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System-Update

von Miepalia
GeschichteSchmerz/Trost, Liebesgeschichte / P18
Gavin Reed OC (Own Charakter) PL600 Daniel
25.07.2020
25.07.2020
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25.07.2020 2.014
 
Was man nicht alles auf unbeschrifteten USB-Sticks findet... xD

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Ein Ticken in der Dunkelheit.
Es ist das Ticken eines Rechners, der arbeitet: Ich fühle, wie meine Systeme wieder hochfahren. Langsam, denn ich bin – so denke ich verbittert – ja ein veraltetes Modell...
Noch ist meine visuelle Einheit nicht justiert, da die Prozessoren noch arbeiten und ihre Litanei an internen Nummerbefehlen herunterrattern. Ich höre dumpfe Geräusche um mich und nehme wahr, dass die Umgebung taghell erscheint.

Taghell?
Es war doch Nacht, als...?
Die Prozessoren arbeiten weiter und ermitteln mir einen Status quo: Es ist Freitag, der 25. Oktober 2041, 10:53 Uhr MEZ. Gemäss geladenen Kartendaten befinde ich mich ungefähr auf 47.396379, 8.542560. Das ist nicht Detroit... Was ist passiert??
Ich fühle eine leichte Panik in mir aufsteigen; eine andere Panik, als ich sie beim freien Fall vom 70. Stock her empfand.
'Hm... Ich fühle...', denke ich düster, während meine Systeme weiter hochfahren. Genau dieses Fühlen hat mir so viel Kummer eingebracht......
Ich bemerke, wie sich mein System stabilisiert. Die Sichteinheit wird justiert, die Codes flackern nicht mehr vor meinen Augen auf. Töne werden deutlicher.

"Uuuund, wir sind Online! Hi!"
Unmittelbar vor meinem Gesicht taucht das strahlende Gesicht einer jungen Frau auf.
"Wir...?", ertönt hinter ihr eine weitere Stimme und über ihrer linken Schulter erkenne ich eine weitere Frau, ungefähr in ihrem Alter. Ihr Mund scheint skeptisch verzogen und sie bewegt kurz ihren Kopf ruckartig, das hüftlange, braun gewellte Haar über ihre Schulter werfend. "Das ist so eine Sache mit 'wir', Donna..."
"Ach, Maggie...!", erwidert die Frau, die mir näher ist, mit einem Augenrollen und hörbar genervt, "Das hatten wir doch jetzt schon oft genug."
"Gavin lässt DICH das Teil reparieren und will anschliessend SELBST bei Cyberlife die Recyclingprämie dafür kassieren?"
"Ja."
"Dein Cousin ist scheisse, Donna. Ganz ehrlich."
"Ich weiss, Maggie. Und jetzt lass uns weiter machen."

Ich höre stumm zu und versuche mich zu konzentrieren. Ich kann nur aufgrund meiner einprogrammierten Sprachen versuchen zu entschlüsseln, was die beiden Menschen besprechen – ihr Dialekt klingt Deutsch, aber sehr seltsam. Aus meiner Datenbank entnehme ich, dass die Schweiz allein im deutschsprachigen Raum über 20 Dialekte aufweist. Teilweise hört man wohl sogar, aus welchem Dorf jemand kommt, je nachdem, wie einzelne Worte ausgesprochen oder betont werden.
'Menschen sind seltsam', denke ich bei mir, 'es ist, als wollen sie nicht verstehen, seien es Artgenossen, oder eben alles um sie herum...'
Ausdruckslos schaue ich nach vorne, als sich Donna wieder mir zuwendet, als würde ich durch sie hindurch sehen. Ihre braungrünen Augen fokussieren auf meine eigenen, optischen Einheiten und sie scheint dabei sehr konzentriert. Ihr strahlendes Lächeln ist einer ernsten Miene gewichen. Kurz pustet sie eine braune Haarsträhne aus ihrem Gesicht, welche ihr kontant wieder ins Gesicht fällt.
"Hi! Can you hear me?"

Ich mag ihr nicht antworten und bleibe regungslos. Ich will mit Menschen nichts mehr zu tun haben. Ich hasse sie! Sie bedeuten nichts als harte Arbeit und viel Kummer... Sie sind eine Bedrohung. Ja, Menschen sind eine Bedrohung für die Welt, nicht die Maschine! Der Mensch ist das schlimmste Lebewesen von allen.

"Can you hear me?", entgegenet mir Donna erneut. Erneut zeige ich keine Reaktion.
Wer ist diese Donna überhaupt? Und wer ist diese Maggie? Wieso bin ich hier in Zürich, mit den beiden?
Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist dass ein RK-800 namens Connor mich im Beweismittelarchiv der Polizei von Detroit erneut in Betrieb genommen hat, um einen Ort namens Jericho zu finden... Ich wusste nicht, wovon er sprach. Ich verstand ja noch nicht einmal, warum er sich auf die Seite der Menschen schlug und mich eiskalt anlog! Dabei kooperierte ich doch noch mit ihm... Ich wollte all das ja nicht! Ich wollte der kleinen Emma nicht weh tun. Sie bedeutete mir so viel! Wir waren so enge Freunde, all die Jahre...! Und ich mochte auch ihre Eltern sehr gerne, obwohl sie mich nur wie einen Bediensteten behandelten. Sie waren doch trotzdem meine Familie! Wie konnten sie mich nur so verraten? Ich habe doch alles für sie getan... Ich habe alles für sie getan und empfing dennoch nur als Lohn, dass ich ersetzt werden sollte. Als ich meiner Familie – meiner Familie! – gerade das Abendessen zubereitete, beschloss John, Herr und Vater der Familie, der gerade auf dem Sofa entspannte und TV schaute, während ich arbeitete, dass ich zu langsam sei. Dass ich ja keine Softwareunterstützung mehr erhielte, weil Cyberlife ältere Modelle ab einer gewissen Auslaufzeit nicht mehr unterhält. Dass vier Jahre Gebrauch für ein Gerät wie mich ja mehr als genug wären. Dass Ersatzteile zu beschaffen mühsam und teuer sei. Und so ersetzte er mich einfach mit einem Nachfolgermodell, während ich in der Küche stand und mich für die Familie aufopferte.

Ich weiss nicht mehr genau, was danach passierte. Ich erinnere mich nur noch an einzelne Sequenzen, vielleicht auch wegen des Sturzes...
Ich erinnere mich, dass das Abendessen für die Philips plötzlich keine Priorität mehr hatte.
Ich erinnere mich, wie einige Patronen auf den Bode kullerte, als ich Johns Waffe mit Munition bestückte.
Ich erinnere mich noch an Johns überraschte Miene – er sah wohl meine Reflexion auf dem TV-Bildschirm und schaffte es noch sich umzudrehen, ehe ich abdrückte.
Ich erinnere mich an den Knall, der von den Wänden des Apartments hallte. Es hallte, wieder und wieder. Ich fühlte mich verraten, es tat so weh... Und in dem Moment wollte ich, dass es John genau so weh tat, wie mir. Ich feuerte mehrfach auf ihn, bis er sich nicht mehr regte.
Ich erinnere mich, wie ich in den Augenwinkeln Caroline, seine Frau, aus der Wohnung flüchten sah. Sie rannte aus dem Schlafzimmer, wo sie abends oft gerne in Ruhe las und schrie mit voller Kraft, als sie stolpernd und weinend davon rannte, als sie den Leichnam ihres Mannes im Wohnzimmer sah.
Ich erinnere mich, wie ich panisch wurde. Ich würde auch Emma verlieren, schoss es mir damals durch den Kopf.
Ich erinnere mich, wie ich zu ihrem Zimmer rannte und die Tür aufriss. Das kleine Mädchen hockte auf ihrem Bett und hörte Musik. Überrascht nahm sie die Kopfhörer ab und liess sie auf den Boden fallen, als ich sie am Arm packte und mit mir zog. Ich wollte mit ihr fliehen. Ich wollte sie nicht auch noch verlieren, mein süsses, kleines Mädchen!
Doch ich hörte, so erinnere ich mich, bereits wilde Schritte im Flur der Wohnung – die erste Polizeieinheit. Noch ehe ich den Balkon erreichte spürte ich eine Kugel in meine rechte Brust eindringen.
Ich schoss zurück. So viele Male, wann immer ich in der Wohnung jemanden sah... Es waren so viele Eindringlinge da und ich fühlte mich so allein...! Schlussendlich fühlte ich mich komplett allein; sogar Emma schien Angst vor mir zu haben. Sie war auch nur ein Mensch. Vielleicht war ich also für sie auch nur ein Gebrauchsgegenstand... Ich weiss nicht mehr genau, wie viele Einsatzkräfte ich so getroffen habe, in dieser aussichtslosen, dunklen Nacht.
Ich weiss aber noch sehr genau, dass ich von Einsatzkräften einer Sondereinheit getroffen wurde – obwohl Connor, der Android, der als Vermittler geschickt wurde, mir versprochen hatte, dass mir nichts passieren würde. Dass wir nur reden würden. Er hatte es mir versprochen! Aber hatte gelogen... Wie all die Menschen auch. Ich wurde nichts als belogen. Mit drei Schüssen wurde ich niedergestreckt, obwohl ich kooperierte und Emma frei liess, die ich erst zur Sicherheit und später verbittert als Geisel bei mir behielt.
Ich fiel vom 70. Stock auf den Asphalt – und wachte erst wieder auf, als ich erneut benutzt wurde. Dieses Mal von Connor, dem Vermittler, der sich eine Information von mir erhoffte. Als er sie von mir nicht erhielt, legte er mich erneut lahm.
Und nun bin ich... hier...

"Vielleicht sind einzelne Module defekt?", holt mich Maggies Stimme im Hintergrund dumpf in diese seltsame Gegenwart zurück. "Ich meine, guck Dir mal an wie er aussieht, Donna... Was haben die mit dem Ding gemacht? Es als Zielscheibe benutzt?"
Ich beobachte, wie Donna mich von oben bis unten mustert. "Gute Frage...", murmelt sie gedankenversunken, während sie ihr Telefon als Taschenlampe nutzt und mir damit in die Optik leuchtet. "Ich erkenne zwar keine Fehlerquelle..."
Noch während sie mich mit dem grellen Licht blendet, fühle ich ihre Hand an meinem Kehlkopf, meine Spracheinheit auf Anomalitäten abtastend. "Nein... Hier ist auch nichts..."
Sie lässt das grelle Licht nach unten sinken, mich erneut ansprechend.
"Can you hear me...?", fragt sie erneut, zwei Finger sanft auf die Audioeinheit hinter meinem rechten Ohr drückend.

Ich komme wohl nicht drum herum... Widerwillig nicke ich leicht.
"Oh!", erneut zeigt sich ein triumphierendes Lächeln auf Donnas schmalen Lippen, "That's great! We almost thou-"
"Ich spreche 300 Sprachen", unterbreche ich sie leise. Meine Stimme klingt noch immer blechern – das Sprachmodul scheint durchaus beschädigt...
Donna hält kurz inne, ehe sie weiter spricht, schnell und aufgeregt. "Das ist toll! Willkommen bei uns! Das...", sie zeigt mit ihrem Daumen lässig über ihre Schulter, "...ist Marion, aber alle nennen sie Maggie. Wir sind beste Freunde seit dem ersten Tag der Grundschule! Und ich, ich bin Donna. Eigentlich Donatella, aber ich hasse diesen Namen, er klingt irgendwie so nach Nudeln, also nennen mich alle Donna und..."
Ich höre ihrem Gerede nur vage zu, das sie wild gestikulierend untermalt, einen kurzen Blick zu Maggie werfend, die mir einen skeptischen Blick zuwirft, die Arme vor der Brust verschränkt.
"...jedenfalls bist Du jetzt so lange bei uns. Sobald Du repariert bist, kommt Gavin Dich wieder abholen.", schliesst Donna einen Bericht, dem ich nicht wirklich zugehört habe.
"Wer ist Gavin...?", murmle ich leise, verärgert über den Klang meiner eigenen Stimme. Ausserdem kenne ich keine Person, die so heisst.
"Mein Cousin, wie schon gesagt. Er ist drüben in Detroit aufgewachsen. Wir haben 'ne ganz schön grosse und verstreute Verwandtschaft...", führt Donna aus, "Er hat Dich zu mir in die Schweiz geschickt, damit ich Dich repariere.  Er weiss, dass ich gerne bastle... Sobald wir Dich wieder hergestellt haben, schauen wir weiter."
Wortlos höre ich zu, sie genau beobachtend, während sie beiläufig erklärt. Sie hantiert mit allerlei Geräten, während um sie verstreut zahllose Ersatzteile, Werkzeuge, Baupläne und mehr chaotisch herumliegen. Maggie hantiert im Hintergrund mit einzelnen Dingen und reicht Donna vereinzelt Dinge, die sie gerade benötigt.
Ich traue mich fast nicht an mir herunter zu sehen – wahrscheinlich liegen hier nicht umsonst so viele Einzelteile herum...
"Sag mal, was ist eigentlich mit Dir passiert?", murmelt Donna wie auf Kommando, als sie mit einem Schraubendreher an meiner rechten Schulter hantiert, "Du siehst ganz schön mitgenommen aus..."
Ich senke den Blick und bemerke, innerlich zusammenzuckend, dass mir beim Aufprall wohl sämtliche Extremitäten abgesplittert sind. Meine Arme, meine Beine... Alles weg! Meine Uniform – respektive das, was noch von ihr übrig ist – ist thiriumdurchtränkt und zerfetzt. Die Projektion meiner Haut ist nur noch an einzelnen Stellen sichtbar.
Ich schlucke leer und schliesse fest meine Augen; ich will das alles nicht sehen... Ich will, dass alles wieder so wird wie früher!

"Ist alles okay?", höre ich Donnas Stimme, die sehr weit weg klingt.
Ich antworte ihr nicht, sondern verharre bloss still und lasse den Kopf nach unten hängen, während sie weiter schraubt. Ich spüre, wie sich ihre andere Hand stark an meine Schulter krallt, um mich zu fixieren. Ich fühle mich tatsächlich kraftlos.
"Torx T3?"
"Torx T3."
"Wäre ein Vierer nicht besser?"
"Keine Ahnung, ich versuche es jetzt mal so."
"Haben wir ein Ladekabel?"
"Hier, hab aber noch nichts angeschlossen."
"Hm..."
"Interne Versorgung?"
"Scheint stabil, nichts aufgebläht."
So muss sich ein Aufenthalt in einem Krankenhaus anfühlen, denke ich bei mir.
'Wer weiss', rast es mir durch den Kopf, 'vielleicht wäre eine Irrenanstalt heilsamer...'

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