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When the night is darkest 4 - Verloren

von Tilajasar
GeschichteDrama, Tragödie / P16 / MaleSlash
OC (Own Character) Pearl Rusty
24.07.2020
13.08.2020
17
14.880
2
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13.08.2020 1.184
 
Am späten Nachmittag saß Pearl noch immer auf der Bank in der Sonne und schaute in Richtung Naiva. Es fühlte sich so seltsam an, dass Rusty nicht mehr da war. Er war zwar schon seit anderthalb Jahren nicht mehr in Victoria aber Naiva war nicht weit entfernt. Pearl hatte im letzten halben Jahr immer das Gefühl gehabt, dass sie ihn, wenn sie es wirklich wollte, ja besuchen fahren könnte. Sie musste sich sogar eingestehen, dass sie manchmal gehofft hatte, dass er wieder zu ihr zurückkommen würde.

Aber das konnte jetzt nicht mehr geschehen. Diese Erkenntnis war sehr schmerzhaft. Pearl blinzelte in die Sonne. Nein, sie wollte jetzt nicht wieder weinen. Den Rusty, der sich von Tim um den Finger wickeln ließ, hätte sie sowieso nicht haben wollen. Aber es war doch Rusty gewesen. Er war nur irgendwie vom rechten Gleis abgekommen und niemand hatte ihm geholfen zurückzufinden. Weil er sich nicht helfen lassen wollte, es nicht konnte. Pearl empfand tiefes Mitleid mit Rusty. Das hatte er alles nicht verdient.

„Pearl?“, hörte sie eine Stimme hinter sich rufen.

Pearl stöhnte hörbar, als Caboose vor sie trat. „Ich habe dich gesucht. Hast du das Buch schon durch?“
Sie nickte.
„Hat Tim ihn gezwungen mit ihm zu kommen?“
Pearl sah Caboose irritiert an. „Nein. Rusty hatte sich entschieden in Naiva zu bleiben. Wie hätte Tim ihn zwingen können?“
Caboose grinste. „Da kannte er ein paar Möglichkeiten. Es wundert mich, dass er nichts angedroht hat. Dann muss er sich seiner Sache sehr sicher gewesen sein.“
„Du meinst er hat wirklich gedacht, Rusty würde ihm folgen?“
Caboose nickte. „Das mag komisch klingen, aber Tim mochte Rusty wirklich. Auf seine Art. Ich glaube nicht, dass er ihn einfach so zurücklassen wollte.“
„Aber das hat er“, gab Pearl zurück.

Caboose lächelte vielsagend. „Es interessiert dich vielleicht, dass zum Zeitpunkt von Liz‘ Tod nicht zwei sondern nur ein Zug das Geschehen beobachtet hat und dass dieser Zug eine Falschaussage gemacht hat.“
„Du meinst, er hat gelogen? Warum?“
Caboose seufzte tief. „Es ist doch inzwischen offensichtlich, dass Tim seine Hand im Spiel hatte. Ich habe mich ein wenig umgehört und herausgefunden, dass er beide angeblichen Zeugen-Züge gut kannte. Ein bisschen unter Druck gesetzt“, Caboose grinste kurz, „hat einer auch zugegeben, dass Tim ihnen vorher gesagt hatte, was sie gesehen haben werden, nämlich wie Rusty nach einem Streit Liz beseitigt.“

„Und was ist wirklich passiert?“, fragte Pearl aufs Äußerste gespannt.
„Das kann uns wohl nur Tim sagen, wenn er noch lebt, was ich bezweifele.“ Caboose schien sich einen Moment an Pearls Enttäuschung zu weiden, dann fuhr er fort: „Ich weiß jedoch, was der Zug, der vor Ort war, behauptet wirklich gesehen zu haben.“ Er machte eine theatralische Pause.
„Tim hat Rusty und Liz überrascht als sie nahe der Klippen standen. Rusty ist zu ihm gefahren und hat mit ihm geredet während Liz abseits stand. Ich nehme an, Rusty wollte nicht, dass sie mithört. Dann artete das Gespräch in einen Streit aus, Tim brüllte Rusty an und deutete wohl mehrfach auf Liz, während Rusty versuchte ihn zu beschwichtigen. Dann gab es einen Energieblitz in Richtung Liz. Sie wurde nicht getroffen, wich aber zurück. Rusty schrie Tim an, er feuerte noch einen Blitz ab, Liz wich noch weiter zurück und verlor den Halt. Noch ehe ihr Schrei verstummt war, hat Rusty Tim gepackt und über die Klippen gedrängt. So jedenfalls hat es die Lok beschrieben.“

Pearl brauchte einen Moment um das, was sie da gerade gehört hatte, zu verarbeiten, dann fragte sie langsam: „Das heißt, Rusty hat Liz nicht umgebracht, sondern sich mit Tim in den Tod gestürzt?“
Caboose nickte. „So scheint es gewesen zu sein.“
„Aber Tim wurde nicht gefunden.“
Caboose zuckte mit den Schultern. „Entweder ist er weggespült worden oder er hat den Sturz überlebt oder alles war doch ganz anders.“
Pearl nickte gedankenverloren. Ihr war eigentlich egal, was mit Tim war. Viel bedeutender war für sie die Erkenntnis, sich doch nicht in Rusty getäuscht zu haben.

„Gibst du mir jetzt das Tagebuch?“, fragte Caboose unvermittelt.
Pearl sah ihn an. Er lächelte freundlich. Was konnte es schaden? Er wusste sowieso alles und vielleicht noch mehr als er sagte. „Aber du musst es morgen Blacco geben, damit er es Becca zurückgibt.“
„Aber gerne doch.“

---

Als Caboose abends in der Scheune auf dem Boden saß, öffnete er das Buch und gab das Passwort ein. Er überlegte kurz die Einträge noch einmal zu überfliegen, aber dann entschied er sich dagegen, ließ seine Finger über das Display gleiten und löschte den gesamten Inhalt.

„Das hätte Rusty sicher auch so gewollt.“ Tim kam mit zwei gefüllten Sektgläsern aus der anderen Ecke herangerollt und reichte ihm eines.
„Immer in seinem Interesse.“ Caboose grinste und nahm ein Glas entgegen. „Hast du Becca auch eingeladen?“
„Nein. Sie ist noch immer sauer, dass ich mich an Liz rangemacht habe. Dabei war bei der nichts zu holen. Da war Rusty um Klassen besser.“
„Na, dann…“ Caboose erhob sein Glas. „…auf all die, die sich manipulieren lassen.“
„Und die, die dazu fähig sind.“ Tim grinste breit und stieß mit Caboose an.

---

Pearl erwachte aus einem seltsamen Traum. Sie brauchte einen Moment um sich zu erinnern aber dann fiel ihr sogar ein, wie der Traum zustande gekommen war. Papa hatte am Vortag erzählt, dass jetzt, wo Blacco weg war, wieder eine neue Lok kommen würde. Und da hier schon einmal eine Dampflok gute Dienste geleistet hatte und man diese alten Modelle kaum noch irgendwo einsetzen könne, sollte es wieder eine Dampflok sein. Papa schien sich anders als Greaseball darüber wirklich zu freuen. Dieses Element hatte Pearl in ihrem Traum mit dem Halbwissen verbunden, dass eine Lok erst verschrottet wird, wenn das Gehäuse irreparabel beschädigt ist, alles andere ließe sich ersetzen.

In ihrem Traum war Rusty die neue Lok gewesen. Er stand freudig lächelnd vor ihr, genauso wie sie ihn in Erinnerung behalten wollte. Dann drehte er sich um, ließ sie ankuppeln und fuhr mit ihr in den Sonnenuntergang.


*** Ende ***


Und dieses Mal ist es das endgültige Ende.

Aber was zum Teufel hat die vorletzte Szene jetzt zu bedeuten? Caboose macht mit Tim gemeinsame Sache? Hat er das Tagebuch doch selbst geschrieben? Aber warum sollte er das tun? Dann ergäbe ja alles keinen Sinn. Andererseits habe ich seine Motivation selten verstanden. Aber nein, halt, das kann er sich nicht alles ausgedacht haben. Nein? Oder vielleicht doch? Ich überlasse es euch, was ihr glauben wollt. Mich täte jedoch interessieren, was ihr von so einem offenen Ende haltet.

Damit ist die Tetralogie offensichtlich beendet und ich muss sagen, ich hätte nicht gedacht, dass es so schwer ist, seinen eigenen Lieblingscharakter in den Tod zu schreiben. Nicht, dass ich das von Anfang an geplant hätte, aber irgendwie führte dann eins zum anderen. Ich bin wirklich froh, dass ich Rusty hier gleich von Anfang an für tot erklärt habe, denn sonst hätte ich es garantiert wieder nicht geschafft ihn endgültig sterben zu lassen.

Ich möchte mich an dieser Stelle noch einmal ganz herzlich bei allen Leserinnen und Lesern bedanken, die diese düsteren Geschichten verfolgt, Reviews oder gar Empfehlungen gegeben haben, insbesondere bei Ann und Lexi!

Seid lieb gegrüßt

Eure Tilajasar
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