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Wege des Schicksals: Wie alles begann...

von NyNy
GeschichteAbenteuer, Freundschaft / P12
 Urahninnen der Hexen Darcy Icy Stormy Trix
28.07.2020
11.10.2020
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19.506
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11.08.2020 8.217
 
Fünf Jahre später.



„Icy, Schatz! Es gibt Frühstück!“
Unwillig verzieht die Achtjährige das Gesicht und fährt darin fort, ihren Radiowecker mit eindringlichen Blicken zu durchbohren. Wenn das blöde Ding nur endlich aufhören würde, die ewig gleiche Melodie abzuspielen, und ihr stattdessen einfach sagen würde, was sie wissen will, dann wäre sie im Nullkommanichts fertig mit dem Anziehen. Sie weiß genau, dass es sich nur noch um wenige Minuten handeln kann, bevor ihre Mutter schimpfend in der Tür steht, weil sie schon wieder zu spät dran ist, aber diese eine Sache ist zu wichtig, um zu riskieren, sie durch einen Moment der Unachtsamkeit zu verpassen.
„Das Wetter“, wispert sie daher beschwörend auf den hellblauen Kasten ein, der partout nicht auf sie zu hören wollen scheint, „wie wird das Wetter heute?“
„Icy!“, tönt die mahnende Stimme ihrer Mutter aus dem Nebenzimmer und das weißhaarige Mädchen kann hören, wie das Geräusch von Schritten näherkommt.
„Und nun das Wetter für heute!“, flötet der Radiomoderator. Icy ist sich sicher, dass sie selten so froh war, diese nervtötende Säuselstimme zu hören. Ihr Blick schnellt zum noch geschlossenen Fenster, durch welches sich kaum das erkennen lässt, was sie so dringend wissen will.
„Wir haben Glück – auch heute ist es tagsüber sonnig und die Temperaturen steigen auf fast zehn Grad“, fährt der Ansager fort und Icys Gesichtsausdruck verdüstert sich merklich. „Und damit nicht genug: Ich freue mich, verkünden zu dürfen, dass die Magische Dimension den diesjährigen Winter so gut wie überstanden hat! Heute Nacht dürfen wir uns über den letzten Schneefall des Jahres freuen. Da kommen doch direkt Frühlingsgefühle auf, nicht wahr?“
Nein, denkt Icy missmutig und erdolcht die vorwurfsvolle blinkende Zeitanzeige mit einem Blick, bevor sie mit der ganzen Faust auf den „Aus“-Button hämmert – natürlich genau in dem Moment, in dem ihre Mutter die Tür aufreißt.

„Icy! Ich habe dir schon hundertmal gesagt, dass du deine Sachen besser behandeln sollst!“, zetert sie, bevor sie mit schnellen Schritten zu ihrem Bett kommt und ihr die Decke wegzieht – und scharf die Luft einzieht.
„Bist du denn von allen guten Geistern verlassen?!“, fragt sie fassungslos, als sie ihren Blick über Icys nackte Beine schweifen lässt, die aus ihrer kurzen Schlafanzughose herausragen… von der völligen Abwesenheit jeglicher Socken ganz zu schweigen. Icy selbst hält sich davon ab, die Augen zu verdrehen – es würde ihr ohnehin höchstens noch mehr Ärger einbringen, als sie jetzt sowieso schon in Aussicht hat.
Zu ihrer Überraschung atmet ihre Mutter nur einmal tief durch, bevor sie einen fast versöhnlichen Ton anschlägt: „Kleines, du weißt doch, dass ich mir nur Sorgen mache, du könntest dich erkälten, wenn du bei Minusgraden in kurzen Sachen schläfst. Frierst du denn gar nicht?“
Ohne Icys Antwort abzuwarten schüttelt sie den Kopf. „Egal. Zieh dich bitte schnell an und komm in die Küche. Wenn du in den nächsten zehn Minuten unten bist, schaue ich mal, ob ich nicht vielleicht doch noch ein paar Cornflakes für dich habe…“
Mit einem Augenzwinkern dreht sie sich zur Seite, öffnet Icys Kleiderschrank mit einem Wink ihres Fingers und lässt in der gleichen Bewegung einen blauen Pullover, einen weißen Rock und eine passende Strumpfhose in Richtung des Bettes schweben, um unmissverständlich klarzumachen, dass sie jegliche Variationen des Outfits nicht dulden wird, bevor sie Icy einen Kuss auf die Wange gibt und wieder aus dem Raum rauscht.

Murrend wischt Icy sich den Lippenstiftabdruck von der Backe und macht sich widerwillig daran, sich anzuziehen.
Das ist alles so unfair!
Was kann sie denn dafür, wenn ihr in der blöden Winterkleidung einfach immer viel zu warm ist?! Überhaupt, wenn es den Tag über nicht mal schneien soll, ist die Sorge ihrer Mutter doch sowieso völlig übertrieben. Und noch dazu wird sie den letzten Schnee dieses Jahr wahrscheinlich sogar verpassen, weil sie, wenn der Himmel sich endlich mal dazu herablässt, ihr das zu geben, worauf sie schon seit Tagen gewartet hat, vermutlich schon im Bett sein muss.
Der Tag ist noch nicht einmal eine ganze Stunde alt und jetzt schon doof.
Als sie sich den Pulli überstreift und beschließt, das Haare kämmen auf nach dem Frühstück zu verschieben, wirft sie noch einen letzten Blick aus dem Fenster. Die schon provozierend schneelose Landschaft scheint sie persönlich verhöhnen zu wollen und Icy gönnt sich ein kurzes Schnauben, bevor sie geräuschvoll die Treppe herunterläuft, genau neuneinhalb Minuten nach der Ansage ihrer Mutter.
Immerhin darf sie jetzt ihre Lieblingscornflakes frühstücken.

Als sie den Löffel in die (glücklicherweise kalte) Milch-und-Crunchy Ice Cream Bites-Mischung dippt, fällt ihr Blick auf ihren Vater, der sich gerade mit einer Serviette die letzten Krümel aus dem Mundwinkel wischt und sie aufmunternd anlächelt. Bestimmt hat ihre Mutter ihm von der Wettervorhersage erzählt und ihn angewiesen, sie heute Morgen besser schonend zu behandeln.
„Kopf hoch, Icy“, meint er daher und verwuschelt ihre ohnehin schon unordentlichen Haare, „so musst du wenigstens bald keine dicken Socken mehr anziehen.“
Diese Aussicht entlockt der Achtjährigen zumindest ein flüchtiges Lächeln, welches jedoch alsbald wieder verschwindet, denn kaum, dass sie sich den letzten Löffel ihres Frühstücks in den Mund geschoben hat, hält ihre Mutter ihr wortlos die weiße Haarbürste hin, die angeblich mit magischer Energie versehen ist und dadurch Schmerzen beim Kämmen verhindert. Seufzend fügt sie sich ihrem Schicksal und nach einigen Minuten scheinen auch die Adleraugen ihrer Mutter keine Knoten mehr zu erspähen, denn sie hilft Icy, ihre Haare zu einem festen Pferdeschwanz zu binden, ruft ihrem Mann ein „Bis später, Liebling“ zu, steckt Icy in eine dunkelblaue Winterjacke und folgt ihr zum Auto.



Als der Wagen schließlich mit einem sanften Ruck einige Meter vor dem Schulhof anhält, ist jeglicher Rest der Eiscremecornflake-bedingten guten Laune wieder verflogen. Mit fast schon mörderischem Gesichtsausdruck beobachtet Icy ihre ekelhaft gut gelaunten Mitschüler, wie sie in ihren Pullovern und Jacken, manche sogar mit Handschuhen – mit Handschuhen! – durch das Tor der Grundschule stapfen, scheinbar ebenso wie der blöde Radiomoderator heilfroh darüber, dass die beste Zeit des Jahres schon wieder vorbei ist.
Wenn sie könnte, würde sie einen riesigen Schneeball auf die Schule fallen lassen und dann, statt im langweiligen Unterricht zu sitzen, den ganzen Tag damit verbringen, Schneemänner zu bauen. So, wie sie es die letzten Wochen lang immer in den Pausen getan hat, aber mit noch viel mehr Schnee.

Ein leises Seufzen reißt sie aus ihren Gedanken. Verwundert blickt sie zu ihrer Mutter, die sie vom Fahrersitz aus sorgenvoll ansieht.
„Icy, du weißt, dass du mir alles erzählen kannst, oder?“
Die Achtjährige nickt langsam, nicht sicher, worauf ihre Mutter hinauswill. Diese legt eine Hand auf ihr Bein und sieht sie eindringlich an.
„Wenn dich jemand in der Schule ärgert oder schlecht behandelt, dann musst du nur ein Wort sagen und ich kümmere mich darum. In Ordnung?“
Icy nickt wieder, allerdings mit noch weniger Enthusiasmus als vorher. Ihre Mutter scheint noch etwas hinzufügen zu wollen, bremst sich aber und ringt sich ein Lächeln ab. „Nun geh schon“, rät sie ihr sanft, „sonst kommst du am Ende doch noch zu spät.“
Mit einem Satz springt das weißhaarige Mädchen aus dem Auto, winkt ihrer Mutter noch einmal zu und stapft dann pflichtschuldigst in Richtung des verhassten Hoftores. Sie hört den Motor hinter sich starten, blickt kurz noch einmal über ihre Schulter zurück und schaut zu, wie der silberne Wagen sich langsam entfernt. Am liebsten würde sie die Gelegenheit nutzen und einfach in die andere Richtung türmen, aber wenn sie schwänzt, gibt es wieder vier Wochen Fernsehverbot und das muss sie sich wirklich nicht noch einmal antun.

Auf dem Weg zum Klassenraum denkt sie darüber nach, ob sie sich, wie ihre Mutter es ausgedrückt hat, von ihren Mitschülern „schlecht behandelt“ fühlt. Aber eigentlich ist es ihr ganz lieb so, wie es ist. Die anderen lassen sie in Ruhe. Niemand zieht an ihren Haaren, wie sie das bei anderen Mädchen beobachtet hat, keiner fordert sie auf, etwas zu spielen, worauf sie keine Lust hat, und in ihr Heft hat ihr auch noch niemand etwas reingekritzelt. Wenn sie draußen auf die Schaukel oder aufs Klettergerüst will, steht ihr niemand im Weg, nicht mal die Viertklässler, die diese beiden Dinge sonst gern für sich beanspruchen. Und wenn sie mit Kreide malen will, hat sie dafür auch immer genug Platz.
Das einzige Mal, dass sie jemand auf dem Schulhof angesprochen hat, war, abgesehen vom Anfang der ersten Klasse, das, in dem ein Junge aus der Parallelklasse sie mit Blick auf ihre Armee von Schneefiguren gefragt hat, ob sie auch so etwas wie eine Schneerutsche für die anderen bauen könnte. Aber bevor es dazu hätte kommen können, hat sie gesehen, wie der Rest seiner Gruppe sie fast schon ängstlich angeschaut hat, als würde sie ihnen den Kopf abreißen, wenn der Junge weiter mit ihr spricht, also hat sie nur mit den Schultern gezuckt und ihm hinterhergesehen, als er von seinen Freunden in eine andere Ecke des Schulhofs gezerrt wurde.
Dabei hatte sie gar nichts gemacht.
Aber traurig ist sie auch da nicht gewesen, erinnert sie sich. Eigentlich war sie in dem Moment ganz froh, dass sie ihren Schneefuchs endlich zu Ende bauen und sich endlich ihrem nächsten Projekt widmen konnte, einer Schatztruhe, die allerdings in der darauffolgenden Pause einem verirrten Fußball zum Opfer gefallen ist. Na ja.



Die erste Doppelstunde des Tages zieht an ihr vorbei. Achtlos füllt sie ihre Rechentabelle aus – viermal sieben ist 28, neunmal fünf ist 45, sechsmal sechs ist 36 und so weiter und so fort. Als ihre Klassenlehrerin Miss Lily sie fürs Eckenrechnen drannehmen will und eine ihrer Mitschülerinnen enttäuscht seufzt, überlässt sie der den Platz im Spiel, obwohl sie genau weiß, dass Miss Lily sie dafür nach der Stunde wieder sprechen möchten wird.
Es ist fast selbst eine Art Spiel geworden – sie verzichtet darauf, ihre Hausaufgaben vorzulesen, weil genug andere Leute ihre vorlesen möchten, sie lehnt ab, zur Klassensprecherwahl aufgestellt zu werden, weil sie sich nicht dafür interessiert, sie macht ihre Aufgaben allein, auch während der Gruppenarbeit, weil sie genauso wenig mit den anderen Gruppenmitgliedern reden will wie die mit ihr, und ihre Lehrerin ruft entweder wieder bei ihr zu Hause an oder bittet sie, „nach der Stunde noch kurz dazubleiben“.
Icy versteht nie, was sie von ihr will. Oft setzt Miss Lily sich zu ihr an den Tisch und fragt sie, wie es ihr geht. Gut, antwortet Icy immer. Beim ersten Mal ging das Gespräch ganz komisch weiter.
Was macht ihr Papa? Arbeiten.
Und ihre Mama? Auch.
Ist sie selbst oft allein zu Hause? Nein.
Wer ist bei ihr? Mama. Manchmal auch Papa.
Immer? Ja. Fast.
Ob sie ihre Eltern liebhat? Ja. Natürlich.
Hat Mama ihr je wehgetan? Vielleicht aus Versehen? Nein.
Oder etwas Böses zu ihr gesagt? Nein.
Und Papa auch nicht? Nein. Warum?
Sobald sie das gefragt hat, ist ihre Lehrerin verstummt und hat ihr nach einer kleinen Pause hastig zugelächelt, aber etwas an dem Lächeln kam Icy irgendwie komisch vor.
„Das ist doch schön“, hat sie dann gemeint, aber es klang nicht, als wäre sie zufrieden mit Icys Antworten. Als würde sie denken, Icy würde lügen. Das ist ihr schon mal passiert, ein paar Wochen vorher, als die Pausenaufsicht ihr nicht glauben wollte, dass ihr wirklich nicht kalt war, obwohl es an dem Tag sehr windig und herbstlich war und sie ihre Jacke im Klassenraum „vergessen“ hatte.
Wenn sie schon im Winter nicht ohne Jacke rausgelassen wird, will sie wenigstens im Herbst normal rumlaufen. Sie versteht nicht, wieso alle sie immer so seltsam angucken, wenn sie zum dritten Mal erklärt, dass sie die Jacke nicht braucht.
Ihre Lehrerin hat ihr danach jedenfalls noch erklärt, dass sie jederzeit, wenn sie ein Problem hat, zu ihr kommen kann. Oder, wenn sie nicht genau weiß, wie sie es erzählen soll, auch ein Bild dazu malen darf, sie würde sich das dann ansehen und mit ihr darüber sprechen. Danach hat Icy aufgehört zuzuhören, aber sie erinnert sich noch daran, dass die Pause fast vorbei war, als sie endlich auf den Hof durfte.



Diesmal ist das Gespräch zum Glück recht kurz. Miss Lily fragt sie nur, ob sie die Aufgaben verstanden hat. Icy nickt und zeigt auf ihr Heft. Ihre Lehrerin nimmt es an sich, überfliegt ihre Antworten und reicht es ihr dann mit einem Lächeln wieder.
„Du hattest fast alles richtig gerechnet, Icy. Wer weiß, vielleicht hättest du sogar beim Eckenrechnen gewonnen?“
Icy zuckt mit den Schultern. Miss Lily lacht. Dann sieht sie sie an und fragt plötzlich: „Bist du traurig, dass der Winter fast vorbei ist?“
Überrascht blickt Icy sie an. Dann nickt sie erneut und schaut sehnsüchtig aus dem Fenster. Ihre Lehrerin folgt ihrem Blick und sagt: „Du hast ganz viele tolle Schneetiere gebaut, oder? Hat das Spaß gemacht?“
„Ja“, erwidert Icy. Und weil Miss Lily nicht weiterspricht, fügt sie hinzu: „Der Fuchs war schwer.“
Ihr Gegenüber nickt bestimmt. „Das glaube ich dir. Er war sehr hübsch. Schade, dass er geschmolzen ist.“
Als Icy nicht antwortet, fährt sie fort: „Du hast wirklich Talent. Willst du nicht vielleicht doch der Kunst AG beitreten? Da benutzen wir zwar keinen Schnee, aber du könntest den Fuchs noch mal aus Ton nachbauen, oder ihn malen.“
Icy schüttelt den Kopf. „Nein, danke“, gibt sie zurück und als Miss Lily sie etwas enttäuscht ansieht, fragt sie: „Darf ich jetzt rausgehen?“
„Ja, natürlich“, antwortet ihre Lehrerin zerstreut und Icy schiebt den Stuhl zurück, klappt ihr Heft zu und läuft schnell nach draußen, bevor Miss Lily ihre Entscheidung noch mal überdenken kann.



Weil ihr Sportlehrer krank ist, fallen die letzten zwei Stunden aus. Das ist auch ein Vorteil im Winter: Man hat oft früher Schule aus, und ganz selten gibt es sogar Tage, an denen alles so zugeschneit ist, dass gar kein Unterricht stattfindet.
Ihre Mutter wartet schon auf sie, als sie, hinter einer Traube anderer Kinder hertrottend, das Schulgelände verlässt. Mit beiden Händen öffnet sie die hintere Tür, wirft ihren Rucksack auf die Rückbank und nimmt auf dem freien Sitz Platz.
„Na, wie war’s in der Schule, Icy?“, fragt ihre Mutter routiniert, bevor sie das Auto startet und sich gekonnt in den Verkehr einreiht. Icy sieht aus dem Fenster. „Normal.“
„Normal ist ja schon mal besser als blöd“, stellt ihre Mutter richtig fest und biegt rechts ab. „Schatz, ich weiß, du hast bestimmt Hunger, aber wir müssen noch kurz einkaufen, bevor wir nach Hause fahren können. Ist das in Ordnung?“
„Klar“, erwidert Icy nur abwesend und sieht nach oben in den Himmel. Es ist zwar erst Mittag, aber die Wolken sehen schon vielversprechend grau aus… ob es vielleicht doch schon früher schneien wird als angekündigt? Das wäre toll! Wenn sie heute doch noch im Schnee spielen kann, nimmt sie sich vor, geht sie vielleicht doch morgen zur Kunst AG, um Miss Lily einen Gefallen zu tun. Aber dann nur das eine Mal.

„Möchtest du mitkommen oder im Auto warten?“, fragt ihre Mutter, als sie auf dem Parkplatz kurz anhält, das aufgebrachte Hupen des Fahrers hinter sich ignorierend. Icy überlegt kurz. „Es dauert auch nicht lang“, fügt ihre Mutter hinzu und drückt nun nach einem wütenden Blick in den Seitenspiegel ihrerseits auf die Hupe.
„Ich bleibe hier“, entscheidet Icy, die blauen Augen fest auf die Menschenmenge gerichtet, die sich ihren Weg in den Laden zu bahnen versucht. Der volle Pausenhof hat ihr heute schon gereicht. Ihr Gegenüber nickt.
„Alles klar, Schatz.“ Sie lässt den Wagen wieder anfahren und fährt in eine der begehrten Parklücken direkt am Eingang, wohl auch deshalb, um sie dem Auto hinter sich wegzunehmen. „Was soll Mama dir denn mitbringen?“
„Schokoeis“, antwortet Icy wie aus der Pistole geschossen und ihre Mutter lacht. „Natürlich. Dumme Frage. Bis gleich!“



Immer noch kein Schnee!
Trotz des Schokomilchshakes, den ihre Mutter ihr im wahrsten Sinne des Wortes gezaubert hat, ist Icy wieder fast genauso schlecht gelaunt wie am Morgen. In spätestens zwei Stunden wird sie ins Bett geschickt und dann nützen ihr die sich immer stärker verdichtenden Wolken auch nichts mehr.
Die Frage, ob sie heute länger aufbleiben darf, stellt sie erst gar nicht. Morgen ist Schule und du hättest heute schon fast verschlafen, wäre die Antwort ihrer Eltern – was das angeht, können sie echt streng sein. Außerdem hat sie morgen direkt in den ersten zwei Stunden Magische Theorie, das einzige Fach, für das sie sogar freiwillig zur Schule gehen würde, und sieht selbst ein, dass sie dafür ausgeschlafen sein sollte.
Trotzdem ist es blöd. Sie hasst den Frühling. Eigentlich mag sie keine Jahreszeit außer dem Winter wirklich, aber den Frühling hasst sie besonders.
Sie hätte sich zu ihrem achten Geburtstag vor einigen Wochen statt neuen Anziehsachen einen längeren Winter wünschen sollen. Nicht mal von ihren Eltern, sondern einfach so. Wer weiß, vielleicht hätte sie dann heute noch mal im Schnee spielen können.

Als ihr Vater nach Hause kommt, begrüßt sie ihn, lässt sich von ihm mitsamt ihres längst leeren Shakeglases ins Wohnzimmer tragen und berichtet ihm in knappen Worten, was heute in der Schule passiert ist. Das mit Miss Lily lässt sie aus. Sie weiß nicht warum, aber sie hat das Gefühl, ihre Eltern mögen es nicht besonders, wenn Miss Lily nach der Stunde mit ihr spricht.
Wenn sie es sich recht überlegt, mochten sie es auch nicht, wenn sie nach der Schule bei ihnen angerufen hat. Vielleicht mögen sie sie einfach generell nicht, überlegt Icy und nuckelt weiter an ihrem Strohhalm, um auch den letzten kläglichen Schokorest aus dem Glas herauszubekommen. Erst, als ihre Mutter sie fragt, ob sie gar keine Hausaufgaben hat, erinnert sie sich daran, dass sie ihren Aufsatz noch fertig schreiben muss, stellt das Glas in die Küche und trollt sich in ihr Zimmer.

Selbstverständlich ist sie wenig motiviert, ihren Frühlingsaufsatz weiterzuschreiben. Stattdessen kritzelt sie lieblos einige Schneeflocken auf ein weißes Blatt Papier, als könnte sie sie dadurch beschwören. Nach einem weiteren Blick aus dem Fenster schnaubt sie leise, ringt sich ein paar nichtssagende Sätze für den Aufsatz ab und klappt dann das Heft zu.
Wenigstens ist sie in Mathe schon in der Stunde fertig geworden, sodass sie dafür nichts mehr machen muss, und in Kunst bekommen sie eh nie Hausaufgaben.
Ein wenig verloren sieht sie sich in ihrem Zimmer um. Sie könnte bestimmt mit einer ihrer Puppen spielen, oder mit ihren Dinos, oder dem Stoffeisbären – oder vielleicht könnte sie puzzeln. Aber das einzige Puzzle, das sie nicht schon in- und auswendig kennt, ist das mit dem Großen Drachen drauf und das mag sie nicht. Es ist rot und gelb, zwei Farben, die sie hässlich findet, und generell guckt der Drache einfach blöd und sieht nicht mal annähernd so mächtig aus, wie er es laut dem Lehrbuch für Magische Theorie angeblich war.

Wenn sie endlich Magie benutzen kann, wird sie viel stärker werden als dieser doofe Drache, das hat sie sich schon mehrfach vorgenommen. Als sie einmal den Fehler gemacht hat, das im Unterricht zu sagen, haben die anderen sie mit großen Augen angeschaut und Miss Lily hat etwas gezwungen gelacht und gemeint, damit hätte sie sich ja einiges vorgenommen. Nur, um daraufhin versöhnlich zu ergänzen: „Nun, allzu lang wird es nicht mehr dauern, bis die meisten von euch ihre Kräfte entdecken – wer weiß denn, mit wie viel Jahren die meisten Feen, Hexen und Magier zum ersten Mal Magie wirken?“
Eine von Icys Mitschülerinnen hat sich gemeldet. „Vierzehn!“, hat sie ausgerufen und Miss Lily hat genickt. „Ja, das stimmt – mit vierzehn sind fast alle soweit.“
Ein enttäuschtes Raunen ging durch den Klassenraum – das würde ja noch ewig dauern!
„Müssen wir wirklich noch sechs Jahre warten?“, hat ein anderes Mädchen gequengelt und dann haben alle durcheinandergerufen, bis Miss Lily sie wieder zur Ordnung gerufen hat.
„Ruhe, bitte!“, hat sie gefordert und als es still wurde schelmisch gegrinst. „Soll ich euch ein Geheimnis erzählen?“, hat sie gefragt und nach mehreren „Jaaa, Geheimnis, Geheimnis!“-Rufen verschwörerisch die Stimme gesenkt: „Wisst ihr, manche meiner Schüler haben es sogar schon mit zwölf geschafft. Ganze zwei Jahre vorher! Meint ihr, ihr schafft das auch?“
Der Rest der Stunde ging in begeisterten Ja!-Rufen unter. Icy hat sich daran zwar nach außen hin nicht beteiligt, aber sie hat die Vorfreude in sich hochkribbeln gespürt, so ähnlich wie immer an den Tagen vor ihrem Geburtstag, wenn sie genau weiß, dass ihre Eltern ihr ein tolles Geschenk gekauft haben, nur noch viel stärker. Und sie hat den Entschluss gefasst, die Allererste in ihrer Klasse zu sein, die ihre Kräfte entdeckt.
Ihr ist egal, ob sie die Beste im Rechnen ist oder die schönste Schrift hat. Genauso wenig kümmert sie, ob sie das hübscheste Bild malen oder am besten den Ton treffen kann, wenn sie im Musikunterricht vorsingen muss. Aber sie will die beste Magierin von allen werden, von allen, allen, allen auf der Welt! – und seit sie denken kann, kann sie kaum den Moment erwarten, in dem es endlich soweit sein wird.



„Gute Nacht, Icy. Schlaf schön.“
Ihre Eltern geben ihr beide noch einen Kuss auf den Scheitel. Das Mädchen lässt das abendliche Ritual kommentarlos über sich ergehen und zieht die Decke hoch. Leider hat ihre Mutter diesmal genau hingesehen, als sie ins Bett geschlüpft ist, sodass sie jetzt statt ihrer Shorts die lange Fleecehose trägt, die sie nicht leiden kann. Wenigstens die verordneten Socken kann sie unauffällig im Schutz der Decke abstreifen – was sie auch ohne Umschweife tut, sobald die Tür hinter ihren Eltern zugefallen ist.
Noch immer ein bisschen enttäuscht davon, dass die Wettervorhersage wieder mal Recht behalten musste, blickt sie mit gerunzelter Stirn aus dem Fenster, wo sich noch immer keine einzige Schneeflocke blicken lässt. Es ist wirklich, als hätte sich der Radiomann gegen sie verschworen. Und das Wetter selbst gleich mit.
Vielleicht schneit es ja wenigstens dafür nachts so doll, dass wenigstens ein bisschen was davon bis zum Morgen liegenbleibt? Das wäre der einzige Trost, auch, wenn man im frisch gefallenen Schnee natürlich viel besser spielen kann als in dem grauen Matsch, der nach einigen Stunden noch übrig ist.
Mit einem leisen Seufzen dreht sie sich auf die Seite und schließt die Augen. „Schnee, Schnee, Schnee“, flüstert sie noch leise, bevor sie ein letztes Mal mit Blick auf das Fenster gähnt und schließlich einschläft.



Als sie die Augen wieder aufschlägt, ist es stockdunkel.
Verwundert blinzelt sie einige Male in die Schwärze ihres Zimmers, bis die Umrisse ihres Regals sichtbar werden. Scheinbar hat sie sich im Schlaf umgedreht… aber warum ist es noch so dunkel?
Wie spät ist es…?
Schlaftrunken dreht sie sich mitsamt der Decke zu ihrem Radiowecker, doch bevor sie auch nur einen Blick auf die Anzeige werfen kann, erstarrt sie. Von ihrem Fenster geht ein merkwürdiges Licht aus, das ihre Fensterbank erhellt und ihre am Boden liegenden Spielsachen beleuchtet. Es ist so hell, dass sie zunächst reflexartig die Augen zusammenkneift, bevor sie sie plötzlich aufreißt.
Es ist bestimmt mitten in der Nacht – das einzige, was draußen so stark das Mondlicht reflektieren könnte, ist…!
Mit einer einzigen Handbewegung schlägt sie sich die Decke vom Körper und rennt barfuß auf ihr Fenster zu.

Schnee!

Mit offenem Mund schaut sie zu, wie die dicken, weißen Flocken zu Boden rieseln, völlig geräuschlos und keine einzige so wie die andere. Die auf der Straße stehenden Autos sind schon mit einer Schneeschicht überzogen, der Bordstein fast nicht mehr erkennbar, so weiß und unberührt sieht er nun aus. Keine Spur mehr vom angeblichen Frühlingsanfang.
Nach einigen Minuten, in denen sie einfach nur fasziniert das Schneegestöber betrachtet hat, klettert Icy auf ihre Fensterbank und versucht, das Fenster zu öffnen. Mit einiger Anstrengung gelingt es ihr, den bereits vereisten Rahmen dazu zu überreden, das Fenster doch bitte endlich freizugeben, und mit einem leisen Klacken, das normalerweise kaum der Rede wert gewesen wäre, nun aber empfindlich die angenehme Stille stört, öffnet sich der Flügel und ein Hauch angenehm frostiger Luft schlägt ihr entgegen.
Sie spürt, wie sie zu lächeln beginnt, erst verhalten, dann immer breiter, und als sie ihre Beine über das Fenstersims schwingt, um sie in der kalten Winterluft baumeln zu lassen, scheint es fast, als würden die Schneeflocken mit ihr lächeln.



Begeistert streckt sie ihre Hände nach den kleinen Kristallen aus, fängt einige, verliert noch mehr, würde sie am liebsten mit hineinnehmen, vielleicht in ein Glas stecken, um sie für schneelose Tage aufzuheben…



Erst, als sie mit zwei kleinen Schneebergen in den Handflächen dasitzt, bemerkt sie, dass etwas Seltsames vor sich geht.
Sie hebt ihre Hände etwas höher, führt sie näher zu ihrem Gesicht und blickt erstaunt die stetig wachsenden Schneehaufen auf ihnen an. Sollten die Flocken nicht… schmelzen, wenn sie ihre Hände berühren…?
Das ist doch immer das Schwierigste, wenn sie ihre Schneetiere baut. Man muss höllisch aufpassen, ihnen nicht zu viel Körperwärme zuzumuten, sonst wird das Gebilde zu instabil und fällt, wenn man Pech hat, in sich zusammen. Sie hat einige Zeit gebraucht, sich daran zu gewöhnen, und kann mittlerweile ganz gut einschätzen, wann sie der Skulptur besser eine kleine Pause gönnt, statt sie weiter zu bearbeiten.
Nun jedoch…?

Der starke Windstoß, der auf diesen Gedanken hin in ihr Zimmer fährt, erschreckt sie so sehr, dass sie die kleinen Berge fallen lässt und sich am Rahmen des Fensters festhält, um nicht vom Fensterbrett gefegt zu werden. Eine weitere Böe folgt und Icy fühlt ihre Haare nach hinten wehen, als sie ihre Augen zukneift und eine Hand hebt, um sich zu schützen, in Erwartung, ihr geliebter Schnee könnte sich gegen sie wenden und sie erblinden lassen. Als eine weitere Brise jedoch wider Erwarten ausbleibt, linst sie vorsichtig durch ihre Wimpern – nur, um die Augen daraufhin wieder aufzureißen, um sich zu vergewissern, dass sie nicht träumt.
Statt sich auf ihr zu verteilen und auf ihrem Körper zu schmelzen oder sie gegen ihren Willen zurück in die Sicherheit ihres Zimmers zu treiben, wie sie schon halb befürchtet hatte, schweben einige Schneeflocken direkt vor ihr, merkwürdig bläulich leuchtend; stehen völlig still in der Luft, direkt vor ihrer ausgestreckten Handfläche. Keine von ihnen ist an ihrer Hand vorbeigezogen – ihr Gesicht, ihr Schlafanzugoberteil, alles ist völlig unberührt.
Einen Moment verweilt sie wie vom Donner gerührt; dann schluckt sie leicht und zieht ihre Hand, welche nun ebenfalls seltsam zu leuchten beginnt, langsam zu sich zurück und keucht leicht, als der Schnee dieser zu… folgen scheint…?
Leicht zitternd – vor Anspannung, nicht vor Kälte – dreht sie ihre Hand, sodass ihr Handteller nach oben zeigt, und beobachtet mit wachsender Begeisterung, wie die Schneeflocken auf ihrer Handfläche zu tanzen beginnen – und wie sich noch mehr Schneeflocken dazugesellen!
Sie bemerkt erst nach einigen Sekunden, dass die neuen Schneeflocken nicht vom Himmel, sondern aus ihr selbst kommen.



Icy hätte nie gedacht, dass sich dieser anfänglich so langweilige Tag in den schönsten ihres bisherigen Lebens verwandeln würde. Ausgelassen ist sie auf ihrer Fensterbank herumgehüpft und hat dabei beobachtet, wie der Schnee jede ihrer Bewegungen mitgemacht hat.
Streckt sie die Hand aus oder zeigt in die Ferne, entfernt sich der Schnee in diese Richtung; zieht sie die Hand zurück zu sich, kommt der Schnee ebenfalls wieder zu ihr.
Konzentriert sie sich auf ihre Handfläche, so kribbelt es in dieser und unter einiger Anstrengung ist es ihr möglich, eine ungefähr tennisballgroße Schneesammlung in ihr zu bilden.
Legt sie ihre Fingerspitzen an die Fensterscheibe und stellt sich vor, wie das Eis an dieser hochkriecht, so formt sich ein Mandala an Eisblumen dort, wo ihre Finger das Glas berühren, und verschwindet auch nicht, wenn sie wieder loslässt.
Es ist einfach toll! Ach was, toll – es ist perfekt! Das Beste, was ihr je passiert ist!
Noch nie hat sie sich so in ihrem Element gefühlt wie in dem Moment, als sie von der Fensterbank heruntergeklettert und einige Schritte in ihr Zimmer getreten ist, tief durchgeatmet hat und, den Blick fest auf das Schneegestöber draußen gerichtet, mit einer fließenden Wellenbewegung einen ganzen Schweif an Kristallen in den eigentlich viel zu warmen Raum gelockt und diesen begeistert durch jeden Winkel des Zimmers geführt hat.
Und so steht sie nun neben ihrem Bett, der Schnee noch immer pflichtschuldig an ihrer Seite – bildlich gesprochen – und sie weiß, dass es genauso sein sollte, sein muss und immer sein wird.

Sie hat ihre Kräfte entdeckt.
Ihre Kräfte, Schnee und Eis, haben sie entdeckt.
Sie ist so unbeschreiblich voll von einem Gefühl, das sie bis zu diesem Tage kaum gekannt hat; über das ihre Eltern oft sprechen, wenn sie Icy liebevoll ansehen und darüber reden, wie schön es ist, dass es sie gibt.
Glück.

Sie ist schlicht und ergreifend unfassbar glücklich.





„Sie hat es geschafft!“, jubelt Lysslis in für sie ganz untypischer Euphorie, die faltigen Hände wie zum Gebet vor ihrer Brust zusammengeführt.
„Eine sehr gute kleine Nachfolgerin hast du da“, pflichtet Tharma bei, deren Augen ebenfalls zum ersten Mal seit langem wieder begeistert leuchten, nicht nur missbilligend aufglühen wie sonst.
Und sogar Belladonna muss zugeben, dass das, was sich in ihrem ungewohnt ehrlichen Lächeln widerspiegelt, reiner, unverfälschter Stolz ist.
„Sie ist jetzt schon eine der Besten, die wir je hatten“, stellt sie betont neutral fest, als wäre sie nicht bereits überzeugt, dass Icys Macht, wenn sie im zarten Alter von bloß acht Jahren schon so ausgeprägt ist, stetig weiter ins Unermessliche wachsen, vielleicht sogar eines Tages beinah an ihre eigene heranreichen würde.
Tharma und Lysslis nicken energisch. „Ein wirklich fähiges Mädchen“, skandieren sie beide im Chor, „eine würdige Erbin!“
Belladonnas Augen schließen sich für einen kurzen Moment. So wundervoll, so außergewöhnlich es auch ist, dass ihre Nachfolgerin schon in so jungen Jahren ihre Magie in sich erweckt hat; so großartig, dass es ihr nach wenigen Stunden bereits möglich ist, das Eis nach ihrem Willen zu formen, besser, als es viele Magierinnen nach wochenlanger Übung vermögen… so ungern denkt sie an die Male zurück, in denen sie eine ähnliche Freude in sich gespürt hat, ihre Hoffnungen erneut mangels einer anderen Option in eine kleine Junghexe gesteckt hat – Obsidian, welches sie davon abhielt, ihrem Schützling zu helfen, den richtigen Weg einzuschlagen, dabei von Mal zu Mal mehr verfluchend.
„Schwestern, lasst uns nichts überstürzen“, gebietet sie den anderen beiden dementsprechend Einhalt. „Noch steht Icy am Anfang ihrer Reise und weder Darcy noch Stormy haben ihre überhaupt schon angetreten. Wir sollten uns daher nicht zu früh den Feierlichkeiten hingeben – das hat immer noch Zeit für den Tag, an dem sich die Wege der drei zum ersten Mal kreuzen…“

„Du hast wohl Recht“, gibt Lysslis nach einem Moment des Schweigens zu, als wäre ihr Blick nicht instinktiv zu ihrer eigenen Hoffnungsträgerin gewandert, welche friedlich in ihrem Bett schläft, vollkommen ahnungslos, welch wichtiger Schritt gerade auch für ihre Zukunft getan wurde.
„Welche wohl als Nächstes dran ist…?“, zischt Tharma leise. Auch sie wendet nun die Augen von Icy ab, schielt unauffällig zu ihrer kleinen Stormy, die, rebellisch wie immer, statt sich der verordneten Nachtruhe zu beugen, mehr schlecht als recht unter ihrer Bettdecke versteckt ein Videospiel spielt, hochkonzentriert und unnötig fest auf die Tasten einhämmernd.
„Darcy natürlich“, grollt Lysslis, Tharmas überhebliches Grinsen mit einem missbilligenden Blick erwidernd.
„Nun, im Gegensatz zu deiner Darcy hat meine Stormy zumindest schon gelernt, sich nicht an die Regeln zu halten, die ihr auferlegt werden…“, triumphiert sie, als wäre das ein anerkannter Indikator für schnellere Magieentwicklung.
„Im Gegensatz zu deiner Stormy hat meine Darcy bereits gelernt, die kluge Entscheidung zu treffen, anstatt nur des Rebellierens willen zu rebellieren“, faucht Lysslis zurück, bevor Belladonnas Knurren die beiden verstummen lässt.
„Streitet nicht!“, fährt sie die beiden an. „Es gibt wirklich Wichtigeres zu tun…“
Ihre zwei Schwestern werfen sich noch einen düsteren Blick zu, schweben aber näher zu ihrer Anführerin, welche auf das Bild von Icy deutet, die, erschöpft von der Nutzung ihrer neuen Kräfte, zunächst ins Bett und dann augenblicklich in einen tiefen, traumlosen Schlaf fällt.
„Lasst uns den nächsten Tag abwarten“, führt sie ihren Gedanken fort. „Die Entdeckung ihrer Kräfte war der erste Schritt… doch der nächste ist von ebenso großer Wichtigkeit.“
Lysslis versteht. „Ihre Zieheltern*“, wispert sie, die Stirn in Falten gelegt. „Von ihrer Reaktion hängt einiges ab…“
Belladonna nickt unheilvoll. Stünde es in ihrer Macht, sie würde diesen beiden dummen Nichtskönnern das Kind entreißen, es selbst trainieren, seine Fähigkeiten fördern wo auch immer möglich. Doch da die Barriere von Obsidian sie so unerbittlich wie immer zurückhält, kann sie nur verbissen darauf bauen, dass zwei magische Subjekte von durchschnittlichem Wesen nicht versuchen würden, Icys Kräfte einzudämmen oder ihrer Magieentwicklung auf eine andere Weise zu schaden. Denn wenn dem so wäre…
Ihre Augen glühen bedrohlich auf.
Sie sollen es bloß nicht wagen!





Als der Radiowecker zu singen beginnt, setzt Icy sich kerzengerade im Bett auf. Mit einer fahrigen Handbewegung schaltet sie ihn aus, reibt sich die Augen und bleibt einen kurzen Moment vollkommen reglos sitzen.
Ob das gestern nur ein Traum war…?
Ihr Blick schnellt zum Fenster und ihr Herz macht augenblicklich einen Satz, als sie sieht, dass es geöffnet ist. Geöffnet! Es ist offen, weil sie es gestern Nacht aufgemacht hat! Oder?
Augenblicklich hüpft sie aus dem Bett, hievt sich erneut aufs Fensterbrett und betrachtet die Aussicht. Na gut, von dem dichten Schneefall ist kaum noch etwas zu sehen, aber an den Windschutzscheiben der Autos sind eindeutig Spuren von Frost zu erkennen.
Es ist also wahr!
So erfreut wie sie ist, hört sie die Schritte erst, als es bereits zu spät ist.
„Icy, stehst du au—oh!“
Ihre Mutter schlägt sich fassungslos eine Hand vor den Mund, als sie sie auf der Fensterbank sitzen sieht, natürlich ohne Socken, vermutlich gezeichnet von der fast schlaflosen Nacht und – möglicherweise noch viel wichtiger – mit einem breiten Lächeln im Gesicht.
„Komm da sofort runter“, ermahnt sie Icy mechanisch. Diese springt ohne jegliches Schuldbewusstsein von ihrem Sitzplatz herunter und schließt pflichtbewusst das Fenster, bevor sie ihre Mutter anstrahlt.
„Guten Morgen!“, ruft sie ihr zu und hüpft mehr zum Kleiderschrank, als sie läuft. Ihre Mutter steht noch immer an Ort und Stelle, nur ihre Augen folgen ihr... doch schließlich räuspert sie sich bestimmt und Icy erkennt den strengen Gesichtsausdruck nur allzu gut.
„Würdest du mir bitte erklären, was hier los ist?“, verlangt sie zu wissen, während Icy einige Anziehsachen aus dem Schrank zieht.
Kurz hält das weißhaarige Mädchen inne. Einerseits wird ihre Mutter ihr bestimmt nicht glauben, wenn sie behauptet, sie hätte einfach nur gute Laune – besonders nicht zum angeblichen Frühlingsanfang, nachdem dieser sie gestern so missgestimmt hat. Andererseits möchte sie sich die Enthüllung dessen, was sie gestern entdeckt hat, eigentlich für einen ganz bestimmten Moment aufsparen…
Also zuckt sie mit den Schultern und zwingt sich dazu, ihr Lächeln etwas zu dämmen. „Nur so.“ Nach einer kurzen Pause fügt sie hinzu: „Ich trete vielleicht der Kunst AG bei. Die treffen sich heute.“
Das ist natürlich eine dicke Lüge, aber sie scheint ihren Zweck zu erfüllen: Das Gesicht ihrer Mutter hellt sich merklich auf.
„Ach Schatz, das freut mich ja so!“, jauchzt sie, zieht die steife Icy in eine überschwängliche Umarmung und läuft zur Tür. „Liebling“, ruft sie Icys Vater zu, der vermutlich gerade erst dabei ist, sich anzuziehen, „Icy hat gesagt, sie möchte sich für eine AG anmelden!“
„Finde ich toll, Icy!“, schallt die Antwort von unten und nun ist es ihre Mutter, die strahlt. „Ich bin mir sicher, du wirst eine Menge toller Freundinnen finden“, trällert sie, bevor sie Icy noch einmal liebevoll auf die Schulter klopft und sich zur Tür begibt. Schon im Gehen blickt sie noch einmal über ihre Schulter und grinst: „Ich glaube, da könnte man dir fast ein bisschen Schokoeis zum Frühstück dazustellen – nur ein paar Löffel natürlich“, schwächt sie ihre übermütige Aussage im letzten Moment noch etwas ab, bevor sie unter den Argusaugen ihrer Tochter den Raum verlässt.

Kurz steht Icy einfach nur da. Dann lächelt sie in sich hinein und beginnt, sich den hellblauen Pullover mit den Schneeflocken überzustreifen, das einzige wintertaugliche Kleidungsstück, das sowohl ihr als auch ihrer Mutter gefällt.
Wäre ihre Mutter nicht so freudig überrascht gewesen, hätte sie Icy ihre Schwindelei niemals abgekauft, das weiß die Achtjährige genau. Schließlich hat sie das Angebot mit der Kunst AG schon gestern bekommen – kann es nur gestern in der Schule bekommen haben, wo denn auch sonst? – und war offensichtlich dadurch keinen Deut besser gelaunt als vorher.
Aber sie ist klug genug, um zu wissen, dass ihre Mutter jetzt annimmt, dass in der Schule doch alles okay ist, schließlich tritt sie jetzt einer AG bei. Nicht wirklich, natürlich, aber das, worauf sie sich heute wirklich freut, wird auch in den Augen ihrer Eltern jede mögliche AG um einiges übertreffen.

Als sie fertig angezogen ist, betrachtet sie sich kritisch im Spiegel und atmet tief durch. Sie hat noch ein bisschen Zeit… sie muss einfach ausprobieren, ob das, was sie gestern Nacht geschafft hat, immer noch funktioniert. Auch ohne die Unterstützung des Schneefalls.
Langsam streckt sie ihre Handflächen von sich und schließt die Augen. Schneeflocken tanzen vor ihrem inneren Auge, zerstieben in alle Richtungen, kommen wieder zusammen, ganz so, wie sie es sich vorstellt. Sie spürt das vertraute, aber dennoch recht neue, Vibrieren in ihren Händen, zieht diese langsam zu sich, öffnet die Augen und dreht in freudiger Erwartung ihre Handteller nach oben.

Nichts.

Keine Schneeflocken, kein Eis. Einfach gar nichts.

Wobei…

Das Glühen ist definitiv wieder da. Ihre Hände leuchten bläulich und sie meint, fühlen zu können, dass sie kälter sind als sonst.
Vermutlich muss sie sich einfach stärker konzentrieren.
Ohne die Position ihrer Hände zu verändern denkt sie erneut an Schneeflocken, doch diesmal gesellen sich noch frostige Eisblumen zu dem Bild in ihrem Kopf. Sie lässt die Kälte so gut sie kann durch ihren Körper fließen, lenkt sie in direkten Bahnen zu ihren Fingerspitzen…

… und da ist es wieder, das Gefühl von gestern.

Sie atmet ein, hält die Luft für einen kurzen Moment an, krümmt die Finger kaum merklich – und als sie die Augen diesmal aufschlägt, ist es da, das Eis, nach dem sie gerufen hat, windet sich in der Luft vor ihr wie die dornige Ranke eines Rosenbusches und schwebt, als sie ehrfürchtig ihre Hände zurücknimmt, in stummer Schönheit vor ihr in der Luft.
Das Lächeln kehrt zu ihr zurück, in seiner alten Intensität. Sie hat es geschafft. Sie hat es geschafft!
Behutsam schließt sie ihre Hände um das Gebilde, das sich, statt zu zerbröckeln, einfach dorthin zurückzieht, wo es hergekommen ist – in ihren Körper. Es fühlt sich gut an, findet sie. Das Gefühl der Kälte, die in sie hinein- und wieder aus ihr hinausfließt, ist wirklich angenehm. Daran wird sie sich nur allzu gerne gewöhnen, das weiß sie schon jetzt.



Und dann passiert ihr ein Fehler. So beschwipst von ihrem Erfolg, wie sie ist, verplappert sie sich beim Frühstück.



Sie ist ausgelassen die Treppe heruntergehüpft, bevor sie sich gefangen hat, sich selbst ermahnend, nicht zu viel von ihrer Freude nach außen dringen zu lassen. Ihr Toast und das versprochene Eis standen schon auf dem Tisch und als sie heimlich das Eis zuerst zu essen versucht hat, hat ihre Mutter ihr lachend mit der ebenfalls bereits bereitliegenden Haarbürste einen leichten Schlag auf den Kopf verpasst.
„Hast du gut geschlafen, Icy?“, fragt ihr Vater und sieht dabei zu, wie sie ihr Brot mit Kokoscreme bestreicht. Sie nickt nur und versteckt ihr verschmitztes Grinsen dadurch, dass sie einen großen Bissen von ihrem Toast nimmt. Während sie kaut, wandert ihr Blick zum Küchenfenster, das ihre Mutter gerade im Begriff ist zu öffnen.
„Ich will nur kurz lüften“, erklärt diese entschuldigend, als hätte es Icy jemals etwas ausgemacht, wenn auch bei Minusgraden das Fenster offen ist.
Ihr Vater winkt ab. „Schon gut. Ich bin ja heilfroh, dass die Wettervorhersage nicht eingetroffen ist“, beginnt er, stockt dann kurz und blickt entschuldigend zu Icy. „Tut mir leid, Kleines, aber wenn es die ganze Nacht geschneit hätte, wäre der Weg zur Arbeit heute furchtbar anstrengend geworden.“
Icy zieht verwirrt die Augenbrauen zusammen. Das zustimmende Nicken ihrer Mutter sieht sie kaum, als es auch schon aus ihr hervorsprudelt: „Was meinst du damit? Es hat die ganze Nacht durchgeschneit!“
Für einen Augenblick wird es still – nun ist es ihr Vater, der sie verwundert anschaut, und ihre Mutter, wohl unsicher, was sie von dem Gespräch halten soll, lacht nur auf, tritt neben sie und nimmt die Haarbürste in die Hand. „Und woher willst du das wissen, Icy?“, fragt sie belustigt, während die Angesprochene spürt, wie ihre Wangen rosa anlaufen. Ach, Mist!

Da ihr Vater nicht aufhört, sie zweifelnd anzusehen, sieht sie keine andere Möglichkeit, als die Wahrheit zu sagen.
„Ich war heute Nacht wach“, murmelt sie, während ihre Mutter geübt mit der Bürste durch ihre Haare fährt. „Und… mir ist etwas ganz Tolles passiert.“
„Was denn?“, tönt die neugierige Stimme ihrer Mutter hinter ihr. Icy schluckt. Jetzt oder nie.
„Ich hab… meine Kräfte entdeckt“, antwortet sie langsam. „Meine Magie. Ich kann Schnee und Eis kontrollieren.“
Zu ihrem Unmut wandern die Augenbrauen ihres Vaters in die Höhe, während dieser das Gesagte zu verarbeiten scheint. Sie kennt diesen Blick.
Es ist der gleiche Blick wie der, den Miss Lily hatte, als sie ihr erzählt hat, dass Mama und Papa nicht böse zu ihr sind. Der gleiche Blick wie der des Aufsichtslehrers, als sie gesagt hat, dass sie keine Jacke braucht.
Ihr Vater glaubt ihr nicht.

Auch ihre Mutter hat kurz in der Bewegung innegehalten, doch nimmt jetzt die Arbeit an ihren Haaren wieder auf. „Icy, Schatz, ich weiß, dass du dir seit Monaten wünschst, dass du deine Magie entdeckst, aber Miss Lily hat dir doch erklärt, dass das noch ein paar Jahre dauern wird. Ich bin mir sicher, wenn es dann passiert, merken Papa und ich es sogar vor dir!“
Ihr Vater nickt bekräftigend. „Ich bin mir sicher, du wirst mal eine wunderbare Fee… oder Hexe“, fügt er zerstreut hinzu, „wenn die Zeit reif ist. Sieh mal, wir haben dir immer gesagt, dass all deine Wünsche in Erfüllung gehen können – aber erst, wenn du dafür bereit bist.“ Pause. „Also frühestens, wenn du die Grundschule abgeschlossen hast.“
Icy spürt, wie ihre Euphorie sich in Entsetzen verwandelt – und dann schließlich in Wut. Keine heiße, brennende Wut wie damals, als sie eine Woche lang Stubenarrest bekommen und getobt hat. Eine kalte, berechnende Wut. Denn sie ist wütend, dass ihre Eltern ihr Geständnis einfach als erfunden abtun, ja, das ist sie. Aber sie weiß ganz genau, wie sie sie vom Gegenteil überzeugen kann.

Sofort nachdem ihre Mutter ihren Zopf gebunden und einen Schritt vom Stuhl zurückgetreten ist, springt Icy auf und streckt die Hände von sich. Die Fragen ihrer Eltern, was sie da mache und ob sie nicht zuerst ihren Toast aufessen wolle, ignoriert sie komplett. Sie konzentriert sich nur auf ihre Atmung, das Bild in ihrem Kopf, und diesmal braucht sie nicht einmal die Augen zu schließen. Ihre Hände beginnen zu leuchten und nur Sekunden später flirrt die Luft um sie herum vor Schneeflocken, die jeder ihrer Bewegungen folgen, genau wie gestern Nacht und wie vorhin, sie hat nämlich nicht gelogen, sie hat ihre Kräfte gefunden, ihre Magie, ihre eigene, nur ihre!

Es scheppert, als die Haarbürste auf dem Boden aufprallt und es scheppert noch lauter, als ihr Vater versehentlich mit einer fahrigen Bewegung seine Kaffeetasse vom Tisch wischt. Icy steigt, von ihren kleinen Eiskristallen begleitet, auf den Stuhl, um nicht versehentlich während ihrer Demonstration in die braune Flüssigkeit zu treten.
Stolz lächelt sie ihre Eltern an. Ihre Wut ist schon wieder so gut wie verschwunden – die ungläubigen Gesichter ihrer Eltern machen den kleinen Moment des Schocks eben mehr als wett. Demonstrativ lässt sie die Flocken um ihre Finger tanzen, und obwohl es sie noch immer viel Anstrengung kostet, hat sie das Gefühl, dass es schon deutlich leichter geht als ganz am Anfang.

Und dann entgleitet ihr ihr kleiner Zauber, als ihre Mutter sie schon zum zweiten Mal an diesem Tag stürmisch umarmt. Die Flocken rieseln unkontrolliert auf den Boden, als ihre Mutter sie vom Stuhl zieht, zum Glück nicht in den Kaffee hinein, und Icy ist fast sicher, dass ihre Augen feucht glänzen, als sie sie endlich wieder loslässt.
„Meine Kleine ist ein Wunderkind“, flüstert sie fassungslos, immer und immer wieder, auch, als Icys Vater die frischgebackene Eismagierin auf die Schultern nimmt und ihr ebenfalls beteuert, wie unendlich stolz er auf sie sei.
Icy ist das Ganze fast ein bisschen unangenehm, aber so froh, wie sie über ihre gelungene Magiedemonstration ist, lässt sie sich eine Weile durch die Wohnung tragen, bevor sie höflich darum bittet, doch langsam wieder auf eigenen Füßen stehen zu dürfen. Den Ausdruck hat sie erst letztens gelernt und sie freut sich, ihn in einem so guten Moment anwenden zu können.
„Du liebe Güte“, lacht ihr Vater, als er hinter ihr her zurück in die Küche läuft, wo Icys Mutter gerade mit einem Fingerschnippen sowohl die zerbrochene Tasse als auch den ausgelaufenen Kaffee verschwinden lässt. „Wer hätte das gedacht! Mit nicht mal zehn Jahren schon eine waschechte Zauberin.“
Icy will gerade etwas erwidern, aber ihre Mutter ist schneller. „Wenn du erst 15 bist, Icy, schicken wir dich nach Alfea“, schwärmt sie und hält sich eine Hand an die Brust. „Das ist die beste Feenschule in ganz Magix – es wird dir dort bestimmt gefallen. Ich habe es leider nie dorthin geschafft…“, schweift sie begeistert aus—

—und alle drei Familienmitglieder zucken erschrocken zusammen, als just in diesem Moment das Fenster zuschlägt, so stark, dass die Scheiben klirren.

Verwundert legt Icy den Kopf schief. Das ist seltsam – sie hat gar keinen Wind gespürt…?
Die kurze Schrecksekunde hat wohl ihren Vater wachgerüttelt, denn dieser flucht nach einem Blick auf die Uhr unterdrückt, gibt sowohl Icy als auch ihrer Mutter noch einen flüchtigen Kuss und hastet dann zur Tür. Und auch in ihre Mutter kommt wieder Leben: Trotz ihres anhaltenden verklärten Gesichtsausdrucks weist sie Icy an, aufzuessen und dann ihren Rucksack zu holen, sie müsse schließlich zur Schule, egal, wie schön das mit ihren neuen Kräften auch sein mag.





Belladonna weiß, dass sie es später leugnen wird, aber ihr entfährt ein tiefer Seufzer der Erleichterung, als sie mit raubkatzenähnlichem Blick erst Icys Magiedemonstration vor ihren Eltern und dann vor ihrer Schulklasse beobachtet. Die nutzlose Lehrerin sieht aus, als würden ihr in nicht allzu ferner Zukunft die Augen aus dem Kopf fallen – recht würde es ihr geschehen, aber so oder so scheint es keinerlei Komplikationen zu geben.
Icys Zukunft scheint vorerst gesichert. Bis auf eine kleine Sache…
„Sie wollen sie auf die Feenschule schicken!“, kreischt Tharma und spuckt dabei Gift und Galle. Auch Lysslis hat unwillkürlich gefaucht, als der Name „Alfea“ gefallen ist – nicht genug damit, dass man eine offensichtlich zur Schwarzmagierin geborene kleine Eishexe auf eine Schule mit diesen entsetzlichen Moralaposteln und Nichtskönnern schicken will, nein, es musste auch noch genau die Feenschule sein, die von der Fee geleitet wird, die maßgeblich zum Untergang ihres Sohnes beigetragen hat!
Belladonna schüttelt angewidert den Kopf. Beim Großen Drachen, wie gern würde sie diese einfältige Frau, deren einzige Aufgabe es ist, ihren Schützling großzuziehen, bis dieser sich alleine versorgen kann, so lange mit schwarzer Magie traktieren, bis sie im wahrsten Sinne des Wortes nur noch ein Schatten ihrer selbst ist! So intensiv, so mächtig ist Belladonnas Hass in dem Moment aufgeflammt, in dem der Name der Feenschule ihre schlecht geschminkten Lippen verließ, dass er sich sogar für einen winzigen Moment im Diesseits niederschlug; etwas, das seit Jahren nicht mehr vorgekommen war.
Dennoch hätte sie es im Großen und Ganzen durchaus schlechter treffen können.

Mehr oder weniger beschwichtigt betrachtet sie, wie ihre süße, kleine Icy die Tische ihrer Klassenkameraden mit Eisblumen verziert, so tut, als würde sie mit den Schneeansammlungen, die sich scheinbar mühelos in ihren Händen bilden, jonglieren, und allgemein gänzlich in ihrem Element zu sein scheint.
Weil sie es ist, denkt sie und erlaubt sich ein weiteres stolzes Lächeln.
„Habt keine Angst, Schwestern“, deklariert sie also feierlich. „Ich bin mir sicher, wenn die drei sich schlussendlich finden, wird das Thema ‚Alfea‘“, sie spuckt den Namen mehr aus, als sie ihn spricht, „für immer Geschichte sein.“
Tharma nickt begeistert, doch Lysslis scheint nicht vollständig überzeugt. „Wollen wir es hoffen“, wispert sie unheilschwanger, schwebt dann jedoch näher an ihre ältere Schwester, um einen genaueren Blick auf Icy zu erhaschen.
„Sie ist wahrhaftig jetzt schon eine kleine Hexe“, kichert sie; ein rasselndes Geräusch, als würde man zwei metallene Ketten gegeneinanderschlagen lassen.
In diesem Punkt kann Belladonna ihr nur zustimmen. „Das ist sie“, erwidert sie mit einem bösen Grinsen. „Wenn Darcy und Stormy auch nur halb so gut sind wie sie, sollten wir nichts zu befürchten haben.“
Tharma und Lysslis grollen. „Wart’s nur ab“, fauchen sie unisono.
„Stormy wird die Stärkste der drei“, ergänzt Tharma bestimmt, doch Lysslis schüttelt nur abwertend den Kopf. „Sie wird gut sein, gewiss, aber Darcy wird sie niemals das Wasser reichen können.“

Belladonna wendet sich von den beiden Streithennen ab und widmet sich wieder der kleinen Icy, die nun von allen Seiten mit Fragen bombardiert wird. Das lauernde Lächeln weicht dabei keine Sekunde lang aus ihrem Gesicht.
Icy, süße Icy. Genieß deine Zeit allein, solange du noch kannst. Es wird nicht mehr lange dauern, bis du merken wirst, dass dir trotz all der Zauber, die du alsbald meistern wirst, etwas fehlt – und dann wirst du deinen eigenen Hexenzirkel gründen, mit Darcy und Stormy, und ihr werdet unbesiegbar werden.
Und dann kommen wir zu euch.






* Lysslis spricht hier von „Zieheltern“, da die Urhexen die Trix als ihre rechtmäßigen Töchter ansehen und ihre Eltern dementsprechend nur als Mittel zum Zweck. Es liegt nicht daran, dass Icys beschriebene Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind.

Da ich mich an meine Grundschulzeit kaum noch erinnere, habe ich mehr Zeit damit verbracht, Stundenpläne und Weiteres zu recherchieren, als ich zugeben möchte…

Vielen Dank an TheLongDark, Kinira und Jaybird für die Reviews, außerdem danke an alle Favorisierer und den/die Empfehler/in! ♥

~ NyNy
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