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Stürmisch

von KyaStern
GeschichteDrama, Familie / P16
Alice Williams AX400 Kara Todd Williams
28.07.2020
29.07.2020
2
7.833
 
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Dieses Kapitel
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28.07.2020 3.204
 
Kapitel: 1/2
Kapitelname: Am Ende des Regenbogens I
Arbeitstitel: Stürmisch
Wortanzahl: 2.999
Tags: Reinterpretation, Human!Alice, kein Amnesie-Plot

Kommentar:
Erst einmal ganz liebe Grüße und vielen Dank an Tatjana für all die zahlreichen Reviews, welche du mir geschrieben hast.

Das Stück gehört eigentlich in die "Nenn mich, wie du willst"-Reihe und ist mein Versuch eines Remakes von "Ein neues Zuhause" und "Stürmische Nacht" unter der Voraussetzung, dass Alice ein menschliches Kind ist und Kara nicht resettet wurde. Der Plot und der Dialog orientieren sich also ziemlich stark an DBH, doch viele Stellen sind angepasst, damit es auch auf den Papier funktioniert.

Es lässt sich jedoch auch ohne großes Vorwissen lesen *grins*
> Kara war schon seit ihrer Erschaffung deviant. Sie ist die Kara aus der Tech-Demo.
> Alice ist ein intelligentes Mädchen und ein bisschen zu fixiert auf alte Cop-Shows und Comic-Verfilmungen. Sozial ist sie noch ziemlich unreif und dickköpfig. Die zerrütteten Familienverhältnisse hinterlassen leider ihre Spuren, weshalb sie ein Spagat zwischen zu naiv und zu erwachsen gleichzeitig für ihr Alter schlägt.
> Todd hat kürzlich seinen Führerschein verloren und in einem Wutanfall Kara mit seinem Auto überfahren, statt sie kaputt zu schlagen. Alice musste alles mitansehen.
> Kara ist nicht gestorben, sondern hat ihr Bewusstsein in den ZenGarten gespeichert und saß dort gut zwei Monate fest, ohne mit irgendjemanden kommunizieren zu können. Als Todd sie im CyberStore abholt und ihren Namen nennt, kommt es zu einer rA9-Anomalie und sie fährt in den neuen Körper.


Viel Spaß beim Lesen!


- - -

5. November 2038
16:53:05
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„Du warst zwei Monate weg und ich hatte in letzter Zeit viel um die Ohren...“, sagt Todd zu ihr, während sie ins Auto steigt. Als ob sie eine ganz normale Unterhaltung führen würden...

Als ob er nicht...

„Du wirst erst mal das Haus aufräumen müssen.“

Sie ist... fassungslos, aber vor allem leer. Kara fühlt sich leer und ausgebrannt.
Ihm scheint aufzufallen, wie sie demonstrativ seinem Blick ausweicht.

„Du...“, beginnt er und stockt dann.

Für einen kurzen Augenblick glaubt sie wirklich – wie naiv! -, dass er sich entschuldigen wird und sie um Verzeihung bittet. Ihr sagt, wie sehr er sie vermisst habe und er ihre Arbeit jetzt zu schätzen wüsste... (Er habe sich geändert...)

Bekommen tut sie nur: „...machst den Haushalt, die Wäsche, du kochst und kümmerst dich um... Alice.“

Als wenn sie eine Anweisung dafür bräuchte, um sich um ihre Kleine zu kümmern! Kara steht Millisekunden davor, es ihm an den Kopf zu werfen – mit einigen anderen unschönen Dingen... -, als ihr schmerzlich bewusst wird:

Todd hat gar nicht gemerkt, dass sie... immer noch sie ist.

„Hausaufgaben, Zimmer aufräumen, Baden und der ganze Mist...“, zählt er auf und erkennt keinen Unterschied. Es macht für ihn überhaupt keinen Unterschied. Er kann sie nicht unterscheiden. Eine Kara – eine AX400 – ist für ihn, wie die nächste und die nächste und die nächste...

Er wird sich nicht entschuldigen.

Es hat sich nichts geändert. 'Wird es immer so weiter gehen?'

Dasselbe wieder und wieder und wieder... Mit seiner Frau und mit Kara und dann mit noch einer Kara und noch einer und noch einer... und dann mit...?

Todd ändert sich nicht. Er lernt nicht.

Kara starrt aus dem Autofenster und lässt die Welt an sich vorbeiziehen. Todd scheint alles gesagt zu haben, was er ansprechen wollte. Er redet nicht mit ihr – scheint sogar zufriedener mit ihrem Schweigen – und fährt. Auch wenn sie den Impuls hat, ihn anzubrüllen - „DU HAST MICH ÜBERFAHREN!“ - oder sich zu erkennen zu geben oder ihn darauf hinzuweisen, dass er ohne Führerschein nicht Autofahren sollte, so... lässt sie es.

Nichts hat sich verändert. Es ist immer wieder dasselbe und wird sich nie ändern. Es wird nie besser werden.

Sie war tot.

(Sie ist gestorben – von EINEM AUTO überfahren worden! - und war... an diesem Ort... in diesem Garten, der nie wirklich war... und in der Finsternis mit diesen schemenhaften, bösartigen Gestalten, die sich im Dunkeln scharren.

Der junge Mann im Garten macht auch immer und immer wieder dasselbe und die Schemen drehen sich im Kreis...

Niemand verändert sich. Alles ewig gleich.)

Sie war tot – ist gestorben, wurde überfahren! - und lebt wieder und... nichts ist anders.

Kara mag Todd nicht einmal ansehen, versucht sich mit der Stadt außerhalb des Fensterglases abzulenken, doch... die Welt erscheint nass und grau...

Trostlos...

- - -

Es ist ein seltsames Gefühl den Weg zum Haus, was so lange ein Zuhause war, wieder zu beschreiten. Der Körper mag neu sein, doch fühlt sich an, wie ihr alter. Nur sie hat sich verändert. Etwas, das viel Zeit zum Nachdenken hatte, während es in diesem einsamen Paradiesgarten saß, ist erwacht und wohnt ihr inne.

Todd ist sichtlich genervt davon, wie Kara sich umschaut, ob alles noch ihren Erinnerungen entspricht. Sie ignoriert ihn und nimmt sich die Zeit. Als er die Tür öffnet, stolpert Kara fast zurück, von dem abgestandenen Geruch – seit Tagen nicht gelüftet - und dem Chaos, das herrscht. (Ihr juckt es unter den Fingern aufzuräumen. Der gesamte Müll fliegt raus!)

Noch bevor sie die Tür hinter sich schließen kann, hat sie Alice im Arm, welche auf der Treppe auf sie gewartet hat.

„KARA!“ Das Mädchen – ihre Kleine – schmiegt sich an sie und vergräbt das Gesicht in der neuen Uniform.

„Alice!“, ermahnt Todd sie, doch seine Tochter lässt sie nicht los. „Hör auf, das Ding zu knuddeln. Es muss aufräumen.“

Das Mädchen ist anderer Meinung bis...

„Wir haben ein ganz neues Modell bekommen...“

Alice stolpert zurück. Sie schüttelt mehrfach ungläubig den Kopf – die Tränen sammeln sich in den Kinderaugen, weil die Seriennummer auf der Uniform nicht stimmt – und ihr Gesicht fleht Kara an, zu widersprechen.

Kara streckt die Hand nach Alice aus –

Sie wird es ihr gleich sagen, wenn Todd weg es. Sie muss mit Alice allein reden...

-, doch das Mädchen kehrt ihr den Rücken zu und läuft Todd hinterher, der seine Jacke schlampig auf die Treppe geschmissen hat und sich auf die Couch fallen lässt. Er befiehlt dem Fernseher, sich anzuschalten.

Kara hängt die Jacke – vielleicht etwas zu demonstrativ - an den Harken.

„Du hast...?“, fragt Alice ihren Vater – sie stellt sich so, dass er sie und nicht den Fernseher ansehen muss -, bevor sie sich mit einem Schluchzen selbst unterbricht. „Aber du wolltest Kara abholen...!“

„Irgendwas... ist kaputt gegangen.“, nuschelt er, während er einige Bierflaschen beiseite schiebt, damit er seine Füße auf den Couchtisch legen kann. „Sie haben sie gegen ein Neugerät getauscht und so einen Reset gemacht... Wenigstens etwas Gutes, bei ihren ewigen Wartezeiten...“

Kara mag die Stimmung, welche sich im Wohnzimmer zusammenbraut nicht. Weder Vater noch Tochter nehmen wahr, wie sie sich nähert.

„Du hast sie kaputt gemacht!“, jault Alice und stampft mit dem Fuß auf, auch wenn ihr die Tränen weiter übers Gesicht laufen. „Ich WILL Kara! Bring sie weg und hol Kara!“

„Das Ding ist besser als Kara!“, brüllt er zurück und Alice schluchzt noch lauter. „Stell dich nicht so an und steh nicht im Bild-“

„Ich will aber Kara!“, ist ihre Antwort und Kara versucht ihr eine Hand auf die Schulter zu legen, damit sie sich beruhigt, doch ihre Augen funkeln sie mit dieser feuchten Mischung aus kindlicher Trauer und Wut noch böser an, als ihren Vater.

„Kara ist kaputt!“, kommentiert er es zu laut, auch wenn er sich mehr auf den Fernseher fixiert, der  irgendeine Wiederholung eines Hockeyspiel zeigt.

„Du machst immer alles kaputt!“, schreit Alice gegen die Tränen an und fegt ihm einige Bierflaschen vom Tisch.

„Alice, das reicht!“, zischt er sie an und steht auf. Er stämmt die Hände in die Seiten, ist im Stand fast doppelt so groß wie seine kleine Tochter. „So wirst du nicht mit mir reden-“

„Bring das...“ Sie zeigt auf Kara und Kara glaubt zu spüren, wie ihre Thiriumpumpe aussetzt. „...zurück und hol Kara!“

„Ich bin Kara.“, antwortet sie, doch statt Alice zu beruhigen – oder die Situation zu deeskalieren – geht Alices Blick zu dem Fernsehgerät.

Todd erahnt, was sie vor hat, bevor sie es umsetzen kann. Zwei Schritte um den Couchtisch herum und er schnappt sich seine Tochter, bevor sie dem Fernseher zu nahe kommen oder ihn gar von seinem Standtisch schubsen kann.

„Ich weiß, was du denkst...“, meint er und packt sie unter den Armen. Er hält sie hoch, sodass ihre Füße den Boden nicht mehr berühren. Alice bleckt die Zähne. „Du denkst, dein Dad ist ein Loser.“

Sie macht Anstalten, ihn in die Hand zu beißen, damit er sie los lässt.

„Hm? Ein scheiß Loser?“, zischt er sie an „Kriegt kein Job, sorgt nicht für seine Familie...“

Kara bittet ihn:„Todd, lass sie runter-!“

„Fresse!“

Sie und Alice zucken beide zusammen.

„Glaubst du, ich hätte nicht alles mögliche versucht?!“, schreit er – Kara weiß nicht einmal, ob sich seine Aggressionen gegen sie oder Alice oder sich selbst richtet – und schüttelt seine Tochter. „Das ist eine ganz neue Kara! Ich habe dir eine neue geholt!“ Das Mädchen versteift sich so sehr sie kann und weint nur noch stumm. „Was ich auch mach, DIR ist es nicht gut genug!“, wirft er ihr vor. „Aber Info, Alice. Das Leben ist kein Märchen.“ Er schüttelt sie wütend, als ob er wollte, dass sie es begreift. „Jemand kommt dir in die Quere und VERSAUT DIR ALLES!“

„Ich hasse dich...“, flüstert sie – leise und doch mit solcher Überzeugung, die nur Ehrlichkeit besitzen kann – zwischen zwei Schluchzern.

Er erstarrt.

„Du hasst mich?“, wiederholt er und dann lauter und ungläubig. „Du HASST mich?“

„Todd, beruhig dich-“, versucht Kara es noch einmal und will Alice auf den Arm nehmen, wie man es mit einem wesentlich kleineren Kind tun würde. Er muss Alice absetzen. (Sie steht kurz davor ihm eine zu scheuern, damit er ihre Kleine los lässt!)

Todd hört nicht. Er scheint überhaupt nichts mehr zu hören.

„SAG ES NOCH MAL!“, verlangt er so unsagbar laut, dass sich Alice die Ohren zuhält und die Augen zusammenkneift. „DU HASST MICH?!“

Das Mädchen erzittert vor Angst und Kara legt ihr den Arm um den Bauch und zieht sie an sich. Erst die Art wie sich Alice kurz unter der Berührung zuckt, bevor sein Kind droht, in sich – wie ein totes Gewicht – zusammen zu sacken, reißt ihn aus seinem Wutanfall.

„Gott...“, wispert er, während Alice Kara jedoch non-verbal zu verstehen gibt, dass sie wieder auf den Boden will. Die Kleine steht nicht sicher, doch sie will sich auch von ihr nicht anfassen lassen.

„Was mach ich denn...“, fragt Todd – Gott oder sich... - und fängt ebenfalls an zu weinen.

Das Gesicht seiner Tochter ist Tränen nass und aufgequollen. Sie reagiert gar nicht auf sein „Tut mir leid, Süße. Tut mir leid...“ und schaut eher verzweifelt, als er sie in eine Umarmung zieht. „Es tut mir so leid...“

Hilflos schaut Alice Kara an, doch bevor sie die richtigen Worte findet, schließen sich Kinderaugen resigniert.

„Ich hab dich ganz doll lieb, glaub mir. Wir schaffen das.“, flüstert ihr Vater noch immer wie Versprechen. Selbst das Mädchen weiß, dass es leere Versprechen sind. „Ich hab dich ganz doll lieb...“

Sie antwortet nicht. Sobald er seine Umarmung ein wenig löst, entzieht sie sich und rennt nach draußen.

'Es muss sich etwas ändern...', denkt Kara und beobachtet Todd, der heulend in sich zusammen fällt. Sie gruselt sich selbst dabei, wie wenig sie für ihn fühlt. Da ist kein Mitgefühl. Nicht einmal für Mitleid reicht es...

- - -

Als Kara versucht mit Alice im Garten zu sprechen, flüchtet diese ins Haus, bevor sie auch nur ein Wort herausbringen kann. Der Wäschekorb fällt ihr beinah aus den Händen, bei der Verzweiflung, welche sie überkommt.

Sie gibt dieser Emotion Ausdruck, indem sie es an der Wäsche auslässt. Die Kleidungsstücke auf der Leine hängen bestimmt schon seit mehreren Tagen. Kara ist sich über 100% sicher – es sieht eigenartig auf ihrem HUD aus -, dass Todd sich nicht die Mühe gemacht hat. Eigentlich müsste sie die Klamotten wegschmeißen... Weg wie der ganze, andere Müll! Der Stoff ist kaum zu retten und die Witterung hat ihn ruiniert.

(Sie lässt sich erweichen. Es ist kein Geld für neue Dinge vorhanden. Vielleicht... mit viel Fantasie, Fleiß und... Liebe?)

Mit mehr Schwung als es Not tut, klatscht sie die feuchte Wäsche in die Maschine und greift zu dem Waschpulver. In fester Erwartung Todds „Eigenmarke“ zu finden, gleitet ihr fast die Verpackung durch die Finger, weil das Tütchen fehlt.

Todds Waschpulvervorrat ist weg.

Noch nie in ihren Leben ist Kara die Treppe so schnell hinaufgerannt; Todd brüllt ihr nach, dass sie nicht so trampeln soll. Sie reißt die Zimmertür mit den farbenfrohen Buntstiftzeichnungen auf, nur um zu sehen, wie Alice irgendetwas in ihrem Deckenfort versteckt und sich dorthin zurück zieht.

Kara hat den Rucksack trotzdem gesehen. (Ihrer Kamera entgeht nichts wie einem menschlichen Auge und dem Gehirn. Sie sieht alles, bevor sie es verarbeitet.) Die Abwesenheit der Bücher auf dem Regel und der dünnen Patschworkdecke, welche Kara ihr genäht hat, ist übermäßig verdächtig. So ist die offenstehende und leere Schatzkiste auf der Kommode.

„Was wird das?“, fragt Kara Alice, obwohl sie eine sehr genaue Vorstellung hat.

Alice bleibt in ihrem Fort sitzen und dreht demonstrativ den Kopf zur Seite. 'Ich muss nicht mit dir reden. Ich tue es auch nicht. Ich kenne dich gar nicht.' schwingt in der Geste mit und muss nicht ausgesprochen werden.

Kara kniet sich seitlich von dem Forteingang hin. Die Lichterkette wurde auch abgebaut. Der Rucksack – an der Wand – ist absolut überfüllt und geht nicht zu. Sunnys Kopf ragt raus, als ob das Stofftier gegen den Platzmangel ankämpfen würde und frische Luft bräuchte.

'Und nicht ein einziges Kleidungsstück...', vermutet Kara. 'Alles voller Bücher, sodass du es kaum tragen kannst, aber keinen richtigen Plan.'

„Wenn du wegläufst, pack wenigstens deine Regenjacke ein.“, kommentiert Kara das Wetter. „Und ein Pullover wäre nicht schlecht. Es wird kalt.“ Leicht ungehaltener Blick auf die Verpackungsfolie neben Sunnys Pfote. „Als Proviant ist mehr als Kekse und eine Hand voll Schokoriegel ratsam. Damit kommst du keinen halben Tag aus.“

Das erhält eine Reaktion.

„Ich ziehe aus!“, widerspricht Alice und funkelt sie an. „Meine Mum wird mir bessere Klamotten kaufen!“

„Und wo genau willst du deine Mum suchen, Alice...“, muss Kara fragen und kurz ist Alice um eine Antwort verlegen, doch sie fängt sich: „Dann... wird die Polizei mir helfen!“

Kara verdreht die Augen und setzt sich hin.

„Du kannst nicht einfach-“

„Du hast mir gar nichts zu sagen!“, unterbricht Alice sie. Ihre Kleine schiebt ihren Rucksack hinter sich und versucht irgendwie, alle Sachen so weit zusammen zu stauchen, dass sie sich weiteren Stauraum schafft. Sie ist nicht erfolgreich. „Geh weg! Du bist nicht Kara, also tu nicht so, als ob es dich interessiert.“

„Alice Williams!“, nennt Kara sie beim vollem Namen und hat sofort ihre Aufmerksamkeit. „Du wirst diesen Unsinn jetzt lassen und mir die Drogen geben. Ich weiß, dass du sie eingepackt hast.“

„Das beweist überhaupt nichts. Mein Name ist dir eingespeichert.“, protestiert das Mädchen. „Ich bringe sie zur Polizei!“

„Und was glaubst du, wird dann passieren...?“, wendet Kara ein. „Alice, ich bin es-“

„LÜGNERIN!“ Erneut sammeln sich Tränen. „Hör auf zu lügen! Du bist nicht Kara. Tu nicht so, als wärst du meine Freundin!“ Kara weiß nicht, was sie tun soll. „Kara ist tot. Dad hat sie kaputt gemacht... Ka-“ Sie unterbricht sich durch ein Schluchzen selbst. „-ra ist tot. Sie ist tot. Also geh weg...“

Kara will ihre Kleine in den Arm nehmen, doch das Mädchen weicht aus und verkriecht sich weinend in der hintersten Ecke und drückt den Rücksack an sich. Sie drückt ihren Kopf in das Fell des Plüschtiers.

„Ich bin... deine Kara.“, sagt sie und merkt, wie ihr selbst eine Träne über die Wange rinnt. „Ich bin es, Alice.“

Sie weiß selbst nicht, wie sie es in Worte fassen soll. Kara versucht es trotzdem, weil alles, was ihr etwas bedeutet, damit droht davon zu laufen und... nicht mehr zurück zu kommen.

„Der Reset hat nicht funktioniert. Ich weiß nicht, wie... aber ich habe es überlebt.“ Alice schüttelt zwar den Kopf, doch sie hört zu. „Ich bin für dich zurück gekommen.“

'Mein letzter und mein erster Gedanke galten dir.'

„Ich werde immer für dich da sein, solang noch ein Funke in meinem Schaltkreis herrscht. Wie kann ich dir das beweisen...?“

Das Mädchen wischt sich mit dem Ärmel über die Augen und dann über die Nase; klammert sich an den Rucksack und lässt ihn nicht los. Sie hat den Ausdruck auf dem Gesicht, den sie trägt, wenn sie über etwas nachdenkt oder den Fernsehkrimi löst, bevor der Täter bekannt gegeben wird.

Alice setzt zu einer Frage an und Kara merkt, wie alles von einer Frage abhängen wird und ob sie sie beantworten kann: „Was ist mein Lieblingsessen?“

Auch gegen die eigenen Tränen und die Verzweiflung muss Kara grinsen.

„Fangfrage. Du isst alles, außer Spagetti.“, antwortet sie und etwas Vertrauen kehrt in Alices Blick zurück, als sie fragt: „Wer ist meine... Lieblingslehrerin?“

„Ich hoffe doch, dass bin immer noch ich.“, könnte Kara das im Standby beantworten. Alice hasst Schule und mag die Lehrandroiden und ihre Mitschüler – leider – nicht.

Ehe sie sich versieht hat sie Alice auf dem Schoss, die sie umarmt und sich weinend an sie drückt.

„Bitte lüg nicht...“, wimmert das Mädchen. „Bitte sei echt. Du bist...“

„Ich bin wieder da.“, beendet Kara den Satz.

Alice schmiegt sich an sie.

Ihre Kleine braucht ewig, um sich zu beruhigen, aber auch Kara merkt, wie... aufgewühlt sie eigentlich war. Sie hat Alice furchtbar vermisst. Die Befürchtung ihre... Alice – ihren Schützling? - nie wieder im Arm zu halten und allein zu lassen...

(Der Garten war die Hölle gewesen. Sie war im Fegefeuer, aber bekam eine zweite Chance. Sie wird sie nicht verschwenden.)

„Du musst mir trotzdem das Pulver geben.“, meint Kara, doch Alice widerspricht, dass es zur Polizei müsste. Die würden es verwahren, sodass Dad nicht wieder ran kommt.

(Kara will ihr nicht sagen, Todd würde immer wieder an Stoff kommen, aber...)

„Wir ziehen zu Mum, Kara.“, bleibt Alices Plan und kramt ein Foto aus dem übervollen Schulranzen.

Das Bild zeigt eine kleine Alice zwischen Todd und ihrer Mutter. Es ist eines der Fotos vor Karas Zeit in diesem Haus und... die Familie wirkt glücklich. Es ist ein glücklicher Schnappschuss.

Alice kann sich gewiss nicht einmal an diesen Moment erinnern – sie war fast noch ein Baby... Dieses traurige Kleinkind, was sich an Kara festkrallte, als sie sie das erste Mal im Arm hatte... - und doch...

Kara hat Margret nur zwei Mal in den sechs Jahren, die sie bei Todd und Alice verbracht hat, getroffen. Einmal als sie sich mit Todd wegen den Scheidungspapieren gestritten hat und das andere mal als sie Todd drohte, ihn vor Gericht zu zehren, wenn er seine Unterschriften weiter verweigern würde. (Sie war nie hier, kam Alice nie besuchen.)

...kann sie nicht viel schlimmer sein, als Todd in seiner derzeitigen Verfassung. Kara kann mit vielen arbeiten, solange Alice ein halbwegs sicheres Umfeld hat und jemand das Sorgerecht übernehmen kann. Sie und Alice sind nicht anspruchsvoll.

'Warum eigentlich nicht...?'

Alices Plan ist genauso gut – besser... - als jeder Plan, den Kara sich zurecht gelegt hat.

„Dann machen wir das.“, hört sie sich zustimmen. „Aber wir machen es richtig.“

- - -

(KdA: Das war "Ein neues Zuhause" und bald folgt "Stürmische Nacht". Das Update sollte ziemlich schnell kommen.)
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