Herrin der Djinns Band 2

von Hopy1x2y
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
31.07.2020
09.08.2020
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31.07.2020 3.044
 
Es war einfach herrlich, faul am Strand zu liegen und das Rauschen des Meeres zu genießen. Die Sonne wärmte meine Haut und die salzige Luft kitzelte mich in der Nase. Wohlig reckte ich meine Glieder und gähnte herzhaft. So konnte es von mir aus bis in alle Ewigkeit bleiben. Ich wollte mich gerade auf den Bauch legen, als mich ein gewaltiges Krachen zusammenfahren ließ. Was geschah ...

Ich brauchte ein paar Augenblicke, bis ich registrierte, wo ich mich befand. Mein Kopf ruhte jedenfalls nicht auf einer Decke am Strand, sondern auf dem harten Holz eines Schreibtisches. Neben mir erkannte ich einen umgekippten Stapel Bücher und dahinter das feixende Gesicht meiner besten Freundin.

»Valerie? Was ...«, begann ich und richtete mich auf.

Der ganze Rücken tat mir weh und zwei Tische weiter sah ich einige Studenten sitzen, die miteinander tuschelten, lachten und dabei in meine Richtung zeigten.

»Hast du ausgeschlafen?«, fragte Valerie, während sie sich neben mich setzte.

»Ich habe mich nur ein wenig ausgeruht. Nachher wollte ich am Referat weiterarbeiten.« Ich deutete auf den Bücherstapel, der neben mir lag, und wischte gleichzeitig über die Stelle, auf der vor ein paar Augenblicken noch mein Kopf gelegen hatte.

»Ausgeruht?«, fragte sie lachend. »Du hast gesägt wie ein Holzfäller und zusätzlich noch den Tisch vollgesabbert.«

»Ist doch gar nicht wahr!«, verteidigte ich mich und gähnte verstohlen.

Sie lehnte sich zurück, verschränkte die Arme und sah mir prüfend ins Gesicht. »Wie lange willst du das Spiel eigentlich noch weitertreiben?«

»Was meinst du?«

»Ich spreche über dein Doppelleben - obwohl es ja eher ein Dreifachleben ist.«

Ich winkte ab. »So schlimm ist es doch gar nicht.«

»Ach nein? Fassen wir doch mal zusammen. Erstens: Du bist immer noch als Vollzeitstudentin an der Universität eingeschrieben, mit allem, was dazugehört. Zusätzlich stellst du dich immer noch als Tutorin zur Verfügung - schon das dritte Semester in Folge.«

»Professor Schneyder meint eben, dass ich dafür sehr gut geeignet bin.«

»Quatsch!«, fuhr sie mich grob an. »Der ist nur froh, dass er eine Dumme gefunden hat, die sich für die lächerliche Aufwandsentschädigung mit den Studenten herumschlägt.«

»Ich will eben erreichen, dass er meine Abschlussarbeit wohlwollend betreut.«

Valerie schüttelte nur den Kopf. »Verzeih mir, wenn ich da etwas nicht verstehe.« Sie deutete auf die Stelle auf meiner Brust, an der sie das Amulett vermutete, und senkte die Stimme zu einem verschwörerischen Flüstern. »Bist du nicht die Sahbano mit einigen speziellen Fähigkeiten? Du könntest ihm doch 'befehlen', dir eine sehr gute Note zu geben, auch wenn du nur ein leeres Blatt als Arbeit einreichen würdest.«

»Das wäre ja wohl Betrug, meinst du nicht auch?«

»Ich frage mich ernsthaft, ob deine Vorgängerinnen auch so viel Skrupel gehabt haben. Aber gut, es ist deine Entscheidung. Kommen wir zum zweiten Punkt. Neben dem Studium gehst du auch noch zwanzig Stunden in der Woche als Aushilfe im Supermarkt Regale einräumen, damit du die Bruchbude von Wohnung und dein Leben finanzieren kannst. Warum lässt du dir nicht von Almandur helfen ... oder von mir? Du weißt doch ...«

»Bist du verrückt geworden?«, zischte ich. »Ich habe dir oft genug gesagt, dass ich darüber nicht diskutieren will! Ich komme für meinen Lebensunterhalt selbst auf!«

Sie hob leicht die Hände und lächelte entwaffnend. »Schon gut, schon gut. Die ehrwürdige Sahbano möge ihren Zorn zügeln. Ich werde das Thema nicht mehr ansprechen.«

»Dann ist es ja gut! Wenn du mich nun entschuldigen würdest, ich muss noch ein paar Bücher durcharbeiten.«

»Kommen wir also zum dritten Punkt«, fuhr sie unbeirrt fort. »Es geht um deine Ausbildung.«

»Was hat es denn damit auf sich?«

»Michael hat mir erzählt, dass man mit deinen Fortschritten unzufrieden ist. Normalerweise müsstest du nach dem letzten Jahr schon viel weiter sein.«

»Was verstehst du denn schon davon? Glaubst du, es wäre wie in der Grundschule, wo man brav auf dem Platz sitzt und den Lehrern zuhört? Hast du eine Ahnung, was für eine Verantwortung man mir da aufbürdet?«

»Vielleicht verstehe ich davon wirklich nicht so viel wie die ach so ehrwürdige Sahbano«, erwiderte sie eingeschnappt. »Aber wenn jemand schnarchend mit dem Kopf auf dem Tisch in der Bibliothek liegt, weiß ich schon, dass sich die Person zu viel zumutet und es nicht mehr lange durchhält. Und da diejenige zufällig meine beste Freundin ist, mache ich mir natürlich Sorgen.«

Ich ergriff ihre Hand, da ich sah, wie sehr ich sie verletzt hatte. »Tut mir leid, Valerie. Ich habe es nicht so gemeint, aber ich ... manchmal wird mir das einfach zu viel. Deswegen gebe ich auch mein Studium nicht auf, weil es meine Verbindung zur realen Welt ist. Vermutlich ist das auch der hauptsächliche Grund, warum ich die Paletten im Supermarkt durch die Gegend fahre. Wenn ich drüben bei Baldar bin, ist alles so unwirklich, so surreal. Ich weiß auch nicht, wie ich das erklären soll ...«

Valeries Miene hatte sich längst wieder aufgehellt. Sie konnte ohnehin niemandem lange böse sein - und schon gar nicht mir. »Du brauchst mal etwas Tapetenwechsel.«

Ich nickte. »Deswegen wollte ich in den Semesterferien für eine Woche nach Mallorca fliegen.«

Sie verdrehte die Augen. »Wahrscheinlich in einen Billigschuppen mit fließend Wasser die Wände runter. Darüber sprechen wir noch. Aber ich sprach über heute Abend. Was hältst du davon, wenn wir uns zu viert einen gemütlichen Abend machen. Michael, du, Alamandur und ich. Ich wollte euch einladen.«

Ich ging im Geiste meinen Terminkalender durch. Normalerweise hätte ich heute Abend an dem Referat gearbeitet, welches ich nächste Woche halten musste. Außerdem warteten ab dem frühen Nachmittag ein paar Paletten im Supermarkt auf mich.

»Vor acht Uhr geht es aber nicht«, sagte ich schließlich.

»Also abgemacht!«, erwiderte sie. »Michael und ich kommen dich abholen. Almandur wird ja wohl schon bei dir sein, oder?«

Dieses anzügliche Lächeln bekam sie einfach nicht aus dem Gesicht, sobald die Rede auf ihn kam.

»Vermutlich«, sagte ich ausweichend.

»Dann bis heute Abend«, meinte sie und stand von ihrem Platz auf. »Lass dich bis dahin nicht von den Büchern erschlagen.«

Ich sah ihr nach, wie sie beschwingt den Gang entlangging und um die Ecke bog. Ich nahm das Amulett ab und betrachtete es nachdenklich. »Du weißt gar nicht, was du mir da angetan hast.«

Ein schwaches Aufleuchten des mittleren Edelsteins schien mir sagen zu wollen, dass ich mit der Vermutung falsch lag. Irgendwie tröstete es mich.

*****

Eigentlich hatte ich noch eine Vorlesung besuchen wollen, aber leider kam mir in meinem Hauptjob als Sahbano etwas dazwischen. Drei mir anvertraute Schutzbefohlene riefen mich an und teilten mir mit, dass sie mich dringend sprechen müssten. Also änderte ich den Plan und traf mich mit ihnen in der Mensa.

Ihre Probleme waren so belanglos, dass ich am liebsten losgeschrien hätte. Andererseits waren sie noch nicht allzu lange in der realen Welt - wie ich es nannte - und daher noch sehr unsicher, was die Interaktionen mit Menschen anging. Wahrscheinlich fühlten sie sich deswegen so ängstlich. Beinahe kam es mir so vor, als würden sie vor ihrem eigenen Schatten erschrecken. Ich wies sie noch einmal darauf hin, dass sie ihre magischen Fähigkeiten nur im äußersten Notfall einsetzen durften, und gab ihnen ein paar gute Ratschläge. Bei diesen Gelegenheiten war ich heilfroh, dass ihre Zauberkräfte dank des noch fehlenden Magieflusses sehr schwach ausgeprägt waren. Dadurch blieb mir viel Ärger erspart.

Während sie die Mensa verließen, trank ich noch schnell einen tiefschwarzen Kaffee, der mich munter machen sollte.

Es wurde auch schon Zeit für meinen Job im Supermarkt. Auf dem Weg dorthin dachte ich über das letzte Training mit Baldar nach. Seiner Miene nach zu urteilen, war ich ein hoffnungsloser Fall, was diese Sahbanosache anging. Vermutlich hatte er schon längst geplant, die Magie in die Welt fließen zu lassen, wie er es nannte. Das ging aber nicht, solange ich mich so ungeschickt anstellte. Ohne Unterstützung durch das Amulett würde ich nicht einmal die einfachsten Tricks zustande bringen, das war ihm und mir klar.

Mein Vorgesetzter zeigte demonstrativ auf seine Armbanduhr, als ich den Supermarkt betrat. Ich deutete eine Entschuldigung an und eilte zur Umkleide. Dort angekommen lehnte ich zunächst meine Stirn an das kühle Eisen des Spindes und versuchte, zu Kräften zu kommen. In den letzten Tagen hatte ich kaum geschlafen und stieß langsam an meine körperlichen Grenzen. Valerie hatte nicht unrecht gehabt, als sie mir gesagt hatte, dass ich nicht mehr lange so weitermachen könnte. Müde zog ich meine Arbeitskleidung an und bereitete mich mental auf die Fünf-Stunden-Schicht vor.

*****

Ausgerechnet an diesem Tag schienen alle Einwohner Kölns in der Filiale des Supermarktes einkaufen zu wollen. Mir tanzten bereits bunte Punkte vor den Augen und dennoch musste ich ständig neue Ware aus dem Lager holen und sie in die Regale einräumen.

»Du musst dringend die Tiefkühltorten auffüllen!«, hörte ich meine Kollegin rufen.

»Mist!« Jetzt stand auch noch ein Besuch in der Eishöhle auf dem Programm. Schon bei dem Gedanken, die nächste halbe Stunde mit eiskalten Torten zu jonglieren und die Kühltruhen zu bestücken, durchfuhr mich ein Schauer.

Schicksalsergeben griff ich mir meinen Freund, den Hubwagen, und machte mich auf den Weg zu dem Tiefkühllager. Die Kleidung, die in der Nähe der Eingangstür an einem Haken hing, war von einer billigen Qualität und außerdem völlig unzureichend. Die Kollegen und ich lagen dem Filialleiter ständig in den Ohren, endlich ein paar Euro in die Hand zu nehmen und anständige Schutzkleidung zu kaufen. Aber anscheinend machte es ihm nichts aus, wenn sich die Aushilfen ein oder zwei Körperteile abfroren.

Todmüde zwängte ich mich in die gefütterten Klamotten und nahm gleichzeitig erstaunt zur Kenntnis, dass die Edelsteine meines geliebten Amuletts aufgeregt blinkten. Offensichtlich waren sie von der Aussicht nicht begeistert, gleich größerer Kälte ausgesetzt zu werden.

»Stell dich nicht so an«, murmelte ich. »Mir gefällt es auch nicht, aber beschwere ich mich deswegen bei dir?«

Langsam musste ich die Angewohnheit aufgeben, ständig mit dem Amulett zu reden. Bei den Kollegen und Kommilitonen stand ich ohnehin schon im Ruf, etwas verschroben zu sein.

Vermummt stapfte ich zur Kühlkammer und öffnete die Tür. Die eisige Kälte, die mir entgegenschlug, raubte mir beinahe den Atem. Ich sollte meine Arbeit schleunigst erledigen, bevor ich mir doch noch ein paar Frostbeulen zuzog. Selbst durch die gefütterten Handschuhe spürte ich die Kälte an den Fingern. Ich schlug die Hände gegeneinander, als ob sie schon steifgefroren wären, und zog den Hubwagen hinter mir her, bis ich den Ort erreichte, wo die tiefgekühlten Torten gelagert waren.

»War ja wieder klar«, fluchte ich, als ich die Bescherung sah.

Irgendein Idiot hatte eine Palette Tiefkühlfisch vor die Torten gestellt, sodass ich die erst einmal zur Seite räumen musste. Ich hatte die Kartons mit den Fischpackungen gerade auf den Hubwagen geschichtet, als ich ein lautes Geräusch an der Kühlraumtür hörte. Kam jemand, um mir zu helfen?

»Ich bin hier hinten!«, rief ich, während ich mich abmühte, die Last aus dem Weg zu befördern. Es war nicht ganz einfach, da ich höllisch aufpassen musste, nicht irgendwelche Regale umzufahren.

»Was ist denn nun?«, rief ich ärgerlich, da sich meine Hilfe noch nicht blicken ließ. »Komm endlich her. Ich bin schon steifgefroren!«

Erst jetzt merkte ich, dass das Blinken des Amuletts intensiver geworden war. Es drang sogar durch die dicke Kleidung hindurch und erinnerte mich an das Leuchten, mit der es mich im letzten Jahr vor Gefahr gewarnt hatte. Eine böse Vorahnung trieb mich zurück zur Kühlraumtür. Wurde es nicht allmählich kälter? Hatte etwa jemand die eingestellte Temperatur weiter gesenkt?

Ich drückte die Klinke herunter und versuchte, die Tür zu öffnen. Vergebens. Irgendetwas blockierte sie. Zweimal warf ich mich mit der Schulter gegen den kalten Stahl, ohne die Tür auch nur einen Millimeter bewegen zu können.

»He! Lasst mich hier raus!«, schrie ich und trommelte wie wild gegen den Stahl. »Das ist nicht witzig! Öffnet sofort die Tür!«

Keine Antwort. Langsam stieg die Panik in mir hoch. Das konnte doch kein Zufall sein. Wollte mich jemand umbringen? Aber wer sollte dies tun? Ich spürte, wie die Kälte immer stärker von mir Besitz ergriff und sich mit meiner Angst verband. Erneut hämmerte und trat ich wie von Sinnen gegen die Tür, aber niemand schien mich zu hören.

»Lasst mich raus! Bitte!«

Tränen rollten mir aus den Augen und gefroren auf der Wange. Wenn ich nicht eine hoffnungslose Niete wäre, was Baldars Unterricht anging, hätte ich vielleicht bereits irgendeinen Trick erlernt, mit dem ich aus dieser verdammten Falle entkommen könnte. Aber bis auf äußerst bescheidene Ansätze im Bereich der Telekinese ...

Das war es! Möglicherweise ließ sich damit etwas anfangen. Wie ich von Baldar beigebracht bekommen hatte, konzentrierte ich mich auf das Türschloss und stellte mir vor, wie ich den Splint aufdrücken würde. An dem heller werdenden Leuchten des Amuletts merkte ich, dass es meine Bemühungen unterstützte, so gut es konnte. Dennoch fühlte ich, wie die Kälte mich allmählich lähmte und erstarren ließ. Eine letzte geistige Anstrengung ... und endlich hörte ich ein leises Klacken.

Erneut warf ich mich gegen die Tür, drückte die Klinke herunter und hätte beinahe vor Erleichterung geheult, als die Kühlraumtür aufschwang und den Weg nach draußen freigab. Halb erfroren taumelte ich aus dem Kühlraum, brach schluchzend zusammen und kroch auf Händen und Knien immer weiter, bis ich endlich den Verkaufsraum erreicht hatte.

»Wo bleibst du denn, Daria?«, fuhr mich eine Kollegin an, bis sie registrierte, in welch schlechtem Zustand ich war. »Was ist passiert, um Himmels willen?«

»Kalt ... mir ist so ... kalt«, stotterte ich.

Sie führte mich in den kleinen Aufenthaltsraum, zog mir einen heißen Kaffee und drückte ihn mir in die Hände. »Soll ich einen Arzt rufen?«

Ich schüttelte den Kopf und nippte vorsichtig am Getränk. Selbst der abscheulich schmeckende Kaffee aus dem Automaten weckte langsam meine Lebensgeister. »Es geht schon.«

Unschlüssig stand sie noch ein paar Minuten neben mir. »Hör mal, ich muss wieder an die Arbeit. Unser Boss ist heute eh nicht gut drauf. Soll ich nicht doch lieber ...«

Ich lehnte erneut ab und blickte ihr nach, während sie zögerlich den Aufenthaltsraum verließ. Mittlerweile durchfuhr mich nur noch ab und zu ein kleiner Schauer, aber ich taute allmählich wieder auf. Ich war nur froh, dass das Amulett für alle Menschen unsichtbar war, seitdem alle Edelsteine an ihrem Platz saßen. Ansonsten hätte sich die Kollegin bestimmt gewundert, denn das Leuchten war noch nicht schwächer geworden, obwohl wir aus dem Kühlraum entkommen waren.

»Es ist vorbei«, sagte ich daher zu meinem blinkenden Freund. »Oder ist das deine Art, mit Kälte umzugehen?«

»Ich muss Ihnen meine Hochachtung aussprechen, verehrte Sahbano. Ich hätte nicht gedacht, dass Sie so leicht aus der Falle entkommen würden.«

Fast wäre mir der Kaffeebecher aus der Hand gefallen, als ich die Stimme hörte. Seit fast einem Jahr hatte ich seine Visage nicht mehr gesehen und ausgerechnet jetzt tauchte er hier auf?

»Winthorpe!«, sagte ich in einem Ton, als würde ich eine schwere Beleidigung ausstoßen. »Verschwinden Sie auf der Stelle!«

Zu gern hätte ich gewusst, was ein Unterführer der Suchenden von mir wollte. Das heißt, eigentlich wusste ich es schon. Schließlich hatte er Almandur und mich vor einem Jahr durch mehrere Länder verfolgt, um zu verhindern, dass ich die fehlenden Edelsteine für das Amulett beschaffte. Er konnte von Glück reden, dass ich eine Niete war, was die Anwendung von Magie anging, aber der blinkende Freund um meinen Hals ... hatte das Leuchten abgeschaltet. Warum?

Winthorpe lachte leise und öffnete das Jackett. Über seine Brust erstreckte sich eine Art Metallband, auf dem irgendwelche goldfarbenen Zeichen eingeprägt waren.

»Ich habe Ihnen doch schon beim letzten Mal gesagt, dass meine Gruppe und ich alles andere als machtlos sind. Und wenn ich es darauf angelegt hätte, dann säßen Sie immer noch im Kühlraum und wären mittlerweile wohl steifgefroren.«

»Sie Dreckskerl!«, zischte ich. Keine sehr einfallsreiche Beschimpfung, aber mein Gehirn war noch längst nicht wieder voll funktionsfähig. Langsam erhob ich mich von dem wackeligen Stuhl und runzelte die Augenbrauen, um möglichst bedrohlich zu wirken.

»Wollen Sie bei mir einen Ihrer lächerlichen Tricks ausprobieren?«, grinste der Mann nur und breitete die Arme aus. »Na los, versuchen Sie es. Mein Artefakt schützt mich vollkommen vor Ihren jämmerlichen magischen Fähigkeiten und auch Ihr Amulett kann nichts gegen mich ausrichten. Sie können noch nicht einmal Ihren Freund zu Hilfe rufen. Also schlage ich vor, wir setzen uns und reden miteinander wie zivilisierte Menschen.«

»Ich habe zu tun. Gehen Sie endlich!«

Winthorpe feixte nur. »Was haben Sie denn vor? Wollen Sie wieder zurück in den Kühlraum? Setzen Sie sich!«

Widerstrebend gehorchte ich dem Kerl. Der Schock von vorhin wirkte noch nach und ich war auch reichlich verunsichert, da mir nicht klar war, wie er mein Amulett außer Gefecht gesetzt hatte. Wieder etwas, über das ich mit Baldar sprechen musste.

»Was wollen Sie denn nun?«, fragte ich, als sich Winthorpe nicht äußerte, sondern mich nur voll Wohlgefallen betrachtete.

»Ich habe nichts gegen Sie und bin immer noch der Ansicht, dass wir zu einer Übereinkunft kommen könnten«, begann er schließlich. »Sie müssten unserer Gruppierung nur ein klein wenig entgegenkommen.«

»Inwiefern?«

»Noch ist der Damm nicht gebrochen, der die Welt vor den Einflüssen der Magie schützt. Daraus folgere ich, dass es nicht so einfach ist, wie Sie sich das vielleicht vorgestellt haben. Wir vermuten, dass man Ihnen nicht die ganze Wahrheit gesagt hat. Ist Ihnen der Gedanke noch nicht gekommen? Statt als eine Art Märchenprinzessin durch die Lande zu schweben, schuften Sie wie eine Sklavin, um über die Runden zu kommen. Warum arbeiten Sie an einem Ort wie diesem? Würden Sie sich uns anschließen, hätten Sie das nicht nötig.«

»Wollen Sie mich bestechen?«

Winthorpe lächelte nur nachsichtig. »Das ist so ein unschönes Wort. Wir möchten mit Ihnen ins Geschäft kommen, das ist alles. Was wissen Sie denn über die Wesen, die Sie lenken und manipulieren? Nichts, gar nichts wissen Sie über die!«

»Zumindest sperren die mich nicht in einen Kühlraum!«

Er winkte ab. »Das war nur ein kleiner Test. Wenn ich Ihnen hätte schaden wollen, hätte ich die Tür mit einem Artefakt versiegelt. Dann säßen Sie immer noch dort drinnen.« Er stand auf und schob mir eine Visitenkarte zu. »Sie können mich unter der Nummer erreichen. Denken Sie über mein Angebot nach, meine arme, ausgenutzte Sahbano.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, drehte er sich um und verließ den Aufenthaltsraum. Wie ich diesen gönnerhaften und herablassenden Ton hasste! Schon wollte ich die Visitenkarte in kleine Fetzen reißen, als ich es mir anders überlegte. Stattdessen ging ich zu meinem Spind und steckte die Karte in den Rucksack. Vielleicht würde mir die Telefonnummer noch irgendwann nützlich sein.
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