Die Erhofften: Lichtbrücken

von La Coeur
GeschichteFantasy, Freundschaft / P12
OC (Own Character) Trix Valtor Winx Club
28.07.2020
28.07.2020
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Hi Leute,
Ich habs endlich geschafft und präsentiere euch hiermit den dritten Teil meiner Thea-Reihe. Ich hab nicht damit gerechnet, dass ich tatsächlich so weit komme, weshalb ich mich umso mehr freue, dass es endlich in die finale Runde geht ^-^
Dieser Teil spielt in der dritten Staffel der Serie und ich hoffe, dass am Ende alle offenen Fragen beantwortet sein werden.
So, ich glaub das wars. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!
LG, La Coeur
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Krachend fiel der junge Baum um. Armes Ding, es hatte noch so ein langes Leben vor sich. Dann erklang ein Schwall von Schimpfwörtern gemischt mit einem Knurren. Nein, im Wald wurde gerade keine Abholzung betrieben. Und nein, da quasselten auch keine Einheimischen im Besitz eines eigenartigen – und vor allem erschreckend beleidigendem – Wortschatz durcheinander.

Mit einem Aufschrei warf ich meinen Rucksack neben den Baum. Der Verschluss ging auf und mindestens die Hälfte des Inhalts verteilte sich auf dem Gras. Klasse, einfach klasse! Frustriert ließ ich mich neben dem Chaos auf dem Boden nieder. Mein Leben verlief gerade alles andere als in geordneten Bahnen.

„Beruhig dich bitte wieder“, krächzte Sia. Sie arbeitete eifrig daran, ihr unordentliches Gefieder wieder zu richten und warf mir deshalb einen bösen Blick zu. Ich konnte doch nichts dafür, dass meine Magie auch solche Auswirkungen hatte. Aber lieber ein zerrupftes Aussehen und ein toter Baum als eine zerstörte Stadt.

Ja, ich weiß, ich hatte Besserung gelobt und glaubt mir, wenn ich sage, dass ich die Lektionen der Vergangenheit nicht vergessen habe. Aber das Reisen und die Tatsache, dass ich derzeit überall und nirgends zu Hause war, strapazierten meine Nerven zunehmend in einem Ausmaß, das langsam nicht mehr zu ertragen war.

Azura kam angetrottet. Sie war ein wenig abseits von mir und Sia im Unterholz verschwunden; vermutlich hatte irgendein Geruch ihre Neugier geweckt. Nun aber war sie zurückgekehrt. Sie wusste eben immer, wann ich Trost brauchte – selbst dann, wenn dieser nur teilweise auf fruchtbaren Boden traf. Im Maul trug Azura ein kleines Kuscheltier. Ich nahm ihr das Stofftier ab und kraulte sie unterm Kinn.

„Danke, Kleine“, murmelte ich. Dann wandte ich mich dem Kuscheltier zu.

Es war ein Teddy und ein recht alter noch dazu. Das verdreckte Fell hatte bereits bessere Tage gesehen, die Schleife um seinen Hals war ziemlich zerfleddert und ihm fehlte auch ein Auge, von dem halb abgekauten Ihr mal ganz zu schweigen; kein vernünftiger Mensch würde sich an einem solchen Ding aufhalten. Ich tat es jedoch. Während meiner Reisen war ich einmal nach Stín gegangen, um mich dort für ein paar Tage zu erholen. Als ich das Haus und den Planeten wieder verließ, drängte mich jedoch irgendetwas dazu, den Teddy einzustecken und so schleppte ich ihn seit Monaten von A nach B. Nach einigem Nachdenken war mir auch klar geworden, warum ich den Teddy mitgenommen hatte. Er war genau das Stofftier, das ich vor so vielen Jahren als stolze große Schwester unserem Nesthäkchen Aria geschenkt hatte.

„Ja ja, jetzt sammel deinen Kram ein und dann lass uns verschwinden“, mischte Sia sich ein. Sie klang immer noch angesäuert.

Und wurde wieder daran erinnert, weshalb ich eigentlich so wütend war. Seit über einem halben Jahr war ich Nikolai und Alessio nun auf den Fersen. Wenn ich denn mal eine Spur hätte. Ich griff nach jedem Strohhalm, sammelte Hinweise und hatte mich manchmal sogar in die kriminelle Unterwelt begeben, aber nichts führte mich zu den beiden. Es war, als würde man einen Geist jagen; einen Schatten. Alle Spuren verliefen sich letztendlich im Sand – oder im Wald, wie heute.

Ich war bereits auf so vielen Planeten: Zenith, Lynphea, Isis, Eraklyon...Himmel, selbst Domino hatte ich abgesucht und der Planet war bekanntlich eine einzige Eiswüste. Aber egal wohin ich gegangen war, ich hatte Alessio und erst recht nicht Nikolai gefunden. Es schien, als wären all meine Mühen umsonst gewesen; die reinste Zeitverschwendung.

Vielleicht lag es an mir. Vielleicht reichten meine Fähigkeiten einfach nicht aus. Ich hatte mich in letzter Zeit wie eine Kopfgeldjägerin gefühlt, obwohl ich das gar nicht war. Meine Magie war nicht darauf ausgelegt, Bösewichte durch die gesamte Galaxie zu jagen. Ich war doch schließlich kein Spürhund! Aber vielleicht...vielleicht waren sie es eben doch und ich besaß einfach nicht die Stärke, um diese Kräfte zu nutzen.

„Meinst du, ich hätte mehr tun können?“, fragte ich leise.

Sia linste mich aus dem Augenwinkel heraus an, ehe sie mit ihrer Gefiederpflege fortfuhr. Nach einigen Momenten des Schweigens antwortete sie mir dann aber. „Nein. Du bist vielleicht Valdis' letzte Erbin, aber du bist keine übermächtige Urhexe. Die Magische Dimension ist groß und sowohl Alessio als auch Nikolai hatten mehr als genug Vorsprung, um sich aus dem Staub zu machen und ihre Spuren zu verwischen. Verlange nicht das Unmögliche von dir.“

Ich lächelte schwach. Irgendwo hatte Sia natürlich recht. Jede Magie erreichte an einem Punkt ihre Grenzen und meine waren anscheinend ausgereizt. Es war ein unterbewusster Prozess des Körpers und das war auch gut so, denn würde es dieses Limit nicht geben, würde der menschliche Körper mit hoher Sicherheit an der Magie zerbrechen und zerbersten, sodass man nicht einmal Partikel von Überresten finden könnte.

Nichtsdestotrotz fühlte ich eine gewisse Schuld in mir aufkeimen. Ich hatte meine Freunde zurückgelassen, hatte ihnen nichts erklärt. Ich hatte mir ein Ziel gesetzt: Nikolai und Alessio zu finden und sie für ihre Taten bezahlen zu lassen. Sie für die Experimente und die Folter an meinen Freunden bezahlen zu lassen. Niemand durfte mit solchen Verbrechen davonkommen. Wenn sich die Regierung von Centelleo oder der Magische Rat nicht dafür interessierte, dass die beiden Männer verfolgt und ihrer gerechten Strafe zugeführt wurden, dann nahmen eben andere sich dieser Aufgabe an.

Aber nun, wo ich selbst keine Ergebnisse vorzuweisen hatte, war es, als hätte ich meine Freunde im Stich gelassen. Als würde ich zulassen, dass ihre Peiniger flüchteten, sich versteckten und sich womöglich an einem abgeschiedenen Ort ein schönes Leben aufbauten, oder noch schlimmer: das selbe Spiel woanders wiederholten.

Mit grimmiger Miene machte ich mich daran, meinen Rucksack zu packen. Das sollten die zwei auch nur versuchen, dann würde ich bei denen auf der Matte stehen, ganz egal in welches Eck der Dimension sie sich verkrümelt hatten.

Als letzten Gegenstand hielt ich mein Handy in der Hand. In den letzten Monaten fand ich für das Ding kaum noch Verwendung, da es beim Reisen kaum Möglichkeiten gab, um es aufzuladen. Das Gerät hatte im Moment nur Akku, weil ich mich gestern für eine Weile in ein Café gesetzt und ungefragt den Strom an einer Steckdose angezapft hatte. Aber bei den ganzen blinkenden Schildern und Lichterketten, die da in dem Café geleuchtet hatten, fiel das Bisschen mehr an Stromverbrauch wohl kaum auf. Und wenn doch, dann tat es mir keine Sekunde lang leid.

Zweifelnd drehte ich das Handy in meinen Händen. Obwohl der Akku aufgeladen war, hatte ich keinen Blick aufs Display geworfen. Mir war klar, dass zumindest zig Anrufe von Vivi und Gilliane angezeigt werden würden, vielleicht noch ein paar von Flora. Seufzend schaltete ich den Bildschirm an. Was sollte schon großartig pass...ieren. 467 SMS, 132 Anrufe und 85 Nachrichten auf der Mailbox. Ja, die meisten stammten von Vivi und die Hälfte davon beinhaltete nur Beleidigungen sehr kreativer Art. Etwa 50 der Anrufe kamen von Gilliane, bis diese mich dann irgendwann auf magischem Weg kontaktiert hatte. Der Rest verteilte sich unter einigen unbekannten Nummer, denen ich aber anhand der Mailbox-Nachrichten die Namen von Flora, Bloom und sogar Nerissa zuordnen konnte.

Und eine Voicemail hatte ich von Malik erhalten. Als ich seine Stimme erkannte, fiel mir beinahe das Handy zu Boden. Ganz ehrlich? Ich musste mich ein wenig zusammenreißen, um die Aufnahme nicht erneut abzuspielen und mir so Sias Spott zuzuziehen.

„Sind wir dann soweit?“, erkundigte sich besagter Vogel auch sogleich, kaum dass ich das Handy in den Rucksack gesteckt hatte. Zu meiner Reaktion sagte sie zum Glück nichts.

Ich nickte und öffnete ein Portal. Eigentlich war das nicht so meine Stärke in der Magie, genau wie die Sache mit den Illusionen, aber da mein Ziel die Mutare-Dimension war, gestaltete sich das Unterfangen um einiges einfacher. Gilliane hatte mir als Schöpferin der wandelnden Dimension einen Zugang zu dieser und deren Grenzen gewährt, damit ich nicht ständig in ein Raumschiff steigen musste. Es machte zumindest das Überwinden weiter Strecken angenehmer und hatte zudem den großen Vorteil, dass niemand mich darin fand, sofern Gilliane ihm oder ihr den Zutritt verweigerte.

Unser Ziel war die kleine Hütte, in der ich während meiner Trainingszeit in der Mutare-Dimension gelebt hatte. Das Häuschen wirkte nach wie vor verfallen und unbewohnt, doch ich wusste es ja besser. Was von außen wie die letzte Zuflucht auf Erden aussah, war von innen recht gemütlich, wenn auch spartanisch eingerichtet. Immer noch standen nur wenige Möbel im Raum; überhaupt gab es wenige Gegenstände. Wozu auch? Ich hielt mich nur übergangsweise hier auf und hatte die wichtigsten Dinge stets bei mir.

Mein Magen knurrte. Ein Problem gab es allerdings schon mit der Hütte: Man konnte in ihr keine Vorräte anlegen. Das meiste Essen würde während meiner Abwesenheit vergammeln. Soweit ließ sich der natürliche Prozess dann doch nicht aufhalten. Das hieß im Umkehrschluss aber auch, dass wir vieles frisch besorgen mussten, vor allem das...Fleisch. Ich seufzte. Im Regelfall überließ ich diese Aufgabe Azura, weil die Jagd einfach in ihren Instinkten lag und ich im vergangenen Jahr wesentlich zivilisierter als in den Jahren davor gelebt hatte. Aber heute brauchte ich das einfach mal. Nicht das Töten, aber das Jagen an sich.

Ich bedeutete Azura und Sia also in der Hütte zu warten. Azura legte sich auch prompt auf den Fellteppich, welcher in der Mitte des Raumes ausgebreitet war, und Sia verkroch sich in irgendeine dunkle Ecke unterm Dach.

Und ich ging jagen.

~*~


Erfolgreich kehrte ich zwei Stunden später zurück. Meine tierischen Begleiter warteten vor der Hütte. Azura sprang sofort begeistert auf und nahm mir meine Beute ab. Vorausschauend hatte ich das Tier schon vorher gehäutet und ausgenommen, damit Azura mir die Arbeit nicht erschwerte. Das hatte allerdings auch ein paar Nachteile, wie zum Beispiel die Blutflecken in meiner Kleidung. Ich rümpfte die Nase. Meine Klamotten waren sowieso schon reichlich verdreckt, da hätte das nicht noch zusätzlich sein müssen.

„Was hast du denn gemacht?“, fragte Sia pikiert.

Ich schnaubte und zog die Kleidung, welche nun völlig hinüber war, aus. Mich sah hier sowieso keiner und weder Sia noch Azura hatten praktisch gesehen Klamotten an. Dann wandte ich mich dem Bach zu, welcher seit ein paar Wochen an der Hütte vorbeifloss, und wusch mir das Blut vom Körper. Igitt! Das letzte Mal, als ich so viel Blut auf mir gehabt hatte, war, als ich Leander gerettet hatte.

„Krieg ich noch eine Antwort?“

„Bin halt etwas aus der Übung“, murmelte ich, während ich vehement über mein Schlüsselbein schrubbte. Meine Fresse, wo landete das Scheißzeug eigentlich überall?! „Hab ganz vergessen, was für ne Sauerei das ist.“

„Sieht man.“ Und da war es wieder. Diese im Überfluss vorhandene Belustigung, welche Sia immer wieder aufs Neue an den Tag legte, um mich zu ärgern. Manchmal glaubte ich, dass sie das als eine Art Anti-Aggressions-Therapie für mich machte.

Ich spritze etwas Wasser in ihre Richtung, woraufhin der vorlaute Vogel außerhalb meiner Reichweite flatterte und mir einen empörten Blick zuwarf. Ja ja, tu nur so, als wärst du das Opfer. Dabei provozierst du mich doch und nicht umgekehrt! Also völlig verdient. Sia sollte bloß aufpassen, sonst würde ich ihr irgendwann den Hals umdrehen oder sie im Bach ertränken. Okay, Schluss mit diesen Gedanken! Das klang viel zu verlockend!

Kurz versuchte ich noch, meine Kleidung zu reinigen, aber das Gemisch aus Blut und Dreck erschwerte meine Bemühungen, weshalb es letztlich nur bei dem Versuch blieb. Dafür hatte ich absolut keine Nerven mehr. Wurde sowieso Zeit, dass ich mal die Klamotten wechselte. Diese hier trug ich bereits seit zwei Monaten und ab und zu in einem Fluss zu baden – wenn überhaupt – war jetzt nicht gerade der idealste Weg, um sich sauber zu halten.

In der Hütte kramte ich eine Decke hervor, wickelte mich darin ein und setzte mich anschließend auf den Fellteppich. Abgehärtet oder nicht, ich war nicht scharf auf eine Erkältung. Azura gesellte sich zu mir und auch Sia schien nicht länger wegen meiner Wasseraktion eingeschnappt zu sein. Es hätte für den Moment so schön sein können, würde sich mein Gedächtnis nicht mit einer lange aufgeschobenen To-Do-Liste melden. Ach menno!

Seufzend erhob ich mich noch einmal und holte den Spiegel, welchen Gilliane damals für mich hier gelassen hatte, um mir einen Blick in die Außenwelt zu gewähren. Wenn man reiste und Augen und Ohren nur für bestimmte Informationen offen hielt, hatte man nicht besonders viel Zeit dafür, was in der restlichen Dimension so vor sich ging. Ihr seht, ich bin nicht gerade auf dem neuesten Stand der Dinge – nicht einmal dann, wenn es meine Freunde betraf. Wie gesagt, ich war beschäftigt und konnte nicht mal eben spontan bei allen durchklingeln und Smalltalk halten. Oder, wenn wir ganz ehrlich waren: Ich wollte niemanden anrufen, nur um dann jedem stundenlang Rede und Antwort für mein plötzliches Verschwinden zu stehen. Ich war eben ein kleiner Feigling.

„Der Zauber aktiviert sich nicht von allein“, spöttelte Sia, da ich keinerlei Anstalten machte, den Spiegel zu benutzen. Entschuldige, ich musste mit den Stimmen in meinem Kopf noch ausdiskutieren, ob ich heute wieder den Schwanz einzog oder nicht.

Angespannt leitete ich meine Magie in den Spiegel. Mein Griff um den Gegenstand wurde merklich fester, als das Spiegelglas immer matter und nebliger wurde. Bis sich besagter Nebel wieder aufklärte und den Blick freigab, waren meine Hände bereits nass geschwitzt vor Nervosität und ich malte mir insgeheim die schlimmsten Szenarien aus, obwohl die Wahrscheinlichkeit, dass jemand gerade in dem Moment, welchen ich beobachtete, über mich lästerte oder schimpfte, ziemlich gering war.

Kaum, dass ich Spiegelglas ein Bild zu sehen war, verschwand meine Nervosität. Ich runzelte die Stirn. Die Personen im Spiegel konnte ich gut erkennen. Es waren Nerissa, Leander und zu meiner Überraschung auch Fynn. Auf den ersten Blick wirkte es so, als säßen die drei bei den Zwillingen zu Hause im Wohnzimmer. Doch dann fielen mir die unterschiedlichen Möbel auf, welche in einem rustikalen Stil gehalten waren, und die fehlende Glasfront, welche auf Andros in den meisten Unterwasser-Häusern üblich waren und die schillernde Unterwasserwelt des Planeten zeigten.

Okay, das musste nichts bedeuten. Leander und Nerissa besuchten Fynn wahrscheinlich nur. Der hatte schließlich erwähnt, dass er zurück zu seinen Eltern gehen wollte. Aber wollten die Zwillinge nicht eine Therapie machen? Bei dem, was die zwei erlebt hatten, konnte ich mir nicht vorstellen, dass sie von ihrem Psychologen das Okay bekommen würden, um mal eben einen Kurzurlaub auf Centelleo einzulegen.

Zusätzlich bemerkte ich die angespannten Gesichter und den besorgten Ausdruck in den Mienen. Was war denn da los? Mein Gehirn servierte mir ein Szenario nach dem anderen und jedes davon war schlimmer als das vorangegangene. Dummerweise übertrug der Spiegelzauber nur Bilder und keinen Ton. Ich konnte nur erahnen, was bei den drei passierte.

„Du hast auch keine Ahnung, was gerade abgeht, oder?“, wandte ich mich hilfesuchend an Sia.

Die schüttelte nur den Kopf. „Seh ich aus, als könnte ich Gedanken lesen? Aber vielleicht…hm. Auf unseren Reisen hab ich in den letzten Wochen eine zunehmende Anspannung bemerkt, und das nicht nur auf einem Planeten. Vielleicht hat sich das nur auf deine Freunde übertragen.“

Eine allgemeine Anspannung also? Nette Erklärung, das sagte mir aber noch lange nicht, woher eben diese rührte. Meistens bedeutete so eine interplanetare Beunruhigung, dass sich momentan eine mittelschwere bis riesengroße, unaufhaltsame Katastrophe anbahnte. Ich selbst hatte bisher nur eine erlebt und die bestand zu jenem Zeitpunkt in meinen Schwestern.

Ich fasste mir an die Stirn. Bitte lass es nicht schon wieder die drei sein. Ich hatte eigentlich geglaubt, dass Lichtfels das Hexentrio positiv beeinflussen würde, aber nach Floras Aussagen waren die Leute dort wohl genauso erfolgreich wie die Heimerzieher und Direktorin Griffin. Kein Wunder also, dass sie so schnell aus der Besserungsanstalt geflohen waren. Nicht dass ich darüber besonders viele Informationen besaß. Doch wenn die drei wieder und auch noch für längere Zeit auf freiem Fuß waren, hatten sie genug Zeit, um wieder ein großes bisschen Chaos zu verbreiten. Genervt stöhnte ich auf. Hatte ich auch noch normale Verwandtschaft, abgesehen von einer Urhexe und drei Kriminellen? Wer war meine Mutter gewesen – eine Meerjungfrau? Und mein Vater…na schön, brechen wir meine sarkastische Tirade an dieser Stelle mal ab.

Ich tippte das Spiegelglas an, erneut tauchte der Nebel auf, nur um dann ein neues Bild zu enthüllen. Ich wusste nicht, ob ich mir das Geschehen antun oder es wegwischen sollte. Ich entschied mich für ersteres. Dieses Mal zeigte der Spiegel mir Malik. Der war offenbar in irgendeinem Club unterwegs, zumindest nahm ich das aufgrund der bunten Effektlichter, wie man sie häufig aus besagten Clubs kannte, an. Und um ihn herum, wie sollte es auch anders sein, tummelte sich seine Fans. Oder auch Schlampe eins bis – hier gewünschte Zahl einfügen –, die sich ihr Make-Up im Baumarkt in Form von Wandfarbe besorgt hatten.

Mein Magen glich einem kochenden Teekessel, und zwar einen von der Sorte, der zu spät vom Herd genommen wurde und platzte. Es war ja schön und gut, dass Malik sich wohlzufühlen schien und sich amüsierte, aber die Personen, mit denen er sich amüsierte, störten mich gewaltig. Von der Art und Weise ganz abgesehen. Mussten die sich gegenseitig die Zunge in den Hals stecken? Das war ja widerlich! Als ob die sich auffressen wollten. Ja, ich weiß, dass ich wie ein kleines Kind klinge, aber ihr seht ja auch nicht, was ich sehe. Gott, ich könnte kotzen!

„Wird da etwa jemand eifersüchtig?“ Ob der Würgegriff auch bei Vögeln funktionierte? Falls nicht, dann gab es immer noch den Bach neben der Hütte…

Ich knurrte. „Das kann dir doch egal sein! Wieso sollte ich eifersüchtig sein? Nur weil Malik mit seinem Hurenrudel am Rummachen ist, als gäbe es kein Morgen? Von mir aus kann er mit jedem ins Bett steigen, wie es ihm gefällt. Soll er sich doch irgendeine Krankheit einfangen, darauf bin ich bestimmt nicht neidisch!“

„Und wie du eifersüchtig bist“, gackerte Sia, als hätte sie gerade den Witz des Jahres gehört. Hatte sie vermutlich auch, denn ich wusste selbst, wie lächerlich meine Ausführungen klangen. „Du beleidigst diese Mädchen, ohne mit der Wimper zu zucken.“

Murrend ignorierte ich Sias weitere Bemerkungen. Wie gesagt, ich hatte mich versucht aus dem Offensichtlichen herauszureden. Aber es war ein irgendwie natürlicher Reflex, dass ich solche Dinge von mir weisen wollte. Fast schon wie eine Art Schutzreflex, ganz so als würden Gefühle wie Eifersucht mich verletzlich machen. Ich war eben besonders vorsichtig, was ich von dem, was ganz tief in mir vor sich ging, preisgab, seitdem die Trix mich so an der Nase herumgeführt und blamiert hatten.

Aber zurück zum Thema. Eifersucht war echt ätzend und obendrauf ein hässliches Gefühl. Ich mochte es nicht besonders, trotz dass es in der Natur des Menschen lag so für Dinge oder andere Menschen zu empfinden, die außerhalb ihrer Reichweite lagen. Ich musste es jedoch so sehen: Ich besaß kein Recht darauf, eifersüchtig zu sein. Ich hatte Malik eiskalt abserviert, ohne jegliche Rücksicht. Ich durfte keine Ansprüche stellen und ihm schon gar nicht vorschreiben, wie er sein Leben zu leben hatte. Und wenn das hieß, dass er sich mit anderen Frauen amüsieren wollte, dann sollte es wohl so sein. Ich hatte keinen Platz mehr in diesem Leben.

„Machen wir weiter“, meinte ich. Meine Laune hatte einen gewaltigen Dämpfer abbekommen, was sich auch in meiner angeschlagenen Stimme niederschlug.

Wie zuvor berührte ich den Spiegel, der Nebel kam und zog wieder ab und hinterließ eine neue Szene. Irritiert näherte ich mich dem Spiegelglas. Hatte ich irgendeinen Sehfehler oder warum war das Bild dermaßen düster? Die gemauerten Wände sahen nass und kalt aus, Strohfetzen lagen auf dem Boden und ein sehr schwacher Lichtschein fiel von einer Position herein, die ich nicht sehen konnte. Ich würde fast darauf tippen, dass mir das Verlies des Wolkenturms gezeigt wurde. Andererseits könnte es jedes andere Gefängnis in einem alten Gemäuer sein.

An der mir theoretisch gegenüberliegenden Wand bewegte sich etwas. Die Umrisse waren definitiv menschlich und als die Gestalt in das schwache Licht trat, erkannte ich auch endlich, wen ich da sah. Klar, ich hatte nach meinen Freunden schauen wollen und nahezu alle gesehen – mit Ausnahme von Vivi. Das Rot ihrer Haare war ausgeblichen und glanzlos, als wäre es von einer dicken Staubschicht bedeckt; Schrammen zogen sich über ihre nackten Arme; sie hatte ein blaues Auge und ihre Unterlippe war aufgeplatzt.

Erschrocken sog ich Luft ein. Bei allen Biestern, was war Vivi denn passiert? Hatte sie sich geprügelt? Unmöglich, so ein Typ Mensch war Vivi nicht. Ich neigte vielleicht zu körperlichen Aggressionen, aber Vivi wusste sich verbal gut zu verteidigen. Stammten die Verletzungen also von magischen Angriffen? Eigentlich unmöglich. Nach meinem letzten Telefonat mit Gilliane wusste ich, dass Vivi eine Fortbildung in Illusionsmagie sowie der Herstellung von Tränken im Wolkenturm machte und als Hilfskraft den einen oder anderen Unterricht unterstützte. Griffin würde nach den Trix – und mir, man denke da nur mal an die Aktion, während der ich Icy und Darcy in Tiere verwandelt und in einen Käfig gesperrt hatte – nicht zulassen, dass ihre Schülerinnen sich in der Schule gegenseitig attackierten und verletzten.

Grübelnd starrte ich auch dann noch auf den Spiegel, als Vivis Bild längst verschwunden war. Es war mir ein einziges großes Rätsel, was ich da gesehen hatte. Und zugegeben, es beunruhigte mich schon ein wenig. Sias Bemerkung zu der interplanetaren Unruhe verbesserte die Situation nicht wirklich, sodass ich nicht wusste, was ich von dem ganzen halten sollte. Ich brauchte eine schnelle Aufklärung und einen Ratschlag bezüglich meiner ertraglosen Spurensuche. Ich musste mit Gilliane sprechen.

„Unsere nächste Station sind Magix und der Wolkenturm“, verkündete ich meinen Gefährten. Azura hob nur träge den Kopf, sie war im Laufe meines Stalkings eingedöst. Ihr war es im Grunde genommen egal, wohin wir reisten.

„Es freut mich, dass du nicht länger wegläufst und dich deinen Freunden stellst.“ Damit hatte ich nicht gerechnet, weshalb ich Sia auch etwas verdutzt und vielleicht auch dümmlich anguckte. Was zur Hölle meinte sie denn nun schon wieder?

„Die Winx sind auch in Magix.“

Au weia, da hatte ich ja gar nicht dran gedacht. Aber ich wollte auch keinen Rückzieher machen. Irgendwann würde Karma sowieso zurückschlagen und mich den Weg der Feen kreuzen lassen, also konnte ich diese Begegnung genauso gut zeitnah hinter mich bringen. Nicht dass das zu meiner ursprünglichen Planung gehörte. Ich musste wohl oder übel in den sauren Apfel beißen.

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