Erleuchtete Schatten

von Annaeru
OneshotSchmerz/Trost, Sci-Fi / P6
Effie Trinket Gale Hawthorne Haymitch Abernathy Katniss Everdeen Mrs. Everdeen Peeta Mellark
01.08.2020
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01.08.2020 6.611
 
Ein, zwei, drei Jahre vergehen, langsam bekommen die kleinen Dinge in meinem Leben wieder größere Bedeutung. Peetas Haus ist nur noch selten beleuchtet, meistens sind wir beide bei mir, wir ertragen die Einsamkeit nur schwer. Greasy Sae kommt, kocht, Peeta backt, ich gehe jagen und versorge uns mit frischem Wild, obwohl wir kaum mehr Mangel haben. Irgendwann gehen wir in die Stadt, helfen den Heimkehrern beim Wiederaufbau, der viel Zeit und Kraft in Anspruch nimmt, aber mit der Unterstützung aus dem Kapitol wachsen nach und nach neue Häuser aus den Trümmern von Distrikt 12. Die Menschen füllen die Straßen wieder mit Leben, sie arbeiten noch immer hart, aber sie sind nicht mehr die ausgemergelten, hungernden Gestalten, die sie vor dem Krieg waren. Jedenfalls die, die überlebt haben. Und wie ich sie da sehe, an der frischen Luft, nicht tief unten in den Bergwerken, wie die neue Arzneimittelfabrik aus dem Boden wächst, da denke ich mir manchmal, dass das doch nicht alles vergeblich war. Dass ich nicht nur Tod gebracht habe. Sondern auch Leben. Neuanfang. Doch immer wieder werden diese aufkeimenden guten Gedanken überrollt von schwarzen Schatten, die tief aus meinem Herzen aufsteigen. Dann sehe ich sie wieder, nachts, in den Alpträumen, die zu meinen treusten Begleitern geworden sind: Rue, von einem Speer durchbohrt. Mags, die sich ohne zu zögern in den Nebel wirft. Finnick, der von den Mutationen zerrissen wird. Und Prim. Immer wieder Prim. Wie ihre Lippen meinen Namen formen, wie die Fallschirme explodieren. Wie meine Schwester in Flammen aufgeht. Aus jedem dieser Alpträume erwache ich mit einem Schrei. Meistens ist dann Peeta da, der mich in die Arme nimmt, wortlos, denn ich muss ihm nicht erklären, was ich gesehen habe. Manchmal ist er aber nicht da, wenn es schon früh am Morgen ist und er schon in der neu gebauten Bäckerei, dann hole ich das Medaillon hervor und starre stundelang auf das Bild meiner kleinen Schwester. Die Tränen, die ich schon unzählige Male vergossen habe, suchen sich erneut einen Weg meine Wangen hinunter und tropfen auf den Boden. Ich sitze auf meinem Bett und weine, bis ich höre, dass Greasy Sae kommt. Dann raffe ich mich auf, dusche, wasche die Tränenspuren von meinem Gesicht und gehe in die Küche, wo mich immer der Duft von frisch gebackenem Brot empfängt.

Heute ist Sonntag, und Peeta ist bei mir, als ich aus dem Schlaf aufschrecke. Ein Sonntag im Frühsommer. Mehr als drei Jahre ist es her, dass ich aus dem Kapitol zurückgekehrt bin. Heute tröstet mich Peetas Gegenwart nur wenig. Stumm stehe ich auf und hole das Buch, das meine Erinnerungen speichert, setze mich neben ihn aufs Bett und beginne langsam, es durchzublättern. So viele Seiten, von denen mich lächelnde Gesichter anschauen. Gesichter, deren Besitzer tot sind. Meinetwegen. Peeta legt einen Arm um mich, und gemeinsam blättern wir Seite um Seite um. Langsam gleiten unsere Augen über die Texte, die so viel sagen und doch nur einen Bruchteil dessen, was gesagt werden müsste. Wir verharren lange auf den Seiten, die Peetas Eltern zeigen. Seine Brüder. Meinen Vater. Meine Schwester. Ihr Verlust ist der härteste, den ich je erfahren musste. Als meine Kehle wieder eng wird, spüre ich, wie etwas meine Beine streift. Butterblume. Er ist mal wieder nach oben in mein Zimmer gekommen. Jetzt sieht er mich an, und als ich keine Anstalten mache, ihn wegzuscheuchen, springt er auf mein Bett. Ich streichle ihn mit zwei Fingern zwischen den Augen, so wie Prim es immer gemacht hat, und er fängt tatsächlich an, leise zu schnurren. Doch er schaut mich nicht an, sondern das Foto meiner Schwester.
»Er vermisst sie. Noch immer«, sage ich leise.
»Natürlich«, antwortet Peeta, »So wie du. So unterschiedlich seid ihr gar nicht, du und Butterblume.« Ich weiß nicht, wieso, aber ich muss lächeln. Vielleicht einfach, weil Peeta mich gerade mit einem mürrischen Kater verglichen hat. Und auf einmal weiß ich, was ich tun muss, um vielleicht endlich Frieden zu finden. Ich richte mich langsam auf, schlage das Buch zu, stelle es zurück an seinen Platz und sehe Peeta an.
»Ich muss noch einmal dorthin.« Peeta sieht mich fragend an. »Ins Kapitol. Dort, wo sie gefallen ist. Ich muss wissen, ob sie sich an sie erinnern. Ich will mich ordentlich von Flavius, Octavia und Venia verabschieden. Von Effie, und vielleicht von Tigris. Ich will nach Distrikt 2, um Gale und Hazelle und Rory und Vick und Posy nochmal zu sehen. Und nach Distrikt 4.« Peeta sieht mich lange an, doch schließlich nickt er.
»Ich komme mit.« Natürlich kommt er mit. Etwas anderes hätte mich überrascht. Obwohl das Kapitol für ihn noch mehr schmerzhafte Erinnerungen bereithält als für mich. »Denkst du, sie erlauben es uns?«, fragt er dann und ich zucke mit den Schultern.
»Dr. Aurelius hält mich für zumindest weitestgehend geheilt. Warum nicht?« Peeta nickt langsam, dann steht auch er auf. Bald wird Greasy Sae kommen, doch heute bereiten Peeta und ich das Frühstück vor.Sie freut sich, das sieht man, und gemeinsam setzen wir uns an den Tisch. »Wir werden eine Reise ins Kapitol machen«, eröffne ich taktvoll wie eh und je das Gespräch. Sie sieht mich überrascht an, doch sie nickt.
»Gut, wenn sie euch lassen.«
»Sicher werden sie das!«, ereifere ich mich, und Peeta legt mir die Hand auf den Arm.
»Natürlich, Katniss. Kein Grund, sich aufzuregen.« Ich nickte. Aber allein die Vorstellung, dass mir jemand versagen könnte, dorthin zurückzukehren, macht mich wütend.
»Ich werde Dr. Aurelius anrufen«, sage ich kurz entschlossen, »Er wird vielleicht etwas organisieren können und die Zuständigen überreden, uns reisen zu lassen.« Ich stehe auf und eile zum Telefon, nicht auf die Uhr achtend. Entsprechend gelaunt ist Dr. Aurelius am anderen Ende der Leitung, nachdem das Telefon bestimmt drei Minuten geklingelt hat. Ich schildere ihm kurz mein Vorhaben, sage, dass es mir unglaublich guttun würde, mich selbst davon zu überzeugen, dass an Prim erinnert wird, und dass es bestimmt meinen Heilungsprozess beschleunigen wird. Irgendwann stimmt er zu und verspricht, dafür zu sorgen, dass Peeta und ich mit dem nächsten Zug, der in Distrikt 12 ankommt, mitfahren dürfen. Wahrscheinlich will er einfach wieder ins Bett.
Als ich zurück in die Küche komme, sieht mich Peeta erwartungsvoll an.
»Mit dem nächsten Zug fahren wir ins Kapitol!«, verkünde ich, und das fühlt sich schon an wie ein kleiner Sieg. Ich bin mir nicht sicher, wann genau der nächste Zug fährt, die Tage sind so eintönig hier und mir war es bisher immer egal. Aber natürlich wissen wir, an wen wir uns da wenden können. Fünf Minuten später stehen wir vor Haymitchs Haustür. Als er öffnet, schlägt uns keine alkoholgeschwängerte Dunstwolke entgegen. Ich nehme das als gutes Zeichen.
»Was wollt ihr so früh?«, fragt er, und spätestens jetzt ist es nicht mehr zu übersehen, dass er mal wieder auf kaltem Entzug ist. Das heißt, es dürfte nicht mehr allzu lange dauern.
»Dich fragen, wann der nächste Zug aus dem Kapitol kommt«, erwidert Peeta.
»Warum interessiert euch das auf einmal?«
»Wir werden mit diesem Zug mitfahren«, erwidere ich fest. Haymitch zieht eine Augenbraue hoch und mustert uns. Als keiner von uns anfängt zu lachen oder das einen Scherz nennt, erkennt er wohl, dass wir es ernst meinen.
»Warum? Warum willst du dorthin zurück?«, fragt er. Ich schiebe mich an ihm vorbei ins Haus und lasse mich auf einen Stuhl in der Küche fallen. Die anderen beiden folgen mir.
»Hör zu«, fange ich an, »Du warst doch dabei, als sie mich rausgeworfen haben. Ohne ein Wort des Abschieds, ohne die Möglichkeit, meine Mutter und Gale noch einmal zu sehen. Aber … ich muss sie noch einmal sehen. Nicht lang, nur so, dass ich mich richtig von ihnen verabschieden kann.«
»Und ich komme mit ihr. Ich will sie nicht alleine lassen«, ergänzt Peeta.
»Ihr lasst mich also zurück?«, fragt Haymitch. Ich zucke zusammen. Es klingt nicht vorwurfsvoll, sondern nur müde. Dennoch habe ich mal wieder ein schlechtes Gewissen. Mir ist nie richtig klar gewesen, dass wir wohl die einzigen sind, die ihm etwas bedeuten.
»Du kannst mitkommen, wenn du möchtest«, biete ich an.
»Und wer kümmert sich dann um die Gänse und deinen Kater?«, fragt er. Da weiß ich, er wird hierbleiben, Peeta und mich nicht in unserer Zweisamkeit stören und mich mich meiner Trauer stellen lassen. Und er wird sich um Butterblume kümmern, jedenfalls, soweit das im betrunkenen Zustand möglich ist.
»Wir werden nicht lange fort sein«, meint Peeta, »vielleicht zwei Wochen.«
»Ich denke nicht, dass sie extra für uns einen Zug nach Distrikt 12 schicken«, erwidere ich. Wir werden also mindestens einen Monat weg sein. Weg von der Asche, weg von den leeren Häusern. Weg von zu Hause. Aber ich denke wirklich, dass es mir helfen kann. Wenn ich diese Orte noch einmal wiedersehen kann. Wenn ich dort trauern kann, wenn ich mich für mich verabschieden kann.
»Der nächste Zug kommt am Mittwoch«, sagt Haymitch. Ich nicke.
Schweigend sitzen wir um den Tisch, bis Peeta aufsteht und etwas zu essen macht. Wir haben ja schon gefrühstückt, aber Haymitch sieht so aus, als sei er erst durch unser Klingeln aufgewacht. Also essen wir nochmal mit ihm, obwohl ich keinen Hunger mehr habe. Draußen schnattern die Gänse, um die sich Haymitch immer in seinen nüchternen Phasen kümmert. Lange sitzen wir schweigend um den Tisch, bis er aufsteht und hinausgeht. Da Peeta und ich eh nichts zu tun haben, folgen wir ihm und helfen, die Viecher zu füttern. Aber lange dauert das auch nicht, und bald gehen wir wieder hinüber zu mir. Greasy Sae hat die Küche aufgeräumt und ich hätte ihr gerne Geld gegeben, aber sie ist schon weg. Dann mache ich das eben heute Abend.

Es ist einer dieser wunderschönen Tage, an denen die Sonne klar vom beinahe wolkenlosen Himmel scheint und ein lauer Wind weht. Ich gehe in mein Zimmer, ziehe mir die Jagdjacke meines Vaters über, nehme Köcher und Bogen und mache mich auf den Weg zum Wald. Peeta begleitet mich bis zur Weide, dann macht er sich auf den Weg zu seiner Bäckerei, während ich in den Wald gehe. Ich laufe in Richtung See. Ohne mein Zutun lenken mich meine Füße dorthin, seit ich wieder hier bin, war ich noch nicht dort, die Kraft dazu hat mir immer gefehlt. Doch die Aussicht, ein paar Menschen aus meinem früheren Leben wiederzusehen, gibt mir die nötige Kraft. Dennoch bin ich erschöpft, als ich ankomme. Ich lasse mich ins Gras fallen und beginne, das Kaninchen, das ich als einziges auf dem Weg geschossen habe, auszunehmen. Über einem kleinen Feuer brate ich Fleischstücke, und als ich sie esse, wird mir meine Einsamkeit wieder schmerzlich bewusst. Wie so oft schließe ich die Augen, die Sonne scheint mir ins Gesicht, zähle bis zehn und öffne die Augen wieder. Doch nichts ist passiert. Niemand ist gekommen. Weder Gale noch sonst jemand. Ich esse das Fleisch auf, lösche das Feuer, dann ziehe ich die Stiefel aus und halte meine Füße ins noch kalte Wasser des Sees. Die Kälte tut mir gut, und die Kraft, die ich zum Zurückgehen brauche, kommt zurück. Ich lasse meinen Blick über die glitzernde Fläche gleiten, die Sonne blendet mich und wieder schließe ich die Augen. Ich lasse mich zurücksinken, fühle das Gras in meinem Nacken.
Langsam ziehen Bilder aus meiner Kindheit auf. Ich bin erleichtert, dass es endlich schöne Bilder sind, die mich suchen, und nicht die Bilder der Alpträume. Mein Vater taucht vor mir auf, wie er mich das erste Mal hierher mitgenommen hat. Seine Stimme, die uns auf dem Weg begleitete. Die Spotttölpel, die sein Lied aufnahmen und deren Gesang uns dann den Rest des Weges begleitete. Wir kamen aus dem Wald, und im ersten Moment konnte mein kindlicher Blick gar nicht alles erfassen. So einen großen See hatte ich noch gesehen, und mein Vater lachte, als ich beinahe ehrfürchtig die Hand ins Wasser tauchte. Doch die Ehrfurcht war schnell weg, als mein Vater mir alles zeigte, was der See zu bieten hat. Fische, die er mit einer selbstgebauten Angel fing, Pflanzen, die er ausgrub. Und er zeigte mir Katniss. »Wenn du dich selbst findest, wirst du nie hungern«, sagte er. Im Moment habe ich keine Lust, nach mir selbst zu suchen. Ich will die schönen Erinnerungen nicht loslassen, die mir gerade Kraft geben. Doch irgendwann raffe ich mich auf und mache mich auf den Rückweg. Ich bin konzentrierter als vorhin, lautlos, und ich schieße noch zwei Kaninchen und einen Truthahn, bevor ich zurückkehre nach Distrikt 12. Es ist Abend geworden, ich gehe auf direktem Weg nach Hause. Ich meide unser altes Haus, die Trümmer brechen mir immer noch das Herz. So viele zerstörte Erinnerungen. Zu Hause erwarten mich Peeta und Greasy Sae, und sie freut sich, dass ich frisches Fleisch mitgebracht habe. Wie damals auf dem Hob zaubert sie ein köstliches Essen, und während des Essens kommt der Appetit. Meine Lebensgeister scheinen langsam zurückzukehren.

Dr. Aurelius hat nochmal angerufen und mir bestätigt, dass wir am Mittwoch fahren dürfen. Also stehen wir abends am Bahnhof, ich habe die Jagdjacke an, obwohl es warm ist, meine Jagdtasche über der Schulter. Ich habe nicht viel dabei, außer ein paar Klamotten, das Hochzeitsfoto meiner Eltern, das ich meiner Mutter mitbringen will, und das Medaillon. Als der Zug einfährt, stehen Leute parat, um ihn auszuladen. Diesmal ist ein Fahrgastabteil eingekoppelt, nicht nur die Güterwaggons. Niemand erwartet uns, nicht wie bei unseren vorherigen Zugfahrten. Die Tür zu unserem Abteil geht lautlos auf und wir steigen ein. Es ist alles da, was man für eine Fahrt ins Kapitol brauchen kann, und so richten wir uns ein. Noch ein wenig steht der Zug, bis alles ausgeladen ist, dann setzt er sich langsam in Bewegung. Peeta und ich sitzen am Fenster und sehen nach draußen, wo Distrikt 12 langsam verschwindet. Es wird dunkel, und wir bedienen uns ein wenig an dem Essen, das im Kühlschrank für uns bereitsteht, bevor wir uns schlafen legen. Das leise Rattern des Zuges wirkt beruhigend, zumal ich diesmal weiß, dass ich nicht in den sicheren Tod fahre. Bald schlafe ich ein, und die Alpträume sind nicht so schlimm wie sonst. Nur ein Schatten der sonstigen Träume besucht mich, und dieser Schatten verliert in Peetas Anwesenheit fast vollständig seinen Schrecken. Zum ersten Mal seit Monaten wache ich nicht mit einem Schrei auf.

Ich weiß nicht, wie lange wir noch gefahren sind, als der Zug im Bahnhof des Kapitols hält. Diesmal ist jemand da, der uns erwartet. Ein leises Lächeln schleicht sich auf meine Züge, als ich Effie Trinket sehe. Ihre Haare sind nun in einem dezenten himmelblau gefärbt und ihre Augen haben etwas vom alten Glanz zurückgewonnen.
»Nach dir«, meint Peeta beinahe fröhlich und ich steige aus. Immer noch ist es mir ein Rätsel, wie man mit solchen Absätzen laufen kann, doch Effie kann es und jetzt rennt sie beinahe auf uns zu. Kurz bevor sie ankommt, bremst sie sich, doch sie schließt uns beide in eine kurze Umarmung.
»Herzlich willkommen im Kapitol!«, begrüßt sie uns. Peeta und ich werfen uns kurz einen verwirrten Blick zu. Der alberne Akzent des Kapitols, über den ich mich früher mit Gale lustig gemacht habe, ist deutlich abgeschwächt. Anscheinend haben sich die Leute hier endlich angewöhnt, normal zu sprechen. Hat vielleicht damit zu tun, dass viele aus den Distrikten geblieben sind. Munter wie früher plappert Effie drauf los, redet von der neuesten Mode im Kapitol, von den großen Fortschritten, die unsere Wirtschaft macht und noch von viel mehr. Aber ich höre nicht zu. Peeta redet, wie er es schon immer getan hat, und offensichtlich macht er es gut. Effie lacht ab und zu, wenn er eine witzige Bemerkung fallen lässt, bevor sie wieder weiterredet. Sie führt uns tatsächlich zu Fuß durch die Straßen. Es ist nichts mehr von der Zerstörung, die wir angerichtet haben, zu sehen. Die Häuser sind schneeweiß, die Straßen scheinen frisch geteert, die Gehsteige sind sauber.
»Wo ist Tigris’ Laden?«, frage ich so unvermittelt, dass es Effie kurz die Sprache verschlägt. Offensichtlich hat sie gerade etwas wahnsinnig Wichtiges erzählt. Sie presst die Lippen zusammen, ändert aber die Richtung und führt uns zu dem schmuddeligen Unterwäsche-Laden. Ich trete als erste ein. Im Dämmerlicht braucht es einen Moment, bis ich die alte Frau hinter dem Tresen erkenne, doch sie hat mich ihren Katzenaugen sofort erkannt, denn ein Lächeln umspielt ihre Lippen.
»Katniss Everdeen.« Das sind die einzigen Worte, die sie sagt, doch ich höre, dass sie sich freut. Offensichtlich bringt es ihr nicht so viel, dass sich die Wirtschaft erholt, denn ihr Laden sieht kaum besser aus als vor drei Jahren.
»Tigris.« Langsam trete ich näher. Unschlüssig, was ich tun soll. Was wollte ich nochmal? Ach ja, mich bedanken. Langsam greife ich in meine Jackentasche und hole etwas Geld hervor. »Danke für alles, was du für uns getan hast.« Damit lege ich das Geld auf den Tisch. Tigris mustert mich, Trauer scheint sich in ihren Blick zu schleichen und ich frage mich unwillkürlich, ob sie auch jemanden verloren hat im Krieg. Sicher hatte sie Angehörige, Menschen, die sie geliebt hat. Und plötzlich fühle ich mich auch noch ihr gegenüber schuldig, und eine Entschuldigung folgt meinem Dank. »Es tut mir leid, wenn ich auch für den Tod deiner Angehörigen verantwortlich bin. Wenn du sie im Krieg verloren hast.« Eine Zeit lang schaut sie mich an, die Trauer ist un nicht mehr zu übersehen.
»Nicht im Krieg, schon lange vorher. Du bist nicht schuld.« Ihre Worte verwirren mich, aber ich frage nicht nach. Ich nicke ihr noch einmal zu, dann verlasse ich den Laden wieder. Die anderen beiden haben draußen gewartet, das fällt mir jetzt erst auf, und Peeta sieht mich fragend an, doch ich weiche seinem Blick aus. Wir folgen der Straße, die zum Präsidentenpalast führt. Die Luft scheint immer schwerer zu werden, drückt mich nieder. Selbst Effie scheint das zu merken, den irgendwann hört sie auf zu reden. Der Palast erhebt sich vor uns, und davor der große Platz, auf dem sie Prim umgebracht haben. Meine Beine setzen sich von alleine in Bewegung, rennen los. Ich habe die Kinder vor Augen, die Fallschirme, die Explosion, meine Schwester, die mit meinem Namen auf den Lippen stirbt. Wie ich versuche, zu ihr zu kommen. Dort, mitten auf dem Platz steht eine Gedenktafel. All die Namen derer, die hier den Tod fanden, stehen darauf, und auf einem Bildschirm werden ihre Gesichter gezeigt, eines nach dem anderen. Ich suche, finde Prims Namen, starre auf den Bildschirm, bis ihr junges Gesicht erscheint, dann legt sich ein Schleier an Tränen über meine Augen und ich falle auf die Knie. Ich vergrabe mein Gesicht in den Händen, spüre, wie ich schluchze, wie sich all meine Trauer an diesem Ort entlädt. Und wie aus weiter Ferne spüre ich Peetas Arm, der sich um mich legt, der mich festhält. Aber im Moment kann ich nicht auf ihn achten, dieser Moment gehört nur meiner kleinen Schwester. Meiner kleinen, starken, mutigen Prim.

Lange habe ich auf dem kühlen Boden gekauert, als die Tränen versiegen. Ich fühle mich freier, leichter, und ich weiß, dass ich recht hatte. Dass das Zurückkehren den Abschied leichter macht. Langsam stehe ich auf, Peeta an meiner Seite. Ich mache mir nicht die Mühe, mir die Tränen abzuwischen. Sollen die Leute sie sehen, sollen sie meine Trauer sehen. Sie werden mich verstehen können. Aber das Lächeln fällt mir leichter. Wir warten, bis Prims Gesicht erneut erscheint. Ich gehe auf den Bildschirm zu und lege meine Hand darauf. Das Bild muss in Distrikt 13 entstanden sein, irgendwo auf der Krankenstation, denn sie trägt weiße Kleidung und lächelt nur flüchtig über die Schulter. Ich sehe sie an und spreche meinen Dank und meine Liebe für sie laut aus. Und ich verspreche ihr, dass ich mich um Butterblume kümmere. Ihr Bild verschwindet, wird von einem anderen Gesicht abgelöst, und ich ziehe die Hand vom Bildschirm. Jetzt erst sehe ich wieder etwas anderes. Peeta steht neben mir, greift nach meiner Hand. Um mich herum stehen Menschen, so viele, wie ich lange nicht mehr auf einem Haufen gesehen habe. Ganz stumm sind sie, überhaupt nicht, wie es Art der Kapitolbewohner ist, und sehen mich an. In vielen ihrer Gesichter liegt der gleiche Schmerz, den ich empfinde, und auf einmal legt ein Junge, vielleicht fünfzehn Jahre alt, die drei mittleren Finger der linken Hand auf die Lippen und streckt sie mir entgegen. Nach und nach greifen die Menschen die Geste auf, und ich verstehe, dass viele von ihnen aus den Distrikten stammen müssen. Nun haben fast alle die linke Hand erhoben, und ohne nachzudenken erwidere ich ihren Gruß. Auf ihren Gesichtern breitet sich ein Lächeln aus, und ich spüre, wie dieses Lächeln auf mich überspringt. Irgendwann lasse ich die Hand wieder sinken, und es ist, als würden die Menschen aufwachen. Nach und nach entfernen sie sich, unsere Versammlung löst sich auf, doch auf allen Gesichtern bleibt das Lächeln. Auch auf meinem.Langsam kommt Effie wieder zu uns.
»Das war gespenstisch!«, sagt sie, doch ich schüttle den Kopf. Es hat mir gut getan. Zu sehen, dass diese Menschen mich nicht hassen, obwohl ich so viel Schaden und Leid zu verantworten habe. Ich werfe einen letzten Blick auf Prims Name, dann wende ich mich ab und folge Effie und Peeta. Zumindest scheint uns niemand im Palast zu wollen, und dafür bin ich mehr als dankbar. Ich merke, dass ich jetzt besser an Prim denken kann. Dass ich nicht mehr nur sie in Flammen gehüllt vor mir sehe, sondern fröhliche Momente. Dass mir nicht bei jedem Gedanken an sie die Tränen in die Augen schießen.

Es ist dunkel geworden, jedenfalls am Himmel, denn die Stadt selbst wird nie dunkel. Es ist das erste Mal, dass ich die nächtliche Stadt nicht von oben, vom Dach des Trainingscenters sehe, sondern mitten im Getümmel bin. Offensichtlich hat Effie es sich zur Aufgabe gemacht, uns persönlich zu betreuen, während wir hier sind, denn sie bringt uns zu ihrem privaten Appartement. Ehrlich gesagt habe ich mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, wo wir übernachten könnten, und dass sie uns bei sich aufnimmt, dafür bin ich ihr wirklich dankbar. Doch noch eine weitere Überraschung wartet auf uns. Als Effie uns ins Wohnzimmer bringt, sitzen dort Venia, Octavia und Flavius. Die drei springen mit einem Kreischen auf, als sie mich sehen, und stürzen auf mich zu. Doch da ich nicht alle drei gleichzeitig umarmen kann, wird auch Peeta gedrückt. Die drei reden aufgeregt durcheinander, fragen mich über mein jetziges Leben aus, lassen mir aber keine Zeit zu antworten. Schließlich, und wieder bin ich ihr dankbar, sorgt Effie dafür, dass wir uns alle an den Tisch setzen und gemeinsam essen, und währenddessen beantworten Peeta und ich alle noch so unwichtigen Fragen und stellen selbst welche. Es ist spät, als wir uns endlich hinlegen, aber mein Herz ist leichter als bei unserem Eintreffen.

Der nächste Morgen beginnt, wie der Abend aufgehört hat. Zum Frühstück sind die drei wieder da, und Venia, Octavia, Flavius und Effie unterhalten sich hauptsächlich miteinander. Mich stört es nicht, ich habe gestern eh so viel geredet, dass es für mich ganz und gar untypisch ist. Ich frage mich, wie unsere Reise weitergeht, denn ich habe eigentlich nicht das Bedürfnis, noch lange im Kapitol zu bleiben. Viel lieber will ich nach Distrikt 2 und 4. Doch nach dem Frühstück erhalte ich eine Antwort auf meine Frage, als Effie uns eröffnet, dass wir morgen von ihnen vier zum Bahnhof geleitet werden, von wo aus wir mit einem normalen Linienzug nach Distrikt zwei fahren werden. Doch heute wollen sie noch einen Tag mit uns verbringen. Sie drängen uns ihre Telefonnummern regelrecht auf, führen uns durch ihre Appartements, zeigen uns die neueste Mode des Kapitols. Und wir fahren zu unserer Arena.
Sie ist größtenteils zerstört, an dem Platz, an dem das Füllhorn stand, steht nun eine Gedenktafel ähnlich der, die vor dem Präsidentenpalast steht. Aber hier stehen nur zweiundzwanzig Namen und zweiundzwanzig Bilder wechseln sich auf dem Bildschirm ab. Gemeinsam gehen wir durch die Überbleibsel unseres Todeskampfes. Peeta und ich erinnern uns an ein paar Stellen, der Bachlauf ist noch zu erkennen. Zu zweit trauern wir um all die, die hier ihr Leben lassen mussten, still verabschieden wir uns von ihnen. Dann kehren wir zu den anderen vier zurück und fahren zurück in die Stadt.

Am nächsten Morgen werden wir von ihnen zum Bahnhof gebracht. Effie scheint mehr zu organisiert haben, als wir zu hoffen gewagt haben, denn sie zieht zwei Tickets aus der Tasche und gibt sie uns. Tränenreich verabschieden die vier uns, als wir einsteigen, und wir bieten ihnen an, uns einmal in 12 zu besuchen, und diese Aussicht tröstet sie. Durch die Zugfenster winken wir ihnen, als wir aus dem Bahnhof rollen. Der Zug ist ganz anders als die, mit denen wir bisher gefahren sind. Es sind keine Abteile, die die Leute für sich haben, sondern lange Sitzreichen hintereinander. Peeta und ich suchen uns zwei freie Plätze, dann sitzen wir lange schweigend nebeneinander und starren nach draußen. Irgendwann unterbreche ich das Schweigen.
»Das hat gut getan.«
»Ich weiß.« Natürlich weiß er es. Es ist beinahe wie früher bei Gale, wir verstehen uns zunehmend ohne Worte. Aber ich will trotzdem noch etwas sagen.
»Ich kann jetzt befreiter an sie denken. Als hätte ich den größten Schmerz im Kapitol gelassen.« Er nickt. Wir schweigen wieder.
Als der Zug im Bahnhof von Distrikt zwei hält, stelle ich fest, dass ich mal wieder nicht weitergedacht habe. Ich weiß nicht, wo Gale wohnt. Doch am Bahnhof erwartet uns jemand.
»Hazelle!«, rufe ich, als ich sie erblicke, und renne auf sie zu. Sie lacht und breitet die Arme aus, und ich nehme das Angebot gerne an und werfe mich hinein. Kurz hält sie mich fest, bevor sie mich ein wenig wegschiebt und kurz entschlossen auch Peeta umarmt.
»Ich habe dich vermisst, Katniss«, sagt sie. Mein Blick fällt auf ihre Hände. Sie sind nicht mehr wund und aufgerissen.
»Du hast eine Stelle gefunden?«, frage ich und sie nickt lächelnd. Sie führt uns vom Bahnhof und durch die Straßen der Stadt. Auf einmal bin ich nervös. Wie wird Gale reagieren, wenn er mich sieht? Wie wird Peeta reagieren? Hat Gale womöglich eine andere Frau kennengelernt? Doch viel Zeit zum Nachdenken bleibt mir nicht, denn bald bleibt Hazelle vor der Tür eines großen Hauses stehen. Peeta hebt fragend eine Augenbraue, und auch ich kann mir nicht vorstellen, dass ihnen nun so ein großes Haus gehört, doch das Rätsel löst sich schnell, als sie drinnen eine Treppe nach oben steigt und eine Wohnungstür öffnet. Ich werde noch nervöser, als ich eintrete. Es sieht alles so ungewohnt aus. Nicht mehr so, wie ich Gales Familie in Erinnerung habe. Die erste, die ich sehe, ist Posy. Sie sitzt am Küchentisch und macht wahrscheinlich Hausaufgaben. Sie hat sich nicht viel verändert, so viel ich sehen kann. Sie schaut auf, als hätte sie meinen Blick gespürt, dann legt sie ihren Stift beiseite und springt auf.
»Rory, Vick! Katniss und Peeta sind da!« Ihr helles Lachen lässt Peeta und mich lächeln, und nacheinander umarmt sie uns beide. Hazelle setzt unterdessen einen Tee auf, und auch die beiden Jungs kommen in die Küche. Bei Rorys Anblick muss ich schlucken. Er sieht genauso aus wie Gale. Und Vick, der jetzt vierzehn ist, auch. Er sieht so aus wie damals, als Gale und ich uns das erste Mal getroffen haben. Sie sind genauso ruhig wie er, ernst, pflichtbewusst wie er. Dennoch freuen sie sich, uns zu sehen. Alte Bekannte aus Distrikt 12.
»Gale müsste bald kommen. Ich habe ihn heute eingeladen«, sagt Hazelle und bietet uns Plätze im Wohnzimmer an. »Er wohnt nicht mehr hier«, setzt sie erklärend hinzu. Wenn das überhaupt möglich ist, steigt meine Nervosität noch weiter. Nur Peetas ruhige Augen, seine Hand, die meine umschließt, hindern mich daran, aufzuspringen. Ich wollte doch dieses Treffen. Wollte die ganzen Vorwürfe, die zwischen uns standen, aus dem Weg räumen. In diesem Moment geht die Tür auf. Ich merke, wie mein Herz zu rasen beginnt. Gale tritt ein. Unsere Blicke treffen sich, meine Hand umfasst Peetas wie ein Schraubstock. Ich weiß nicht, was ich sagen soll. Doch Gale schon.
»Hallo, Kätzchen.«
Die Spannung löst sich auf, meine verkrampfte Hand löst sich langsam. Er setzt sich mir gegenüber an den Tisch und begrüßt auch Peeta. Hazelle bringt Tee und bunte Kekse, auf die sich vor allem Posy stürzt. Ich rede mal wieder nicht, das hier ist nicht der Rahmen, in dem ich mit Gale sprechen möchte. Ich brauche Zeit mit ihm alleine. Doch erstmal werden wir von Hazelle und den drei Jüngeren über Distrikt 12 ausgefragt. Peeta erzählt, und nur, wenn er etwas wirklich Wichtiges vergisst, ergänze ich es. Auch Gale sagt nicht viel, er scheint genauso in Gedanken versunken zu sein wie ich. Irgendwann merkt Hazelle, dass wir beide ein wenig Zeit für uns brauchen, und schickt die Kinder weg. Peeta bittet sie, mit in die Küche zu kommen, um ihr ein paar Tipps für ein gutes Brot zu geben, sodass Gale und ich schließlich alleine zurückbleiben.
»Und, wie ist deine Stelle?«, frage ich nach langer Zeit.
»Gut«, antwortet er, »besser als im Bergwerk.« Wieder schweigen wir. Die Zeiten, in denen wir uns ohne Worte verstanden, sind endgültig vorbei.
»Katniss, es tut mir leid.« Ich schaue von meinen verschränkten Händen auf. »Ich wollte nicht, dass sie Prim töten. Ich wusste nicht, dass sie dabei sein würde.« Ich senke den Blick wieder. Versuche, die Wut, die in mir hochkommt, zu unterdrücken. Er hat sich doch entschuldigt! Aber damit hat er auch zugegeben, dass er die Bombe entwickelt hat. Eigentlich habe ich nie daran gezweifelt. Langsam hebe ich den Blick.
»Ich habe ein Buch gemacht, weißt du, in dem alle Menschen sind, die getötet wurden. Finnick. Boggs. Rue. Mags. Alle. Muss ich dich auch hinzufügen? Den alten Gale, der mein treuer Freund war?« Der keine unschuldigen Kinder getötet hat, füge ich gedanklich hinzu. Gale sieht mich kurz unschlüssig an, dann steht er auf. Ich befürchte schon, dass er weggeht, doch er kommt zu mir hinüber und setzt sich neben mich.
»Katniss, ich hatte keine Wahl.«
»Doch!« Ich spüre, wie die Wut wieder in mir aufsteigt. »Du hattest die Wahl, es mir zu sagen! Ich hätte sie retten können, Gale, ich hätte Prim retten können, wenn ich es gewusst hätte!« Jetzt schreie ich. Ich trommle wild mit den Fäusten auf ihn ein, und er versucht nicht einmal, mich davon abzuhalten. Bald habe ich mich wieder unter Kontrolle und lasse die Hände sinken.
»Du hast recht«, sagt er schlicht. Ich starre ihn an. Mehr nicht?
»Nichts weiter?«, frage ich. Er schüttelt den Kopf.
»Als ich die Bombe entwickelt habe, wusste ich, wozu sie eingesetzt würde. Ich kann mich nicht dafür entschuldigen. Und ich denke, ich habe das Richtige getan, das, was getan werden musste, um den Krieg zu gewinnen. Dass dabei Prim umkommt …« Eine Weile sitzen wir wieder stumm nebeneinander. »Das tut mir unendlich leid«, vollendete er schließlich seinen Satz. Langsam, ganz langsam bin ich bereit, ihm zu verzeihen. Natürlich wollte er Prim nicht töten, sie war für ihn auch wie eine kleine Schwester. Damals, beim Angriff auf Distrikt 13, hat er sie gerettet. Ich sehe ihn an, nicke zögerlich und umarme ihn dann. Wieder fühlt es sich an, als würde ich leichter werden, als Gale die Umarmung erwidert. Still, ganz still sind wir, etwas von dem Verständnis zwischen uns scheint wiedergekehrt zu sein.

Wir verbringen einige Tage bei den Hawthornes. Tagsüber arbeitet Gale, und ich streune durch die Stadt, manchmal mit Peeta, manchmal ohne ihn, wenn er Hazelle in der Küche beim Backen hilft. Abends kommt Gale und wir unterhalten uns, und mit jedem Tag verschwindet die Wut ein wenig mehr. Bis wir einander nach einer Woche wieder so nah sind, wie wir es unter diesen Umständen möglich ist.»Manchmal vermisse ich den Wald und die Jagd mit dir«, hat Gale mir gesagt, und mir geht es ganz genauso. Er wird uns besuchen, mit seiner Familie, die die alte Heimat sehen will, das hat er versprochen, wir haben, ganz ungewohnt, unsere Telefonnummern ausgetauscht, und so fällt mir der Abschied am Bahnhof etwas leichter. Lange habe ich ihn regelrecht gehasst, und jetzt ist er wieder ein guter Freund. Eine weitere Sache, die ich bereinigt habe.

Wieder bringt uns ein Zug durchs Land, und auch am Bahnhof von Distrikt 4 erwartet uns jemand. Meine Mutter. Jetzt erst, als die Leere in meinem Herz gefüllt wird, spüre ich, dass sie all die Jahre dort war. Für Wut auf meine Mutter ist jetzt kein Platz, so wie sie dort steht, den Zug erwartungsvoll anblickt, Hoffnung liegt in ihren Augen. Hoffnung, die einzige zu sehen, die von ihrer einst so glücklichen Familie übrig ist. Wie ich Peeta bewundere. Er begleitet mich, obwohl die Reise nur zu meiner Freude stattfindet. Niemand hier hat ihm so viel bedeutet wie mir meine Mutter und Gale, und trotzdem ist er für mich da, lächelt, führt die Gespräche, ist an meiner Seite.
Ich fliege meiner Mutter regelrecht entgegen, und ich sehe die Erleichterung in ihrem Gesicht die Erleichterung, dass ich sie nicht abweise. Wie könnte ich? Ein paar Minuten stehen wir da, halten einander fest, spenden Trost. Bis meine Mutter mich loslässt und stattdessen Peeta in die Arme schließt. Natürlich. Er hat so viel für mich getan, dass sie ihn einfach gernhaben muss. Sie erzählt, dass man sie zur Ärztin ausgebildet hat und sie in dem neuen Krankenhaus arbeitet. Sie besitzt eine geräumige Wohnung, in der wir ohne Probleme auch Platz finden. Und sie hat sich eine Woche für uns frei genommen. Bei ihr zu Hause hole ich das Hochzeitsfoto aus meiner Tasche. Einen Moment lang sieht sie es an, zu glücklich, um etwas zu sagen, dann nimmt sie es in die Hand und presst es kurz an ihre Brust.
»Danke, Katniss«, flüstert sie und umarmt mich erneut. »Aber behalte es, damit du uns nicht vergisst.« Sie hält mir das Foto wieder hin, doch ich weigere mich, es zu nehmen. Natürlich wird es mir fehlen, doch ich habe andere Dinge. Ich zeige ihr das Medaillon, das Peeta mir geschenkt hat, mit ihr und Prim und Gale.
»Ich habe euch immer bei mir, dich, Prim und Gale in Fotos, und Peeta, Peeta ist immer für mich da.« Er lächelt und küsst mich. Meine Mutter stellt das Foto, das ihr so viel bedeutet, auf ihren Nachttisch, dann bereiten wir gemeinsam ein Essen zu.

In den nächsten Tagen zeigt sie uns die Stadt, das Krankenhaus, alles, was hier neu gebaut wurde, und alles, was ihr etwas bedeutet. Und wir besuchen Annie mit ihrem dreijährigen Sohn, der mich nur aus Geschichten kennt und ein fröhlicher Junge ist. Da Finnick nicht mehr da ist, ist es nun Peeta, der sie mit ein paar sanften Worten in die Wirklichkeit zurückholt, aber diese Anfälle sind viel seltener geworden. Zu fünft genießen wir einen Tag in der Stadt, gehen in ein Café und erzählen einander von unserem Leben seit dem Krieg. Gemeinsam denken wir an glückliche Momente in Distrikt 13, Annie erzählt uns von ihren liebsten Erinnerungen an Finnick, und wir erzählen, wie wir nach und nach unser Leben und unseren Distrikt wieder aufgebaut haben. Doch irgendwann ist auch unsere Zeit hier verstrichen, meine Mutter muss wieder arbeiten. Ich verspreche, sie öfter anzurufen, und sie verspricht, uns irgendwann zu besuchen, genau wie Annie. Bald können wir ein richtiges Fest geben, bei den ganzen Besuchen, die uns erwarten. Aber ich bin froh. Ich bin das erste Mal seit Jahren wieder wirklich glücklich. Meine Alpträume sind seltener geworden, und langsam verlieren sie ihre Schrecken, immer, wenn ich einen weiteren Schatten meines Lebens erleuchte. Peeta gibt mir bei jedem der vielen Abschiede Halt und in seiner Hand, die meine umschließt, liegt das stille Versprechen, dass es keine Abschiede für immer sind. Und das ist unheimlich beruhigend.

Nun wartet nur noch Distrikt 3 auf uns, wir wollen einen kurzen Abstecher zu Beetee machen. Ob er uns auch erwartet? Irgendwie scheinen alle um uns herum zu wissen, was wir vorhaben, und den nächsten Abschnitt unserer Reise zu organisieren. Und wir werden nicht enttäuscht. Am Bahnhof von Distrikt 3 erwartet uns Beetee, wieder im Vollbesitz seiner Kräfte, und heißt uns herzlich willkommen. Bei ihm muss kein Schatten erleuchtet werden, ihn wollte ich einfach mal wieder sehen. Diesmal rede ich sogar ein wenig, auch wenn hauptsächlich Peeta das Gespräch führt. Beetee erzählt uns über seine Arbeit, über den Wiederaufbau von Distrikt 3 und über noch viele andere Dinge. Wir folgen ihm durch die Stadt, er zeigt uns alles, was neu gebaut wurde. Weil wir nicht viel von dem verstehen, was er tut, kommen wir irgendwann wieder auf unsere gemeinsame Vergangenheit zu sprechen. Aber wie ich auf meiner Reise schon bemerkt habe, kann es wahnsinnig heilsam sein, über all die Schatten zu sprechen. Und so reden wir und reden bis spät abends, über seine Spiele, über sein Leben danach, über Peetas und meine Spiele, über unsere gemeinsamen Spiele. Endlich erzähle ich von Cinna, wie er zusammengeschlagen wurde, endlich kann auch diese Wunde heilen. Ein Abend reicht nicht aus, um alle Wunden zu versorgen, und so bleiben wir noch länger bei ihm. Wenn er tagsüber arbeitet, gehen Peeta und ich durch die neue Stadt, saugen die Eindrücke in uns auf, sehen so viel mehr, als wir es auf der Tour der Sieger taten. Keine Friedenswächter, kein Zaun, glückliche Menschen.
»Es hat sich gelohnt, Katniss«, sagte Peeta einmal, »All das hat sich gelohnt. Wie viele Menschen auch gestorben sind, sie sind gestorben, damit all diese Leute hier leben können.« Und damit hat er mein Gewissen erleichtert. Sicher, schuldig bin ich noch immer, aber ich sehe, dass mein Handeln etwas Gutes hervorgebracht hat.Irgendwann verabschieden wir uns auch von Beetee. Auch seine Telefonnummer haben wir, und ich weiß, dass unsere Abende nicht mehr so lang und einsam sein werden. Wir haben Menschen in ganz Panem, mit denen wir sprechen können. Vielleicht wird auch er uns besuchen, von Distrikt 3 nach 12 ist es nicht besonders weit.
Als wir abends an unserem Bahnsteig ankommen, erwartet uns Haymitch. Es sieht so aus, als würde er sich freuen, dass wir wiederkommen.
»War ganz schön einsam ohne euch«, sagt er und schließt uns kurz in die Arme. Peeta zieht eine Flasche Schnaps, die wir in Distrikt 4 gekauft haben, aus der Tasche und gibt sie ihm. Es ist anderer Schnaps als den, den wir hier haben, aber ich bezweifle, dass Haymitch den Unterschied wirklich schmeckt, wenn er wieder betrunken ist. Dennoch bedankt er sich beinahe überschwänglich. Gemeinsam gehen wir ins Dorf der Sieger. Peeta und ich entschließen uns, Haymitch zum Abendessen einzuladen, und es wird regelrecht lustig, als wir zusammensitzen, von unserer Reise erzählen und ein Brot aus Distrikt 3 verspeisen. Und Haymitch fängt an, seinen Schnaps zu leeren. Bevor er uns zusammenklappt, bringen wir ihn in sein Haus. Als wir schließlich zu meinem Zimmer gehen, spüre ich, dass das Haus nicht mehr droht, mich zu ersticken. Dass die Erinnerungen, die mit ihm verbunden sind, sich mit Licht gefüllt haben. Dass mein Herz leichter geworden ist. Dass ich Hoffnung geschöpft habe.
Als wir spät abends im Bett liegen und Peeta mich festhält, sage ich: »Danke. Danke, dass du bei mir bist.« Er lächelt.
»Immer.«

***

Liebe Leser, ich hoffe, euch hat dieser Oneshot gefallen. Ich habe mich immer gefragt, wie Katniss diese schweren Verluste verarbeitet, wo sie doch nie die Gelegenheit hatte, sich richtig zu verabschieden. Als ich dann zwischen Montag und Freitag die vier Bücher nochmal gelesen hatte, kam die Idee zu diesem Oneshot. Ich ertrage den Gedanken einfach nicht, dass sie sich für immer von Gale entfernt hat und dass ihr ihre Mutter nicht am Herzen liegt. Ich habe daher beschlossen, sie gemeinsam mit Peeta auf diese Reise zu schicken, um ihr den Abschied zu ermöglichen, der ihr in »Flammender Zorn« verwehrt wurde. Ich hoffe, euch gefallen meine Gedanken. Über Feedback würde ich mich sehr freuen!

Liebe Grüße
Annaeru
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