3.260 Gramm pures Glück... oder?

von Theurgy
GeschichteFamilie / P16
27.07.2020
01.08.2020
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01.08.2020 3.634
 
Kapitel 4 – Die Wöchnerinnenstation - oder, mein Vorhof zur Hölle


Rückblickend habe ich mich oft gefragt, ob und was anders gelaufen wäre, wenn ich in ein anderes Krankenhaus gegangen wäre… die Frage ist müßig, ich weiß, aber vielleicht wäre dann alles nicht so schlimm gekommen, oder irgendwer hätte mein Verhalten früher bemerkt und mir geraten, ein Auge drauf zu haben.
Ihr lest es, viele „wäre“. Hätte, hätte, Fahrradkette.
Nach meiner Erfahrung auf der Wöchnerinnenstation habe ich jeder schwangeren Frau, die ich näher kannte, inständig von dieser Klinik abgeraten. Bis zum OP, das muss ich fairerweise sagen, war jedoch alles in Ordnung und auch den Kaiserschnitt selbst haben sie sehr gut hinbekommen. Das ist bei einer Geburt im Krankenhaus aber leider nur die halbe Miete… also zurück in die Vergangenheit…

Da sind wir also, eine neue kleine Familie. Das erste, was ich auf der Station sehe ist eine Tafel, auf der die Namen der Neugeborenen stehen mit einer kleinen Zeichnung daneben. Marie bekam eine Blume, rosa natürlich. Wir finden es süß. Der zweite Eindruck besteht aus Gemecker über die Schwestern vom OP, weil sie Marie nichts angezogen haben, außer dem Flauschehandtuch eben. Eine Schwester kleidet sie in einen winzigen grün-gelben Strampler. Den Tag verbringen wir damit, dieses Wesen zu bewundern – mit den tiefblauen Augen und ohne Haare. Wir bestaunen kleine Finger, Zehen und Ohren. Marie ist ruhig, ab und an sieht sie uns an, dann schläft sie wieder. Steve trägt sie herum und ich lege sie an wenn ich meine, sie könnte Hunger haben. Erklärt oder gezeigt wird es mir nicht, aber da Marie nicht meckert, nehme ich an, es ist schon richtig so.
Ich teile mein Zimmer mit Sandra, die mit Wehen selbst ins Krankenhaus gefahren ist und schon eine 12-jährige Tochter hat. Einen Tag vorher kam der kleine Sohn. Sie und ich sind in einem Alter und verstehen uns sofort.
Um sieben abends fährt Steve nach Hause, er verspricht, am nächsten Morgen zu kommen, doch ich sage ihm, er solle lieber richtig ausschlafen und sich Zeit lassen. Wenn wir erst daheim sind, ist nichts mehr mit Ruhe.
Dann bin ich allein mit meinen zwei Problemen – mit dem kleinen, Marie und mit dem, im wahrsten Sinne des Wortes viel Gewichtigeren, mit mir. Ich beobachte die Kleine, die im Bett neben mir schläft und muss mir eingestehen, dass ich mit ihr nichts anfangen kann. Was aber noch schlimmer ist, ich fühle… nichts. Irgendwie denke ich, ich müsste weinen vor Glück, Freude, Dankbarkeit, Demut, was auch immer, aber das ist einfach nichts. Zur Beruhigung rede ich mir ein, es liegt an dem anstrengenden Tag.
In der folgenden Nacht lege ich sie an, wenn sie leise anfängt zu knöttern. Es tut weh und zu allem Überfluss lässt natürlich auch die Spinalanästhesie nach. Jede Bewegung und erst recht das Heben der Kleinen macht mich fertig. Egal, morgen sieht alles anders aus.

Tag 2
Nein, an diesem Morgen sieht nicht alles anders aus, außer, dass anstelle der Betäubung endgültig der Schmerz Einzug gehalten hat. Ich fühle mich unglaublich alt und habe keine Ahnung, wie ich mich drehen und wenden soll. Als die Schwester zum Fiebermessen kommt, beguckt sie sich die Wunde und wirft, ohne mir das vorher zu sagen, einen Blick in das schicke Netzhöschen, das ich noch von der OP trage. Ich bitte sie freundlich, dass nicht mehr zu tun. Es folgt ein entgeisterter Blick und der Hinweis, dass sie nach dem Wochenfluss gucken muss.
Muss sie nicht, das kann ich selber. So doof werde ich nicht sein, dass ich nicht bekomme, wenn es da Schwierigkeiten geben sollte.
Sandra ist so lieb und holt mir Frühstück vom Büffet, denn ich habe keinen blassen Schimmer, wie ich das schaffen soll. Als die Ärztin des Vortages zur Visite kommt, gratuliert sie mir zu meinem Sohn. Ja, bei zwei ebenfalls am Vortag geborenen Kindern kann man schon mal durcheinander kommen. Etwas später frage ich die Schwester nach Schmerzmittel, bekomme aber eine herbe Abfuhr, da ich stille. In mir kommt das dringende Bedürfnis auf sie zu fragen, was denn Stillende mit Migräne machen, aber ich schweige und schlurfe, gebückt wie eine alte Frau und mit bestimmt irrsinnigen 1 km/h wieder auf mein Zimmer.
Eine Schwester sagt uns, wir sollen die Babys jeden Tag waschen, wiegen und messen. Das mit dem Messen verstehe ich nicht und so stehe ich an diesem Morgen im Wickelraum, mache Marie sauber, ziehe sie um, wiege sie und suche ein Maßband. Eine Mitpatientin lacht freundlich und sagt mir, ich solle Fiebermessen. Warum, wenn es kein Anzeichen für Fieber gibt, denn das merkt man doch wohl, oder? Ich finde es blöd, so einem kleinen Wesen ohne Anlass ein Thermometer in den Allerwertesten zu stecken und vergesse das Messen.
Steve kommt wieder vorbei, gefolgt von seiner Mutter, Oma und Geschwistern. Ungefragt. Aber gut, ich mag sie und verstehe, dass sie sich Marie begucken wollen. Sie bleiben nicht lange. Danach kommen meine Eltern und als mein Vater völlig begeistert fragt, ob er sie nehmen darf, stimme ich zu, zur Verwunderung meiner Mutter. Jeder, der freundlich fragt, darf Marie halten, warum auch nicht, sie werden schon nichts kaputtmachen oder sie fallenlassen. Auf die Idee, dass Mütter da eifersüchtig reagieren könnten, bin ich nie gekommen. Mir ist es einfach egal.
Der Tag vergeht mit Stillen und dösen und Sandra zeigt mir, wie man ein Baby ordentlich, aber schnell wickelt. Ich bin beeindruckt von ihrer Gelassenheit.

Tag 3
An der Stelle, an der vorher mein Herz saß, ist immer noch nichts. Mich befremdet diese Tatsache enorm, doch ich denke mir, bei all den Millionen Babys, die jedes Jahr auf die Welt kommen, wird es wohl vielen Müttern so gehen wie mir, wahrscheinlich ist das manchmal einfach so. Ich kenne zwar keine einzige von ihnen, aber das muss ja nichts heißen. Es ist der Tag, an dem sich für mich eine kleine Katastrophe anbahnt.
Es nagt an mir, dass ich Marie nicht natürlich bekommen konnte, wie schon gesagt, ich komme mir von meinem eigenen Körper hintergangen und massiv verarscht vor. Doch es soll nach Kaiserschnitten nicht wenige Frauen geben, die damit erst einmal klarkommen müssen, meine Gefühle sind also nicht unbekannt in der Welt des Internets. Habe ich gelesen.
Schon jetzt finde ich es eigenartig, dass Mütter und Väter anscheinend das Bedürfnis haben, ihre Kinder ständig auf den Arm zu nehmen, anstatt die Ruhe zu genießen, wenn sie in ihrem kleinen Bettchen schlafen.
Marie ist anscheinend eine Schlafmütze, als die Schwestern morgens das Zimmer stürmen, fragen sie routinemäßig, wie lange sie schon schläft. Es ist halb sieben und ich antworte:
„Seit ein Uhr.“
„Und Sie haben sie nicht geweckt?“
„Nein, warum auch?“
„Weil Sie alle drei bis vier Stunden stillen müssen!“
„Muss ich?“
„Ja! Und zwar auch nachts. Die Kleine hat doch Hunger!“
„Wenn sie Hunger hätte, würde sie aufwachen. Alles andere wäre biologisch völliger Unsinn. Sie wollen doch auch nicht mitten in der Nacht geweckt werden, weil jemand anderes denkt, Sie müssten Hunger haben.“
„Darüber rede ich mit der Ärztin.“
„Bitte schön.“
Das ist der erste Akt, um meine Sympathiepunkte bei Schwester Rabiata zu verspielen, der zweite folgt nur wenige Minuten später, als sie sich dran macht, die Betten zu machen.
„Es tut mir leid, ich habe das Bettlaken versaut.“ In der Tat, das habe ich, denke mir aber, es ist keine Zeit für falsche Scham, denn es war keine Absicht und wird wohl auf einer Wöchnerinnenstation alle Nasen lang vorkommen.
Die Schwester nimmt es zur Kenntnis, will aber tatsächlich die Decke drüberfalten.
„Kann ich bitte ein neues Laken haben?“
Ein ungläubiger Blick, zuerst zu mir, dann zur Kollegin. Es folgt ein Schulterzucken.
„Kannst du mir bitte ein neues Laken bringen, unsere Prinzessin möchte es gewechselt haben.“
Ja, genau das sind ihre Worte und ich möchte dem Impuls folgen, sie mit dem blutigen Laken zu erwürgen, muss aber einsehen, dass mir die Kraft zu fehlt und meine Zunge schneller ist.
„Wenn Sie gerne in versauter Bettwäsche schlafen, tun sie das meinetwegen. Ich will es aber nicht, weder zuhause noch hier. Wenn Sie das nicht beziehen möchten, mache ich das auch gerne selbst.“
Jetzt ist es also aus mit der Beziehung zwischen Rabiata und mir, sie endet, bevor sie anfing.
Murrend kommt sie meinem Wunsch nach und rauscht ab.
Es ist nicht so, dass ich gerne provoziere oder patzig werde, im Gegenteil, ich vermeide Konflikte, wann immer möglich. Doch ich kann es auf den Tod nicht ab, wenn jemand mich für dumm hält oder von oben herab behandelt. Außerdem bin ich genervt, es kotzt mich an, dass ich Marie heiß und innig lieben will, aber einfach nicht kann.
Ich gehe duschen, während Sandra ein Auge auf Marie hat. Mein Spiegelbild sieht beschissen aus, eine schöne Prinzessin würde ich abgeben. Das Duschen dauert eine Weile auf Grund meiner Schmerzen und der fehlenden Beweglichkeit, doch als ich grade eingeschäumt bin, geht die Tür auf und die Stimme der Unverschämtheit fragt mich, ob ich bald mal fertig bin. Wie gerne würde ich ihr den nassen Waschlappen ins Gesicht pfeffern. Nach der Dusche fühle ich mich wenigstens wieder menschlich und Sandra ist erneut so lieb, mir das Frühstück zu bringen.
Danach wasche und wiege ich Marie, das Messen vergesse ich leider erneut. Es bringt mir einen Tadel der Schwestern ein, doch der geht mir an meinem inzwischen breiten Hintern vorbei.
Meiner Mutter schreibe ich die Frage, ob Kinder nachts zum Stillen geweckt werden müssen. Das ist eine alte Vorgehensweise, inzwischen völliger Unsinn antwortet sie, mit einem Smiley dahinter.

Am Nachmittag, als Steve da ist, fängt Marie das erste Mal an zu schreien – und wie. Wir nehmen sie, schaukeln sie und ich lege an, nichts hilft. In unserer Hilflosigkeit rufen wir eine Schwester. Sie kommt, lächelt, verschwindet wieder und kommt kurz darauf mit einem kleinen Fläschchen wieder.
„Ihre Kleine hat Hunger.“
„Aber ich hab sie doch eben erst angelegt.“
„Trotzdem, geben Sie ihr mal das Fläschchen, dann sehen wir weiter.“
Gut, wenn sie das sagt… ich erinnere mich an die dunkle Vorzeit, in der ich meinem kleinen Bruder die Flasche gab. Das Loch muss immer nach oben zeigen. Nicht, dass einem das in diesem Krankenhaus erklärt wird. Ich halte Marie so, wie ich es im Fernsehen gesehen habe und denke, dass es richtig ist und sie ist sofort still. Sie saugt und schmatzt und genehmigt sich die ganzen 50 ml, um danach wieder friedlich zu schlafen.
Die Schwester kommt wieder.
„Und?“
„Sie hat die ganze Flasche leer getrunken.“
„Das kann nicht!“
Wieder steigt Wut in mir hoch. „War ein Scherz, wir haben sie ausgetrunken, wollten mal wissen, wie das schmeckt.“
Sie sieht mich fassungslos an, versteht dann aber wohl, was ich sagen will und zieht mit einem „hm“ und der leeren Flasche von dannen.
Die Tatsache, dass meine Tochter sich eine ganze Portion reinzieht, scheint keinerlei Konsequenzen zu haben oder gar mal die Säuglingsschwester auf den Plan zu rufen. Die ausbleibenden Folgen beziehen sich aber nur auf die Anderen, in mir beginnt es langsam zu rattern.
Steve geht früh heim, Freunde haben sich für den Abend angekündigt, um auf die Geburt anzustoßen. Soll er – wenigstens einer, der Spaß hat.
Ich nutzte die Zeit, um Sandra und ihren Sohn einmal genauer zu beobachten. Er schmatzt zufrieden beim Stillen und Sandra scheint ihn anlegen zu müssen, um das Gefühl loszuwerden, ihre Brüste würden platzen.
Ich krauche mit Marie in dem kleinen Babybett in das Stillzimmer und bin allein. Marie schmatzt nicht beim Stillen, nie. Zum ersten Mal seit der Geburt beschäftige ich mich eingehend mit meinen Brüsten und erinnere mich daran, wie ich einmal auf der Arbeit aufs Klo gehe und eine schwangere Kollegin ihre Stilleinlagen richtet. Sie sieht mich an und meint, in einem entschuldigenden Ton, ihr würde manchmal soviel Milch rauslaufen.
Das ist mir nie passiert, aber meine Brüste sind doch größer geworden, da muss doch was sein, oder? Ich gestehe mir ein, dass nur meine rechte Brust, die nicht von Krebs befallen war, gewachsen ist. Zugegeben, es sieht scheiße aus, doch ich weiß, dass Bestrahlung die Milchdrüsen zerstören kann. Was ist denn, wenn die Rechte nur gewachsen ist, weil ich so zugenommen habe und nicht, weil die Milchdrüsen angeschwollen sind?
Meine Brustwarzen sind blutig und wund, sie sehen aus, als hätte sie jemand mit einer Drahtbürste bearbeitet. Ich drücke drauf, es tut höllisch weh und eine Mischung aus irgendwas und Blut kommt raus. Ich lege Marie an, der Schmerz treibt mir die Tränen in die Augen, doch ich warte ein wenig und stöpsel mein Kind dann ab. Auch jetzt ist da nichts. Ich befühle meine Brüste, sie sind weich – wie immer, normal eben. Nicht, wie ich sie mir vorstelle wie sie sich anfühlen sollten, wenn sie kurz vorm Platzen sind.
In mir keimt der unheimliche Verdacht auf, dass ich überhaupt keine Milch habe. Was ist, wenn Marie zwei Tage Hunger hatte und ich Vollidiot das nicht gemerkt habe? Wenn sie nur nicht geschrien hat, weil ihre Reserven aus dem Mutterleib noch reichten? Der Gedanke macht mich fast wahnsinnig. Es ist später Abend als ich zur Nachtschwester gehe und sie um eine Flasche bitte.
„Warum?“
„Weil ich denke, keine Milch zu haben.“
„Das gibt es nicht, machen Sie mal eine Stillprobe.“
Stillprobe, das heißt, man legt das Baby so wie es ist vor und nach dem Stillen auf die Waage. Tut sich nichts am Gewicht, hat das Kind Folge dessen nichts getrunken. Klingt erschreckend logisch. Ich befolge ihre Anweisung und kehre Minuten später enttäuscht und sauer auf mich zurück.
„Kein Unterschied.“
Sie zuckt mit den Achseln und gibt mir eine Flasche. Marie leert sie komplett.
Meine Welt gerät nun völlig ins Wanken, zusammenbrechen soll sie allerdings erst am nächsten Tag.

Tag 4
An diesem Morgen habe ich eine Begegnung der dritten Art, die ich wohl nie vergessen werde. Endlich schaffe ich es, im Schneckentempo mein Frühstück zu holen und als ich ins Zimmer zurückkomme, Sandra ist duschen und ich habe mich gewagt, die schlafende Marie wohl 3 Minuten allein zu lassen, steht eine bitterböse Putzfrau im Zimmer.
Ob das mein Kind wäre? Ja, ist es. Es folgt eine Tirade von Wut und Unverständnis, wie ich es wagen kann, mein Kind allein zu lassen. Sie könnte ja ersticken während ich Frühstück hole, das wäre verantwortungslos und sie würde das der Schwester melden!
Da stehe ich nun, das Tablett in der Hand und weiß nicht weiter. Sonst nicht auf den Mund gefallen, schweige ich völlig verzweifelt, obwohl ich sie fragen will, ob ich mein Baby auch mitnehmen soll, wenn ich eine größere Session auf dem Klo abhalte. Anscheinend weiß selbst die Putzfrau, dass ich eine beschissene Mutter bin. Ich wünsche mir, ich hätte einige Tage zuvor nicht vor den Baumarkt, sondern ihr vor die Füße gekotzt. Für einen Moment überlege ich, anstatt dessen mein Tablett fallen zu lassen, doch ich habe Hunger. Nachdem sie mit ihrer Belehrung fertig ist, rauscht sie, den Mopp in der Hand, ab. Meine Welt bröckelt.

Steve kommt vorbei, zeigt mir Fotos vom vorherigen Tag und ich will sie nicht sehen. Warum können alle Anderen sich freuen, nur ich nicht?
Ich erzähle ihm von meinen Beobachtungen und er überlegt. So richtig anfangen kann er nichts mit der Problematik, äußert aber von sich aus, dass es vielleicht etwas mit dem Krebs oder der Bestrahlung zu tun haben könnte. Wenn das selbst einem Mann (das meine ich nicht abwertend), der sonst nichts mit der ganzen Materie zu tun hat, auffällt, warum nicht auch einer der verdammten Schwestern? Oder wenigstens einem Arzt, wenn die Schwestern von den Dingen des Vortags berichten?
Die Wut und Verzweiflung in mir wachsen und so nutzte ich den späten Nachmittag, als Steve weg ist und nachdem ich über den Tag anstandslos Fläschchen bei Bedarf bekommen habe und teile meine Beobachtungen im Schwesternzimmer mit. Die Damen in Weiß sind sich einig, dass es das nicht gibt, nicht stillen können. Die Säuglingsschwester drückt mir eine Milchpumpe in die Hand und sagt mir, ich solle das versuchen.
Wenig später sitze ich im Zimmer mit dem Ding in orange und transparent und stülpe es mir über die Brust. Jede Seite 20 Minuten heißt es. Es surrt und saugt, doch da kommt nicht ein Tröpfchen, so sehr ich auch gucke. Ich bemerke die mitleidigen Blicke von Sandra und einer ihrer Freundinnen, ich schäme mich so sehr, doch sie sagt, dass sie es unmöglich findet, wie mit mir umgegangen wird. Ich fühle mich zum ersten Mal verstanden, komme mir aber immer noch vor wie eine Kuh beim Melken. Die zweite Seite ist genauso ernüchternd und in meiner Mischung aus Scham, tiefer Verzweiflung, Enttäuschung mir und schlechtem Gewissen meinem Kind gegenüber platze ich endgültig. Eine Wut, wie ich sie in meinem Leben vorher nur wenige Male vorher gespürt habe, bricht hervor. Ich schalte die Pumpe ab, nehme sie, gehe mit einem Affentempo, also wohl mit 2 km/h, ins Schwesternzimmer und werfe das hässliche Ding der Schwester auf den Tisch. Ich bin so in Rage, dass ich nicht mehr ruhig bleiben kann und schreie sie alle an, ob sie nun sehen könnten, dass da nichts ist und dass ich ab jetzt nicht mehr anlege oder es überhaupt nur probiere. Die völlig verdutzte Schwester steht auf und sagt mir, ich solle mich beruhigen und bevor ich nicht mehr stille, müsse ich abstillen.
Immer noch in Rage frage ich sie, ob sie nicht versteht, was ich sage, ich habe keine Milch, was zur Hölle soll ich da abstillen. Nun, dann müsse sie mir eine Abstilltablette geben.
Mein Hirn setzt aus und ich gehe tatsächlich einen Schritt auf sie zu und frage, jetzt zumindest eine Winzigkeit ruhiger, ob sie es für eine gute Idee hält jemandem, der auf Grund eines hormonabhängigen Brustkrebs nicht einmal die Pille nehmen darf, eine Abstilltablette zu geben, die aus einer vollen Breitseite Hormone besteht.
„Ach, Sie hatten Brustkrebs? Mit Bestrahlung?“
Fassungslosigkeit. „Haben Sie das Protokoll meines Vorgesprächs zur Geburt nicht gelesen?“
„Ja also, wenn Sie Bestrahlung hatten ist es kein Wunder, dass Sie keine Milch haben…“
Oh, wie gerne möchte ich sie schlagen, mit der Milchpumpe, immer und immer wieder. Bevor ich mich vollkommen vergesse und zu Gewalt hinreißen lasse, verlange ich, einen Arzt zu sprechen und gebe den Schwestern den gutgemeinten Hinweis, wenn irgendeine von ihnen nochmal sagen sollte, ich solle Marie anlegen und sich wagt, mir nicht einfach ein Fläschchen zu geben, werde ich ihnen ihr Schwesternzimmer in Schutt und Asche legen. Was sie von mir denken, interessiert mich nicht mehr, ich werde dieses Krankenhaus nicht mehr betreten. Nicht einmal mit einem Zettel am Zeh. Ich weiß, dass ich Gefahr laufe, rausgeworfen zu werden, doch auch das kratzt mich nicht. Gibt schließlich auch Frauen, die ambulant entbinden und zuhause haben wir eine Hebamme an der Hand.

Überraschung, es ist kein Arzt mehr im Haus, natürlich nicht, Pech, wenn jetzt ein Notfall kommt… hahaha… ich sage nur, dass, wenn morgen früh keiner auftaucht, ich mit der Klinikleitung reden werde.
Beim Telefonat mit meinen Eltern breche ich zusammen und weine, das ist mir alles zu viel. Mit Mühe halte ich meine Mutter davon ab, vorbeizukommen und aufzuräumen. Von meinen schlechten Gedanken sage ich jedoch nichts.

Tag 5
Tag der Entlassung. Ich werde gehen, egal was die sagen. Nicht einen Tag länger bleibe ich hier.
Mein Frühstück hole ich allein und als ich zurückkomme, wischt die Dame des Vortags vor der Tür. Ich bin wieder verzweifelt und geladen. Sie sieht mich an und öffnet den Mund, vielleicht nur, um guten Morgen zu sagen, doch ich zische, wenn sie sich wagt, ein Wort zu verlieren, passiert was. Schweigend wischt sie weiter. Es ist mir vollkommen egal, ob ich hier verbrannte Erde hinterlasse oder nicht.
Steve ruft an, er hat, gemäß meiner Anweisung, Fläschchen und Pre-Nahrung im Drogeriemarkt besorgt. Außerdem Flaschenbürste und extra Spülmittel. Es wäre also alles bereit und ich solle mir keine Sorgen machen, Marie wird auch mit Flasche groß.
Ich erhalte eine Audienz bei einem Arzt, der untersucht zuerst meine Kaiserschnittwunde. Als er draufdrückt, möchte meine Faust instinktiv nach vorne schnellen. Dann fragt er nach meinen Stillproblemen. Schließlich sagt er, ich solle meine Brüste zeigen. Nach einem Blick darauf stellt er nüchtern fest:
„Mit dieser Größe werden sie keine Probleme haben, der Milcheinschuss kommt noch.“
Wieder völlige Fassungslosigkeit – und Wut.
Mühsam um Beherrschung ringend frage ich ihn, ob er seine Zulassung vielleicht gewonnen oder gar in einer Müslipackung gefunden hat und teile ihm mit, dass ich seine Station für einen einzigen großen, stinkenden Haufen Mist halte und dass mir jede Frau leidtut, die hier entbindet. Wieder mit dem Klinikleiter drohend sage ich ihm, eine Kinderärztin soll die U2 machen, ich will gehen.
Wenig später besteht Marie die U2 ohne Probleme, Steve kann kommen und seine kleine Familie heimholen.

Was ich erst viel später erfahren sollte war, dass mein Vater (ebenfalls Arzt) voller Wut und Unverständnis tatsächlich nicht nur beim Chef der Station, sondern auch beim medizinischen Direktor aufgeschlagen ist. Wahrscheinlich haben sie ihn nur vorgelassen, weil er eben ein Kollege ist. Was genau gesprochen wurde, weiß ich bis heute nicht, aber er muss sie recht rund gemacht haben, in seiner ruhigen, aber dafür manchmal umso eindringlicheren Art, so dass sie sich am Ende entschuldigten. Bei ihm – nicht bei mir.

Für den ein oder anderen mag es unglaublich und ausgedacht klingen, was ich hier in diesem Kapitel geschrieben habe, ist es aber leider nicht. Alles geschah im Mai 2015 genauso, wie ich es hier geschildert habe in einem großen Krankenhaus einer mittelgroßen westdeutschen Stadt. In dieser Klinik kommen jedes Jahr rund 2.000 Kinder zur Welt, viele von ihnen Frühchen, denn sie verfügt über eine Level-1-Frühchenstation (also auch für sehr kritische Fälle). Der schlecht Ruf der Wöchnerinnenstation ist allerdings auch bekannt, war er mir nur leider nicht. Der traurige Witz an der Sache ist, dass es nur ca. einen Kilometer weiter ein Krankenhaus gibt, dessen Geburtsstation einen hervorragenden Ruf genießt. Schade Marmelade, wie Marie immer sagt.
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