on some new beginnin'

GeschichteRomanze, Übernatürlich / P18 Slash
Anthony J. Crowley Erziraphael
26.07.2020
10.08.2020
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26.07.2020 8.160
 
Das Ende der Welt schien abgewandt zu sein, doch ihnen stand noch ein ganz anderes Ende bevor.
Beiden war es bewusst, dennoch war es weder der richtige Ort, noch der richtige Zeitpunkt um darüber zu reden. Wie immer.

So auch jetzt, im Bus, nebeneinander, so viel an einem Tag, in einer Woche erlebt, und doch fehlten ihnen die richtigen Worte. Also wählten sie die gewohnte Stille.
Die Fahrt dauerte unter normalen Umständen ungefähr eineinhalb Stunden – normale Umstände herrschten aber seit einigen Tagen nicht mehr. Daran wollte Aziraphale jetzt aber keine Gedanken verschwenden, irgendwie würde der Bus schon nach London kommen.

Crowley saß am Fenster, seinen linken Arm auf sein Knie gestützt und seinen Kopf in die Hand gelegt, sein Blick war nach draußen gerichtet, aber wirklich wahrnehmen schien er die Landschaft nicht, wobei das in der Dunkelheit sowieso nicht möglich wäre.
Die Sonnenbrille verdeckte wie üblich seine Augen, jedoch auch ohne wäre seine Mimik nicht besser einzuschätzen gewesen.
Aziraphale wollte nicht zu sehr zu ihm rüberschauen, im Falle, dass Crowley doch aufmerksamer war als angenommen und Aziraphales Spiegelung im Glas erkennen konnte.
Er wollte Crowley ansehen, wollte sich mit ihm über irgendetwas Banales unterhalten, wollte etwas Normalität in die Situation bringen - aber es war zwecklos. Alternativ würde er auch gerne seine Hand halten, um ihn zu versichern, dass sie es schon irgendwie schaffen würden, auch wenn es zurzeit etwas aussichtslos wirkte. Nicht nur für Crowley, sondern auch für sich selbst. Hauptsächlich für sich selbst.

Um trotzdem irgendeiner Beschäftigung nachzugehen, fing Aziraphale an, seine Finger in einem stetigen Rhythmus gegeneinander zu tippen, was er eigentlich immer tat, wenn er Angst verspürte oder sein Verstand zu überlastet war. Es gab ihm etwas, worauf er sich fokussieren konnte.
Okay, was wird uns nun bevorstehen?
Er dachte im 'wir', da Crowley genau so eine Bestrafung vor sich hatte wie Aziraphale selbst, schließlich begingen sie beide das selbe Delikt: Sie hatten eine entscheidene Rolle darin gespielt, die Apokalypse aufzuhalten, bevor sie so richtig beginnen hatte können, und damit auch den Krieg zwischen Himmel und Hölle – worauf beide Seiten seit Jahrtausenden gewartet hatten, um endgültig zu entscheiden, wer nun über den anderen herrschen durfte – auf unvorhersehbare Zeit zu vertagen.

Himmel und Hölle werden uns vernichten. Sie werden kommen und uns mitnehmen und uns mit schlimmsten Methoden von diesem Universum auslöschen.
Er schluckte, beruhigend waren diese Aussichten nicht wirklich. Sein Tippen wurde schneller.
Alle Hoffnung, die wir jetzt noch haben, steckt in Agnes' letzter Prophezeiung.
Er musste den kleinen Papierschnipsel nicht noch einmal hervorholen, denn er hatte sie in der letzten halben Stunde wieder und wieder durchgelesen.
'Wählet eure Gesichter weise' hatte sie geschrieben, vor über 300 Jahren.
Nachdem Aziraphale das Buch im Rücksitz von Crowleys Auto gefunden hatte, hatte er mehrere Tage damit verbracht, jede einzelne ihrer unglaublich verschlüsselten und jedoch exakten Prophezeiungen durchzulesen, sich an jene Ereignisse zu erinnern und sich immer wieder von Staunen überkommen zu lassen. Dass ein Mensch solch eine Fähigkeit besessen haben soll, grenzte an ein Wunder. Und zwar eines fern von okkulten oder himmlischen Mächten.

Wählet eure Gesichter weise, denn früh genug werdet ihr mit Feuer spielen.
Aziraphale würde sich selbst sehr talentiert im Dechiffrieren von Prophezeiungen bezeichnen, schließlich hatte er mehrere Regale in seinem Bücherladen nur ersten Editionen solcher Bücher gewidmet.
Dennoch war es etwas völlig anderes, wenn man die Zentralfigur war, um die Prophezeiung sich handelte und das eigene Leben von der richtigen Interpretation dieser abhing.
Das war genau der Punkt, den Aziraphale so nervös machte.
Bei Agnes gab es keine Garantie, dass man ihre Worte richtig gedeutet hatte.
Es ergab erst im Nachhinein Sinn.
Aziraphale hatte die Notizen an den Rändern des Buches gelesen, dutzend verschiedene Handschriften, alle von ihren Nachkommen, die versucht hatten, irgendeinen Anhaltspunkt zu finden, um somit auch das richtige tun zu können, wenn es denn so weit wäre.

Teilweise gaben die Nummern nicht einmal die chronologische Reihenfolge an, sondern waren wahrscheinlich so angeordnet, wie sie Agnes auch gesehen hatte. Oder, besser gesagt, wie sie in Agnes Kopf angekommen waren.

Die Interpretationsmöglichkeiten waren schier endlos.
War es wörtlich oder metaphorisch gemeint?
Im Falle des Ersteren: Engel konnten ihr Gesicht wählen, zumindest zu einem bestimmten Grad. Sie konnten ihr Aussehen anpassen, einige Dinge ändern, aber sich nicht komplett in eine andere Person verwandeln. Ihr Körper, ihre allgemeine Form wurde ihnen gegeben, sie wurden in einer bestimmten Weise erschaffen und Gottes Absicht zu modifizieren war unmöglich.
Im Falle des Zweiteren: Gesichter könnte ein Synonym für Seiten sein? Er hoffte, es wäre unsere Seite, von der Crowley immer wieder gesprochen hatte. Es war die einzige mögliche Seite, auf der er jetzt noch sein konnte – auf der sie noch sein konnten, die sie jetzt noch retten könnte. Ein weiterer Ansatz fiel ihm im Moment aber nicht ein.

Aziraphale blickte auf seine Uhr. Es war 23.21 Uhr.
Er konnte jedoch nicht wirklich erkennen, wo sie sich genau befanden. Oder wann sie überhaupt in den Bus gestiegen waren. Ein kurzer Blick zu Crowley verriet ihm gar nichts, Crowley saß immer noch in der gleichen Position mit der gleichen Mimik am Fenster und starrte ins Nichts.
Vermutlich spielte er einige denkbare Szenarien des morgigen Tages selbst durch, weshalb Aziraphale ihn auch nicht ansprechen wollte.

Er schaute sich zum ersten Mal etwas um.
Der Bus war schwach beleuchtet, die kalten Leuchtstoffröhren lieferten gerade genug Licht um den Innenraum einigermaßen zu erhellen. Alle anderen Plätze waren leer, sie waren die einzigen Passagiere. Durch die Fenster auf der anderen Seite konnte er nur dunkle, schnell vorbeiziehende Schatten erkennen, Wälder und Felder, keine Straßenlaternen oder rapid blinkendende Schilder von Restaurants oder Hotels, also waren sie noch nicht in der Nähe von London.
Mit dieser Erkenntnis begab er sich zurück in seine Gedanken, grübelte und versuchte dabei optimistisch zu bleiben, doch irgendwann kam auch ein Engel an seine Grenzen.

Als der Bus doch letztendlich in Mayfair angekommen war (gefahren von einer sehr verwirrten Person, die anscheinend erst jetzt realisierte, wo sie sich eigentlich befand), stieß Crowley sein Knie leicht an Aziraphales, um ihn zum Aufstehen aufzufordern.
Aziraphale blickte auf, stutzte kurz, so vertieft in das geradige Szenario 'Gabriel und die anderen Erzengel werfen mich in ein Loch der Unendlichkeit und ich falle und falle und falle bis das Universum nicht mehr existiert'. Er räusperte sich kurz, verließ dann seinen Sitz, gefolgt von Crowley, und stieg aus dem Bus aus.
Es war kalt für eine Augustnacht, aber das war üblich in England.
Wenigstens die Temperatur war normal. Ein kleines Stück Alltagstrott, den er gerne willkommen hieß.

Der Bus fuhr weiter. Aziraphale blickte ihm nicht nach, denn erst jetzt bemerkte er, dass er nirgends hin konnte, sein Zuhause war weg. Crowley kam ihm zu Hilfe.
„Das Angebot steht noch, Engel.“ Crowley sah ihn von der Seite an, lässig und vielleicht, Aziraphale hoffte schon wieder, erwartungsvoll.
Aziraphale überlegte. Seine Finger tippten immer noch, sie hatten eigentlich nie aufgehört.

1. Crowley war so nett gewesen, ihm das Angebot überhaupt zu machen.
2. Crowley wollte vielleicht in dieser Nacht nicht komplett alleine auf seinen Untergang warten.
3. Aziraphale auch nicht.
4. Er hatte im Endeffekt keine andere Wahl, außer vielleicht ein Hotel, aber darauf konnte er sich emotional nicht einstellen.

Er nickte. „Wenn es dir wirklich nichts ausmacht. Ich will dir keine Umstände bereiten-“
„Komm.“ Crowley war schon vorausgelaufen. Aziraphale folgte ihm, die Hände hinter seinen Rücken gefaltet, nun, da er ein klares Ziel hatte.

Die Bushaltestelle war nur wenige Minuten von Crowleys Apartment entfernt.

Die Straßen waren gefüllt mit Leuten, wie es sich einer Samstagnacht gehörte, der vorherige Sturm anscheinend komplett vergessen. Nun ja, plötzlicher Regenfall mit blutrotem Himmel und schweren Windböen war möglicherweise nicht genug Chaos, um den Menschen hier Angst einzujagen, schließlich war das Wetter immer unberechenbar.
Während Aziraphale etwas hinter Crowley herlief, wurde ihm erst bewusst wie müde er eigentlich war. Aziraphale war sehr selten müde.
Zwar war es mehr mental müde als körperlich müde, trotzdessen fühlten sich seine Beine schwer an und sein Kopf brummte vor ständigen Horrorvorstellungen. Schlaf würde die Müdigkeit nicht bekämpfen, dass wusste er ohnehin. Das einzige Gegenmittel war ein Plan, eine Idee, irgendetwas, was er im Fall der Fälle tun könnte.

Mal wieder schenkte er seiner Umgebung keine Aufmerksamkeit, ließ seinen Körper vor sich hintrotten und erkannte erst in der letzten Sekunde, dass Crowley vor ihm stehen geblieben war, wodurch er noch rechtzeitig bremsen konnte, um nicht gegen ihn zu stoßen. Aziraphales Wahrnehmung war eingeschränkt und dadurch waren Zeit und Entfernungen gerade sehr unzuverlässige Dinge.

Sie standen nun vor dem Eingang von Crowleys Apartment, es war ein sehr modernes Gebäude, die Monatsmiete wahrscheinlich höher als die Jahresmiete der Hausbesitzer in einer Kleinstadt.
Im Gegensatz zu einigen anderen Wohnhäusern im Distrikt hatte dieses viel weniger Etagen, was es von außen auch nicht so einschüchternd wirken ließ.
Crowley wischte eine Karte (die mit einer Handbewegung erschienen war) vor den Kartenleser, woraufhin sich die gläsernen Türen öffneten und sie hineintreten konnten.

Vor dem Aufzug wurde Aziraphale bewusst, dass er schon seit einigen Jahren nicht mehr in Crowleys Wohnung gewesen war. Wenn er ehrlich war, mochte er sie nicht sonderlich. Sie war das genaue Gegenteil seines Buchladens; modern, scharf, minimalistisch, kaum belebt und offen. Oberflächlich gesehen passte es zu Crowleys Stil ungemein, und Aziraphale sollte sich wirklich nicht wundern, dass er es so eingerichtet hatte. Jedoch kannte er Crowley schon so lange, er hatte mittlerweile viele seiner versteckten (und geleugneten) Eigenschaften entschlüsselt und studiert. Er war sich sicher, dass Crowley sich selbst nicht wirklich in seiner Wohnung wohlfühlte.
Es war kein Zuhause, es ähnelte mehr einem Rückzugsort, wenn er sich genug im öffentlichen Leben herumgetrieben hatte und sich schlafen legen wollte, kam er hierher; wie eine streunende Katze, die immer wieder unter einen dreckigen, unbequemen Behälter kroch, um sich vor dem Regen zu schützen. Crowley hatte nur höhere Standards und wollte sich nicht mit einer kompletten Bruchbude zufrieden geben.

Sie betraten den Aufzug und Crowley betätigte die Nummer seiner Etage.


Das einzige, was Crowley an seiner Wohnung mochte, waren seine Zimmerpflanzen. Sie waren immer grün, immer üppig und wuchsen unaufhaltbar.
Aziraphale wusste leider auch wieso.
Er hatte es einmal erlebt und war froh, es nicht wieder getan zu haben.
Irgendetwas an der Art, in der Crowley die armen Pflanzen anschrie und beleidigte und ihnen Angst einjagte, legte Aziraphale einen Stein in den Magen.
Es war ein Bewältigungsmechanismus. Offensichtlich aber kein guter. Weder für Crowley noch für die Pflanzen, auch wenn es den Anschein danach hatte.

Mit einem leisen 'Ding' öffneten sich die Türen und Crowley, gefolgt von Aziraphale, lief den Flur entlang, bis er vor seiner Wohnung stand, materialisierte die Schlüssel, die sich eindeutig vor wenigen Sekunden noch nicht in seiner Hosentasche befanden (die Form eines Schlüsselbundes war schließlich keinesfalls aerodynamisch und/oder modisch) und schloss auf.

Crowley machte eine Geste und bat Aziraphale hinein, er gesellte sich zu ihm und
die Tür wurde wieder geschlossen, nun standen sie im dunklen Flur. Ein kurzes Schnipsen und die Lichter gingen an.
Aziraphale hörte etwas hinter ihm knacksen und drehte sich um, um zu sehen wie Crowley seinen Nacken kreiste, klar verspannt von dem fast-Ende-der-Welt und der langen Busfahrt.
Crowley sah Aziraphale in die Augen, nach gefühlter Ewigkeit, räusperte sich kurz und fragte mit müder Selbstverständlichkeit:
„Tee?“
Aziraphale war nicht wirklich nach Tee. Oder überhaupt nach irgendetwas.
„Gerne.“
Doch es gab Crowley etwas zu tun und Aziraphale dachte, dass es ihn möglicherweise beruhigen könnte.
Sobald Crowley in seine unbenutzte Küche ging, setzte er sich auf Crowleys weißes Ledersofa und legte seine Hände auf seine Oberschenkel.
Normalerweise würde Crowley einfach einen Tee aus dem nichts auftauchen lassen, unter den jetzigen Umständen jedoch schien es kein Problem für ihn zu warten bis das Wasser den Siedepunkt erreicht hatte.

Aziraphale schaute noch einmal auf die Uhr, es war kurz nach Mitternacht.
Er vermutete sie hätten nur wenige Stunden um sich etwas einfallen zu lassen.
Er begann wieder mit seinen Fingern zu tippen.
Crowley brachte den Tee. Nur für Aziraphale. Er stellte ihn auf den Sofatisch, bevor er sich selbst neben Aziraphale setzte, Arme und Beine ausgestreckt, wie immer.
„Danke“, lächelte er sanft und nahm die nagelneue Tasse zusammen mit der Untertasse in die Hand,„möchtest du keinen?“
„Ich hätte lieber Alkohol aber das scheint mir gerade nach keiner weisen Entscheidung.“
Wobei sie noch vor zwei Stunden auf der Bank saßen und Crowley aus dem Nichts heraus eine Flasche Wein gezaubert hatte. Nun ja, materialisierter Wein hatte auch weder den gleichen Effekt noch Geschmack wie echter Wein.

Aziraphale nippte kurz. Es war Hagebuttentee. Er wäre herrlich süß, hätte seine Laune ihn nicht verbittert.
Er sagte nichts darauf, wartete nur. Einige Augenblicke vergingen.
„Und jetzt?“
Aziraphale zog die Augenbrauen hoch und starrte in die dunkle Flüssigkeit.
„Nun, falls wir nicht von unseren Vorgesetzten für immer ausgelöscht werden wollen, müssen wir wohl die Bedeutung der Prophezeiung ausarbeiten.“
Crowley atmete tief ein, bevor ein langgezogender Seufzer den Raum füllte.
Crowley wollte widersprechen, einen Witz machen, ablenken, Aziraphale konnte es förmlich spüren, aber er entschied sich dagegen, er musste nun auch realisiert haben, dass zusammen wegrennen und sich in irgendeiner Ecke des Universums verstecken keine Lösung war. Sie würden sie finden. Wo auch immer sie waren.
Zumal sie jetzt auch die Welt gerettet hatten und es ja dann doch irgendwie umsonst gewesen wäre, wenn sie trotzdessen von hier fliehen würden.

Er erinnerte sich kurz an das Treffen mit Crowley unter dem Pavillon, und dann kurz danach auf der Straße.
Crowley hatte ihm mehrmals angeboten, zusammen mit ihm zu verschwinden.
Das Wort zusammen war in seinem Kopf deutlich unterstrichen.
Genau so wie die Phrase unsere Seite.
Aziraphale spielte die Szene noch einmal ab und zuckte innerlich zusammen.
„Es gibt keine unsere Seite, Crowley. Nicht mehr.
Ich kann dich noch nicht mal leiden!“
Er musste sich immer noch dafür entschuldigen.

Eine weitere Stille.
„Wie wäre es, wenn wir damit anfangen: was ist das schlimmste, das passieren könnte?
Das schlimmste und grausamste für einen Dämon?“, setzte er an.
Aziraphale wollte die Frage wirklich nicht stellen, aber irgendwo mussten sie ja anfangen, nicht wahr? Er wünschte, er könnte Crowleys Augen sehen, aber er war eindeutig nicht darauf, seine Sonnenbrille abzunehmen.
„Kommt drauf an, wollen sie mich für die unvorhersehbare Zeit foltern oder wollen sie mich aus dem Universum radieren?“, seine Stimme trug eine gefälschte, ironische Leichtigkeit mit sich.
Das eine schloss das andere nicht unbedingt aus, wobei man eigentlich davon ausgehen konnte, dass eine unendlich lang anhaltende Folter durchaus schlimmer war als selbst der grauenhafteste Tod.

„Gehen wir-“, er schluckte kurz, an Crowleys Tod wollte er nun wirklich nicht denken, wobei ihm in den Sinn kam, wie Crowley vor einigen Stunden sich komplett betrunken hatte, nachdem er im Glauben gewesen war, Aziraphale sei fort. Aziraphale wüsste gar nicht, was er an Crowleys Stelle getan hätte, wenn er Crowleys stetig vorhandene Präsenz plötzlich nicht mehr gespürt hätte.
Wenn er in sein loderndes Apartment gekommen wäre, und ihn nicht aufgefunden hätte.
Er versuchte das Szenario aus seinem Kopf zu verbannen.
„Gehen wir vom letzteren aus.“
Crowley sah kurz nach hinten. Aziraphale runzelte die Stirn, er war sich sicher, dass sich dort nichts von Bedeutung befand. Crowley schien kurz zu überlegen.
„Weihwasser?“
Oh. Das genannte Szenario wurde durch eine fast noch traurigere Erinnerung abgelöst.

„Du bist zu schnell für mich, Crowley.“

Immer und immer wieder hatte Aziraphale Crowley weggestoßen und ihn warten lassen und das schon lange vor der bevorstehenden Apokalypse. Die Enttäuschung in Crowleys Mimik zu sehen zerbrach ihm fast das unnötige Herz, das er in seiner Form trug.
Er hatte sich immer so sehr an sein Engelsein festgeklammert, er hatte ständig solche Angst verspürt, sobald er nur in Crowleys Nähe gewesen war, geschweige denn mit ihm so viel Zeit verbracht hatte.
Jeden Moment darauf gefasst, sich erklären zu müssen, falls einer der Erzengel plötzlich auftauchte und ihn zur Rede stellte.
Aziraphale wollte nicht nur sich selbst schützen, sondern auch Crowley.
Und jetzt war das passiert, wovor Aziraphale sich gefürchtet hatte.
Jetzt würden sie beide bezahlen müssen.

Er fand sich wieder in der Realität, plötzlich fiel ihm etwas auf, was er vorher noch nicht bemerkt hatte.
„Warte, was ist dieser Geruch?“
Er war scharf und ätzend und gezeichnet von Schwefel, ähnlich wie Crowley nur noch...verbrannter?
„Ligurs Überreste, nehme ich mal an“, sagte Crowley gelassen, ohne Aziraphale dabei anzusehen.
Aziraphale kannte Ligur aus Crowleys Geschichten von Mitarbeiterfeiern der Hölle. Crowley hatte außerdem einige Male erwähnt, dass dessen farbwechselnde Augen ihn hypnotisierten. Anscheinend existierte er nicht mehr.

„Du hast einen Dämon in deinem Apartment getötet?“
Crowley machte ein übertriebenes Gesicht.
„Jein, theoretisch hat er sich selbst getötet, ich hab' ihm nur die nötigen Mittel dazu gegeben.“
Aziraphale sah ihn tadelnd und gleichzeitig schockiert an.
„Diese Mittel wären?“
„Ich bin im Besitz von nur einem einzigen Mittel, dass die Kraft hat einen Dämon auszulöschen und du hast es mir persönlich gegeben, vor 40 Jahren in einer altmodisch aussehenden Thermoskanne.“
Er zögerte kurz.
„Nun ja, war im Besitz.“

„Und du willst diese Überreste einfach in der Wohnung lassen?“
„Tut mir leid, ich hatte vorher wirklich keine Zeit den Brei aus Weihwasser und Dämoneninnereien vom Betonboden zu kratzen und danach noch schnell zu lüften, ich hoffe du verzeihst mir“, meinte er, Sarkasmus tränkte seine Worte.
„Es wäre für dich viel zu gefährlich, dich auch nur in die Nähe davon zu begeben, lass mich es machen.“
„Du kannst zwar Weihwasser sorglos anfassen aber ist Dämonenschleim nicht etwas schädlich für deine zarte Engelshaut?“
Aziraphale rollte nur die Augen.
„Ich bin mir sicher, dass ich es überleben werde, in welchem Zimmer ist es?“
Crowley stand schwungvoll auf, lief in den nächsten Raum – den Pflanzenraum - und Aziraphale kam ihm nach.

Die gegenüberliegende Wand drehte sich, und offenbarte einen weiteren Raum, in diesem befand sich ein Thron, ein Schreibtisch passend zu dem Thron, die Skizze der Mona Lisa (mit einer Widmung unterzeichnet) an der Wand dahinter und an der anliegenden Wand, neben einem großen Durchgang zu noch einem Raum, ein Flachbildfernseher.
Aziraphale hatte schon öfter bemerkt, dass Crowleys Wohnung keinen architektonischen oder geometrischen Regeln folgte, sondern einfach nur seiner Vorstellungskraft.
Weshalb sie für Aussenstehende somit auch überhaupt keinen Sinn machte.
Die Räume (von denen sowieso zu viele vorhanden waren) hatten teils unterschiedliche Deckenhöhen und die Länge der Wohnung war nicht kongruent mit ihrem äußeren Erscheinungsbild. Ganz zu schweigen von den vielen fragwürdigen Statuen und Vasen, die anscheinend zufällig an Plätze gestellt wurden, die sonst völlig leer geblieben wären, aber gut, das lag wohl eher an Crowleys limitierten Einrichtungskünsten.

Links vor der Tür (die in irgendeinen Gang führte, der anscheinend mit dem Hauptflur verbunden war) war die besagte Pfütze.
Weil Aziraphale Crowley sehr gut kannte, konnte er sich vorstellen, wie genau der Mord passiert war. Und wieso hätte er auch einen besseren Plan ausklügeln müssen, wenn ein sehr einfacher und bekannter Trick genau so effektiv gewesen war?

Aziraphale trat näher heran, beugte sich nach unten und ließ eine Hand über den Fleck gleiten, woraufhin er nach wenigen Momenten komplett und ohne Rückstände verschwunden war.
Crowley war nicht sonderlich beeindruckt.
„Das hätte ich auch noch hingekriegt“, sagte er, etwas beleidigt.
Aziraphale richtete sich wieder auf, sein Gesichtsausdruck zufrieden.
„Spielt keine Rolle, ich möchte kein Risiko eingehen.“ Er sah ihn kurz an bevor er seine Augen wieder im Raum umherschweiften.
„Außerdem schulde ich dir noch was wegen meines Mantels.“
„Klar, wir wollen doch noch unsere ausstehenden Rechnungen begleichen, damit wir quitt ausgelöscht werden.“

Aziraphale ging etwas im Raum herum und legte eine Hand auf die Rückenlehne des Throns, ließ seine Finger über die detailierte Zierde gleiten, wobei er jedoch nicht sagen konnte, inwiefern er echt war. Nun, so echt wie ein persönlicher Thron eben sein konnte, wahrscheinlich war es teures Holz mit Goldfarbe übermalt, den Stellen der abgebröckelten Farbe nach zu urteilen. Er ließ es unkommentiert, trotzdem spürte er Crowleys Augen auf ihm brennen, ein Comeback schon auf seiner Zunge.

Aziraphale traf kurz seinen Blick, dann schritt er durch das sich drehende Wandstück und zurück zum 'Wohnzimmer' (das Zimmer, dass die Couch beherbergte). Er trank seinen letzten Schluck Tee, als Crowley wieder zu ihm stieß und sich erneut neben ihm fallen ließ.

„Was ist mit dir?“
„Mh?“

„Das schlimmste und grausamste für einen Engel?“ Die Formulierung klar sarkastisch bespickt.

Aziraphale dachte kurz nach. Es war etwas beängstigend, daran zu denken, was der Himmel denn an Foltermethoden in einer alten Abstellkammer rumstehen hatte, und früher hätte er behauptet, es sei über deren Niveau, es ähnele doch eher der Hölle.
Andererseits wusste er natürlich, dass der Himmel selbst Blut an den Händen hatte.
Schließlich war Gabriel auch einer derjenigen gewesen, die tausende von Ex-Engeln mit flammenden Schwertern (und der größten Selbstverständlichkeit) über die Klippe gestoßen hatten und Aziraphale hatte ein fast zu klares Bild in seinem Kopf, auf dem der Erzengel mit Freude zusah, wie die Kreaturen schreiend immer weiter in den Abgrund fielen.
Ganz zu schweigen von den grausamen Dingen, die sie den Menschen in den früheren Jahrhunderten angetan hatten.
Nun doch war er sich sicher, dass sie dort oben einige effektive Geräte und Apparate hatten, die einen Engel in Sekundenschnelle verschwinden lassen konnten und auch jederzeit bereit waren, diese herauszukramen und anzuwerfen.
Persönlich hatte er sich mit dem Thema noch nie befasst, wobei die Angst davor nicht neu war, trotzdem wussten alle Engel von einer ganz bestimmten wirksamen Methodik.

„Nun, ich denke ein Höllen-“
Seine Augen weiteten sich mit Erkenntnis. Crowley sah ihn nur fragwürdig an, darauf wartend, aufgeklärt zu werden.
„Ein Höllenfeuer!“

Crowley machte eine abwertende Geste.
„Oh, keinen Grund zur Vorfreude, eigentlich ist es gar keine 500°C heiß, wie es immer in den Brochüren inseriert wird.“ Der Ton besagte, dass er aus Erfahrung sprach und nicht glücklich darüber war. Aziraphale ging nicht darauf ein.
„Nein, ich denke nur, dass es das Feuer sein könnte, von dem Agnes gesprochen hat.“
„Hätte eher gedacht es wäre metaphorisch gemeint. Außerdem geht das Feuer dann nur dich was an.“
„Vielleicht hat sie gesehen, dass ich sie von uns beiden als erster lese und somit von mir gesprochen?“
„Mh, kann sein, oder sie wollte es einfach nur gefährlich klingen lassen, 'mit Wasser spielen' hat auch einfach nicht den gleichen Wumms.“

Aziraphale war zufrieden. Zumindest schienen sie etwas voran zu kommen.

„Und was ist mit den Gesichtern? Sollen wir uns etwa verkleiden?“

Die Zufriedenheit klang ab. Crowley konnte sehr raffiniert sein, wenn er denn wollte. Manchmal schienen seine Gehirnzellen jedoch Urlaub zu machen. Er musste aber daran denken, dass es Crowleys Weise war, mit der Situation klar zu kommen. Er war auch froh, dass Crowley wieder Scherze machen konnte, vor ein paar Stunden noch wäre er zu hoffnungslos dafür gewesen.
Also entschied er sich Crowley nur missbilligend von der Seite anzusehen und kam zurück zu seiner ursprünglichen Spekulation.

„Nun, es ist doch so, dass die beiden genannten Mittel nur für einen von uns tötlich und für den anderen unbedenklich sind, nicht?“
„Worauf willst du hinaus?“
„Wenn wir Himmel und Hölle irgendwie täuschen könnten-“ Sichtlich angestrengt, versuchte er, den Ansatz fortzuführen, aus unerfindlichen Gründen gelang es ihm aber leider nicht.
„Also müssen wir uns doch wie der jeweils andere verkleiden!“
Aziraphale seufzte.
„Ich glaube kaum, dass Beelzebub eine so große Wahrnehmungsstörung hat, dass ich mich mit deiner Kleidung vor xies Augen präsentieren könnte und xier davon nichts merkt!“
„Ich weiß nicht, mit den ganzen umherschwirrenden Fliegen könnte ich mich auf nichts konzentrieren, was weiter als 50 Zentimeter von mir entfernt ist.“
Bevor Aziraphale sich ein Gegenargument zurechtlegen konnte, fuhr Crowley schon fort:
„Und Gabriels komische blau-violetten Augen hindern ihn sicher auch daran richtig zu sehen.“
Crowley war anscheinend drauf und dran seinen Einfall hartnäckig zu verteidigen. Aziraphale wollte den Widerspruch einbringen, dass die Augenfarbe einer Kreatur wohl kaum deren Sehvermögen beeinflusse, schließlich konnte Crowley mit seinen Reptilienaugen besser sehen als einige Schlangen (und natürlich Menschen im Allgemeinen), beschloss dann aber etwas nachzugeben.
„Er nennt es 'elegantes Lila'.“ Aziraphale schniefte.
Crowley war ebenfalls unbeeindruckt.

„Dir ist noch nicht aufgefallen, dass wir eine komplett unterschiedliche Form haben?“
Die Höhe würde stimmen, sie waren fast gleich groß (wenn Crowley auf seine Schlangenlederschuhe verzichten würde, vielleicht sogar ein paar Zentimeter kleiner als Aziraphale), doch die...Masse war eindeutig ungleichmäßig verteilt. Aziraphale wollte sich nicht vorstellen, wie er in Crowleys hautenger Kleidung aussehen würde.

Crowley gab sich geschlagen.
„Also, was schlägst du stattdessen vor?“ Als ob er gerade seine genialste Idee aus dem Fenster werfen müsste. Wobei der Ansatz nicht allzu schlecht war. Es würde jedoch mehr brauchen als nur Kleidung. Gesichter. Gesichter. Gesichter?
„Wir könnten versuchen unsere Körper zu tauschen?“
Crowley zog ein Miene, als wäre Aziraphale ein zweiter Kopf gewachsen.
Aziraphale war leicht amüsiert, dass Crowley seinen Vorschlag anscheinend sehr absurd fand, obwohl er doch derjenige war, der eine Verkleidung für ausreichend empfunden hatte.
„Körper tauschen? Wir? Ein Engel und ein Dämon? Was hattest du gesagt, 'würde wahrscheinlich explodieren'?“ Er machte sich sogar die Mühe eine Explosion zu imitieren, um die Absurdität hervorzuheben.
„Das war etwas anderes, da hatte ich nämlich keinen eigenen Körper mehr, aber wenn wir sie nur tauschen, existieren beide Körper immer noch, nur eben nicht mit den ursprünglichen ..Seelen in ihnen.“
Crowley kalkulierte, dann zuckte er mit den Schultern.
„Einen Versuch ist es wert, was anderes bleibt uns wahrscheinlich nicht übrig.“

Aziraphale rutschte ein Stück vor und streckte seine Hand aus, Crowley nahm sie.
Er musste sich fokussieren, also schloss er seine Augen. Er stellte sich vor, Crowleys Körper sei eine Art Essenz, die er nun in sich aufnahm und sich völlig damit umgab und gleichzeitig seine eigene Essenz Crowley überließ.
Er rügte sich selbst für die Implikationen, die sich in seinem Hinterkopf vergnügten.
Eine Art Kribbeln breitete sich unter seiner Haut aus, nicht ungleich einer Gänsehaut.

Als er seine die Augen wieder öffnete, sah er sich selbst. Nun ja, er sah seinen Körper sich gegenüber sitzen. Seine Crowleys Hand war immer noch ausgestreckt, jetzt aber griff sie um seine eigene (die ganze Sache war sehr verwirrend).
Er ließ die Hand los und schaute an sich herab.
Seine Beine waren lang und dünn, wie sein gesamter Körper, er fühlte sich nicht unbedingt anders, aber die Erkenntnis, dass er nun aussah wie Crowley-
„Es hat funktioniert.“ Und auch genau so klang wie Crowley-
Plötzlich merkte er, dass der Raum auf einmal dunkler geworden war. Oder nein, es war nicht der Raum, sondern die Sonnenbrille auf seiner Nase.
Er entschied, sie abzunehmen und blinzelte zweimal.
„Wie hältst du es aus die ganze Zeit in einer abgedunkelten Version der Welt rumzulaufen?“
„Es ist eine Sonnenbrille, Engel, das ist der ganze Zweck.“
Oh, seine eigene Stimme von außerhalb zu hören gefiel ihm nicht besonders. Dafür gab es anscheinend eine wissenschaftliche Erklärung, die er irgendwo mal gelesen hatte, von wegen Vibrationen im Ohr und im Gehirn, aber darauf konnte er sich jetzt nicht konzentrieren.
Er materialisierte einen Spiegel in seine Hand und blickte gespannt hinein, ja, das war Crowleys Gesicht. Seine Augen, sein Tattoo an der rechten Wange direkt unter dem Ohr, seine roten Haare.

Crowley forderte den Spiegel für sich, sah die Reflexion von Aziraphales Gestalt und zog die Augenbrauen hoch.
„Nicht schlecht“, sagte er nur, bevor er den Spiegel wieder im Nichts verschwinden ließ.

Aziraphale musste kurz aufstehen, denn er hatte es immer noch nicht vollständig erfasst. Eigentlich war es im ersten Moment nicht anders, es fühlte sich ganz natürlich an, aber sobald er darüber nachdachte, wurde ihm etwas schwindelig und er schien das Gleichgewicht zu verlieren. Das Konzept, einen anderen Körper anzunehmen, war ihm deutlich ungeheuer.
Wieso schien Crowley so entspannt?
„Wenn du mit meinem Körper irgendetwas dummes anstellst, schuldest du mir was.“
Er ignorierte Crowley gezielt, um ein wenig im Raum zu laufen. Nach ein paar Schritten fiel ihm auf, dass er vielleicht ähnlich wie Crowley gehen sollte, andererseits hatte er keine Ahnung, wie er sich überhaupt in einer menschlichen Form immer noch wie eine Schlange fortbewegte. Vielleicht fiele es ja auch nicht auf, hoffte Aziraphale zumindest.

Er drehte sich wieder zu Crowley.
„Ich würde sagen wir haben eine sehr gute Chance mit dieser Methode.“
„Bist du dir auch wirklich sicher, dass ich jetzt meine Hand in ein Höllenfeuer halten könnte und sie nicht direkt schmelzen würde?“
„So ziemlich, ja. Schließlich sind es nur vertauschte Körper, die Essenz aber ist die gleiche wie zuvor.“
(Er musste wirklich aufhören dieses Wort zu verwenden.)
Die Erklärung schien gut genug, um Crowley zu überzeugen.

„Also, wenn das jetzt alles geklärt ist, würde ich mich gerne ein vielleicht letztes Mal vor meinem Ende schlafen legen.“
„Doch nicht mit meinem Körper?“ Aziraphale war empört.
„Nein, nicht mit deinem Körper, ich glaube kaum, dass ich damit in einer angenehmen Position schlafen könnte“, sagte er und streckte ihm erneut die Hand entgegen.

Aziraphale nahm sie – ohne Crowleys Aussage zu hinterfragen – und war wenige Augenblicke später wieder froh, seinen eigenen Körper um sich herum zu haben. Er passte seine Fliege an (nicht, dass es nötig gewesen wäre).


„Und was soll ich währenddessen tun?“
„Weiß nicht, Fernsehsehen würde ich dir nicht raten, manchmal schalten sich die Kollegen rein, vielleicht stattdessen meine Wohnung bewundern?“
„Aber natürlich, vor allem die Statue dessen Erschaffer sich sehr viele künstlerische Freiheiten bei der Thematik 'Gut kämpft gegen Böse' erlaubt hat, nehme ich an?“


Innerlich musste er grinsen, der Moment, in dem er die Skulptur zum ersten Mal betrachtet hatte, war er leicht überrascht gewesen, jedoch nicht wegen der Statue an sich (es war ihm schon seit langem bewusst, dass die Menschen es zu ihrem Bestreben gemacht hatten, jegliche religiösen Motive äußert falsch und idealistisch darzustellen), sondern eher, weil Crowley so eine Skulptur an einen Zentralpunkt seiner Wohnung gestellt hatte.
„Ein damaliger Freund hat es mir gewi- geschenkt“, hatte er behauptet, „und was soll ich sagen? Es hat Stil.“ Stil, hatte Aziraphale gedacht, das war der Grund.

„Wie du meinst, du kannst auch einfach nur auf dem Sofa sitzen bleiben und die Wand anstarren.“
Damit stand er auf und lief zu seinem Schlafzimmer, ohne sich umzudrehen hob er eine Hand.
„Gute Nacht, Engel.“ Und weg war er.


Typisch.
Doch Aziraphale wollte nicht zu streng mit ihm sein, es war schließlich ein anstrengender Tag gewesen. Oder eher gesagt, eine anstrengende Woche.

Das Licht war jetzt nur noch im Wohnzimmer an, jedoch entschied sich Aziraphale es auszumachen und stattdessen die Vorhänge vor den Fenstern beiseite zu schieben, um ein wenig Mondlicht in die Wohnung zu erlauben. Das ließ sie zumindest etwas belebter erscheinen, mit den Betonboden und -wänden in ein leichtes Weiß getaucht.

Wir können unsere Körper tauschen, was jetzt?
Er musste sich irgendwie in Gabriels und Beelzebubs Rolle versetzen.
Aziraphale kannte Beelzebub nicht wirklich, er wusste nur von ein paar unbrauchbaren Charakterzügen, die Crowley ihm nach seiner Rückkehr von den jährlichen Halloween Parties erzählt hatte.
Dennoch konnte er mit Gewissheit sagen, dass xier nicht sehr wenig mit Gabriel gemeinsam hatte, zumindest auf den ersten Blick.
Früher wäre er davon überzeugt gewesen, dass der Himmel doch auf keinen Fall so brutal und gnadenlos vorginge wie die Hölle, doch je mehr er über die vergangenen Tage nachdachte, desto mehr merkte er, wie hinterhältig und heuchlerisch der Himmel doch war.

Es tat ihm weh.
Seit Anfang der Zeit war er immer stolz darauf gewesen, ein Engel zu sein. Deren Aufträge anzunehmen und für die Menschheit zu sorgen. Den unerfindlichen Plan in die Realität umzusetzen, so wie es eben getan werden musste.
Crowley hatte ihn immer wieder daran erinnert, dass der Himmel ebenso ein unerträgliches Pack war. Aziraphale hatte die Worte immer an sich vorbei ziehen lassen, Crowleys Vergangenheit ließ ihn so etwas sagen, hatte er immer gemeint.
Aber nun. Nun wollte der Himmel ihn auslöschen, weil er nicht zulassen konnte, dass die gesamte Menschheit für einen egoistischen und nutzlosen Krieg unterging.

Er seufzte.
Himmel und Hölle waren nicht mehr auf verschiedenen Seiten, sondern auf derselben.
Denn, die Hölle mag grausam und furchterregend und erbarmungslos sein, aber das war deren Bestimmung, von Anfang an, ohne Böses konnte kein Gutes sein.
Vom Himmel wurde das Gegenteil behauptet („das Paradies“ nannten es die Menschen in unzähligen Schriften), und gerade deswegen schmerzte es ihn ungemein an eigenem Leibe erfahren zu müssen, dass sie nur aus ihrem Interesse handelten, dass sie die Menschen gar nicht interessierten, dass sie eine Gruppe verlogener -
Dachte er weiter darüber nach, würde er noch in Loch voller Zweifel und Frustration fallen, nun ja, ein tieferes Loch, schließlich plagten ihn Gedanken über Loyalität und Identität des Engelseins seit dem Beginn. Eigentlich hatte er immer ein Auge zugedrückt, die Verbannung aus dem Garten Eden, die Flut, die Kreuzigung Jesu. Andererseits, was hätte er denn machen sollen? Als einzelner hätte er sowieso keine Chance gehabt, er hatte eben immer irgendwie die Regeln so hingebogen, sodass er mit ihnen leben konnte. Hatte darauf vertraut, dass es doch einem größeren Zweck gedient hatte, dem Allgemeinwohl. Jetzt kannte er das Allgemeinwohl – und allgemein war es nur für die Engel und die Dämonen, die Menschen und die Erde zählten nicht darunter.


Die Sonne ging langsam auf. Der Horizont wurde heller und heller, türkis mit ein paar wenigen, grauen Wolken geschmückt, der Mond schon länger verschwunden.
Er schaute auf die Uhr, es war 6.02.

Er hatte immer noch keine Antwort auf seine Frage gefunden.
Himmel und Hölle kannten ihre gewöhnlichen Standorte - Aziraphales Buchladen und Crowleys Apartment – wahrscheinlich wollten sie sie überraschen; dann zuschlagen, wenn es keiner von ihnen erwartete.
Vielleicht würden sie es im Laufe des Tages tun, Geduld war zwar eine Tugend, aber, wenn es um das Ermorden zweier Verräter ging, wollten sie bestimmt keine Zeit verlieren.

Die einzige Chance war, so unscheinbar wie nur möglich zu wirken.
Crowley (als Aziraphale) würde zum Buchladen gehen, Aziraphale (als Crowley) würde....hier bleiben? Um ehrlich zu sein hatte Aziraphale keine Ahnung, was Crowley so den lieben langen Tag trieb, wenn er Aziraphale nicht zum Essen einlud oder bei ihm ein Nickerchen auf seiner Couch machte.

Jetzt kam ihm wieder sein geliebter Buchladen in den Sinn. Er war so stolz auf seine Ansammlung an Geschichte und Kreativität und Fiktion und Wissenschaft gewesen, weshalb er auch kaum Bücher verkauft und die Regale sich eher weiter gefüllt hatten als geleert. Hunderte erste Editionen (manche sogar ihm gewidment!), mehrere Jahrhunderte immer in gutem Zustand erhalten (außer dem ganzen Staub und den Spinnenweben), seine Kollektion berüchtigter Bibeln mit allerlei Fehlern.....poof! Alles war dahin. Asche und Kohle.
Er konnte sich noch an den Eröffnungstag erinnern, wie ein Maler seinen Namen in goldenen Lettern an die Wand geschrieben hatte.

Wie ihn Gabriel und Sandalphon an genau diesem Tag nach Hause schicken wollten, es dann aber doch nicht getan hatten (dank Crowley, wie er Aziraphale später erzählt hatte, er war äußerst stolz auf seinen Einfall gewesen).
Crowley hatte ihn geneckt, mit seinen Öffnungszeiten, seinem Kundenservice, seiner Ordnung....
Trotzdem wusste Crowley, wie viel ihm der Buchladen bedeutet hatte, seine Stimme hatte gebebt, sein Ton war so sanft und zerbrechlich gewesen, als er Aziraphale von dem Unglück erzählt hatte.
Apropo, er sollte sich daran machen Crowley zu wecken.

Er tappste leise ein paar Räume weiter, Crowleys Schlafzimmer war durch zwei Glastüren vom Flur getrennt. Um auch wirklich jegliches Sonnenlicht fernzuhalten, hatte er noch einen schwarzen Vorhang davor zugezogen. Für eine Schlange war er manchmal des Lichtes zu scheu.
Langsam öffnete er eine der Türen einen kleinen Spalt breit, damit er sich durchzwängen konnte,
er schob den Vorhang nur ein Stück beiseite, schließlich wollte er Crowley nicht erschrecken, indem das Zimmer auf einmal mit Helligkeit geflutet wurde.

Nun, Crowley aufzuwecken war Routine, Aziraphale tat es ziemlich oft, aber ihn in seinem eigenen Schlafzimmer aufzuwecken, in dem er wirklich tief und fest zu schlafen schien, ihn so privat und intim und so verletzlich zu sehen, das war auf jeden Fall etwas Neues.
Wie einer Schlange vertraut, hatte er sich komplett um seine Decke gewickelt - fest an sich gedrückt und alle seine Gliedmaßen darum geschlungen - er sah friedlich aus, sein Körper hob und senkte sich in einem gleichmäßigen, ruhigen Rhythmus. Das bekam Aziraphale nicht sonderlich oft zu sehen, und eigentlich sollte er ihn gar nicht so deutlich beobachten, irgendwie konnte er aber nicht anders. Es war zu schön.

Crowley plagten sehr viele Sorgen, er gab immer sein Bestes, um sie zu verstecken, wollte seine Umgebung mit gespielter Leichtfertigkeit und Lässigkeit täuschen, mit Witz und Neckerei Narben überzeichnen.
Aber Aziraphale wusste es besser.
Es stach ihn immer ins Herz, wenn Crowley eine offensichtlich schlechte Erinnerung oder ein tiefsitzendes Problem einfach abwinken wollte. Wenn er doch zuviel rausrutschen ließ und dann schnell mit einem Scherz ablenken wollte. Es war tausendmal passiert und tausendmal wollte Aziraphale den Mund aufmachen und ihn zur Rede stellen und tausendmal entschied er sich es nicht zu tun. Sondern nur zu nicken und zu lächeln.
Er respektierte Crowley und er wollte seine Grenzen nicht überschreiten; falls er eines Tages bereit dazu wäre, sich zu öffnen, dann wäre Aziraphale stets bei seiner Seite, und ebenso bereit ihm zuzuhören und ihm zu helfen.
Solange das aber nicht geschah, war es ein unausgesprochenes Gesetz zwischen ihnen, welches Aziraphale nicht brechen konnte.

Er musste seine gesamte Selbstkontrolle zusammennehmen um sich nicht auf das Bett zu setzen und Crowley sanft über die Wange zu fahren und ihn somit aus dem Schlaf zu holen.
Gleichzeitig wünschte er sich, er könnte sich neben ihn legen und einfach seiner Atmung lauschen.
Stattdessen lehnte er sich etwas über das Bett und flüsterte leise.
„Crowley?“
Als er sich nicht regte, etwas lauter.

„Crowley.“
Ein Murren kam hervor.
„Crowley, wach auf.“
Seine Augen blinzelten genervt, bis er sie endlich weit genug geöffnet hatte um Aziraphale zu sehen, dann wurden sie ein Stück sanfter. Er hob seinen Kopf.
„Engel? Wie spät ist es denn?“
„Zeit um Aufzustehen spät.“
Er rollte die Augen und ließ seinen Kopf wieder auf das Kissen fallen. Seine beiden Hände legte er auf sein Gesicht.
„Ich komme gleich“, sagte er nur, oder eher, murmelte er in seine Hände, das Stichwort für Aziraphale den Raum zu verlassen.
Jedoch nicht bevor er einen kurzen Blick auf Crowleys vom Schlaf verhedderten Haare warf und der Funken an Sehnsucht wieder in ihm aufloderte.

Er verließ das Zimmer und wartete (mit dem Rücken zur Tür gewandt) davor.

Einige Minuten später hörte er, wie die Vorhänge komplett aufgeschoben wurden. Er drehte sich um.
Mit der üblichen Lässigkeit kam Crowley in seiner gewohnten Kleidung aus dem Schlafzimmer.
„Also, was ist der Plan?“
Aziraphale unterdrückte die kurze Enttäuschung, dass Crowleys Haare wieder ordentlich waren.
„Ich vermute sie erwarten, dass wir unsere normalen Wege gehen und werden uns dann überraschen, wenn wir es am wenigsten ahnen.“
„Das bedeutet?“
„Du gehst zum Buchladen – mit meinem Körper – während ich – mit deinem Körper - hier bleibe. Falls sie uns nicht dann schon aufgehalten haben, treffen wir uns im Park, gehe unserem Alltag nach.“

„Engel, dein- dein Buchladen ist nicht mehr da.“
„Ja, ich weiß, aber- sie wissen das nicht, oder? Es würde ihnen vielleicht komisch vorkommen, mich nicht dort anzutreffen. Schließlich kommen sie mich dort alle paar Jahrzehnte besuchen.“

„Und du?“
„Ehm. Nun, womit beschäftigst du dich denn sonst an einem Sonntag?“
Er zuckte leicht mit den Schultern und atmete dramatisch aus.
„Schlafen? Die meiste Zeit- eigentlich, Sonntag ist mein freier Tag.“
„Ah, genau wie Samstag und Freitag auch?“
„Und Montag und Dienstag Vormittag, wenn's gut läuft.“

„Deine Arbeitszeiten muss die Hölle ein Vermögen kosten.“
„Ja, doch, wobei sich die meisten immer beschweren ich hätte es so gut auf der Erde und ich müsste eigentlich deutlich unter dem Mindestlohn verdienen, die wissen überhaupt nicht, wie anstrengend es ist, sich rund um die Uhr neue dämonische Ärgernisse einfallen zu lassen.“

„Also tust du es nur von Dienstag Nachmittag bis Mittwoch.“
„Ganz genau. Alles andere wäre skrupellose Ausbeutung.“
„Das entspräche ja überhaupt nicht den Standards der Hölle. Also bedeutet das für mich, dass ich hier rumsitzen und Zeit totschlagen darf?“
„Du könntest mich auch zum Buchladen begleiten?“

„Nein, so früh am Morgen doch nicht, das klingt nicht nach dir.“
„Dann lautet die Antwort wohl ja, aber“, er hob seinen Zeigefinger,„fass meine Pflanzen nicht an, du hast nicht die richtige Authorität für ihre Pflege.“
Aziraphale zog eine Augenbraue hoch, er mag eine ziemlich große zarte Seite haben, dennoch würde er sich selbst doch noch einiges an Authorität zusprechen.

Aber Crowley hatte nicht ganz unrecht, in der Weise, in der Crowley sich 'um seine Pflanzen kümmerte', würde Aziraphale es nicht können und (schon allein aus emotionaler Hinsicht nicht) wollen.

„Wie du meinst.“
„Vielleicht versuchst du ja mal wieder ein Nickerchen zu machen? Dein letztes ist schon einige Jahrhunderte her, wenn ich mich Recht entsinne.“
Die Vorstellung in Crowleys Bett zu liegen, auf der gleichen Stelle wie er vorher, und zu schlafen, war etwas überwältigend. Die Couch war nicht besser.

„Ein andermal, ich finde schon etwas, was mich beschäftigt.“
Crowley zuckte mit den Schultern, 'dein Verlust' schien die Geste zu sagen.
„Nun gut, dann lass uns unser Glück versuchen, es sei denn, du hast noch etwas vor?“
„Du meinst, bevor wir unserem Untergang geweiht sind?“ Crowley tippte mit seinem Finger gegen sein Kinn, offensichtlich um intensives Nachdenken zu demonstrieren.
„Nein, ich glaube ich hab' Zeit.“

„Also dann-“

Ein kurzes Händeschütteln, so wie sie es nun gewohnt waren, und ihre Gestalten wurden getauscht.
Aziraphale richtete seine Ärmel, während er sich die nun wieder dunklere Umgebung vertraut machte.
„Treffen im Park um 9 Uhr?“
„Falls sie uns bis dorthin noch nicht in Himmel und Hölle gejagt haben, ja.“

„Dann wünsche ich dir viel Spaß, Aziraphale.“
„Ebenso, Crowley.

Nachdem Crowley seine Wohnung verlassen hatte, fand sich Aziraphale gelangweilt im Raum stehen. Er sah sich um. Normalerweise würde er nicht herumschnüffeln wollen – aber es war auch kein Herumschnüffeln, sondern eher ein sehr intensives sich-die-Wohnung-anschauen.
So lief er duch die Räumlichkeiten, berührte die ein oder andere antik aussehende Vase und versuchte abzuschätzen, wie alt sie denn war. Er kam zu dem Entschluss, dass Crowley einige Zeit in Italien und Griechenland verbracht haben musste, vor allem um 400 v. Chr.
Wo er die ganzen Gefäße aufgehoben hatte, bis er sie in diese Wohnung stellen konnte, Aziraphale hatte nicht die geringste Ahnung. Aber er war anscheinend gut mit ihnen umgegangen, sie waren in sehr gutem Zustand und hatten keinerlei Risse.
Natürlich hätte er sie jederzeit wieder heil zaubern können, wäre ihnen etwas über die Jahrtausende passiert, da er aber seinen Bentley über 90 Jahre mit größter Sorgfalt behandelt hatte, wäre es eher unwahrscheinlich.
Crowley war kein materialistisches Wesen, er hatte sehr wenige Eigentümer, diese aber bedeuteten ihm umso mehr. Ein Beispiel war die Adlerstatue, die er aus der zerbombten Kirche gestohlen hatte, nachdem er Aziraphale aus seiner naiven Fehleinschätzung gerettet hatte.
Nun, Aziraphale konnte es nicht wirklich gestohlen nennen, schließlich war alles um die Skulptur herum in Kleinstteile zertrümmert worden. Crowley hatte sie eher....adoptiert. Ihr ein neues Zuhause gegeben. Warum er sie adoptiert hatte, Aziraphale hatte einen Verdacht. Aus dem gleichen Grund, warum er selbst ein Kreuz im Buchladen hängen gehabt hatte, obwohl er kaum eine Beziehung zum christlichen Glauben hatte. Man könnte es eine Art symbolische Erinnerung nennen. Das haben wir zusammen erlebt und ich denke gerne daran zurück.
Er lief an ihr vorbei, ließ dabei aber eine Hand über den linken Flügel gleiten.

Dann stand er wieder vor den Pflanzen. Wenn er sie genauer beobachtete, konnte er sie sogar leicht zittern sehen. Arme Geschöpfe. Gedemütigt und beschämt, ständig Crowleys Zorn fürchtend.
Aziraphale dachte kurz nach. Wirklich schlimm konnte es doch nicht sein, wenn er nur ein wenig-
„Ich habe noch nie solch strahlend grüne Pflanzen gesehen!“
Er ging zu dem sehr groß gewachsenen Fensterblatt und betrachtete es mit einem Lächeln.
„Hast du nicht unglaublich schöne Blätter, mein Liebes? Nirgends auf der Welt werde ich so eine wie dich finden.“

Erstaunlicherweise neigte es ein Blatt etwas seitlich, ähnlich wie ein Hund, der seinen Kopf zur Seite fallen ließ, weil dessen Besitzer ihm aus irgendeinem Grund keine Schokolade geben wollte. Nur war es vielleicht positive Fassungslosigkeit anstatt Verwirrung. Nun, Aziraphale nahm an, die Pflanzen hatten ihren Trick nicht beobachtet und dachten daher er sei wirklich Crowley.
Umso besser, denn sie schienen kollektiv einen Seufzer der Erleichterung geäußert zu haben, als hätten sie ihr ganzes Leben auf diesen Moment gewartet.
Er war überzeugt davon, dass diese Methode mindestens genau so effektiv war wie die von Crowley, vielleicht sogar noch einen Ticken besser. Er hoffte nur, die Pflanzen würden ihn nicht verraten.

Er verbrachte also einige Zeit damit, die Pflanzen mit den besten und lobendsten Komplimenten zu beglücken, obwohl es ihm schon nach kurzer Zeit schwer fiel, sich noch mehr solcher einfallen zu lassen. Was würde eine Pflanze denn gerne hören wollen? So viel Auswahl gab es da doch gar nicht, schließlich konnte er nicht ständig die Grünheit wertschätzen. Außerdem wollte er es auch nicht übertreiben, sonst wäre Crowley ihm später böse.

Als er dann erneut auf die Uhr sah, entschied er sich zum Park zu gehen. Er verließ also Crowleys Wohnung und schloss sie sorgfältig mit einer Geste ab. Sobald er auf die Straße lief, fiel ihm das schwarze Vehikel auf dem Bordstein auf. Der Bentley. Keine Brandspuren, kein Rauch, komplett markellos stand er da. Aziraphale konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Das würde Crowley freuen.
Vielleicht bedeutete dies, dass sein Buchladen auch wiederhergestellt war? Hatte Adam die Welt über Nacht wieder in Ordnung gebracht?
Oh, ja, jetzt, wenn er genauer darüber nachdachte, konnte er sich auch an den Zeitpunkt erinnern, an dem wieder alles normal wurde. Nachdem Adam Satan höchstpersönlich klar gemacht hatte, dass dieser nicht sein Vater war. Aziraphale hatte etwas fühlen können, aber er hatte sich nicht weiter mit dem Gedanken befasst.
Nun denn, so waren wenigstens die Menschen sicher. Wenn Aziraphale und Crowley diesen Tag nun auch heil überstehen würden, hätten sie es geschafft.

Er rief ein Taxi – er würde ganz sicher nicht mit dem Bentley fahren, Crowleys Pflanzen konnte er täuschen, aber sein Auto sicherlich nicht. Aziraphale hatte die Vermutung, dass es ein Bewusstsein erlangt hatte und er würde nicht wollen, dass es sein Engelsein erkannte und dann erneut in Flammen aufging, rein aus Prinzip und Trotz, sich nicht von einem ätherischen Wesen steuern lassen zu wollen. Außerdem konnte er nicht Autofahren. (Wobei es sowieso fragwürdig war, ob man Crowleys Rasen als Autofahren bezeichnen konnte, vielleicht hatte er selbst keine Ahnung davon und stellte sich immer nur vor, dass er fähig war, ein Fahrzeug zu führen.)

Sobald er im Park eintraf, sah er Crowley auf der anderen Seite warten. Es war immer noch sehr komisch, seinen eigenen Körper dort einfach stehen zu sehen, ohne, dass er ihn dort hingestellt hatte. Er ging zu ihm rüber, überhörte aber einige Konversationen, als er den Park durchquerte, sie handelten von den verschwundenen Reaktorkernen, die jetzt aber doch anscheinend wieder an Ort und Stelle waren, den tropischen Bäumen, die plötzlich aus dem Boden geschossen waren und von denen heute jede Spur fehlte, den kurz bevorstehenden dritten Weltkrieg, den die Nationen der Welt aber doch wieder abgesagt hatten – Massenhalluzinationen nannten sie sie. Was wirklich geschehen war, nun, das wusste nur der 11-jährige Ex-Antichrist und seine drei Freunde, vielleicht auch die junge Dame, dessen Vorahnin ihm heute das Leben retten würde. Selbst Aziraphale und Crowley waren sich nicht ganz im Klaren, wie es alles hatte passieren können, dass der Antichrist die Realität alternieren konnte, dessen waren sie sich bewusst gewesen, aber in welcher Form es passieren würde, davon hatten sie sich nur überraschen lassen können.

Als er bei Crowley angekommen war, teilten sie ein kurzes unauffälliges Nicken, was sie wieder in ihre Rollen verfallen ließen. Hier gab es deutlich mehr Ohren als in Crowleys Wohnung und sie wollten deshalb kein Risiko eingehen.
„Ein Eis?“
„Sehr gerne.“


Sie liefen gemächlich rüber zu dem Eisverkäufer, der seinen Stand an einer Ecke des Parks platziert hatte.

„Wie ist das Auto?“
„Kein einziger Kratzer. Wie ist der Buchladen?“

„Kein Fleck, kein Buch verbrannt. Alles genau so, wie es war.“
Das hörte Aziraphale gern, auch wenn er die Vermutung bereits gehabt hatte und er seine Freude nicht nach außen hin zeigen konnte.
„Hast du schon von deinen Leuten gehört?“
Er schüttelte den Kopf. „Von deinen?“

„Nichts.“
„Verstehst du, was gestern passiert ist?“
„Nun ich versteh' ein bisschen. Ein bisschen – ist jedoch einfach zu -“
„UNERFINDLICH?“ Der Tod stand auf der Wiese, bis er es nicht mehr tat.

„Oh, das ist komisch ihn hier zu sehen, das bedeutet Pech- Ja das ist-“
Etwas hatte sich verändert, er konnte es fühlen, er blickte hektisch um sich. Crowley war weg. Er drehte sich um, nur um zuzusehen, wie er gefesselt und geknebelt weggeschleift wurde. Uriel und Sandalphon versperrten ihm den Weg.
Sie sagten irgendetwas von einem abtrünnigen Engel, worauf sich Aziraphale aber derzeit nicht konzentrieren konnte, die Panik stieg in ihm auf, sie mochten es erwartet haben, trotzdem war es deswegen kein erträglicherer Anblick.
„Haltet sie auf!“

Er wollte loslaufen, weiter als ein paar Schritte kam er jedoch nicht, denn er fühlte etwas hartes seinen Hinterkopf treffen. Er fiel zu Boden. Ihm gelang es, sich noch kurz umzudrehen um die Gesichter von Hastur, Dagon und einem weiteren ihm unbekannten Dämon zu sehen, bevor ihm schwarz vor Augen wurde.
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