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Fears

von Fhaiye
OneshotAllgemein / P16
OC (Own Character)
27.07.2020
27.07.2020
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Für TanteHablieblieb.

Manche Wünsche gehen in Erfüllung.
Ich hoffe, es gefällt.


*~**~**~**~*



36 Grad Celsius.
Hochsommer.

Und selbst jetzt, spät abends, waren die Temperaturen nicht unter 20 Grad Celsius gesunken.
Eine tropische Nacht stand bevor.

Heiß, so verdammt heiß.

Und Marias Dienst – ihre Nachtschicht – begann erst jetzt.
Vollkommen nassgeschwitzt starrte sie auf ihre silberne Armbanduhr, die ihr versicherte, dass es erst 21.54 Uhr war.

Zu früh, um sich auf ihren Feierabend in den weit entfernten Morgenstunden zu freuen.

Gewiss würde es eine harte Nacht werden.
Gerade die lauen Sommernächte in Deutschland warteten mit besonders anstrengender Arbeit auf sie, denn es gab immer jemanden, der beim Versuch sich abzukühlen sein Zimmer überflutete, selbst spät abends mit einem Eis seine Bettwäsche verschmutzte und neue orderte oder seinen Cocktail im angeheiterten Zustand über den Tresen der Bar vergoss.

In solchen Fällen war sie gefragt.
Sie als Angestellte im Housekeeping des eigentlich nicht so besonderen, aber dennoch großen und gefragten Hotels am Rande des Harzes.

Maria entkleidete sich, griff nach ihrer Arbeitsuniform – einem bordeauxroten Poloshirt mit aufgesticktem Hotellogo, dazu eine lockere schwarze Baumwollhose, zog sich an, richtete sich ordentlich anhand ihres Spiegelbildes, ehe sie die Umkleide im Untergeschoss des Gebäudes verließ, in welcher sie bis gerade eben noch verweilt hatte.  

Die allabendliche Besprechung pünktlich zu Schichtbeginn mit der Hausdame wartete, welcher sie abwesend zuhörte. In Gedanken verfluchte sie die drückende Schwüle, die an ihr nagte und bereits jetzt schon das Leben erschwerte.  
Noch bevor sie auch nur einen Teil ihrer Arbeit verrichtet hatte.  

Missmutig blickte Maria auf das Blatt Papier, das ihre Chefin ihr stumm auffordernd in die Hände gedrückt hatte. Viele Zimmer standen nicht auf ihrem Plan, allerdings musste sie sich direkt um drei Abreisezimmer kümmern, bei denen die Gäste erst gegen Abend das Hotel verlassen hatten.  

Sonderwünsche.

Aus Erfahrung wusste Maria, dass Abreisezimmer die meiste Zeit in Anspruch nahmen.
Sie hatte sich also nicht getäuscht. Es wartete eine Menge Arbeit auf sie.  

Ohne Umschweife machte Maria sich auf den Weg, im Anschlag ihr metallener Reinigungswagen.
In der kurzen und ruhigen Zeit im Aufzug flocht sie sich einen Zopf, so gut es eben ging, überprüfte ihr Aussehen in den großen Spiegeln des Fahrstuhls.  

Ihr Ziel war die dritte Etage.
Zielstrebig steuerte sie den Raum auf dem Stockwerk an, in welchem die frische Wäsche und der Staubsauger verwahrt wurden, dann machte sie sich schleunigst an die Arbeit.  

Und wenige Sekunden später rann bereits der Schweiß in Strömen ihren Rücken hinab.
Von ihrem Gesicht ganz zu schweigen.  

Die Zeit verging und verging, die Arbeit wurde zum Glück weniger.  

Gerade, als Maria das letzte Zimmer hinter sich abgeschlossen und sich auf eine kleine Verschnaufpause gefreut hatte, zuckte sie zusammen, denn hinterrücks ertönte die Stimme von Klaudia, ihrer Chefin und besagter Hausdame.  

Ein kurzer Blick auf die Uhr, bloß um sicherzugehen, dass sie nicht zu langsam gearbeitet und den Zeitplan eingehalten hatte…  

„Maria! Gut, dass ich dich finde! Oben im siebten Stock liegt Popcorn auf dem Boden. Scheinbar ist schon jemand darüber gelaufen. Wärst du so freundlich und würdest dich darum kümmern, ehe der komplette Teppich ruiniert ist?“

Resigniert nickte die Angesprochene.  
Was blieb ihr auch anderes übrig?  

Ein kurzer Zwischenstopp an ihrer Wasserflasche, dann schob Maria ihren Wagen zu den Aufzügen, wartete einen Moment, bis sie eintreten konnte und dieser sie an ihr neues Ziel brachte.

Immer noch rann ihr der Schweiß den gesamten Körper hinab, die Luft war beinahe zum Schneiden, ihre Arbeitskleidung klebte an jeder erdenklichen Stelle.  

Und zu allem Übel sah sie dann das Ausmaß der angekündigten Katastrophe mit eigenen Augen.  

Der komplette Flur war von den Aufzügen bis hin zu der letzten Tür des Ganges vollkommen mit Popcorn verdreckt!  

Maria schloss für einen winzigen Moment die Augen, legte ihre Hand auf die geschlossenen Lider, ergab sich dann aber ihrem Schicksal.
Es nützte doch ohnehin nichts.  

Sie holte tief Luft, wischte sich den Schweiß von der Stirn und marschierte davon, um sich den Staubsauger zu holen, nahm ihren Reinigungswagen mit, damit dieser nicht im Weg stehen würde – bloß hatte sie sich die Mühe umsonst gemacht.
Auf diesem Stockwerk war kein Staubsauger vorhanden.  

Entnervt murmelte Maria einige Schimpfwörter vor sich hin, machte sich – mit ihrer Wasserflasche im Anschlag - auf in Richtung des Aufzuges, um sich den Staubsauger von Stockwerk drei zu mopsen. Sie wusste schließlich sicher, dass dort einer vorhanden war.

Die lauten Hotelgäste, die ihr grölend und lachend entgegenkamen, grüßte sie freundlich, ließ sie vorbei, obwohl sie ahnte, dass das Grüppchen wohl kaum Notiz davon nahm.  
Allesamt – die drei Männer und die zwei Frauen – wirkten stark alkoholisiert, waren zudem noch komplett schwarz gekleidet.  
Das genaue Gegenteil von Marias alltäglicher äußerer Erscheinung, doch in ihrem Gewerbe zählte genau eine Sache: der Gast war König.
Und genau deshalb war sie zu allen gleich höflich, behandelte niemanden anders.  

Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, ehe sie sich den Staubsauger geholt und die Sauerei beseitigt hatte.  

Immer mehr und mehr Gäste kamen ihr entgegen, als sie den Staubsauger zurückbringen wollte.
Als sie wieder eine ganze Schar vorbeiließ, lehnte Maria sich an die Wand, atmete durch.
Und bereute es sofort.  

Die Luft schien immer dicker zu werden.
Die Hitze wollte nicht weichen.  

Sie griff an den Saum ihres Poloshirts, wedelte sich ein wenig Luft unter das Oberteil, doch das brachte kaum Abkühlung trotz des geflossenen Schweißes.  
Um den Flüssigkeitsverlust wenigstens etwas auszugleichen, trank sie einen großen Schluck Wasser, doch selbst das schaffte keine Besserung. Weder zum Kühlen ihres Organismus, noch zur Linderung ihres Durstes.
Eisern biss sie die Zähne zusammen, ignorierte die Uhr, die ihr vorhielt, dass bei weitem noch nicht Feierabend war.  

Die letzten Meter bis zum Housekeepingraum schleppte sie sich mühsam, brachte dann den Staubsauger weg, bloß um sich schnurstracks zurück zu Stockwerk sieben zu begeben.  

Im Laufen trank sie etwas, wollte gerade den Knopf zum Rufen des Fahrstuhls drücken, da hielt sie inne.  
Ihr Arbeitstelefon läutete.  

Die Rezeption.  

Widerwillig nahm Maria den Anruf entgegen, war bereits schon im Treppenhaus und ein Stockwerk heruntergelaufen, um dann festzustellen, dass ihr der Kollege von der Anmeldung lediglich mitteilen wollte, dass Klaudia keine weiteren, spontanen Aufgaben mehr hatte und soeben gegangen war.  

Als Maria diese Worte vernommen und realisiert hatte, stand sie allerdings schon im Erdgeschoss des Hotelkomplexes, hielt sich die Seite und lachte. Schüttelte den Kopf. Trank in einem Zug ihre Flasche leer. Atmete durch und war zufrieden, ob der Tatsache, dass ihr Dienst nun doch ruhiger werden würde.  

Oder täuschte sie sich vielleicht?  
Nein, gewiss nicht.

Sie würde nun bloß noch auf Abruf arbeiten, wenn einer der Gäste ein Fauxpas anrichtete oder einen Sonderwunsch hatte...

Noch immer schwer atmend brachte Maria ihre leere Wasserflasche hinter den Tresen der Rezeption, um schnellstmöglich zu ihrem Reinigungswagen auf Etage sieben zurückzukehren und dann endlich einer kleinen Verschnaufpause bei einer kühlen Limonade zu frönen.  

Denn noch immer machte ihr die schwere Luft zu schaffen und nur langsam versiegte der Schweiß.
Ihr Körper kühlte sich nach vollbrachter Arbeit selbst und diesmal sogar fühlbar.
Maria entspannte sich, schlenderte ein wenig gelassener zum Aufzug, wartete nur kurz auf diesen.  
Und trat dann ein, als sich dieser mit dem nur allzu bekannten Ton ankündigte, betätigte den Knopf für das gewünschte Stockwerk.

Geschafft.
Die ruhigere Zeit rückte immer näher.  

Maria lehnte sich an den Handlauf, blickte kurz zurück ins Foyer, atmete tief durch, ehe sie den Blick zur Seite wandte und ihr Spiegelbild überprüfte.
Das leichte Make-up, das sie für die körperlich doch recht harte Arbeit bei diesen Temperaturen aufgetragen hatte, befand sich noch an Ort und Stelle.  
Ein leichtes Lächeln blitzte auf ihrem erröteten Gesicht auf, dann richtete sie einige verlorene Haarsträhnen, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatten.

Ein weiterer Blick in den Spiegel, einmal über das Oberteil streifen, dann bewegte Maria sich zurück in ihre Ausgangsposition.

Den leicht kühlenden Handlauf des Fahrstuhls in ihrem Rücken, den Kopf Richtung Foyer gewandt, ihr Blick allerdings ruhte auf den Bodenplatten zu ihren Füßen.
Entspannung für ihren Nacken.

Als der Gong des Fahrstuhls ertönte, lächelte sie ein bisschen breiter, bewegte ihren Kopf hin und her.
Atmete tief durch, hob den Blick und sah den Türen dabei zu, wie sie sich schlossen.

Sie sah sich schon mit der kühlen, frischen Limo auf dem Hof stehen und...

Gerade, als sich die Türen komplett schließen wollten, schob sich eine Hand in den schmalen Schlitz, der entstanden war.  
Und wie es sein sollte, öffnete sich der Fahrstuhl.  

Maria erschrak.
Heftig.

Hatte sie sich gerade noch auf eine kleine Pause gefreut, wusste sie nun nicht, was sie fühlen oder denken sollte.

Angst?
Panik?

Sie schluckte, blinzelte ein paar Mal.

Der Mann, der eingestiegen war und rechts von ihr Stellung bezogen hatte, war vollkommen anders... so auffällig.
Beinahe, als wäre er einem Horrorfilm entsprungen.

Schon die Hand, die den Fahrstuhl aufgehalten hatte, hatte sie stutzig werden lassen.

Schwarz.
Schwere Ringe.

Maria wandte den Blick ab, ihr Herzschlag beschleunigte sich auf unerträgliche Weise.

Verspürte sie wirklich Angst?

Nein, das konnte nicht sein.

Er, der Unbekannte, war ein ganz normaler Gast.
Und so sollte sie ihn auch behandeln.

Hatte sie sich nicht erst etwas darauf eingebildet, dass sie alle Menschen gleichbehandelte, vollkommen egal, wie sie sich nach außen präsentierten?
Was war aus dieser Einstellung geworden?

Sie schluckte ihre Sorge hinunter, schließlich befand sie sich noch immer an ihrem Arbeitsplatz.
Dann hob sie den Kopf, blickte zu dem unbekannten Mann.

Erschrak erneut.
Denn der furchterregende Blick des Fremden lag auf ihr.

Die Begrüßung, die Maria eben noch auf der Zunge gelegen hatte, blieb ihr fast im Halse stecken, als sie die unheimlichen Kontaktlinsen des Mannes ins Auge fasste.

Ein Monster.
Er sah aus wie ein Monster!

Die strahlend weißen Kontaktlinsen ließen ihn wirken wie nicht von dieser Welt.

„Guten Ab...”

Zum Ende hin war ihre Stimme nicht mehr als ein leises Flüstern gewesen, bis sie vollends gebrochen war.
Und der Unbekannte taxierte sie noch immer, wortlos.

Etwas regte sich in ihr.  

Unbehagen?
Oder doch eher Faszination?

Nervös strich sie sich ihre Haarsträhne aus dem Gesicht, blickte zur Seite.  
Bloß um festzustellen, dass sie durch den Spiegel geradewegs wieder die perfekte Sicht auf ihn hatte.

Diesmal wandte Maria sich nicht ab, beobachtete den geheimnisvollen Fremden durch den Spiegel hindurch.
Und plötzlich wurde ihr heiß.
Heißer als ohnehin schon.

Oder lag es doch bloß daran, dass die Temperaturen nicht sinken wollten und die Luft auf diesen wenigen Quadratmetern beinahe schneidbar war?

Zum wiederholten Male lief ihr der Schweiß den Rücken hinab.
Warum diesmal, war Maria unbegreiflich.

Die Temperaturen!
Natürlich.

Verstohlen linste sie den Mann durch den Spiegel hinweg an.

Schwarze, zerrissene Kleidung.
Schwere Boots.

Boots, bei dem sommerlichen Wetter?

Etwas anderes erregte plötzlich ihre Aufmerksamkeit.

Der sich stetig hebende und senkende Brustkorb des Mannes.

Atmete er schwer?
Wieso?
War er etwa gerannt?

Maria kniff die Augen zusammen, sah genauer hin.

Sah sie Schweißtropfen auf seiner Haut?

Seine Haut...

Maria schüttelte es leicht, bekam sie nicht einmal mit, wie der Aufzug sich ratternd in Bewegung setzte.
Es waren bloß Sekunden vergangen, die ihr vorkamen wie Jahräonen.

Erneut schluckte sie, fühlte plötzlich ein starkes Bedürfnis in sich, den fremdartigen und unbekannten Mann zu berühren.

Schwarze Farbe benetzte seine bloße Haut, vermischte sich mit seinem Schweiß, perlte an ihm ab.

Sah sie, unter all der Farbe, Tattoos an ihm?

Sie schaute noch genauer hin, drehte sich zu ihm um.
Blickte ihn nun direkt an, nicht mehr nur sein Spiegelbild.
Und fuhr zusammen, als sie sah, dass er ein anrüchiges Lächeln auf den Lippen hatte.

Spielte er mit ihr?
Genoss er es, dass sie gegen sich selbst kämpfte?

Wusste er das überhaupt?
Wie denn?

Maria hatte auf all das keine Antworten.
Aber zwei Dinge waren klar: ihr Herz schlug ihr noch immer hart gegen die Rippen, ihr Mund glich mittlerweile einer Wüste.

Doch was sollte sie tun?

Der Fahrstuhl hatte mittlerweile die fünfte Etage erreicht, bald würde sie ihn aus den Augen verlieren.
Im wahrsten Sinne des Wortes.
Ab Etage sieben war sie wieder die Angestellte vom Housekeeping - und er der geheimnisvolle Gast.

Der gutaussehende, rätselhafte Gast.

Ein kurzer Blick auf die Knöpfe des Fahrstuhls verrieten Maria, dass er in die achte Etage wollte.
Sie würden sich trennen, schon bald.

Ein Abschied, wenn sie nicht etwas unternahm.
Denn es machte nicht den Anschein als wollte er etwas tun.

Er stand noch immer an Ort und Stelle, rechts von ihr, an den Handlauf gelehnt und musterte sie.

Unablässig und aufmerksam.
Intensiv.
Brennend.

Und schwer atmend.

Maria brachte es beinahe um den Verstand.
Diese Situation, die Hitze, ihr Herz.

Was ging nur mit ihr vor?

Nervosität machte sich in ihr breit.
Sie fing heftiger an zu schwitzen.
An den Händen, am Rücken...

Ein einziger, verlorener Schweißtropfen löste sich aus ihrem Haaransatz im Nacken, floss spürbar ihre Wirbelsäule hinunter.
Sie schluckte hart.

Dann ertönte die Ansage. Der Fahrstuhl war angekommen.
Leider.

In Gedanken verfluchte sie sich für derlei Ideen, doch...
Sie konnte nicht verhehlen, dass dieser Unbekannte eine betörende Wirkung auf sie hatte.

Zitternd und mit bebenden Beinen löste Maria sich vom Fleck, wankte auf die Türen des Aufzuges zu, hoffte dabei inständig, dass der Fremde ihr Schwanken nicht wahrnahm.

Maria hatte beinahe ihr Ziel, den Flur des siebenten Stockwerkes erreicht...

Moment, war das überhaupt ihr Ziel?

Sie schüttelte den Kopf, riss die Augen auf, wollte gerade den Fuß auf den Teppich des Ganges setzen, als der dunkle Arm des Unbekannten an ihrem Kopf vorbeischoss und ihr auf diese Weise den Weg versperrte.

Da war es wieder – Panik.

Oder etwa nicht?

Reflexartig schaute sie sich um, suchte nach irgendeiner Menschenseele auf den Gängen der siebten Etage des Hotelkomplexes. Doch vergebens – es war niemand da, der sie hätte hören können.  
Niemand, der ihr hätte helfen können.

Doch brauchte sie Hilfe?

Was war hier nur los?

Er war so nah.

Maria spürte ihr Herz mehr als überdeutlich in ihrem Brustkorb schlagen, erschauderte.
Und drehte sich schlussendlich doch in die Richtung, in welcher der Unbekannte stand.

Wieder erschrak sie, als sie den Blick der hellen Augen erwiderte.  
Wie hypnotisiert starrte sie auf die Lippen des Mannes, der sie selbstsicher anzulächeln schien.

Sie musste hier weg, dringend.

Oder etwa doch nicht?

Sie schluckte den Speichel hinunter, der sich nun in ihrem Mund angesammelt hatte.
Ihre Kehle hingegen war staubtrocken.

Der Aufzug... warum waren die Türen noch geöffnet?

Unruhig warf Maria einen Blick zur Seite, bloß aus den Augenwinkeln heraus, wollte den fremden Mann nicht aus den Augen lassen.

Natürlich.
Sein Arm blockierte die Lichtschranke und allein deshalb schlossen sich die Türen nicht mehr.

Innerlich fing sie an zu vibrieren.

Näher, er kam näher.

Angespannt hielt Maria den Atem an, wusste nicht, wohin mit sich.
Wohin mit ihren Gedanken.  

Die freie Hand des geheimnisvollen Fremden fand einen Weg hinauf zu ihrem Gesicht, streichelte ihr sanft über die Wange, ehe sein warmer Finger eine Strähne ihres Haares hinter ihr Ohr schob.

Ein Herzschlag, zwei Herzschläge.

Du musst atmen, verdammt!

Maria verfluchte sich selbst, dass sie sich so kindisch benahm. Aber irgendetwas an diesem Mann war so... faszinierend, anziehend.
Sie wagte es kaum, sich umzudrehen, dabei zuzusehen, wie er seinen Kopf zu ihr herunterneigte.

Doch er tat es, sie sah es genau.  
Das periphere Sehen genügte voll und ganz.

Trotz der unglaublich sommerlichen Temperaturen bildete sich eine prickelnde Gänsehaut auf ihrem Körper, von Kopf bis Fuß, als sie den heißen Atem des Unbekannten an ihrem Ohr vernahm, die den Schweiß vertrieb.

„Zimmer 812.”

Die gehauchten Worte waren nicht einmal in ihrem Kopf angekommen, da gab er plötzlich den Weg frei, sie taumelte leicht benommen, wie ferngesteuert, auf den Gang hinaus.

War das zu glauben?
War das seine Zimmernummer?

Und wieso?

Mit noch immer zitternden Beinen drehte Maria sich um, blickte in den Fahrstuhl, dessen Türen sich allmählich schlossen.

Er stand dort, mit dem Rücken angelehnt an der Stelle, an welcher sie wenige Augenblicke zuvor noch gestanden hatte.
Sein intensiver Blick lag allgegenwärtig auf ihr, zog sie förmlich aus.

Hungrig.

Wieder blitzte dieses spezielle Grienen in seinem Gesicht auf.
Das war das Letzte, was sie sah, ehe der Fahrstuhl sich schloss, die stählernen Türen ihr die Sicht nahmen.

Angewurzelt.
Maria bewegte sich keinen Millimeter, hatte Mühe zu atmen, zu denken.

Und wieder stieg dieses Gefühl in ihr empor.
Dieses eine, das sie nicht genauer zu spezifizieren vermochte.

Angst, Faszination, Begehren.
Das Unbekannte.

Sie riss sich zusammen, atmete tief durch.
Versuchte es jedenfalls, doch die Temperatur in dem Gebäude machte ihr noch immer zu schaffen.

Doch so sehr sie es auch versuchte sich vom Gegenteil zu überzeugen - die innere Hitze kam nicht bloß von der Raumtemperatur.  
Der Fremde hatte ein Feuer in ihr entfacht.
Eines, das unaufhaltsam brannte und sie unweigerlich verzehrte.

Leidenschaft.

Maria stand da, unbewegt und taxierte den silbernen Aufzugschacht, der im abendlichen Schein der Korridorbeleuchtung lag.

War das gerade wirklich passiert?

Ungläubig schüttelte sie ihren Kopf, griff nachdenklich an ihren Zopf, spielte an den Haaren, an deren Enden umher.
Und erinnerte sich prompt an das Gefühl seines Atems an ihrem Ohr.

Gänsehaut.

Verdammt.

Sie musste wieder zurück an die Arbeit, ihren Reinigungswagen holen.
Das, was sie ursprünglich geplant hatte in die Tat umsetzen.

Leicht benommen schritt sie von dannen, kam ihrem Ziel mit jeder kleinen Bewegung näher.
Doch ihre Gedanken kreisten unablässig um seine wenigen Worte, selbst als sie den kleinen Raum erreicht und ihre Utensilien abgeholt hatte.

Zimmer 812.

Sollte sie wirklich?

Vollkommen abwesend schob sie ihren Wagen vor sich her, machte sich auf den Weg in das Untergeschoss.
Ging wieder auf den Aufzug zu.
Und erneut beschleunigte sich ihr Puls.

Mit jeder Sekunde, die verging, die sie wartete, spielte ihr Herz mehr und mehr verrückt.
Gerade, als es schien, dass ihr Herz seinen Dienst quittieren wöllte, öffneten sich die Türen, Maria hielt gebannt den Atem an, doch – nichts.  

Der Fahrstuhl war leer.  
Niemand war darin vorzufinden.

Also setzte sie ihren Weg fort und kam letzten Endes im Aufenthaltsraum unten im Untergeschoss des Gebäudekomplexes an.
Endlich hatte sie Zeit für eine kleine Pause.
Sie ging hinüber zum Getränkeautomaten, zog sich eine kleine Flasche Limonade, machte sich anschließend hinaus, um draußen in der warmen Sommernacht die Sterne am Firmament zu bewundern.

Doch lange hielt sie es nicht aus.

Maria war unruhig.  
Wusste nicht, wie sie sich hinsetzen sollte. Keine Position war bequem genug.

Zimmer 812.

Da war es wieder.

Was war nun damit?
Sollte sie es wirklich wagen und dieser Einladung folgen, obwohl sie im Dienst war?
Obwohl sie den Mann nicht einmal kannte?

Verträumt nahm Maria einen Schluck ihrer Limonade zu sich, rief sich den Anblick des geheimnisvollen Fremden in ihr Gedächtnis.

Diese furchterregenden Kontaktlinsen...
Die schwarze Farbe...
Die klobigen Ringe...
Die Tätowierungen...
Das Piercing an der Nase...
Sein Undercut mit dem Zopf...
Der gut gebaute Körper...

Aufregend.
Anders.
Neu.

Zu gerne wüsste sie, wer dieser Mann war.
Was hinter dieser Aufmachung steckte.

Er war immerhin nicht die einzige, auffällige Person am heutigen Tag gewesen, aber die einzige, die sie so in den Bann gezogen hatte...

Es gab nur einen Weg, um das Geheimnis zu lüften.
Was aus ihrem Job werden würde, das war ihr in diesem Moment gleich.

Carpe noctem.

Maria lächelte, als sie aufstand, die Flasche im Aufenthaltsraum zurückließ - wie auch ihr Arbeitstelefon.
Ihr erster Gang war der in das Badezimmer der Angestellten. Sie wollte sich nur eben ein wenig frisch machen, bevor...

Bevor was auch immer geschah.

Wieder war es so, dass sie nervöser wurde, je näher ihre Beine sie an den Aufzug trugen.
Denn hier hatte es angefangen.
Dieses undefinierbare Etwas, dieses kribbelige und aufregende Verlangen.

Schier endlose Möglichkeiten schossen ihr in den Kopf, als sie in den Fahrstuhl stieg.
Ihre Fantasie nahm kein Ende, doch dann war die Fahrt im Aufzug schneller vorbei, als sie hatte gucken können.

Der Korridor des achten Stockwerks lag vor ihr.
Und erneut flammte Anspannung, Nervosität in ihr auf.

Allerdings, das hielt sie sich bewusst vor Augen, hatte sie sich aus freien Stücken dazu entschlossen, seiner Einladung nachzugehen.

Wieso zögerte sie nun?
Weshalb ließ sie sich von ihren Gefühlen nun bremsen?

Mittlerweile war sich Maria sicher, dass es keine Furcht war, die sie verspürte.
Ganz sicher nicht.

Mit nun mehr sicheren Schritten lief sie den Gang entlang, richtete ihr Poloshirt, das sie noch immer trug.
Und sah sich trotz der späten Stunde um, ob nicht doch jemand ihrer Kollegen auf dieser Etage unterwegs war und sie möglicherweise verpfeifen könnte.

Allein der Gedanke daran, erwischt zu werden, wie sie sich in das Zimmer eines Gastes schlich...
Nervenkitzel pur.

Auf die Zimmernummern achtete Maria nicht im Geringsten. Sie kannte sich hier aus, wie in ihrer Westentasche, wusste, dass die Zimmer in der Nähe des Fahrstuhls – untypischerweise – mit den höchsten Nummern begannen.
Zimmer 812 lag somit beinahe am anderen Ende des Korridors.

Schritt für Schritt kam Maria ihrem Ziel näher - dabei rückte ihre Arbeit immer mehr und mehr in den Hintergrund.

Aufregung.
Spannung.

Das Unbekannte.

818...

817...

816...

Wenige Schritte von der Tür entfernt, blieb Maria stehen, sah sich um, blies die Backen auf.
Dachte das letzte Mal nach.
Ehe sie, wie ferngesteuert, die Hand ausstreckte und mit den Knöcheln sachte gegen die hölzerne Tür schlug.

„Housekeeping.”

Ihre Stimme klang fest, selbstsicher, obwohl sie sich nicht so fühlte.

War es eventuell doch falsch gewesen, sich so anzukündigen?

Es brachte nichts, es war genau so geschehen.

Aus dem Inneren des Zimmers hörte sie Schritte, ehe die Türe langsam geöffnet wurde.

Und da stand er.
Der geheimnisvolle Fremde.
Lächelte sie triumphierend an, lud sie mit einer Geste herein.

Ganz anders als Maria es von den anderen Gästen gewohnt war, wenn sie vor der Tür stand.
Aber das hier... das lief doch auch auf etwas ganz anderes hinaus, oder etwa nicht?

Maria hatte keine Ahnung, auf was sie sich eingelassen hatte, versprach sich beinahe nichts.
Das Prickeln in ihrem Körper, das Verlangen sprach hingegen andere Bände.

Kaum hatte sie das Hotelzimmer betreten, schloss der Mann hinter ihr die Tür und fasste sie intensiv ins Auge.
Sie erwiderte wortlos den Blick, musterte nebenbei insgeheim den prachtvollen Anblick.

„Wusste ich es doch, dass du vom Housekeeping bist.”

Der Mann kam näher, setzte ein beinahe überhebliches Lächeln auf, das Maria schlucken ließ.

Was sollte das denn nun?

„Entschuldige bitte.”

Maria sah dem Mann dabei zu, wie dieser an sich auf und ab zeigte, ehe er auf das Chaos in dem Zimmer wies, das ihr bis dato entgangen war.

Jetzt, wo sie es genauer in Augenschein nahm, kam es ihr noch seltsamer vor.
Mehrere Reisetaschen, technisches Equipment, Instrumente, dunkle Kleidung, Make-up über Make-up.

Sie wurde daraus nicht schlau.

Die Stimme des Unbekannten riss sie aus den Gedanken, ließ sie beinahe dahin schmelzen.

„Dein verwirrter Gesichtsausdruck lässt mich darauf schließen, dass ich unhöflich war. Sehr sogar.”

Wieder kam der Fremde näher, so nah, dass sie seine Tattoos unter der schwarzen Farbe auf seinem Oberkörper ausmachen konnte.
‘LORD’ stand in großen Lettern quer über seinem Schlüsselbein geschrieben.

„Ich bin Chris und, wie du dir bestimmt denken kannst, Musiker.”

Der geheimnisvolle Mann, Chris, streckte die Hand nach vorne, umfasste eine Haarsträhne, die locker aus ihrem Zopf hing, spielte mit dieser umher.
Maria hielt den Atem an, wie vorhin im Aufzug.
Sie war viel zu aufgeregt, um überhaupt reagieren zu können.
Stattdessen blickte sie hoch in Chris’ Augen, sah, dass er die Kontaktlinsen entfernt hatte.

Braune Augen, die auf ebenso braune trafen.

Ohne darüber nachzudenken berührte sie sein Gesicht, fuhr seinen Wangenknochen entlang, blickte geradewegs, wie hypnotisiert, in seine Augen.
Und so entging ihr beinahe sein erneutes Lächeln.

„Ich muss mich im Namen meiner Bandkollegen entschuldigen. Sie waren vor mir auf dem Weg zum Hotel und haben sich wohl in der Etage geirrt. Die Kerle müssen wohl auf irgendeinem anderen Stockwerk eine äußerst hässliche Katastrophe angerichtet haben – tja, der liebe Alkohol. Wer auch immer das beseitigen musste, sollte viel Trinkgeld und eine Belohnung bekommen.”

Chris’ Blick intensivierte sich, erwartete scheinbar eine Antwort.
Doch über Marias Lippen kaum lediglich ein einziges Wort.

Geflüstert, gehaucht.
Leicht wie eine Feder.

„Popcorn.”

Chris begann zu schmunzeln, schwieg allerdings für einen Moment.

Sekunden vergingen, in denen keiner etwas sagte.

Blicke wurden ausgetauscht.

Dann durchbrach Chris’ Stimme erneut die Stille.

„Ich hätte ein Anliegen. Ein persönliches, welches Hilfe eines kompetenten Zimmermädchens erfordert.”

Maria wurde sofort hellhörig, doch eine Sache fiel ihr direkt auf.
Seine Stimme klang dunkel, rau.
Anders, als er wenige Augenblicke zuvor noch gesprochen hatte.

Doch ohne sich Gedanken darüber zu machen, nickte sie. Fühlte sich geschmeichelt.
Und wurde alsbald mit ins Bad des kleinen Hotelzimmers gezogen.

Erst, als Chris die Dusche anstellte, dämmerte es ihr, was das geben sollte.

Maria bedeckte mit beiden Händen ihren Mund, schaute dabei zu, wie Chris sich unter den Wasserstrahl stellte, sie spitzbübisch und lasziv angrinste.
Der Schock, die Aufregung war groß.

„Na, komm. Ich sagte doch, ich brauche Hilfe.”

Sie blinzelte genau zweimal.

Das erste Mal, weil sie gerade sowieso dabei war.
Das zweite Mal, um Zeit zu schinden und auf diese Weise sicherzugehen, dass das hier real war.

Die Hitze, die tropischen Temperaturen um sie herum waren vergessen.
Sie glühte von innen, als sie die letzten Schritte auf die Dusche zu ging, vollkommen bekleidet.
Genau wie er.

Das kühle Wasser auf der Kleidung war vollkommen egal.
Dass sie im Dienst war, war ebenso egal.

Einzig und allein er zählte.
Der fremde Mann.
Chris.

Sein feuriger Blick, als er Maria gegen die Wand der Dusche drückte, den Weg mit seinem Körper versperrte.
Alles – die Dusche, Maria – wurde auf Grund der schwarzen Farbe eingesaut.
Nichts blieb sauber.
Und Maria hätte nicht glücklicher sein können.

„Fleißige Zimmermädchen bekommen dann wohl so ihre Belohnung, oder was meinst du?”

Das waren die letzten Worte, die Maria vernahm, ehe Chris sich flink sein Oberteil auszog, es unachtsam auf den Boden der Dusche gleiten ließ, sich ihre Hände schnappte und sie auf seine Brust legte.
Und dann in einen Kuss verwickelte.

Ja, das war wohl der Himmel!

Ihre Belohnung, die sie nur zu gerne in Empfang nahm.  
Und wenn sie arbeiten und ihm die Farbe vom Körper waschen würde...

Gänsehaut.


ENDE
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