Herrin der Djinns Band 2

von Hopy1x2y
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
31.07.2020
10.08.2020
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01.08.2020 1.798
 
Valerie bezeichnete meine Wohnung immer als ein Loch. Mir gefiel sie aber deutlich besser als mein altes Appartement im Studentenwohnheim, in welchem ich bis zum Beginn dieser seltsamen Dinge gewohnt hatte. Außerdem enthielt sie eine Sache, die ich heute ganz besonders dringend brauchte: eine Badewanne. Denn obwohl ich nicht mehr so erbärmlich fror wie während der ersten Minuten, nachdem ich den Kühlraum verlassen hatte, saß mir die eisige Kälte immer noch in den Gliedern.

Also ließ ich herrlich heißes Wasser in die Wanne fließen und sparte nicht mit Badezusätzen, durch die sich wundervoller Schaum bilden würde. Als ich bereit war, in die Badewanne zu steigen, zog ich auch das Amulett ab und hielt es prüfend vor meine Augen. Es hatte sich seit der Begegnung mit Winthorpe nicht mehr gerührt. Ich war fast versucht, es auf meine Stirn zu legen, wie damals, als ich dringend Visionen gebraucht hatte.

»Darum kann ich mich ja auch später kümmern«, sagte ich mir und stieg in die Wanne.

Es war unfassbar. Aller Ärger fiel langsam von mir ab und machte wohliger Entspannung platz. Auch die eisige Kälte verschwand und ich hätte einiges dafür gegeben, die Badewanne nie wieder verlassen zu müssen. Es hätte wohl nicht mehr viel gefehlt und ich wäre eingeschlafen, aber die Türklingel riss mich aus dem Halbschlaf. Mit einem bedauernden Seufzen verließ ich das warme Wasser, trocknete mich notdürftig ab und zog mir den Morgenmantel über.

»Schon gut, nur nicht so stürmisch«, rief ich sinnloserweise, weil es erneut an der Tür schellte.

»Wer ist da?«, brummte ich in die Sprechanlage.

»Wir sind es. Michael und Valerie«, kam die Stimme meiner besten Freundin quäkend aus dem Lautsprecher. »Hast du schon vergessen, dass wir heute ausgehen wollen?«

»Die mächtige Sahbano musste sich wohl um wichtigere Dinge kümmern«, ergänzte Michael und ich konnte förmlich sein hämisches Grinsen vor mir sehen.

»Arschloch!«, gab ich zurück und drückte auf den Türöffner.

Meine Wohnung befand sich im Erdgeschoss, daher standen die beiden nach wenigen Sekunden vor der Wohnungstür.

»Das ist mal ein Anblick!«, sagte Michael anzüglich, als er mich in dem Bademantel stehen sah.

»Sieh gefälligst nicht so genau hin!«, befahl Valerie und boxte ihn leicht auf den Oberarm.

»Du weißt doch, ich habe nur Augen für dich«, säuselte er als Antwort.

»Mir wird gleich schlecht«, brummte ich. »Ich geh mich mal anziehen.«

Im Schlafzimmer suchte ich mir ein paar passende Teile aus und hoffte nur, dass meine Freundin nicht gerade ein Dreisternerestaurant ausgesucht hatte. Für den Besuch solcher Etablissements war meine Garderobe nicht ausgelegt.

»Hast du Almandur gerufen?«, rief Valerie aus dem Wohnzimmer, als ich soeben in meine Hose schlüpfte.

»Bin noch nicht dazu gekommen.«

»Hat dich dein Sklaventreiber von Chef so auf Trab gehalten, dass du dafür nicht die Zeit gefunden hast?«

»Ja ... nein ... es war etwas anderes.«

»Vielleicht hat sie sich mit ihrem Lover gestritten«, warf Michael unüberhörbar ein.

»Muss ich wirklich wiederholen, für was ich dich halte?«, knurrte ich, als ich wieder das Wohnzimmer betrat und mir das Handy griff.

»Erzittere vor der Wut der ehrwürdigen Sahbano«, sagte Valerie, strich ihrem Freund durch das Haar und lachte dabei laut.

»Ihr seid zwei infantile Armleuchter!«, gab ich möglichst würdevoll zurück, während ich den beiden Turteltauben beim Schnäbeln zusah. Wie fast immer fragte ich mich, was sie an ihm fand. Hatte er nicht doch irgendeine Art Zauber auf sie gelegt, obwohl er hochheilig versicherte, dass dem nicht so wäre? Seufzend wählte ich Almandurs Nummer.

Valerie sah mir erstaunt dabei zu. »Ich dachte, du könntest ihn herbeizitieren, indem du seinen Namen rufst.«

»Das funktioniert nicht mehr. Leider. Laut Baldar hängt das damit zusammen, dass er nicht mehr mein Begleiter ist, der er auf der Suche nach dem Amulett war. Hatte ich das noch nicht erwähnt?«

»Dann hätte ich dich ja wohl kaum gefragt.«

Wie immer durchströmte mich ein warmes Glücksgefühl, als ich Almandurs markante Stimme hörte. Kaum hatte ich ihm von unserem Vorhaben erzählt, als er auch schon leibhaftig in meiner Wohnung stand. Freudestrahlend fiel ich ihm in die Arme und genoss seine Nähe. Schließlich schob er mich sanft von sich und sah mir prüfend ins Gesicht.

»Du siehst müde aus ... und sorgenvoll. Ist etwas geschehen? Hast du Probleme?«

Schon wollte ich ihm alles erzählen, angefangen von dem Gefühl der Überlastung und der Angst, als Sahbano schrecklich zu versagen. Auch das Erlebnis mit Winthorpe wollte ich mir von der Seele reden, doch ich biss mir rechtzeitig auf die Lippen. Es würde uns nur den Abend ruinieren. Ich hatte schließlich das Verlangen, ein paar unbeschwerte Stunden mit Almandur und meiner besten Freundin zu verbringen ... und mit Michael auch, wenn es denn sein musste.

*****

Valerie hatte mir den Gefallen getan und ein zwar gutes, aber nicht piekfeines Restaurant auszuwählen. Sie wusste eben, was mir gefiel und was nicht. Ich genoss es, den Abend mit gutem Wein, hervorragendem Essen und angenehmer Plauderei zu verbringen. Es war herrlich, mal nicht an die ganzen Schwierigkeiten und Probleme zu denken, die sich in meinem Leben türmten.

»Und jetzt erzähl doch mal, warum der alte Griesgram Baldar so unzufrieden mit dir ist«, musste natürlich Michael in der Wunde rumbohren.

»Ich weiß es nicht und es ist mir auch egal«, antwortete ich und nahm einen tiefen Zug von dem köstlichen Wein zu mir.

Almandur legte mir tröstend eine Hand auf den Unterarm. »Mach dir nichts draus. Baldar ist zu allen ziemlich streng.«

»Aber sie ist die Sahbano«, sagte Michael mit Nachdruck. »Wenn sie versagt, war die ganze Arbeit umsonst. Du solltest sie nicht in Schutz nehmen, sondern lieber unterstützen und auf die Dringlichkeit ihrer Aufgabe hinweisen.«

»Glaubst du, ich weiß nicht was ich zu tun habe?«, fuhr ich ihn an. »Kümmer dich gefälligst um deine Angelegenheiten!«

»Holla die Waldfee, beruhigt euch doch erst einmal«, versuchte Valerie zu vermitteln. »Daria gibt ihr Bestes, da bin ich mir sicher. Sie hat es nicht einfach mit ihrer Arbeit, dem Studium und diesem Sahbano-Ding.«

Michael war damit nicht einverstanden. »Verzeih mir, Liebling, aber sie muss Prioritäten setzen. Und die liegen bestimmt nicht darin, ihre Nase in blöde Bücher zu stecken!«

»Das ist einzig und allein meine Angelegenheit!«, erwiderte ich trotzig.

»Nein, ist es nicht!«, widersprach er mir schroff. »Du wurdest vom Amulett ausgewählt und hast die verdammte Pflicht, die Ausbildung zügig abzuschließen, um deiner eigentlichen Bestimmung zu folgen.«

»Es reicht jetzt, Michael«, mischte sich nun auch Almandur ein. »Du hast ihr nicht zu sagen, was sie zu tun hat. Du ganz sicher nicht!«

Michael nickte trocken. »Da hast du sogar recht. Baldar und der Rat werden es tun.«

Almandur stutzte. »Der Rat? Wann wurde der denn einberufen?«

»Du bekommst auch gar nichts mehr mit, oder? Vielleicht solltest du dich mal gelegentlich in unserer Welt sehen lassen. Sie alle sorgen sich, weil Daria so beklagenswert schlechte Fortschritte macht. Ich bin davon überzeugt, dass Baldar ihr beim nächsten Training eine Mitteilung machen wird.«

Ich hatte langsam genug von dem ganzen Mist und der reichlich genossene Alkohol tat das Übrige. Ich war gleichzeitig wütend, müde, beschwipst und verging vor Selbstmitleid. Ärgerlich zog ich mir das Amulett über den Kopf und warf es mitten auf den Tisch.

»Dann soll sich doch jemand anderes mit dem Ding amüsieren. Ich habe mich bestimmt nicht darum gerissen, das Stück Metall spazieren zu tragen. Außerdem scheint es ohnehin kaputt zu sein.«

Almandurs Gesicht war ein einziges Fragezeichen. »Was heißt denn kaputt? Was meinst du damit?«

»Es blinkt nicht mehr. Wahrscheinlich ist ihm die Kälte nicht bekommen.«

»Wovon redest du denn?«

Ups, da hatte ich mich wohl verplappert. Nun blieb mir nichts anderes übrig, als die ganze Story von Winthorpes Besuch und seiner Hinterlist zu erzählen. Insgeheim hoffte ich, dass mich Almandur in die Arme nehmen und trösten würde. Stattdessen wurde seine Miene immer finsterer, je mehr er von der Geschichte hörte.

»Darf ich fragen, wann du uns davon unterrichten wolltest?«, fragte er scharf, nachdem ich zum Ende gekommen war. »Weißt du eigentlich, was das bedeutet? Ist dir klar, in welcher Gefahr du schwebst?«

Sein Ärger machte mich betroffen. »Ist das Amulett wirklich defekt?«, erkundigte ich mich kleinlaut.

»Vielleicht ist es ja nur die Batterie«, murmelte Valerie, was aber sogar für mein Verständnis nicht sehr hilfreich klang.

»Beschreib mir noch einmal ganz genau, was Winthorpe für ein Artefakt am Körper trug«, forderte Almandur mich auf.

Ich versuchte mich, an alles zu erinnern. Besonders Größe, Farbe und ungefähres Aussehen der angebrachten Verzierungen schien ihn zu interessieren. Aber nicht nur ihn; auch Michael wurde immer unruhiger, je detaillierter meine Angaben wurden. Der leicht spöttische Ausdruck war schon längst aus seiner Miene verschwunden.

»Denkst du auch, was ich denke?«, fragte er.

Almandur nickte. »Tenebris magicae«, erwiderte er dumpf. »Dunkle Magie!«

Für einen Moment war es vollkommen still an unserem Tisch, bis Valerie leise lachte und sich ein neues Glas Wein einschenkte.

»Das wird mir jetzt zu abgefahren«, meinte sie und nahm einen tiefen Schluck.

Ich kratzte mich am Kopf. »Und das Ding hat das Amulett zerstört?«

Almandur lächelte mich beruhigend an. »Nein ... ja ... nicht wirklich. Es blockiert im Augenblick die Macht des Amuletts, aber Baldar kann diese Blockade bestimmt lösen, falls es sich nicht ohnehin von selbst gibt.«

Michael hingegen blickte finster auf die Tischdecke. »Wenn die Sahbano bereits voll ausgebildet gewesen wäre, dann hätte sich Winthorpe mit einer ganzen Reihe von Artefakten behängen können. Aber ...«

»Ist klar, jetzt bin ich daran schuld«, zischte ich. »Wenn man mir nicht ständig irgendwelche Schlaumeiersprüche geben, sondern wirklich helfen würde, wäre uns allen mehr gedient.«

»Das hast du schön gesagt, Daria«, hörte ich ein seltenes Lob aus Valeries Mund. Wenn es auch ein klein wenig durch die Tatsache entwertet wurde, dass sie bereits einige Gläser Wein intus hatte und ihre Aussprache langsam undeutlich wurde. »Darauf sollten wir trinken.«

»Meinst du nicht, dass du schon genug hast?«, fragte Michael so vorsichtig und einfühlsam, wie ich ihn bei mir noch nie erlebt hatte. Er rückte den Stuhl näher an sie heran, nahm ihr behutsam das Glas aus der Hand und legte einen Arm um ihre Schulter.

Sie schnurrte wie eine Katze und kuschelte sich an seinen Körper. Neidisch sah ich Almandur an, der das Amulett in der Hand hielt, es sorgfältig untersuchte und nachzudenken schien.

»Manchmal glaube ich, du liebst das Blechding mehr als mich«, lamentierte ich und zog meine Mundwinkel nach unten.

Überrascht sah er mich an. Doch schließlich lächelte er auf die Art, wie ich es an ihm so liebte, legte das Amulett auf den Tisch und zog mich zu sich heran. »Nichts auf der ganzen Welt vergöttere ich mehr als meine kleine Sahbano.« Er küsste mich so süß und innig, dass ich ihm auf der Stelle alles verzieh.

»Ich hoffe, du trittst diese Nacht den Beweis dafür an«, sagte ich schweratmend, nachdem sich unsere Lippen voneinander gelöst hatten.

»Wie könnte ich dir etwas abschlagen?«, fragte er, bevor wir uns erneut intensiv küssten.

Auf den bereits bestellten Nachtisch verzichteten wir.
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