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12% eines Genies - Pepper Potts

von Hirnwanze
GeschichteFreundschaft, Liebesgeschichte / P16 / Het
Hogan Happy James "Rhodey" Rhodes Jarvis Natalie Romanoff / Black Widow Tony Stark / Iron Man Virginia "Pepper" Potts
01.08.2020
10.10.2021
79
157.217
9
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Dieses Kapitel
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12.09.2021 2.259
 
Es war fast acht Uhr, als sie die Tür zu ihrer Wohnung schließlich aufstieß, sich aus ihren Schuhen quälte, ihre feuchte Wollmütze auf das Regal schmiss und ihren Anorak an der Wand aufhing.
Jetzt nur noch auf Socken, warf sie einen Blick in die Küche, überprüfte dann das Wohnzimmer und entschloss sich dann einfach JARVIS zu fragen, ob Tony zufällig da war (was nicht der Fall war).

Mittlerweile versuchte sie gar nicht mehr den Überblick über seine Tage zu behalten.
Hin und wieder gab sie ihm Aufgaben für Stark Industries, aber ob er diese noch am selben Tag oder erst in ein paar Wochen erledigte, war nie klar.
An manchen Tagen bekam sie ihn kaum aus der Werkstatt raus, an anderen setzte er keinen Fuß hinein.

Vor ein paar Wochen hatte er einen weiteren Auftrag für S.H.I.E.L.D. abgeschlossen, als er irgendwie die Helicarrier verbessert hatte.
Er hatte es ihr weitschweifig erklärt, präsentiert und mit Bildern verdeutlicht und trotzdem hatte sie keinen blassen Schimmer was er wie gemacht hatte.
Der Endeffekt war aber wohl, dass die fliegenden Plattformen von S.H.I.E.L.D. jetzt anscheinend Ewigkeiten in der Luft blieben.

Wo er heute war, oder was er heute getan hatte, da konnte sie nur raten.
Dadurch, dass Tony oft am Abend vorher noch nicht wusste, was er am nächsten Tag tun würde und sie die frühen Morgenstunden nicht zusammenverbrachten („die Uhrzeiten, zu denen du aufstehst sind unmenschlich, Pep"), erfuhr sie immer erst im Nachhinein, was er so getrieben hatte.

Mit Blick auf die Uhr, beschloss sie, sich umzuziehen und saß so 30 Minuten später in einem gemütlichen Pulli und in Jeans auf der Couch und ging die Statistiken der Personalabteilung durch.
Es war ein überaus matschiger und regnerischer Dezember bis jetzt.
Heute war die Luft so feucht gewesen, dass es ebenso gut hätte regnen können und Nebel hatte über der Stadt gelegen, während aus allen Ecken schrille Weihnachtsmusik ertönt war.
Sie persönlich würde nie verstehen, warum Menschen ab dem ersten Dezember den starken Drang verspürten, als ihren Klingelton Jingle Bells zu nutzen, beim Radio anzurufen, nur damit ‚Last christmas' gespielt wird (was sowieso schon rauf und runter läuft) und zu jeder denkbaren Gelegenheit die großen Weihnachts-Klassiker zu summen.

Ihr eigener Klingelton (noch immer der Standart-Klingelton ihres Handys) riss sie mitten aus einer Statistik über Urlaubstage.
„Virginia Potts am Apparat.“
„Weißt du, wie erschreckend es ist, dass gewisse Leute tatsächlich seit fast vier Jahren mit einem technischen Genie zusammen sind, es aber immer noch nicht schaffen, auf dem Bildschirm ihres mobilen Endgerätes abzulesen, wer anruft?“
Sie rollte mit den Augen.
„Hi, Tony"
„Gibt’s ja nicht! Sie hat erkannt, wer am Telefon ist! Ein Wunder!“
„Ich stecke bis zum Hals in Unterlagen der Personalabteilung und habe ganz einfach nicht auf das Display geschaut...“
„Du weißt, dass es mich auf einem ähnlichen Level schockiert, dass du deinen Feierabend damit zubringst, dir Zeug von der Personalabteilung anzuschauen?“
„Was willst du, Stark?“
Sie hatte noch nicht voll beschlossen, ob sie genervt von ihm war, oder den Schlagaustausch genoss.
„Deine liebliche Stimme hören.“, säuselte er auf der anderen Seite der Leitung in den Hörer.
„Dummerweise beruht das nicht auf Gegenseitigkeit, denn wenn ich zwischen einem Gespräch mit dir und den vielseitigen Berichten über die krankheitsbedingten Ausfälle des letzten Jahres wählen muss…“, sie ließ ihre Aussage grinsend in der Luft hängen.
„Meine Freundin, meine Damen und Herren. Meine Freundin.“
„Oh, du hast Publikum?“, schoss sie ironisch zurück.
„Wir reden von mir. Wann habe ich kein Publikum, ist doch die Frage. Ich bin dafür geboren, dass mir andere Leute zuhören, mir nacheifern, mich be-"
„Und wo sind du und deine Fans gerade? Denn wenn du es nicht innerhalb der nächsten dreißig Minuten nach Hause schaffst, würde ich ohne dich essen.“
„Tja, lustig, dass fragst.“, seine Stimme war zu einem unnatürlich freudenvollen Ton hochgestiegen.
Ihr schwante übles.
„Wieso?“
„Zwei kurze Zwischenfragen, bevor wir zu der Antwort deiner Frage kommen. Erste Frage: wenn du mit etwas oder jemandem Mitleid hättest, würdest du das doch sicherlich in Nettigkeiten Ausdrücken, wärst super fürsorglich und so weiter, richtig?“
Misstrauisch kniff sie die Augen zusammen.
„Ja… so würde ich Mitleid normalerweise ausdrücken.“
„Perfekt!“, sein Ton war immer noch unnatürlich hoch, „zweite Frage: auf einer Skala von eins bis zehn, wie viel Mitleid würdest du, rein theoretisch, für jemanden empfinden, der, sagen wir mal, sein Schienbein an zwei Stellen gebrochen hat, drei angebrochene Rippen sein eigen nennen kann und just in diesen Moment mit einer schweren Gehirnerschütterung zu kämpfen hat.“
Sie zwang sich drei tiefe Atemzüge zu nehmen.
„Hast du mir gerade beiläufig mitgeteilt, dass dein verdammtes Schienbein zwei Mal gebrochen ist?“, sie versuchte ihre Beherrschung nicht zu verlieren.
„Ich finde es nicht gut, wie du meine Rippen und die Gehirnerschütterung einfach unter den Tisch fallen lässt! Ich hänge sehr an meinem Gehirn!“
„Was zum Teufel ist passiert? Geht es dir einigermaßen gut??“
„Sie fragt, ob es mir gut geht… Mein armes Gehirn hat eine Gehirnerschütterung erleiden müssen und eine Treppe hat mein Ego verletzt und sie fragt ob es mir gut geht…“
Er sprach mit dem erforderlichen Mindestmaß an Melodramatik, um ihr zu signalisieren, dass es ihm wohl gut genug ging.
„Wo bist du?“
„Lenox Hill Hospital. Ich gebe 3 ½ von 5 Sternen-"
„Ok. Ist irgendwer bei dir, der dein Verantwortungsbewusstsein spielt?“
Bitte sag Rhodey. Bitte sag Rhodey. Bitte sag Rhodey.
Der Soldat arbeitete im Moment eng mit S.H.I.E.L.D. zusammen und war so im Moment in der Stadt.
„Rhodey ist hier, aber ehrlich gesagt muss ich ihn ständig davon abhalten etwas dummes zu tun! Vor 2 Stunden hat er doch tatsächlich vorgeschlagen, dass ich mich selbst auschecke und durch die Hintertür verschwinde… konnte ihn zum Glück davon überzeugen, wie unverantwortlich das wäre!“
Sie hörte ein Schnauben im Hintergrund und sie atmete erleichtert auf.
„Ich bin auf dem Weg, Tony. Ich- gib mir ne halbe Stunde.“
„Ich laufe garantiert nicht weg.“, kam es trocken zurück, bevor die Leitung starb.

Sie kam mit Happy im Schlepptau in Rekordzeit beim Krankenhaus an und stellte erleichtert fest, dass das Gebäude noch nicht von Paparazzi belagert wurde.
Gemeinsam eilten sie durch sie grell beleuchteten Flure, zwei Treppen rauf und an einem großen Warteraum vorbei, der voll besetzt war.
Das erste was sie tat, als sie das Zimmer betrat, war Rhodey kurz zu umarmen und ihm zu danken, während ihr Blick die Person im Bett über die Schulter des Soldaten hinweg fixierte.

Sein Gesicht war geschwollen, sein Kopf mit einer Bandage umwickelt und sein eines Bein hing in einer Schiene.

Er versuchte sich an seinem üblichen Grinsen, als sie sich von Rhodey gelöst hatte.
„Kaum sieht man nicht mehr präsentabel aus, schmeißen sie sich dem besten Freund um den Hals…“
Sie schüttelte leicht den Kopf, ein Lächeln umspielte ihre Mundwinkel, dann trat sie auf das Bett zu, ließ ihre Fingerspitzen federleicht über sein Gesicht streichen, bevor sie sich auf den anderen Besucherstuhl setzte und die von Tonys Händen ergriff, an die die Infusion nicht angeschlossen war.
Sie spürte, wie er ihre Hand leicht drückte und sie begann wie von selbst mit ihrem Daumen Kreise auf seine Hand zu zeichnen.
„Was ist passiert?“
Anders als erwartet, übernahm Rhodey das Reden.
„Wir hatten dieses pompöse Treffen mit S.H.I.E.L.D. in denen ihrem neuen Gebäude. Hab Tones heute Morgen davon überzeugt es endlich hinter sich zu bringen und ihm angeboten, dass wir unsere Termine dort zusammenlegen könnten. Es verlief nicht wirklich nach Plan. Wir sind noch essen gegangen und schließlich waren wir draußen und dann hat er sein ‚erst-sprinte-ich-praktisch-voraus-nur-um-mich-dann-umzudrehen-und-dann-beim-rückwärts-gehen-weiterzudiskustieren-Ding' gemacht. Ein Auto hat ihn voll erwischt und ihn ne Treppe heruntergeschleudert.“
Happy schaute vielleicht noch grimmiger als ohnehin schon und murmelte etwas wie ‚den kann man auch keine Sekunde aus den Augen lassen'.
Sie fuhr sich mit ihrer freien Hand über die Stirn und konnte Happy insgeheim nur zustimmen.
„Gebt ihr uns einen Moment, Leute?“
Rhodey nickte stumm.
„Wir warten vor der Tür. Wenn irgendwas ist, ruft einfach. Wir sind nicht weit!“
Ohne hinzuschauen, wusste sie, dass Tony die Augen verdrehte und versuchte zu grinsen.
Sie nickte Happy lediglich dankbar zu.
Ein letzter besorgter Blick, dann hatten sie das Zimmer für sich.

Eine kurze Weile blieb es still.
„Warum hast du mich nicht angerufen? Warum hat mich niemand angerufen? Es klingt, als wärst du schon eine ganze Weile hier!“
Sie versuchte nicht vorwurfsvoll zu klingen.
„Ganz genau genommen, war ich zuerst in nem anderen Krankenhaus. S.H.I.E.L.D. hat auf wundersame Weise sofort Wind bekommen und mich in nem Krankenwagen total anonym hier hin geschmuggelt. Wollten wohl nicht, dass jeder erfährt, dass ihre beste Abschreckung momentan plötzlich nicht mehr der intelligente und atemberaubende Iron Man ist, sondern ein 100 – Jähriger mit ner Frisbee.“
Sie versuchte nicht zu Lächeln.
„Und zu meiner ersten und zweiten Frage?“
Er wich ihrem Blick aus.
„Ich- ich kenne dich. Ich hatte einen kleinen Eingriff und hab den Gips bekommen und musste durch dutzende Röntgenaufnahmen und wenn du hier gewesen wärst, hätte dich die Nervosität und die Tatsache, dass du nichts tun könntest, von Innen zerfressen. Wahrscheinlich hättest du Gräben in den Boden des Wartezimmers gelaufen.“
Sie schluckte.
„Was wenn was passiert wäre? Wie hättest du dich gefühlt, wärst du andersherum dann nicht an meiner Seite gewesen?“
Seine braunen Augen suchten ihre.
„Mein Leben war, seit der erste Sanitäter eingetroffen war, nie mehr in Gefahr. Ich wollte deinen Tag nur nicht früher ruinieren als unbedingt notwendig.“
Sie schüttelte traurig lächelnd den Kopf.
„Tony… du hast einen Autounfall überlebt! Wie könnte das meinen Tag ruinieren??“
Sie lehnte sich vor und drückte ihm einen Kuss auf die Stirn.
Ihr wurde erst bewusst, dass sie weinte, als er eine Träne mit seinem Daumen wegwischte.
„Siehst du, hätte ich dich früher angerufen, hätte ich dafür gesorgt, dass du dich fünf weitere Stunden deines Lebens sorgst.“
„Das nächste Mal rufst du mich an!“
„Das nächste Mal schaue ich beim gehen nach vorne.“, erwiderte er trocken.
„Okay, ich formuliere es anders: solltest du dich das nächste Mal verletzten, egal wie, rufst du mich sofort an!“
„Mhmm."
Sie kniff die Augen leicht zusammen.
„Ist das ein ‚Ja'?“
„Mhmm.“
„Du rufst mich also an, verstanden?“
„Verstanden.“, er versuchte sich an einem unschuldigen Grinsen.

„Wie geht es jetzt weiter?“
„Du meinst, abgesehen davon, dass der Traum eines jeden kleinen Mädchen für dich wahr wird und du fantastischer Weise auf meinem Gips unterschreiben darfst?“
Ihre Augen verdrehten sich praktisch von allein.
„Ja, abgesehen davon.“
Er zuckte mit einer Schulter und an der Art, wie er sein Gesicht verzog, wurde deutlich, dass das mit gebrochenen Rippen wohl nicht die angenehmste Sache war, die man tun konnte.
„Die Rippen brauchen wohl ungefähr 12  Wochen, das Schienbein wird wohl ein klitzekleines bisschen aufwändiger.“
Sie zog die Augenbrauen hoch.
„Ne ganze, ganze Weile liegen, dabei immer wieder ne nette Thrombose-Spritze hier und da, dann Krücken, der Doc meint bis zu sechs Monaten.“
„Okay.“
„Okay? Mehr hast du dazu nicht zu sagen?“
Sie blies die Wangen auf.
„Keine Frage es wird eine lange Zeit, aber… du wirst wieder ganz gesund. Das ist alles was zählt, oder?“

Die nächsten Tage über vergingen wie im Flug.
Happy stellte praktisch mit einem Fingerschipsen rund um das Krankenhaus ein sehr ansehnliches Sicherheitsteam auf die Beine und sie wusste, dass Hap sie persönlich eingewiesen hatte, als die jeweiligen Beamten oder Beamtinnen im Dienst wirklich jedes Mal ihren Ausweis kontrollierten.
Morgens warteten Berge der Arbeit auf sie, da sie jetzt nicht nur ihre Agenda abarbeiten musste, sondern auch Tonys (zum Glück hatte auf der sowieso nie viel gestanden), zusätzlich zu dem plötzlich riesigen Medieninteresse.

Wie es zu erwarten gewesen war, war Tony selbst ein fruchtbarer Patient.
Der einzige Grund warum er noch nichts völlig desaströses für seine Heilung getan hatte, war der, dass ihn die Beinschiene praktisch ans Bett fesselte (durch seine gebrochenen Rippen konnte er sich auch kaum aufrichten, um sie zu entfernen).

Die Abende verbrachte sie komplett bei Tony, bestaunte in der Klatschpresse und in den sozialen Medien jeden Tag dutzende Schnappschüsse von ihr selbst, wie sie das Krankenhaus betrat und verließ (kaum zu glauben, wie interessant das anscheinend war) und hörte sich Beschwerden an.
Hauptsächlich von Tony, ein paar auch vorsichtig formuliert über Tony.
Dank seiner Gehirnerschütterung war ihm praktisch alles verboten, was mit seinen Augen zu tun hatte (Tony scherzte, dass sie es ihm ab demnächst verbieten würden, sie überhaupt zu öffnen) und so verbrachten sie die Abende damit gemeinsam zu essen (sie fand das Essen erstaunlich gut) und jedes Spiel zu spielen, dass nichts mit sehen zu tun hatte (mit anderen Worten sie wurde mindestens einmal pro Besuch in ‚ich-packe-meinen-Koffer‘ abgezogen).

Die Tage vergingen, Weihnachten rückte näher und New York erlebte seinen ersten kurzen Schneefall.
Am 17. Dezember erlaubte ihr ein sehr erschöpfter Arzt, mit allem Mitleid, das er aufbringen konnte, dass sie Tony am Nachmittag mitnehmen könnte.
Sie bekam eine halbstündige Einweisung, was sie zu beachten hatte, zweifelsohne der Tatsache geschuldet, dass niemand damit rechnete, dass Tony bei seiner eigenen zugehört hatte oder sie vorhatte zu beherzigen.

Als sie diesen Abend neben ihm ins Bett fiel, hatte sie das Gefühl eine Unendlichkeit schlafen zu können.
Müde verschlang sie ihre Hände mit seinen, spürte wie er begann die Linien ihrer Handfläche nachzufahren und triftete immer weiter hinab in die Welt der Träume.
Es war schön, ihn wieder neben sich zu haben.
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