Alles neu

GeschichteAllgemein / P16 Slash
Adrian Ivashkov Alberta Christian Ozera Dimitri Belikov Rosemarie "Rose" Hathaway Vasilisa "Lissa" Dragomir
26.07.2020
02.09.2020
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26.07.2020 1.632
 
Mit einem endgültigen Klicken fiel die Tür meines Zimmers im Wohnheim der Wächternovizen ins Schloss. Ich war nun in einer Situation, die ich nach der Katastrophe, die sich in Spookane ereignet hatte, tunlichst hatte vermeiden wollen: ich war allein. Ich war allein und hatte Zeit zum Nachdenken. Darüber, in was für einen Schlamassel ich meine Freunde gebracht hatte. Darüber, dass ich für den Tod meines besten Freundes verantwortlich war. Und auch, wenn mir von allen Seiten gesagt wurde, dass dem nicht so war, so fühlte ich tief im Inneren einen Schmerz, der alles verzehrte, was sich ihm in den Weg stellte. Der mich von innen auffraß und mir die Luft zum atmen nahm. Ich durchquerte den Raum und ließ mich aufs Bett fallen, sodass ich schließlich das Gesicht in meinen Händen vergraben konnte. Ein Zittern schüttelte meinen Körper. Ein Zittern, das allmählich zu einem Schluchzen wurde. Tränen strömten mir über die Wangen und hinterließen eine salzige Spur auf meiner Haut. Zum ersten Mal seit Tagen erlaubte ich meinen Gefühlen, mich zu beherrschen. Ich weinte und weinte. Weinte, um Masons Tod, um meine Unfähigkeit ihn zu beschützen und weil ich mich plötzlich sehr sehr einsam fühlte. Meine Hand fuhr unwillkürlich zu meinem Nacken, wo die frischen Tätowierungen meine Haut gerötet hatten. Sie wurden mich für immer an meinen Verlust erinnern. Ich hatte sie dafür erhalten, dass ich den beiden Strigoi, das waren in unserer Welt bösartige Vampire, die Mason getötet hatten, den Garaus gemacht hatte. Vor ein paar Monaten noch wäre ich stolz darauf gewesen. Kein Wächternovize sonst hatte je solche Markierungen erhalten. Ich hätte es als eine Ehre angesehen, doch nun kam es mir wie der blanke Hohn vor. Außerdem hatte ich zwei Leben ausgelöscht. Denn diese beiden Strigoi waren auch einmal ganz normale Moroi gewesen, wie meine beste Freundin Lissa. Diese hatte zwar die letzten Tage versucht, mich aufzubauen und durch das Band, das wir teilten, spürte ich ebenso ihre Trauer und ihr Mitgefühl, doch sie verstand mich auch nicht ganz. Sie war, dem Himmel sei Dank, nicht in Spookane dabei gewesen. Sie verstand nicht, wie elend ich mich deswegen fühlte, dass ich erst alle Beteiligten in diese beschissene Situation gebracht hatte. Und das nur, weil ich eine Konversation zwischen zwei Wächtern belauscht hatte, die sich über ein mögliches Strigoi-Versteck unterhalten hatten. Und ich Idiotin hatte meinen Mund nicht halten können und hatte es Mason weitererzählt, dem natürlich nichts Besseres eingefallen war, als loszuziehen und auf die Jagd nach ihnen zu gehen. Was hatte er sich nur dabei gedacht? Dennoch, hätte ich es für mich behalten, wäre das alles nicht passiert. Erneut durchzuckte mich ein heftiges Schluchzen. Ich war einfach dumm und naiv gewesen. Und zudem nicht erwachsen genug zu wissen, wann man seinen Mund zu halten hatte. „Scheiße!“, zischte ich und schleuderte aus Wut über mich selbst mein Kopfkissen durch den Raum. Wie hatte ich nur so dumm sein können? Schlimmer noch, warum hatte ich Mason nicht beschützen können. Er war nur meinetwegen tot. Ich würde ihn nie wieder sehen. Seine zerzausten, roten Haare, sein Lächeln und seine Art, mich in jeder Situation aufzuziehen. Der Schmerz in meiner Brust wurde unerträglich. Ich setzte mich auf und schnappte nach Luft. Es fühlte sich so an, als würden die Wände immer näher kommen, so beklemmend war dieses Gefühl der Verlusts. „Scheiße“, murmelte ich wieder und wischte mir mit dem Ärmel meines Pullis übers Gesicht. Da klopfte es plötzlich an der Tür. Na toll, auch das noch. Schlimm genug, das alle wussten, was passiert war, jetzt sah mich auch noch jemand, verheult wie ich war.
„Herein“, rief ich und sammelte mich. Ich war schließlich Rose Hathaway. Kein Grund also, Schwäche zu zeigen. Ein Wächternovize ein paar Jahre unter mir betrat schüchtern das Zimmer. Er sah aus, als hätte er Angst, dass ich ihn gleich an die Gurgel springen würde.
„Rose Hathaway?“, als ob das nicht offensichtlich wäre, „Wächterin Petrov schickt mich. Du sollst sofort in die Turnhalle kommen.“
„Und warum sollte ich das tun?“, blaffte ich. Das klang schon fast wie die alte Rose. Der arme Kerl zuckte zusammen. Ich seufzte. Das hatte er wirklich nicht verdient. „Na gut, tut mir leid. Stehe etwas neben mir. Ich mache mich gleich auf den Weg, danke dir.“ Der Novize schwieg einen Moment und blickte mich mit großen Augen an. Er stand immer noch wie angewurzelt im Türrahmen.
„Ist noch was?“, wollte ich wissen und zog eine Augenbraue hoch.
„Hast du wirklich zwei Strigoi getötet?“
„Raus!“, zischte ich und warf ein Zierkissen nach ihm. Es traf die Wand neben ihm und hatte den gewünschten Effekt. Hastig ergriff er die Flucht. „Scheiße!“, sagte ich zum dritten Mal und schlurfte ins Bad, um zu retten, was an meinem Aussehen zu retten war. Schließlich musste ja nicht jeder sehen, in welcher Verfassung ich mich gerade befand.
Als ich die Turnhalle betrat, fühlte ich mich fast wieder wie ich selbst. Ich hatte mich in eine enge, dunkle Leggins geworfen – man wusste ja nie, ob Alberta nicht doch mit mir trainieren wollte – und dazu ein enges, bauchfreies Top. Meine dunklen Locken hatte ich mir zu einem losen Knoten frisiert und etwas Make-up hatten das Nötige für mein vom Heulen rotes Gesicht getan. Mit zügigen Schritten durchquerte ich die Halle und erreichte Alberta, die bereits auf mich wartete. Neben ihr ein unbekanntes Gesicht. Er musste etwa in meinem Alter sein, vielleicht ein, zwei Jahre älter. Er war groß, größer als die meisten, fast an die zwei Meter. Seine Schultern und seine Brust waren breit und muskulös. Der ganze Körperbau schrie förmlich Dhampir, die männlichen Moroi waren nämlich meist von zierlicherem Körperbau als ihre männlichen Dhampirkollegen. Seine Haltung hatte etwas autoritäres, obwohl er allenfalls ein wenig älter als ich selbst war. Mein Blick wanderte zu seinem Gesicht. Markante Züge blickten wachsam drein, die Augen dunkel, die Lippen voll und sinnlich. Hätte bestimmt hübsch ausgesehen, wenn er mal gelächelt hätte. Sein Haar war kinnlang und rahmte in dunkelbraunen Strähnen sein Gesicht ein. Alles in allem ein gutaussehender Bursche. Doch was wollte er hier. Alberta beantwortete meine unausgesprochene Frage.
„Rose, das ist Dimitri Belikov. Er kommt von der St Basils Akademie und Russland und wird hier an der St Vladimir seinen Abschluss machen“, eröffnete sie mir.
„Herzlich Willkommen“, meinte ich an den Neuen gewandt, bevor ich mich erneut Alberta widmete, „und was hat das mit mir zu tun?“
„Rose!“, zischte sie verärgert, bevor sie sich kopfschüttelnd an Dimitri wandte. „Dimitri, das ist Rose Hathaway. Heute wieder charmant wie eh und je, aber daran sollten Sie sich gewöhnen.
„Wie ist sie denn, wenn sie einen schlechten Tag hat?“, lachte dieser und ein leichter russischer Akzent schwang in seiner Stimme mit. Meine Güte hatte er ein schönes Lächeln. Zusammenreißen Hathaway!
Alberta musste ebenfalls grinsen und schien von Dimitris Kommentar etwas zu amüsiert, wie ich fand. „Rose‘ Charme ist nicht zu überbieten, glauben Sie mir. Sie werden ihn noch in seinem vollen Ausmaß kennenlernen, an guten und schlechten Tag, fürchte ich.“
„Und wieso?“, schaltete ich mich ein. Was ging hier vor?
„Rose, ich habe einen neuen Trainingspartner für Sie!“
„Das ist nicht Ihr Ernst, Alberta. Ich brauche keinen…“
„Dimitri ist der beste Schüler der St Basils gewesen, ich glaube, es könnte Ihnen von Nutzen sein und Sie persönlich durchaus voranbringen, wenn Sie mit ihm trainieren.“
„Aber…“, setzte ich an, immer noch empört darüber, was Alberta mir gerade eröffnet hatte.
„Das ist keine Bitte, das ist ein Befehl, Hathaway. Dimitri ist Ihr neuer Partner,  Sie beide trainieren drei Mal die Woche nach dem Unterricht, Montag, Mittwoch und Freitag, wenn Sie Lust haben auch noch am Wochenende. Ich bin mir sicher, dass Sie beide eine Menge voneinander lernen können. Außerdem sollten Sie sich als zukünftige Wächter von Lissa schon einmal kennenlernen und aufeinander einstimmen.“
„Wie bitte?“, ich explodierte in diesem Moment, „der da soll mit mir zusammen Lissas Wächter werden? Wer hat sich denn den Mist ausgedacht? Ich kann Lissa alleine beschützen, ich brauche verdammt nochmal keinen Partner, ich brauche niemanden!“ Heiße Wut kochte in mir hoch und nahm mir fast den Atem, so wie es zuvor noch Trauer getan hatte. Das konnte, das durfte einfach nicht ihr Ernst sein.
„Schluss!“, zischte Alberta und funkelte mich zornig an, „Sie benehmen sich wie ein kleines Kind! Sie haben in den letzten Tagen eine Menge durchgemacht, das verstehe ich. Aber seien Sie vernünftig! Lissa ist die letzte Dragomir und bedarf zusätzlichen Schutzes. Dimitri ist der Beste seines Jahrganges und Sie sind es ebenso. Also reißen Sie sich verflucht nochmal zusammen und nutzen Sie Ihre Chance eine bessere Wächterin zu werden.“    
Meine Wut war noch immer nicht verflogen. Erst Mason und jetzt das. Hatte sie völlig den Verstand verloren? Ich wollte keinen neuen Partner, ich wollte meinen alten wieder. Dieser hier sah aus, wie der Ernst in Person selbst. Außerdem kannte er Lissa gar nicht. Und so gut konnte er ja wohl auch nicht sein. Sonst hätte ich schließlich bereits von ihm gehört. Oder? Andererseits bekamen wir hier in den geschützten Mauern von St Vladimirs nicht viel von der Außenwelt mit.
„Aber…“, setzte ich erneut an.
„Morgen ist Ihre erste Trainingsstunde, die Halle ist für nach dem Unterrichtsschluss reserviert. Sie trainieren alleine, ich glaube daran, dass Sie beide fähig und verantwortungsbewusst genug sind, Ihr Training selbst zu gestalten“, schnitt sie mir das Wort ab und blickte mich warnend an.
„Jawohl, Wächterin Petrov“, erwiderte Dimitri und neigte höflich den Kopf. Meine Fresse, Manieren hatte er wohl auch noch. Ein hervorragender Schüler durch und durch. Wie langweilig.
„Gut. Sie dürfen mich außerdem Alberta nennen“, sagte sie lächelnd an ihn gewandt, „Rose, ich warne Sie. Wenn mir zu Ohren kommt, dass Sie nicht zum Training auftauchen oder sich daneben benehmen, werde ich mich überlegen, ob Sie dieses Jahr Ihren Abschluss machen. Verstanden?“
„Ja, verstanden“, presste ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
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