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When the night is darkest 4 - Verloren

von Tilajasar
GeschichteDrama, Tragödie / P16 / MaleSlash
OC (Own Character) Pearl Rusty
24.07.2020
13.08.2020
17
14.880
2
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Dieses Kapitel
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08.08.2020 2.132
 
01.02.

Wieder ein Tag geschafft. Die Nacht war ganz gut, dank der Schlaftablette, die ich Liz abgeluchst habe. Erst in den Morgenstunden habe ich wieder von Tim geträumt. Aber was für ein Traum. Ich denke immer noch darüber nach. Es fing genauso an wie gestern Abend nur habe ich ihn nicht weggestoßen. Selbst wenn ich das hier aufzeichne wird mir ganz heiß. Was soll das? Ich muss auf andere Gedanken kommen. Am besten ich fahre mal zu Liz.

Oh das war ein Fehler. Liz hat gemerkt, dass ich nicht bei der Sache bin und wollte wissen, was los ist. Ich habe ihr erzählt, dass ich nicht gut schlafen kann, aber sie durchschaut, dass das nicht alles ist. Zum Glück hat sie nicht weiter nachgehakt aber es fühlt sich so falsch an sie anzulügen. Vielleicht sollte ich ihr einfach die Wahrheit erzählen. Sie war bisher immer verständnisvoll. Aber was soll ich sagen? Dass ich mich körperlich zu einer Lok hingezogen fühle, die mich nach allen Regeln der Kunst misshandelt hat. Das ist so krank.


02.02.

Später Abend und ich weiß nicht, was ich von mir denken soll. Ich fühle mich schäbig und beschmutzt aber auf der anderen Seite so glücklich wie lange nicht mehr. Ich habe den ganzen Tag versucht nicht an Tim zu denken, aber irgendwann konnte ich nicht mehr. Ich war so fertig und bin einfach zu der Stelle gefahren, wo ich ihn nun schon zwei Mal getroffen hatte. Erst habe ich ihn nicht gesehen und war wirklich enttäuscht. Dann trat er doch aus dem Gebüsch. Er funkelte mich an, lächelte und tat so, als habe er erwartet, dass ich komme. Es schien ihm auch schon wesentlich besser zu gehen. Auf meine Frage, warum er hier sei antwortete er aber wieder nur, dass er mir nahe sein wollte und nirgendwo anders hinkönne. Ich spürte förmlich wie er versuchte mein Mitleid zu gewinnen und das Schlimme war, es funktionierte. Es war als hätte ich vergessen, was er mir angetan hat. Ich stand einfach nur da und ließ zu, dass er bis auf wenige Fuß an mich herankam. Er sagte noch einmal, er wolle mir danken. Er nahm meine Hand. Ich habe sie nicht weggezogen. Er streckte seine andere Hand langsam nach meinem Gesicht aus. Ich wollte zurückweichen, aber ich tat es nicht. Als er mich berührte hielt ich den Atem an. Ich hatte das Gefühl zu sterben. Er sagte, ich solle keine Angst haben. Aber ich fing an am ganzen Körper zu zittern. Dann küsste er mich. Einen Moment noch stand ich starr da, dann musste ich aufgeben. Ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Ich habe seinen Kuss erwidert. Es fühlte sich so unbeschreiblich gut an.


Pearl schlug das Buch in einer heftigen Bewegung zu. Das war zu viel. Sie nahm ihr Kissen und warf es auf das Buch. Davon wollte sie nichts mehr lesen. Was tat Rusty da? Was hatte er getan? War er verrückt geworden? Oder, überlegte Pearl, waren das vielleicht gar nicht seine Einträge? Wollte hier nur jemand Schuld auf ihn lenken indem er ein Tagebuch fingierte? Sie selbst war überrascht gewesen, dass er eins geführt haben sollte. Steckte Caboose etwa hinter all dem? Das wäre so übel. Aber sie würde es herausfinden.

---

Sie fand Caboose mit Greaseball ins Gespräch vertieft. Als er sie sah, lächelte er und grüßte freundlich.
Aber Pearl wollte jetzt keine Höflichkeiten austauschen. „Caboose, ich muss mit dir reden.“
Greaseball tauschte einen Blick mit Caboose. „Dann lass ich euch mal allein. Es bleibt bei heute Nachmittag.“ Damit fuhr er davon.

„Was gibt’s?“, fragte Caboose unschuldig. „Möchtest du deinen Teil der Abmachung erfüllen?“
Pearl sah ihn einen Moment stumm an, dann nickte sie. „Rusty hat nicht viel über Tim geschrieben. Nur, dass er ihn um Hilfe gebeten hatte und er seiner Bitte nachgekommen ist. Er hat ihn auf ein elektrifiziertes Gleis gezogen. Danach hat er ihn anscheinend nicht mehr wiedergesehen.“
Caboose schaute sie eine Sekunde leicht irritiert an, dann lächelte er. „Hat er ihn nicht mehr wiedergesehen oder schreibt er nur nichts darüber, das ist die Frage. Schreibt er irgendetwas zu seiner Beziehung zu Tim, seinen Gefühlen ihm gegenüber, was er über ihn dachte?“

Pearl hatte Mühe Cabooses Blick standzuhalten. „Ich glaube er hatte Angst vor ihm und wünschte, dass er so schnell wie möglich wieder verschwinden würde.“
„Mehr nicht?“ Caboose klang enttäuscht und Pearl war sich nicht sicher, ob er ihr glaubte oder nicht.
Entschieden schüttelte sie den Kopf und sah ihn dann fragend an. „Was hast du denn erwartet? Dass er ihm glücklich um den Hals fällt?“
Zu Pearls Missfallen nickte Caboose grinsend. „Sowas in der Art.“ Dann wurde er schlagartig ernst. „Weißt du, Pearl, entweder meine Theorie ist total falsch oder du lügst mich an. Ersteres erscheint mir mittlerweile sehr unwahrscheinlich.“
Pearl schaute Caboose fest in die Augen, doch bevor sie etwas sagen konnte, hörte sie jemanden wütend ihren Namen rufen. Sie drehte sich um und sah Becca und Tessa auf sich zukommen. Das hatte ihr gerade noch gefehlt.

„Gib mir sofort das Tagebuch wieder!“, fing Becca an ohne sich mit einem Gruß aufzuhalten.
„Warum sollte ich das tun?“, fragte Pearl um Ruhe bemüht. Sie mochte Becca nicht, wusste sie doch inzwischen, dass es auch ihre Schuld war, dass Rusty sich von ihr entfernt hatte.
„Weil Tessa es dir nicht hätte geben dürfen.“ Sie warf ihrer Schwester einen bösen Blick zu. „Das war nicht abgesprochen.“ Dann wandte sie sich wieder an Pearl. „Du hast kein Recht es zu lesen. Was da drin steht geht nur Rusty und Liz etwas an!“
„Woher weißt du das?“, gab Pearl barsch zurück. „Hast du es gelesen?“
„Habe ich nicht. Aber ich möchte nicht, dass irgendwelche Gerüchte über Liz verbreitet werden.“ In Beccas Augen funkelte es wütend.

„Becca, beruhige dich“, redete Tessa auf sie ein. „Wir sind hier nicht alleine.“ Sie blickte zu Caboose, der die Szene gespannt verfolgte.
„Ich wollte sowieso noch mit euch reden“, sagte er freundlich lächelnd. „Aber klärt erstmal weswegen ihr gekommen seid.“
Nun starrte Becca auch ihn böse an. „Gehörst du auch zu denen, die Rusty für unschuldig halten?“
Caboose zuckte mit den Schultern. „Du tust es nicht?“
„Natürlich nicht!“, gab Becca entschieden zurück. „Ich weiß, dass er Liz loswerden wollte. Zwei Züge haben ihren Streit beobachtet und wie er sie die Klippe runtergeschubst hat. Auch wenn das einige nicht glauben wollen,…“ Sie blickte zu Pearl, „…das war Absicht!“
Pearl starrte sie an. „Und warum ist er dann hinterher gesprungen?“
Becca schüttelte genervt den Kopf. „Kurzschlussreaktion oder ihm ist bewusst geworden, was er getan hat. Ich habe keinen Schimmer was er sich dabei dachte. Vielleicht gar nichts. Er stand doch völlig neben sich.“
„Wirklich?“, fragte Caboose interessiert. „Wie hat sich das bemerkbar gemacht?“

Pearl sah irritiert zwischen ihm und Becca hin und her. Warum stellte Caboose so eine Frage? Er hatte Rusty doch auch bei seinem letzten Besuch erlebt.
Pearl spürte Beccas durchdringenden Blick. „Hast du das Buch gelesen?“, fragte sie in leicht aggressivem Ton.
Als Pearl langsam nickte, stieß Becca einen Seufzer aus. „Na dann weißt du es ja vermutlich schon.“

Sie wandte sich an Caboose. „Rusty ist schon immer viel draußen rumgefahren, seit er zurück ist. Aber die letzten Tage vor Liz Tod war er immer bis spät in der Nacht unterwegs. Liz hat das mitbekommen und sich Sorgen gemacht. Aber sie wollte nicht, dass ich ihm hinterherspioniere. Ich habe es aber trotzdem getan.“

Pearl senkte den Blick. Sie wollte gar nicht wissen, was Becca weiter zu sagen hatte. Am liebsten wäre sie davongefahren.

„Am Abend vor Liz Tod habe ich Greenard gebeten Rusty heimlich zu folgen. Alleine konnte ich ja nicht hinterher. Rusty ist recht weit gefahren und ich dachte wirklich schon, er dreht nur eine Runde aber dann machte er plötzlich sein Licht aus und fuhr in einen aufgegebenen Bahnhof ein. Da hab ich Greenard gebeten zu warten und als ich ganz sicher war, dass Rusty außer Sichtweite war, bin allein weitergerollt. Ich hatte ja schon eine schlimme Vermutung nach all dem was Liz mir über ihre Beziehung zu Rusty erzählt hatte, aber dass es so schlimm sein würde…“
„Was hast du gesehen?“, fragte Tessa jetzt neugierig.
„Gesehen? Nichts. Es war ja stockdunkel. Aber was ich gehört habe reichte um jeden Zweifel zu beseitigen.“
„Du willst doch nicht sagen, dass Rusty sich heimlich mit jemandem getroffen hat?“ Tessa war entgeistert. „Warum hast du mir das nicht erzählt?“
Doch bevor Becca zu einer Antwort ansetzen konnte, erhob Caboose das Wort. „Weißt du wer es war?“
Becca machte ein abfälliges Geräusch. „Nur nicht, dass ihr mich falsch versteht, sie haben sich nicht unterhalten oder so. Deshalb weiß ich nicht wer es war. Vielleicht habe ich mich geirrt, aber es hörte sich mehr nach einer anderen Lok an.“

Pearl versuchte ein möglichst schockiertes Gesicht aufzusetzen als Becca sie ansah. Dabei hatte sie es schon kommen sehen.
Becca wandte sich wieder an Tessa, die wirklich entsetzt aussah. „Deshalb habe ich es auch nicht übers Herz gebracht Liz davon zu erzählen. Ich wusste ja, dass sie für den nächsten Tag einen Ausflug mit ihm geplant hatte. Ich dachte, vielleicht würde er es ihr selbst sagen. Woher hätte ich denn wissen können, dass er so austickt?“ Becca sah um Bestätigung suchend zu Caboose, aber der nickte nur langsam. „Geh mit dieser Geschichte besser nicht hausieren“, sagte er und lächelte Becca seltsam an.
„Natürlich nicht. Das geht sowieso keinen was an.“ Becca wandte sich wieder Pearl zu. „Aber ich will trotzdem das Buch haben. Ich will wissen, ob er wusste, dass ich ihn gesehen habe.“
„Du denkst, dass es deine Schuld war?“, fragte Tessa zögerlich.
„Nein“, fuhr Becca sie harsch an, „war es nicht, aber…“, sie verstummte und sah Pearl an. Pearl hielt ihrem Blick mühelos stand. Eine schier endlose Weile starrten sie sich nur an und Pearl kam zu der Erkenntnis, dass Tessa Recht haben musste. Becca war wütend, weil sie glaubte, sie hätte Liz retten können.
„Ich gebe es Blacco morgen mit, einverstanden?“, fragte Pearl und lächelte so freundlich wie möglich.
Becca überlegte kurz und nickte dann. „Ich freue mich schon, dass er zurückkommt. Bei ihm weiß man woran man ist.“ Sie nickte Caboose zu. „Man sieht sich.“ Damit rollte sie davon.

Tessa zögerte kurz ihr hinterherzurollen. „Entschuldigt ihr Benehmen. Liz war ihre beste Freundin.“
Pearl nickte. „Schon gut“, sagte sie, obwohl es alles andere als gut war.
„Eigentlich hatte sie auch gesagt, ich soll es dir zukommen lassen. Aber anscheinend hat sie es sich dann doch anders überlegt.“ Schultern zuckend folgte sie ihrer Schwester.

„So wie es scheint, hat sich unser guter Rusty doch noch öfter mit Tim getroffen. Und darüber hat er wirklich nichts in sein Tagebuch geschrieben?“
Pearl sah Caboose an. Was wollte er jetzt hören?
„Vielleicht muss ich konkreter fragen.“ Caboose seufzte. „Ich weiß aus sicherer Quelle, dass Tim vorhatte die Gegend zu verlassen und er wollte Rusty mitnehmen. War Rusty soweit alles aufzugeben und ihm zu folgen?“
„Das hätte er niemals getan!“
„Nicht?“, fragte Caboose mit einem Lächeln auf dem Gesicht. „Du erinnerst dich sicher an seinen letzten Besuch bei uns. War das etwas anderes als eine Abschiedsrunde?“

Pearls Augen weiteten sich vor Entsetzen als ihr bewusst wurde, dass es sich tatsächlich so angefühlt hatte. Sie hatte das Gefühl, dass sie bei dem Gespräch mit ihm hatte, nicht richtig einordnen können, weil Rusty ja nach ihrem Wissen glücklich in Naiva war. Sie hatte sich nur gewundert, warum er so viel von ihrer gemeinsamen Vergangenheit erzählte und sogar ein wenig reumütig wirkte. Überhaupt schien er die ganze Zeit zutiefst betrübt zu sein. Die anderen, die ihn auch gesprochen hatten, hatten einen ähnlichen Eindruck gehabt. Ashley meinte sogar, er hätte total neben sich gestanden, als ob er wieder Drogen genommen hätte.
„Was hat Tim mit ihm gemacht?“, murmelte Pearl verzweifelt.
„Das wüsste ich auch gern. Aber leider wollte er mir das nicht verraten.“
Pearl sah überrascht auf. „Du hast mit Tim gesprochen?“
Caboose grinste. „Ein paar Tage nachdem Rusty hier gewesen war, ja.“
„Was… was hat er gesagt? Was wollte er?“
„Ach, er hat über das Wetter geredet“, gab Caboose lächelnd zurück.
„Das stimmt doch nicht. Was hat er wirklich gesagt?“
Cabooses Lächeln wurde eine Spur bösartiger. „Rusty hat in seinem Tagebuch nichts über seine Treffen mit Tim geschrieben und Tim hat mit mir über das Wetter gesprochen.“
„Caboose, du…“, fing Pearl böse an. Aber als Caboose sie nur grinsend ansah, entschied sie die Unterhaltung abzubrechen. Wütend darüber, dass Caboose absichtlich Informationen zurückhielt, fuhr sie in ihr Depot.

Sie überlegte eine ganze Weile, ob sie noch weiter in Rustys Tagebuch lesen sollte. Irgendwie hatte sie noch immer den Verdacht, oder war es mehr ein Wunsch, dass das nicht Rusty selbst geschrieben hatte. Aber wenn er es doch war? So oder so würde sie keine Ruhe finden, wenn sie es nicht bis zum Ende las.
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