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Wege des Schicksals: Wie alles begann...

von NyNy
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
 Urahninnen der Hexen Darcy Icy Stormy Trix
28.07.2020
11.10.2020
3
19.506
7
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11.10.2020 9.205
 
Tut mir leid, dass der Upload so spät kommt – die Deadlines für die letzten zwei Hausarbeiten kamen dann doch irgendwie schneller näher als erwartet und ich musste ein paar Notfallschichten einlegen, um alles rechtzeitig zu schaffen. Ich hoffe, das Kapitel entschädigt wenigstens für die lange Wartezeit. Auf meinem Profil gebe ich übrigens hin und wieder mal Updates, wie weit ich mit den Kapiteln bereits bin, also könnt ihr euch dort zumindest einen groben Überblick verschaffen, falls es mal wieder später wird.
Viel Spaß beim Lesen! ♪



Ungefähr anderthalb Jahre nach Icys Magieentdeckung.



Stormys Kaugummiblase platzt mit einem lauten Knall, als sie gelangweilt auf der Bank vor ihrem Klassenzimmer sitzt und darauf wartet, dass die Erwachsenen darin endlich aufhören, sich ihretwegen anzuschreien. Missmutig schält sie sich die klebrigen Reste vom Gesicht, um sofort die nächste Blase zu formen, so lang zumindest noch ein bisschen von dem Kirschgeschmack übrig ist.
Sie ist sich nicht sicher, ob Miss Mileya, ihre Klassenlehrerin, weiß, dass sie hier draußen fast jedes Wort verstehen kann. Bei der Lautstärke, die sie an den Tag legt, ist es allerdings auch nicht weiter verwunderlich.
Zu viel – schaffe das nicht mehr – schwererziehbar – Schulwechsel, bitte! – jede Woche nachsitzen – furchtbar anstrengend – nichts hilft – Stormy hört all das nicht zum ersten Mal aus Miss Mileyas Mund, aber, wie sie mit einem leichten Grinsen feststellt, so sehr geschrien hat sie dabei noch nie.
Die Neunjährige streckt sich, spuckt den Kaugummi achtlos auf den Boden und gähnt ausgiebig. Es fühlt sich an, als würde sie hier schon stundenlang rumsitzen, und langsam aber sicher wird es ihr zu langweilig, den verschiedenen Stimmen zu lauschen, die über sie sprechen, als säße sie nicht direkt vor der Tür. Vielleicht hätte sie die Gelegenheit nutzen und abhauen sollen, als Mr. Alvar sich in Richtung der Lehrertoilette entfernt hat – natürlich nicht, ohne ihr einzuschärfen, sie solle sich keinen Zentimeter von der Stelle rühren, sonst würde er sie sogar über die anstehenden Herbstferien nachsitzen lassen.

Er sollte mittlerweile eigentlich wissen, dass sie sich von so etwas nicht einschüchtern lässt.

Schwungvoll springt sie von der Bank auf und klettert, ohne einen Blick zurückzuwerfen, geübt auf das Treppengeländer. Sie wirft einen kritischen Blick auf die abgenutzten Stufen, zu deren Verdreckung sie erst vor ein paar Wochen maßgeblich beigetragen hat, als sie in einem Wutanfall schmutziges Tafelwasser über ihnen ausgekippt hat – fast glaubt sie, die Schlieren der Kreidespuren noch immer auf dem grauen Stein erkennen zu können, obwohl die Treppe natürlich noch am gleichen Tag gründlich gesäubert wurde.
Was auf jeden Fall auch jetzt noch gut sichtbar ist, ist der rechteckige Abdruck an der mit Bildern behangenen Wand, den der schimmlige Tafelschwamm, den sie dem Wassereimer hinterhergepfeffert hat, hinterlassen hat. Schade war es wirklich nicht um die Bilder der zwei blöden Tussis, bei denen sich jetzt das Papier wellt und von denen ein sehr unangenehmer Geruch ausgeht, findet Stormy – die waren schließlich sowieso hässlich. Und hätte sie ihr eigenes Werk getroffen, hätte sie das auch nicht weiter gestört.
Miss Mileya hat sie nur kurz verzweifelt angesehen, als sie, durch das Rumpeln alarmiert, aus dem Klassenraum gerannt kam, bevor sie alle Hände voll zu tun damit hatte, die beiden heulenden Mädchen zu trösten... aber eine Strafe hat Stormy am Ende natürlich trotzdem bekommen. Dafür ist anscheinend immer Zeit.
Immerhin musste sie seitdem keinen Tafeldienst mehr machen. Wenigstens das.

Kurz schüttelt die Neunjährige den Kopf und konzentriert sich wieder auf das Geländer, auf dem sie sitzt. Sie zieht sich noch ein Stück weiter hoch, um Schwung zu holen – vielleicht schafft sie es ja heute, ihren Rutschrekord zu brechen, wenn niemand da ist, der versuchen könnte, sie runterzu—
„STORMY!“
Die donnernde Stimme, die ihr von hinten entgegenschallt, lässt sie erst zusammenfahren und dann straucheln – sie kann gerade noch ihr linkes Bein zwischen die Gitterstäbe rammen um sich zu stabilisieren, als sie auch schon am Arm gepackt und unsanft vom Geländer gezogen wird. Fauchend und kratzend wehrt sie sich gegen Mr. Alvars stahlharten Griff, aber leider kennt der Aufsichtslehrer sie gut genug, um sich davon nicht beirren zu lassen. Mit einem dumpfen Knall befördert er sie zurück auf die Bank, auf der sie ursprünglich warten sollte, ungeachtet ihrer lautstarken Proteste, und hält sie für einen Moment dort fest – bevor er in der Bewegung erstarrt und angewidert zu Boden schaut.
Stormy folgt seinem Blick und beobachtet, wie er angeekelt seinen Schuh anhebt, an dem nun die kläglichen Überreste ihres Kirschkaugummis kleben – und ist dadurch zumindest soweit versöhnt, dass sie aufhört, sich gegen seinen Griff zur Wehr zu sitzen und stattdessen frech zu grinsen beginnt, sobald sie den mühsam unterdrückten Zorn in seinen Augen aufflammen sieht.
„Habe ich dir nicht gesagt, du sollst da sitzen bleiben?!“, zischt ihr Lehrer sie mit kaum gebremster Wut an, was Stormy nur mit einem Schnauben und dem provokanten Herausstrecken ihrer Zunge quittiert. Mr. Alvar sieht aus, als wolle er noch ordentlich etwas hinzufügen – doch dann lässt er abrupt von ihr ab. Das Mädchen braucht einige Sekunden, um zu verstehen, wieso; normalerweise lässt sich keiner ihrer Lehrer so einfach von einer Moralpredigt abhalten (und sie muss es wissen, sie hat sie alle schon doppelt und dreifach gehört), doch als sie das beherrschte Seufzen ihres Vaters hinter sich vernimmt, dreht sie ihren Kopf zur Seite und erblickt ihre Eltern an der Seite von Miss Mileya und der neuen Schuldirektorin, deren Namen sie sich aus reinem Trotz noch nicht gemerkt hat. Alle vier Augenpaare sehen sie strafend an, doch zumindest ihre Mutter und Miss Mileya sehen zu müde aus, als dass sie noch weiter diskutieren wollen würden.

Erwartungsvoll legt Stormy den Kopf schief. Die Stille scheint zum Zerreißen gespannt.
„Nun, Stormy“, beginnt die Direktorin und rückt sich ihre schnörkelige lila Oma-Brille zurecht, „wie es scheint, wirst du vorerst weiterhin auf der Schule bleiben dürfen. Allerdings…“
Sie wirft Miss Mileya, deren Gesicht bei ihren Worten noch weiter eingefallen ist als vorher, einen Blick zu, bevor sie sich wieder Stormy zuwendet: „… hast du bis zum Ende des Halbjahrs jeden Tag Hofdienst. Mr. Alvar wird das persönlich überwachen. Haben wir uns verstanden?“
Die Neunjährige verzieht unwillig den Mund und verschränkt die Arme. Nur das warnende Funkeln in den Augen ihres Vaters hält sie davon ab, zu protestieren – er hat schon vor der Konferenz heute gedroht, ihr ihren heißgeliebten Gameboy wegzunehmen, wenn sie sich noch weiter danebenbenehmen sollte, und aktuell sieht er eindeutig so aus, als würde er diese Drohung wahrmachen, wenn sie jetzt für Krawall sorgt.
Sie ist zwar nicht begeistert von dem Gedanken, jeden Tag nach dem Unterricht die nassen Herbstblätter einzeln vom Boden picken zu müssen – aber sie ist auch nicht dumm genug anzunehmen, dass ihre Proteste irgendetwas bringen würden. Im Gegenteil: vermutlich würden sich die Erwachsenen nur darin bestätigt fühlen, dass das genau die richtige Arbeit für sie ist.
Und so murrt sie nur ein „Okay“ durch zusammengebissene Zähne, lässt sich missmutig von ihrem Vater an die Hand nehmen und zischt ihren Lehrern noch ein eher minder höfliches „Bis morgen“ entgegen, bevor sie sich mit ihren Eltern aus der Schule entfernt.
(Natürlich nicht, ohne auf dem Weg hinaus noch einmal unauffällig gegen das Schultor zu treten. So viel Zeit muss sein.)



„Weißt du eigentlich, wie knapp du an einem Schulverweis vorbeigerasselt bist, junge Dame?!“
Eigentlich hätte sie sich denken können, dass der Teil des Tages, an dem sie sich Geschrei anhören muss, noch nicht vorbei ist, aber Stormy sitzt trotzdem schmollend und demonstrativ aus dem Fenster guckend auf dem Rücksitz, während ihr Vater ihr vom Fahrersitz aus eine Strafpredigt hält und gleichzeitig in einem Tempo die Straßen navigiert, bei dem ihre Mutter normalerweise schon längst protestiert hätte, würde sie sich nicht genauso aufregen wie er. Wenigstens haben sie es mittlerweile geschafft, sich beim Brüllen abzuwechseln, denn die ersten paar Minuten der Fahrt hätte Stormy ihre Worte nicht mal verstanden, wenn sie sich tatsächlich angestrengt hätte, sie auszumachen.
„Du kannst nicht einfach anderen Kindern ihre Sachen wegnehmen, Stormy!“, fällt ihre Mutter nun aufgebracht ein. „Und sie erst recht nicht verprügeln! Du weißt genau, dass Miss Phoebe schon mehr als einmal ein gutes Wort bei Miss Mileya für dich eingelegt hat, sonst hätten sie dich spätestens jetzt von der Schule geworfen.“
Miss Phoebe soll für sie ein gutes Wort eingelegt haben? Stormy schnaubt leise und pustet sich dabei eine störrische Locke aus dem Gesicht. Miss Phoebe hat genauso die Nase voll von ihr wie alle anderen Lehrer, davon ist sie überzeugt – schließlich hat Stormy ihr schon mehrfach ihre blöden Anti-Aggressions-Bälle durchs Büro geschmissen, wenn die ätzende Meditationsmusik ihr zu sehr auf die Nerven gegangen ist. Die Vertrauenslehrerin lächelt zwar auch dann noch immer, aber das überzeugt Stormy nur davon, dass die gute Dame nicht mehr alle Tassen im Schrank hat. Als ob ihre seltsamen Entspannungsübungen dafür nicht schon gereicht hätten…

„Tief eiiinatmen – und wieder ausatmen – spüre die Wut durch deine Fingerspitzen aus dir herausfließen und positive Energie hinein. Sei ganz entspannt. Schließ deine Augen. Stell dir vor, du bist auf einem Spaziergang im Wald—“
An diesem Punkt hat Stormy demonstrativ gewürgt und Miss Phoebe ärgerlich angeblitzt, aber diese hat sich nicht aus dem Konzept bringen lassen.
„Gehst du nicht gern in den Wald?“, hat sie lächelnd gefragt, als wäre das Stormys Hauptproblem mit ihrem dämlichen Geschwafel. Weil die Neunjährige nicht geantwortet hat, hat Miss Phoebe einfach zu der Musik mitgesummt und, als sie daraufhin Anstalten gemacht hat, den CD-Player mit einem der bereitliegenden Gummibälle zu torpedieren, mit einem einfachen Zauber einen dünnen Film über alle zerbrechlichen Gegenstände im Raum gelegt, welcher ihr Unterfangen sinnlos gemacht hätte.
Unnötig zu erwähnen, dass sie die Vertrauenslehrerin nicht leiden kann. Und da sie fast jeden zweiten Tag zu ihr geschickt wird, ist Stormy sich sicher, dass das auf Gegenseitigkeit beruht. Sicherlich würde auch Miss Phoebe sie gern auf einer anderen Schule sehen.
Und Stormy selbst hätte erst recht nichts dagegen.



Ihre Eltern schimpfen fast die ganze Heimfahrt über.
Und während des Aussteigens.
Und auf dem Weg zur Haustür – auf dem ihre Mutter mit einem eisernen Griff um ihren Arm jeglichen potentiellen Fluchtversuch sofort im Keim erstickt – auch.
Im Treppenhaus halten ihr Vater und ihre Mutter beide kurz ein, vermutlich der Nachbarn willen, aber sobald die Tür hinter Stormy zufällt, machen sie genau da weiter, wo sie aufgehört haben; sowohl inhaltlich als auch von der Lautstärke her.
Erst beim Abendessen hat sich die Stimmung zumindest soweit beruhigt, dass sie aufhört, sich demonstrativ die Finger in die Ohren zu stecken. Über dem Kartoffelbrei mit Bohnen lässt sie sich eindringlich einschärfen, dass sie sich bis zum Ende des Halbjahres keine Vergehen mehr leisten solle, sonst werde sie an ihrem Geburtstag in ein paar Monaten komplett leer ausgehen, was Geschenke oder sonstige Vergnügen angeht. Ach, und eine Woche Gameboyverbot hätte sie auch, gültig ab sofort. Augenrollend hat sie sich einen weiteren Löffel Kartoffelpampe in den Mund gesteckt und sich, sobald sich der Teller endlich ausreichend geleert hatte, sofort in ihr Zimmer verzogen.
Am liebsten würde sie absichtlich extra laut die Tür hinter sich zuschlagen, aber da seit ihrem letzten heimischen Wutanfall Polsterungen zwischen Tür und Rahmen angebracht wurden, wäre das ein genauso sinnloses Unterfangen wie zu versuchen, sich mit Miss Phoebe zu streiten. Oder gegen die Wand zu boxen. Hat Stormy alles schon probiert, es bringt wirklich gar nichts. Da kann sie ihre Energie lieber darauf verwenden, darüber nachzudenken, wie viel besser ihr Leben sein wird, wenn sie endlich ihre Magie entdeckt.



Sie weiß noch genau, wie sie zum ersten Mal seit Wochen im Unterricht die Ohren gespitzt hat, als gegen Ende des letzten Schuljahres das Thema „Magieindikatoren“ angesprochen wurde. Vorher hat sie kaum hingehört, aber sie hat zumindest mitbekommen, dass wohl irgend so eine Streberin aus einer der anderen Grundschulen schon mit acht Jahren ihre Magie entdeckt hat und ein riesiger Aufriss darum gemacht wurde. Anscheinend wurden sogar ihre Eltern für eine lokale Zeitung interviewt oder so – dieses übertriebene Gewese hat Stormy natürlich nicht die Bohne interessiert, aber durch dieses Mädchen wurde immerhin die Stunde zur Magiefindung vorgezogen und sie konnte ein paar nützliche Informationen sammeln.
Aus einer spontanen Eingebung heraus kramt sie ihr zerfleddertes grünes Magische Theorie-Heft hervor, um sich die Liste anzusehen, die sie an diesem Tag von der Tafel abgeschrieben und sogar – für ihre Verhältnisse schon ekelhaft vorbildlich – mit ihren eigenen Anmerkungen versehen hat. Selbstverständlich kann sie diese längst auswendig, aber es ist immer schön, ihre eilig hingeschmierten Notizen noch mal anzusehen, um sicherzugehen, dass sie Recht hat und es bis zu ihrer eigenen Magieentdeckung nicht mehr lange hin sein kann.

1.
Im Alter von zwölf bis vierzehn Jahren beginnen die meisten magischen Wesen, Veränderungen an sich festzustellen. Ein plötzliches Kribbeln in den Fingerspitzen, das Gefühl von Leichtigkeit vor dem ersten Schweben – all diese Dinge können Anzeichen dafür sein, dass die Magieentdeckung bevorsteht.


Weil so viele schwierige Wörter in der Erklärung vorkommen, hat Miss Mileya sie nicht wie sonst nur einmal vorgelesen, sondern auch nach den schweren Wörtern pausiert und einige davon sogar von einer der blöden Kühe, deren Bilder Stormy mit dem Tafelschwamm torpediert hat, buchstabieren lassen, obwohl sie schon gut sichtbar an der Tafel standen. Zu diesem Zeitpunkt hat Stormy selbst ihre Faust um den Bleistift geschlossen, mit dem sie geschrieben hat, und mit sich gerungen, um nicht die Zähne zu fletschen. Das hieß gar nichts! Nur, weil ihr nicht dauernd die Finger einschlafen oder ihr seit dem einen Mal, als ihr ein Basketball gegen den Kopf gedonnert wurde, nicht mehr schwindlig war, heißt das nicht, dass sie nicht trotzdem in naher Zukunft ihre Kräfte aktivieren wird. Dementsprechend hat sie nur ein harsches Bald! unter den ersten Punkt geschrieben und dabei so fest aufgedrückt, dass an einer Stelle das Papier eingerissen ist.

2.
Oft ist ein gesteigertes Interesse an Magie und Magieausübung ein Zeichen dafür, dass die magische Energie kurz vor ihrer Entfaltung steht.


Dieser Teil trifft hingegen voll und ganz auf sie zu. Spätestens seit dem ersten Halbjahr der zweiten Klasse ist Magische Theorie das einzige Fach, das sie auch nur ansatzweise interessiert, und daher auch das einzige, in dem sie eine Zwei hat. „Es wäre eine Eins, Stormy“, tadelt Miss Mileya immer, „aber dein Heft ist einfach zu unordentlich.“
Weil Noten ihr eh egal sind, hat Stormy das mit einem Schnauben hingenommen – und irgendwo hat Miss Mileya ja auch Recht, das muss sie selbst zugeben. Vor allem, da sie diesen zweiten Satz so schief in den vorgegebenen Zeilenrahmen geschrieben hat, dass sie noch genug Platz hatte, um drei dicke Ausrufezeichen über die letzten paar Wörter zu malen.
Sie war in dem Moment nur überrascht, dass ihre Lehrerin wohl vergessen hatte, dass sie einmal spontan ihrem ehemaligen Sitznachbarn dessen Mäppchen über den Kopf gezogen hat, als der sich Saft übergeschüttet und damit die Melderunde zu den mächtigsten Hexen, Feen und Zauberern der Magischen Dimensionen unterbrochen hat. Aber vielleicht liegt das daran, dass auch die anderen das Thema gut fanden, es hat nämlich niemand protestiert, als Miss Mileya nur per Zauber Gregorys T-Shirt gereinigt, diesen mitsamt seinen Sachen an einen anderen Tisch geschickt und Stormy ermahnt hat, sie solle sich zügeln, bevor sie einfach weitergesprochen hat, statt ihr eine schlechte Note für die Stunde einzutragen und sie noch zusätzlich für die verbleibende Zeit rauszuwerfen.
Normalerweise ist Stormys Klasse froh, wenn sie mal wieder zur Direktorin oder – noch schlimmer – zu Miss Phoebe geschickt wird, obwohl oder vielleicht gerade weil es niemand wagen würde, einfach mal mit seinem eigenen Mäppchen zurückzuschlagen. Und das nicht, weil Miss Mileya gerade guckt, es traut sich nie einer, das weiß Stormy genau, denn selbst in den seltenen Momenten, in denen keine Lehrkraft anwesend ist, versucht niemand, mit ihr Streit anzufangen. Zumindest seit der ersten Klasse nicht mehr, da kam das zumindest anfangs noch hin und wieder vor. Aber mittlerweile wissen es zumindest die Leute aus ihrer eigenen Klasse besser – in der Parallelklasse gibt es immer noch ein paar, die es nicht verstanden haben, doch auch denen wird Stormy schon noch beibringen, sich nicht mit ihr anzulegen.
Wie auch immer, diesmal wollten wohl alle wissen, welche wichtigen Magier es noch so gibt, denn keiner hat sich beschwert und alle saßen extra brav und still auf ihren Stühlen, um ja kein Wort zu verpassen. Außer Gregory, aber der hat nach der Saftdusche und der darauffolgenden Mäppchenklatsche den Rest der Stunde keinen Mucks mehr gemacht.
Besser so. Für ihn.

So oder so, wenn Interesse an Magie zu haben bedeutet, dass man auf dem richtigen Weg ist, dann kann sie eigentlich nur die Erste in ihrer Klasse sein, die zu ihrer Magie findet, denn so ungern sie normalerweise im Unterricht mitmacht – in Magischer Theorie ist sie immer die Erste, die mit ihren Aufgaben fertig ist, sie macht sogar manchmal ihre Hausaufgaben dafür und immer wenn Miss Mileya die Kreide von selbst die Tafel beschreiben oder die Bücher der Schüler mit Magie zuklappen lässt, beobachtet Stormy sie mit Argusaugen und übt, sobald sie zu Hause ist, heimlich die Bewegungen ein, die ihre Lehrerin dabei gemacht hat.
Sie wird zaubern lernen und nicht nur das – sie wird die Beste ihrer Klasse, ach was, ihrer Schule darin werden, und dann wird sie es allen zeigen!

3.
Schon vor der Magieentdeckung fühlen viele zukünftige Feen und Hexen eine Verbindung zur Quelle ihrer späteren Magie.


Diesen Punkt hat Stormy zweimal mit ihrem roten Filzstift umkreist – der einzige Filzstift in ihrem Besitz, der tatsächlich noch halbwegs funktioniert. Die anderen trocknen entweder in ihrem Mäppchen vor sich hin oder sind über kurz oder lang im Müll gelandet, weil sie sie durch den Klassenraum geworfen oder einmal sogar aus dem Fenster geschleudert hat.
Der Grund, warum sie besonders diesen Punkt so wichtig findet, ist, dass sie schon eine sehr gute Vorstellung davon hat, womit ihre Magie zu tun haben wird – und zig Beispiele, an denen sie das demonstrieren kann. Egal, ob ihre Eltern es hören wollen oder nicht – sie weiß, was sie erlebt hat, sie weiß, dass die von den meisten Leuten verhassten Gewitterwolken später Quelle ihrer Kraft sein werden. Anders lässt sich so vieles nicht erklären: dass sie ungeachtet der Windstärke niemals ins Straucheln kommt, wenn eine Böe sie erfasst, dass das Zucken der Blitze, das schon so manche ihrer Klassenkameraden zum Weinen gebracht hat, sie immer nur begeistert aufsehen und unter den lautstarken Protesten von Miss Mileya zum Fenster oder manchmal sogar auf den Schulhof rennen lässt… und natürlich das eine Mal, als ein besonders heftiges Gewitter gewütet hat, als sie auf dem Weg von der Schule nach Hause war und der Sturm sie von einer drohenden Gefahr weggelenkt hat.
Ihre Eltern können hundertmal behaupten, sie hätte sich das alles nur eingebildet; sie ist sich sicher, dass sie Recht hat.
Sie erinnert sich sehr genau.



Es war einer dieser Tage, an denen ständig gehetzte Erwachsene und quengelnde Kinder an ihr vorbeigerannt sind um dem Regen zu entkommen, der gnadenlos auf die Bürgersteige niedergepeitscht ist. Blitze sind fauchend mal hier, mal dort zwischen den Wolken aufgeleuchtet und ein ständiges, unheilvolles Donnergrollen hat jeden ihrer Schritte begleitet, als sie selbst seelenruhig durch die immer nasser werdenden Straßen gehüpft ist, keine Pfütze auf dem Weg auslassend.
Auch gestürmt hat es recht stark; der Wind hat einige der wilden Locken, die sich aus ihren Zöpfen gelöst hatten, regelrecht hin- und hergewirbelt, sehr zu Stormys Vergnügen. Munter hat sie ihre Schultasche an ihrem ausgestreckten Arm vor- und zurückschwingen lassen, ohne Eile, schließlich wollte sie nicht so schnell wie möglich nach Hause – besonders, da sich die sonst so gut besuchte Einkaufsstraße sichtlich geleert hat, weil alle außer ihr wegen des Sturms Unterschlupf in ihren Autos oder gleich den wolkenhohen Hochhäusern gesucht haben, die das Stadtzentrum umrahmen.

Ein besonders heller Blitz, der den Himmel vor ihr zu zerteilen schien, hat sie die Augen zukneifen lassen und der augenblicklich einsetzende Krach des Donners, der über sie niederging, verriet ihr, dass sich das Gewitter genau über ihr befinden musste. Mit einem ungewohnten Anflug von Ehrfurcht hat sie sich umgesehen und ist schließlich mitten auf dem Bürgersteig stehen geblieben. Um sie herum waren nichts als Schaufensterscheiben und einige der berühmten dunklen Seitengassen, von denen ihre Eltern ihr eingeschärft haben, sie solle sie unter allen Umständen vermeiden, es könnte ja jemand darin nur darauf warten, ein unbegleitetes Kind anzutreffen und so weiter und so fort.

Ein Windstoß hat sie aus ihren Gedanken gerissen – buchstäblich gerissen, er hat regelrecht an ihr gezerrt, etwas, das sie vorher noch nie erlebt hatte – und ihren Blick gen Himmel wandern lassen, dort, wo das Gewitter seinen Ursprung genommen hatte – und der Anblick, der sich ihr bot, hat selbst ihr überrascht den Mund offen stehen lassen.  
Über ihr haben sich die Wolken in einer endlosen Spirale ineinander verdreht und dabei ein schwarzes Loch mitten im Himmel geformt. Der Regen ist auf ihr Gesicht geprasselt während die fauchenden Sturmböen überall begannen Schaden anzurichten, als hätten sie nur darauf gewartet, dass sie den Blick endlich abwendet. Sie weiß noch, dass schräg hinter ihr eine Mülltonne umgefallen ist, die hat sie später noch gesehen, bevor…
Ein Blitz jagte den nächsten, das Donnergrollen schien nie abzureißen. Der Sturm tobte, als wolle er niemals wieder damit aufhören – als würde er nicht eher ruhen, bis die Stadt zerstört sei. Und doch…



Stormy weiß, dass ihre Eltern ihr bis hierhin alles geglaubt hätten – geglaubt haben. Schließlich hat jede Wetterstation der gesamten Magischen Dimension über diesen Sturm berichtet, er war noch tagelang in den Nachrichten. Es ist so viel Schaden entstanden, dass sie die Zahl, die die Reporterin zu den Kosten für die Reparatur genannt hat, noch nicht mal in der Schule gehört hat. Und dabei kann sie schon bis 1000 zählen!
Nein, dass es den Sturm gegeben hat, haben nicht mal ihre Eltern abgestritten. Was sie ihr jedoch bis heute nicht abnehmen, ist…



In der Ferne hat sie das Splittern von Glas gehört und kurz darauf das Schrillen einer Alarmanlage. Beides war beinahe lächerlich leise im Vergleich zum Tosen des Sturms, doch es hat sie dennoch aufhorchen lassen. Und gerade, als sie ihren Blick vom Himmel nehmen und die Geräuschquelle ausmachen wollte, ist es passiert.
Nur wenige Meter vor ihren Füßen ist ein Blitz in den Boden eingeschlagen. Erschrocken ist sie zurückgesprungen, aber es war, als würde sie gegen eine Wand prallen, eine unsichtbare Wand aus Wind. Und ebendiese Wand schob sie entschieden, obwohl sie sich zunächst zu wehren versuchte, über die menschenleere Straße, zwischen zwei geparkten Autos hindurch und auf die andere Straßenseite, genau in eine Seitengasse hinein. Das war der Moment, in dem sie über ihre Schulter geblickt und den Mülleimer fallen gesehen hat – danach hat der Wind, der ihr unerbittlich im Rücken saß, sie gezwungen, weiterzugehen, tiefer in die Gasse hinein.
Ihr Herz hat so laut geklopft, dass sie es sogar über das erneut eintretende Donnergrollen und den Lärm aus Stimmen, nein, Schreien, welcher aus der Richtung der Hauptstraße wie durch Watte zur ihr gedrungen ist, übertönt hat. Nicht, weil sie eine der Regeln gebrochen hat, die ihre Eltern für den Nach-Hause-Weg von der Schule aufgestellt haben – das wäre nun wirklich nicht das erste Mal – sondern weil sie nicht wusste, wie ihr geschah. Weil sie damals nicht wusste, ob der Sturm, der sie auch jetzt noch fasziniert, ihr etwas Schlechtes wollte; sie an einen Ort führen wollte, von dem sie nicht mehr zurückkommen können würde.
Probeweise hat sie versucht, sich an der schmutzigen Wand des Hauses, an dem sie vorbeigeführt wurde, festzuhalten, um vielleicht doch noch umzukehren und zurückzulaufen – aber ein erneuter Windstoß hat diesen Plan sofort wieder vereitelt und sie weiter in die Richtung gedrängt, in die sie unfreiwillig schon gelaufen ist. Oder eher gestolpert.
„Ist ja schon gut“, hat sie leise gemurmelt, obwohl sie damals wie heute nicht genau weiß, wen sie damit eigentlich angesprochen hat. „Ich komm ja schon mit.“

Seltsamerweise ist der Wind nach ihren Worten plötzlich weniger forsch geworden. Er ist ihr trotzdem gefolgt, während sie weitergetappt ist und schließlich endlich das Ende der Gasse erreicht hat. Wiedergefunden hat sie sich auf einer der Parallelstraßen, auf der auch bei sonnigem Wetter weniger los ist als auf der, die sie normalerweise nutzt.
Mit einem sanften Schubs hat die Windböe sie nach rechts geschoben und ist dann weiterhin hinter ihr geblieben, hat sie beharrlich durch die pitschnasse Straße geführt. Das Gewitter war zu diesem Zeitpunkt bereits dabei abzuflauen – am Horizont konnte sie die Sonne erkennen, die sich unerbittlich ihren Weg durch die dichten Wolken bahnte, und hat ärgerlich die Nase gerümpft. Zwar war sie in dem Moment auch ein bisschen sauer auf den Sturm, aber an sich wäre es ihr wirklich lieber gewesen, wenn es noch etwas länger gewittert hätte!

Die Böen haben sie bis zur Straßengabelung begleitet, an der sie rechts abbiegen musste, um wieder zurück auf ihren üblichen Heimweg zu kommen. Also, wirklich bis genau dorthin. Sobald sie einen Fuß auf den Zebrastreifen machte, schien der Wind, der sie bis hierher geschoben hatte, einfach zu verschwinden. Irritiert von dem plötzlichen Mangel an Antriebskraft ist sie erst einmal langsamer geworden und schließlich stehen geblieben – bis ihr eingefallen ist, dass „Du sollst niemals auf der Straße stehen bleiben“ tatsächlich mal eine Regel ist, an die sie sich halten sollte, und hastig zur anderen Straßenseite gelaufen ist.
Trotzdem konnte und wollte sie sich einen Blick zurück nicht verkneifen. Vielleicht hat sie auch nur jemand Unsichtbares verfolgt und sich einen Scherz mit ihr erlaubt – ihre Eltern sagen immer, dass alles möglich ist, und in diesem Punkt muss Stormy ihnen recht geben.
Aber da war niemand. Na gut, wenn es jemand Unsichtbares wäre, würde sie die Person auch jetzt nicht als solche erkennen, aber irgendwie hat sie gewusst, dass hinter ihr niemand steht und heimlich über sie lacht. Das einzige, was sie gesehen hat, war ein kleiner Luftstrudel – wie die, die normalerweise bei sonstiger Windstille vorkommen. Dieser hat nur noch ein paar lose Blätter vom Boden gewirbelt, bis er schließlich trichterförmig zum Himmel aufgestiegen und verschwunden ist.
Stormys Blick ist ihm gefolgt, so weit, dass sie ihren Kopf in den Nacken legen musste, um sicherzustellen, dass er wirklich nicht mehr da ist – und erst, als sie erneut den Himmel angestarrt hat, ist ihr aufgefallen, dass das schwarze Loch, das zwischen den dunklen Wolkenspiralen ruhte, wie ein wachsames Auge zu ihr heruntersah, unverändert, trotz des zurückgelegten Weges. Verwirrt hat sie ihre eigenen Augen zugekniffen und dann wieder geöffnet, aber der Blick des Wolkenzyklops lag weiterhin auf ihr.
Sie kam sich reichlich seltsam dabei vor, aber sie hat der Himmelsöffnung vorsichtig zugenickt und „Danke“ gesagt, als wäre sie ein Fremder, der nett zu ihr gewesen ist, bevor sie unbehaglich die Arme verschränkt hat und schließlich, ihre Schultasche an sich gepresst, die letzten Meter bis nach Hause mehr gerannt als gelaufen ist.



Die Sache mit dem Raubüberfall erfährt sie erst später. Oder eher: Das fehlende Puzzleteil, das sie gebraucht hat, um zu verstehen, fällt ihr erst nachher und durch reinen Zufall in den Schoß.



Obwohl sie doppelt so lang für ihren Heimweg gebraucht hat wie sonst, haben ihre Eltern sie an dem Abend mit fernsehen lassen. Und abgesehen von den üblichen langweiligen Nachrichten – Callisto dies, Zenith das, Verlobung der Prinzessin von Isis mit sechs Jahren verkündet, was auch immer – gab es diesmal tatsächlich etwas, das ihre Aufmerksamkeit erregt hat.
„Vor wenigen Stunden hat es im Osten von Magix einen Raubüberfall gegeben“, hat die Ansagerin mit ernster Stimme verlauten lassen. „Im Schutze des Sturms wurde eines der Modegeschäfte auf der Central Street von zwei maskierten Männern beinahe vollständig leergeräumt. Magie war laut der Ladenbesitzerin, welche als Hauptzeugin fungiert, nicht im Spiel.“
Aufgeregt ist Stormy bis zur Sofakante gerutscht. Normalerweise würde sie nachfragen, was „fungiert“ bedeutet, aber mit solchen Nichtigkeiten konnte sie sich jetzt nicht aufhalten.
Schließlich befindet sich das Geschäft, dessen zerstörte Einrichtung gerade gezeigt wird, genau auf ihrem eigentlichen Schulweg!
„Meine Güte“, hat ihre Mutter geschnauft, „man ist ja wirklich nirgends mehr sicher.“
Ihr Vater hat nur zustimmend gebrummt, bis ihm wohl auch aufgefallen ist, was Stormy schon vor einigen Momenten klargeworden war. „Hey“, hat er sich deshalb an sie gewandt, „bist du nicht vorhin an genau diesem Geschäft vorbeigekommen?“
Stormy hat vehement den Kopf geschüttelt, um ja den Rest des Berichtes nicht zu verpassen – doch abgesehen von einer kurzen Stellungnahme der in Tränen aufgelösten Besitzerin, die wirklich nicht viel Nützliches enthalten hat, ist nichts mehr gekommen und es wurde nahtlos zur Wettervorhersage übergeblendet. Zu blöd, sie hätte gern noch gewusst, ob—
„Stormy“, ergriff nun ihre Mutter das Wort und ihre Stimme nahm den mahnenden Tonfall an, den die Neunjährige so sehr hasst, „darf ich fragen, warum du heute nicht über die Central Street nach Hause gekommen bist? Kann es sein, dass du deswegen so spät erst hier warst?!“
Da die Wettervorhersage ihren Vater genauso wenig interessiert wie sie, hat sie auch seinen argwöhnischen Blick auf sich gespürt. Unwillig hat sie zu Boden geschaut, aber nach einem auffordernden „Na?“ ihrer Mutter schließlich doch von allem erzählt, was passiert ist. Von dem Gewitter und wie es sie auf die Nebenstraße geführt hat, von der Mülltonne, die umgefallen ist, von dem Geschrei im Hintergrund—

Moment.

Mitten im Satz hat sie innegehalten, als es ihr plötzlich wie Schuppen von den Augen fiel.
Der Wind, der sie davon abgehalten hat, sich umzudrehen… das schwarze Auge, das aus dem Himmel auf sie niedergesehen hat…
Das Gewitter hat nicht mit ihr gespielt. Es hat sie beschützt.



Wie gesagt haben ihre Eltern ihr natürlich nicht geglaubt. So gar nicht. Im Gegenteil, sie haben zwar kurz einen seltsam angespannten Blick gewechselt, Stormy dann aber bloß ausgelacht, ihr durch die Haare gewuschelt und irgendetwas von „blühender Fantasie“ gefaselt. Und sie danach sofort ins Bett geschickt, mit einer Verwarnung, weil sie einen anderen Nach-Hause-Weg genommen und es „auf das Wetter geschoben“ hat. Als wüssten sie nicht genau, dass sie sich schon lange keine Ausreden mehr ausdenkt, außer, sie hat etwas wirklich Schlimmes gemacht.
Dementsprechend wütend ist sie an dem Abend ins Bett gegangen. Und hat, obwohl sie genau wusste, wie sinnlos es ist, auf dem Weg dahin ihren Turm aus Legos eingetreten.

Vermutlich war es dieser Moment, in dem ihr klargeworden ist, dass sie unbedingt schnell ihre Magie entdecken muss, koste es was es wolle. Nicht nur, weil sie diese Verbindung, die sie zwischen dem Sturm und sich selbst entdeckt hat, unbedingt erforschen wollte. Nicht nur, um ihren Eltern zu beweisen, dass sie Recht hat – dass sie die ganze Zeit über Recht hatte.
Sondern, weil sie genau dann endgültig verstanden hat, dass ihr etwas sehr Entscheidendes fehlt. Etwas, womit sie sich Gehör verschaffen kann, etwas, das ihr den Respekt einbringt, der ihr zu Hause fehlt.
Etwas, das ihr Macht gibt.



Es ist schon später Abend, als sie das Heft endlich zurück in ihre Tasche packt, im Gegensatz zu ihren anderen Heften und Ordnern sogar sorgfältig. Wenigstens, denkt sie düster, ist nur noch eine knappe Woche Schule, bis sie endlich wieder Zeit hat, um zu versuchen, die Magie, von der sie weiß, dass sie in ihr schlummern muss, gewaltsam aufzuwecken.
Kurz erwägt sie mit Blick auf ihren Gameboy, der auf dem Nachttisch liegt, noch ein letztes Mal für heute etwas Verbotenes zu tun, entscheidet sich aber dagegen. Schließlich kann sie es sich nicht leisten, so kurz vor den Ferien noch Hausarrest zu kassieren. Besonders, da es in den nächsten Tagen wieder stürmen soll.
Probeweise legt sie ihre Handflächen aneinander und horcht tief in sich hinein. So gern sie behaupten würde, sie würde etwas spüren, ein Kribbeln, ein Rauschen, eine Art von Leichtigkeit, irgendetwas – es wäre gelogen. Es ist also immer noch nicht so weit, egal, wie satt sie das Warten hat.
Enttäuscht lässt sie die Arme sinken und beginnt murrend, sich ihren Schlafanzug anzuziehen. Bald, wiederholt sie verbissen immer wieder in Gedanken, bald.
Bald, bald, bald!




Es ist der erste Freitag der Herbstferien.
Stormys Eltern haben sie trotz Unwetterwarnung in den Park gebracht, damit sie sich dort austoben kann – dafür, dass sie in den vergangenen paar Tagen nichts angestellt hat. Und nun, nachdem sie auf einige Bäume geklettert und dann wieder heruntergesprungen ist, einige Tauben vom Weg aufgescheucht und Steine in den großen Teich geworfen sowie einen Hund, der meinte, in ihre Richtung bellen zu müssen, kurzerhand bedrohlich angeknurrt hat, haben ihre Eltern entschieden, dass sie lieber schon mal nach Hause gehen und sich ausruhen wollen, statt ihr weiter dabei zuzusehen, wie sie die missbilligenden Blicke anderer Parkbesucher auf sich zieht. Also so ziemlich das Gleiche wie immer.
„Lauf nicht zu weit weg, Stormy“, ruft ihre Mutter ihr noch hinterher, als würde es irgendetwas bringen. „Maximal bis zum Waldrand!“
„Und sei zum Abendessen wieder da!“, ergänzt die dröhnende Stimme ihres Vaters.
„Ja, ja!“, brüllt die Neunjährige zurück, längst unterwegs zu einem besonders hohen Baum, bis zu dessen Krone sie letztes Mal nicht gekommen ist, bevor irgendein Fußgänger ihre Eltern drauf aufmerksam gemacht hat, dass sie drauf und dran war, sich in Gefahr zu bringen.

Dass Erwachsene auch immer so langweilig sein müssen!

Die von rötlich gefärbten Blättern gezierte Baumkrone fest im Blick rennt sie über die weitläufige Wiese mit den vielen Maulwurfshügeln, die gelegentlichen kühlen Windstöße nur am Rande registrierend. Das Gewitter soll erst abends kommen und so blöd sie das normalerweise fände: ihre Eltern wären niemals schon vorher nach Hause gegangen, wenn auch nur der Hauch einer Chance bestünde, dass sie beim Klettern von einem Blitz getroffen werden könnte, denn die schlagen ja auf jeden Fall und konsequent immer ausschließlich in die hohen Bäume im Park ein, schon klar.
Sie glauben ihr ja nicht, dass ein Sturm ihr auch dann, wenn sie auf der Spitze des höchsten Turms von Magix stünde, nichts antun würde…

Nur noch eine Armlänge ist sie von ihrem Ziel entfernt, als sie plötzlich von einer Sturmbö gestreift wird, die die Ärmel ihres Sweatshirts aufbauscht und einen losen Zweig knapp an ihr vorbeiwirbelt. Verwundert wird sie erst langsamer und bleibt schließlich wie angewurzelt stehen – und dann schaut sie instinktiv hinunter auf ihre Hände.

Denn ihre Handflächen prickeln. Und das, obwohl sie weder etwas angefasst hat noch hingefallen ist.

Ein dumpfes Grollen lässt sie aufsehen, während der Wind immer stärker zu werden scheint und ohne rechte Ordnung mal von vorn, mal von der Seite an ihr vorbeiweht, sie jedoch nie wirklich trifft, wie, um sie nicht zu verletzen – nein, nicht wie, entscheidet sie kurzerhand, als das Prickeln in ihren Händen immer intensiver wird. Der Wind will ihr auf keinen Fall schaden. Der Wind will ihr etwas zeigen.
Etwas beibringen…?
Ohne es zu bemerken hat sie ihre Hände ausgestreckt. Sie drückt ihre Arme durch, so fest, dass sie vibrieren, und atmet tief ein. Wartet. Wartet mit klopfendem Herzen.
Sie weiß nicht, worauf genau – doch, eigentlich weiß sie es, aber sie ist noch nicht sicher, ob sie glauben kann, was gerade passiert, es ist aus dem Nichts gekommen, vielleicht bildet sie es sich nur ein, bisher ist es nur Wind, es ist doch nur Wind, oder? – aber sie weiß, dass sie auf keinen Fall davonlaufen wird.

Dunkle Wolken ziehen sich am Horizont zusammen und der Wind pfeift in ihren Ohren, als der Sturm sich zu entfalten beginnt. Mittlerweile vibrieren auch ihre Hände, aber sie ist sich nicht sicher, ob das daran liegt, dass sie sie weiterhin erhoben hält.
Eine weitere Böe erreicht sie, streift erst ihre rechte, dann ihre linke Schulter, scheint sich um sie zu legen wie ein Schal, windet sich um sie herum, mal näher, mal weiter weg, als würde sie einen eigenen Willen besitzen, als würde sie atmen. Fast wirkt es, als würde der Luftzug sich ihrem eigenen Atem anpassen, wenn er über ihre Hände streicht, erst vorsichtig, dann drängend, als würde er nur darauf warten, dass sie endlich etwas tut, aber was?!
Mit vor Entschlossenheit zusammengebissenen Zähnen gibt Stormy sich alle Mühe, sich zu konzentrieren, trotz der pechschwarzen Wolken, die nun den gesamten Himmel bedecken und sogar ihr ein wenig Respekt einflößen, aber wie konzentrieren, wenn sie nicht weiß, worauf, das Prickeln hat nun ihre ganzen Arme übernommen, sie ist sich nicht mal sicher, ob sie noch Gefühl in ihren Händen hat—
Halt.
Vom Heulen der Sturmböen begleitet lockert sie ihre Arme, ganz wenig nur, und beginnt, die Bewegungen zu imitieren, die der Wind gemacht hat, als er ihre Handflächen berührt hat. Vor und zurück lässt sie ihre noch immer ausgestreckten Handflächen wiegen, beim Einatmen zurück, beim Ausatmen nach vorn. Zuerst fühlt sich die Geste mechanisch und unnatürlich an, aber nach und nach gewöhnt sie sich daran, nimmt ihre Arme dazu, macht weiter – vor allem, da das Donnergrollen mit jeder ihrer Bewegungen weiter anschwillt. Zu der Bö, der ihre Hände folgen – nein, die nun ihren Händen folgt, gesellen sich weitere, die sie in ihre Mitte nehmen, als wollten sie sie anfeuern. Los Stormy, du schaffst das, Stormy, scheinen sie zu zischen und Stormy spürt, wie sich etwas in ihr anzustauen beginnt; etwas, das sich darauf vorbereit, von ihr freigelassen zu werden.
Noch ein bisschen. Noch ein bisschen!
Sie atmet noch einmal tief ein, zieht den Wind ganz nah an sich heran, hält die Luft an und ihre nun gekrümmten Finger vor ihre Brust – und dann schiebt sie all das, was sich vor ihr gesammelt hat, mit einem Aufschrei, der im Sturm widerhallt, ruckartig von sich.

Die Wirkung ist gigantisch.

Ein Windstoß fährt aus ihr heraus, aus ihren Händen, in Richtung des Waldes, der in ihrem Blickfeld liegt. Vor ihr wirbeln Staub und Blätter auf, die gelblichen Grashalme beugen sich so stark nach vorn, dass einige von ihnen mitsamt der Wurzel aus der Erde gerissen und davongeschleudert werden. So viel Energie entlädt sich in diesem Moment, dass sogar der Baum, auf den sie hatte klettern wollen, bedenklich ächzt und ein Stückchen seiner Rinde einbüßt.
Stormy sieht ihm nach, als es einige Meter weiter auf den Waldboden fällt und dort liegen bleibt, nur, um vom nächsten Windstoß erfasst und weitergetragen zu werden.
Und dann blickt sie wieder auf ihre Hände, und diesmal fühlt sie, wie sie dabei breit zu lächeln beginnt.
Sie hat Magie gewirkt! Gerade eben, unterstützt von dem Gewitter, das, vielleicht von ihr angespornt, nun noch stärker zu wüten beginnt und erneut den Baum direkt vor ihr auf eine harte Probe stellt, als es an ihm zieht und zerrt, als wolle es ihn noch heute samt seinen Wurzeln aus dem Boden reißen.

„Juchuuu!“, brüllt sie in den tosenden Sturm, ganz egal, ob jemand sie hören kann oder nicht. „Ich hab’s geschafft!“
Wie zu ihrer Unterstützung bläst ein neuer Windzug durch ihre Klamotten, plustert ihr Sweatshirt auf wie einen Ballon, hebt sie beinahe von den Füßen – gibt ihr das Zeichen, dass das noch nicht alles war, dass sie weitermachen soll.
Als ob sie dafür einen Hinweis gebraucht hätte!
„Noch mal!“, ruft sie freudig erregt in Richtung der Gewitterwolken, während sie ein Stück in die Richtung rennt, aus der sie gekommen ist, weg von dem Wald, der den Sturm abbremsen, ihn von ihr fernhalten könnte. „Noch mal, noch mal!“



Es ist nicht nur der Wind, stellt sie im Laufe der nächsten Stunde fest, aber die Windböen machen ihr von allem am meisten Spaß.

Trotzdem – am beeindruckendsten sind wohl die Blitze, die sie, wenn auch nur unter großer Anstrengung, aus den Gewitterwolken herauszucken lassen kann. Zwar schafft sie es noch nicht, diese richtig zu lenken, aber allein die Tatsache, dass sie sie durch ihre Handbewegungen kreischend aus den Wolken locken kann, ist genug, um ihr ein Gefühl von Genugtuung zu geben, das sie bis heute noch nie verspürt hat.
Und vieles passiert auch einfach so – ohne, dass sie bewusst versucht, es zu beschwören. So kommt das ganze Gewitter zum Beispiel ohne Regen aus, zumindest da, wo sie steht – sie möchte nicht nass werden, also wird sie es auch nicht.

Der Wind während eines wirklich starken Sturms, merkt sie, ist genauso ungestüm wie sie selbst. Sie und Gewitter passen perfekt zusammen – sie hätte sich keine bessere Kraft wünschen können.

Und so übt sie unermüdlich weiter, lässt kleine Wirbelstürme erscheinen, leitet Windböen um, vergrößert die Gewitterwolken, die so schwer und satt im Himmel hängen, dass es schwerfällt zu glauben, dass sich hinter ihnen tatsächlich die Sonne befindet.
Sie hat sich noch nie so sehr in ihrem Element gefühlt. Sie hat sich noch nie so stark gefühlt. Und sie weiß, dass sie Recht hatte, dass der Sturm sie schon sehr früh als seine Schülerin ausgewählt hat.
Aber vor allem weiß sie, dass sich das lange Warten gelohnt hat, dass sich alles, was sie je getan hat, für dieses Erlebnis gelohnt hat.

Sie hat endlich das, was sie schon immer wollte – nein, das, was ihr schon immer gehört hat, was sie nur bis zum heutigen Tag nicht so hat benutzen können. Doch jetzt… jetzt ist es um sie herum, in ihr, fließt durch sie mit jedem Atemzug.
Und niemand wird es ihr jemals nehmen können.






Tharma kreischt vor Freude, als sie Stormy durch die Wolkendecke hindurch beobachtet, hört dabei kaum, wie Belladonna und Lysslis ihr für deren Verhältnisse beinah überschwänglich gratulieren. Zu gefesselt ist sie von dem Anblick, der sich ihr bietet.
„Schaut, wie stark sie ist!“, johlt sie mit einer Stimme, die dem Donnergrollen, das ihren Schützling so sehr zum Strahlen bringt, nicht unähnlich ist. „Schaut sie euch an!
„Sie ist wahrhaftig ein talentiertes Mädchen“, lässt sich ihre älteste Schwester zu einem ihrer seltenen Komplimente herab, als auch sie nähertritt und die Neunjährige eindringlich betrachtet. „Sie kann sogar fast mit meiner Icy mithalten.“
Tharma entblößt ihre Zähne, als sie dunkel auflacht. „Mithalten? Ich bitte dich – sie ist Icy um Längen voraus. Sieh doch, wie viel Magie jetzt schon in ihr steckt!“
Nicht mal, als sie Belladonnas düsteres Knurren vernimmt, kann sie den Blick von ihrer Stormy nehmen. Seit Delantera hat es keine Nachfahrin mehr gegeben, die so schnell eins mit dem Sturm geworden ist, den sie sich ehedem selbst zu eigen gemacht hatte! Seit ihrer eigenen Herrschaft hat sie nicht mehr so viel rohes Talent gesehen, das geradezu danach giert, geschliffen, poliert und mit den Kräften ihrer Schwestern vereint zu werden!

„Nun, herzlichen Glückwunsch, Schwester“, wiederholt Lysslis ihre vorherigen Worte gedehnt, während sie sich absichtlich zwischen die ursprüngliche Sturmhexe und ihre gemeinsame Zirkelführerin schiebt, um einem Streit vorzubeugen, welcher zu einer möglichen Destabilisierung der Verbindung des Obsidianischen Zirkels zum Diesseits und somit auch des Bildes, das der Spiegel ihnen präsentiert, führen könnte. „Deine Nachfolgerin ist genauso chaotisch wie du es in dem Alter warst. Lasst uns das als ein gutes Zeichen verbuchen.“
Tharma hört Belladonna hinter sich abfällig schnauben, doch Lysslis spricht einfach weiter: „Jedoch verbleibt genau wie weiland bei Icy die Frage, wie ihre Eltern die Nachricht aufnehmen…“
Zum ersten Mal seit Stormys Kräfteentdeckung verrutscht Tharmas Lächeln und sie nimmt den Blick, wenn auch nur widerwillig, von ihrem Schützling. Auch Belladonna scheint, durch den berechtigten Einwand von ihrem Unmut abgelenkt, zu ihrer Contenance zurückgefunden zu haben, doch die tiefe Falte, die sich auf ihre Stirn legt, sorgt nicht gerade dafür, das jäh erloschene Feuer der Euphorie erneut entflammen zu lassen.
„Sie sind bei weitem der größte Risikofaktor“, gibt sie unheilvoll zu bedenken. „Sie werden Angst bekommen – möglicherweise die Art Angst, die sie dazu verleiten könnte, Stormys Kraft mit aller Macht unterdrücken zu wollen.“
Von dieser Vorstellung mehr als nur angewidert verzieht Tharma das Gesicht, muss der ältesten Urhexe jedoch zustimmen. „Sie konnten sie nicht einmal kontrollieren, als ihre Magie noch tief in ihr geschlummert hat…“, beginnt sie zähnefletschend, während ihre Augen rot aufglühen. „Es wäre nicht allzu weit hergeholt zu vermuten, dass sie diese drastische Veränderung nicht gut aufnehmen werden.“
„Wir werden es erfahren – allem Anschein nach wohl eher früher als später“, zischt Lysslis, die mit ihrem knochigen Finger auf den Spiegel deutet. Sowohl Tharma als auch Belladonna folgen der Geste mit ihren Blicken und Tharma knurrt leise, als Stormy, begleitet von der Sonne, die die sich langsam lichtenden Gewitterwolken verdrängt, ihren Heimweg antritt.

„Sie sieht so glücklich aus“, spricht die jüngste Urhexe verbittert ihre Gedanken laut aus – nicht, weil sie ihrem Schützling den Glücksmoment nicht gönnt, sondern weil sie genau weiß, dass ein neunjähriges Kind, ob es ihr Erbe in sich trägt oder nicht, der Versuchung nicht widerstehen können wird, seinen Eltern von seiner fantastischen Entdeckung zu berichten. Trotz Stormys hitzigem Temperament, trotz ihrer konstanten Rebellion gegen sämtliche Autoritäten in ihrem Leben, trotz der Essenz, die sie von sämtlichen Wesen unterscheidet, die sie in ihrem noch sehr jungen Leben bisher getroffen hat – im Moment ist sie nur ein Kind. Ein Kind mit einer Macht, die es noch nicht zu begreifen vermag, und bis Darcy und Icy, ihre zukünftigen Zirkelschwestern, in ihr Leben treten, sind ihre Zieheltern die einzigen Bezugspersonen, die sie hat, so wenig Sympathie sie auch für sie hegen mag.
Das Bild im Spiegel flackert, je stärker Tharma die Fäuste ballt. Wenn sie nur könnte, sie würde das Portal eigenhändig durchbrechen und seine Überreste in alle Winde verstreuen! Wenn sie nur könnte, sie würde Stormys nutzlose Pflegeeltern einem ihrer Stürme zum Fraß vorwerfen, bis von ihnen nicht mehr als Staub übrig ist! Wenn sie nur könnte—
Belladonna schwebt neben sie und wirft ihr einen Seitenblick zu, während Lysslis ihr eine körperlose Hand auf die Schulter legt. „Ruhig, Schwester“, wispern sie fast zur gleichen Zeit.
„Noch ist nichts entschieden“, raunt Lysslis beschwörend und Belladonna nickt langsam. „Selbst wenn sie einen Damm errichten, um den Fluss des Wassers zu stoppen – sie können niemals die Quelle versiegen lassen“, fügt sie hinzu und verengt die stechend gelben Augen, die einmal dieselbe Farbe gehabt hatten wie die ihres eigenen Schützlings, zu schmalen Schlitzen.
Alle drei denken dasselbe, doch keine von ihnen spricht es aus. Auch eine intakte Quelle kann durch einen Eingriff dieser Größe stark beeinträchtigt werden; möglicherweise stark genug, dass ihr Wasser niemals wieder so fließen können wird wie früher, selbst, wenn der Damm irgendwann bricht.
Mit mühsam beherrschtem Zorn schlägt Tharma ins Nichts, absichtlich nicht in Richtung des Spiegels, dessen Dienste die drei Urhexen weiterhin und besonders jetzt so dringend benötigen.
Dieses nutzlose Pack wird ihr Stormy nicht entreißen, niemals!





Als Stormy mit kaum gebremster Aufregung an der Tür klopft, erwartet sie halb, sofort in eine erneute Strafpredigt hineinzugeraten, sobald ihr geöffnet wird – warum bist du nicht früher nach Hause gekommen, Erkältung, Gewitter, Gefahr, Abendessen, irgendetwas in der Art – doch zu ihrer großen Überraschung lässt ihre Mutter sie mit einem halben Lächeln eintreten und fragt sie, noch während sie sich die Schuhe von den Füßen reißt, wie der restliche Parkaufenthalt war. Nur, um dann ihrerseits überrascht die Augenbrauen hochzuziehen, sobald sie das breite Grinsen der Neunjährigen bemerkt.
„Warum so gut aufgelegt?“, fragt sie argwöhnisch, als könnte Stormys gute Laune nichts als einer ihrer sogenannten Missetaten entstammen. Bevor die Neunjährige etwas erwidern kann, seufzt ihre Mutter schon verzweifelt: „Bitte sag mir, dass du im Park nichts angestellt hast. Das mit dem Hund vorhin hat mir schon gereicht!“
Normalerweise wäre die frischgebackene Sturmhexe schwer beleidigt, dass ihre Mutter sie erstens trotz ihrer offensichtlichen Begeisterung nicht zu Wort kommen lässt, sondern direkt eine Moralpredigt anstimmt, und zweitens schon ein harmloses Knurren in Richtung einer Töle – die schließlich angefangen hat! – als ein erwähnenswertes Vergehen betrachtet, aber da sie etwas unfassbar Wichtiges zu berichten hat, sieht sie großzügig über beide dieser Punkte hinweg und schüttelt artig den Kopf. Das Gesicht ihrer Mutter entspannt sich augenblicklich.
„Oh Gott sei Dank“, hört Stormy sie erleichtert flüstern, bevor sie ihr durch die offene Tür ins Wohnzimmer folgt, wo ihr Vater gerade dabei ist, durch einen der digitalen Autokataloge zu blättern und per Zauber die verschiedenen Modelle holographisch in Originalgröße auf dem Zimmerboden erscheinen zu lassen. Als er ihre Schritte vernimmt, dreht er sich zu ihnen um – es sieht lustig aus, wie er quasi in der geschlossenen Autotür steht.
„Deine Laune scheint ausnahmsweise mal gut zu sein, Stormy“, bemerkt er ähnlich wie ihre Mutter vorhin, bevor er seinen Blick auf ebendiese richtet. „Hat schon jemand angerufen?“
Langsam wird es der Neunjährigen zu bunt. „Ich hab‘ nichts angestellt!“, verteidigt sie sich und verschränkt ungeduldig die Arme vor der Brust, um nicht vor lauter Frustration ihre neu gefundenen Kräfte an ihren Eltern auszuprobieren. Warum sind die beiden nur so unfassbar voreingenommen, was sie betrifft?!
Ihr Vater scheint ihren Tonfall zu erkennen und setzt eine etwas versöhnlichere Miene auf, als er aus dem Hologramm heraustritt und ihr, als er vor ihr zum Stehen kommt, kurz über den Kopf streicht. „Ist ja schon gut, kein Grund sich aufzuregen.“ Nach einer kurzen Pause – in der Stormy im Stillen darüber philosophiert, ob sie schon geübt genug ist, um Hologramme mit ihrer Magie kaputtzumachen – fügt er hinzu: „Dann erzähl mal – warum die gute Stimmung?“
Erfreut über die nun endlich gestellte Frage findet Stormy zu ihrem vorherigen breiten Grinsen zurück. Sie wartet, bis ihre Mutter ebenfalls vor sie getreten ist, bevor sie bedeutungsschwanger die Hände an den Handflächen zusammenlegt.
„Ich hab‘ heute zum ersten Mal Magie benutzt“, verkündet sie feierlich und streckt ausgelassen die Hände von sich, wie vorhin, als sie den Wind um sich herum gelenkt hat. „Es gab ein Gewitter, während ich im Park war, und das konnte ich kontrollieren. Nicht nur den Wind und die Wolken, sondern sogar die Blitze. Es war super!“
Aufgeregt blickt sie von ihrem Vater zu ihrer Mutter und wieder zurück – doch die erhoffte Reaktion bleibt aus.

Eigentlich bleibt jegliche Reaktion aus.

Ihre Eltern tauschen nur einen langen Blick, ähnlich dem, den sie schon einmal gesehen hat, als sie von ihrem Erlebnis mit dem großen Sturm erzählt hat. Nur, dass sie diesmal nicht anfangen zu lachen, sondern fast gleichzeitig zurück zu ihr sehen und die Stirn in Falten legen.
„Stormy…“, beginnt ihre Mutter mit einem angestrengten Seufzen. Automatisch spannt die Neunjährige sich an – sie ist sich nicht sicher warum, aber aus irgendeinem Grund weiß sie, dass sie, egal, was nun folgen wird, die Antwort ihrer Eltern nicht mögen wird.
Sie behält Recht.
„Du weißt genau, dass du nicht lügen sollst“, übernimmt ihr Vater das Wort, während ihre Mutter zustimmend nickt und die Arme verschränkt. „Nur, weil dieses eine Mädchen angeblich schon mit acht Jahren angefangen hat, Magie zu wirken – was ich übrigens auch erst glaube, wenn ich es mit eigenen Augen sehe – heißt das nicht, dass du jetzt einfach so behaupten kannst, du könntest es auch.“
Ihre Mutter schnaubt abfällig. „Überhaupt“, ruft sie, während ihre Stimme immer schriller wird, „statt dir Geschichten über Magie auszudenken, solltest du dich lieber mal in der Schule mehr anstrengen. Falls das mit dieser Icy, oder wie auch immer sie heißt, stimmen sollte: Meinst du nicht, sie war so gut in der Schule, dass sie genug Zeit hatte, um nebenher auch ihre Kräfte früh meistern zu können?“

Stormy steht dort wie vom Donner gerührt. Sie hat ja mit vielem gerechnet, aber… aber das?

Der tiefsitzende Schock verwandelt sich jedoch recht schnell in Wut – so urplötzlich, dass sie am ganzen Körper zu zittern beginnt.

Und einen Schrei loslässt, während sie die Arme in die Luft reißt und dieselbe Energie in ihr hochsprudelt, von der ihre Eltern geleugnet haben, dass sie überhaupt existiert.



Im Nachhinein betrachtet hätte es wirklich schlimmer kommen können. Gut, der Wirbelsturm, der vor ihr aufgetaucht und unkontrolliert durch das Wohnzimmer gefegt ist, den digitalen Katalog sowie sämtliche Zimmerpflanzen zerfetzt und die Lieblingsuntertasse ihrer Mutter vom Tisch geweht und mit einem hässlichen Klirren auf dem Boden zerspringen lassen hat, während ihre Eltern brüllend versucht haben, mit ihrer eigenen Magie Schadensbegrenzung zu betreiben, schafft es vermutlich tatsächlich in die Top 10 ihrer schlimmsten bisherigen Verbrechen, aber immerhin steht der Fernseher noch, also sollen die beiden sich mal nicht so anstellen, findet Stormy.

… Na ja, ihre Eltern teilen diese Meinung wohl eher nicht.

Nicht nur haben sie ihr für die gesamten restlichen Herbstferien Stubenarrest verpasst und sie dann postwendend in ihrem Zimmer eingesperrt, ungeachtet ihrer Proteste – sie haben sich danach vor ihrer Tür noch lauter angeschrien als Miss Mileya sie bei der letzten Konferenz. Stormy war zu aufgewühlt, um richtig zuzuhören – auch ungeachtet der Tatsache, dass ihr tatsächlich ein bisschen schwindlig war von diesem doch sehr heftigen Energieschub – aber sie ist sich ziemlich sicher, sich an Sachen wie „Das hast allein du zu verantworten!“ – „Ich?! Ich war damals derjenige, der dich gewarnt hat, dass mit ihr etwas nicht stimmt!“ oder „Ich hätte sie damals gegen deinen Willen in die Erziehungsanstalt schicken sollen – dort hätten sie diese ganze Farce sofort unterbunden!“ zu erinnern.
Aus irgendeinem Grund hat sie das Gefühl, dass es bei dem Streit ihrer Eltern nicht um das zerstörte Wohnzimmer geht – nicht nur. Sie kann nicht genau sagen warum, aber… teilweise klingt es für sie so, als hätten ihre Eltern nicht gewollt, dass sie so schnell ihre Magie entdeckt – dass sie ihre Magie überhaupt jemals entdeckt. Aber warum?
Warum würden sie ihr nur am liebsten das Beste wegnehmen, was ihr je passiert ist?!

Kopfschüttelnd blickt Stormy aus dem zugesperrten Fenster. Den Bewegungen der Baumkronen nach zu urteilen scheint ein leichter Wind zu wehen, der hin und wieder gegen die Scheibe klopft, wie um ihr zu signalisieren, dass sie nicht allein ist. Dass er auf sie warten wird, auch, wenn sie jetzt eine ganze Weile lang nicht mehr draußen spielen können wird.

Dann wiederum…
Ein teuflisches Grinsen breitet sich auf ihrem Gesicht aus, als ihr etwas auffällt.

Ihre Eltern können ihr vielleicht (wie ihr Vater gerade durch die Zimmertür brüllend ankündigt) ihren Gameboy wegnehmen, sie können sie dazu zwingen, die restlichen Ferien lang nur noch Gemüse zu essen, das sie hasst, oder sie können ihr Fernsehverbot auferlegen. Aber eins können sie nicht.
Sie können sie nicht einsperren. Nicht mehr. Nie mehr.

Wenn sie wirklich will, kann sie sich nun ganz einfach aus ihrem Zimmer befreien. Selbst, wenn sie dafür die Scheiben mit Blitzen zerstören lernen muss – die Zauber ihrer Eltern werden ihrer Magie niemals standhalten.

Sie ist zwar eingesperrt, aber gleichzeitig ist sie auch frei.

Von jetzt an und für immer.





Tharma verfolgt alles, was Stormy tut, mit mehr ehrlichem Interesse, als sie ihrem Sohn Valtor jemals hat zukommen lassen, bevor er sie so schmählich entehrt hat.
Oh sicher, sie grollt den nutzlosen Kreaturen, die sich Stormys Eltern schimpfen, dafür, wie sehr sie versuchen, jegliches Experiment, das ihre Kleine mit ihrer Magie durchführt, zu unterbinden; doch sie sieht auch, mit wachsender Zufriedenheit, dass es genau den gegenteiligen Effekt erzielt.
Ihre Stormy blüht förmlich in ihrer Magie auf. Sowohl als sie, sobald sie in die Schule zurückkehrt und somit den widerlichen Pranken der Unwürdigen, die sie noch widerwilliger als ohnehin schon versorgen, für einige Stunden am Tag entrissen und augenblicklich wieder von den Windböen umschmeichelt wird, die sie nach nicht einmal zwei Wochen Übung bereits so gut kontrollieren kann, dass es für eine Aufnahme an einer mittelmäßigen Hexenschule reichen würde, als auch, als einige Burschen aus einer der anderen Klassen sie ob ihrer offenkundig schlechten Stimmung aufziehen – und schließlich buchstäblich von ihr gegen die Wand geklatscht werden, einer nach dem anderen, und den einzigen, der sich dem Windstoß entziehen konnte, trifft ein Blitz mitten in die Schulter, sodass er schreiend auf dem schmutzigen Asphalt zusammenbricht.

Sie ist einfach wundervoll!

Tharma spricht es nicht aus, weil sie Belladonnas warnenden Blick in ihrem Rücken spürt, doch sie für ihren Teil ist sich sicher.
Stormy wird sie aus Obsidian befreien – so schnell, wie die Kräfte des Sturms in ihr wachsen, wohl eher früher als später.
Ihre Suche wird in diesem Kind ihr Ende finden.

Sie wird ebenso frei sein wie die kleine Stormy selbst.



Vielen Dank an TheLongDark, ChrisSmith und McWriter für die Reviews, außerdem danke für alle neuen Favoriteneinträge und Empfehlungen! ♥

~ NyNy
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