Blaues Leben

GeschichteAllgemein / P12
Gary
31.07.2020
31.07.2020
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Seit er denken konnte, hatte Garry das blonde Mädchen gefürchtet.
Seit er denken konnte, hatte sie das gewusst.
Seit er denken konnte, nutzte sie dies schamlos aus.

Müde ging der lila Haarige, fast 20 Jahre alte Mann, die Galerie entlang, hatte eigentlich schon vergessen was er hier ursprünglich wollte.
Richtig, hatte Sie ihn nicht an der großen Rose abgehängt und sich lachend irgendwo versteckt?
Er musste sie unbedingt finden.
Sie könnte trotzdem ruhig noch ein wenig länger weg von ihm bleiben, dann musste er sich für eine kleine Weile keine Gedanken um seine komplette Existenz - welche Sie jederzeit auslöschen könnte - machen.
Aber wenn er sich zu lange Zeit ließ, würde sie wütend auf ihn werden. Und darauf konnte er wirklich verzichten.

"Komm schon Mary, wo steckst du?"

Nach einer halben Ewigkeit gab er fürs Erste auf, stütze sich an der Wand ab.
Wie konnte ein kleines Ding nur so lange verschwinden? Als wäre sie in ein...! ...?
Das Gemälde neben ihm, zeigte ein kleines blondes Mädchen, das gerade dabei war die Blütenblätter, einer blauen Rose abzuzupfen.
Neun Blätter lagen ab Boden, eines hing noch an der Blume dran.
Ihm wurde schwer ums Herz, doch gleichzeitig verstand er es nicht. Warum wurde ihm schwer ums Herz? Warum rief er ein weiteres Mal nach seiner Freundin?
Sie würde ihm nicht antworten, dass war klar. Egal wie oft er nach ihr rufen würde, egal wie lange er brauchte, sie würde warten. Weil sie darauf vertraute, dass er sie nicht verlassen würde.
Vielleicht rief er auch nur, um sie auf Trapp zu halten?
Wenn ihr langweilig wurde, kam sie oft auf seltsame Ideen.
Das hatte er schon damals, bei ihrer aller ersten Begegnung gelernt...

~...~

Der lila haarige Junge fühlte sich unwohl. Wirklich unwohl.
Was war nur los mit diesem Mädchen neben ihm? War sie lebensmüde?
Die blond Haarige hatte sich mit seiner Hilfe Zugang zum Brückengeländer verschafft (hatte seinen Rücken als Treppe genutzt, als er gerade etwas aufheben wollte) und tanzte nun in aller Gemütlichkeit auf diesem herum.
Garry rieb sich sein schmerzendes Rückgrat, ging schnellen Schrittes weiter. Er war älter als Sie. Wenn ihr was zustoßen würde, und man ihn am Unfallort fand, würde er gewaltigen Ärger bekommen. Lieber schnell weg.

"Hilfe! Ich falle!"

Da hatte er es. Er hätte schneller weggehen sollen. Wenn er jetzt nicht stark genug war sie wieder hoch zu ziehen, sie aus seiner Hand rutschte oder sonstiges geschah, hätte er die Schuld.
So schnell er konnte rannte der lila Haarige zurück, schaffte es geradeso das blonde Mädchen im Fall bei der Hand zu packen.
Zum Glück war Sie leicht.
Er zog sie zurück, bereitete sich darauf vor ihr eine Standpauke zu halten, oder sie gegebenenfalls zu trösten.
Er war nicht darauf vorbereitet gewesen, dass sie ihm eine Ohrfeige gab.

"Warum hat das so lange gedauert?!
Ich wäre fast heruntergefallen!"

Völlig aufgelöst klammerte Sie sich noch eine Weile an ihm fest. Dann ging sie weg, ohne weiter auf ihn zu achten.

"Und das Dankeschön?"

Sie blieb stehen, sah ihn wieder an.
Sah auf die Hand die ihren Arm beinahe grausam zurück hielt. Sah in das wütend dreinschauende Gesicht ihres Gegenübers. Ihre Augen wurden weit. Hatte er ihr etwa wehgetan?!
Er ließ sie auf der Stelle los, wollte sich schon entschuldigen.

"Was ist das? Was ist ein Dankeschön?"

...was?

"Du weißt nicht was ein Dankeschön ist?"

"Nein du nichtsnutziger Bürgerlicher! Deshalb sag es mir!"

Jetzt war sie wieder wütend, hielt ihn fest. Garry konnte schwören, dass sie doppelt so stark drückte wie er. Hoffentlich würde sich da keine Wunde bilden. (Nicht das er was sagen würde, immerhin besaß er Stolz! Sagte sein Vater immer...)

"Dankeschön sagt man, wenn jemand einem was Gutes tut. Wenn man froh ist, dass die Person gerade in diesem Moment da ist. Wenn man Essen bekommt - es ist oft auch eine Antwort auf Bitte - du weißt, was das ist?"

Sie schüttelte den Kopf.
Seufzend (es machte vielleicht sogar Spaß) verbrachte der lila Haarige nun den halben Nachmittag, dem kleinen Mädchen zu erklären was ein 'Bitte' war, was es bewirken konnte, und dass es viel höflicher war, als einfach irgendwas patzig zu verlangen. (nebenbei musste er ihr auch noch einen Großteil der Wörter erklären, die er verwendete)
Als er dann endlich wieder nach Hause kam, (ein großer Ort für drei Personen, fand er immer) stand ein Fremder neben seinen Eltern im Flur, schien sich prächtig zu amüsieren.
Als er ihn sah, wurde sein Grinsen noch etwas breiter. Ihm wurde unwohl, er trat etwas zurück.

"Mama?"

"Garry, geh nach oben.
Mama und Papa klären das hier schon."

Der Fremde lachte boshaft. Oder war es doch freundlich? Er war sich sicher, dass es boshaft war, trat noch etwas zurück.
"Lassen sie den Jungen ruhig hier. Vielleicht kann ich Ihnen sogar helfen ein passendes Heim für ihn zu finden.
Nun kommen Sie, setzen Sie sich und unterschreiben den Vertrag - ansonsten sehen wir uns gezwungen zu anderen Maßnahmen zu greifen."

Sein böses Lächeln richtete sich diesmal direkt auf ihn. Andere Maßnahmen - das klang gar nicht gut in seinen Ohren.
Warum sah der Mann ihn an? Warum lächelte er? Warum verkrampfte sich sein Vater nun so sehr?

"Ist ja gut - ist gut! Lassen sie das Kind aus dem Spiel, wir-"

"Ganz genau, lassen Sie das Kind aus dem Spiel. Aus dem Spiel, Spiel Spiel, hahaha HAHAHA!"

Da, oben auf der Treppe, stand das Mädchen von vorhin, jagte ihm einen riesigen Schreck ein. Warum - Wie war sie hier rein gekommen?!

"Ich habe dieses Haus hier soeben gekauft!", verkündete das kaum 7 Jahre alte Mädchen stolz, breitete ihre Arme aus, "das Alles gehört nun mir!"

Er wusste nicht wie er darauf reagieren sollte. Seine Eltern verkrampften sich noch mehr, der große böse Mann in schwarz wurde wütend.

"Mach doch nicht solche Witze, Kind! Wie bist du hier überhaupt reingekommen? Dieses Haus hier gehört nun wieder der Bank, und ich habe keine Zeit für die Geschichten eines Görs. Wenn sie also endlich unterschreiben würden, Mr und Mrs Gu-"

Innerhalb von Sekunden waren noch mehr Männer in schwarz aufgetaucht, hatten den Mann gepackt und in die Knie gezwungen. Ängstlich klammerte der lila Haarige sich an die Hand seiner Mutter.
Das Mädchen stieg langsam die Treppe runter, blieb vor dem Mann stehen.

"Mein Vater hat bereits zugestimmt.
Verschwinde."

Und er rannte.
Kaum war er weg, wandte sich das Mädchen ihnen zu, trat direkt zu ihm heran. "Du und dieses Haus, ihr gehört nun Beide mir. Denn bei Dingen die einem gehören, muss man sich nicht bedanken, Ha!"

Ein bitteres Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. "Das stimmt wohl."
Wie konnte ein so junges Kind nur schon so sprechen? Er verstand es einfach nicht. Und was wollte sie nun machen, jetzt da er ihr gehörte? Durfte ein Mensch einen anderen einfach besitzen? Vater meinte immer, jeder Mensch gehöre sich selbst. Nicht, dass er was sagen würde. Nicht jetzt.
Ihr Lächeln verschwand, emotionslos (Dass hieß, dass alle schönen Farben aus den Augen weg waren, sagte seine Mutter) drehte sie sich um, ging weg.

"Ich werde in meinen Ferien hier her kommen. Bis dahin passt auf das Haus auf."

~...~


10 Jahre waren seitdem vergangen.
Noch immer kam sie in den Ferien. Kam sie zu ihm. Dieses Geschöpf namens Mary. Dann, in den Winterferien des 10 Jahres, gerade als er 19 wurde, hatte sie ihn endgültig mitgenommen.
Hatte ihren Spielkameraden (persönlichen Diener?) seit Kindertagen, zu sich, in das große Herrenhaus geholt, um ihn (offiziell) zu ihrem persönlichen Diener zu machen.
Hatte ihm seitdem das Leben zur Hölle gemacht, (er übertrieb. Meistens machte es unglaublich viel Spaß) ihn überall mit hin geschleppt, abgehängt und sich extra in Gefahr gebracht, damit er sie retten kam, ohne ein Danke dafür zu erwarten.
Auch 10 Jahre hatten an dieser Eigenschaft nichts geändert. (Sie war ein Gör. Aber er hatte sich daran gewöhnt.)
Ebenso die Tatsache, dass seine Familie das große Herrenhaus nur deswegen weiter bewohnen durfte, weil sie es so wollte.
Sie wollte ihn in ihrer Schuld haben, damit er nie auf die Idee kommen würde, sie zu verlassen. (Als ob er das je wollte.)

Vielleicht stimmte das Gemälde mit seiner Lebenslage überein. Vielleicht hing sein Leben tatsächlich nur an einem einzigem Blütenblatt einer Rose, welche fest von der Hand seiner Herrin umschlossen war. Ob sie es zog, oder in die Blume zurück in die Vase neben ihr stellte, blieb wohl eine Ungewissheit. Oder; vielleicht ja doch nicht. Vielleicht glich seine Situation eher einer blauen Rose mit mehr Blütenblättern. Unrealistisch vielen Blättern, die keine Vase brauchten, einfach nicht alle zu werden schienen. Einer Rose, die zu ihrer launischen Besitzerin passte, stets in ihren Händen bleiben konnte.

Er wandte sich lächelnd ab, schüttelte den Kopf. Leben sollten nicht mit Rosen verglichen werden, auf solche Absurditäten würde höchstens sein Vater kümmern. Der lila Haarige suchte weiter nach dem verzogenen, verwöhnten, lieblichen Gör, das er seine Freundin nennen konnte, hatte das Bild des Mädchens schon bald wieder vergessen.
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