als alle anderen es ihr einzureden versuchten. Die Schuld an Matthieus Tod lastete schwer auf ihrer Seele und das würde sie immer tun. Ganz egal, was alle anderen, egal ob Doktoren oder Freunde, ihr immer und immer wieder sagten. Sie allein war Schuld an dem Tod ihres Freundes, denn sie hätte erkennen müssen, was für ein perfides Spiel ihre falsche Schwester damals mit ihr gespielt hatte. Doch jetzt war nicht der Moment erneut darüber nachzudenken.

Sie atmete tief durch und schob die Gedanken an Matthieu beiseite. Sie wusste auch, wie sie zu reagieren hatte, damit niemand sich Sorgen um sie machen würde, also versuchte sie ein Lächeln hinzubekommen, was ihr einigermaßen gut gelang. „Ich weiß, ich weiß, Gregoire, aber was ist, wenn Thomas…?“ Sie sprach nicht weiter, doch Lamarck wusste, was sie sagen wollte.

„Lass uns bitte auf einen Arzt warten, bevor wir hier irgendwelche Spekulationen anstellen!“ Als sie ihm zögerlich zunickte, stand er auf und trat zu Fred. „Können sie mir sagen, was in diesem Keller passiert ist, Kancel?“, wollte er von ihr wissen.

Fred nickte nachdenklich. „Als wir den Keller stürmten, lag Rocher bereits verletzt am Boden. Katharina Dunckel saß gefesselt auf einem Stuhl in der Mitte des Raumes. Anne Richer hatte ein Feuerzeug in der Hand, löschte dies aber und wir haben die beiden Verdächtigen festgenommen. Mehr kann ich dazu nicht sagen.“

Lamarck blickte sie stirnrunzelnd an. Er wollte gerade etwas sagen, doch ein Arzt betrat in diesem Moment den Raum. „Gehören Sie zu Hauptkommissar Rocher?“, fragte er in die Runde, während Chloé aufstand und zu ihnen trat.

„Ja, ich bin Polizeirat Lamarck vom 3. Revier, und dies sind alles Kollegen von Thomas Rocher“, sagte Gregoire mit fester Stimme.

Der Arzt nickte ihnen zu. „Mein Name ist Dr. Durant und ich habe Ihren Kollegen untersucht als er hier eintraf. Er war in einem sehr kritischen Zustand, muss ich Ihnen leider sagen, da er innere Blutungen hat, deren Herkunftsort wir nicht konkret lokalisieren konnten. Er hat außerdem eine schwere Gehirnerschütterung und war zu keinem Zeitpunkt ansprechbar. Wir hoffen, dass es keine weiteren Hirnverletzungen gibt, aber wir konnten noch kein CT machen, da er sofort in den OP musste wegen der inneren Blutungen. Er wird jetzt bereits operiert.“

Einen Moment herrschte entsetztes Schweigen bevor der Arzt weitersprach. „Hat Hauptkommissar Rocher Familie? Falls ja, wäre es gut, wenn Sie sie benachrichtigen könnten.“

Lamarck nickte betroffen. „Ja, ja, das machen wir!“

„Gut“, der Arzt nickte ihnen zu und wollte sich eigentlich bereits von der Gruppe abwenden, doch dann räusperte er sich noch einmal. „Seine Chancen stehen ganz gut, wenn wir den Grund für die inneren Blutungen schnell finden. Ich will Ihnen damit nur sagen, dass wir alles für ihn tun, was wir können.“

„Vielen Dank, Doktor Durant!“ Lamarck nickte ihm mit ernster Miene zu. „Sagen Sie uns Bescheid, wenn Sie etwas Neues wissen?“

„Natürlich“, sagte der Arzt nur knapp und verließ den Raum.

Die Vier sahen sich nur an und sagten kein Wort. Chloé hatte Tränen in den Augen als sie sich zurück auf ihren Stuhl setzte.

Sie konnten jetzt nur eins tun…. Warten.

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.....und das müsst Ihr auch und zwar auf´s nächste Kapitel!
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