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Strafe muss sein

von CUtopia
OneshotFreundschaft, Liebesgeschichte / P12 / Het
Dirk Matthies Regina Küppers
25.07.2020
25.07.2020
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Ein Add On zu Folge 309 - Große Erwartungen

Ich habe mich mal etwas an dieser Folge ausgetobt, ich fand die Regina/Dirk Momente einfach super :)

Ich hoffe es gefällt euch und ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!

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Strafe muss sein


"Und die Probefahrt findet statt."
Regina lächelte ihn an und zuckte mit den Achseln, natürlich, weshalb auch nicht? Sie war so unglaublich erleichtert dass er das Revier nicht verlassen würde...
"Und damit ich nicht so einsam bin kommen Sie mit,” sagte Dirk mit einem leichten Grinsen, und das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand augenblicklich. Das konnte doch nicht sein Ernst sein?
"Ich? Aber… ich werde sehr schnell seekrank, das habe ich Ihnen schon mal erzählt, glaube ich…"
"Haben Sie. Aber Strafe muss sein."

oOo


Regina Küppers parkte ihren schwarzen BMW nahe dem Liegeplatz der Repsold und nahm ein paar tiefe Atemzüge während sie den Motor ausschaltete. Ihr Magen war seit dem Aufstehen schon am rumoren gewesen, doch nun schien es nur noch schlimmer zu werden. Sie konnte sich kaum daran erinnern, wann es ihr das letzte Mal so schlecht gegangen war, und sie wünschte sie könnte jetzt noch einen Rückzieher machen. Wenn es ihr schon an Land so schlecht ging, wie würde es ihr gleich an Bord der Repsold ergehen?

Hätte sie nur vor zwei Wochen gegenüber Krabbe den Mund gehalten und mal mit Dirk Matthies über seine Pläne geredet anstatt sich von Krabbe's Ideen mitreißen zu lassen. Dann hätte Krabbe nie die Einspritzpumpe der Repsold verschwinden lassen, alle hätten von Anfang an gewusst, dass Dirk das 14. nicht wegen einer Weltreise verlassen wollte und sie könnte jetzt gemütlich in einem Café in der Sonne sitzen und ein Buch lesen.

Stattdessen musste sie jetzt mit auf diese Probefahrt.

Regina sah natürlich ein dass sie einen Fehler gemacht hatte und ihm dafür etwas schuldete, aber musste sie denn zur Begleichung ihrer Schuld unbedingt in ihre persönliche Hölle gehen?

Seit er ihr das Datum der Probefahrt mit einem süffisanten Grinsen in ihren Kalender eingetragen hatte, war sie beinahe täglich damit beschäftigt gewesen, sich neue Wege auszudenken, wie sie ihn von einer alternativen Wiedergutmachung überzeugen konnte. VIP-Karten für das nächste Spiel von St. Pauli, Ausrüstung für die Repsold, Sonderurlaub…
Sie hatte ihn beinahe bekniet und definitiv ein wenig ihrer Würde eingebüßt, doch er hatte sie jedes Mal nur schief angelächelt und ihr gesagt, wie sehr er sich schon auf ihren Ausflug freute.

Regina schüttelte den Kopf und griff nach einer Medikamentenschachtel, die auf ihrer Handtasche lag; in der Hoffnung dass es ihr Leiden etwas lindern würde, hatte sie sich auf dem Weg noch Tabletten gegen Reisekrankheit besorgt.

Allerdings wusste sie auch, dass die Tabletten nicht gegen ihre Nervosität helfen würden. Sie würde den ganzen Tag alleine mit Dirk Matthies auf der Repsold sein, ohne eine Möglichkeit zu entkommen. Wie gut dass ihre Mutter nichts von dem Ausflug wusste…

Normalerweise konnte sie noch eine Distanz zwischen ihnen aufrecht erhalten, doch das heute… das war so privat, so nah… und der Gedanke an das Kribbeln, das er in ihr auslösen konnte, half ihr in diesem Moment überhaupt nicht.

Ein Seufzer entkam ihr und sie drückte eine Tablette aus dem Blister; es brachte ihr eh nichts, wenn sie jetzt noch weiter trödelte, um die Fahrt herumkommen würde sie sowieso nicht.

Mit einem Schluck Wasser aus der Flasche im Handschuhfach spülte sie die Tablette herunter, dann griff sie nach ihrer Tasche und stieg aus.
"Wird schon schief gehen," murmelte sie zu sich selbst und ging langsam zum Anleger hinunter; auf der Repsold konnte sie schon Dirk sehen, der an Deck noch einige Dinge zu erledigen schien.

Es war eigentlich das perfekte Wetter für einen solchen Ausflug; es war warm, die Sonne schien, der Himmel war strahlend blau und eine ganz leichte Brise machte es draußen sehr angenehm. Doch leider konnte auch das Regina's Stimmung nicht so wirklich heben.

Sie konnte nur hoffen, dass er es nicht auf dem ganzen Kommissariat herum erzählen würde, wenn sie sich übergeben musste.

oOo


Dirk hatte sie natürlich längst bemerkt, und während sie sich auf den Weg zur Repsold machte, versuchte er sich ein wenig von seiner Nervosität abzulenken. Er stellte dies oder das um, obwohl das Deck seines Schiffes noch nie zuvor so aufgeräumt gewesen war - tatsächlich hatte er den vorigen Tag damit verbracht, alles in Ordnung zu bringen und bis zur Perfektion zu säubern.
Es half allerdings alles nicht, der Gedanke daran, dass er gleich mit seiner Vorgesetzten die Elbe hinunter schippern würde machte ihn ungewöhnlich zittrig.

Es war doch alles seine eigene Idee gewesen, warum ging es ihm jetzt so… seltsam? Schließlich war es nicht das erste Mal, dass er sie in einer etwas privateren Situation erlebte - er hatte ihr Hotelzimmer durchsucht während sie nur im Morgenmantel daneben stand, es ging ja kaum näher.
Aber dennoch… das hier war anders. Beinahe intimer als damals. Es war keine dienstliche Verabredung, er trug nicht seine Uniform und sie… nicht ihren üblichen Anzug.

Dirk stolperte beinahe über seine eigenen Füße als er sie das erste Mal aus der Nähe sah; sie trug Jeans, ein weiß-blau gestreiftes T-Shirt und leichte Sneaker, die blonden Haare waren nur locker zurückgebunden.

Definitiv sehr, sehr privat.

"Da bin ich, Herr Matthies."

Dirk atmete tief durch und lächelte sie an während seine Arme eine ausschweifende Geste in Richtung der Gangway machten. "Ja, dann kommen Sie mal an Bord. Es ist Zeit zum ablegen."

Sie lachte nervös auf und ging langsam über den leicht wackeligen Steg; Dirk fing währenddessen bereits an die Taue zu lösen, die die Repsold am Anleger hielten. Der Motor lief bereits, und Regina strich sich mit einer zittrigen Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht während sie ihre Tasche im Steuerhaus abstellte. Nun gab es tatsächlich kein zurück mehr.

Ihr Herz machte einen Satz als Dirk sich an ihr vorbei schob und das Steuerrad in die Hand nahm. "Dann wollen wir mal."

Die Repsold schwankte von einer Seite auf die andere als sie sich langsam vom Ableger weg und in den Strom der Elbe drehte, und Regina schloss ihre Augen. Kalter Schweiß stand ihr auf der Stirn und ihr Magen schien bei jeder Bewegung mitzurollen… wie sollte sie das nur aushalten? Warum wirkten diese verdammten Tabletten nicht?

Erst als er sicher war, dass er das Manöver abgeschlossen hatte, schaute Dirk zu Regina hinüber und stutzte - sie war schneeweiß im Gesicht und hatte die Lippen zusammengepresst. "Frau Küppers? Alles in Ordnung?"

Sie schüttelte den Kopf, öffnete vorsichtig die Augen und griff hektisch nach ihrer Tasche, um darin herumzuwühlen. "Meine… wo sind… oh nein…"

"Was?"

"Meine… meine Reisetabletten… ich hab sie im Auto liegen lassen," stotterte sie und sah ihn mit so einem verzweifelten Gesichtsausdruck an, dass sich etwas in ihm zusammenzog.

"Jetzt bleiben wir erstmal ganz ruhig, das schaffen wir auch so. Los, ab nach draußen, auf den Horizont gucken und tief durchatmen."

Ohne darüber nachzudenken griff er nach ihrem Arm und zog sie sanft aber bestimmt aus dem Steuerhaus, während er die Repsold mit der anderen Hand auf Kurs hielt. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft - das letzte was er wollte war, dass es ihr so schlecht ging dass sie die ganze Fahrt nicht genießen konnte. Es musste doch irgendwas geben, was er noch für sie tun konnte…

Regina war nicht sonderlich überzeugt dass sein Ratschlag irgendeine Besserung bringen würde, doch sie war verzweifelt genug um es zu versuchen. Eine Hand um die Reling und eine um den Türrahmen des Steuerhauses gekrallt als ob ihr Leben davon abhing, richtete sie ihren Blick auf die Gebäude, die zu ihrer Linken am Ufer standen und atmete die leicht salzige Luft ein.
Zu ihrer Überraschung legte sich das schlimmste der Übelkeit nach einigen Atemzügen, und ihre Haltung entspannte sich ein wenig. Es ging ihr zwar immer noch nicht blendend, aber sie würde immerhin die nächsten Minuten überstehen.

"Gehts?"

Sie drehte den Kopf vorsichtig, nur ein bisschen, um ihn anzusehen, und sie lächelte zaghaft. "Ich… ich denke schon."

"Gut. Aber zur Sicherheit…"

Aus den Augenwinkeln beobachtete sie, wie Dirk den Erste Hilfe Schrank aufmachte und hinein griff; einen Moment später hielt er ihr eine Flasche mit klarer Flüssigkeit unter die Nase. "Das hilft auf jeden Fall."

Regina runzelte die Stirn, und ihre Zweifel an seinen Worten verstärkten sich noch als sie das Etikett sah. "Was?"

"Köm. Alter Trick. Ein kleiner Schluck reicht. Ich schwöre, das hilft."

"Das ist aber kein vorgeschriebener Bestandteil eines Erste Hilfe Kastens," murmelte sie und nahm die Flasche; ihre Finger streiften sich leicht und ein Kribbeln schoss durch sie. Ihre Blicke trafen sich für einen kurzen Moment und die Zeit schien langsamer zu vergehen, dann schaute sie wieder auf die Flasche hinunter. Sie glaubte zwar nicht wirklich dass Alkohol ihr weiterhelfen würde, aber sein erster Ratschlag hatte auch etwas gebracht…

Und ehrlich gesagt war sie auch noch immer verzweifelt genug um alles zu versuchen.

Den Rücken gegen das Steuerhaus gedrückt schraubte sie die Flasche auf und versuchte, den Alkoholgeruch, der ihr entgegen stieg, nicht einzuatmen. Bevor sie die Flasche ansetzte schoss ihr noch ein Gedanke darüber, wie absurd diese Situation doch war, durch den Kopf, dann nahm sie einen Schluck. Es schmeckte wirklich scheußlich und die Flüssigkeit brannte so sehr in ihrem Hals dass sie husten musste; Dirk klopfte ihr sanft auf die Schulter und sie hörte ihn hinter sich leicht glucksen. “Das Zeug ist wirklich nur für absolute Notfälle.”

Regina schüttelte sich und schraubte die Flasche schnell wieder zu während sich die Wärme des Alkohols langsam in ihrem Magen ausbreitete. “Widerlich.”

Sie atmete tief durch und schob sich ein paar Haarsträhnen aus dem Gesicht, die sich durch den Wind aus ihrem Zopf gelöst hatten. Den Blick wieder starr auf den Horizont gerichtet harrte sie aus, bis sie nach und nach tatsächlich eine Veränderung bemerkte. Ihr Magen beruhigte sich langsam, und der Alkohol half ihr, sich zu entspannen. Die Schaukelei machte ihr sehr viel weniger aus, sogar als einer der Hafenschlepper an ihnen vorbeizog und die Repsold in seinem Kielwasser tanzen ließ.

Als sie Dirk ein kurzes, verlegenes Lächeln gab, grinste er nur. “Hab ich's nicht gesagt? Und nun darf ich der Dame als ihr persönlicher Kapitän heute empfehlen, auf die andere Seite des Schiffes zu wechseln? Da kommen gleich die großen Pötte.”

“Danke,” antwortete sie leise, und ihre Wangen glühten leicht - aber nicht vom Alkohol. Wenn er sie mit seinen ruhigen, braunen Augen so ansah als wüsste er genau was hinter ihrer kleinen Schutzfassade vorging, dann wurde ihr immer etwas anders. Niemand hatte sie je zuvor so angesehen, nicht einmal ihr Ex Peter, und sie waren 8 Jahre ein Paar gewesen.

“Strafe muss sein, aber ich will ja auch dass sie ein wenig Spaß haben.”

Sie nickte und blickte ihn noch einen Augenblick länger an, ein wenig fasziniert von diesem Gefühl, bevor sie sich endlich losriss und langsam zum Bug der Repsold ging, eine Hand immer an der Reling. So ganz mochte Regina der ganzen Sache noch nicht trauen.

Zur linken der Repsold tauchte der Burchardkai auf und sie tuckerten langsam an dem riesigen Containerschiff vorbei, das dort lag. Die Containerbrücken holten unablässig bunte Stahlboxen aus dem Bauch des Schiffes, und obwohl ihr dieser Anblick als Hamburgerin keineswegs fremd war, konnte sie vor Faszination kaum auf etwas anderes schauen. So nah war sie den Containerriesen noch nie gekommen - schon als Kind hatten sie keine 10 Pferde dazu bewegen können, mit ihren Eltern eine Hafenrundfahrt zu machen, und das hatte sich bis heute nicht geändert.

Bevor die Repsold komplett an dem Containerterminal vorbeigezogen war, nahm sie noch schnell ein paar Fotos auf, ohne darüber nachzudenken dass sie die Reling dafür losgelassen hatte. Je weiter sie die Elbe abwärts fuhren, desto ruhiger schienen die Bewegungen des Bootes zu werden, und Regina fühlte sich immer sicherer und ließ sich von der schönen Aussicht auf den Elbstrand, das Airbus-Werk direkt am Wasser und die Hügel von Blankenese mit ihren Villen ablenken. All der Stress vom Morgen war verschwunden, und sogar die Aktenberge auf ihrem Schreibtisch und ihre To Do Listen waren weit weg als sie am Bug der Repsold stand. Der leicht salzige Wind wehte ihr um die Nase und weckte in ihr die Frage, wie lange es wohl dauern würde, wenn man bis in die Nordsee fahren wollte…

Das erinnerte sie daran dass sie Dirk noch gar nicht gefragt hatte, was überhaupt ihr Ziel für diese Probefahrt war und sie drehte sich mit einem entspannten Lächeln zu ihm um. Ihre Blicke trafen sich beinahe automatisch, und Regina’s Herz machte einen klischeehaften Hüpfer. Wie lange hatte er sie schon angeschaut?

Für einen langen Moment sahen sie sich wieder nur an, als ob sie in einer kleinen Blase existierten, weit weg von der normalen Welt, dann räusperte sie sich und dieses besondere Gefühl war weg. “Was… was ist eigentlich unser Ziel für heute, Herr Matthies?”

“Heute? Oh, Sie dachten wir schippern den halben Tag gemütlich rum? Nee nee, das ist eine richtige Probefahrt, ich hoffe Sie haben sich für das Wochenende nichts vorgenommen. Brunsbüttel, Cuxhaven, und dann ab nach Helgoland,” antwortete Dirk beinahe beiläufig, und Regina erstarrte.

“Was?”

Der innere Frieden, der sich in ihr breit gemacht hatte, verflog augenblicklich und sie starrte ihn mit weit aufgerissenen Augen an - das konnte doch nicht sein Ernst sein! Er hatte nie etwas von einer längeren Fahrt erwähnt, und schon gar nicht von einer, die über das ganze Wochenende ging! Ein Gefühl von Kontrollverlust machte sich in ihr breit und sie fragte sich, ob man von hier an Land schwimmen konnte…

Und dann sah sie das amüsierte Lächeln auf Dirk’s Gesicht.

“Ihre Witze waren auch schonmal besser.”

“Und ich dachte Sie hätten mit den Jahren gelernt nicht alles, was ich so von mir gebe, für bare Münze zu nehmen,” neckte er liebvoll und zwinkerte sie an. Regina verschränkte die Arme vor der Brust und gab ihr bestes, ihm einen bösen Blick zu zuwerfen, aber ein Lachen entkam ihr dennoch. Er hatte sie voll erwischt.

“Vielleicht habe ich mit den Jahren Ihre Meinung schätzen gelernt, Herr Matthies. Aber der einzige Grund, warum ich Sie jetzt nicht in die Elbe stoße ist der, dass ich keine Ahnung habe wie man so ein Schiff steuert.”

Dirk lachte auf, und obwohl sie es nicht wollte, musste Regina auch lächeln; der Schreck war verflogen und so wirklich übel konnte sie ihm den Scherz auch nicht nehmen. Er legte den Kopf schief und seine braunen Augen waren warm als er sie anblickte und antwortete: “Sie können nicht mehr ohne mich.”

“V-vielleicht,” murmelte sie, so leise dass sie sich nicht sicher war ob er sie überhaupt hören konnte, und schob sich verlegen eine Haarsträhne aus dem Gesicht. Als sie gedacht hatte dass Dirk Hamburg verlassen wollte hatte sie tatsächlich ein wenig Panik geschoben, einerseits natürlich beruflich - Dirk Matthies gehörte auf dem 14. Kommissariat inzwischen zum Inventar und war ein sehr guter Polizeibeamter den man in seiner Erfahrung nur schwer ersetzen konnte - aber auch privat.
Sie hatte schon die verpasste Chance gesehen; sie wusste zwar nicht ob sie sich jemals trauen würde, ihm ihre wahren Gefühle zu gestehen, aber solange er jeden Tag auf der Arbeit in ihrer Nähe war, konnte sie wenigstens an der Hoffnung festhalten dass sie es eines Tages schaffen würde ihm alles zu sagen.

Eigentlich war es schon ironisch was für einen besonderen Platz er in ihrem Leben eingenommen hatte, nachdem er damals, als er Revierleiter und sie damit zum ersten Mal seine Vorgesetzte geworden war, ihr Leben so auf den Kopf gestellt hatte. Damals hatte sie so viele Überstunden gemacht, sich den Kopf zerbrochen wie sie seine Fehler verbessern und ihn erziehen konnte; hätte er den Posten aufgegeben, sie wäre in der ersten Zeit wohl sehr froh gewesen.

Aber dann… dann hatte sie seine Qualitäten gesehen, und bemerkt dass Dirk vielleicht nicht der ordentlichste oder organisierteste Mensch war, aber er hatte Erfahrung und war so etwas wie die Seele des Reviers.

Auch wenn sie es nie zugeben würde, sie bereute es kein Stück dass sie damals ihren Vorgesetzten gegenüber seine Fehler vertuscht hatte. Und rückblickend hatte ihre vorübergehende Suspendierung sie dazu ermutigt, ihr Leben zu ändern. Peter hatte natürlich nicht verstanden weshalb sie so ein Risiko eingegangen war, für Dirk Matthies, den Mann über den sie sich Tagein Tagaus beschweren konnte…

Bis er dann doch mal etwas kapierte, und das sogar vor Regina sich selbst darüber im Klaren war.

“Keine Sorge, wir fahren nicht so weit raus. Jedenfalls nicht heute.”

Dirk’s tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken und sie brauchte einen Moment um sich zu sammeln. Er blickte sie wieder so an als wäre sie ein offenes Buch für ihn, und Regina drehte sich verlegen von ihm weg. Diese einfache Plänkelei hatte wieder eine kleine Lawine an Gedanken und Gefühlen losgetreten, und wieder wurde ihr klar dass sie noch immer nicht wirklich bereit war, ehrlich mit sich selbst zu sein.

oOo


Als die Mittagssonne hoch am Himmel stand und Regina langsam merkte dass ein Hut und bessere Sonnencreme eine gute Idee gewesen wären, steuerte Dirk die Repsold in einen kleinen Yachthafen. Sie hatten in den letzten Stunden beide nicht viele Worte gewechselt, doch die Stille war größtenteils nicht unangenehm oder seltsam gewesen. Regina musste zugeben dass es, wenn sie es endlich schaffte ihren Kopf abzuschalten, wirklich angenehm war, Zeit mit Dirk zu verbringen. Er war kein Mann großer Worte, aber er war sehr gut darin, die Stimmung mit einer Bemerkung wieder aufzulockern - sie mochte seinen Humor, auch wenn sie sich nicht immer erlaubte, dies auch zu zeigen.

Ihr Magen knurrte unnatürlich laut während Dirk die Repsold vertäute und sein Grinsen verriet ihr, dass er das gehört hatte.

“Wie gut dass ich ausreichend Proviant mitgenommen habe,” kommentierte er und bedeutete ihr mit einer Geste ihm in den Innenraum der Repsold zu folgen, wo er den Kühlschrank öffnete und anfing, jede Menge Teller hervorzuholen und auf dem Tisch aufzureihen. Regina lief bei dem Anblick das Wasser im Mund zusammen während sie sich auf die gemütliche Sitzbank sinken ließ, und eine Frage brannte ihr so sehr auf der Zunge dass sie sie einfach stellen musste. “Haben Sie das alles nur wegen mir gemacht?”

Dirk hielt inne als er Besteck aus einer Schublade nehmen wollte und kratzte sich verlegen am Nacken. “Naja, ich war nicht ganz sicher was sie mögen und dann bin ich lieber auf Nummer sicher gegangen…”

Regina ließ ihren Blick über das einfache, aber wirklich üppige Festmahl streifen. Drei mittelgroße Schüsseln jeweils mit Blatt -, Nudel - und Kartoffelsalat, ein Teller mit Rohkost und Dips, einer mit Sandwiches, ein kleines Blech mit Quiche…
Es sah wirklich so aus als hätte er einen halben Tag in der Küche verbracht, und der Gedanke, dass er sich so viel Mühe für sie gemacht hatte verbreitete eine wohlige Wärme in ihr die eindeutig nicht von all der Sonne kam, die sie heute schon an Deck getankt hatte.

“Das wäre wirklich nicht nötig gewesen…”

“Ich wollte ja dass Sie sich hier wohl fühlen,” antwortete er sanft während er ihr Besteck hinlegte, und Regina gab ihm ein Lächeln. Sie fühlte sich wirklich geschmeichelt davon, wie viele Gedanken er sich gemacht zu haben schien.

“Wenn Sie das eine Strafe nennen, Herr Matthies, dann dürfen Sie mich zukünftig öfter mal bestrafen.”

Da war ihre Zunge schneller gewesen als ihr Kopf, doch Dirk’s schiefes Grinsen verhinderte, dass die Situation sich übermäßig peinlich anfühlte. Wie konnte es so einfach sein, mit ihm Zeit zu verbringen, wenn es doch gleichzeitig auch so kompliziert war?

“Oh Frau Küppers, manche Wünsche sollte man nicht zu laut äußern, vor allem wenn man nicht weiß was am Ende wirklich auf einen zukommt.”

Er stellte ihr ein Glas hin und kramte noch eine Flasche Wasser aus dem Kühlschrank bevor er sich neben sie auf die Bank schob. Regina fühlte ihre Wangen glühen, aber sie erwiderte seinen Blick als ob nichts wäre, dann wandte sie sich dem Essen zu da ihr Magen wieder laut zu knurren begann.

Für einige Minuten herrschte ein gefräßiges Schweigen, dann sagte Regina anerkennend: “Das ist wirklich gut. Danke für die Mühe.”

“Och, da nich’ für.”

Er winkte nur mit einem kleinen Lächeln ab und nahm sich noch ein Sandwich während Regina einen Schluck Wasser nahm um ein wenig Zeit zu gewinnen - ihre Gedanken schienen ständig abzuschweifen, zurück zu den kleinen Plänkeleien, um sich dann in kleinen Fantasien zu verfangen…

Sie brauchte dringend ein unverfänglicheres Gesprächsthema, eines das sie ablenken würde…

“Und… und haben Sie schon weitere Pläne? Für Ausflüge mit der Repsold, meine ich.”

Dirk zuckte mit den Achseln und blickte sie dann mit seinem schiefen Grinsen an. “Immer noch Angst dass ich einen Törn nach Südamerika mache?”

Regina fühlte sich ein wenig ertappt und starrte auf den Rest Kartoffelsalat auf ihrem Teller, dann lächelte sie leicht. “Nein. Im Gegensatz zu Krabbe weiß ich inzwischen dass man mit der Repsold wohl eher keine Atlantiküberquerung wagen sollte, vor allem nicht alleine.”

Er gluckste und sie hob ihren Blick. “Krabbe… der würde so manches Fettnäpfchen vermeiden wenn er einfach mal nachdenken würde bevor her handelt.”

“Das stimmt, das würde uns einiges ersparen.”

Dirk zögerte merklich bevor er wieder zum sprechen ansetzte. “Aber ohne seine Irrwege wäre es auch deutlich langweiliger auf der Wache. Und ohne ihn hätte ich jetzt keine so angenehme Gesellschaft.”

Sie biss sich auf die Unterlippe; ihr Herz machte einen heftigen Hüpfer und ihre Stimme klang etwas heiser als sie ihre Zustimmung murmelte. Natürlich wären sie hier nie gelandet wenn Krabbe nicht mal wieder in kleine Dinge viel zu viel hineininterpretiert hätte. Und wenn sie ehrlich war, dann war sie wirklich froh dass sie hier war… nicht dass es laut zugegeben hätte.

Eine angespannte Still hing zwischen ihnen, und Regina rutschte ein wenig auf der Bank hin und her bevor sie sich räusperte. “Also… haben Sie andere Reiseziele ins Auge gefasst?”

“Naja, mit Helgoland würd ich es gerne mal versuchen, das schafft das alte Mädchen bestimmt… und vielleicht durch den Nord-Ostsee-Kanal und dann ein bisschen an der Ostsee rumschippern. Baden… angeln… dem Sonnenuntergang zusehen…"

"Das… das klingt wirklich sehr… schön."

Romantisch wäre eher das Wort gewesen, das Regina als Beschreibung gewählt hätte, aber davon konnte sie sich gerade noch abhalten. Sie konnte es beinahe vor sich sehen… zwei Liegestühle an Deck, kalte Getränke, ein paar Möwen die über das gold-rot schimmernde Meer flogen und seine Hand die sich über ihre legte…

“Vielleicht kann ich dann mit Lothar ein bisschen Zeit verbringen.”

Das Traumbild zerplatzte unsanft und Regina blinzelte, dann nickte sie schnell um zu verschleiern, wie weit weg sie mit ihren Gedanken bis eben gewesen war. “Klar… seit seinem Lottogewinn war er nicht mehr in Hamburg, oder?”

“Nee, seine Theatertruppe ist ja immer unterwegs… aber er ruft schon hin und wieder an.”

Regina nickte und konzentrierte sich wieder auf ihren Teller - es war nicht so dass sie sich nicht dafür interessierte was ihr ehemaliger Kollege nun so machte, aber ein Teil von ihr trauerte noch ihrer kleinen Fantasie nach. Verdammt, sie musste sich wirklich mehr zusammenreißen…

“Naja, so ist das eben, ich bin froh solange Lothar glücklich ist.”

Sie aßen schweigend für einen Moment, dann legte Dirk den Kopf schief. “Ich schulde Ihnen noch eine Antwort wegen dem Empfang zu Ihrem Dienstjubiläum. Ich komme natürlich gerne… aber ich werd keinen Schlips tragen, nicht einmal für den Polizeipräsidenten.”

“Das habe ich auch nicht erwartet, Herr Matthies. Ich würde mich einfach freuen, wenn Sie kommen,” antwortete Regina abwinkend, ein breites Lächeln auf dem Gesicht. Es würden wahrscheinlich so einige hohe Tiere der Hamburger Polizei anwesend sein, sowie viele Bekannte und ihre Mutter, wenn sie denn Zeit haben würde, aber irgendwie war es ihr sehr wichtig, dass er da sein würde.

“Ich werd den steifen Haufen mal ein bisschen aufmischen.”

Er zwinkerte ihr zu und Regina musste bei der Vorstellung glucksen - der Abend würde sicherlich nicht langweilig werden. “Ich kann es kaum erwarten.”

oOo


Nach dem Essen schlug Dirk einen kleinen Spaziergang auf dem Deich vor um sich die Beine etwas zu vertreten bevor sie sich auf den Rückweg nach Hamburg machen würden, und Regina war heimlich sehr froh dass er den Ausflug nicht unbedingt so schnell wie möglich beenden wollte. Sie genoss seine Gesellschaft, und offensichtlich beruhte dies auf Gegenseitigkeit.

Eine ganze Weile wanderten sie am Wasser entlang, unterhielten sich über alles mögliche und vergaßen beinahe die Zeit, aber irgendwann war es dennoch soweit dass sie sich entschlossen, wieder in See zu stechen.

Diesmal ließ Regina sich zeigen, wie die Taue der Repsold vom Anleger gelöst werden mussten, damit sie Dirk beim Ablegemanöver helfen konnte und nicht nur sinnlos im Weg stand. Er steuerte die Repsold wieder auf die Elbe hinaus während sie die Fender einholte, und sie war froh, dass die längere Pause ihre Seekrankheit nicht zurückgebracht hatte.

Es war beinahe ein kleines Wunder - ihr ganzes Leben lang hatte sie nicht mal ein Ruderboot besteigen können, ohne dass ihr elendig schlecht wurde. Ihr Vater hatte, wenn er mal nicht auf einer seiner vielen Geschäftsreisen gewesen war, öfters versucht, sie mit zum Segeln auf die Alster zu nehmen, hatte aber schnell aufgegeben, und auch Peter hatte auf einer Verabredung realisieren müssen, dass man sie mit einer Motoryacht nicht wirklich beeindrucken konnte.

Warum also ging es ihr auf der Repsold so gut?

Weil du ihm vertraust,’ wisperte eine Stimme in ihrem Hinterkopf, die verdächtig nach ihrer Mutter klang, und Regina schüttelte resolut ihren Kopf - was für ein Unsinn.

Nachdem sie die Fender ordentlich an Deck verstaut hatte beschloss sie, Dirk im Steuerhaus Gesellschaft zu leisten - die Sonne schien noch immer kraftvoll vom wolkenlosen Himmel, und ihr stand der Sinn nach etwas mehr Schatten. Und ja, vielleicht wollte sie auch ein wenig mehr in seiner Nähe sein, aber sie sagte sich selber, dass es nur wegen der Sonne war, die es an Deck so warm machte, auch wenn ihr das auf der Hintour nichts ausgemacht hatte.

“So, Frau Küppers, ich würd mal sagen, jetzt wo Sie sich langsam zu einer brauchbaren Decksfrau mausern, sollte ich Ihnen auch mal zeigen, wie man so ein Boot steuert,” sagte Dirk mit einem herausfordernden Grinsen, und Regina lachte auf da sie davon ausging, dass er einen Scherz machen wollte. “Ey, nicht lachen, ran hier.”

Das Lachen blieb ihr im Hals stecken, und Nervosität machte sich in ihr breit. “Das ist doch bestimmt nicht erlaubt… und überhaupt… das ist keine gute Idee…”

Dirk legte den Kopf schief und sah sie ruhig an, seine Mundwinkel ein wenig verzogen, als würde er ein Grinsen unterdrücken. “Vertrauen Sie mir etwa nicht, Frau Küppers?”

“D-doch, aber… aber so ein Boot darf man doch nur mit einem Führerschein steuern… und… und was ist, wenn die Wasserschutzpolizei gerade dann vorbeikommt?” stotterte Regina und warf einen unsicheren Blick auf das Steuerrad, als könnte es sich aus seiner Verankerung reißen wenn sie ihm zu nahe kam.

“Passiert schon nichts. Ich bin ja da.”

Er zuckte nur mit den Achseln, und Regina schüttelte den Kopf. “Das ist wirklich keine gute Idee, und als verantwortungsvoller Bootsführer sollten Sie… moment, kann ich mal Ihren Bootsführerschein sehen?”

“Ist das überhaupt ihr Kompetenzbereich, Frau Polizeioberrat?” stichelte Dirk und sah sie mit amüsiert blitzenden Augen an während Regina ihm einen dunklen Blick zuwarf und die Arme vor der Brust verschränkte. “Da kann wirklich nichts passieren, ich bin doch hier.”

Sie war sich noch immer nicht sicher, ob das wirklich eine so gute Idee war, und dieses altbekannte Kribbeln, das sie immer verspürte wenn sie im Begriff war, etwas Verbotenes zu tun, machte sich in ihr breit. Und dennoch trat sie langsam vor und nahm das Steuerrad, nachdem ihre Nerven mit einem tiefen Atemzug etwas beruhigt hatte. Ihre Schulter streifte Dirks, und sie räusperte sich verlegen; sie standen so nahe beieinander dass sie seine Körperwärme spüren konnte. Regina gab ihr bestes sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr seine Nähe ihr Herz zum hüpfen brachte.

“Einfach immer nach vorne schauen und das Steuer gerade halten.”

Seine raue Stimme war dicht an ihrem Ohr, und ein Zittern ging durch ihren Körper als er sanft seine Hände über ihre legte, um sie ein wenig zu korrigieren. “Genau so. Aber wir können noch ein Stückchen nach steuerbord.”

Hätte sie in diesem Moment nicht das Steuerrad der Repsold in den Händen gehalten, Regina hätte sicher ihre Augen geschlossen. Ein Teil von ihr wollte diesen Moment auskosten, doch tief in ihr regte sich auch eine altbekannte Angst. Sie waren sich so nah, eigentlich zu nah… und es wäre so einfach den Kopf zu drehen und die unsichtbare Linie zu überschreiten, die schon immer zwischen ihnen gewesen war. Und genau das war das Problem…

Dirk räusperte sich leise und Regina blinzelte als die Gedanken, die ein Chaos in ihrem Kopf verursacht hatten, langsam verstummten. Warum ließ sie sich so einen schönen Moment von den ganzen ‘Was wäre wenn’s kaputt machen? Es brachte doch absolut nichts, alles immer wieder zu überdenken und sich zu stressen; manchmal führte es zu besseren Ergebnissen, wenn man die Dinge einfach ihren Gang gehen ließ.

Verdammt, ihre Mutter hatte mal wieder Recht gehabt.

“Gut zu sehen dass es Ihnen Spaß macht. Ich hab mir heute morgen wirklich Sorgen gemacht.”

Sie lächelte befreit und warf ihm einen kurzen Blick über die Schulter zu; für einen Moment zog sich alles in ihr wieder zusammen, doch dann entspannte sie sich genauso schnell wieder. “Ich bin auch froh darüber. Ich hätte nie gedacht dass ich es mal auf einem Schiff aushalten würde, das nicht im Hafen liegt. Ich denke ich sollte ‘Wunderheiler’ in Ihre Personalakte schreiben.”

Er lachte und streckte die Brust etwas raus. “Ich bin eben ein Mann mit vielen Talenten.”

Während Regina sich wunderte was es bei ihm noch alles zu entdecken gab, griff Dirk über ihre Schulter und drehte das alte Radio auf, das an der Wand neben dem Steuerrad hing; augenblicklich dröhnte alte Rockmusik viel zu laut aus den Lautsprechern. Hastig regelte er die Lautstärke herunter und sie lachten beide vor Schock laut auf. “Muss ich mir Sorgen um Ihre Nachbarn machen, Herr Matthies?”

“Nee nee, die schätzen meine Qualitäten als DJ,” witzelte er und griff nach dem Steuer um sie wieder ein wenig zu korrigieren. Diesmal war Regina viel ruhiger als seine Finger über ihre Hände streiften. “Soll ich wieder übernehmen damit Sie die Landschaft genießen können?”

Regina zögerte für einen Moment, dann schüttelte sie sanft den Kopf. “Nein, das gefällt mir. Aber bitte nicht weggehen.”

“Keine Sorge, ich bleibe bei Ihnen,” antwortete Dirk und sie konnte das Lächeln in seiner Stimme hören, auch wenn sie sein Gesicht in diesem Moment nicht sehen konnte. Eine angenehme, wohlige Wärme machte sich in ihr breit, und sie konnte selbst nicht aufhören zu lächeln während die Repsold friedlich die Elbe hinaufschipperte.

oOo


Als Regina am Abend nach einem Glas Rotwein auf der Hotelterrasse in ihr Bett krabbelte, war sie so müde und gleichzeitig durch und durch zufrieden darüber wie lange nicht mehr. Ein entspannter Seufzer entglitt ihr als sie sich auf der weichen Matratze streckte und die Bettdecke zurecht schob.

Wenn ihr jemand am Morgen erzählt hätte, dass sie bei der Probefahrt jede Menge Spaß haben würde, dann hätte sie ihn ausgelacht, aber nun lag sie hier und konnte sich nicht daran erinnern, wann sie das letzte Mal einen so schönen Samstag gehabt hatte. Sie hatte keinen einzigen Gedanken an die Arbeit verschwendet, die auf ihrem Schreibtisch und in ihrer Aktenmappe wartete, und sie hatte sich tatsächlich sehr gut entspannt, eine Sache die ihr oft schwer fiel.

Nicht einmal die trügerische Hitze auf ihrer Haut die darauf hindeutete, dass sie sich auf dem Wasser einen leichten Sonnenbrand geholt haben musste, konnte ihre Freude trüben. Als sie sich auf den Bauch drehte und nach ihrem Handy griff um zum ersten Mal an diesem Tag ihre Nachrichten zu überprüfen, fasste sie den spontanen Entschluss, dass sie den Sonntag am Elbstrand verbringen würde, wenn das Wetter sich weiter so hielt. Irgendwie hatte sie Lust auf mehr von diesem Gefühl von Sorglosigkeit, wenn ihr der Wind um die Nase wehte, und sie konnte ja schlecht Dirk… Herr Matthies einfach so nach einem weiteren Ausflug fragen… oder?

Gerade als ihre Ideen dazu anfingen zu wachsen, ploppte eine eingehende Nachricht auf ihrem Handy auf, und Regina fiel beinahe das Handy aus der Hand als sie sah, dass sie von ihm war. Ihre Finger zitterten leicht vor Aufregung als sie auf den Bildschirm tippte um die App zu öffnen, und ihr Atem stockte für einen Moment, als sie Dirk’s Nachricht sah.

Eine Wärme, die eindeutig nicht von ihrem Sonnenbrand herrührte, begann sich in ihrem Gesicht auszubreiten, und Regina biss sich auf die Unterlippe.

Er hatte ihr ein Bild geschickt, von ihr, wie sie lächelnd an der Reling der Repsold stand und auf das Wasser hinaus blickte. Das Sonnenlicht brachte ihre Haare zum leuchten und sie sah so glücklich aus…

Sie hatte gar nicht bemerkt, dass er ein Foto von ihr gemacht hatte.

Eine weitere Nachricht von ihm schob das Bild ein wenig nach oben, und Regina’s Herz machte einen freudigen Hüpfer.

Ich habe die Fahrt heute wirklich sehr genossen. Ich hoffe Sie leisten mir beim nächsten Ausflug wieder Gesellschaft.

Es war schwer in Worte zu fassen was sie in diesem Moment fühlte - Freude, Aufregung, Nervosität… sie hatten heute eindeutig eine Schwelle überschritten, vor der sie zuvor immer wieder zurückgeschreckt waren.

Und Regina musste zugeben, dass es sich sehr gut anfühlte.

Sogar sehr gut.

Alles war weiterhin offen, sie mussten nichts überstürzen… solange sie beide sich damit wohl fühlten, würden sie weiter kleine Schritte tun und sehen, wohin der Weg sie führen würde.

Ein sanftes Lächeln erleuchtete Regina’s Gesicht als sie eine Nachricht eingab, und als sie wenig später einschlief, lächelte sie noch immer friedlich in ihr Kissen.

Nächstes Mal können wir gerne weiter raus fahren.

ENDE
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