Bestie

OneshotSchmerz/Trost, Suspense / P18
Eri Kai Chisaki / Overhaul
25.07.2020
25.07.2020
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Bestie




„Eri, du bist dir absolut sicher, dass du das wirklich tun möchtest? Ganz, ganz sicher?“

Das Blut in ihren Ohren rauschte so stark, dass sie beinahe die sanften und besorgten Worte ihres Beschützers nicht hatte wahrnehmen können. Sie war noch nicht bereit für eine Antwort, also atmete sie angestrengt ein, hielt die Luft an und starrte dann unsicher zu dem hohen Gebäude, das sich vor ihr wie ein unerschütterlicher Wall in den blauen Himmel erstreckte.

Blanker, kalter Stahl überzog die glatten Außenwände der hohen Fassade. Ummantelte diese uneinnehmbare Festung, die dazu errichtet worden war jene unter Verschluss zu halten, welche um jeden Preis von der Gesellschaft ferngehalten werden mussten. Jene, die unsagbare Qualen über die Bevölkerung gebracht und damit das angeborene Recht auf menschliche Behandlung auf alle Zeit verwirkt hatten. Die noch immer ihren wirren Idealen folgten und deren Rehabilitation aussichtslos erschien. Wer hier landete, konnte nicht auf ein schnelles Ende der bevorstehenden Qualen hoffen – ganz im Gegenteil. Denn für diesen Teil der Menschheit war selbst die Todesstrafe ein zu gnädiges Urteil.

Das hier war der Hochsicherheitstrakt für Schwerstverbrecher aller Art.

Das hier … war Tartarus.

„Eri,“, wiederholte der blonde junge Mann besorgt, beugte sich zu ihr und legte die Stirn in Falten, „niemand zwingt dich dazu.“

Die linke Tür der schwarzen Limousine hinter den beiden wurde schwungvoll zugestoßen und ein auf den ersten Blick schmuddelig wirkender Mann, eingehüllt in dunkle Kleidung, trat seufzend zu ihnen. Genervt brummte er: „Versuch nicht, es ihr in letzter Minute auszureden, Togata. Es war schwierig genug, überhaupt die Erlaubnis hierfür zu erhalten.“

Über die freundlichen blauen Augen des Angesprochenen legte sich ein Schatten der Besorgnis, während er mit vorgehaltener Hand an seinen Begleiter gewandt murmelte: „Ich weiß, dass sie stärker als jeder andere ist. Aber was, wenn er wieder seine Psychotricks auspackt?!“ Hastig wedelte er währenddessen durch die Luft.

„Falls er überhaupt dazu imstande ist. Ich habe gehört, es sieht nicht gut um seine geistige Verfassung aus.“

Mirio Togata seufzte und blickte rasch zu ihr. „Es ist sehr schade, dass Midoriya ausgerechnet jetzt mit seinem Team ins Ausland beordert wurde. Mission ist Mission, aber … seine Anwesenheit wäre für Eri hilfreich.“

Ehe sein Begleiter etwas daraufhin erwidert hatte, atmete das Mädchen tief ein, presste seine rechte Faust zitternd gegen die Brust und erschuf vor seinem geistigen Auge die Erinnerung an einen zunächst unscheinbar wirkenden jungen Mann mit grünem Haar, der liebevoll lächelte und ermutigend die Faust erhob. Dessen Lächeln, je länger man es sah, in jedem den Funken der Hoffnung entfachen konnte. Vorgestern, vor seinem Abflug, hatte Eri lange mit ihm gesprochen und ihm versichern müssen, dass es okay war, wenn er ihr heute nicht beistehen konnte. Und natürlich war es okay! Er musste dort sein, wo Menschen in Not ihn gerade brauchten! So wie er damals dort bei ihr war, als sie ihn gebraucht hatte.

Eri musste keine Angst haben. Nicht mehr. Schließlich hatte er sie aus den Klauen der Bestie befreit … Im Herzen war Deku eh immer bei ihr.

„Ist schon gut. Ich … möchte es wirklich sehr“, murmelte sie in den Wind gehaucht und setzte mutig einen Fuß vor der anderen. Das hier war ihr eigener Wunsch gewesen.

Die Bestie hatte sie so lange schon weiter in ihren Träumen heimgesucht, doch heute sollte sie ihren Schrecken ein für allemal verlieren.


 

Eine Bestie verfolgte ihn.

Sie quälte ihn unablässig, seit diese Kranken ihn vor Jahren in das schmutzige Loch hier unten gesteckt hatten, um weiterhin ihrem Wahnsinn frönen zu können. Tag für Tag durchlebte er einen Albtraum in dieser verkommenen Welt, die so fürchterlich verdreht und falsch auf ihn wirkte. Eine Gesellschaft voller Blinder mit verkorksten Idealen, und er war der einzige zwischen ihnen, der klar sehen konnte.

Er hatte doch nur …

… nur gewollt, dass …


Ah, Moment. Vorsicht, Vorsicht … da war es wieder.

Er konnte es nicht sehen, doch die Gefahr, die von ihm ausging, schlich einem hungrigen Raubtier gleich durch die Gänge dieses Kerkers und drückte seinen übelriechenden Gestank in jeden Winkel, jede Ritze, jede noch so winzige Pore des kalten Betonbodens.

Ein Dunst aus Fäulnis und süßlich stinkendem Zerfall schob sich auf der Suche nach ihm unabwendbar durch das Gemäuer.

Es war ein krankmachendes Miasma, das ihn wie eine unsichtbare Wolke einhüllte, die Luft um ihn herum verpestete und mit jedem weiteren seiner Atemzüge seine Lungen von innen heraus zu zerfressen drohte. Jedes Luftholen brannte wie Feuer, ließ ihn reflexartig würgen und er fürchtete sich bereits währenddessen vor dem, was er wenige Sekunden später ausstoßen müsste: einen beißenden Gestank nach Verwesung, der seinen Hals empor kroch, heiße Galle in ihm aufsteigen ließ und ihn dann mit Gewalt dazu zwang, seinen Mund zu öffnen, um all dies wieder und wieder geschehen zu lassen.

Er war ihm schutzlos ausgeliefert, diesem gierigen, besudelten Ding, das sich wohl ohne Unterlass nach ihm zu verzehren schien.

Hätte er auch nur ansatzweise geahnt, was auf ihn zukommen würde, wäre ihm so ziemlich jedes Mittel recht gewesen, um allem zu entgehen.

Selbst der Tod wäre ein Ausweg gewesen. Von Anfang an hätte er ihn eher als das hier akzeptiert, nachdem er damals geschunden, verspottet und verachtet auf dem Boden gelegen war, unfähig etwas zu unternehmen. Doch Shigaraki, dieses morbide, verkommene und schmutzige Wesen, hatte ihm die Gnade des Todes nicht zuteil werden lassen und zu allem Überfluss sogar Recht behalten: Auf ihn, Overhaul, hatte ein weitaus schlimmeres Schicksal gewartet.

Eingekerkert in diese Hölle, umgeben von besudeltem Unrat, der angeblich derselben Spezies angehören sollte, vegetierte er in einem Dämmerzustand vor sich hin und wartete auf … nichts.

Seit Jahren.

Was sollte sich denn je an diesem Horror für ihn ändern?





Vor vielen, vielen Monaten, Eri kam es beinahe wie ein halbes Leben vor, da hatte sie den Entschluss gefasst, endlich loslassen zu müssen.

Loslassen von dem, was ihr widerfahren war, sie musste die Erinnerungen an das Übel und den Schrecken der Vergangenheit aus ihrem Gedächtnis tilgen.

Nachdem sie mitten in der Nacht ein weiterer der Albträume heimgesucht und schluchzend in die Arme ihres Ziehvaters getrieben hatte, war ihr klar geworden, dass es nur einen einzigen Weg gäbe, um wahre Freiheit zu erlangen: Sie musste aufhören, vor der Bestie weglaufen zu wollen.
Musste sich ihr stellen, ins Gesicht blicken und …

Natürlich hatte ihr Leben sich um hundertachtzig Grad gewendet, nachdem sie durch eine waghalsige Rettungsaktion vonseiten der Heldengemeinschaft dem eisernen Griff ihres Peinigers entrissen worden war; aber Overhauls Macht über sie war bis zum heutigen Tage spürbar und sein Schatten fiel weit.

Eri war klar, dass ihr nichts mehr geschehen konnte. Nicht nach so langer Zeit; nicht, nachdem sie derart starke Beschützer an ihrer Seite wusste, die sie und ihre Seele errettet hatten.

Das erste Mal, seit die Yakuza sie damals zu sich genommen hatten, konnte sie wieder Zuneigung empfinden. Dankbarkeit. Freude. Liebe.

Sie konnte aufblühen. Das Leben genießen und selbstbewusst in die Zukunft sehen.

Aber dann …

Oft ließ eine trügerische Stille sie wochenlang zufrieden, Tage vergingen, ohne dass sie auch nur einen einzigen schlimmen Gedanken daran ertragen musste. Doch je länger diese Schonfrist andauerte, desto heftiger kam der Schock zurück, wenn eine kleine Geste, ein einziges Wort, eine unbedachte Berührung etwas in ihr zurückholten …

Da wurde es ihr immer wieder bewusst vor Augen geführt:

Er war noch da. In ihrem Kopf. Manchmal hörte sie seine kalte, ruhige Stimme durch den Raum dröhnen, meinte ihn aus den Augenwinkeln wahrnehmen zu können - doch das Trugbild löste sich auf, sobald sie panisch zur Seite wich und hektisch ihr Umfeld absuchte.

Egal wie oft ihr versichert worden war, dass Kai Chisaki weggesperrt und vollkommen machtlos in einer Zelle saß …

Ein kleines Stück ihrer Selbst gehörte noch immer ihm. Und das machte ihr panische Angst.

Tatsächlich war es leichter gewesen als erwartet, ihren Adoptivvater von ihrem Vorhaben zu überzeugen.

Eigentlich war sie stark davon ausgegangen, dass er es auf einem genuschelten „Kommt nicht in Frage“, belassen würde, um dann einen großen und geräuschvollen Schluck aus seiner Tasse mit Katzenmotiv zu nehmen, die sie ihm letztes Jahr zum Geburtstag geschenkt hatte …

Den Schluck aus der Tasse hatte er zwar wirklich genommen, aber dem war tatsächlich nur ein langes, nachdenkliches Schweigen vorausgegangen. Sie konnte sich daran erinnern, wie sie sich mit verschwitzten Händen in ihre Oberschenkel gekrallt hatte und ihren Mund zu einer angespannten Schnute verzog, während sie auf seine (ganz sicher negativ ausfallende) Antwort wartete.

Aber es kam anders.

„Wenn du denkst, dass dir das helfen wird, dann werde ich sehen, was sich machen lässt“, waren seine Worte gewesen. Eri hatte ihren Ohren nicht trauen wollen.

„Wirklich...?“

„Sagte ich doch, Mädchen.“

Dann hatte sie lange nicht mehr mit Shouta Aizawa über die Sache gesprochen; schlichtweg aus Angst und Unsicherheit. Als sie dachte, das Thema wäre stillschweigend vom Tisch genommen worden, hätte sie es akzeptiert – wie schon so vieles in ihrem Leben. Um ehrlich zu sein, war sie sowieso über ihren eigenen Mut erstaunt gewesen!

Doch dann, vor ein paar Wochen, war er nach Hause gekommen, hatte tief geseufzt und wie aus dem Nichts gemeint: „Dein Wunsch, Chisaki zu besuchen … Nun, die Sache wurde tatsächlich von ganz oben genehmigt. Mit ein paar nervigen Auflagen zwar, aber damit war ja zu rechnen. Wenn du deine Meinung nicht ändern willst, bekommst du in genau einem Monat die Chance dazu, Eri.“

Und nun schritt sie mit einem beklemmenden Gefühl in der Magengegend zum großen Tor mit den erschreckenden Türmen, auf denen Wachen standen, die jeden ihrer Schritte genau beäugten. Beinahe kam sie sich selbst wie eine Verbrecherin vor.

Mirio Togata, Lemillion, einer ihrer Retter und selbsternannter „großer Bruder“, bemerkte natürlich sofort die Panik, die in ihr zu keimen begann. Liebevoll legte er eine Hand auf ihr Haar und tätschelte sie ermutigend. „Ganz schön finstere Typen da oben, was? Die sollten mal ein wenig mehr lächeln!“ Und schon setzte er selbst zu seinem breitesten Grinsen an und ließ das lauteste Lachen ertönen, das, seit sie ihn kannte, immer wieder aufs Neue einem Leuchtturm in finsterster Nacht gleich einen Weg durch das Dunkel ihrer Angst bahnen konnte. Solange er dabei war, konnte ihr nichts geschehen. Solange der mächtige Lemillion hier neben ihr schritt, würde die Bestie sie, geblendet durch sein strahlendes Licht, niemals verschlingen können.

Doch Eri wusste, dass dieser Besuch auch ihm nicht leichtfallen würde. Egal wie sehr er sich auch für sie ins Zeug legte, um über seine eigene Anspannung hinwegzutäuschen.

Voll Dankbarkeit griff sie nach seiner Hand und bahnte sich mit ihm an ihrer Seite den Weg nach vorn.


 

Ein dumpfes Dröhnen glitt durch den Gang, als sich das schwere Stahltor zum Zellenblock öffnete.

Der letzte Kontrollgang war doch noch gar nicht allzu lange her? Auch wenn Zeit hier unten keine Rolle mehr spielte – das Licht auf den Gängen brannte Tag und Nacht und in unregelmäßigen Abständen wurden die Zellen überprüft – war es doch merkwürdig, in solch geringem Abstand erneut einen der Wärter hier anzutreffen. Nie ein gutes Zeichen.

Er hatte jedoch keine Zeit, sich auf das dort draußen zu konzentrieren: Sein eigener Horror spielte sich bereits wie so oft zuvor innerhalb seiner Zelle ab.

Die Bestie, die es auf ihn Tag um Tag abgesehen hatte, schickte wieder ihr abstoßendes Gefolge los, um sich ihm auf makabre Weise anzukündigen.

Sie waren überall: Schmutzig graue Körper, zerzaust und abgemagert, steckten ihre widerlichen Schnauzen in jeden Winkel seiner Zelle; schoben sich mit ihrer unbarmherzigen Neugier voran, um ein Opfer zu finden.  Noch beachteten sie ihn nicht, aber das war wie immer nur eine Frage der Zeit. Gerade galt ihre Aufmerksamkeit noch einem der ihren …

Der struppige Pelz einer besonders verabscheuungswürdigen Kreatur stand in alle Richtungen ab – zumindest an den Stellen, über die sich noch ein Stück Haut spannte. Dieses zerfledderte Ding verteilte einen pestilenzartigen Gestank, es roch bereits nach Verwesung, obwohl es seine dürren Glieder noch zitternd voreinander setzen konnte.

Ekel und Furcht kämpften um die Oberhand in ihm; er war unfähig, sich von dem Schauspiel abzuwenden, das sich ihm zu offenbaren begann.

Wie auf ein unsichtbares Zeichen hin begannen die anderen zerlumpten Kreaturen, die schwächste aus ihren Reihen zu umzingeln und sich auf sie zu stürzen.
Das wilde und panische Quieken fuhr ihm durch Mark und Bein; das Geräusch von reißendem Fleisch und brechenden Knochen jagte einen stechenden Ton durch seinen Kopf, der sich unbarmherzig durch seine Gehörgänge zu graben schien und sein Hirn zu durchbohren versuchte.

Overhaul kämpfte vergeblich gegen den Brechreiz, der in ihm aufzusteigen begann, und spürte, wie der Speichel in seinem Mund bereits verdächtig zusammenlief.

Es würde nicht mehr lange dauern, da hätten diese schäbigen Kreaturen ihr Mahl beendet und würden ihre Aufmerksamkeit …

… auf ihn richten.

Als dieser lähmende Gedanke in ihm nackte Panik zu säen begann, schienen die Geschöpfe seine Angst zu wittern. Als teilten sie einen einzigen, grausamen Verstand, wandten sie urplötzlich ihre gespenstischen, blutverschmierten Gesichter in seine Richtung, funkelten ihn aus bösen, gelben Augen heraus an – und setzten sich Schritt für Schritt in Bewegung.

„Nein, nein, nein ...“

Ein Rucken ging durch seinen Körper, aber die schwarzen Gurte, die ihn an den Stuhl fesselten, hielten ihn grausam zurück. Er begann hektisch zu atmen, spürte den kalten Schweiß auf seiner Stirn. Bisher hatten sie ihn noch nicht bekommen, aber es war nur eine Frage der Zeit …

Zwischen all den wirren Gedanken, die in seinem Kopf zu einem dissonanten Kanon anstimmten, hörte er dennoch ganz deutlich das Dröhnen der Stahlstiefel auf dem Gang zu ihm durchdringen. Das rhythmische Klong, Klong, Klong näherte sich tatsächlich immer weiter und weiter seiner Zelle …

Und dann schob sich etwas vor das kleine Fenster, und die Plage, die kurz davor gewesen war, nach seinen Beinen zu schnappen, zerstob in vergängliche, schwarze Nebelschwaden.

Verwirrt blickte er zwischen dem nun leeren Zellenboden und dem Mann hin und her, der ihn durch die Scheibe abfällig zu mustern begann. Ein böses, schiefes Grinsen auf einem verkommenen, ungleichmäßigen Gesicht, dessen Anblick ihm seit jeher zuwider war. Es war abstoßend. Schmutzig.

„He, Chisaki, heute ist dein großer Tag“, brummte der Wärter dumpf hinein, während er den Sicherheitscode eintippte und dann das Rad der Zellentür unwirsch herumriss.

Mit einem Zischen löste sich das Ventil und die letzte Barrikade, die ihn von diesem plumpen Ekel trennte, wurde achtlos zur Seite geschoben.

Instinktiv spannte er sich an. Verkrampfte sich so sehr, dass seine Muskeln zu schmerzen begannen. Sein Atem wurde hektischer, als der Wärter sich viel zu nah zu ihm beugte und den fauligen Gestank seines Mauls in sein Gesicht blies.

„Was denn, siehst du schon wieder deine kleinen Freunde? Mensch, kein Wunder, dass du dich an Kindern vergriffen hast, du feiger Irrer. Fürchtest dich ja schon vor deinem eigenen Schatten und ein paar kleinen Staubflusen, was?“

Es juckte, es brannte auf seiner Haut; er konnte fühlen, wie sich kleine Bläschen darauf bildeten. Er spürte das Blut in seinen Adern pulsieren; stoßwellenartig jagte es Adrenalin durch seinen Körper und ließ sein Herz derartig heftig schlagen, dass sein Brustkorb zu schmerzen begann.

Mutwillig ignorierte der Wärter erneut seine Individualdistanz und klopfte ihm salopp auf die Schulter. Feuer. Es brannte. „Ob du es glaubst oder nicht, Rattenjunge, du hast Besuch.“

Er selbst kämpfte jedoch so sehr mit seiner Panikattacke, dass ihm nicht einmal richtig bewusst wurde, wie die Stützblöcke des Rollstuhls, an den er geschnallt war, zur Seite gezogen wurden.

Er war zum „Transport bereit gemacht worden“, wie sie es nannten. Transport – aber wohin?




Eingeschüchtert von dem langwierigen Prozess, der diesem … Besuch … vorausgegangen war, blickte Eri starr auf den Punkt zwischen ihren Füßen, während der Lift sie in eines der tieferen Geschosse beförderte.

So viele Blätter hatten sie und ihre Begleiter ausfüllen müssen. So viele Regeln wiederholen. Schleusen durchqueren. Sicherheitskontrollen überstehen. Das alles war so gruselig. Als hätte sie nicht ohnehin schon solch große Angst vor dem, was noch kommen würde …

Am liebsten hätte sie einfach die Augen vor allem verschlossen, was sich hier so bedrohlich anfühlte, aber bereits damals hatte sie erfahren müssen, dass sie diese Taktik nicht hatte schützen können. Nicht vor ihm. Nicht vor den Dingen, die er ihr angetan hatte.

Währenddessen redete Lemillion einfach drauflos. Erzählte ihr von allem, was ihm gerade einfiel, und wenn es sich nur um das handelte, was er heute mit seinem besten Freund zum Frühstück gegessen hatte. Auf Außenstehende wirkte dies vielleicht plump und unsensibel beim Anblick von Eris Unbehagen, aber sie selbst wusste genau, dass dieser unaufhörliche Redeschwall nur dazu dienen sollte, ihr Kraft zu spenden. Und natürlich half es, denn er wusste immer schon instinktiv, was den Schmerz in ihrem Herzen lindern konnte.

Und Angst zu haben war okay, das wusste sie von Deku. Es war nur wichtig, dass man lernte sie zu überwinden. Denn dann waren gruselige Dinge gleich nicht mehr ganz so gruselig.

Ding.

Der Fahrstuhl stoppte abrupt.

„Hier entlang, bitte“, raunte der Wärter, der die drei Besucher bis hierher begleitet hatte, und deutete ihnen die Richtung. Eri bemerkte ihn sofort; einen der merkwürdigen Blicke, die er ihr nun schon mehrfach zugeworfen hatte. Es fühlte sich an, als würde sie jemand mit kaltem Wasser übergießen und dann einem Schneesturm aussetzen.

Doch nicht nur ihr war dieses Verhalten aufgefallen; Shouta seufzte entnervt und beugte sich zum Wärter. „Ich kann mir schon vorstellen, was Sie sich denken; aber sparen Sie sich ihre Predigt. Sie mag erst zehn sein und hier grotesk fehl am Platz wirken, aber es war ihr eigener Wunsch, Chisaki aufzusuchen. Und diesen Wunsch werde ich ihr nicht abschlagen. “

„Ich habe nichts gesagt.“

„Dann belassen wir es dabei.“

Still dankte sie ihrem Ziehvater für das Verständnis. Denn Eri …

Nun, sie hatte genug von Mitleid.

Ja, es war ungewohnt und schön gewesen, endlich warme Worte statt kalter Taten zu erleben, als sie in Obhut dieser Leute kam. Aber nach und nach begann sie zu begreifen: Sie konnte nicht immer nur das arme Kind bleiben, dem unsagbare Dinge angetan worden waren. Das jeder nur mit Samthandschuhen anfassen wollte. Sie wollte endlich leben. Unvoreingenommen, frei und losgelöst von ihrer Vergangenheit – und diese ständige Angespanntheit um sie herum vernebelte die Freude über ihre gewonnene Freiheit; trübte ihre zaghaft aufkeimende Unbeschwertheit und zog sie tief hinab in einen Krater, aus dem der Aufstieg so unendlich mühevoll erschien.

„Ist das nicht die Kleine, die so schlimm misshandelt wurde?“

„Sie war lange Zeit bei diesem gestörten Yakuza. Wer weiß, was der alles mit ihr angestellt hat.“

„Habt ihr die Narben an den Armen gesehen? So ein armes Mädchen.“

„Still jetzt, nicht dass sie uns hört. Tut einfach so, als wäre nichts!“


Und dann diese Blicke.

Sie war doch so viel mehr als dieses „arme Mädchen“, dessen Leben von den Yakuza zerstört worden war… Deshalb hatte sie ja diesen beschwerlichen Weg zu beschreiten begonnen: Um es sich selbst und allen anderen zu beweisen, dass der Moloch namens Angst sie nicht wieder verschlingen würde.

Also drückte sie noch einmal Mirios Hand und beschleunigte ihre Schritte; eilte hoch erhobenen Hauptes den Weg voran um diesem fremden Mann dort vor ihr zu zeigen, dass sie weder gebrochen war, noch sein Mitleid nötig hatte.

Ihre Begleiter tauschten einen kurzen Blick und folgten ihr entschlossen zur hohen Tür, über der in großen, silberfarbenen Lettern geschrieben stand: Besuchsraum. Eintritt nur mit entsprechender Genehmigung.


 

Erschöpft sank sein Kopf auf die Brust und er sog hastig die verpestete Luft ein, während die Sicht vor seinen Augen immer mehr verschwamm. Unter flatternden Lidern hindurch versuchte Overhaul auszumachen, wo er sich gerade befand …

„Na, wieder eingekriegt?“, raunzte der Wärter hinter ihm abschätzig und stieß mit einer seiner Stahlkappen unwirsch gegen den Rollstuhl. Weiterhin bedachte er ihn mit einem der prüfenden, missbilligenden Blicke, die er nun schon seit vier Jahren ertragen musste. „Wenn es nach mir ginge, was es ja leider nicht tut, würde ich einen wie dich ganz sicher nicht auch noch hier unten durchfüttern. Weißt du, ich hab selbst ’ne Tochter, sie ist letzte Woche zehn geworden“, er straffte die Seile, die ihm ohnehin schon in den Brustkorb schnitten, „und wenn ich mir vorstelle, einer wie du würde ihr begegnen …“

Es war eine solch bittere Ungerechtigkeit. Er hatte es nicht verdient, von diesen schmutzigen Insekten derart behandelt zu werden … Er hatte es nicht verdient, so -

Grob vergrub besagtes Insekt sich in seinem Haar und riss seinen Kopf nach oben. „Großer Gott, schau nicht schon wieder so leidend aus der Wäsche. Bei deinem mitleidigen Hundeblick krieg ich jedes Mal die Krätze, Chisaki“, fauchte er ihm entgegen und überzog dabei sein Gesicht mit fauligen, stinkenden Speicheltropfen, die sich wie Säure in seine Haut zu brennen schienen.

Der Wärter war indes mit seiner Schikane noch nicht fertig. Abschätzig beugte er sich zu ihm und brummte kaum hörbar: „Da würde man gar nicht drauf kommen, was du für ein scheiß Kinderschänder bist. Gut, dass sie dir deine verkommenen Hände abgeschnitten haben, du perverses Arschloch.“

Der Kerl fing an, sich an Overhauls Armen hinabzutasten; oder besser gesagt an dem, was davon noch übrig geblieben war.

„Ich versteh’s nicht, dass sie einem wie dir auch noch Prothesen gebastelt haben.“ Grob ruckelte er  zur Überprüfung an der Vorrichtung, die seine … „Hände“ verbarg. Es war ein einziger Hohn. Sie hatten ihm künstliche Arme angelegt, um diese dann mit diesen unwürdigen Halterungen wegzusperren. Was dort unten in dem Metallkäfig steckte, war nichts, was er wollte. Was ihm nützte. Es fühlte sich falsch und verkommen an, täuschte auch nicht über den Schmerz hinweg, den er noch hin und wieder zu spüren schien – oder den er sich zumindest einbildete.

Nachdem der Wachmann sich vergewissert hatte, dass die Halterung vorschriftsgemäß angebracht war, presste er seine eigene Hand tief in Overhauls Gesicht, rieb schroff darin herum und machte sich dann böse feixend daran, den Raum zu verlassen.

Schon wieder spürte er eine blanke Panik in sich aufsteigen, die Enge im Brustkorb, das Brennen im Hals; das Miasma griff in diesem schrecklichen Abyssus erneut nach ihm …

Und dann erkannte er, wo er sich befand.

Oder vielmehr, er vermutete es. Die große Glasscheibe, welche die zwei gegenüberliegenden Räume voneinander trennte. Die verspiegelten, in den Wänden eingelassenen Kacheln, die auf Überwachungskammern dahinter schließen ließen. Die zwischen den Räumen installierte Sprechanlage. Die … Stühle auf der anderen Seite der Glasfront.

Ein Besuchsraum. Stimmt, die Worte vorhin …

Aber wer sollte ihn besuchen kommen? Jene, die ihm loyal ergeben waren, hatten entweder ihr Leben verloren oder saßen ebenfalls weggesperrt in diesem Kerker. Würde denn sein geliebter Ziehvater … nach allem, was vorgefallen war … ?

Das Knarzen der Tür riss ihn aus seinen Überlegungen und gebannt starrte er auf das kalte Metall, das ihm für wenige weitere Sekunden die Sicht versperren würde, auf …




„Eri, wenn wir jetzt reingehen und du merkst, dass es dir zu viel wird, möchte ich, dass du dies sofort und auf der Stelle sagst.“ Shouta bedachte sie mit einem strengen Blick, doch seine Zuneigung war für sie klar und deutlich zwischen den Zeilen zu lesen.

„Und denk dran: Egal was er sagt oder macht, er kann dir niemals wieder wehtun“, fügte Mirio mit erhobenem Zeigefinger hinzu und seine Knopfaugen strahlten sie ermutigend an.

Eri nickte.

Oft schon hatte sie sich vorgestellt, wie dieser Moment wohl ablaufen könnte. Wie würde er heute aussehen? Wie nah müsste sie ihm kommen? Das letzte Mal, als sie ihn gesehen hatte, war Overhaul ... nein, Kai Chisaki, ein rasendes Monster gewesen. Sie hatte sich gegen ihn gestellt. Schon einmal ihre Angst überwunden – und gesiegt. Aber das war ein Überlebensinstinkt gewesen, sie hatte es getan, um andere zu beschützen und vor weiterem Schaden zu bewahren. Das hier und heute war etwas gänzlich anderes: Das tat sie einzig für sich selbst.

„Sie haben insgesamt fünfzehn Minuten Zeit. Keine Gespräche über Dinge, die sich auf das momentane Geschehen außerhalb dieser Mauern beziehen. Keine Provokationen. Sollten Sie früher abbrechen wollen, benutzen Sie das Steuerpult an der Tür, wir werden sie dann sofort rausholen“, belehrte sie der Wärter und verschränkte die Arme hinter dem Rücken. Prüfend blickte er in die Runde und vergewisserte sich, dass sie alles verstanden hatten.

„Bereit?“, fragten daraufhin Eris Begleiter wie aus einem Mund.

„Bereit“, war ihre Antwort, die etwas zögerlich ihre Lippen verließ, aber dennoch irgendwo der Wahrheit entsprach.

Die Tür wurde geöffnet und zaghaft trat sie durch den Spalt, um gegen die Bestie anzukämpfen.

Und dann … wollte sie ihren Augen nicht trauen.

Egal wie oft Eri es sich vorgestellt hatte, ihren Peiniger wiederzusehen – es fühlte sich nicht annähernd so an wie erwartet.

Es war tausendfach schlimmer und gänzlich unspektakulärer zugleich. Eine paradoxe Mischung aus unzähligen Emotionen wirbelte ihr Innerstes einem tobenden Zyklon gleich auf, als ihre Blicke einander kreuzten und Schock sowie Unglaube sich in die Gesichtszüge ihres Gegenübers schlichen.

„Du?“, hauchte er verständnislos und seine gelben Augen huschten irritiert über ihren Körper, als könne er es wirklich nicht glauben, wen er vor sich sah.

Doch Eri ging es kaum anders. Der Anblick dieses Mannes war erschütternd, so ganz anders als das, was sie erwartet hatte. Das Bild in ihrer Erinnerung war durch die lange Zeit verzerrt worden; Chisaki zu einem riesigen, geflügelten Dämon verkommen, der Klauen und Schnabel auf sie herniedergehen ließ, um sie erbarmungslos in Stücke zu zerreißen.

Nie und nimmer hätte sie damit gerechnet, wie gebrochen und leblos er auf seiner Seite der Scheibe auf dem Stuhl kauern könnte …  und sie fast schon ängstlich dabei anstarrte.

Eri war natürlich zu jung gewesen um es wirklich aufzufassen oder geschweige denn sich dafür zu interessieren, aber Chisaki war ein äußerst ansehnlicher Mann gewesen. Wenn er wollte, war er so ruhig, so bedacht und geordnet aufgetreten. Er hatte die Ausstrahlung einer ungemein machtvollen, stolzen Präsenz gezeigt, wohin auch immer er gegangen war. Der perfekte Anführer, bezaubernd charismatisch und charmant - solange er bekam, was er wollte. Dass dieses Verhalten von einer Sekunde auf die andere kippen konnte, musste sie leider viel zu oft am eigenen Leib erfahren, wenn die Bestie in ihm Blutzoll gefordert hatte.

Wehe, jemand fiel in Ungnade bei ihm.

Dann ähnelte er eher einer rohen Naturgewalt: unkontrollierbar, grausam und ohne jegliches Schuldempfinden.

Es war so merkwürdig, ihn ohne die Schnabelmaske zu sehen … Geschweige denn überhaupt frei von allem, das sein Gesicht unterhalb der Augen verdeckte.
Stets hatte sie nur in seine kalten Pupillen geblickt, dabei glaubte sie sich zu erinnern, dass der Wunsch in ihr aufgekommen war, wenigstens ein kleines, angedeutetes Lächeln zu sehen – sei es auch falsch und aufgesetzt. Wenigstens den Anschein einer liebevollen Geste bei ihm zu erblicken. Doch wenn sie ehrlich zu sich selbst war, konnte sie nicht sagen, ob ihr das damals tatsächlich Trost gespendet oder sie noch mehr verstört hätte. Die Zeit hatte ihre Erinnerungen an ihn seltsam verzerrt.

Jetzt im Moment jedenfalls war sie beinahe schon fasziniert davon, welch Mimik in seinem Gesicht lag. Die schmalen Lippen formten immer wieder tonlose Silben, die Lider flatterten über den Augen, die gehetzt über das ihm Dargebotene glitten, in der Hoffnung, das alles irgendwie begreifen zu können.

Als ihr eigener Blick dann wachsam zu seinen Händen wandern wollte – weil es stets das Wichtigste gewesen war, diese nicht unbeobachtet zu lassen – stockte ihr der Atem und beinahe knickten ihre Beine weg.

Sie waren fort.

Nein, das war auch nicht richtig … Aber sie konnte ganz klar die schrecklich vernarbten Oberarme erkennen, die Stümpfe, die in etwas Roboterartiges übergingen, das sie fast schon an Spielzeug erinnerte, welches sie einst in einem Schaufenster erblickt hatte. Über die Hände war ein silberfarbener Kasten gestülpt worden. Eigentlich war sie fast schon erleichtert, sie nicht sehen zu müssen.

Natürlich war ihr behutsam mitgeteilt worden, in welchem Zustand er damals nach dem Überfall aufgegriffen worden war, aber … ihn nun so vor sich zu haben, das wirkte wie ein betäubender Schlag auf den Kopf.

Er war seiner Macht beraubt worden.

Seines Selbstbewusstseins.

Seiner Würde.

Seines Schreckens.

Er war zu einem Schatten seiner Selbst verkommen, ein schmächtiges, zerzaustes Häuflein Elend mit gebrochenem Glanz in den Augen und tiefer Furcht im Herzen. Das da war nicht der Dämon, mit dem sie gerechnet hatte.

Das war ein Mann, für den sie, in Anbetracht anderer Umstände, großes Mitleid empfunden hätte.

Mit einem leisen Wimmern ließ sie sich auf dem Stuhl nieder und kaute nervös auf ihrer Unterlippe herum. All die Worte, welche sie so mühsam ausgewählt hatte, waren wie weggeblasen und sie konnte ihn nur ungläubig anstarren.

Er hingegen schien sich nun doch ein wenig schneller zu fangen; sein Blick fiel auf ihre Begleiter und seine Miene verhärtete sich zusehends.

Ohne seine Augen von Lemillion abzuwenden, raunte er mit einer Stimme, deren Stärke sie ihm bei seinem so erbarmungswürdigen Anblick nicht mehr zugetraut hätte, ihren Namen; es klang wie das bedrohliche Echo eines aufziehenden Gewitters …

Sie konnte nichts erwidern. Fühlte sich plötzlich wieder wie das Kaninchen vor der Schlange.

„Eri“, wiederholte Chisaki, dieses Mal gefährlicher und seine Augen wanderten nun zu ihr, „warum bist du hier?“

„Du musst ihm nicht antworten, wenn du nicht willst“, drohte Mirio hinter ihr mit geschwellter Brust und blinzelte nicht einmal, während er eisern in Chisakis Richtung starrte. Beinahe konnte Eri das Knirschen hören, als er dabei hart die Zähne aufeinander biss.

Sie hingegen rutschte nervös auf ihrem Stuhl hin und her und fing an, unsicher mit ihren Fingern zu spielen. Anders als er schaffte sie es nicht, den Blickkontakt mehr als eine Sekunde aufrechtzuerhalten. Immer wieder sah sie zur Seite, auf den Boden, an die Decke.

Eine eisige Kälte zog auf.

Nach einem gefühlten Jahrhundert schaffte sie es endlich, den Mund zu öffnen und hauchte ein unsicheres „Hallo“ in die Luft. Nicht zu laut. Sie wollte nicht trotzig wirken. Nicht zu leise. Er hasste es, wenn sie nuschelte und er nachfragen musste.

Ihr ehemaliger Peiniger war wieder verstummt. Als würde er noch abwägen, wie er an die Situation herangehen müsste, legte er den Kopf einer Krähe gleich schief und musterte sie aus halb gesenkten Lidern heraus aufs Genaueste. Kurz darauf jedoch ergriff er noch einmal das Wort. „Ist das alles, was du darauf zu sagen hast?“

Eri erkannte diesen Tonfall und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen … Ein falsches Wort und seine Laune würde unwiderruflich ins Negative kippen. Vorsichtig …

Sie war von sich selbst enttäuscht. Natürlich, ihr war klar gewesen, dass es hart werden würde, aber sie kam sich vor wie gelähmt. Dabei hätte sie schwören können, stark genug zu sein. Stark genug, um endlich …

Kai Chisaki seufzte lange und sehr schwer. Sie kannte auch das nur zu gut; wenn er so tat, als würde er mit väterlicher Geduld versuchen, sie zu verstehen.

„Was soll das hier werden, hm?“, fragte er belehrend. „Wärst du bitte so freundlich und würdest mir erklären, was du dir bei diesem Unsinn hier gedacht hast?“


 

Overhauls Gedanken überschlugen sich förmlich. Wieso kam sie aus heiterem Himmel hierher? Was war das für ein Trick? War es wirklich Realität? Konnte das denn sein?

Bis er eine Antwort finden würde, beschloss er, bei dieser Farce mitzuspielen.

„Ich … Ich ...“ Sie druckste wieder so anstrengend herum.

„Du weißt, ich hasse Genuschel und Gestotter, Eri“, knurrte er genervt. „Sprich bitte in ganzen Sätzen, wenn du mit mir redest.“

Sie atmete geräuschvoll und stoßweise, sodass ihre Nasenflügel zu beben begannen. „Ich … habe einen kandierten Apfel gegessen.“

Ein kurzes Schweigen herrschte im Raum, bis der blonde Narr an ihrer Seite sich kurz verlegen räusperte. Ausnahmslos jeder der Anwesenden schien so gar nicht mit einer Aussage wie dieser gerechnet zu haben.

Overhaul wollte seinen Ohren nicht trauen. Hatte er sich gerade verhört? Skeptisch zog er die Augen zu engen Schlitzen zusammen und versuchte, dieser grotesken Situation noch irgendwie folgen zu können.

Eri indessen schien eine seltsame Wandlung zu durchleben. Sie blickte immer häufiger auf, kauerte nicht mehr nur auf dem Stuhl.

„Das war auf einem Sommerfest … Kandierte Äpfel schmecken noch viel, viel süßer als normale.“ Sie blickte zu ihm, strich sich eine Strähne hinter das linke Ohr. „Hast du … schon mal einen gegessen?“

„N...nein.“

„Shouta hat mir letztens einen mit nach Hause gebracht! Koko war total frech und hat einfach daran geleckt!“

Und dann begannen die Worte aus ihr förmlich herauszusprudeln.

„Koko ist übrigens mein Kater! Er schläft jede Nacht bei mir im Bett.“ Ihre Stimme wurde lebhafter. „Bevor er uns zugelaufen ist, musste er wohl auf der Straße leben, er ist schon ganz alt, aber Shouta sagt, jetzt muss er nie wieder etwas Böses durchmachen!“

Was...

„Er mag Wasser gar nicht, vielleicht weil es auf der Straße immer so kalt war, wenn es geregnet hat? Ich mag Wasser schon. Baden im Freien ist so schön!“

Was...

„Oh, wenn nächstes Jahr die Sommerferien anfangen, fahren wir ans Meer! Dann kann ich darin baden!“

Was sollte das alles...

„Vielleicht kann ich dann wieder ein Feuerwerk sehen! Feuerwerke sind so schön! So bunt und groß!“ Sie breitete dabei die Arme aus.

Wieso sollte sie ihm von alledem erzählen wollen?

Eri wirkte regelrecht enthusiastisch. Sprang leicht auf dem Sitz herum. Ihre Beine schlenkerten von vorn nach hinten und etwas lag in ihren Augen, das ihn nachdenklich machte. So hatte er sie noch nie gesehen …

Aber dennoch.

„All das“, raunte er kühl, „interessiert mich kein Stück.“

Sie zuckte zusammen und ihre aufflammende Begeisterung wurde durch seine harschen Worte zerstoben wie Nebel im Wind. Für einen kleinen Moment hingen ihre Arme unsicher in der Luft, bevor sie sie langsam und kleinlaut absenkte.

„Sag mir lieber, wie es dem alten Herrn geht.“ Es ärgerte ihn, dass seine Stimme kurz bei Erwähnung seines Mentors kippte und seine wahren Gefühle vermuten ließ, aber scheinbar fiel es dem Mädchen nicht auf, da es noch damit beschäftigt war, sich von seinen letzten Worten zu erholen.

„Kein Kommentar, Chisaki“, mischte sich dieser ungepflegte, schwarzhaarige Bastard ein. „Du kennst die Regeln.“

„Ich kann mich nicht erinnern, mit dir gesprochen zu haben, Aizawa.“

Eri ließ etwas vernehmen, das nach einem getretenen Hund klang. „Schon gut“, meinte sie leiser und blickte zuerst zu ihren Begleitern, dann auf seine Seite. Sie seufzte. „Ich wollte nur, dass du es weißt.“

Was war das alles hier … ?




Eri wusste selbst nicht so genau, wieso der immense Drang sie überkommen hatte, ausgerechnet ihm von all diesen Dingen zu erzählen. Weshalb sie ihn an ihrem Leben teilhaben lassen wollte.

Aber es hatte sich in diesem Moment richtig angefühlt. Und dann … war es auch schon wieder vorbei.

Hatte sie zu schnell geredet? Zu sehr genuschelt?

Halt, Shouta sagte immer, sie dürfe die Schuld nicht immer noch wegen allem bei sich suchen. Aber es war so schwierig, das nicht zu tun …

Vielleicht musste sie einfach ein bisschen sensibler sein? Deku sagte immer, dass man auf die Menschen zugehen müsse! Sie verstand nicht so richtig, was er damit meinte, aber wenn sie nur von sich selbst redete, war das vielleicht ungehobelt!

„Ist es … gruselig hier?“, wollte sie wissen.

„Gruselig?“, wiederholte Chisaki ungläubig und schnaubte in missbilligendem Tonfall. „Das hier ist ein Gefängnis, Eri. Wie, denkst du, fühlt es sich denn an?“

„Nicht … schön.“ So lange war sie doch selbst eingesperrt gewesen … „Es fühlt sich nicht schön an.“

Leise gab er zurück: „Richtig.“

Sie begann wieder vor Nervosität ihre Hände zu kneten. „Und … musst du noch lange hier sein?“

Chisaki gab etwas von sich, das wie ein wütendes, kehliges Knurren klang. „Offensichtlich, nicht wahr?“

Eri zog die Schultern ein. Ja, natürlich war ihr gesagt worden, dass aus diesem Gefängnis niemand mehr freigelassen wurde – aber der Begriff „lebenslänglich“ war für sie einfach nicht richtig greifbar.

Seit sie dieses merkwürdige Gespräch begonnen hatten, kam sie nicht umhin, immer wieder zu seinen verstümmelten Armen zu blicken. Niemand hatte das verdient... Selbst …

Sie stellte ihm deshalb eine weitere Frage, unschuldig, ohne jegliche Bosheit. Ohne Hintergedanken. Ohne den Wunsch, ihn damit vorführen zu wollen. Angetrieben von ehrlichem Mitgefühl. „Tun sie weh?“ Eri griff sich dabei ungewollt an ihre Unterarme; wo vor wenigen Jahren noch dicke Bandagen die Schnitte verdeckten, die Chisaki nur deshalb nicht von ihrem Körper entfernt hatte, um sie ihr eine Mahnung sein zu lassen.

„Was?“, dröhnte er verständnislos und ein Zucken ging durch sein Gesicht.

„Die Arme.“ Weshalb Eri sich dafür entschieden hatte, ihn danach zu fragen, war ihr selbst nicht so ganz klar. „Du hast so viele Narben. Tun sie noch schlimm weh?“

Seine Miene erstarrte vollends, die goldgelben Augen fixierten sie drohend, und mit einem Ton, so kalt und glatt wie ein Gletschergebirge, antwortete er: „Soll das ein Scherz sein, Eri?“

Mirio wollte einen Schritt nach vorn setzen, aber Aizawa hielt ihn, unbemerkt für Eri, mit einem Kopfschütteln davon ab. „Lass es sie noch allein handlen.“

Unbeirrt durch seine scharfen Worte atmete sie tief durch, rieb sich ein wenig zaghaft über das linke Handgelenk und meinte leise: „Mir tut es nicht mehr weh. Auch die Narben sieht man nicht mehr so doll.“ Sie hob den Blick und reckte den Arm nach vorn. „Schau.“ Und dann noch: „Deine werden bestimmt auch bald besser.“


 

Overhaul konnte es nicht glauben. Diese kleine Rotzgöre, dieses dreiste, sture Kind …! Weshalb war Eri wirklich hier? Um ihn zu verspotten? Sie hätte sich doch nur …

… nur fügen müssen.

Stattdessen hatte sie sich auf die Seite dieser komplexbehafteten Irren geschlagen, um deren falsche  Ordnung aufrechtzuerhalten! Sie hätte all das hier ändern können, hätte sie nur getan, was er von ihr verlangte … War es wirklich so schwer gewesen, seinen Anweisungen Folge zu leisten? Musste sie sich denn derart egoistisch verhalten?

Und jetzt spottete sie über ihn, hatte tatsächlich den Mut aufgebracht, ihn zum Narren zu halten!

Am liebsten hätte er sie, wie so viele Male zuvor, in tausend Stücke zerschlagen, alles Leben aus ihr gequetscht, ihr den Platz gezeigt, auf den sie gehörte – aber stattdessen mahnte er sich zur Ruhe.

Sie wirkte zwar auf den ersten Blick verändert, vorlauter, selbstbewusster; aber was war wohl der wahre Grund, weshalb sie sich hier mit ihm befand, nur getrennt durch eine Glasscheibe? Folgte sie etwa …

… etwa noch immer seinem Ruf?

Er würde das Gespräch jetzt in eine andere Richtung lenken, er hatte genug von ihrer Aufsässigkeit und dem Unsinn, den sie plapperte. Ohne auch nur ansatzweise auf ihre letzten Worte einzugehen, meinte er nur kühl: „Du hast vorhin von so vielen Dingen gesprochen, die du erlebt hast. Aber sag mir, während all dieser Zeit ….“ Kurz hielt er inne, genoss ihren irritierten Blick. „Warst du artig, Eri?“, fragte er unverblümt und erfasste mit Genugtuung, welcher Ruck dabei durch ihren Körper jagte.

Machtdemonstration? Dieses Spiel beherrschte er seit jeher hervorragend. Und egal wie gebrochen er war … Es handelte sich dort vorn doch bloß um die ach so liebe, kleine Eri …

Deren Seele er so oft zerlegt und repariert hatte, dass er jede noch so winzige Facette davon nur allzu gut kannte.




Warst du artig, Eri?

Wie oft hatte sie diese Worte gehört, nachdem sie stundenlangen Qualen ausgesetzt gewesen war? Kai Chisaki ... nein, Overhaul, hatte Widerworte gehasst. Oder wenn sie weinte. Wenn sie während seiner Experimente zu sehr zappelte.

Erinnerungen kamen zurück, die sie doch hatte vergessen wollen …! Aber sie spülten sich einer Welle gleich in jede Ritze ihres Seins.

Wie die, als das blanke, glänzende Metall des Skalpells das erste Mal in ihr Fleisch drang und sie, aufgrund des stechenden, neuartigen Schmerzes, erschrocken zu zappeln begann. Es war doch nur ein kleiner Blutstropfen, der daraufhin seine Wange benetzt hatte; verglichen mit ihrem Schmerz doch nichts …

Aber anschließend war sie für einen schwindenden Moment lang das erste Mal in ihrem kurzen Leben tot gewesen. Tot.

Diese Pein, wenn Overhaul einen „reparierte“, war bei weitem schrecklicher als der kleine Schnitt am Arm. Sie riss einen aus der Dunkelheit des Nichts zurück, presste den Körper zusammen, zog ihn auseinander, verbog ihn in alle Richtungen gleichzeitig, überschüttete ihn mit brennender Lava und klirrenden Eiswürfeln – und dann war man wieder da. Einfach so.

Also unterdrückte sie danach ihren Impuls loszuschreien. Den Impuls sich zu wehren – weil er sich so wenig unter Kontrolle hatte, sich nicht unter Kontrolle haben wollte,  dass es noch immer besser war das alles zu ertragen, als ihn wütend zu machen. Niemand hatte Overhaul jemals wütend erleben wollen …

Mit einer Macht wie der seinen hatte er mit ihrem Körper tun können, wie ihm beliebte. Schließlich war es ihm ja auch möglich, immer und überall Gott zu spielen und alles ungeschehen zu machen – zumindest allen körperlichen Schaden. Den Schmerz der Seele hatte er nie beseitigt.

Jedes Mal, wenn er sie in Obhut seiner Gefolgsleute ließ und diese auf sein Geheiß hin weiter an ihr herum sezierten … Oder ihr Blut und Fleisch stahlen …

Da kam er zurück, als sie halb bewusstlos vor Schmerz und Erschöpfung war, und fragte ruhig: „Warst du artig, Eri?“

Niemand außer ihnen beiden wusste davon.

Sie spürte, wie heiße Tränen in ihr aufzusteigen drohten, dass kalter Schweiß sich auf ihre Stirn schlich. Ihre Unterlippe begann zu beben, ihre Hände zu zittern; ihr Körper reagierte ganz automatisch auf seine Drohung.

Ihre Seele allerdings durfte jetzt nicht ins Wanken geraten.

Ihr Ziehvater schien sofort zu spüren, dass etwas ganz und gar nicht stimmte. Schien die versteckte Drohung hinter diesen harmlos anmutenden Worten zu erfassen, und er schlurfte ganz locker und selbstbewusst Richtung Stuhl zu ihrer Linken. Mirio, der nur einen kurzen Moment länger brauchte um die Situation zu erfassen, tat es ihm gleich und stärkte sie von der anderen Seite aus mit seiner Anwesenheit.

„Ich habe dich etwas gefragt, Eri. Es ist nicht höflich, einem Erwachsenen einfach keine Antwort zu geben“, grollte Overhaul von seiner Seite gefährlich herüber und ihre aufsteigende Angst schien ihm eine tiefgreifende Befriedigung zu verschaffen.

„Ich“, begann sie unsicher und fühlte sich so machtlos, so klein und ohne Wert, „Ich ...“

Eri war sich bisher wie eine Seiltänzerin in luftigen Höhen vorgekommen. Es war ein Balanceakt, mit Chisaki zu sprechen, das wusste sie schon lange – und gerade hatte sie das Gleichgewicht verloren.

„Sie ist das bravste Mädchen, dem ich jemals begegnet bin. Voller Güte und Lebensfreude.“ Mirio hatte das Wort ergriffen … und fing sie wieder einmal rechtzeitig auf. Überrascht wandte sie den Kopf zu ihm. Mit vor der Brust verschränkten Armen machte er sich groß und wollte Overhaul keine Angriffsfläche mehr bieten. Saß neben ihr wie ein Schutzwall, hinter den sie sich würde retten können, wann immer es nötig wäre. Er war das Netz unter ihrem Drahtseil.

Ein heiseres, dröhnendes Glucksen drang zu ihnen durch die Sprechanlage. „Dann habe ich sie wohl letztendlich doch ganz gut erzogen.“

„Nicht dein Verdienst, Chisaki.“ Shouta. „Leg endlich deine Arroganz ab, sie passt nicht mehr zum Rest von dir, weißt du.“

Overhaul gluckste erneut boshaft. „Ah, richtig, richtig.“ Ohne den Kopf zu senken huschten seine Augen unter halb geschlossenen Lidern hinab und wanderten über die Stümpfe seiner Arme. „Ob es schmerzt, willst du wissen, Eri?“ Mit erhobener, grollender Stimme wandte er seine stechende Aufmerksamkeit erneut zu ihr. „Natürlich tut es das. Es war schrecklich, als diese Bastarde das getan haben. Aber dennoch ist dieser Schmerz nicht halb so schlimm wie dein Verrat, wegen dem ich jetzt hier gefangen bin. All das hier ist deinetwegen passiert, wie immer.“


 

So befreiend war es, das endgültige Brechen ihrer Psyche förmlich durch den Raum dringen zu hören. Wie trockene Äste unter dem Gewicht des eigenen Körpers knackte es tief in ihrem Inneren. Es war gerecht, ihr diese Aufsässigkeit auszutreiben, die sie ihm gegenüber nach über vier Jahren, in denen sie sich bei diesem verdreckten Abschaum verkrochen hatte, an den Tag legte.

Dieses Duell würde er sie ganz sicher nicht gewinnen lassen.

Erneut zuckte das Mädchen zusammen, doch dieses Mal lag es an Lemillion, diesem verblendeten Dummschwätzer, der wütend neben ihr aufsprang und den Stuhl hinter sich umwarf, sodass er schwungvoll zu Boden fiel. Dann schlug er wütend die Hände gegen die Scheibe und brüllte: „Reicht nicht, was du bisher angerichtet hast, Chisaki?! Sie ist nicht hier, damit du erneut so mit ihr umgehst! Du bist ein Monster! Wieso kannst du selbst jetzt nicht ein einziges Mal nett zu ihr sein?! Sie will dir erzählen, was sie alles erlebt hat! Wie sie sich fühlt! Und du? Redest ihr schon wieder Schuldgefühle ein! Wenn ich könnte, ich würde -“

„Ruhig, Togata, bleib professionell und setz dich wieder hin“, mahnte sein Begleiter. Dieser lästige, schmutzige, abstoßende …

„Aizawa, wenn ich die Situation richtig erfasse, bist du jetzt derjenige, der sie davon abhalten muss, immer wieder Unheil anzurichten“, feixte Overhaul unverdrossen weiter. Den blonden Dummschwätzer ignorierte er dabei absichtlich, was diesen nur noch wütender zu machen schien …

„Unheil?!“, platzte es nämlich aus ihm heraus und seine Augen schleuderten geradezu Blitze in seine Richtung.

„Togata, ich sage es nicht noch einmal: Ruhe jetzt oder du wartest vor der Tür.“

„Aber …! Wie er über Eri redet, das …!“

„Schluss jetzt!“

Ah, es war wirklich leicht, sie gegeneinander aufzuwiegeln. Alles was es brauchte, waren nur ein paar gut gewählte Worte.

Eri kauerte sich auf ihrem Stuhl zusammen, blickte mit starr aufgerissenen Augen ins Leere. Nichts mehr war von dieser Unbeschwertheit zu spüren, die sie vorhin gezeigt hatte.

Seufzend stand Aizawa auf. „Wir werden das hier jetzt abbrechen, es führt zu nichts.“ Er zog Eri vom Stuhl und begann damit, sie Richtung Ausgang zu bugsieren.

„Nein!“, rief sie und zog flehentlich ihren Arm aus seinem Griff.  Sie hatte tatsächlich gelernt, Widerworte zu geben?

„Siehst du, Eri? Und schon geht es wieder los. Immer und immer wieder machst du Ärger und alle schlagen sich deinetwegen die Köpfe ein.“

Togatas Fäuste zitterten und er kämpfte wohl mit sich darum, nicht erneut die Fassung zu verlieren.

Doch Overhaul war noch nicht fertig. „Du hast dich nicht verändert.“ Er machte eine kurze, unangenehme Pause, während seine kalten Augen verächtlich über ihren schmächtigen Körper glitten. „Du wirst dich auch nie ändern. Und auch an deiner gesamten Situation wird sich niemals etwas ändern.“ Seine Stimme schwoll an. „Du wirst für immer die ins Chaos stürzen, die sich um dich bemühen. Immer. So wie bei deinem Vater. Deiner Mutter. Und so wie bei mir.“

„Nein... Nein... Ich werde.... Ich bin nicht...“

„Doch, Eri. Deine Mutter hatte Recht: Du bist verflucht.“




Ja, Eri wollte nicht hinhören. Zitternd presste sie die Hände auf die Ohren, aber das tiefe Grollen ihres Peinigers drang dennoch zu ihr durch.

Noch nicht …

Wie in Zeitlupe nahm sie urplötzlich wahr, wie Mirio einen letzten, wütenden Blick über die Schulter warf. Dass Shouta seine Miene verhärtete und sie erneut Richtung Tür drängte.
Sie hörte das drohende Grollen Overhauls, das eine enorme Lautstärke annahm.

Sie hatte es noch nicht …

Und dann riss sie sich los und stürzte zurück.

Sie musste es sagen …

Doch sie erschrak zunächst, als sie in seine kalten, boshaften Augen sah. Wenn auch sonst nicht mehr viel an das Monster von damals erinnerte – dieser Blick war so grässlich wie immer.

Aber wenn sie es nicht jetzt über sich brächte, wann dann?

So sammelte sie all ihren Mut, ihren Willen und ihre Güte, um die Worte auszusprechen, die sie seit langem sagen wollte.

„Ich bin nicht verflucht. Ich habe dir das lange geglaubt, aber …“ Langsam blickte sie zu ihm auf. Noch immer bahnten sich Tränen den Weg über ihre rosigen Wangen, die allumfassende Traurigkeit jedoch verschwand und wich dafür einer tiefen Entschlossenheit. Noch bebte zwar ihre Unterlippe, die auch partout nicht damit aufhören wollte, aber irgendwie schaffte sie es dennoch, den Hauch eines Lächelns hervorzubringen. „Aber ...“, wiederholte sie leise und stand auf. Legte behutsam ihre kleine Hand an das Glas, das sie vom Dämon trennte, der immer blasser, immer schwindender wirkte. „Aber“, begann sie nun ein letztes Mal, um Welten stärker: „du hattest Unrecht.“ Und dann endlich jene Worte, die ihr wichtig waren. Die von Herzen kamen. Die sie aussprechen musste, um nach all der Zeit mit sich ins Reine zu kommen.

„Ich verzeihe dir.“



 

Etwas in ihm riss. Ein Knoten, eine Angespanntheit, die sich seit so langer Zeit aufgestaut hatte.

Da war sie, diese kleine Göre, die ihm alles zunichte gemacht hatte, und sie … verzieh ihm.

Wie lachhaft, wie dreist! Hätte er doch nur die Möglichkeit ihr diese Arroganz auszutreiben...!

„Was willst du von mir hören?“, grollte er tief. „Eine Entschuldigung?“ Er ruckte wie so oft wütend an den Seilen, die ihn auf seinen Sitz banden. „Ich habe nur getan, was nötig war! Was getan werden musste! Auch wenn jeder von euch Phantasten einer gestörten Ideologie nachrennt und niemals die Wahrheit erkennen wird! Ich hatte Recht!“

„Wer sich verrannt hat, ist deine Wenigkeit, Chisaki. Denn selbst jetzt erkennst du nicht, dass hier eigentlich du derjenige bist, der einer verdrehten Utopie hinterher lechzt“, brummte Aizawa nüchtern und betätigte das Terminal. Die Tür begann sich zu öffnen.

„Hör nicht hin, Eri“, murmelte Togata und legte dabei sein dummes Lächeln auf, das er ihm so gern aus dem Gesicht gewischt hätte.  „Hör ihm einfach nie mehr zu. Alles ist gut, in Ordnung?“ Er trat an sie heran, streichelte über ihren Kopf und schirmte sie von ihm ab.

Erneut entriss er sie ihm.

„Eri ...“, dröhnte er mit all seiner Macht, „Du wirst nie frei sein, hörst du? Egal was du tust, du wirst alle um dich herum zerstören. Und irgendwann, wenn du allein bist, wirst du dir wünschen, dass ich dich zurechtgebogen hätte! Dann wirst du angekrochen kommen und mich um Verzeihung bitten!“

Sie wurde von diesen beiden dreckigen Bastarden aus seinem Sichtfeld geschoben.

Er schrie, als müsse er gegen einen Orkan ankommen. „Du wirst nie lernen, damit umzugehen! Eri! Eri?!“

Die Tür fiel ins Schloss.

„ERI!“




Lange saß sie auf dem Fensterbrett in ihrem Zimmer, wackelte gedankenverloren mit ihren Zehen und starrte in die unzähligen Sterne, die bereits seit einigen Stunden am Himmel standen.

Im ewig gleichen Rhythmus hatte sie Koko, der auf ihren Oberschenkeln glücklich vor sich hin schnurrte, über den kastanienbraunen Pelz gestreichelt, konnte aber währenddessen nur an eine Sache denken …

Mirio war so schrecklich betrübt gewesen, als sie sich auf den Rückweg begeben hatten. Unentwegt entschuldigte er sich bei ihr, aber Eri hatte nicht verstehen können, weshalb. Er war doch die ganze Zeit über an ihrer Seite! Ohne ihn wäre es ihr nicht möglich gewesen, so viel Mut aufzubringen. Und ja, es hatte vieles heute heftig in ihrem Herzen geschmerzt, aber nun fühlte sie sich, als wäre eine immens schwere Last von ihren Schultern genommen worden.

„Eri?“ Wie lange ihr Ziehvater schon mit verschränkten Armen im Türrahmen stand und sich gegen das helle Holz lehnte, wusste sie nicht, und so zuckte sie überrascht zusammen, als er leise raunte: „Du warst heute sehr tapfer.“ Nach einer kurzen Pause fügte er hinzu: „Sobald du über die Sache reden willst, komm zu mir. Jederzeit.“

Sie nickte stumm, entschied sich dann aber nach ein paar wenigen Augenblicken dennoch für eine andere Möglichkeit.

Während Shouta sich abwandte und nun wiederum selbst ins Bett gehen wollte, hielt sie ihn mit einem gedehnten „Ähm“ doch noch zurück. Fragend drehte er den Kopf zu ihr.

„Es ist gut“, murmelte sie und starrte dabei wieder aus dem Fenster. Koko reckte die Glieder und drehte sich anschließend schnurrend auf die andere Seite.

So ganz schien er ihren Worten keinen Glauben zu schenken, denn mit einem skeptischen Unterton fragte er nur: „Bist du dir da ganz sicher?“

„Ja.“

Leise verließ er ihr Zimmer.

Als sie kurz darauf selbst in ihrem Bett lag, tanzte der grün-gelbe Schein des kleinen Nachtlichts an der Decke, ohne welches sie die letzten Jahre kein Auge hatte zutun können.

Vermutlich war sie von Anfang an zu alt dafür gewesen, aber Deku und Lemillion hatten ihr stets versichert, dass es Bestien abwehren konnte. Und genau dies hatte sie über so manch erschreckenden Gedanken hinweg getröstet, wenn Overhauls Schatten sich wieder einem Mantel gleich über ihr auszubreiten begann.

Während Koko sich erneut zufrieden auf ihr zusammengerollt hatte und träumend mit seinen Pfoten zuckte, griff sie vorsichtig zu dem kleinen Licht in der Steckdose …

… und zog es entschlossen heraus.

Da lauerte keine Bestie mehr in der Dunkelheit.

Nie mehr.

Overhaul … Nein, Kai Chisaki, hatte seinen Schrecken verloren.


 

Sie hatten ihn mit ihren seltsamen Drogen ruhigstellen müssen.

Welch Ironie des Schicksals, dachte er verhärmt, während er seine Gedanken zu ordnen versuchte … aber es wollte nicht richtig gelingen.

All das hier war falsch. Alles.

War es Nacht? War es Tag? Die Lichter brannten ja immerzu, wer sollte es wissen? Wie viel Zeit war vergangen, seit sie … Eri … erneut seine Autorität infrage gestellt hatte?

Er verwünschte sie, verwünschte sie alle, jeden einzelnen dieser verkommenen Brut, die sich der Pestilenz in ihren zerfressenen Hirnen niemals bewusst werden würden.

„Sie sind alle krank und ich hatte die Heilung. Die Heilung ...“, begann er unablässig zu murmeln.

Kraftlos ruckelte er dabei wieder an den Seilen, aber sie hielten ihn natürlich unbarmherzig auf seinem Platz.
Während seine Lider immer schwerer wurden und er gegen einen erneuten Blackout ankämpfte, konnte er währenddessen noch ganz deutlich ein leises Rascheln aus der hintersten Ecke seiner Zelle vernehmen … und ein Piepsen. Widerliche kleine Krallen, die über den Boden kratzten.

Und einen unsichtbaren Schatten, der sich gierig auf ihn zuschob.

Ah... Sie waren wieder da. Die Bestie und ihr todbringendes Gefolge – und sie lauerten in der Dunkelheit seines Verstands.



―――✎ ✎ ✎―――




Ähm, Aloha!
War lange nicht mehr hier. Dachte nicht, dass ich je wieder was zu HeroAca schreiben würde! Vor ein paar Tagen hab ich angefangen, nach knapp anderthalb Jahren Pause den Manga erneut zu lesen und stieg in meinem wohl liebsten Arc ein – dem von Overhaul. So viele großartige Charaktere! Vor allem  … ähem, vermutlich offensichtlich. .//.

Chisaki hat mich immer schon extrem fasziniert, auch wenn er gelinde gesagt einer der größten Wi**ser ist, die sich in jenem Universum tummeln :D“  
Sein Abgang war enorm schockierend für mich.
Vor allem im Manga hat mir das letzte Panel mit ihm regelrecht das Herz gebrochen. .__. Den Blick werd ich einfach seitdem nicht los.

Darum wurde ich nicht ganz schlau aus den (inoffiziellen) Übersetzungen im Ultra Analysis Book;

*Spoiler Alert!*

Punkt 1: Er wurde also „medizinisch versorgt“. Gut, davon gehe ich mal aus, dass sie ihn nicht haben verbluten lassen :D“ Aber die Frage ist ja, über welche Form der Versorgung reden wir hier? Haben sie einfach nur die Stümpfe versorgt, oder aber, wie das scheinbar angedeutet wird, die Arme tatsächlich rekonstruiert? Wozu? Hätten hochwertige Prothesen wie bei Mr. Compress nicht auch gereicht?

Punkt 2: Die Wiedererlangung seiner Fähigkeiten. Hier habe ich zwei Versionen gefunden.Version 1 sagt, seine Macke wäre nach der medizinischen Behandlung zerstört worden.  
Version 2 sagt, seine Macke hätte sich „umgebildet“; heißt das jetzt, er kann z.B. mit den Beinen seine Fähigkeiten aktivieren? Gefährlich. Und das ist sicher nicht im Sinne der Leute geschehen, die ihn bewachen müssen, richtig? Wieso sollte man diesem Kerl das freiwillig zurückgeben? Also hat sein Körper sich tatsächlich angepasst?


Aber ganz ehrlich, so sehr ich mich freuen würde für ihn, das macht doch den Impakt total kaputt, den Shigarakis Aktion auslöste... ._. Ist ja dann voll für die Katz. Daaaaaaaarum hab ich mich dafür entschieden, es so zu machen. Schlichtweg auch deshalb, weil ich auf die offizielle Übersetzung warten möchte, um besser nachvollziehen zu können, was denn jetzt stimmt ^^“ Ich will nicht ausschließen, dass ich dann nochmal was dazu schreibe, so vernarrt wie ich in den Kerl bin x3“


*Spoiler Ende*



Ich bin ein wenig eingerostet, was das Schreiben und vor allem dieses Fandom angeht. Wenn ich einen groben Logikfehler drin hab, sagt mir das bitte! Ich hasse so etwas! ;3;

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