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Als Mutter nicht mehr da sein wollte

von Sirigel
GeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P18 / Gen
25.07.2020
25.07.2020
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25.07.2020 504
 
Als Mutter nicht mehr da sein wollte….

Heute kamst du mir wieder in den Sinn,
ohne Anlass, ohne Überlegung,
nein – doch, im Fernsehen gab es einen Bericht,
über Leiden, über Schmerz, über Kampf, über Tod.
Wenn ich nachdenke, hole ich dich jetzt
aus den Tiefen meiner Erinnerung.
Du warst vergraben, weggesperrt, verdrängt,
hattest meine Wertvorstellungen  zutiefst verletzt,
deine eigenen Wertvorstellungen verraten.

Du hast mich aufgefordert, gezwungen,
zu entscheiden, einen Lebensentschluss zu treffen,
“deine Familie oder ich“, meine Zukunft oder Mutter,
grausam, unerbittlich, Schmerzgebeugt,
nur noch Ichbezogen, Realitätsfern, uneinsichtig,
verwoben mit Schlaflosigkeit und Medikamenten
gefangen in Angst und Unerreichbarkeit.
Eine endgültige Wahl, die ich nie erwogen hatte,
die du mir aufgezwungen hast.

Ich bin wütend nach Hause gefahren,
Aufruhr, Zorn, Unverständnis im Kopf,
wie konntest du es wagen, wie verlangen,
entweder oder, nicht mit uns, nicht mit mir,
stelltest dich gegen zwei deiner drei Enkel,
der eine sollte an deiner Seite gedeihen,
die anderen sollten von A. geliebt werden,
hast nicht verstehen wollen, hast geschimpft,
in mir erschlug es den Sohn, weinte der Vater.

Der Schmerz hat dich über Jahre verändert,
immer fremder bist du mir geworden,
aber geliebt habe ich dich als Sohn,
verärgert war ich als Ehemann und Vater,
zwischen den Stühlen, immer entscheidend.
Immer entscheiden müssen, wieder ein Stich,
hässliche Bemerkungen von dir, wieder ein Spruch,
der mich weiter und weiter von dir entfernte,
meine Familie doch als Lebensmittelpunkt bestand.

Kein Gespräch war möglich, alles abgewehrt,
Frau und Kinder mit Worten verletzt,
wohl wissend oder unwissend? verzweifelt?
Warum habe ich dich damals nicht dort gelassen,
warum in meine Stadt nachgeholt, um mich zu kümmern?
Macht ein Sohn das, obwohl deine Sinne “getrübt“,
Gefühlskälte und Eifersucht dich plagten,
ich meine Familie schützen  m u s s t e,
und es schwer werden  würde? Sohnespflicht?

Du hattest es mir feierlich versprochen,
ich hatte dir vertraut und so gehofft,
war blind, hörte die Bedenken meiner Frau nicht,
ich, der mit Kranken tagtäglich Kontakt hatte,
der schließlich wusste was er tat, was er wollte,
dem Familie mit allen Angehörigen etwas bedeutete,
der sich sicher war, genug zu wissen, zu ahnen,
um es richten, vertreten und lenken zu können.
Du hast mich zum Schluss doch betrogen.

Der Tag kam, du wolltest nicht mehr Mutter sein?,
nur noch Wanderin zwischen den Gefühlen,
ein stetiger Kampf zwischen dir und mir,
einsam und gebeugt, nicht mit und nicht ohne uns,
eingewoben in Medikamenten und Bitternis,
Schmerzen, dein Blickwinkel erstarrte vollends,
ließen deine Liebe verkümmern und verstummen,
deine Enkel erreichten dich nicht mehr,
das letzte kleine Licht erlosch in der Kälte.

Heute kamst du mir wieder in den Sinn,
15 Jahre ist dein Abschied her, traurig,
verletzt, hast Erinnerungen an Verantwortung,
Besorgnis, Ängste, Egoismus, Sprachlosigkeit
und sprachlose Einsamkeit neu geweckt.
Heute habe ich deinen einsamen Weg verstanden,
du hattest dich entschieden, verweigert,
die entgegen gestreckte Hand weggedrückt,
bist schmerzfrei und alleine eingeschlafen.

Eine Kerze habe ich gerade angezündet, inne gehalten,
dir meine Liebe geschenkt, dir für mein Leben gedankt,
aber “Mutterglorifizierung“?  – nein, nicht mit mir.

© Sirigel
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