Scherbenmeer

GeschichteDrama, Familie / P18
OC (Own Character) Tom Mayer
24.07.2020
21.10.2020
25
41.636
3
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24.07.2020 1.493
 
Eine Berührung an ihrer Schulter weckte Sam und ließ sie zusammenzucken.
„Die Bullen sind hier."
Flüsterte Kawi in ihr rechtes Ohr.
Ruckartig setzte Sam sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen.
Sie knüllte ihre Decke zusammen und griff nach ihrem Rucksack der neben ihr lag.
Schnell stopfte sie ihre Decke und die Wasserflasche in den großen Rucksack, der ihre ganzen Habseligkeiten enthielt.
Dann stand sie auf und folgte Kawi und Fluppe auf die Rückseite des Gebäudes.
Blaulicht blitzte durch die Fenster der Front des Abbruchhauses, welches sie vor einer Woche entdeckt hatten.
Seither schliefen sie in der alten Villa die bisher noch von keinen anderen Obdachlosen oder Junkie entdeckt worden war.
Leise schlichen die drei Jugendlichen zur Rückseite und schauten aus den zerbrochenen Fenstern.
Das Licht zweie Taschenlampen leuchteten über den verkommenen Garten des alten Hauses, das seine besten Zeiten schon lange hinter sich hatte.
Kawi und Fluppe hatten auf Sam gewartet und winkten sie zu einem kaputten Fenster durch das sie in das Haus eingestiegen waren.
Kawi war für seine 15 Jahre noch recht klein, er war kaum einen Kopf größer als Sam.
Seine schmächtige Figur wirkte in den übergroßen Klamotten die er aus einem Altkleidercontainer gestohlen hatte noch viel dünner, fast als würde er in der Kleidung ertrinken.
Fluppe daneben war recht dick, er war ein Meister darin Essen zu stehlen und obwohl er seit 2 Jahren auf der Straße lebte hatte er kaum abgenommen.
Meistens zog er eine Fluppe und hatte recht schlechte Laune, was ihn auch zu seinem Spitznamen gebracht hatte.
Sam kannte die beiden Jungen nun schon über ein Jahr, damals hatte ihre Mutter sie rausgeschmissen und sie hatte auf der Straße eine Zuflucht gesucht.
Ohne die beiden Jungen hätte sie vermutlich nicht lange durchgehalten, spätestens als nach vier Monaten der Winter anbrach wäre sie wahrscheinlich irgendwo erfroren.
Ein Krachen war aus Richtung Haustür zu hören und wenige später zuckte das suchende Licht von Taschenlampen durch den Hausflur. Kawi nickte Fluppe zu und schnell sprangen beide durch das zerbrochene Fenster und liefen los.
Sam zögerte kurz, der Schein der Taschenlampen die eben noch durch den Garten gestrichen waren, richtete sich nun auf die beiden Jungen die versucht zu entkommen.
„Zwei Personen auf der Rückseite"
rief ein Mann und rannte den Jungen hinterher.
Schritte waren im Flur zu hören und Sam zögerte nicht länger sondern sprang ebenfalls aus dem Fenster.
Dann rannte sie in die entgegengesetzte Richtung los, als vorher ihre beiden Begleiter.
„Hey!"
rief eine Frau und der Strahl einer Taschenlampe folge ihr durch den Garten. Doch Sam hatte schon das Loch im Zaun erreicht und kletterte geschwind hindurch. Dann rannte sie das kurze Stück über einen Grünstreifen und sprang über den Graben auf die Straße.
Kurz blickte sie sich um, dann rannte sie weiter die Straße entlang, bloß weg von der Polizei die nur Ärger bedeuten konnte.
Als sie außer Atem war und das Gefühl hatte weit genug weg zu sein, verlangsamte sie ihr Tempo und ging schnellen Schrittes in Richtung Park.
Hier war um diese Zeit immer genug los, sodass sie nicht auffallen würde.
Sie würde eine halbe Stunde auf Kawi und Fluppe warten, wenn die beiden es geschafft hatten zu entkommen würden sie ebenfalls im Park auftauchen.
Im Park suchte sie sich eine Ecke aus in der wenige andere Menschen rumhingen.
Sie versuchte den Besoffenen und den Junkie auszuweichen die in kleinen Gruppen auf den Parkbänken saßen.
„Hey Kleine. Ganz alleine hier um diese Zeit?"
Sprach sie ein schmierig wirkender Typ an und schenkte ihr ein Grinsen.
„Fick dich"
zischte Sam und zog ein Schnappmesser aus ihrer Hosentasche das sie dem Typen angriffslustig entgegenstreckte.
„Uijuijui immer mit der Ruhe, Süße. Wir können doch ein wenig Spaß haben, dafür bekommst du auch was Stoff."
Der Typ kam trotz des Messers in ihrer Hand näher.
„Hau ab!"
antwortete Sam mit aggressivem Unterton und versuchte sich möglichst stabil hinzustellen, damit sie auf einen Angriff des Mannes gleich reagieren konnte.
„Haben wir hier ein Problem?"
ertönt hinter Sam eine weitere männliche Stimme.
Sam wich nach links auf und brachte mit einigen schnellen Schritten wieder Abstand zwischen sich und den schmierigen Typen.
Dann blickte sie sich um und erkannte mit entsetzten, dass die zweite männliche Stimme zu einem Polizisten gehörte.
Sofort versteckte Sam das Messer in ihrer Jacke und sah sich hektisch um.
Ein weiter Polizist stand nur wenige Meter links von ihr.
„Die hat mich mit nem Messer bedroht und wollte mein Geld, Herr Kommissar."
Lallte der schmierige Typ und sah Sam mit einem fiesen Grinsen an.
Bevor der Polizist reagieren konnte drehte Sam sich um und rannte los.
Hacken schlagend rannte sie einmal durch den Park, dicht gefolgt von den beiden Polizisten. Sie wich einer Gruppe Männer aus die lachend und johlend hinter ihr herriefen.
Einer der Polizisten war ihr immer noch dicht auf den Fersen während der anderen ein ordentliches Stück abgehängt worden war. Anscheinend ging dem etwas Dickeren die Puste aus, doch der Größere von beiden war wohl besser trainiert denn er ließ sich nicht so einfach abhängen.
Am Ende des Parks hastete sie über eine kleine Mauer, rannte in die Sackgasse die sich dahinter befand.
Dort kletterte sie geschwind auf einen Mülleimer von dem aus sie das Fenstergitter des Hauses rechts der Sackgasse ergreifen konnte.
An diesem zog sie sich hoch und kletterte die Hauswand entlang auf das Dach des Nachbarhauses welches wesentlich niedriger war.
„Bist du irre? Komm da sofort wieder runter, du bricht dir noch alle Knochen!"
rief der Polizist hinter ihr, aber Sam reagierte gar nicht sondern rannte quer über das Flachdach und sprang über die Gasse auf das Nebengebäude.
Dessen Dach überwand sie ebenfalls laufend und kletterte dann auf die Garage darunter. Hier sprang sie auf den Boden und joggte dann in einem etwas entspannteren Tempo vom Park weg.
Heute hatte sie wirklich kein Glück, erst sprengten die Bullen ihren Unterschlupf und nun erwischten sie noch fast zwei von denen im Park.
Ganz zu schweigen von diesem schmierigen Typen, hoffentlich würde den der Blitz beim *** treffen!
Nachdem sie einige Straßenecken hinter sich gelassen hatte wechselte sie in ein normales Tempo und überlegte wo sie die restliche Nacht verbringen konnte.
Vielleicht war ihre Mutter bereits eingeschlafen und sie könnte sich zu ihrer kleinen Schwester Leila ins Zimmer schleichen.
Seufzend machte sie sich auf den Weg zur Wohnung ihrer Mutter.
Sie dürfte sich auf keinen Fall von der Alten erwischen lassen, sonst würde sie wieder ausrasten.
Auf Prügel hatte Sam nun wirklich nicht auch noch Lust, die heutige Nach war stressig genug.
Die Wohnung befand sich in einem runtergekommenen Vierteln von Köln, in denen auch um diese Zeit noch immer etwas los war.
Besoffene torkelten durch die Straße, die ein oder andere Nutte stand an der Ecke und wartete auf Kunden.
Mit beschleunigten Schritten ging Sam zum Haus Nummer 45 und drücke gegen die Haustür.
Wie sie erwartet hatte, war die Haustür offen und so kam Sam ins Treppenhaus.
Sie fuhr mit dem kleinen Aufzug in den 18 Stock und ging zur Tür der 18F.
Vorsichtig klopfte sie und wartete dann lauschend.
Ein Schnarchen war durch die Tür zu hören, anscheinend war ihre Mutter wieder betrunken eingeschlafen.
Vorsichtig klopfte Sam wieder an die Tür im Takt eines Kinderliedes das sie Leila immer vorgesungen hatte, wenn sie sie ins Bett brachte.
Es dauerte einige Minuten, dann wurde die Kette zurückgeschoben und die Tür öffnete sich.
Ein kleines Mädchen in einem gepunkteten Schlafanzug und braunen verwuschelten langen Haaren stand in der Tür.
„Samy?"
flüsterte die Kleine verschlafen und streckte die kleine Arme nach ihr aus.
Sam nahm sie in den Arm und betrat die Wohnung.
„Psst leise."
Flüsterte sie der Kleinen ins Ohr und hob sie hoch.
Leise schlich sie durch die Wohnung in das kleine Kinderzimmer, bedacht keine der herumstehenden leeren Schnapsflaschen umzustoßen.
Die Wohnung war mal wieder in einem katastrophalen Zustand, überall lag dreckige Wäsche, Müll und leere Schnapsflaschen herum.
Alles war dreckig und es stank nach einer Mischung aus Kneipe und Müllhalde.
In Leilas Zimmer angekommen legte sie die Kleine auf ihr Bett und betrachtete das Mädchen ausgiebig.
Auch sie machte einen recht schmutzigen Eindruck, der Schlafanzug hatte mehrere Flecken und die Kleine hatte dringend eine Dusche nötig.
Obwohl Sam seit einem Jahr auf der Straße lebte, machte sie meistens einen gepflegteren Eindruck als ihre Schwester, die mit ihrer Mutter zusammen in der kleinen Zweizimmerwohnung hauste.
Sam seufzte, wuschelte Leila durch die filzigen Haare und zog sich dann ihre Sachen aus.
In Unterwäsche legte sie sich neben ihrer Schwester in das Bett und nahm das Mädchen in den Arm.
Diese war schon fast wieder eingeschlafen, kuschelte sich aber noch in die Arme ihrer großen Schwester und brummte dabei wohlig.
Sam löschte das Licht der Nachtischlampe und lag noch einige Minuten im Dunkeln wach.
Sie lauschte dem ruhigen Atem ihrer kleinen Schwester.
Ihre Gedanken wanderten zu Kawi und Fluppe. Ob sie wohl vor der Polizei entkommen waren?
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