I'm only human oder Polizisten sind auch nur Menschen

von oakley
OneshotFreundschaft / P12
01.08.2020
04.09.2020
5
19.520
4
Alle Kapitel
9 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
 
01.08.2020 3.487
 
Hallo, hier also die erste Geschichte. Ich hoffe, sie gefällt euch. Viel Spaß beim Lesen und Kommentieren.


°Ein einschneidendes Erlebnis°
(Stephan Sindera)


Hätte man Stephan Sindera gefragt, welche Dinge ihm im Leben die Wichtigsten sind, hätte er nicht lange über eine Antwort nachdenken müssen - seine Familie, seine Arbeit, seine Freunde und Kochen.
Ein kleines Lächeln stahl sich auf das Gesicht des jungen Polizisten. Er hatte das große Glück gehabt unter seinen Kollegen eben diese besten Freunde zu finden und heute Abend würden drei von ihnen - Paul Richter, Florian Winter und Marc Westerhoven - bei ihm zu Gast sein.
Sie würden gemeinsam essen, das ein oder andere Bierchen trinken und später, wenn die tiefschürfenden Gesprächsthemen über Frauen und der Sinn des Lebens im Allgemeinen ausgeschöpft waren, würden die Spielkarten wie von Zauberhand auf dem Wohnzimmertisch landen und in null Komma nichts wäre die Pokerrunde im Gange.
Stephan freute sich auf den Abend.
Er betrat den kleinen Supermarkt und ging in Gedanken seine Einkaufsliste durch. Er hatte seinen Kumpels die beste Pizza der Welt versprochen und so landeten neben mehreren Sixpacks Bier auch Tomaten, Basilikum und Mozzarella in seinem Einkaufswagen. An der Wursttheke begutachtete er skeptisch die dargebotene Auslage.
"Kann ich Ihnen helfen?" ,riss ihn die Frage aus seinen Gedanken. Er schaute auf und blickte in das lächelnde Gesicht einer Verkäuferin.
"Ich hoffe doch sehr", erwiderte er nicht weniger charmant, "ich möchte Pizza machen und brauche eine intensiv schmeckende, würzige Salami", brachte Stephan sein Anliegen auf den Punkt.
Anerkennend hob die Frau die Augenbraue. "Das hört man auch nicht alle Tage."
"Was?", hakte Stephan neugierig nach. Innerlich kritisierte er sich für diese Frage, aber sein Beruf als Polizist hatte ihn gelehrt, immer auch den Hintergrund einer Aussage zu betrachten. 'Gott, das war doch keine Aussage.' Er schüttelte kaum merklich den Kopf.
"Das jemand sich die Mühe macht Pizza selbst zuzubereiten. Bei dem Angebot an Tiefkühlware", befreite ihn die Verkäuferin aus seinem Dilemma.
Er lächelte die Frau offen an. "Ich muss gestehen, das ist auch eher eine Ausnahme", gab der Polizist kleinlaut zu, "aber ich will jemanden beeindrucken und.."
"Eine Frau", fiel ihm die Verkäuferin ins Wort. Eine leichte Röte malte sich auf ihre Wangen, "wie romantisch."
"Nicht ganz" Stephan legte leicht den Kopf zur Seite und räusperte sich etwas unbehaglich, "was können sie mir denn empfehlen?", lenkte er das Gespräch in andere Bahnen.
Nachdem Stephan vier verschiedene Salamisorten getestet und alle als äußerst lecker bewertet hatte, entschied er sich schließlich für eine Knoblauchsalami.
"Wie viel soll es den sein?", fragte die Verkäuferin nach, "ich schneide sie Ihnen schön dünn."
"Nein, nein", warf Stephan ein, "geben sie mir ein ganzes Stück, ich schneide die Wurst zu Hause selber."
Ein skeptischer Ausdruck legte sich auf das Gesicht der Verkäuferin. "Sind Sie sicher? Die Salami ist ziemlich fest, die kriegen Sie niemals so dünn geschnitten."
"Lassen Sie das mal mein Problem sein." Der Polizist lächelte zuversichtlich "Ich habe ein ganz fantastisches Messer zu Hause."
"Na, wenn sie meinen." Ganz überzeugt war die Frau nicht, aber es gehörte schließlich nicht zu ihren Aufgaben mit den Kunden zu diskutieren und überhaupt, der Kunde war König. Sie schnitt das gewünschte Stück der Salami ab, wog es aus, verpackte es und reichte es schließlich über die Theke.
"Dann viel Erfolg", wünschte sie ihm noch und wandte sich dem nächsten Kunden zu.
"Den werde ich haben", beteuerte Stephan zuversichtlich und nickte der Frau zum Abschied nochmals kurz zu.
Gut gelaunt verließ er den Supermarkt und erreichte nur wenige Minuten später sein Zuhause.

Schon am Morgen, noch vor Dienstbeginn, hatte er seine Wohnung aufgeräumt und Besucher-tauglich hergerichtet.
In dem sicheren Wissen, dass er später nur noch kurz Lüften musste, wandte er sich zielstrebig Richtung Küche.
Ein kurzer Blick auf die Wanduhr zeigte ihm, dass er noch gut drei Stunden Zeit hatte, bevor seine Freunde vor seiner Tür würden. Höchste Zeit den Pizzateig zuzubereiten.
Routiniert mischte der junge Mann Mehl und Salz in einer großen Schüssel, formte eine Mulde in dem Gemisch, bröselte die frische Hefe hinein, fügte eine Prise Zucker hinzu und rührte die Hefe mit warmem Wasser glatt. Gut gelaunt deckte er den Vorteig ab und stellte ihn ans Fenster. Um diese Zeit schien die Sonne genau durch das Küchenfenster und sorgte für genügend Wärme, um den Teig gut gehen zu lassen.
'Danke für den wolkenlosen Tag', schickte er leise gen Himmel in dem festen Glauben an eine höhere Macht, die ihm offensichtlich gnädig gestimmt war. Ein zuversichtlicher Ausdruck zeigte sich auf seinem Gesicht. Die Pizza würde sein Meisterstück werden.
Zufrieden lächelnd widmete er sich der Tomatensoße. Er häutete die Tomaten, viertelte sie, gab sie in einen Topf und fügte Tomatenmark, Gewürze und Kräuter hinzu.
Er stellte den Topf auf den Herd und schaltete ihn an.
Nach nur wenigen Minuten schwebte ein leises Brutzeln, wie eine Melodie durch den Raum. 'Kocharie', schoss es Stephan durch den Kopf. Er rührte die Soße kurz um, inhalierte den aufsteigenden Duft von Oregano und Basilikum und schwelgte für einen Moment in den Erinnerungen, die dieser Duft in ihm wachrief.
Schnappschüsse aus seiner Kindheit, Bilder seiner Mutter, eine leidenschaftliche Köchin, immer gut gelaunt und immer eine Melodie auf den Lippen, während sie kochte, malten sich vor seinem inneren Auge ab.
"La Donna mobile, qual piuma al vento", kam ihm lächelnd über die Lippen. Schmunzelnd schüttelte er den Kopf. Er hatte die Leidenschaft und das Können seiner Mutter fürs Kochen geerbt, die Musikalität allerdings war ein anderes Thema. Stephan grinste vor sich hin und ließ seinen Gesang in ein leises Summen verebben.
In Gedanken hakte er seine To-do-Liste ab, Pizzateig so gut, wie fertig, Tomatensoße, er warf einen prüfenden Blick in den Kochtopf und nickte zufrieden und stellte den Herd aus, fertig.
Endlich konnte er sich der Aufgabe widmen, die er heimlich zum Höhepunkt des Abends erklärt hatte, das Schneiden der Salami in hauchdünne Scheiben.
Voller Vorfreude, aufgeregt wie ein Kind am Heiligen Abend, zog er die Besteckschublade auf. In einem separaten Fach, eingewickelt in einem weißen Leinentuch lag seine Wunderwaffe, ein japanisches Schneidemesser, geschmiedet aus Kamo Shiron Damast mit einer harten Kernlage aus Karbonstahl.
"Die beispiellose Schärfe dieses Messers garantiert Ihnen die höchste Präzision beim Schneiden", hatte der Verkäufer das Messer angepriesen. Stephans Blick war auf dem Preisschild gelandet und die schier abstruse Zahl, die dort stand, hatte ihm, für einen Moment, den Atem stocken lassen. Er wollte doch nur ein Messer kaufen, nicht die ganze Messerfabrik. "Ich sehe, Sie zögern", hatte der Verkäufer Stephans Körpersprache analysiert, "und ich verstehe das", wie zufällig hatte er das Messer in die Hand des Polizisten gelegt. Stephans Finger hatten sich um das Heft des Messers geschlossen, fast schon zärtlich hatten seine Fingerkuppen das Holz berührt. Der Polizist hatte in Ehrfurcht den Atem angehalten, so etwas Perfektes hatte er noch nie in Händen gehalten.
"Das ist karelische Maserbirke", hatte der Verkäufer erklärt, "so glatt wie der Stahl der Klinge selbst." Ein breites Grinsen hatte sich auf dem Gesicht des Mannes gezeigt, er wusste, wann er gewonnen hatte.
Zehn Minuten später hatte Stephan den Laden mit einem neuen Messer und einer immens hohen Kreditkartenabbuchung verlassen.
Andächtig schlug Stephan das Tuch zurück, der Damast lag jungfräulich vor ihm. Er griff das Messer, wiegte es gekonnt in der Hand. 'Perfekt ausbalanciert', erinnerte er sich an eines der Kaufargumente.
"Dann wollen wir mal." Der Polizist platzierte ein Schneidebrett vor sich auf der Arbeitsplatte und legte sein Messer darauf ab. Gedankenverloren zog er die Salami aus seinem Einkaufskorb, wickelte sie aus dem Papier und legte sie neben das Messer auf das Brett.
Eine gewisse Nervosität nahm von dem jungen Mann Besitz. Das war es also, der Augenblick, auf den er schon seit Tagen gewartet hatte. Stephan atmete tief durch, schloss für einen Moment die Augen, stellte sich vor, wie er das Messer in perfekter Synchronität führte und makellose Salamischeiben herunterschnitt.
Er konnte ein leichtes Zittern seiner Hand nicht unterdrücken. Stephan hielt den Atem an, hob das Messer an, setzte es an und drückte es nach unten. Die Klinge glitt durch die Wurst, wie durch Butter. Die erste Scheibeneigte sich auf das Brett, noch etwas zu dick, doch mit jedem Schnitt wurde Stephan mutiger, führte er das Messer schneller und näher an seine Finger heran und schon nach wenigen Versuchen waren die Wurstscheiben so dünn, dass man im wahrsten Sinne des Wortes die Zeitung durch sie lesen konnte.
In Stephans Augen hatte sich die Investition mehr als gelohnt, eindeutig war dieses Messer einen Toast wert.
"Einen Toast", stieß er aus. Sein Blick huschte zu seinem Einkaufskorb. "Scheiße", fluchte er lautstark, er hatte vergessen, das Bier in den Kühlschrank zu stellen. Er war kaum anzunehmen, dass seine Freunde ihm diesen Fauxpas verzeihen würden. Sie würden eine dünn geschnittene Wurst niemals höher würdigen als kaltes Bier.
Er schüttelte ungläubig den Kopf und für eine fatale Sekunde verlor er seine Konzentration, die Messerklinge rutschte ab und fand ihr neues Ziel in seiner Handfläche. Ein brennender Schmerz durchzuckte ihn. Stephan keuchte auf. Das Messer entglitt seiner Hand und fiel scheppernd zu Boden.
Sein Blick wanderte zu seiner verletzten Hand. Er runzelte die Stirn. Er sah nur noch Blut, seine Handfläche glich einem roten See. Stephan schluckte schwer, dunkle Punkte begannen vor seinen Augen zu tanzen. Er atmete stoßartig aus. Er konnte kein Blut sehen, zumindest nicht sein eigenes. Der Polizist taumelte einige Schritte zurück. "Ruhig atmen, tief durchatmen", versuchte er sich zu beruhigen, "du musst die Blutung stoppen", sagte er sich die nächste Aktion vor. Er drückte die Hand fest gegen seine Brust. Der Baumwollstoff seines T-Shirts sog das Blut auf, wie ein Schwamm. Innerhalb Sekunden zeichnete sich ein skurriles rotes Muster auf dem Stoff. Zischend stieß er seinen Atem aus. Seine Hand brannte wie Feuer und gleichzeitig machte sich ein Taubheitsgefühl in seinen Fingern bemerkbar. "Verdammt, verdammt." Sein Kopf wirbelte panisch herum. Er musste etwas auf die Wunde drücken, ein Küchentuch, eine Serviette, irgendetwas. Seine Sicht wurde unscharf, verschwommene Bilder seiner Umgebung tanzten vor seinen Augen. Alles drehte sich, nein er drehte sich. Seine Beine gaben unter ihm nach und Stephan stürzte zu Boden.
Er stöhnte leise auf, so was passierte doch nur im Film, niemals im echten Leben und bestimmt nicht ihm. Schließlich war er Polizist, ausgebildet um zu retten und zu helfen, und jetzt lag er hilflos auf seinem Küchenboden, seine Hand blutete, sein Körper weigerte sich ihm zu gehorchen und sein Kopf glich einem wüsten Ödland. Was sollte er nur tun?
Eine kriechende Dunkelheit bahnte sich ihren Weg durch seinen Körper, legte sich um seine Gedanken. Er schloss seine Augen, ließ sich fallen in den schwarzen Samt der Finsternis, der alles verschluckte, keine Schmerzen mehr, keine quälenden Gedanken, nur noch Stille.
°°°

"Hhm, seltsam", überlegte Paul Richter und drückte zum wiederholten Mal auf die Türklingel. Flüchtig blickte er auf seine Armbanduhr, okay, er war ein paar Minuten zu früh, aber wo sollte Stephan jetzt noch sein? Wollte er nicht für sie kochen. Ein wissendes Lächeln zog an seinen Lippen. 'Hat wohl nicht so geklappt' , schoss es ihm durch den Kopf. Wenn Stephan gleich mit McDonald's Tüten um die Ecke biegen würde, wüsste er Bescheid. Amüsiert schüttelte er den Kopf und lehnte sich gegen die Haustür des Mehrfamilienhauses.
"Das ist aber nett, dass du auf uns wartest", hörte er nach wenigen Minuten die lachende Stimmen seiner Freunde Florian Winter und Marc Westerhoven.
"Wenn ihr meint", erwiderte der dunkelhaarige Polizist und stieß sich von der Tür ab. "Auch wenn ich mich freue, euch zu sehen, wäre mir Stephan etwas lieber."
"Wie Stephan wäre dir lieber" Marc runzelte die Stirn.
"Tja, unser Gastgeber ist nicht da oder macht nicht auf", erklärte Paul knapp.
"Das ist aber komisch", mischte sich Florian an und drängelte sich an Paul vorbei an die Klingelleiste. "Schauen wir mal." Breit grinsend drückte er die entsprechende Klingel.
"Meinst du, das hätte ich nicht schon probiert?" Paul schüttelte den Kopf.
"Weiß man's"
Paul stieß den Atem aus. "Echt jetzt."
"Immer ruhig, Jungs", mischte sich Marc beschwichtigend an. Er zog sein Smartphone aus der Jackentasche, scrollte durch die Kontaktliste zu der gesuchten Nummer und wählte.
"Es klingelt", kommentierte er und hob gespannt die Augenbraue. Doch schon kurze Zeit später verwandelte sich sein Gesichtsausdruck in Skepsis und schließlich in Unbehagen. "Mailbox", berichtete er. Eine Sorgenfalte grub sich in seine Stirn. "Das passt doch gar nicht zu Stephan, er wusste doch, dass wir kommen ..."
"Ja sag ich doch", maulte Paul. "Irgendwas stimmt nicht." Erneut drückte er den Klingelknopf. "Stephan", rief er in einem blanken Akt der Verzweiflung in die Gegensprechanlage.
Florian schüttelte den Kopf. "So wird das Nichts." Rabiat schob er seinen Kollegen und Freund zur Seite. "Lass mich mal." Mit der flachen Hand schlug Florian gegen die Klingelleiste. "Irgendeiner wird schon aufmachen."
Wie auf Kommando ertönten mehrere aufgebrachte Stimmen aus der Gegensprechanlage. "Wer ist da? Was soll das? Was für ein Scheiß!", vermischten sich die Stimme zu einer einzigen Anklage.
"Polizei", konterte Florian den Ansturm, "machen Sie die Tür auf." In selben Augenblick ertönte ein lautes Summen.
Paul schmiss sich gegen die Haustür, diese flog nach innen auf und schlug laut krachend gegen die Flurwand. Das unangenehme, kratzende Geräusch, wenn Metall auf Beton schlägt, hing in der Luft. Florian knirschte unwillkürlich mit den Zähnen und fühlte sich an seine Schulzeit erinnert, das Kratzen von Kreide auf der Tafel hatte ähnlich geklungen und rief einige unschöne Erinnerungen in ihm wach. Zu oft hatte er nach Schulschluss nachsitzen müssen und ganze Litaneien auf der Schultafel verewigen müssen, nur um sie im nächsten Moment wegzuwischen und von vorne zu beginnen.
"Alles klar, Flo?", bemerkte Marc das Unbehagen seines Kollegen.
"Ja klar" Florian schüttelte sich kaum merklich, "nur so ein Gefühl."
"Mensch Leute, für Gefühlsduselei haben wir echt keine Zeit", konnte Paul nicht an sich halten, "wir müssen rauf in den dritten Stock", erklärte er, während er schon die ersten Stufen nahm.
Florian blickte verlegen zu Boden.
"Na komm" Marc packte seinen Partner an der Schulter und schob ihn vor sich her. "Schule war wohl nicht so doll?", wisperte er in Flos Ohr.
Ein Grinsen stahl sich auf das Gesicht des jüngeren Mannes. "Kann man so sagen."
Gemeinsam hetzten sie hinter Paul die Stufen hoch.
"Stephan, Stephan", hörten sie Paul schon rufen, als sie den letzten Absatz nahmen, "mach die Tür auf." Mit seinen Fäusten hämmerte der Polizist gegen die Wohnungstür seines Freundes.
Marc betrachtete das Handeln mit Skepsis. "Glaubst du, er macht jetzt auf, nachdem er uns unten vor der Tür hat stehen lassen?"
Paul hielt inne. "Und was schlägst du vor, Herr Superkommissar?" Wut schwang in seiner Stimme, seine dunklen Augen blitzten gefährlich auf.
"So kommen wir jedenfalls nicht weiter." Marc trat an die Wohnungstür und lauschte. Gespannt hielten alle die Luft an.
"Und?", hielt Paul es nicht mehr aus.
"Nichts, absolute Stille"
"Und jetzt?" Der junge Polizist wusste sich keinen Rat mehr.
"Wir brechen die Tür auf", schlug Florian vor.
"Na klar",Paul riss die Arme in die Höhe, "das Logischste von der Welt." Seine Fäuste schlugen gegen seine Oberschenkel.
"Gefahr in Verzug", äußerte sich Flo.
Marc blickte, ein wissendes Lächeln auf den Lippen, zu ihm herüber und nickte kaum merklich. "Habt ihr das gehört?", warf er unvermittelt ein.
"Was? Was gehört?", brauste Paul auf. Ein großer Schritt brachte ihn wieder vor die Tür. "Ich höre nichts."
"Ach Paulchen, du musst noch so einiges lernen." Die beiden dienstälteren Kollegen nickten sich wissend zu.
Marc schob den jüngeren Polizisten rabiat zur Seite, drehte sich mit dem Rücken zur Tür, hob das rechte Bein und trat mit voller Kraft gegen das Türblatt.
Holz splitterte, dann ein weiterer Tritt, und die Tür sprang auf.
Paul beobachtete das Geschehen ungläubig. Nervös rang er seine Hände.
"Alles ist gut Paul" Florian legte ihm einen Arm um die Schultern. "Da war ein leises Stöhnen zu hören, wir mussten einfach nachsehen.
"Was?" Paul verstand im Moment gar nichts mehr. Er war ein guter Polizist, doch die Angst um seinen besten Freund schien seinen Verstand zu trüben.
Florian zog ihn mit sich in die Wohnung. "Komm jetzt."
"Stephan? Stephan?", erfüllte Marcs Stimme die Räume. "Stephan, oh Scheiße. Jungs, schnell in der Küche."
Die beiden Polizisten folgten dem Ruf. Sie erreichten den Durchgang zur Küche und kamen zu einem abrupten Halt. Der Anblick brannte sich in ihr Gehirn. In einer Blutlache lag ihr Freund und Kollege, bewegungslos, bewusstlos, tot?
"Nein" Paul stürzte nach vorne und fiel neben seinem Freund auf die Knie. "Ist er ...?" Verzweifelt wandte er sich an Marc. Blut sickerte durch den Stoff seiner Hose und erzeugte ein unangenehm warmes Gefühl auf seiner Haut. Der Geruch von Blut, diese seltsame metallische Mischung, stieg ihm in die Nase. Sein Bauch krampfte sich zusammen.
"Ist er ...", setzte Paul erneut zur alles entscheidenden Frage an, aber er schaffte es nicht, seine Befürchtung in Worte zu fassen und sie dadurch zur Gewissheit werden zu lassen.
"Nein", erlöste Marc seine Kollegen. Ein einziges Wort reichte aus, um die Hoffnung aufleben zu lassen. Marc nahm seinen Finger von Stephans Halsschlagader. "Ich fühle einen kräftigen Puls." Paul atmete hörbar aus und blickte seinen Kollegen dankbar an.
"Aber das ganze Blut? Ich meine", der junge Mann malte mit seiner Hand eine rotierende Bewegung in der Luft.
"Soweit ich feststellen konnte, hat er nur eine Schnittwunde an der Handinnenfläche." Vorsicht hob Marc die Hand seines Kollegen an. "Ziemlich tief, aber nicht lebensbedrohlich."
Florian schüttelte ungläubig den Kopf. "Eine Schnittwunde und Stephan kippt um, das kann ich kaum glauben", er kicherte vor sich hin, "wenn das die anderen hören, dann ..."
"Wenn das die anderen hören", mischte sie plötzlich eine leise Stimme ein, "dann Gnade euch Gott."
"Stephan", rief Paul erschrocken auf, "komm, ich helfe dir." Vorsichtig packte er seinen Kollegen an der Schulter und zog ihn in eine sitzende Position." Gut so?", strahlte er seinen Freund an.
"Geht schon." Stephan nickte kurz. Sein Gehirn war noch nicht in der Realität angekommen. Dunkle Schleier lag über seinen Gedanken und nur ein brennender Schmerz in seiner linken Hand gab Zeugnis über das Geschehende.
"Hier", Florian beugte sich zu dem Freund herunter. Er hielt ein Küchentuch und wickelte es vorsichtig um die verletzte Hand. "Es blutet zwar kaum noch, aber sicher ist sicher."
Stephan lächelte schwach. "Danke Jungs."
"Was ist den eigentlich passiert?", drängte Paul, zu wissen.
Stephan schüttelte kaum merklich den Kopf. "Ich habe vergessen, das Bier kaltzustellen und dann bin ich mit dem Messer abgerutscht und dann ...", er schluckte schwer. Die Erinnerungen waren nur ein verschwommener Wirrwarr, der kaum einen Sinn ergab.
"Ist ja auch egal", warf Marc ein, "wir bringen dich jetzt ins Krankenhaus, die Wunde muss genäht werden."
Stephan verzog das Gesicht. "Und das Essen?", warf er kleinlaut ein. Sein Kopf sank auf seine Brust. "Ich ..."
"Also ich sehe hier kein Essen", konnte Paul sich nicht verkneifen, "doch eine Runde Pommes rot-weiß tut es auch."
Die vier Freunde lachten auf. Langsam löste sich die Anspannung und eine leise Zuversicht erwachte, alles würde wieder gut werden.
"Aber das nächste Mal", beteuerte Stephan, "das nächste Mal werdet ihr vor Ehrfurcht erblassen." Stephans Blick fiel auf sein teures Damast Messer, das ungeachtet am Boden lag, Spuren von seinem Blut auf der Klinge. Er schluckte schwer.
"Alles klar?", hatte Florian das Unbehagen seines Freundes gespürt.
"Ja klar" Stephan erzwang sich ein Grinsen. "Beim nächsten Mal lasse ich mir die Salami lieber doch schneiden", erklärte er lapidar.
Die Freunde blickten sich fragend an. Keiner verstand die Anspielung, aber im Grunde mussten sie das auch nicht. Sie waren einfach nur froh, dass es ein nächstes Mal geben würde.

°Ende°





Review schreiben