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...reasons why not

GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P16
Clay Jensen Hannah Baker Justin Foley OC (Own Character) Zach Dempsey
30.07.2020
20.08.2020
3
3.086
 
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30.07.2020 1.844
 
Azra Jensen kam von ihrer Schicht im Monet's zu Hause an und trat gerade durch die Tür, als sie bemerkte, dass etwas nicht stimmte. Sie konnte wirklich nicht sagen, was genau es war, denn eigentlich war es nichts  - nicht mehr als ein Gefühl. Aber sie spürte, dass irgendetwas nicht in Ordnung war.

"Ich bin zu Hause", rief sie in das dunkle Haus ihrer Eltern und hängte ihren Schlüssel an den dafür vorgesehenen Haken. Sie holte Luft und steuerte auf ihr Zimmer zu, aber sie erschrak, als sie im dunklen Hausflur mit jemandem zusammenstieß. Ihr erster Gedanke war, dass es ein Einbrecher sein musste, was zwar eher irrational, aber nicht unmöglich war. Azra schrie auf und stolperte rückwärts ins Wohnzimmer.

"Ganz ruhig, ich bin's", versuchte Justin Foley sie zu beruhigen, bevor er den Lichtschalter betätigte. Sofort wurde das große Wohnzimmer in helles Licht getaucht und wirkte gleich viel weniger furchteinflößend.

"Oh, Scheiße, Justin!"

Azra verfiel in nervöses Gelächter und stützte sich an der Wand ab, als sie beobachtete, wie er mit zaghaften Schritten auf sie zukam.

"Entschuldige", sagte er und lächelte mild. "Ich wollte dich nicht erschrecken."

Azra lächelte zufrieden zurück. "Wer's glaubt", grinste sie. "Wo sind Mom und Dad?"

Sie ging in die Küche, um sich ein Glas mit Wasser aufzufüllen. Erst in dem Augenblick merkte sie, wie erschöpft sie eigentlich war und wie ihr dieser ganze Stress in der Schule und bei der Arbeit zusetzte. Sie seufzte.

"Die sind ausgegangen. Hör mal..."

Azra fuhr herum, als Justin hinter ihr auftauchte und die Hände neben ihrer Hüfte an dem abgestellten Herd plazierte. Sie hielt die Luft an und strich sich ihre schwarzen Locken hinter die Ohren. Dabei kamen ihre blasse Haut und die leichten Augenringe für Justin umso besser zur Geltung. Er musterte sie für einen Augenblick, dann machte er einen kleinen Schritt zurück.

"Irgendwas ist mit Clay und ich kann nicht sagen, was es ist."

Seine Augen lasteten für einen Moment zu lang auf Clays Zwillingsschwester, die seit kurzer Zeit Justins Adoptivschwester war. Er legte den Kopf schief und sprach weiter.

"Er redet nicht mit mir. Aber mit dir vielleicht?"

Er blickte sie fragend an und sie wandte schnell den Blick von ihm ab. "Alles klar, ich rede mit ihm", entgegnete sie und stellte ihr Glas in der Spüle ab. Dann wand sie sich auf der Küche heraus und steuerte mit leichtfüßigen Schritten auf Clays Schlafzimmer zu, das er sich neuerdings mit Justin teilte. Sie ignorierte Justins Blick auf ihrem Rücken und klopfte stattdessen leise an der Tür. Als keine Antwort kam, trat sie ungefragt ein.

Azra spürte ein stechendes Gefühl in der Brust bei dem Anblick, der sich ihr bot. Clay lag auf seinem Bett und hatte sich die Bettdecke bis über die Ohren gezogen. Sie merkte, dass das Zimmer heute nicht gelüftet wurde, also schien er das Bett den ganzen Tag nicht verlassen zu haben. Azra seufzte und ließ sich an Clays Bettkante nieder. Sie zog vorsichtig die Bettdecke von seinem Gesicht, woraufhin Clay etwas unverständliches murmelte.

Zwar stimmte es, dass Clay und Azra technisch gesehen Zwillinge waren und es gab auch Anzeichen, dass sie sich ähnlich sahen: die blasse Haut, das dunkle Haar...aber sonst ähnelten sie sich nicht besonders. Clay war normal groß und eher dürr, wie man es von einem Teenager erwartet, der seine Zeit lieber mit Roboterbauen zu Hause verbringt. Azra hingegen überragte ihn um ein kleines Stück und war ihm auch sonst nicht ähnlich. Anders als Clay war Azra ständig mit irgendetwas beschäftigt. Außerdem war sie, wie sie fand, auch etwas reifer als er. Wären sie nicht gleich alt, hätte sie sich wahrscheinlich als große Schwester bezeichnet, weil sie es war, die ihm immerzu Ratschläge und Tipps gab und sie war es auch, die ihn aus der Scheiße holte, wenn es darum ging, Dinge vor ihren Eltern geheim zu halten, die sie nicht unbedingt erfahren mussten.

"Hey, Schlafmütze. Was ist mit dir?" Ihre Stimme war sanft und liebevoll, aber sie klang auch besorgt.

"Müde", kam es knapp von ihm zurück. Doch Azra akzeptierte das nicht als Antwort und zog die Bettdecke nun komplett von ihm weg. Er wand sich kurz, doch protestierte er auch nicht. Erst in diesem Augenblick sah Azra, wie tieftraurig Clay zu sein schien. Komisch...eigentlich wusste sie es, wenn in dem Leben ihres Bruders nicht alles richtig lief. Aber so hatte sie Clay schon lange nicht mehr, wenn überhaupt jemals, gesehen.

"Ist was passiert?", fragte sie leise und runzelte die Stirn.

"Nein. Mir egal, was Justin sagt, ich will nur meine Ruhe."

Azra seufzte und lehnte sich an die Wand. Dabei winkelte sie die schlanken Knie an und schlang die Arme um diese.

"Hat es mit Hannah zu tun?"

Clay zuckte zusammen, als er das hörte und schüttelte sofort energisch den Kopf. "Nein, es hat nichts mit...ich meine...ja, vielleicht." Er stöhnte und presste sich sein Kopfkissen auf das Gesicht.

"Clay Jensen", sagte Azra vorwurfsvoll, "Sag mir bitte, was kann dieses Mädchen so Schreckliches getan haben, dass es dir jetzt so geht?"

Natürlich war es Sarkasmus, der da aus ihr heraussprudelte. Hannah hatte nichts getan, das wusste sie. Azra kannte Hannah aus der Schule und sie wusste, sie war ein lieber Mensch. Oder zumindest war sie das jetzt. Auf irgendeiner Party hatten sich die beiden Mädchen mal unterhalten und dabei war von Hannahs Seite zur Sprachen gekommen, dass sie irgendwann - vor ihrer Zeit an der Liberty - mal jemand anderen gemobbt hatte. Aber das war einmal gewesen. Sie hatte sich inzwischen geändert und heute war sie es, die von anderen Leuten ohne erdenklichen Grund fertig gemacht wurde. Sie dachte nur, an dieses Foto, das Justin...Azra seufzte.

Clay warf ihr einen genervten Blick zu, bevor er das Kissen wegschleuderte und den Kopf schüttelte.

"Was soll ich nur tun, Azra?"

Seine Schwester nickte vorsichtig und wog die Optionen in ihrem Kopf ab. "Schwer zu sagen, aber eins ist sicher: Dich den ganzen Tag in deinem Bett verkriechen und nicht duschen...das ist nicht der richtige Weg. Hör zu, ich sag dir, was du machst. Du gehst zu ihr."

Clay zog eine Augenbraue hoch und sah sie nachdenklich an. Dann schüttelte er den Kopf und wandte den Blick ab.

"Was soll ich ihr denn sagen?"

"Du sagst ihr...die Wahrheit. Du sagst ihr, dass du sie magst und du sagst ihr, es täte dir leid, wie das bei der Party gelaufen ist. Das ist alles."

"Das ist alles?" Clay versteckte das Gesicht hinter den Handflächen und seufzte. "Was soll das bringen?"

"Mädchen stehen drauf, wenn man ehrlich zu ihnen ist...ich meine, wer nicht? Glaub mir, Clay, ich bin mir fast sicher. Sie muss das hören. Von dir persönlich. Oder willst du vielleicht warten, bis irgendein anderer Loser, nichts für ungut, vor ihrer Tür auftaucht und ihr das sagt? Kommen wir gegen Zach Dempsey an, hm?"

Azra wusste, dass ihre Wort hart sein konnten, aber sie wusste auch, dass ihr Bruder andererseits nicht auf sie hören würde. Sie beobachtete seine Reaktion und freute sich, als er sich wenigstens dazu bewegen ließ, sich aufzurichten.

"Ich weiß nicht, Az...Was, wenn du falsch liegst? Was, wenn sie mich nicht mehr mag?"

Azra dachte einen Augenblick nach und nahm dabei das mittellange Haar in einem lockeren Zopf zusammen, bevor sie weitersprach. "Klar, dieses Risiko besteht immer. Aber irgendwann wird sie das zwangsläufig denken, wenn du nicht zu ihr gehst und ihr das Gegenteil beweist."

Clay überlegte eine Weile, dann riss er die Augen auf und sprang urplötzlich in die Senkrechte auf.

"Du hast recht", sagte er entschlossen.

Er war bereits drauf und dran aus dem Zimmer zu stürmen, als Azra ihn zurückhielt.

"Wenn Mom und Dad fragen, ich wusste nichts davon, dass du abends noch weggegangen bist." Sie hob eine Augenbraue und warf ihm einen drohenden Blick zu.

Clay rollte mit den Augen und riss sich los. "Schon klar, als ob die mir je eher glauben würden als dir."

Sie lächelte und beobachtete, wie er durch die Tür verschwand.

"Und spring unter die Dusche!", rief sie ihm nach, doch er war bereits verschwunden. Sie lächelte und lenkte den Blick auf ihre Hände, als sie eine Gestalt bemerkte, die im Türrahmen stand und zu ihr hereinblickte.

"Das war gut. Du solltest Motivationscoach werden", grinste Justin und betrat sein und Clays Schlafzimmer. Automatisch wanderte Azras Blick an das Bett auf der anderen Zimmerseite. Sie schien nie zu bemerken, dass in dem Zimmer inzwischen zwei Betten standen - nur, wenn sie intensiv darüber nachdachte.

"So bin ich", lächelte Azra und biss sich auf die Unterlippe, als Justin auf den Platz neben ihrem deutete.

"Darf ich?"

Sie sah ihn kurz an und lächelte verlegen.

"Natürlich."

Es war noch nicht sonderlich lange her, dass Azras Eltern Justin adoptiert hatten, aber schnell war klar geworden, dass sie diese Entscheidung nicht bereuen sollten. Justin gab sich alle Mühe, um sich allen gegenüber vorbildlich zu verhalten. Auch Azra. Das war nicht immer so gewesen.

Wenn sie so darüber nachdachte, hatten sich die beiden die ersten paar Jahre auf der Liberty nicht einmal wirklich ausstehen können. Justin war einfach die Art Junge gewesen, in die man sich verknallte, aber mit dem man nicht zusammen sein wollte. Spätestens nach dem Foto von Hannah auf der Rutsche war für Azra klar gewesen, dass Justin ein Kerl war, dem es nur um das Eine ging. Und Justin...naja, der hatte in Azra nur eine unglückliche Zicke gesehen. Zach Dempseys Ex-Freundin, die dauernd einen Streit vom Zaum brach und über ihr ständiges On-Off-Gelege ebenso unglücklich war wie sein Freund Zach. Aber unfähig loszulassen, waren die Zwei immer wieder zueinander zurück gerannt. Jedenfalls bis jetzt.

Inzwischen wohnte Justin bei Azra zu Hause, es war jetzt auch sein zu Hause, und es war nicht mehr der Justin, mit dem sich Azra auf Partys und in den Schulfluren in die Haare gekriegt und bekriegt hatte. Sie hatte einen anderen Justin Foley kennengelernt...jemanden, der verletzlich und liebenswert war. Jemand, der sich um sie und ihren Bruder sorgte. Sie hielt die Luft an.

"War die Arbeit stressig?", wollte er wissen. Seine Augen leuchteten so sehr, es war fast schon übernatürlich. Azra zwang sich, den Blick von ihm zu nehmen.

"Wie immer", sagte sie und zuckte mit den Schultern. "Und hier so?"

"Naja, hast du ja gesehen...Clay ist echt fertig, aber das kann ich verstehen. Wenn die Frau, die ich liebe..."

Sie sahen sich eine Sekunde lang an und dann wank Justin schnell ab. "Es gibt noch Spaghetti, soll ich dir welche aufwärmen?"

Azra lächelte dankbar.

"Das wäre echt nett."
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