Observer on Timeless Temple

von Kerykeia
GeschichteAbenteuer, Fantasy / P18
26.07.2020
29.08.2020
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Chapter 1.1


Chaldea

Ritsuka war schon lange nicht mehr so nervös gewesen. Doch nun stand sie hier, mit zitternden Knien und rasendem Puls. Wenn sie doch nur wüsste, was sie hinter dieser Tür erwartete, könnte sie sich wenigstens auf die kommende Situation vorbereiten, aber alles was man ihr vorher gesagt hatte, war, dass sie an ihr als Geschichtsstudentin Interesse hätten. Mehr nicht. Im Internet nach dieser vermeintlichen Organisation – Chaldea nannten sie sich – zu suchen, war vergebens und wenn es nicht ihr Bruder gewesen wäre, der ihr die Einladung geschickt hatte, wäre sie dieser Einladung erst gar nicht gefolgt.

Ich habe dich bei der Direktorin vorgeschlagen – Chaldea mangelt es an geschichts-gebildetem Personal. Du kannst hier für ein paar Wochen ein Praktikum absolvieren. Kerry

Das war alles. Wer war schon so verrückt, einer Einladung nachzukommen, die einen ins Unbekannte führte, ohne irgendwelche Informationen im Voraus preiszugeben? Es war gar nicht mal so unwahrscheinlich, dass sie einer Verbrecherorganisation zum Opfer fiel. Immerhin gab es über einfach alles Informationen. Doch Chaldea? Ritsuka hatte recherchiert und war zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis gekommen. Der Name war offensichtlich eine Anspielung auf die Chaldäer, einem Volk in Mesopotamien, das im ersten Jahrtausend vor Christus existiert hatte. Den Zusammenhang konnte sie sich nicht erschließen. Eine ihrer Vermutungen war, dass es sich um ein geschichtlich orientiertes Projekt handelte, was zu ihrem Jobangebot passte, doch eine Sache passte nicht ins Bild: Kerry. Ihr Bruder war kein Historiker, auch nichts das in diese Richtung gehen würde. Er hatte im Uhrenturm in London studiert, also was hatte dieses Chaldea mit Magiern zu tun? Und warum wollte man ausgerechnet sie? Sie war gerade mal im vierten Semester und könnte wohl kaum als Fachpersonal im Bereich Geschichte dienen. Diese Nachricht ergab einfach keinen Sinn. Wenn sie akut Personalmangel hatten, sollten sie ihre Zeit nicht mit der Suche nach Praktikanten verschwenden. Irgendetwas stimmte hier ganz und gar nicht.

Ritsuka atmete ein letztes Mal tief ein und aus, ehe sie ihre Hand hob und zum Klopfen ansetzte, als jemand ihr zuvorkam und die Tür plötzlich aufriss. Bernsteinfarbene Augen funkelten sie erbost an. Die junge Frau vor ihr strahlte eine unglaubliche Autorität aus, sodass Ritsuka nicht eine Sekunde daran zweifelte, es hier mit einer höheren Führungsposition zu tun zu haben. Ihre hellen Haare standen wild ab, als hätte sie sich in höchster Eile zurecht machen müssen und ihre edle Uniform sprach dafür, dass sie aus einem reichen Haushalt kommen musste.

„Wer bist du?“, fragte sie Ritsuka harsch. Ihr Ton war dabei drängend.

„Ähm--“ Na großartig. Fällt dir nichts Besseres ein, Fujimaru? „Ich bin neu hier. Mein Name-“

„Isla!“, bellte sie dazwischen. Ritsuka konnte ein kleines Zucken nicht verhindern. Die Fremde hatte ihr den Rücken zugewandt und sprach mit jemandem, der sich in dem Raum befinden musste. „Sorg dafür, dass dieser Neuling herumgeführt wird. Ich will heute niemand Unbefugten im Command Room sehen! Diesen verfluchten Chefarzt knöpf ich mir persönlich vor.“ Sie drehte sich abrupt wieder um und Ritsuka machte ihr wortlos Platz, sodass sie an ihr vorbeirauschen konnte. Was für eine Begrüßung.

„Bitte entschuldige.“ Ritsuka wandte sich nun an diejenige, die von der Fremden mit Isla angesprochen worden war. Sie kam ihr entgegen und bedeutete ihr mit einem Handzeichen, einzutreten. Ritsuka räusperte sich einmal und trat dann ein. All ihre vorherigen Überlegungen, wie sie dem Personal Chaldeas entgegentreten sollte, waren dahin. Angefangen bei der Begrüßung. Wie war das noch gleich – musste man sich in dieser Region verbeugen oder schüttelte man sich die Hände?
Isla nahm ihr die Entscheidung ab und reichte ihr die Hand. „Normalerweise hat man hier einen wärmeren Empfang, musst du wissen. Heute sind unsere Teams allerdings ein wenig in Aufruhr, da wir den ersten Testlauf starten. Mein Name ist Isla. Und du musst Ritsuka Fujimaru sein, richtig? Die Schwester von Kerry Fujimaru.“

Ritsuka nickte erleichtert. Zumindest eine nette Person, an die man sich wenden konnte. Es war etwas ungewohnt, ihren Namen in dieser Reihenfolge zu hören, da es in anderen Ländern üblich war, den Vornamen zuerst zu nennen. Ihr Name klang fremd aus ihrem Mund und sie fragte sich, woher diese Isla wohl stammte.

„Das ist dein Kommunikator.” Sie reichte Ritsuka ein weißes Armband und zog schnell einige Akten aus der Schublade hervor. „Ich muss mich leider beeilen, da ich auch im Command Room gebraucht werde. Dein Bruder sollte jeden Moment erscheinen, er wird dich herumführen. Mach es dir solange bequem. Man sieht sich!“
Ehe Ritsuka auch nur einen Ton hervorbringen konnte, war Isla durch die Tür verschwunden. …Okay? Was war mit einem Bewerbungsgespräch? Oder einem Test? Sie hatten ja noch nicht einmal ihren Ausweis zu Gesicht bekommen… oder?

Ritsuka war verwirrt. Diese ganze Sache wurde immer skurriler. Immer mehr Fragen wurden aufgeworfen, wobei keine einzige bisher beantwortet worden war. Sie ließ sich auf einem Stuhl nieder, der vor einem riesigen Schreibtisch platziert war, und schaute sich vorsichtig um. Der Raum war äußerst schlecht beleuchtet, im Gegensatz zu dem, was sie bisher von der Einrichtung gesehen hatte. Zwar gehörten dazu nur die Eingangshalle und die Flure, doch diese waren vor allem eines gewesen – hell. Alles wirkte sehr modern und fortschrittlich, die Wände und Möbel allesamt in Weiß gehalten. In diesem Büro jedoch standen vergleichsweise alte Einrichtungsgegenstände, die Lampe an der Decke spendete nur sehr wenig Licht und eine Reihe von Portraits hing an den Wänden, sodass Ritsuka sofort eine Vermutung aufkam. Handelte es sich um das Büro eines Magiers? Wenn dies stimmte, musste es sich um eine äußerst bekannte und mächtige Magierfamilie handeln, denn all diese Menschen auf den Bildern wären in diesem Fall sehr wahrscheinlich die Generationen an Magiern. Und das waren eine ganze Menge.
Was ihr am schnellsten ins Auge fiel, war ein kleines Bild, das eingerahmt auf dem Schreibtisch lag. Es zeigte einen Mann mit sehr hellen Haaren, die zu einem geflochtenen Zopf zusammengebunden waren und über seine Schulter fiel, und blassgrünen Augen. Er lächelte freundlich in die Kamera, doch es schien nicht seine Augen zu erreichen. Sie konnte keine Emotionen in ihnen erkennen. Etwas an ihm beunruhigte sie. Vielleicht lag es einfach daran, dass er eindeutig Ähnlichkeiten mit der blonden, autoritären Frau von vorhin hatte. Zumindest vom Äußeren. Ob ihre Gemüter wirklich so ähnlich waren, wagte sie zu bezweifeln. Was dachte sie hier eigentlich? Das war doch bloß ein Bild.

„Ritsuka-chan!“ Die Tür wurde aufgestoßen und das plötzliche Licht blendete Ritsuka, sodass sie ihre Hand vor die störende Helligkeit hielt. Sie verengte die Augen, um ihren jüngeren Bruder auszumachen, doch ehe sie sich versah, wurde sie von starken Armen in eine feste Umarmung gezogen.

„He, Kerry, ich freue mich auch dich zu sehen, aber würdest du bitte--“ Kerry entließ sie aus seinen Armen und betrachtete sie nun mit etwas Abstand. „Du bist kleiner geworden.“
„Erzähl keinen Unsinn!“ Ritsuka lachte. „Du bist einfach über’s Ziel hinausgeschossen.“ Sie hatten ihn seit bestimmt vier Jahren nicht mehr wirklich zu Gesicht bekommen. Ein Jahr vor seinem Schulabschluss hatte sie ihre Heimatstadt verlassen, um in die Vereinigten Staaten zu ziehen, wo sie Geschichte studierte, wohingegen Kerry später in England zu einem ausgezeichneten Magier werden wollte. Die Wahrheit war, dass Ritsuka nicht sofort mit ihrem Studium begonnen hatte, sodass ihr Bruder nun wahrscheinlich schon länger studierte als sie selbst. Auf jeden Fall telefonierten sie seitdem zwar regelmäßig, hatten den jeweils anderen jedoch nicht mehr gesehen. Es war ein unglaublich schönes Gefühl, Kerry wiederzusehen.

„Das alles muss dich ziemlich überrumpeln“, meinte er mit einem entschuldigenden Blick. „Als ich aber mitbekommen habe, dass Personal gesucht wird, habe ich sofort an dich gedacht. Du hast dein Studium zwar noch nicht beendet, aber ich dachte mir, da du gerade ohnehin Semesterferien hast, hättest du bestimmt Interesse an ein wenig Praxis. Und, naja, es gibt nicht viele bekannte Historiker, die auch noch zufällig mit Magie vertraut sind.“ Daher wehte also der Wind. Es ging hier tatsächlich auch um Magie. Ritsuka war davon nicht unbedingt begeistert – immerhin hatte sie sich nicht grundlos gegen eine Weiterbildung in diesem Bereich entschieden – doch sie würde erstmal abwarten, was ihre Aufgabe in Chaldea sein würde. Außerdem war sie sich noch immer nicht sicher, ob das wirklich der Grund war, warum sie hierher kommen sollte.

„Wir werden sehen, ob ich hierfür überhaupt geeignet bin“, entgegnete Ritsuka. Sie wollte dem Angebot nicht überstürzt zustimmen. Erstmal musste sie wissen, worum es ging. „Diese Isla meinte, dass du mich herumführen sollst. Aber was ist mit einem… Test? Oder wie machen die das hier?“

„Es gibt keinen Test“, antwortete Kerry breit lächelnd. „Du hast die Stelle. Herzlichen Glückwunsch! Aber bevor ich dir dein Zimmer zeige, möchte ich dir noch eine gute Freundin von mir vorstellen. Ich kann dir heute leider nicht alles zeigen, weil ich später zu einem Testlauf muss, aber danach--“

„Bitte was?“ Ritsuka war bereits angenommen worden? Wie-- Das ging ihr alles deutlich zu schnell. Es gab doch noch so viele Fragen…Andererseits blieb sie ohnehin nur für ein paar Wochen. Sie musste hier keine Entscheidung für ihr Leben treffen, also was machte sie sich so viele Gedanken? Bloß aufgrund eines unguten Bauchgefühls, was sie vermutlich mit reiner Nervosität verwechselte?

Ihr Bruder lachte nur wieder. „Na komm, ich zeig dir erstmal die Cafeteria. Da sollten sich die anderen aufhalten. Dann kannst du weiter staunen.“ Und wie sie das tun würde! Sie wusste nicht mehr, was sie dazu sagen sollte. In ihrem Kopf wirbelten die neu dazugewonnen Informationen und vermischten sich mit all den ungeklärten Dingen. Sie wusste immer noch nicht, was sie überhaupt hier zu suchen hatte, und sollte nun einfach anfangen zu arbeiten – oder wie sollte sie das verstehen? Sie hoffte doch sehr stark, dass bald wenigstens aufgeklärt werden würde, was genau Chaldea eigentlich war. Denn egal wie sehr Ritsuka es versuchte, ihr fehlten einfach zu viele Puzzleteile, um das gesamte Bild verstehen zu können. Sie war auf jeden Fall sehr gespannt, was noch auf sie zukommen würde.


° ° °


Kerry und Ritsuka steuerten einen belebten, offenen Raum an. Aus der Cafeteria kam lautes Stimmengewirr, alle saßen in kleinen Gruppen beisammen und unterhielten sich aufgeregt miteinander. Es war nicht anders als in der Mensa einer Schule oder Universität, sodass Ritsuka sich sofort wohl fühlte. Auch wenn es sehr laut war.

„Da drüben sind sie“, erklärte Kerry und deutete auf einen Punkt, den Ritsuka aufgrund der vielen Menschen jedoch nicht sofort ausmachen konnte. Sie wurde von ihrem Bruder mitgezogen, wobei sie sich ständig im Vorbeigehen bei den anderen entschuldigte, wenn sie jemanden aus Versehen anrempelte. Warum mussten diese Bankreihen auch immer so nah beieinander stehen?
Kerry machte am Ende eines langen Tisches Halt und schob Ritsuka vor sich. „Hey Leute, seht mal, wen ich mitgebracht habe!“, verkündete er und drückte sie gleichzeitig auf eine der Sitzbänke. „Das ist meine Schwester, Ritsuka.“ Der plötzliche Umschwung ins Englische überrumpelte sie etwas, weshalb sie für einen kurzen Moment nur stumm dasitzen konnte.
Zwei neugierige Augenpaare hafteten nun an ihr.

„Ah, du bist also Ritsuka-chan! Freut mich, deine Bekanntschaft zu machen.“ Rechts von ihr saß ein Mann Anfang 30, mit orangenem Haar, das zu einem Zopf hochgebunden war, und grünen warmen Augen. Er hielt ihr eine behandschuhte Hand hin, die sie lächelnd annahm. Er hatte eine sehr angenehme Ausstrahlung, die einem sofort das Gefühl vermittelte, Willkommen zu sein. Die Tatsache, dass ein Fremder sie mit der Verniedlichungsform anredete, quittierte sie bloß mit einem Schmunzeln – sie konnte sich bereits denken, wo er diesen Namen aufgeschnappt hatte. Es hätte womöglich unhöflich gewirkt, doch sie wusste, dass Menschen aus anderen Regionen die Bedeutungen der Suffixe oft nicht ganz bewusst waren oder einen anderen Stellenwert für sie hatten. „Mein Name ist Romani Archaman, aber du kannst mich auch ganz einfach Doktor Roman nennen. Das machen alle hier.“

Sie wandte sich nun an die zweite Bekannte ihres Bruders, welche ihr und dem Doktor gegenüber saß. „Mash Kyrielight. K-Konnichiwa.“ Sie neigte leicht ihren Kopf und Ritsuka erwiderte ihre Begrüßung. Mash wirkte auf den ersten Blick recht zurückhaltend, da sie leise sprach und sich ihr relativ knapp vorgestellt hatte, doch auch sie hatte etwas an sich, das ihr ihre innere Ruhe wiedergab. Die Nervosität von zuvor war vergessen. Mash sah nicht älter aus als achtzehn, vielmehr wie ein Teenager, wobei sie sich die Frage stellte, was so eine junge Frau, ja fast noch ein Mädchen, in einer Organisation wie Chaldea zu suchen hatte. Aber das würde sie sicherlich noch herausfinden. Sie hatte schulterlange rosa Haare, violette Augen und auf ihrer Nase saß eine unauffällige Brille. Ihre Kleidung erinnerte Ritsuka etwas an ihre eigene Uniform aus Schulzeiten. Auf ihrer roten Krawatte war ein Zeichen abgebildet, das sie auch auf den Kleidungen der anderen Mitarbeiter wiederentdeckte.

Kerry kletterte unter dem Tisch durch, um sich neben Mash zu setzen. Er trommelte unruhig mit den Fingern auf der Tischplatte, ehe er ein Seufzen ausstieß. „Ich weiß nicht, wie ihr auch nur einen Bissen herunterbekommen könnt“, murmelte er. Ritsuka beobachtete ihn verwundert. Sie hatte vergessen, wie schnell seine Stimmung wechseln konnte. Doch es sah ganz danach aus, als sei ihr Bruder aufgeregt. Wegen diesem Testdurchlauf? Sie hatte ihn als jemanden in Erinnerung, der selten nervös wurde, selbst in Prüfungssituationen blieb er gelassen. Zumindest tat er immer so, als sei er ein taffer Typ. Es musste sehr wichtig für ihn sein.

„Es ist wichtig, dass du bei Kräften bist, Kerry“, entgegnete Roman, nachdem er das letzte Stück seines Kuchens gegessen hatte. „Heute ist euer großer Tag! Ich kann zwar nicht bei eurem Start anwesend sein, aber mit meinen Gedanken bin ich voll und ganz bei euch.“ Er lächelte Kerry zuversichtlich zu. „Außerdem ist doch Mash bei dir.“ Diese nickte leicht, sah dabei jedoch Ritsuka an, welche noch immer sichtlich verwirrt dem Gespräch zu folgen versuchte.
„Ja, richtig“, sagte Kerry, nun auch mit leicht hochgezogenen Mundwinkeln. „Danke.“ Er warf einen kurzen Blick auf Ritsuka und schien sich wieder an etwas zu erinnern, denn in seinen Augen blitzte Erkenntnis auf und er sah sie entschuldigend an. „Ah, richtig. Mash, hättest du gleich noch ein wenig Zeit, bevor die Mission losgeht? Du hast deinen Testlauf ja schon hinter dir.“
Mash nickte leicht.
„Sehr gut! Ritsuka weiß nämlich noch nicht, wo ihr Zimmer ist… und generell müsste sie noch aufgeklärt werden. Ich muss leider in ein paar Minuten schon los.“ Ein erneutes Nicken. Das hieß wohl, dass sie an die nächste Person weitergereicht wurde. Ritsuka hatte nichts dagegen, von Mash herumgeführt zu werden – im Gegenteil sogar. Es gab ihr die Gelegenheit, sie näher kennenzulernen. Doch sie hatte auch gleichzeitig ein schlechtes Gewissen, da sie das Gefühl hatte, im falschen Moment angekommen zu sein. Jeder hier war schwer beschäftigt und niemand hatte wirklich Zeit, sich mit ihr zu beschäftigen.

Kerry erhob sich und Doktor Roman tat es ihm gleich. Beide hoben einmal kurz die Hand, um sich zu verabschieden. „Bis später!“, meinte Kerry und der nervöse Ausdruck schlich sich wieder auf sein Gesicht, was er nur schwer verbergen konnte. Roman balancierte sein eigenes Tablett und das von Mash mit höchster Konzentration. „Wenn ihr mich braucht, findet ihr mich auf der Krankenstation.“ Mit diesen Worten ließ er die zwei Frauen alleine.
Sie schwiegen sich an. Für Gewöhnlich hatte Ritsuka keine Probleme, ein Gesprächsthema zu finden, doch nun fühlte sie sich aus irgendeinem Grund unsicher. Sie hatte keine Idee, was sie sagen könnte. Nachdem einige peinliche Sekunden vergangen waren, spürte sie, wie Mash sie musterte. Nicht, dass es auffällig oder unangenehm gewesen wäre, aber Ritsuka merkte ihren Blick auf sich und hob ihren eigenen, um sie ihrerseits ins Auge zu fassen. Sie beschloss, das Schweigen zu brechen.

„Wie lange bist du schon hier in Chaldea?“, fragte sie. Mash antwortete nicht direkt. Sie schien nach den richtigen Worten zu suchen, aber keine passende Antwort zu finden. Falsche Frage. „Tut mir leid, ich wollte nicht aufdringlich sein. Du musst nicht antworten.“ Zwar wusste sie nicht genau, was an dieser Frage nun falsch war, doch sie würde ihr ihren Freiraum lassen und Persönliches erstmal beiseite zu lassen. Was gar nicht so leicht war. Als in Mashs Augen jedoch kurz Erleichterung aufblitzt, fühlte sie sich in ihrer Entscheidung bestätigt.

Zu ihrer Überraschung war es nun an Mash, ihr eine Frage zu stellen. „Was weißt du denn über Chaldea, Fujimaru-san?“ San? Mash verblüffte sie erneut. Dieses Mädchen war auf eine Weise faszinierend, die sie noch nicht ganz einordnen konnte.

Ritsuka zuckte mit den Schultern. „Dass wir uns am Südpol befinden“, entgegnete sie. Mehr wusste sie tatsächlich nicht. Und natürlich dass es irgendetwas mit historischer Forschung zu tun haben musste, ansonsten würden sie ja wohl kaum eine Historikerin brauchen. Aber da war noch etwas, das sie glaubte zu wissen. „Und es hat irgendetwas mit Magiern zu tun. Richtig?“

Mashs zustimmendes Nicken verwunderte sie nicht weiter. Zwar machte dieser gesamte Ort keinen besonders magischen Eindruck auf sie, doch allein die Anwesenheit von Kerry und das seltsame Büro, das ohne Zweifel das eines Magiers sein musste, überzeugten sie vom Gegenteil. Das alles passte nicht zusammen. Eine durch und durch wissenschaftliche Einrichtung, die gleichzeitig etwas mit Magie und Geschichte zu tun hatte. Nein, das machte absolut keinen Sinn.

„Dann werde ich dir zuerst das Obergeschoss zeigen. Die unteren Etagen sollten wir vorerst meiden, die Techniker sind dort schwer beschäftigt.“ Sie stand von ihrem Platz auf. Ritsuka sah sich um, nur um festzustellen, dass sich die Cafeteria deutlich geleert hatte. Scheinbar war Kerry nicht der einzige, der zu diesem Test musste. Sie brannte darauf, zu erfahren, worum es hier eigentlich ging.


° ° °


Chaldea war groß. Sehr groß.
Allein um einmal durch den ganzen Flur zu laufen, brauchte man mehrere Minuten, wenn man nicht gerade rannte. Dazu kam, dass es sich nur um eine Etage von vielen handelte.
Direkt zu ihrer Linken, als sie aus dem Lift ausstiegen, der im Übrigen aus Glas gebaut war und nicht die leisesten Geräusche von sich gab, als sie eine Etage nach oben fuhren, befand sich die Krankenstation. Hier verweilten sie nur kurz und Mash beteuerte, hier immer gut aufgehoben zu sein, wenn sie irgendwelche körperlichen Beschwerden hatte. Dass Doktor Roman nicht anwesend war, überraschte Mash nicht, weshalb Ritsuka nicht weiter nachfragte. Vielleicht machte er einen Umweg und traf gleich in der Station ein. Er war der Chefarzt der Station, wie sie von einem Pfleger erfahren hatte, doch sie konnte sich ihn nicht so recht als solchen vorstellen. Sie stellte sich unter diesem Posten eher einen alten, erfahrenen Arzt vor, der selbst nicht mehr so viel am Operationstisch stand und mehr den Papierkram erledigte. Dieses Bild sollte sie wohl nochmal überdenken.
Was danach folgte, war eine Reihe von Zimmern, 48 an der Zahl. Es waren die Räume der sogenannten Master-Kandidaten, doch als Ritsuka nachfragte, was genau das sein sollte, schüttelte Mash den Kopf und meinte, sie würde es ihr später erklären, wenn sie mehr über die Aufgabe Chaldeas wissen würde. Zudem erfuhr sie, dass für eben diese Kandidaten eine Mission angesetzt war, die nach den Testläufen stattfinden sollte, woran auch Mash teilnahm. Dies war der Grund, warum alle in so heller Aufregung waren. Was genau es damit auf sich hatte, wollte Mash noch nicht verraten.

Einmal blieb Ritsuka an einem der großen Fenster stehen. Der Flur verlief in einem Bogen, sodass sich die Zimmer auf der einen Seite und der Ausblick auf der anderen befanden. Es gab nicht viel zu sehen. Schnee fiel unaufhörlich auf die weißen Hügel, doch das war es auch schon. Mehr als Weiß und noch mehr Weiß konnte sie nicht entdecken. Dass es überhaupt möglich gewesen war, so ein großes und modernes Gebäude mitten auf dem Südpol zu errichten, hätte sie nie gedacht.

„Es schneit hier eigentlich immer“, murmelte Mash. Ritsuka wusste nicht so recht, ob sie mit ihr oder mit sich selbst sprach. „Und wenn es aufhört, versperren einem noch immer Wolken die Sicht.“ Sie ließ diese Aussage unkommentiert. Mash wirkte traurig darüber. Ritsuka wagte es nicht, weiter nachzuhaken, in der Befürchtung, erneut zu weit zu gehen. Sie gab sich damit zufrieden, dass sich Mash wenigstens ein klein wenig vor ihr geöffnet hatte.

„Wenn das nicht Mash Kyrielight ist.“
Ritsuka zuckte augenblicklich zusammen. Sie fuhr herum und blickte in ein fremdes Gesicht. Es handelte sich um einen Mann, dessen Alter sie nur schwer einschätzen konnte, mit langem krausen Haar und kleinen dunklen Augen. Er trug einen grünen Koboldhut und einen gleichfarbigen Anzug mit einer violetten Krawatte. Ritsuka wusste nicht so recht, was sie von ihm halten sollte. Sie konnte ihn schlecht einschätzen, da seine Augen seine Gefühle nicht widerspiegelten und es auch sonst keine Anhaltspunkte an ihm gab, die ihr verraten könnten, was er gerade dachte.
„Und wer ist das? Ein weiterer Lückenfüller?“

Lückenfüller.

„Hallo, Professor“, grüßte Mash ihn. „Das ist Ritsuka Fujimaru, eine Geschichtsstudentin. Sie soll hier für ein paar Wochen als Praktikantin arbeiten. Ich bin gerade dabei, sie herumzuführen.“

„Ah, verstehe.“ Er richtete sich an Ritsuka, mit einem breiten Lächeln auf den Lippen. „Mein Name ist Lev Lainur, freut mich. Ich bin einer der Ingenieure. Wie schön, dass sich auch Nachwuchs-Historiker für Chaldea interessieren. Hier wimmelt es nur so von Technikern und Magiern, aber niemand hat damit gerechnet, dass wir auch Menschen mit geschichtlichem Wissen brauchen könnten. Herzlich Willkommen.“

Es war ihr ein Rätsel, wie schnell sich die Sympathie für einen Menschen verändern konnte. Erst war sie von seiner Bezeichnung – Lückenfüller, was auch immer das heißen sollte – verärgert gewesen, doch jetzt machte er einen sehr freundlichen Eindruck auf sie. Da Mash keine Abneigung gegen ihn zu hegen schien und ihn scheinbar sogar recht gut kannte, beschloss sie vorerst, ihm auch zu vertrauen.

„Vergiss die Zeit nicht, Mash“, erinnerte Lev sie dann ernst. „Der Rayshift wurde verschoben. Alle Tests sind positiv, also kann es in einer halben Stunde losgehen. Bitte triff die letzten Vorbereitungen und begib dich dann zum Command Room.“

„Ich werde da sein.“

Ritsuka verkniff sich alle Fragen und ließ stattdessen resigniert die Schultern hängen. Noch mehr Fachchinesisch. Aber gut, sobald dieses Was-Auch-Immer vorüber war, würde sie ihre Antworten bekommen. Da war sie sich absolut sicher.

„Können Sie uns sagen, wo wir das Zimmer von Fujimaru-san finden?“, fragte Mash nach. Lev griff daraufhin in die Tasche seines Sakkos und zog ein kleines Tablet hervor. „Mal sehen… ihr Name steht nicht unter den Forschern. Also doch! Das letzte freie Zimmer ist R48, ein Stockwerk über uns.“ Er verstaute es wieder in seiner Innentasche. „Sie ist offiziell als letztes Mitglied der Master eingetragen." Seine Augen schienen sie förmlich zu durchbohren.

„Das muss ein Missverständnis sein“, erklärte Mash verblüfft. Doch der Ingenieur zeigte daraufhin nur ein schmallippiges Lächeln. „Das wird sich noch klären lassen. Solange sie jedoch niemand anspricht, sollte sie abends zu ihrer angesetzten Simulation erscheinen.“

„In Ordnung. Vielen Dank, Professor. Bis gleich.“
Mash verabschiedete sich, genauso wie Ritsuka. Sie folgte ihr schnellen Schrittes zum Aufzug. Dieses Gespräch war seltsam gewesen. Hoffentlich würde sich das Missverständnis schnell klären, denn offen gesagt wäre es ihr ziemlich unangenehm, später als eine von 48 ‘Master-Kandidaten’ aufzutreten, deren Bedeutung sie nicht kannte.
Während sie warteten, bis sich die Türen wieder öffneten, schwiegen sie, doch dieses Mal war es kein unangenehmes Schweigen. Ritsuka fühlte sich zunehmend wohler in ihrer Gegenwart.
Als der Aufzug ein leises Geräusch von sich gab und das Glas zur Seite geschoben wurde, konnte sie jedoch keinen Fuß auf den Flur setzen, ehe sie von etwas mitten im Gesicht getroffen wurde. Überrascht stolperte sie zurück, bekam das seltsame Etwas zu fassen und betrachtete es, während sie noch das Gesicht verzog. Das war kein sanfter Schlag gewesen – als hätte sie jemand mit einem Ball abgeworfen. Mit dem Unterschied, dass dieser Ball deutlich flauschiger und weniger rund war.

„Fou, was machst du denn da?“, fragte Mash entsetzt.

Dieses Ding war ein Tier. Zumindest glaubte sie, dass es sich um ein Tier handelte. Ein Eichhörnchen mit weißem Fell und violetten Augen. Doch die Ohren waren zu groß, um es als Eichhörnchen bezeichnen zu können. Und außerdem trug es ein… Cape.
Es zappelte in ihrem Griff, bis es sich mit einem hellen „Fou!“ befreien konnte und an ihrem Arm auf ihre Schulter kletterte. Es schnüffelte an ihrem Haar, nur um dann seinen kleinen Kopf darin zu vergraben.

„Fou mag dich“, stellte Mash verwundert fest. Sie sagte es in einem Tonfall, der annehmen ließ, es handle sich um ein Wunder.

„Meinst du?“, fragte Ritsuka kritisch und versuchte Fou bestmöglich zu ignorieren. „Springt es immer anderen Leuten ins Gesicht?“

„Nein“, entgegnete Mash. Sie streichelte das Wesen hinter seinen Ohren, woraufhin es zufriedene Laute von sich gab. „Es meidet Menschen für gewöhnlich. Du bist die zweite Person, die es hier in Chaldea jemals gesehen hat.“

Dieser Ort war nicht nur seltsam, er beherbergte auch seltsame Leute und Tiere. Aber gut, sie würde das Geschehen in Chaldea nicht weiter hinterfragen. Wenn Magier ihre Finger mit im Spiel hatten, durfte sie eigentlich gar nichts mehr wundern. So musste sie nun auch akzeptieren, ein hyperaktives Eichhörnchen auf ihrer Schulter sitzen zu haben.



Als sie ihr Zimmer erreicht hatten und vor der Tür standen, blieb Mash stehen und rückte ihre Brille nervös zurecht. „Es wäre nett, wenn du auf Fou aufpassen würdest, solange ich auf der Mission bin. Ich weiß nicht, wie lange ich weg bin und Fou hat sonst niemanden.“

Ritsuka konnte ihr diese Bitte einfach nicht abschlagen. Zwar machte sie das Gezappel von Fou schier wahnsinnig, aber Mash war jemand, zu dem sie nicht Nein sagen konnte. Außerdem hatte sie dann ein wenig Gesellschaft…
Der Flur war wie ausgestorben. Sie ging davon aus, dass sich alle in diesem Command Room befanden.
„Natürlich. Fou wird es an nichts fehlen.“ Sie zögerte kurz, da sie nicht wusste, was auf Mash zukommen würde. Wäre ‚Viel Glück‘ oder ‚Hab viel Spaß!‘ passend?

„Ich danke dir.“ Mash verbeugte sich leicht. Ihr waren die japanischen Verhaltensregeln eindeutig vertraut. Woher sie diese wohl kannte?
Sie drehte sich um und wollte bereits gehen, als Ritsuka sie zurückhielt. „Warte!“ Mash sah sie fragend an. Ja, was wollte sie ihr nun sagen? Sie überlegte kurz, ehe sie einfach sagte: „Pass auf dich auf!“ Ritsuka lächelte ihr freundlich zu und registrierte erleichtert, dass Mash zurücklächelte. Sie hatte eine neue Freundin gefunden.

Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand nicht – bis sie die Tür öffnete und in den Raum trat, der eigentlich leer sein sollte. Der angeblich nicht besetzt war. Von wegen.
Auf ihrem Bett saß der Arzt, den sie bereits in der Cafeteria kennengelernt hatte. Er hatte es sich ganz schön bequem gemacht; mit ihrem Kissen im Rücken lehnte er an der Wand, einen Laptop auf dem Schoß und eine leere Kaffeetasse neben ihm auf dem weißen Laken. Seine Augen, die zuvor nachdenklich in die Leere geblickt hatten, fanden ihren Weg zu ihr und starrten sie geschockt an.

„So schnell sieht man sich wieder“, kommentierte Ritsuka. Sie hatte sich zuerst von dieser Überraschung erholt. Um ehrlich zu sein, war sie sogar dankbar dafür, den faulenzenden Doktor in ihrem Zimmer vorzufinden, auch wenn sie sich keinen Reim daraus machen konnte, warum er sich hier versteckte. Denn genau das tat er – sich verstecken. Ansonsten hätte ihn das Öffnen der Tür nicht in eine derartige Schockstarre versetzt. Scheinbar hatte sie ihn bei irgendetwas erwischt.

„Oh Mann“, murmelte Roman und atmete erleichtert aus. „Und ich dachte schon, Olga hält mir wieder eine Standpauke.“ Er sah wieder verlegen auf. „Darf ich fragen, wie du mich gefunden hast?“

Ritsuka hob eine Augenbraue. „Mash hat mich hierher gebracht. Sie meinte, das sei ab jetzt mein Zimmer.“

Roman vergrub sein Gesicht in den Händen und nuschelte irgendwas, das sie nicht verstand. Sie wusste nicht genau, wie sie reagieren sollte, und trat etwas näher. „Sag bloß, ich habe dich beim Schwänzen erwischt“, vermutete sie schließlich, nicht ohne ihre Belustigung verbergen zu können. Sein ertappter Blick verriet alles.

„Es war nur eine Frage Zeit, bis man mich hier erwischt“, seufzte er, schob seinen Laptop Beiseite und klopfte dann neben sich auf das Bett, um ihr zu bedeuten, sich zu ihm zu setzen. Ritsuka ließ sich auf der weichen Matratze nieder. „Und, was hast du bisher alles gesehen?“, fragte er dann mit ehrlichem Interesse. Während Ritsuka ihm von der Begegnung mit diesem Lev Lainur und Fou berichtete, goss er sich selbst und für sie Kaffee ein. Eine eigene Kaffeemaschine im Zimmer – ein Traum.
Als Roman ihr die Tasse reichte und sie sich bedankte, beugte er sich über das mysteriöse Eichhörnchen und beobachtete es fasziniert. „Ich habe schon viel über Fou gehört. Mash ist ihm vor einigen Wochen begegnet, aber ich habe es selbst noch nie zu Gesicht bekommen.“ Er streckte seine Hand aus, um Fou zu streicheln, doch dieses entschlüpfte ihm geschickt und tollte hinter dem Bett herum.

Ritsuka räusperte sich, um seine Aufmerksamkeit wiederzuerlangen. „Könntest du mir vielleicht verraten, was genau ihr hier eigentlich macht? Seit ich in Chaldea angekommen bin, versuche ich zu erfahren, was meine Aufgabe sein soll, und ich habe immer noch keine Ahnung, wozu ich eigentlich hier bin.“ Das war der passende Augenblick, diese Frage zu stellen. Und sie hatte das gute Gefühl, endlich Antworten zu bekommen.

„Man hat dich noch nicht eingeweiht?“, fragte Roman verwundert. Er runzelte die Stirn. „Es stimmt schon, hier sind momentan alle ein wenig gestresst. Normalerweise werden Neuzugänge von Isla, der Sekretärin unserer Direktorin, sofort aufgeklärt.“ Seine Kaffeetasse stellte er dieses Mal nicht auf der Matratze, sondern auf dem kleinen Nachtschränkchen ab, und klappte seinen Laptop erneut auf. Er öffnete ein Fenster, das mit dem Logo Chaldeas versehen war und das Gebäude von außen zeigte. „Dann werde ich das jetzt wohl übernehmen“, meinte er gutmütig. Endlich! Die Warterei hatte ein Ende.

„Hat Chaldea etwa eine Homepage?“, fragte Ritsuka, als sie das Logo näher betrachtete. Es handelte sich um ein geschwungenes C, das von einem Lorbeerkranz umrahmt wurde.

„Das ist nur für das Personal hier“, antwortete Roman und klickte auf Construction. „Im Internet findet man keine Informationen über uns. Zumindest ist das so vorgesehen.“

„Ja, ich habe schon versucht, euch zu finden. Nichts“, bestätigte Ritsuka. Chaldea Security Organisation. Sie arbeitete für eine Organisation, die vielleicht geheimer als der ein oder andere Geheimdienst war.

„Chaldea, oder auch Finis Chaldea, ist eine Organisation zur Erhaltung der menschlichen Logik“, begann Roman mit seiner Erklärung. „Hier, in dem zweiten Obergeschoss“ – er umkreiste mit der Maus einen runden Punkt auf der digitalen Karte – „befindet sich das Kernstück unseres Projekts, Chaldeas. Es handelt sich dabei um eine genaue Nachbildung unserer Erde, die den Status unserer Gegenwart, aber auch vergangener und zukünftiger Zeitpunkte übermittelt.“ An dieser Stelle machte er eine kurze Pause, um es Ritsuka zu erleichtern, seinem Bericht zu folgen.

„Moment, es kann gegenwärtige, vergangene und zukünftige Ereignisse anzeigen?“, wiederholte sie verblüfft.

„Ja, genau“, antwortete Roman, als sei es eine Selbstverständlichkeit, die Zukunft voraussagen zu können. „Allerdings kann Chaldeas für sich alleine nicht funktionieren. Um es in Gang zu setzen, braucht man Unmengen an Brennstoff… Stell es dir ungefähr so vor, als wolle man ein ganzes Land für ein halbes Jahr mit reichlich Energie versorgen. Dazu kaufte der ursprüngliche Direktor einen Kernreaktor in Frankreich – aber auch das reichte nicht aus. Also wurde zusätzlich ein weiteres System entwickelt, das wir ‚Feuer des Prometheus‘ nennen.“

„Wie wurde dieses Projekt finanziert?“, hakte Ritsuka nach. „Ich meine, es muss doch Unsummen an Geld verschlungen haben. Allein für diesen Reaktor.“

„Das Meiste hat der Direktor aus eigenen Taschen bezahlt.“ Bei dieser Antwort riss sie erstaunt die Augen auf. Wie reich musste dieser Typ wohl gewesen sein? „Und mittlerweile ist Chaldea von den Vereinigten Staaten genehmigt. Sie stellen uns auch die ein oder anderen Mittel zur Verfügung. Um zu Chaldeas zurückzukommen; ohne die Beobachungslinse Sheba, die im Übrigen von dem bescheidenen ‚Ingenieur‘ erfunden wurde, dem du schon über den Weg gelaufen bist, wären die detaillierten Aufnahmen in naher Zukunft nicht möglich. Sheba ähnelt einem Satelliten, wie man sie zur Umweltbeobachtung kennt. Vor wenigen Wochen jedoch ist die Linse auf eine Hürde gestoßen. Sie kann alles Zukünftige voraussagen, bis zu diesem einen Punkt: 2016.“

Ritsuka hatte eine üble Vorahnung, worauf das hier hinauslief. Sie wusste nicht, wie sie der ganzen Sache gegenüberstehen sollte – Ungläubig? Panisch? Diese ganze Technologie, von der Roman sprach, klang so weltfremd, und doch zweifelte sie kein einziges Wort davon an.

„Stattdessen wird uns ein Zeitpunkt angezeigt, den wir zuvor noch nicht ins Auge gefasst hatten – wir nennen ihn Singularität F. Dort ist irgendetwas falsch, das geschichtlich nicht richtig abgelaufen ist. Es wurde etwas verändert, und wir haben eine Methode gefunden, um es wieder zu korrigieren. Den Rayshift.“

Rayshift. Eine Strahlenverschiebung…

„Wir sprechen hier von… Zeitreisetechnologie, richtig?“, fragte Ritsuka vorsichtig.

Roman nickte ernst. „Genau. Ich würde dir gerne genau erklären, wie das funktionieren soll, aber vielleicht sollte das besser jemand machen, der sich damit auskennt. Ich werde Leonardo später fragen. Zurzeit haben wir 47 potenzielle Master Kandidaten, die wir in zwei Teams unterteilt haben. Das Problem beim Rayshift ist, dass nicht jeder diese Reise durchführen kann. Liegen die Erfolgschancen für das Gelingen unter 95%, schalten sich die Coffins, in denen man transportiert werden soll, automatisch ab.“

„Und was genau erwartet uns in 2016?“ Sie glaubte die Antwort zu wissen, hoffte jedoch darauf, sich zu irren. Doch als sie Romans trauriges Lächeln sah, wusste sie, was Chaldea so energisch versuchte, zu verhindern. Das Ende der Menschheit. In was war sie da nur hineingeraten?



Nach dieser Offenbarung wechselten sie das Thema und erwähnten es auch mit keinem Wort mehr. Ritsuka musste die Nachricht erst einmal verdauen und wenn sie später alleine war, in Ruhe darüber nachdenken. Außerdem stellte sie sich die Frage: Hatten nicht alle Menschen ein Recht darauf, davon zu erfahren? Natürlich musste man bedenken, dass vermutlich das reine Chaos ausbrechen würde, aber dennoch… Nun, es lag nicht an ihr, diese Entscheidung zu treffen. Chaldea hatte sich dabei etwas gedacht und sie wagte nicht, ihr Vorhaben in Frage zu stellen, bis sie nicht alle Details kannte. Zudem fühlte sie sich alles andere als qualifiziert für diesen Job. Sie befand sich in einer Einrichtung mit den wahrscheinlich besten der besten Wissenschaftlern auf diesem Planeten und einer ihr unbekannten Anzahl an begabten Magiern. Sie war bloß eine unbedeutende Studentin.

Roman schaffte es, die Stimmung wieder erheblich zu bessern, und letztendlich konnte sie nur noch über seine Bemühungen, sie von den eben erhaltenen Informationen abzulenken, lachen. Er erzählte ihr, wie er von Olga-Marie Animusphere, der Direktorin – welche die Tochter des vorherigen Direktors war – für den heutigen Tag aus dem Command Room verbannt wurde, da er laut ihr die Arbeitsatmosphäre störe. Ritsuka konnte sich nur zu gut vorstellen, wie er einige Kollegen zu einem Kartenspiel überredete, da er nichts Spannendes zu tun hatte.
Sie hörte sich seine Nörgeleien belustigt an, bis er von einem deutlichen Piepen unterbrochen wurde. Es kam von seinem Armband, das jeder Mitarbeiter in Chaldea trug und welches sie selbst von Isla erhalten hatte.

Die Stimme von Professor Lev Lainur meldete sich. „Romani, wir werden den Rayshift in Kürze starten. Könntest du für den Fall eines Notfalls rüberkommen? Team A ist in bester Verfassung, aber Team B ist weniger erfahren und die Bildschirme weisen einige Abweichungen auf. Das kommt vermutlich von der Platzangst.“

Stirnrunzelnd überlegte der Doktor, ehe er dem Ingenieur antwortete. „Ich verstehe… Ich könnte ihnen ein Anästhetikum geben.“

„Sehr gut. Du bist auf der Krankenstation, richtig? Dann kannst du es in zwei Minuten schaffen. Und hol unseren Neuling, Fujimaru, ab. Sie soll bei der Mission mit dabei sein.“ Mit diesen Worten verabschiedete sich Leff.

In Ritsuka meldeten sich sämtliche Alarmglocken. Sie sollte an dieser Mission teilnehmen?! Oder hatte sie das falsch verstanden? Vielleicht machte sie sich zu viele Gedanken und sie sollte lediglich zuschauen. Immerhin wusste sie überhaupt nicht, was sie zu tun hatte!
Ja, das würde es sein. Das Missverständnis war schon längst aufgeklärt worden und sie durfte als Praktikantin nun hinter die Kulissen schauen. Alles war in Ordnung. Aber Moment! Hatte Lev nicht gesagt, dass sie in zwei Minuten da sein sollten?

Ritsuka studierte die Mimik des Chefarztes und fragte vorsichtig: „Und wie lange dauert es von hier?“

Roman lächelte peinlich berührt. „Fünf Minuten, mindestens.“ Er seufzte und sah für einen Moment gedankenverloren in den Raum, als würde er sich gerade ausmalen, was Leff und die Direktorin mit ihnen anstellen würden. Dann leuchteten seine Augen wieder zuversichtlich auf.
„Sie werden mich schon nicht wegen einer kleinen Verspätung köpfen. Team A hat wenigstens keine Probleme. Dass Olga meine Anwesenheit aber wieder zu dulden scheint, wundert mich.“ Er machte noch immer keine Anstalt, sich von seinem Platz zu erheben, sodass Ritsuka nun doch etwas nervös wurde und sich in der Verantwortung sah, ihn langsam aber sicher nach oben zu schicken. Den Chefarzt brauchten sie vielleicht lebend, aber Ritsuka würden sie garantiert köpfen.

„Ähm, Roman, ich möchte deine Gedankengänge ja nur ungern unterbrechen, aber sollten wir uns nicht mal langsam sputen? Mittlerweile sind es nicht drei, sondern fünf Minuten Verspätung.“

Roman sprang nahezu panisch von ihrem Bett auf. „Richtig! Oh Mann, Olga wird uns umbringen!“
Er verrieb ein paar Kaffeetropfen auf seinem Kittel und schlüpfte in seine weißen Arbeitsschuhe. Als er Anstalt machte, auch noch in ihrem Zimmer aufräumen zu wollen und nach den Tassen griff, musste Ritsuka ihn davon abhalten.

„Los, wir müssen uns beeilen. Ich mache das später“, versicherte sie ihm.

„Danke, Ritsuka-chan!“, meinte er erleichtert. „Und danke für das Gespräch. Komm mich doch mal auf der Krankenstation besuchen, wenn du dich eingelebt hast.“ Er umfasste die Türklinge. „Jetzt lass uns die Standpauke hinter uns--“ Doch dann gingen die Lichter aus.



Zuerst wusste Ritsuka nicht, was sie machen sollte. Sie war in einer Schockstarre, zu verwirrt und desorientiert, als dass sie klar denken könnte. Vergebens suchten ihre Augen die Umrisse des Doktors, der ebenfalls keine Geräusche von sich gab. Beide waren ratlos und versuchten, eine Erklärung für den Stromausfall zu finden. Ritsuka gab sich damit zufrieden, dass es möglicherweise einen Fehler im System gab, während Roman hingegen von Entsetzen gepackt wurde. Die gesamte Energie in dem Institut ging von Chaldeas aus, was bedeutete...

Der Raum wurde wieder beleuchtet. Jedoch nicht von den Lampen, sondern von der Alarmanlage, die regelmäßig rot aufleuchtete. Sirenen begannen zu kreischen, so laut und so plötzlich, dass Ritsuka sich kurzzeitig die Ohren zuhielt.

Notstand. Notstand.

Ein Feuer ist im Central Power Room und Central Command Room ausgebrochen. Sicherheitstüren werden in wenigen Minuten verschlossen. Das Personal muss umgehend in Gate 2 evakuiert werden.


Das Gesagte wurde in einer Dauerschleife wiederholt. Roman und Ritsuka sahen sich durch das flackernde Licht an. Sie handelten beide gleichzeitig und verließen den Raum.

Kerry, dachte sie panisch. Er war im Command Room! Genauso wie Mash.

„Gate 2 befindet sich mehrere Stockwerke unter uns. Am besten nimmst du den Notfallausgang, lauf einfach nach rechts. Du kannst es nicht übersehen.“ Doktor Romans Stimme klang beherrscht, doch seine Stirn lag in Furchen und in seinen Augen schimmerte Besorgnis. Er wartete ihre Antwort gar nicht erst ab und eilte durch den Flur, nicht zu den rechten Treppen, sondern nach links. Ritsuka wusste genau, wo er hinwollte. Und sie würde ihm folgen.

„Was machst du denn?“ Roman verlangsamte seinen Gang nicht, gestikulierte aber wild mit den Händen. „Das ist Wahnsinn! Du musst in Sicher--“

„Unsinn!“, fuhr Ritsuka dazwischen. Sie überholte ihn fast. „Ich kann helfen!“

Roman sah sie noch eine ganze Zeit lang an, Ritsuka erwiderte seinen Blick entschlossen. Sie konnte seinen Gesichtsausdruck nicht deuten, aber schließlich sah er wieder geradeaus und nickte kaum merklich. Für Diskussionen war keine Zeit.

So schnell, wie sie ihre Beine tragen konnten, rannten sie den langen und endlos erscheinenden Flur entlang, bis sie die Treppen erreichten. Der Aufzug wurde in einem Notstand verriegelt, weshalb ihnen nur der Fußweg blieb. Was zum Teufel war dort nur passiert? Sie hatten in ihrem Zimmer nichts mitbekommen, hatten nicht ein einziges Geräusch gehört. Aber da sie sich nicht mal annähernd in der Nähe des Command Rooms befanden, war dies auch nicht weiter verwunderlich. Etwas musste dort explodiert sein. Andernfalls konnten sie sich den plötzlichen Brand nicht erklären. Doch wie hätte man in dem am besten gesichertsten Platz des Institutes eine Bombe platzieren können? Oder war eines der Geräte aus heiterem Himmel in die Luft gegangen? Das Sicherheitspersonal war sicherlich streng und würde nicht die kleinsten Auffälligkeiten unbeobachtet lassen. Sie hatten Chaldea bestens im Griff – oder?

Sie erreichten die betroffenen Räume und stolperten keuchend durch die Sicherheitstür. Noch war sie nicht verriegelt, aber es war nur eine Frage der Zeit, bis sie sich schließen würden. Ungläubig verharrten sie in ihrer Bewegung und starrten auf das groteske Bild vor sich. Sämtliche Geräte standen in Flammen. Ihnen schlug eine gewaltige Hitze entgegen und sie mussten sich die Ärmel vor Mund und Nase halten, um den starken Rauch nicht einzuatmen. Inmitten des Feuers stand eine riesige, schwarze Kugel, umringt von mehreren Kreisen, sodass es Ritsuka an ein Astronomie-Modell erinnerte. Keine Zeit zum Staunen!

„Hey, Ritsuka.“ Roman legte seine Hände auf ihre Schultern und sah ihr direkt in die Augen. „Du musst jetzt sofort zum Gate 2. Nimm keine Umwege, lauf einfach die Treppen bis ganz nach unten. Es gibt nichts, was du tun kannst, also bring dich bitte in Sicherheit.“ Er warf einen kurzen, besorgten Blick zu der schwarzen Kugel und wandte sich dann dem Ausgang zu.

„Warte!“, rief Ritsuka. „Was ist mit dir?“

„Das hier war kein Unfall – es war Sabotage, eindeutig. Ich muss unbedingt ins Untergeschoss. Dort befindet sich die ganze Technik. Chaldeas Licht darf unter keinen Umständen erlöschen! Nun geh und beeil dich!“ Mit diesen Worten rannte er aus dem Command Room und ließ Ritsuka zurück, die noch immer ihre Atemwege schützte und keinerlei Anstalt machte, den Raum zu verlassen.

Du bist wahnsinnig, Ritsuka, dachte sie.

Entgegen Romans Anweisung kämpfte sie sich einen Weg durch den Rauch, mit tränenden Augen und vor Hitze brennender Haut. Hier befanden sich mindestens 50 Menschen, vermutlich bei weitem mehr, und darunter ihr Bruder. Sie konnten doch nicht alle tot sein – das durfte einfach nicht wahr sein! Was, wenn jemand festsaß und nicht fliehen konnte? Ritsuka konnte nicht einfach zusehen und wegrennen. Der Doktor riskierte in diesem Augenblick sein Leben, dann konnte sie das auch! So lebensmüde diese Aktion auch war, sie könnte sich selbst niemals vergeben, wenn sie nun einfach verschwinden würde.

Fou rannte an ihr vorbei. War es ihr etwa gefolgt? Das Wesen schien genau zu wissen, wohin es wollte, denn es bewegte sich zielstrebig durch die Trümmer und tänzelte um die Flammen herum. Ritsuka folgte ihm und schrie seinen Namen. Sie sollte auf das hyperaktive Wesen aufpassen, da konnte sie es nicht einfach laufen lassen. Fluchend und hustend stolperte sie hinter Fou her.

„Fujimaru-san?“

Ihr Herz drohte, stehen zu bleiben. Das war doch Mash! Sie vergaß das Feuer und den Rauch. Ihre Hand fand von ganz alleine ihren Weg zu ihrem Mund, um den sich anbahnenden Entsetzensschrei zu unterdrücken. Ihre Augen wurden glasig.
Mash lag unter einem riesigen Gerät begraben, nur ihr halber Oberkörper und ihr Kopf waren verschont geblieben. Die Brille war zersplittert und einige Glasscherben hatten blutige Wunden in ihrem Gesicht hinterlassen. Was sie jedoch am meisten schockierte, war die riesige Blutlache, in der sie lag.
Es gab keine Chance für das arme Mädchen, diese Verletzungen zu überleben.

Ritsuka wischte sich über die Augen und eilte an ihre Seite. Fou blickte Mash aus ängstlichen Iren an und gab leidende Geräusche von sich.

„Halt durch, ich helfe dir!“, beschloss sie, trotz des Wissens, dass sie nichts mehr für sie tun konnte.

„E-Es ist a-alles i-in Ordnung. D-Du musst v-von hier ver-verschwinden.“ Sie klang so unendlich schwach.

Ritsuka schüttelte beharrlich den Kopf. Sie umfasste das Gerät, welches Mash quetschte, und versuchte mit aller Kraft, es anzuheben. Doch es bewegte sich nicht ein winziges Stück. Als sie selbst von einem Hustenanfall überrollt wurde, gab sie es auf, ihre Kraft unnötig zu verschwenden und blickte sich hektisch nach etwas um, das sie vielleicht als Hebel verwenden könnte. Sie brauchte nur eine Stange, die stabil genug war.
Ihre Aufmerksamkeit wurde auf die große Kugel gelenkt, die sich auf seltsame Weise verfärbte. Das Schwarz veränderte sich, wurde immer heller und endete in einem gefährlich leuchtenden Rot.

Registriere Veränderung von Chaldeas. Aktueller Status wird von Shiva gemessen: In 100 Jahren kann kein Menschenleben festgestellt werden. Keine Überlebenden.

Ritsuka tauschte einen entsetzten Blick mit Mash. Sie wusste nicht sicher, wie sie diese Nachricht zu deuten hatte. Hieß das… dass sie gescheitert waren? Die Mission von Chaldea war es, die Auslöschung der Menschheit zu verhindern. Aber der Computer sagte nun eindeutig, dass es keinen Weg mehr gab, dies zu ändern.

Zentraler Bereich, versiegelt. 180 Sekunden bis zur Verriegelung.

Die Sicherheitstür verschloss sich mit einem lautstarken Krachen. Ihr einziger Fluchtweg war gesperrt. Das war also das Ende.

„E-Es tut mir leid, Fujimaru-san. I-Ich…“

Ritsuka bedeutete ihr mit einem leichten Kopfschütteln, zu schweigen. Sie ließ sich schwerfällig neben Mash nieder und starrte für einige Sekunden schweigend in die Leere. In ihr tobte ein Sturm an Gefühlen. Angst und Panik mischten sich mit Hoffnungslosigkeit. Sie würde sterben.

Ihr Blick fiel auf Mash. In ihren Augen spiegelte sich ihre eigene Angst wieder. Augenblicklich wusste sie, was sie noch nun könnte. Ritsuka musste stark für Mash bleiben und ihr beistehen. Wenigstens in ihren letzten noch bleibenden Sekunden wollte sie etwas Sinnvolles und wirklich Gutes tun.

„Alles okay, Mash. Es war meine Entscheidung“, sagte sie beruhigend. Es war ihr ein Rätsel, wie ihre Stimme noch so fest klingen konnte. Ein seichtes Lächeln bildete sich auf ihren Lippen, um der tödlich Verwundeten Halt zu bieten.

„Würdest du meine Hand nehmen… S-Senpai?“

Verständnisvoll rutschte sie näher und legte ihre zitternde Hand auf die von Mash. Schweiß strömte ihr übers Gesicht, gemischt mit Tränen, vom Rauch verursacht, und mit Mühe unterdrückte sie den erneut aufwallenden Drang, zu husten. Übelkeit und Schwindel sorgten dafür, dass ihre Sicht verschwomm.

Senpai. Sie hatte Senpai gesagt.
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