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When the night is darkest 4 - Verloren

von Tilajasar
GeschichteDrama, Tragödie / P16 / MaleSlash
OC (Own Character) Pearl Rusty
24.07.2020
13.08.2020
17
14.880
2
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24.07.2020 1.316
 
Pearl saß auf ihrem Bett. Die Musik, die leise im Hintergrund in Endlosschleife lief, hörte sie schon lange nicht mehr. Ihr Blick war auf das Foto in ihrer Hand gerichtet. Beinahe geistesabwesend fuhr sie zärtlich mit den Fingern darüber. Sie musste lächeln, als sie an die Zeit der Aufnahme zurückdachte. Doch augenblicklich wurde sie wieder von tiefer Trauer erfasst. Sie spürte, dass sie den Tränen nahe war. Ein vorsichtiges Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Hastig legte sie das Bild verdeckt auf dem Bett ab und schaute zur Tür, die in dem Moment langsam geöffnet wurde.

„Hallo“, grüßte Blacco und sah sie unsicher an. „Ist alles ok?“
Pearl nickte und zwang sich zu einem Lächeln. Sie wusste, dass sich ihr Freund Sorgen machte, aber das sollte er nicht.
Er kam hereingerollt und schien einen Moment der Musik zu lauschen, dann seufzte er. „Das klingt traurig. Warum hörst du dir das an?“

Pearl senkte den Blick. Das war eins von Rustys Lieblingsliedern. Das konnte sie Blacco jedoch nicht sagen.
Er schüttelte missbilligend den Kopf aber dann sah er sie wieder freundlich an. „Tessa ist eben vorbeigekommen. Sie war nur auf der Durchreise und hatte es offenbar eilig, deshalb hat sie es mir gegeben.“ Er rollte auf sie zu und hielt ihr ein schmales, braunes Buch entgegen.
„Danke“, sagte Pearl leise. Sie streckte zögerlich die Hand aus, nahm das Buch und ließ es auf das Foto sinken.

„Willst du das wirklich lesen?“
Pearl sah Blacco an. Sie kannte seine Meinung dazu und eigentlich kannte er auch ihre. „Ich muss. Ich möchte verstehen, warum.“
„Pearl, es war nicht deine Schuld“, sagte Blacco langsam.
Jetzt konnte sie ihn nicht mehr ansehen. „Lass mich bitte allein.“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.

Einen Moment stand Blacco noch unsicher da, dann fuhr er zur Tür. Dort hielt er noch einmal.
„Control möchte dich übermorgen wieder auf den Gleisen sehen.“
Als Pearl nickte, schenkte Blacco ihr noch ein aufmunterndes Lächeln, dann verschwand er.

Pearl starrte auf die Tür, die der schwarze Diesel soeben hinter sich geschlossen hatte. Sie hoffte sie behandelte ihn nicht zu ungerecht, wusste sie doch, dass er ihr helfen wollte. Aber wirklich helfen konnte ihr vermutlich nur das, was nun neben ihr auf dem Bett lag.

Sie griff nach dem Büchlein und betrachtete es. Entgegen ihrem ersten Eindruck war es gar kein Buch. Sie klappte es auf und blickte verwundert auf den kleinen Bildschirm. Ein elektronisches Gerät hatte sie nicht erwartet. Ihr Mut sank, als sie die Eingabeaufforderung sah. Wie sollte sie unter den unzähligen Buchstaben- und Zahlenkombinationen die möglich waren, das richtige Passwort finden? Zögerlich probierte sie ein paar Namen aus, aber die meisten waren schlichtweg zu kurz. Seufzend ließ sie das Gerät sinken und schloss die Augen.

Alles was sie wissen wollte, befand sich in ihren Händen. Sie musste nur das richtige Passwort eingeben. So schwer konnte das doch nicht sein. Ihr kam eine Idee. Das wäre zwar fast zu offensichtlich, aber andererseits war es etwas, worauf nicht jeder kommen konnte. Langsam tippte sie die zwei Worte ein, bestätigte und schloss hoffend die Augen. Als sie sie wieder öffnete, sah sie einen personalisierten Gruß und ihre Freude wurde sogleich von einem unguten Gefühl verdrängt. Hatte sie wirklich das Recht zu lesen, was vermutlich niemand lesen sollte? Was, wenn sie doch Dinge erfuhr, die sie gar nicht wissen wollte? Pearl atmete tief durch. Nein. Sie wollte wissen, was in seinem Kopf vorgegangen war. Sie wollte verstehen, warum. Insgeheim hoffte sie sogar, dass alles doch ganz anders war, als es sich im Moment darstellte.

Es waren offenbar 42 Einträge vorhanden. Der erste stammte vom 12.01., das musste ungefähr zwei Monate nachdem Rusty von Tim entführt worden war gewesen sein. Pearl ließ sich den ersten Eintrag anzeigen, nahm allen Mut zusammen und begann zu lesen.


12.01.

Hallo. Liz hat mir dieses digitale Ding geschenkt. Sie meint, das könnte helfen. Ich glaube das nicht, aber ihr zu liebe probiere ich es mal. Liz ist meine Freundin. Muss ich das dazusagen? Für wen ist das überhaupt? Für mich? Das soll doch niemand anders lesen und ich weiß ja wer Liz ist. Das ist ganz schön albern.

Ok, ich versuche es noch mal. Liz meint, ich soll meine Gedanken aufzeichnen. Das kann und will ich nicht. Also beschreibe ich einfach wie der Tag war. Also…es war ein ganz normaler Montag. Ich bin eine kurze Vormittagstour und eine längere Nachmittagstour gefahren. Ganztagstouren werden mir offenbar nicht mehr zugetraut, jedenfalls wurden mir die letzten Wochen keine zugeteilt. Vielleicht hat Liz da auch ihre Hand im Spiel. Sie meint immer, ich solle es nicht übertreiben. Aber ich bin nun mal gern auf dem Gleis unterwegs. Und wenn ich nicht eingeteilt bin, fahre ich eben mit Liz, wenn sie Zeit hat, oder alleine. Ich kann doch nicht einfach in meinem Depot rumsitzen. Nein…. das geht nicht.


Damit endete der Eintrag und Pearl starrte gedankenverloren aus dem Fenster. Sie erinnerte sich dunkel an ein Gespräch mit Blacco, nachdem er mal wieder Tessa und Becca in Naiva besucht hatte. Sie hatte ihn gefragt, ob er Rusty auch gesehen hatte. Er hatte verneint, aber er hätte mit Liz ein kurzes Gespräch geführt. Sie hatte gemeint, es ginge Rusty ganz gut, solange er draußen herumfahren konnte. Pearl war damals sehr froh über diese Aussage gewesen, denn sie hatte befürchtet, dass ihn die ganze Sache mehr mitgenommen hatte. Sie wand ihren Blick vom Fenster ab und richtete ihn auf den nächsten Eintrag.


13.01.

Heute war ein ganz normaler Dienstag. Es hat über Nacht geschneit, die Schienen waren zum Teil vereist. Auf der Vormittagstour hatten wir mächtig Verspätung, weil ich langsam fahren musste und wir waren viel länger als geplant unterwegs. Das hat die Mädels geärgert, aber was sollte ich machen? Und weil wir so spät zurück waren, hat Greenard meine Nachmittagstour übernommen. Ich habe dann Liz besucht, aber sie hatte viel zu tun. Nahe des Bahnhofs ist ein halber Güterzug entgleist. Da wird sie wohl die Nacht wieder durcharbeiten müssen. Naja, dann bin ich allein umhergefahren. Aber das war ganz schön anstrengend, weil die Schienen immer noch recht glatt waren. Ich bin dann auch eher als geplant wieder hier gewesen. Das war nicht so gut. Aber jetzt ist es schon Abend und ich kann schlafen.


14.01.

Soll ich jetzt sagen, dass wieder ein normaler Mittwoch war? Ach, ich weiß nicht, ob das was bringt. Aber Liz hat sich gefreut, als ich ihr sagte, ich nutze ihr Geschenk. Also mach ich mal weiter. So normal war der heutige Tag auch gar nicht, denn ich habe erfahren, dass ich möglicherweise nach Victoria fahren muss. Natürlich heimlich. Ich hätte nicht gedacht, dass es mal so kommen würde. Aber ich muss mich mit Caboose treffen. Eigentlich hatte ich gehofft, dass es nicht nötig ist und Greenard mir die Schlaftabletten irgendwie über Greaseball organisieren kann, aber Greenard sagte, Caboose will sie nur mir persönlich geben. Das ist so doof. Aber ich brauche sie. Nachdem Liz gemerkt hatte, dass ich welche von Ihrem Vorrat genommen hatte, schließt sie die Schränke immer ab und die die ich noch habe reichen höchstens noch für eine Woche. Vielleicht sollte ich doch noch mal mit ihr reden. Sie muss doch verstehen, dass ich die Tabletten brauche. Ich will Caboose nicht darum anbetteln. Verdammt.


Pearl holte tief Luft und seufzte. Das kam ihr alles so bekannt vor. Sie hatte gedacht, es ging ihm gut in Naiva, aber er ging wieder auf dieselbe destruktive Weise mit seinen Problemen um wie damals hier. Was Liz wohl dazu meinte? Sie war vom Fach, sie musste doch in der Lage sein, ihm zu helfen. Pearl spürte einen Anflug von Wut, dass sie es offenbar nicht getan hatte. Aber er verschwand schnell und Pearl las weiter. Wenn Rusty sich tatsächlich heimlich mit Caboose getroffen hatte, wusste er vielleicht auch mehr als er bisher gesagt hatte.
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