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Ein ganz normales Leben

von NOS26
GeschichteDrama, Familie / P12
28.07.2020
28.07.2020
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30.109
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28.07.2020 4.039
 
Sandra und Marvin. Die beiden kennen sich seit Jahren. Irgendwann hatten sie durch ihre Freundeskreise irgendwie zusammengefunden. Wie es genau dazu gekommen war, konnte mittlerweile niemand mehr so genau sagen. Damals war die 15 und er 17 gewesen. Etwas über ein Jahr später waren sie zusammengekommen. Seitdem waren sie ein Paar. Gerechnet hatte damit niemand. Denn von Anfang an hatten die beiden sich nicht wirklich gut verstanden. Sandra war immer mehr die Ruhigere gewesen. Sie hatte sich immer zurückgehalten und alle anderen reden lassen. Marvin hingegen hatte schon immer ein gesundes Selbstbewusstsein gehabt und stand in der Clique immer gerne im Mittelpunkt. Sandra war genervt von ihm. Immer wieder prahlte er damit, wie toll er war, was er alles hatte und wie viel Geld er hatte. Außerdem wusste sie, dass er seine Freundin regelmäßig betrog. Immer wieder ging er mit anderen Weibern ins Bett. Quasi jedes Wochenende mit einer anderen. Und dann erzählte er immer wieder, wie toll doch seine Freundin sei. Sandra kotzte das alles an. Das einzige, das Sandra wirklich von ihm wusste, war, dass sein Vater relativ früh verstorben war und er gemeinsam mit seiner Mutter die Baufirma geerbt hatte. Um diese kümmerte sich seine Mutter allerdings erstmal alleine, da Marvin noch nicht volljährig gewesen war, als sein Vater verstorben war. Mehr als das wollte Sandra allerdings auch nicht von ihm wissen, denn in ihren Augen war er einfach nur ein arroganter und verzogener Kerl, der mit dem Geld seiner Eltern angab. Marvin hingegen konnte sie einfach nicht leiden, weil sie ihm gegenüber immer so abweisend war. Irgendwann änderte Sandra ihre Einstellung ihm gegenüber aber. Sie hatten sich zufällig in einer Disco getroffen. Irgendwann war Marvin völlig betrunken gewesen. Sandra hatte nichts getrunken. Immerhin war sie noch keine 18, sondern erst 16. Somit war sie immer noch darauf angewiesen, dass ihre Eltern ihr die Besuche in der Disco erlaubten und das wollte sie nicht aufs Spiel setzen, indem sie sich die Kante gab. Marvin war zu ihr gekommen, da er seine Leute nicht mehr fand und Sandra die einzige war, die er sonst noch kannte. Er lallte ihr die ganze Zeit etwas vor, dass sie allerdings nicht verstand, da es in der Disco sehr laut war. Als sie nach draußen ging, um eine Zigarette zu rauchen, folgte er ihr einfach.
„Marvin, was willst du?“, fragte sie ihn völlig genervt.
Dieser zuckte nur mit den Schultern.
„Wenn du nichts willst, dann kannst du auch wieder gehen und mich in Ruhe lassen!“
„Hastueinefürmich?“, nuschelte er und zeigte auf Sandras Zigarette.
Genervt holte sie ihre Schachtel heraus und reichte ihm eine Zigarette. Marvin steckte sie sich in den Mund und tat danach nichts mehr. Sandra begriff schnell und reichte ihm ihr Feuerzeug. Das half Marvin allerdings nichts, denn die Zigarette bekam er trotzdem nicht an. Also nahm sie ihm die Zigarette und das Feuerzeug wieder ab, zündete sie dann selber an und reichte sie Marvin zurück.
„Danke…“
„Lässt du mich jetzt in Frieden?“
Diesem Mal schüttelte er den Kopf.
„Marvin, ich habe keinen Bock auf dich! Also lass mich bitte in Frieden!“
„Machichnich.“
Sandra stöhnte genervt auf.
„Was willst du eigentlich? Was ist mit deinen Kumpels, mit denen du hier bist?“
„Weg! Alle weg!“, sagte er nur.
Sandra schüttelte den Kopf und ging dann wieder rein. Marvin blieb noch draußen. Dort blieb er lange. Die frische Luft tat ihm gut. Außerdem konnte er sich hier keine neuen Getränke holen. Nach einiger Zeit war er wieder etwas klarer im Kopf. Also ging er auch wieder rein. Dort fand er Sandra auch relativ schnell wieder. Als diese sah, dass Marvin auf sie zukam, war sie bereits wieder genervt. Etwas über zwei Stunden hatte sie ihn jetzt nicht gesehen und eigentlich schon gehofft, dass er nach Hause gegangen war. Sie lehnte sich zum Ohr ihrer Freundin und sagte ihr laut ins Ohr: „Ich hatte gehofft, dass ich jetzt meine Ruhe vor ihm hätte!“
Ihre Freundin drehte sich in die Richtung, in die Sandra geguckte hatte und zuckte nur mit den Schultern. Allerdings hielt Marvin sich zurück. Er blieb einfach nur in Sandras Nähe. Erst, als sie noch einmal nach draußen verschwand, um eine Zigarette zu rauchen, folgte er ihr. Sandra hatte sich gerade eine Zigarette angezündet, als er sie ansprach.
„Was hast du eigentlich gegen mich?“
Sandra drehte sich zu ihm und sah ihn genervt an.
„Wieder nüchtern?“
„Nein.“
„Dachte schon. Kannst ja wieder reden.“
„Geht mir auch wieder besser. Also? Was hast du gegen mich?“
„Marvin, ich denke unsere Abneigung gegeneinander beruht auf Gegenseitigkeit. Du kannst mich ja auch nicht besonders gut leiden.“
„Weil du schon immer was gegen mich hattest. Aus keinem anderen Grund.“
„Gleiches mit Gleichem vergelten, oder wie?“
Marvin zuckte mit den Schultern.
„Also? Sagst du mit jetzt warum?“
„Das ist ganz einfach. Du bist ein arroganter Kerl, der immer und immer wieder mit der Kohle seiner Eltern angibt. Und das geht mir einfach gewaltig auf die Nerven!“
„Bist du neidisch, weil ich Kohle habe und du nicht?“
„Siehst du! Tu tust es schon wieder!“
„Sandra, glaub mir, mein Leben ist nicht zu beneiden.“
„Dann tu auch nicht ständig so!“
„Weißt du eigentlich, wie das ist, wenn man keinen Vater mehr hat?“
„Nein. Das weiß ich zum Glück nicht. Es tut mir auch leid, dass es bei dir so ist. Das wünscht man wirklich niemandem. Aber das ist noch lange kein Grund, dass du immer wieder so prahlen musst.“
„Bin ich wirklich so schlimm?“
„Ja!“
„Warum stört das die anderen dann nicht?“
„Weil die anderen es toll finden, wenn du immer alles bezahlst. Wann muss von denen mal einer selber Geld ausgeben, wenn ihr unterwegs seid?“
Sandras Frage brachte Marvin zum Nachdenken. Auch wenn er nicht ganz nüchtern war, fiel ihm erst jetzt auf, dass er meistens alles bezahlte, wenn er mit seinen Freunden unterwegs war.
„Hat die die Wahrheit die Sprache verschlagen?“, fragte Sandra dreist nach.
Marvin seufzte.
„Du hast Recht… So habe ich das noch nie gesehen…“
„Geld ist nicht alles, Marvin.“
Nun sah er sie wütend an.
„DENKST DU, DAS WEISS ICH NICHT!“, fing er an sie anzuschreien. „Das ganze scheiß Geld und alles wäre mir egal, wenn ich meinen Vater wiederhätte!“
„Mag sein. Aber du kannst es nicht ändern.“
„Du hast gut reden! Du hast deinen Vater auch nicht tot gefunden!“
Sandra sah ihn geschockt an.
„Du hast ihn gefunden, als er gestorben ist?“
Niko lachte kurz freudlos auf und schüttelte dann den Kopf.
„Das wusste ich nicht… Tut mir leid…“, murmelte sie.
„Du weißt so einiges nicht! Und wenn man nicht genau Bescheid weiß, dann sollte man manchmal besser seinen Mund halten und auch mit seiner Meinung über andere Menschen etwas aufpassen!“
„Marvin, es tut mir leid! Woher sollte ich das denn wissen? Wir kennen uns gerade mal ein Jahr.“
Sandra war die ganze Situation gerade sehr unangenehm. Sie wusste, dass Marvin irgendwie Recht hatte. Sie hatte sich eine Meinung über ihn gebildet, ohne ihn wirklich zu kennen. Außerdem hatte sie sich nie dafür interessiert, warum er so war. Immer wenn die anderen über ihn redeten klinkte sie sich aus. Sie wollte einfach nichts von oder über ihn hören.
„Man kann Menschen kennen lernen, etwas über sie und ihre Hintergründe erfahren. Aber das hast du nie versucht.“
Sandra atmete einmal tief ein.
„Ich weiß… Möchtest du mir vielleicht jetzt etwas erzählen?“
„Hier?“
„Warum nicht?“
„Also gut. Aber lass uns dahinten auf eine der Bänke setzen.“
Sandra nickte und die beiden gingen zu den Bänken am Ende des Raucherbereichs, wo sie sich neben einander setzten. Sandra wartete einfach, bis er begann etwas zu erzählen.
„Mein Vater ist jetzt etwas über sechs Jahre tot. Ich war damals zwölf. Hin und wieder bin ich nach der Schule zu ihm in die Firma gefahren. Ich wusste, dass meine Mutter an diesem Tag nicht Zuhause ist. Sie wollte meine Oma besuchen. Also bin ich nach der Schule mit dem Fahrrad zu der Firma meines Vaters gefahren. Er war meistens dort, während seine Mitarbeiter auf den Baustellen waren. Papierkram fiel ja genug an. Den erledigte er immer. Meistens mit meiner Mutter zusammen. Als ich auf den Hof gekommen bin, habe ich gesehen, dass sein Auto da ist. So wusste ich, dass er auf jeden Fall in der Firma war. Als erstes bin ich ins Büro gegangen. Aber da habe ich ihn nicht gefunden. Ich habe das ganze Gelände nach ihm abgesucht und immer wieder gerufen. Gefunden habe ich ihn aber nicht.“ Marvin machte eine Pause. Sandra blieb einfach still und hörte ihm zu. Sie konnte sich denken, dass es für ihn nicht gerade einfach war, darüber zu sprechen. „Irgendwann bin ich dann hinter die Halle gegangen. Und da…“ Marvin sprach nicht weiter. Ihm liefen die Tränen aus den Augen. Sandra überlegte kurz, ob sie etwas sagen sollte, um es ihm zu erleichtern. Irgendwann ergriff sie dann das Wort, da Marvin nicht weiter redete.
„Und da hast du ihn dann gefunden…“
Marvin nickte. Dann wischte er sich die Tränen aus dem Gesicht.
„Mit einem Strick um den Hals oben am Balken angebunden…“
Geschockt sah Sandra ihn an. Das hatte sie nicht erwartet. Marvins Vater hatte sich umgebracht? Aber wieso? Wie kam ein Mensch auf so etwas? Vor allem, wenn er eine Familie hatte.
„Er hat sich umgebracht?“
Jetzt nickte Marvin.
„Und du hast ihn gefunden?“
Wieder nickte er.
„Oh Marvin… Das… Also… Das tut mir so leid für dich…“
„Schon gut. Ist ja jetzt Jahre her.“
„Trotzdem! Wie… Also wie kommt man mit sowas klar?“
Marvin zuckte mit den Schultern.
„Keine Ahnung. Irgendwie hat es wohl funktioniert.“
„Hat dir jemand geholfen?“
Er nickte.
„Als ich meinen Vater da so gesehen habe, bin ich einfach nur noch gerannt. Anscheinend habe ich auch geschrien. Das haben zumindest die Leute gesagt, die mich aufgegabelt haben. Weil ich nur geweint und geschrien habe, haben die dann die Polizei und den Rettungswagen gerufen. Gesagt habe ich nichts, bis einer der Polizisten in Ruhe mit mir gesprochen hat. Dem habe ich dann gesagt, dass mein Vater tot ist. Nachdem sie gefragt haben, wo er ist und ich es ihnen gesagt habe, sind sie hin. Alles was danach passiert ist weiß ich nicht so genau. Nur, dass ich ins Krankenhaus gekommen bin und einen Psychologen bekommen habe. Der hat sich dann ein paar Jahre um mich gekümmert. Ich weiß nicht, ob ich ihn gebraucht hätte, aber geschadet hat es nicht. Meiner Mutter ging es erst wieder besser, als das mit der Firma alles geregelt war. Vorher hatte sie zu viel Angst, dass wir es finanziell nicht schaffen ohne meinen Vater. Na ja und seitdem sie Uwe hat, geht es ihr eigentlich wieder richtig gut. Vor einem halben Jahr sind wie zu ihm gezogen. Unser Haus haben wir jetzt vermietet.“
Sandra war sprachlos. Mit einer solchen Geschichte hatte sie im Leben nicht gerechnet. Marvin tat ihr auf einem richtig leid. Jetzt war er für sie nicht mehr das arrogante und überhebliche Arschloch. Jetzt tat er ihr einfach nur noch leid. Bis darauf, dass er regelmäßig seine Freundin betrog. Dafür hatte Sandra ihn immer noch, auch wenn sie seine Freundin noch nie gesehen hatte. Eigentlich war es ja schon ein Wunder, dass er so normal war, dass er keinen wirklichen Schaden erlitten hatte. Immerhin hatte er seinen Vater nach dessen Selbstmord gefunden.
„Ich wünsche niemandem, dass er sowas jemals erleben muss…“, murmelte Marvin dann.
„Das verstehe ich…“
Eine Weile saßen die beiden noch schweigend nebeneinander.
„Ich glaube, ich gehe jetzt mal nach Hause. Feiern will ich jetzt auch nicht mehr und sie anderen sind ja schon eine ganze Zeit lang verschwunden.“, sagte Marvin irgendwann.
Sandra nickte.
„Ich auch.“
„Wollen wir uns ein Taxi teilen? Wir müssen ja in die gleiche Richtung.“
„Können wir machen.“
Im Taxi setzten sie sich beide nach hinten.
„Tut mir leid, wenn ich manchmal ein Arsch war und dir auf die Nerven gegangen bin.“
„Kein Ding. Ist schon in Ordnung. Eigentlich kann man ja froh sein, dass du so normal bist, nachdem was du erlebt hast.“
„Danke.“, sagte Marvin und lachte dabei.
„Das war nicht böse gemeint. Ich meinte nur…“
„Schon gut. Hast ja irgendwie Recht. Vor allem, was die anderen angeht. Mir ist eben erst richtig bewusst geworden, dass ich denen immer alles bezahlte. Anscheinend habe ich mir meine Freunde einfach gekauft und darauf musstest auch noch du mich aufmerksam machen.“
„Ist scheiße, wenn man so ‚ne Erkenntnis macht…“
„Das kannst du laut sagen. Allerdings hat mir auch noch nicht einer von denen so zugehört, wie du. Danke.“
Irritiert sah Sandra ihn an. „Wofür?“
„Für’s zuhören. Das hat lange keiner mehr gemacht.“
„Auch deine Freundin nicht?“
„Hab keine…“
„Wie? Aber du…“ Marvin unterbrach sie.
„Ich weiß, dass ich das immer erzähle. Es gibt und gab nie eine Freundin. Ich bin einfach beziehungsunfähig. Und das wahrscheinlich aus genau den Gründen, die du mir genannt hast.“
„Warum erzählst du dann, dass du eine Freundin hast?“
„Keine Ahnung. Vielleicht, damit ich meine Ruhe habe oder so.“
Sandra schüttelte lachend den Kopf.
„Was ist?“
„Nichts. Ich habe nur die ganze Zeit immer an deine Freundin gedacht, wenn du mal wieder ein Weib abgeschleppt hast. Sie tat mir einfach verdammt leid. Und das, obwohl ich sie nicht mal kannte.“
„Na ja, konntest sie ja auch nicht kennen. Es gibt sie immerhin gar nicht.“
Jetzt hielt das Taxi vor dem Haus von Sandras Eltern. Als Sandra Geld aus ihrem Portmonee holen wollte, stoppte Marvin sie.
„Lass mal. Ich übernehm‘ das.“
„Nein. Das will ich nicht. Ich kann meine Sachen selber bezahlen.“
„Die anderen haben sich auch immer von mir aushalten lassen.“
„Ich bin aber nicht die anderen.“
„Nein. Das bist du nicht, denn du hast mir heute zugehört. Also hast du es dir verdient, dass ich das Taxi alleine bezahlte. Sieh es einfach als keines ‚Danke‘“
Sandra nickte nur, bedanke sich bei Marvin und stieg dann aus dem Taxi und verschwand in ihrem Elternhaus.

Dieser Discobesuch hatte Sandras Leben komplett verändert. Sie sah Marvin nun mit anderen Augen. Aber auch Marvins Leben hatte sich danach gewendet. Er hatte keinen Grund mehr etwas gegen Sandra zu haben, da sie nun auch nicht mehr so abweisend auf ihn reagierte. Sandra ignorierte ihn seitdem nicht mehr, wenn sie sich mit den anderen trafen und beide anwesend waren. Jetzt konnten sie sich sogar ab und zu miteinander unterhalten. Nach einigen Wochen verstanden die beiden sich sogar richtig gut. Sie hatten gemeinsame Interessen entdeckt und trafen sich nun auch hin und wieder zu zweit. Unabhängig von einander bemerkten sie, dass der jeweils andere ihnen wichtig war. Langsam hatten sie Gefühle für den anderen entwickelt. Allerdings wollte noch keiner von beiden dazu stehen. Erst, als sie beide betrunken auf einem Geburtstag waren und Marvin sie danach einfach mit zu sich Nachhause nahm, kamen sie sich näher. Allerdings ereilte sie am nächsten Morgen dann der Schock. Als Sandra aufwachte, bemerkte sie als erstes, dass sie nicht in ihrem Zimmer lag und auch nicht in dem, von ihrer besten Freundin, bei der sie eigentlich hatte schlafen wollen. Dann bemerkte sie, dass sie nicht alleine in dem Bett lag. Ihr Kopf lag auf einer Brust und ein Arm war um sie gelegt. Langsam und vorsichtig löste sie sich von demjenigen. Als sie sah, wer es war, bekam sie einen noch größeren Schock. Es war Marvin. Noch bevor sie sich fragen konnte, was sie hier machte und warum, wurde auch Marvin wach. Auch Marvin war leicht geschockt, als er sah, dass Sandra ebenfalls in seinem Bett war. Allerdings konnte er sich nach einer kurzen Orientierungsphase wieder an die letzte Nacht erinnern. Ganz im Gegensatz zu Sandra.
„Warum bin ich hier?“, fragte sie etwas ängstlich.
„Sieht so aus, als hättest du hier geschlafen.“, war Marvins trockene Antwort.
„Ja, aber warum?“
„Ähm, wahrscheinlich, weil du es so wolltest?“
„Glaube ich nicht!“
„Meinst du, ich habe dich betäubt und dann hierher verschleppt?“
„Nein. Aber…“
„Keine Angst. Es ist nichts passiert.“
Sandra hob vorsichtig die Decke an und sah ihren Körper an. Sie trug ein T-Shirt, das ihr viel zu groß war und ihren Slip. Ansonsten nichts.
„Sandra, wir haben nicht miteinander geschlafen.“
Sie war erleichtert, als er das sagte.
„Dann ist ja gut.“
Sie wollte aufstehen, wurde allerdings von Marvin zurückgehalten.
„Hey! Ich würde nie etwas tun, was du nicht willst.“
„Woher soll ich denn wissen, was ich letzte Nacht wollte?“
Marvin seufzte.
„Letzt Nacht hätte ich sowieso nicht mit dir geschlafen, da warst du viel zu betrunken.“
„Das interessiert dich doch sonst auch nicht.“
„Ja, das stimmt. Aber das ist was anderes. Sonst sind das einfach irgendwelche Weiber. Das kannst du nicht vergleichen. Vor allem nicht, weil ich weiß, dass du noch Jungfrau bist.“
Geschockt sah sie ihn an.
„Woher weißt du das?“
„Du hast es mal zu den Mädels gesagt und ich habe es mitbekommen.“
Sandra löste sich aus seinem Griff, stieg aus dem Bett und wollte sich anziehen, damit sie nach Hause konnte.
„Würdest du dich bitte kurz wegdrehen, damit ich mich anziehen kann?“
„Hat dich letzte Nacht auch nicht gestört.“, antwortete Marvin frech.
„Da war ich betrunken, jetzt bin ich es nicht und jetzt stört es mich!“
„Okay…“, sagte er genervt und drehte sich um.
Sandra zog sich, so schnell sie konnte, an.
„Ich gehe jetzt. Wir sehen uns dann.“, sagte sie, bevor sie zur Tür ging.
Marvin sprang sofort aus seinem Bett und hielt sie erneut am Handgelenk fest.
„Ich fand es schön gestern Abend. Also mit dir. Und auch, dass du bei mir geschlafen hast.“
Sandra verstand nicht so genau, was Marvin von ihr wollte, bis er sich zu ihr herunterbeugte und sie küsste. Erschrocken wich Sandra von ihm zurück. Aber Marvin ließ sich davon nicht irritieren und auch nicht von seinem Vorhaben abbringen. Immerhin hatte er sie in der vergangenen Nacht schon oft genug geküsst. Daran schien Sandra sich allerdings auch nicht mehr zu erinnern. Also packte er mit beiden Händen ihren Kopf fest, damit sie nicht mehr zurückweichen konnte, und küsste sie erneut. Sandras Gefühle fuhren gerade Achterbahn. Sie mochte Marvin, das hatte sie in den letzten Wochen immer mehr bemerkt. Ebenso hatte sie bemerkt, dass sie ihm mehr mochte, als nur irgendeinen Freund. Und dieser Kuss gerade, fühlte sich einfach zu gut an. Nachdem sie ihre Gedanken etwas sortiert hatte, erwiderte sie den Kuss. Irgendwann lösten die beiden sich atemlos voneinander und sahen sich an.
„Geh nicht… Bleib hier…“, hauchte Marvin ihr entgegen.
Sandra schüttelte nur den Kopf. Sie musste sich gerade erst einmal über das klar werden, was sie empfand und war hier gerade passiert war.
„Ich kann nicht…“
„Doch! Du kannst!“
„Nein. Es tut mir leid.“
Dann verschwand sie blitzschnell aus Marvins Zimmer und rannte aus dem Haus.
„SCHEISSE!“, fluchte Marvin laut.
Sandra lief auf dem schnellsten Weg nach Hause. Dort verkroch sie sich sofort in ihr Zimmer. Sie brauchte Ruhe, damit sie nachdenken konnte. Ihr schwirrten eine Menge Fragen im Kopf herum. Warum hatte Marvin sie geküsst? Warum war sie überhaupt mit zu ihm gegangen? Was empfand sie für ihn? Waren da vielleicht auch von seiner Seite aus irgendwelche Gefühle? Aber wenn, warum? Die Mädchen, die Marvin sonst hatte, warum so ganz anders als sie. Vor allem waren sie hübscher. Sandra zerbrach sich den Kopf. Aber sie kam zu keinem Ergebnis. Und eigentlich wusste sie auch, dass die meisten Fragen nur Marvin beantworten konnte.
Marvin hatte sich in der Zwischenzeit ebenfalls angezogen und war nun mit seinem Auto unterwegs zu Sandra nach Hause. Erst hatte er überlegt, was er machen sollte. Aber dann war es ihm klar gewesen. Er musste mit ihr reden und das so schnell, wie möglich. Der Kuss zwischen ihnen war wunderschön gewesen und er hatte so viel in Marvin ausgelöst. Deshalb gab es für ihn nur den einen Weg und er war eben, dass er sofort zu Sandra fuhr. Als er an dem Haus ankam, indem sie mit ihren Eltern und ihrer Schwester lebte, zögerte er noch einen kurzen Moment. Doch dann stieg er aus und klingelte. Eine Frau, die in etwa im Alter seiner Mutter war, öffnete ihm die Tür.
„Kann ich dir weiterhelfen?“
„Ich würde gerne zu Sandra.“
„Moment.“ Dann drehte Sandras Mutter sich um und rief nach ihrer Tochter. „SANDRA!“
Sandra fragte noch während sie die Treppe herunter kam nach, was denn los sei, entdeckte aber dann Marvin, der vor der Tür stand.
„Besuch für dich!“
Sandras Mutter ging wieder ins Innere des Hauses und Sandra kam zur Tür.
„Was machst du hier?“
„Ich würde gerne mit dir reden.“
„Worüber?“
„Über das vorhin? Oder die letzte Nacht? Oder alles? Keine Ahnung, such die was aus. Von mir aus auch über alles.“
Sandra seufzte.
„Marvin…“
„Nein!“, unterbrach er sie. „Hör mir zu! Das zwischen uns, das ist etwas Besonderes. Das ist nicht nur einfache Freundschaft.“
„Was willst du damit sagen?“
„Dass es sein könnte, dass ich mich vielleicht so ein kleines bisschen in dich verknallt habe.“
Sandra runzelte sie Stirn und starrte Marvin an.
„Sandra, ich habe dich nicht einfach nur so geküsst.“
„Marvin, das… Ach keine Ahnung. Ich weiß nicht, was ich dazu sagen soll. Ich weiß nur, dass ich so gar nicht so bin, wie die Mädels, die du sonst so hast. Ich sehe schon ganz anders aus, bin nicht so hübsch und bin noch Jungfrau.“
„Was interessieren dich die anderen Weiber? Natürlich bist du nicht wie die. Du bist besser! Und wer redet dir ein, dass du nicht so hübsch bist?“
„Es ist nun mal so…“
„Das ist Ansichtssache. Und ich finde es überhaupt nicht schlimm, dass du noch Jungfrau bist. Mensch Sandra! Du bist gerade mal 16! Was erwartest du? Sei doch stolz darauf, dass du anders bist, als diese Schlampen.“
„Was soll das werden, Marvin?“
„Ich versuche dich von mir zu überzeugen.“
Sandra seufzte.
„Lass es lieber. Es funktionier sowieso nicht.“
„Woher willst du das wissen? Lass es uns ausprobieren. Wir können es ganz langsam angehen. Machen erst einmal so weiter, wie bisher auch. Wir treffen uns, unternehmen was zusammen, haben einfach Spaß zusammen. Was meinst du?“
„Okay…“, seufzte Sandra und gab sich somit geschlagen.
Eigentlich störte es sie ja nicht, was Marvin gesagt hatte. Aber sie konnte es einfach nicht so ganz glauben, dass ausgerechnet er Interesse an ihr hatte. Er, der Kerl, dem immer und andauernd alle Mädels hinterherliefen.
„Allerdings fände ich es toll, wenn wir noch eine Sache zu unseren Aktivitäten hinzunehmen könnten.“
„Und das wäre?“, fragte Sandra nach.
„Das hier.“, sagte Marvin einfach nur und küsste sie dann.
Als sie sich wieder von einander lösen, sah Sandra zu ihm hoch.
„Könnte ich mich dran gewöhnen“, sagte sie grinsend zu ihm.
„Super! Dann sehen wir uns Morgen?“
„Bestimmt.“
Die beiden verabschiedeten sich und Sandra schloss die Haustür hinter sich. Sie wollte gerade wieder nach oben gehen, als sie von ihrem Vater aufgehalten wurde.
„Wer war das?“
„Marvin. Warum?“
„Ist er dein Freund?“
„Keine Ahnung. Weiß ich noch nicht. Aber ich werde es euch sicherlich mitteilen, wenn ich es weiß.“
„Wer nicht frech! Wie alt ist der Kerl?“
Sandra stöhnte genervt auf.
„Sandra, ich will wissen, wie alt er ist!“
„18.“
„18? Ein bisschen alt, findest du nicht?“
„Nein. Es sind zwei Jahre. Mama ist fast fünf Jahre jünger, als du.“
„Das ist was komplett anderes! Mama war keine 16, als wir uns kennen lernten!“
„Ich war auch keine 16, als ich Marvin kennen gelernt habe. Stell dir vor, wir kennen uns schon länger.“
„Ich habe dir gesagt, du sollst nicht frech werden! Das hier ist ein ernstes Thema!“
Nun mischte sich auch Sandras Mutter ein. Sandra war erleichtert, dass ihre Mutter sie aus dem Verhör befreien wollte.
„Jetzt lass deine Tochter mal in Ruhe! Du wirst schon noch alle früh genug erfahren!“
„Meinst du?“
„Ja, das meine ich. Sandra, verschwinde. Mit deinem Vater beschäftige ich mich jetzt erst einmal.“
„Danke Mama!“
Dann verschwand Sandra wieder die Treppe nach oben und verzog sich in ihr Zimmer.
Marvin war nach dem Besuch bei Sandra mehr als glücklich. Er fand, dass er mehr als erfolgreich war. Sandra schien ebenfalls etwas für ihn zu empfinden. Vielleicht würde es mit ihr endlich mal klappen und er würde eine vernünftige Freundin bekommen. Bis jetzt hatte er noch nie eine wirkliche Beziehung geführt. Entweder waren es nur kurze Bettgeschichten gewesen oder keine ernsthaften Beziehungen. Wirklich verliebt gewesen war Marvin nie. Aber jetzt hatte er das Gefühl, dass Sandra die Richtige war.
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