Die verzwickte Kunst des Vertrauens

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P18 Slash
24.07.2020
27.09.2020
13
65.780
26
Alle Kapitel
25 Reviews
Dieses Kapitel
4 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
24.07.2020 5.168
 
Kapitel 1 - Einer zum Preis von zwei





Vorwort


Hallo liebe Leserinnen und liebe Leser,

schön, dass ihr hierhergefunden habt!

Nachdem ich gestern meine Story ,,One Million & One" beendet habe, brauchte ich natürlich eine neue Hauptgeschichte. ;D Und deshalb kommt heute das erste Kapitel hier!

„Die verzwickte Kunst des Vertrauens“ spielt im selben Universum und zur selben Zeit wie ,,Das verflixte Spiel der Liebe". Allerdings braucht man kein Vorwissen, um diese Story lesen zu können.
Ich freue mich also über alte Hasen ;D und neue Leserinnen und Leser, die gespannt auf das Kommende sind, mich hoffentlich wieder so toll unterstützen und vor allem Freude am Lesen haben werden! ^^

Wann Kapitel kommen, muss ich sehen, denn die einzelnen Kapitel werden auch länger werden, wenn man sie mit meinen anderen Geschichten vergleicht.
Wenn euch die Story aber gefällt und ihr mehr wollt, würde ich mich riesig über eine Empfehlung freuen und natürlich über eure motivierende Meinung in den Kommentaren! ^O^

Also dann…
Ich wünsche euch ganz viel Spaß!


Liebe Grüße
Farbenmaedchen





Ich zuckte zusammen, als mir kräftig auf den Hintern geschlagen wurde. Indem ich die Zähne aufeinander biss, gab ich keinen Mucks von mir. Es tat auch eher weniger weh, als dass es der Schreck war, der mich aufjapsen lassen wollte. Aber ich sah nur still nach unten zu meinen nackten Füßen, die schon ganz wund vom Stehen waren.

„Wie gefällt euch der?“, fragte der lachende Mann, der mir eben auf den Hintern geschlagen hatte. Zwar sah ich es nicht, aber ich hörte, wie er sich zu seinen Freunden umdrehte und die Arme ausstreckte. „Jetzt kommt schon, ihr seid ganz schöne Spaßmuffel heute.“
„War ein anstrengender Tag.“, erklärte einer von ihnen. Wer es war, konnte ich nicht sagen. Ich hätte mich auch niemals getraut, nach hinten zu spähen. Das hätte mir mehr als den schwachen Schlag eingebracht.

„Du hast uns hierher geschleppt.“ Das Auspusten von Zigarettenrauch. Einer von ihnen hatte sie bestellt, als die Männer hier angekommen waren und ich hatte sie ihnen gebracht. So konnten sie mich gleich begutachten. Ich hoffte inständig, sie würden mich nicht wollen.

„Leute, ihr tut so, als wärt ihr alte Greise. Es ist kaum Abend und ihr seid schon fertig. Die Nacht beginnt doch erst.“ Ich konnte das Grinsen in seinem Gesicht spüren. Mein Magen zog sich zusammen bei dem Gedanken, dass er es haben würde, wenn sie mit mir spielten. Weil sie mich nicht sehen konnten, kniff ich die Augen zu und nahm all meine Hoffnung zusammen, dass ich ihnen doch nicht gefiel, oder dass die missgelaunten Freunde einfach wieder abhauen würden, weil sie keine Lust hatten. Was machten sie hier überhaupt, wenn es ihnen so gar nicht zusagte?
„Nein, die Klinik war lediglich voll.“, erklärte der eine mit der ruhigen und tiefen Stimme. Der Rauch seiner Zigarette zog durch den Raum, sodass selbst ich ihn vernahm.

Als die Tür am anderen Ende des Raumes aufgezogen wurde, zuckte ich erneut zusammen, spannte mich automatisch an, als ich erkannte, wer es war. Der Besitzer dieses Hauses. Mein Besitzer.
„Und? Entschieden?“, fragte er mit schmalziger Stimme und trat zu mir, legte mir eine Hand auf die Schulter, als wollte er mich anpreisen. Aber diese Hand war kalt und heiß zugleich. „Wir können Ihnen natürlich auch je einen Sklaven zur Verfügung stellen, wenn Sie das wünschen.“, säuselte mein Herr wie immer. Ich sah ihn vor meinem inneren Auge die Hände reiben für den Sklaven, den er heute Nacht an diese Männer verkaufen konnte.

„Er ist nicht der richtige.“, meinte der enthusiastische Mann, diesmal leicht genervt. „Vielleicht sollten wir selbst mal schauen gehen.“
„Oh, natürlich!“ Mein Herr klatschte sich in die Hände und ich widerstand dem Drang zurückzuweichen. „Ich werde mich sofort um eine Begleitung kümmern, wenn Sie so freundlich wären und einen Augenblick warten würden?“
Damit gab er mir mit einem zornigem Nicken den Befehl, ihm leise zu folgen, was ich natürlich ohne zu zögern tat. Als die Tür zum Spielraum verschlossen war, konnte ich keinen Atemzug holen, bevor mich eine harte Ohrfeige zurücktaumeln ließ. Doch ich fasste mir nicht an die brennende Wange, die von der unerbittlichen und klebrigen Hand meines Herren getroffen wurde.
„Mach, dass du hier wegkommst.“, zischte er gefährlich leise und ich ließ es mir nicht zweimal sagen, bevor ich das Weite suchte.

Kaum war ich im Flur und aus der Reichweite der Freien, atmete ich tief durch und fasste mir an meine Brust, wo mein pochendes Herz schlug. Ich war so erleichtert, dass mich sogar ein kleines Grinsen überkam. Wie hatte ich es nur geschafft, da wieder herauszukommen, nachdem man mich für die Herrschaften ausgewählt hatte? Das grenzte an ein Wunder.
Nicht, dass es mein erstes Mal im Spielraum gewesen wäre, aber niemand der frei wählen durfte, wollte dorthin. Dieser Raum war unter uns Sklaven bekannt. Es war der Ort, an dem wir bestraft oder vorgeführt wurden. Oder die Freien konnten sich an uns austoben, wenn sie das nötige Kleingeld besaßen. Heute waren auch noch neue Spielzeuge angekommen, die ich ganz sicher nicht als erstes ausprobieren wollte.

Jedenfalls war ich jetzt erstmal in Sicherheit. Weshalb ich es mir auch nicht nehmen ließ, meinen weiteren Weg langsam und gelassen anzutreten.




Isaac


An einem nervenaufreibenden Tag brauchte man eigentlich nur einen guten Scotch und eine Zigarette, dann sah die Welt schon anders aus. Leider nicht heute, wo in der Klinik alles drunter und drüber gelaufen war. Und jetzt war ich auch noch dazu verdammt, mit Terry und Ray zum Sklavenhändler zu fahren. Nicht, das ich hier keinen Gefallen daran fand, ein wenig meine Ruhe zu haben, aber den Besitzer von diesem Ort hatte ich nie leiden können.

Mr Smith hatte leider die Fähigkeit, jedem das Ohr abzukauen, der es wagte seinen schleimigen Worten zu lauschen, die nur so vor Verrat und Betrug trieften. Wer auf ihn reinfiel, der war einfach nur dumm. Trotzdem besaß dieser Mann mit den fauligen Zähnen eines der beliebtesten Sklavenhäuser New Yorks. Und wenn man gute Ware wollte, musste man einen guten Ort aufsuchen.
Zumindest war er verschwunden und wir konnten uns nun selbst aussuchen, mit was wir die nächsten paar Stunden verbringen wollten. Etwas, das schon von Anfang an hätte passieren sollen.

„Jetzt habt euch nicht so. Wenn ihr Lust habt, dann zieht ihr auch nicht Gesichter, wie sieben Tage Regen!“, klagte Terry beleidigt und zog sich die Krawatte vom Hals, die achtlos auf das rote Sofa neben mir geschmissen wurde.
Langsam drückte ich meine Zigarette aus. „Ich suche die Toilette auf, geht ihr schon mal vor. Wenn ihr was Gutes findet, reserviert es für mich.“
„Das glaubst du wohl.“, wurde mir hinterhergerufen, als ich nach draußen trat, auf dem Weg zum einzigen Ort, an dem ich oftmals Ruhe fand. Vor allem und jedem.

Da es nicht selten vorkam, das ich mich hierher verirrte, wusste ich auch, wo alles lag, kannte die Vorführräume, die Unterkünfte der Sklaven und natürlich die Toiletten.
Manchmal wurde ich gefragt, warum ich mir keinen eigenen Sklaven zulegte, wenn ich doch sowieso immer wieder hierher kam und manchmal fragte ich mich das selbst. Immerhin wäre es einfacher und bequemer.
Aber nicht mal für eine Millionen Dollar würde ich jemanden zu mir nach Hause holen. Auch wenn derjenige kein wirklicher Mensch war und keine Rechte hatte. Selbst wenn es der besterzogenste Sklave auf der Welt wäre und meinetwegen noch zaubern könnte.

Nie im Leben.

Als ich vom stillen Örtchen kam, auf dem wohl schon lange keiner mehr gehockt hatte, so sehr wie es an Papier und warmen Wasser mangelte, hörte ich Stimmen aus dem Gang. Anscheinend waren ich und die anderen nicht die einzigen hier, die heute Abwechslung brauchten.

Es war ja auch ein gut besuchtes Sklavenhaus, ein Händler, auf den viele Kunden schworen, genauso wie wir. Meistens gab es hochwertige Sklaven zu teuren, aber angemessenen Preisen, auch was den Verleih anging.
Denn wir wollten jemanden nur für die Nacht. Man konnte sich entscheiden wie lange man wollte, wen man wollte und wie sehr man es wollte. Etwas, das wir drei zu schätzen wussten, nach einem langen Arbeitstag. Dieser Service reichte von einfachem Sex über ein paar Spielstunden in den angrenzenden Räumen hier. Und wenn man etwas tun wollte, das zumindest nicht jeder auf öffentlicher Straße mitbekommen sollte, dann kam man auch hierher. Man bezahlte dann dafür, wie lange man brauchte und wie abgenutzt die Ware danach war. Und wenn die Ware danach gar nicht mehr einsatzfähig sein sollte, musste man nicht mal den Vollpreis bezahlen. Dafür durfte man sie aber auch nicht mitnehmen, der kleine Haken an der Sache.

Wo ich schon mal stand, hatte ich keine Lust mehr, mich  wieder zu den anderen zu begeben, weshalb ich einfach dem Gang folgte. Ich wusste ja, wo ich hin musste und die anderen würden wahrscheinlich eh schon da sein.




Sklave


Hatte ich es doch richtig gehört! Meine Neugierde hatte mich gepackt, weshalb ich zu dem Vorführraum geschlichen war und nun durch den kleinen Spalt spähte, den die Tür offen ließ.

Es waren also noch andere Besucher hier, oder eher gesagt ein anderer. Ein Mann in schwarzem, teuren Anzug saß auf dem Sofa und blickte stur nach vorne. Da fiel mir auch der Sklave auf, den er musterte. Aber es war nicht irgendeiner. Dieser Sklave war das Spielzeug unseres Herrn, zumindest nannten wir ihn immer so, denn er stand nicht zum Verkauf und war für die privaten Gelüste unseres Herrn da. Obwohl die anderen Sklaven einen Narren an ihm gefressen hatten und ihn nicht ausstehen konnten, hielt ich meine Meinung zurück.
Bisher war ich ihm nicht oft begegnet und wenn doch, dann war er zwar immer etwas tollpatschig, aber eigentlich ganz in Ordnung. Nur, dass er eben in direktem Kontakt zu unserem Herrn stand und damit auch als potentieller Spitzel infrage kam. Wahrscheinlich mochten ihn die anderen deshalb nicht.

„Du beobachtest was...?“

Eine Gänsehaut krabbelte durch meinen ganzen Körper, zog sich durch Arme und Beine, blieb im Bauch, der sich zusammenzog. Erschrocken drehte ich mich um und sah in zwei braune, dunkle Augen, in denen ich nichts lesen konnte. Mir stand der Mund weit offen und ich konnte mich nicht bewegen.

Das war einer der Männer, die mich im Spielraum begutachtet hatten. Er stand vor mir, blickte mich unnachgiebig an und ließ mich hart schlucken. Gerade musste er mitbekommen haben, wie ich gelauscht hatte. Eine Tatsache, die mich erneut kalte Gänsehaut spüren ließ.
Ich war so perplex, dass ich nicht mal daran dachte, den Blick zu senken, so wie es sich eigentlich für einen Sklaven gehörte. Einem Freien in die Augen zu sehen, wie ein Gleichgestellter, das war zumeist ein schweres Vergehen. Es nahm den Respekt und die Achtung, es machte uns weniger unterwürfig. Und ich machte mich damit zu einem Schuldigen.

Was machte er hier? War er denn nicht damit beschäftigt, jemanden zu suchen, den er quälen konnte? Wieso war er dann hier? Meine Gedanken überschlugen sich. Zudem blieb er ganz ruhig, sah mich nur an und sprach nicht mal ein Wort.
Wenn er meinem Herrn berichten würde, dass ich einfach den privaten Gesprächen von Kunden gelauscht hatte, dann würde er mir sonst was antun und wahrscheinlich wäre ich für die nächste Woche das Spielzeug dieses ungepflegten Mannes.

Panik ergriff mich. Ich konnte nichts tun, als ich einfach den Kopf einzog und davonrannte, den Gang entlang, ohne ein Ziel, einfach nur weg. Mein Atem ging hektisch, obwohl ich nur wenige Sekunden lief, aber die Angst schnürte mir die Kehle zu. In dem Augenblick konnte ich nicht denken, sondern einfach nur rennen.




Isaac


Ich war mir nicht sicher, was ich davon halten sollte, als dieser blonde Junge einfach die Flucht ergriff. Nicht mal aufhalten konnte ich ihn, da war er schon weg und ich sah ihm nur hinterher, bis er um die Ecke bog.

Das war doch der Sklave von eben aus dem Spielraum gewesen, oder? Wir hatten ihn weggeschickt, um uns jemand anderes zu suchen, aber ich hatte nicht damit gerechnet, ihn dabei zu erwischen, in einen der Räume zu spähen. Er wahrscheinlich auch nicht, sonst wäre er ja nicht einfach weggerannt.

Obwohl ich mich selbst nicht als neugierig bezeichnet hätte, konnte ich es nicht unterlassen, in den Raum zu schauen, den auch der Junge beobachtet hatte. Aber drinnen spielte sich nichts interessantes ab. Nur ein Mann, der mit einem schwarzhaarigen Sklaven sprach.

Also wandte ich mich ab und ging den Flur weiter entlang. Eigentlich hatte ich nach dem Tag wirklich keine Lust mehr Verstecken zu spielen, aber es machte mich wütend, einfach so stehengelassen wurden zu sein. Das machte man nur einmal mit mir, dann wusste man, was einem blühte. Und wenn ich dann noch von einem Sklaven zum Narren gehalten wurde, ließ das eine kleine Ader auf meiner Stirn platzen. Sie waren nichts wert, hatten keine Rechte und gehörten einer anderen Person. Sich von so jemanden beleidigen zu lassen, war ein Eingeständnis von Schwäche, welche ich keinesfalls zeigen würde. Da war es mir gleich, ob die anderen auf mich warteten, oder ob ich überhaupt hier abbiegen und in den Bereich mit der „Nur für Personal“-Kennung durfte.

Hinter dem getrennten Bereich lag nur ein weiterer Gang mit Räumen, in die man durch Fenster sehen konnte. Augenscheinlich waren es Büros. Es passte seltsamerweise nicht in dieses Sklavenhaus, aber irgendwo musste die Schreibarbeit ja erledigt werden. Doch an dessen Ende erkannte ich die Treppe, die ich sonst immer von der anderen Seite aus erreichte. Sie führte hinunter in die Unterbringungen der Sklaven.
Nun, genau da vermutete ich auch den frechen Jungen, der anscheinend nicht wusste, wie man sich einem Freien gegenüber zu verhalten hatte. Und wo vorhin kein Interesse gewesen war, da juckte es mich jetzt in den Fingern, den Abend mit genau diesem zu verbringen.
Nur hatte er sehr jung ausgesehen. Zu jung für das, was ich heute Nacht geplant hatte. Aber selbst wenn dem so wäre, würde ich es mir zumindest nicht nehmen lassen, ihn zu bestrafen.

Die moosigen Stufen nach unten waren nicht mehr halb so pompös, wie der Rest dieser Einrichtung. Von außen prangten goldene Verzierungen und ein roter Teppich, aber wenn man sich an diesen Bereich wagte, dann erkannte man sehr bald, dass der Schein manchmal zu trügen versuchte.
Denn hier verirrten sich nur wenige Gäste her, solche wie wir, denen so ein bisschen Feuchtigkeit nichts ausmachte. Für die anderen war es ein unscheinbarer Fleck, über den sie niemals nachdachten. Denn irgendwo mussten die Sklaven untergebracht sein, sie konnten ja nicht in der Luft schweben. Da bot es sich unter der Erde an.
Natürlich war es auch hier noch ordentlich und gepflegt, immerhin gab es Leute wie uns, die sich ihre Sklaven selbst aussuchten, aber es war nicht mehr so pompös oder verziert, gar geschmückt. Einfach nur kalter Stein und ein paar Lampen.

Unten angekommen strahlte mir das industrielle Licht der Scheinwerfer entgegen und meine Augen brauchten einen Moment, um sich an das grelle Leuchten zu gewöhnen.
Dann suchte ich den unteren Bereich nach dem Jungen ab. Zuerst kamen einige weitere blickdichte Räume, bis ich in das Abteil kam, das mit Zellen ausgestattet war. Hier lebten die ersten Sklaven aus diesem Haus. Sie saßen auf dem kalten Boden oder der spärlichen Matratze, sahen überrascht auf, als ich die Zellenreihen passierte, aber ignorierten mich größtenteils. Vielleicht kannten mich einige von ihnen schon, mit nicht wenigen hatte ich schon mal den Abend verbracht. Aber die meisten blieben wohl einfach still, weil sie gut erzogen waren und einen Freien nicht von sich aus ansprachen.

Ich lief eine ganze Weile, die Kellergewölbe waren groß, aber ich traf nicht wieder auf den Jungen, der mich für dumm hatte verkaufen wollen. Auf wen ich allerdings traf, waren meine Kumpels, die sich vor einer Zelle mit einem der Aufseher versammelt hatten und über die Sklaven darin erzählten.

„Da bist du.“, empfing mich Terry mit einem Schulterklopfen. Seine Hand wurde allerdings schnell weggeschoben. Ich war gerade nicht in der Stimmung für einen frohen Schlagabtausch. „Wow, wow, nicht zu viel Emotionen auf einmal.“, meinte er sarkastisch und zog die Augenbrauen hoch. „Du sieht echt miesepetrig aus. Also noch mehr als sonst.“

„Würde ich ja gerne zurück geben, doch dich kriegt man einfach nicht getrübt.“
„Gut erkannt.“ Ein Augenzwinkern, dann deutete er auf die zwei Mädchen in der Zelle, die vorsichtig zu uns aufblickten. „Die beiden haben doch was, findest du nicht? Sind allerdings nur zwei. Du kamst als letzter, also musst du wohl noch ein bisschen suchen.“

„Ich weiß schon, wen ich nehme.“, sagte ich und blickte in die angrenzenden Zellen, ob der blonde Junge nicht doch in ihnen hockte.
„Echt? Was hast du denn schönes aufgegabelt? Dabei dachte ich, heute kommst du gar nicht mehr in Stimmung.“
„Den Jungen von vorhin.“, sagte ich ganz ehrlich, auch wenn ich nicht vorhatte, ihnen den Grund zu nennen. „Ich suche nach ihm.“

„Der? Dabei warst du von ihm gar nicht begeistert.“, plapperte Terry mal wieder ohne Punkt und Komma. Ray hielt sich wie gewohnt aus sowas nervendem raus, beschaute sich lieber die hübschen Mädchen. Etwas, das ich ihm nicht verdenken konnte. War jedenfalls besser, als sich mit Terry zu streiten.
„Wenn Sie möchten, kann ich Sie zu seiner Zelle bringen.“, mischte sich der Aufseher ein und deutete in die Richtung, in der sie sich befinden müsste.

„Das wäre sehr freundlich, ja.“




Sklave


Prustend ließ ich mich in meiner Zelle fallen, rücklings und einfach auf den steinigen Boden. Ich schloss gequält meine Augen und streckte alle Viere von mir.
Dieser Mann hatte mich erwischt und ich war einfach weggelaufen. Mein Todesurteil hatte ich damit unterschrieben. Damit würde man mich nicht mehr in Ruhe lassen und das, obwohl ich doch eigentlich aus dem Spielraum entkommen war.

„Scheiße!“, fluchte ich, ballte meine Hand zur Faust und schlug mir selbst gegen den Kopf. Wäre ich nur einfach nicht stehengeblieben, sondern hätte ich mich nach unten begeben, dann hätte ich hier liegen können, aber ohne die Angst, jederzeit vom Aufseher gerufen zu werden, um mir mit Peitschenschlägen meine Position einzuprügeln.

Die Gedanken daran ließen mich zittern. Ich setzte mich auf und rutschte an die Wand, gegen die ich mich lehnte und meine Arme fest um die angewinkelten Kniee schlang.
Ich wollte nicht ausgepeitscht werden, erstrecht nicht vom Aufseher. Er war dafür bekannt, kein Fetzen Haut mehr am Rücken zu lassen, wenn er einmal begonnen hatte. Sofort fing dieser an zu schmerzen und ein paar kleine Tränen sammelten sich in meinen Augen. Aber ich wischte sie schnell mit dem Handrücken weg.
Vielleicht hatte ich ja Glück und der Mann erinnerte sich nicht mehr an mich. Möglicherweise hatte er auch kein Interesse an mir, so wie er mich weggeschickt hatte. Das war doch einleuchtend, oder? So musste es sein, zumindest redete ich mir das ein, um mich nicht völlig zu verkrampfen.

Doch auf einmal hörte ich Stimmen im Flur. Mein Kopf schnellte hoch und ich war in Alarmbereitschaft. Ich kannte sie, teilweise zumindest. Die eine gehörte dem Aufseher, die andere wusste ich nicht einzuordnen.
Also krabbelte ich langsam vor, um aus der Zelle zu blicken und verfluchte mich genau dafür, denn ich sah nur das, was ich gehofft hatte, niemals sehen zu müssen.

Der Mann hatte mich also nicht vergessen. Und der Aufseher führte ihn zu mir.

Wieder packte mich Panik, die gleiche wie vorhin, als ich ohne nachzudenken losgelaufen war. Meine Beine wollten sich verselbstständigen und aufspringen, aber ich hielt sie ab. Wo hätte ich denn hingesollt? Es wäre nur ein weiter Kreis gewesen, der alles verschlimmert hätte, fanden sie mich in ein paar Stunden. Ich konnte nicht fliehen. Niemals, zu keinem Zeitpunkt, egal wie groß meine Angst war.

Also stand ich mit zitternden Knien auf, musste mich an den Gittern festhalten, damit ich nicht hinfiel. Und so blickte ich zu Boden und wartete, dass die Schritte immer lauter wurden, bis sie verklangen und Schuhe in meinem Blickfeld auftauchten, als sie vor mir hielten.
Mein Herz raste, mir wurde ganz heiß, sodass ich mit schwitzen anfing. Ich musste mich regelrecht festklammern, um nicht zurückzuweichen, aber ich blieb stehen und schluckte hart.

Eine harte Ohrfeige des Aufsehers traf mich, sodass ich mein Gleichgewicht verlor und auf die Knie fiel. „Wo warst du? Du wurdest gesucht.“, schrie er laut, dass die Sklaven in den anderen Zellen hellhörig wurden und zu uns herüber linsten.
„Ich hab dich etwas gefragt!“, kam der erneute Schrei. Ich sah, wie die Peitsche in seiner Hand ausgerollt wurde und er zum Schlag ansetzte. Ich kauerte mich weit auf den Boden und schlug die Arme über den Kopf. Eine einzelne Träne löste sich aus meinem Auge, als ich auf den harten Schlag wartete.

Doch er kam nicht.

Und als auch nach wenigen Sekunden nichts kam, traute ich mich vorsichtig aufzusehen, hoch zu dem unbekannten Freien, der den Aufseher am Handgelenk ergriff und ihn davon abhielt, mich zu schlagen.
„Warten Sie bitte.“, sagte er und ich war so perplex, dass ich ganz vergaß, in welcher Situation ich mich befand und einfach aufkniete. „Ich würde alles weitere gerne selbst übernehmen, wenn das recht ist.“

Der Aufseher löste sich von seinem Kunden und nickte dann zustimmend. „Natürlich, gerne. Soll ich ihn dann heute Nacht für Sie buchen?“
Die kalten Augen des Mannes blitzen zu mir herunter, sodass ich zusammenzuckte. Aber ich sah nicht weg, so wie er mich ebenso betrachten wollte. Dann folgte ich seinen Lippen, als er sagte: „Ja, machen Sie das.“
Nickend rollte der Aufseher seine Peitsche zusammen und  verließ uns dann wortlos. Es war alles gesagt wurden. Genug, um mir eine Gänsehaut zu verschaffen. Erstrecht, als der kalte Blick, der dem Aufseher gefolgt war, wieder auf mir landete.
Natürlich wusste ich, dass ich ihm nicht in die Augen sehen durfte, das hatte ich vorhin schon nicht. Aber diese nichtssagende und trotzdem autoritäre Mine machte mich nervös.
Der Mann kam einen Schritt auf mich zu. Auch jetzt konnte ich nicht fliehen, ich wollte es auch nicht. Aber ich konnte auch nichts gegen den Reflex machen, nach hinten zu weichen, bei jedem seiner Schritte, mit denen er näher kam. Erst als ich mit dem Rücken an die eisige Wand stieß, musste ich notgedrungen anhalten.
Jede seiner Regungen nahm ich genauestens war, als er sich ganz langsam, wie in Zeitlupe, zu mir herunter hockte und sich auf die Knie stützte. Ich schluckte hart und zog die Schulter zum Kopf. So nah, fühlte ich mich noch unbehaglicher.

„Wieso bist du weggerannt?“, wollte er ruhig wissen. Ich suchte Wut in seiner Stimme, aber ich fand keine, auch wenn ich mir sicher war, dass sie in ihm schlummerte. Er wirkte wie ein lauernder Löwe.
„I-Ich wollte nicht wegrennen, Sir...“, sprach ich das erste Mal mit ihm. Wieso konnte ich mich nicht zumindest jetzt benehmen und meinen Blick senken?

„Bist du aber.“, entgegnete er mir. Ein Schauer durchfuhr meinen Rücken, ohne dass er mich bisher angefasst hatte. Ich war mir nicht sicher, ob viele Leute das konnten, sich ohne Schmerzen durchsetzen.
„Ihr habt gesehen, wie ich an der Tür stand. Da habe ich Angst bekommen und bin einfach los...“, ergänzte ich meine Erklärung um ein gutes Stück. Es würde ihm nicht reichen, nichts auf der Welt. Ich könnte ihm das Blaue vom Himmel erzählen, er würde mich nicht verschonen. Niemand würde das.

Der Fremde legte den Kopf schief und sein Blick glitt über meinen Körper. „Wie alt bist du?“
„Achtzehn... Sir...“, antwortete ich ohne groß darüber nachzudenken. Zumindest das wusste ich. Etwas, das man unter Sklaven nicht erwarten durfte. Die meisten kannten ihre Eltern nicht, ihren Geburtsort nicht, nichts wussten sie über sich selbst.
„Lüg mich nicht an.“, raunte er gefährlich und ließ mich etwas die Wand heruntergleiten, als könnte ich mich dadurch kleiner machen. „Wenn ich eines hasse, dann wenn man mich anlügt.“
„Ich lüge nicht, Sir. Ich bin im Juli achtzehn geworden, am vierzehnten.“, sagte ich die volle Wahrheit, auch wenn man unter diesem durchdringenden Blick am liebsten eingeknickt wäre.

„Wenn du mich anlügst, schneidest du dir ins eigene Fleisch.“, erklärte der Fremde und endlich schaffte ich es, nach unten zu sehen, wie mein Platz es vorschrieb. Doch eine große Hand fand unter mein Kinn und hob es langsam wieder hoch.




Isaac


So grüne Augen hatte ich vorher selten gesehen. Bei mir in die Klinik kamen die verschiedensten Leute, verschiedenster Herkunft und da gehörte es zu meinen Aufgaben, ihnen in die Augen zu sehen. Auch in den Mund, den Ohren, was auch immer sie für Beschwerden hatten. Aber diese Farbe war besonders. So verwaschen, sie strahlte nicht. Als wären sie ausgetrocknet und trotzdem schien die Farbe intensiv.

Er saß so festgedrückt an der Wand, dass man annehmen musste, er wollte sich durch sie hindurchquetschen. Seine Hände zitterten, auch seine Lippen, trotz allem sah er mich direkt an. Und er doch den Blick senkte, hob ich ihn wider an, damit er nicht mit dem aufhörte, was mich so faszinierte.

Er war anders. Ich konnte es nicht bestimmen. Während die anderen entweder vor Angst auf dem Boden kauerten oder sich mit Dummheit auflehnten, war in seiner unsicheren Haltung ein kleiner Funke. Etwas, das ihn trotzdem aufschauen ließ, sowas wie Neugierde.

Vielleicht log er mich mit dem Alter an, er sah zierlich aus, zerbrechlich und klein. Wie etwas, das man beschützen wollte, musste.

Und ehe ich mich versah, schloss ich meine Lider, beugte mich zu ihm vor und legte dem versteinerten Jungen meine Lippen auf seine eigenen. Seine gesamte Körperhaltung spannte sich an, die Hände zuckten gefährlich nach oben, als wollten sie mich von sich schieben. Aber er tat nichts und ich ließ meine Lippen einfach nur ruhen, solange bis sich seine Anspannung zu lösen schien. Erst dann nahm ich Abstand und betrachtete die geröteten Wangen.

Mit einem langen Seufzer stand ich auf und wandte mich gleich zum Gehen. „Komm.“, meinte ich streng. „Ich habe dich für heute Nacht gekauft.“
Ich vernahm Rascheln und Fußstapfen, bis ein blonder Kopf neben mir auftauche und dann vorsichtig hochschielte. Zumindest schien er zu gehorchen, wenn man ihm klare Befehle gab. Auch wenn das von vorhin noch im Raum stand. Vielleicht würde ich aber auch darüber hinwegsehen, immerhin hatte er verstanden, was er falschgemacht hatte.

Also ging ich vor und hörte leise Schritte hinter mir, als seine Füße den kalten Boden berührten. In geringem Abstand folgte er mir nach oben. Ich war mir noch nicht sicher, welchen Raum wir nehmen würden. Terry und Rey, einer von ihnen hatte bestimmt schon den Spielraum beansprucht. Da müsste nachgefragt werden.

Doch bevor ihr noch weiter darüber nachdenken konnte, was ich mit meiner Errungenschaft für diese Nacht tun würde, traten wir in den Eingangsbereich mit dem Empfang. Seltsamerweise standen dort Terry und Rey in voller Montur, fast so, als wollten sie schon aufbrechen.

Ich blieb abrupt stehen und kniff die Augen zornig zusammen, als jemand von hinten in mich hineinlief. Sofort zog er sich zurück. Er war nicht schwer oder tat weh, doch es ließ mein Blut wieder zu kochen beginnen. Da überlegte ich, ob ich die Strafe einfach sein ließ und dieser Junge stellte das nächste an.

„Hey, Mann!“ Terry winkte freudig und kam auf mich zu. Er klopfte auf meine Schulter und führte mich zum Empfang. „Schau dir das mal an.“
„Was soll das?“, fragte ich gereizt. Wollten die mich verarschen? „Erst schleppst du uns hierher, dann haut ihr ab? Habt ihr niemanden gefunden?“
„Ja ja,“, tat es Terry mit einem Augenverdrehen ab und zog mich soweit, dass ich vor dem Empfang stand und auf ein Blatt Papier starren musste. „Komm mal runter, ich erklär dir doch alles.“
Er nahm das Blatt und hielt es sich vor das Gesicht, sodass ich gar nicht anders konnte, als es anzusehen. Und das erste was ich laß, ließ mich die Hand vors Gesicht schlagen. „Du Idiot, da steht Kaufvertrag. Hast du dir etwa einen Sklaven gekauft?“
Terry linste unschuldig hinter dem Blatt hervor. „Ach Quatsch, da hab ich doch zu Hause kein Platz für.“
„Ja und dann? Rey oder was?“ Ich hasste es so sehr, wenn jemand nicht Klartext sprach. Wieso musste man alles in kleine Rätsel verpacken, wenn man klipp und klar sagen könnte, wie man etwas meint.
„Jetzt ließ doch mal richtig!“, forderte Terry kichernd und ich zog ihm das Papier grob aus der Hand. Dann ging ich zu der Garderobe neben dem Empfang hinüber und holte meine Brille aus der Jackentasche.

Ich überflog die Zeilen dieser so geheimnisvollen Unterlage und rechnete bereits mit irgendeinem Blödsinn. Doch mit jedem Wort, das ich mehr las, wurde ich auch langsamer, bis ich an eine Stelle ankam, an der mir der Mund aufklappte und meine Schultern nach unten sanken.

„Scheiße. Was um alles...?“

„Ta-da!“ Terry nahm mir den Vertrag aus der Hand und wedelte dann mit diesem herum. „Das ist dein Geburtstagsgeschenk, mein Lieber. Hast du schon vergessen? Du wolltest die Pakete letztens zu deinem Einundreißigsten nicht annehmen. Da haben wir gedacht, kaufen wir ihm doch heimlich einen Sklaven, damit er sich nachts nicht so einsam fühlt.“ Er zwinkerte Rey zu, der nur unbeteiligt mit den Schultern zuckte.

Und ich? Ich starte fassungslos zwischen den beiden Parteien hin und her. So sprachlos war ich, dass nicht ein Wort über meine Lippen kam, obwohl ich ihnen zu gerne Sachen an den Kopf geworfen hätte, die sie nie wieder vergessen würden.

„Du guckst so verdattert! Freust du dich gar nicht?“ Terry legte mir einen Arm um die Schultern, den ich grob von mir stieß.
Dann fand ich meine Stimme wieder und meinte so zornig, wie ich auch meine Fäuste ballte: „Seid ihr denn jetzt völlig behämmert? Ihr könnt mir doch nicht einfach einen Sklaven schenken, seid ihr noch bei Trost? Das ist keine... Vase oder so!“ Ich formte mit den Händen wütend ein solches Exemplar, das ich mit Freude auf den Boden gedonnert hätte. „Das ist ein lebendes Wesen, verdammt nochmal! Das kann man nicht eben mal so kaufen und wenn man es nicht mehr will, stellt man es in die Ecke!“

„Es war so klar, dass das kommt.“ Terry ließ seine Augenbrauen noch oben schnellen und sah mich anzüglich an. Hätte ich nicht Manieren gehabt, hätte ich ihn am Kragen gepackt und einmal durch den Raum geschleudert. Was dachte er sich dabei!?
„Natürlich kommt das!“ Ich fuhr mich hektisch über die Haare. „Ihr werdet diesen Kauf sofort stornieren und ihn zurückgegeben!“
Terry legte den Kopf schief. „Für diesen Fall haben wir schon vorgesorgt. Einmal gekauft, kann man nicht mehr zurückgeben.“

„Nicht. Euer. Ernst.“ Ich schüttelte entrüstete den Kopf. „Mir war ja klar, dass ihr Dummbeutel seid, aber was denkt ihr euch dabei?“
Ich musste mich erstmal beruhigen. Diese Idioten machten mich so wild! Aber wenn ich einen kühlen Kopf behielt, würde mir schon was einfallen, wie ich aus dieser Situation herauskam, ohne alles kurz und klein zu schlagen. Also atmete ich tief durch und versuchte erstmal ein paar Informationen zu erlangen. „Wer ist es denn überhaupt? Wen habt ihr gekauft?“

Fast zeitgleich sahen Terry und Rey zu einem unbestimmten Punkt hinter mir und als ich mich umdrehte, traf mich der Schlag. Bei dem Chaos hätte ich es beinahe vergessen. Da stand ja immer noch der Junge von vorhin, mindestens genauso überwältigt wie ich.

Das konnte doch nicht sein, dass ich ihn jetzt wirklich am Hals hatte…
Review schreiben