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Füchslein mein

GeschichteAbenteuer, Liebesgeschichte / P18 / MaleSlash
OC (Own Character) Zorro
23.07.2020
23.07.2020
14
109.418
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Füchslein mein.

Disclaimer: Weder die bekannten Charaktere, noch das Setting gehören mir. Alles Johnston McCulley und Walt Disney. Auf meinen Mist ist nur Juan gewachsen, naja und der Bösewicht…^_^

Aber Juan gehört mir auch nicht wirklich, der gehört Diego ^___^



Author’s Note:

Kennt ihr das auch, ihr schaut einen Film oder eine Serie und nachdem das ganze zugegeben ein gutes (oder manchmal nicht so gutes) Ende gefunden hat, wollt ihr immer noch mehr? Ich gehe dann immer online und suche nach ner Fanfic, die das enthält, was ich gern weiter sehen würde. Bei Zorro ist mir das bisher nur einmal gelungen und leider, leider ist diese Story nicht mehr online. Als ich nun wieder meinen Zorro-Flash hatte (der kommt so alle 2-4 Jahre sehr intensiv) und online nicht finden konnte, was ich lesen wollte, blieb mir nix anderes übrig, als es selbst zu schreiben.

Tja und so entstand diese Story.

Während ich Alejandro seine Elena sehr gönne (Himmel, passen die Schauspieler gut in diese Rollen) und Diego niemals seine Victoria wegschreiben würde und selbst Lolita gut zu Diego passt, muss ich doch zugeben, dass ich sehr froh bin, dass Diego in der Walt Disney Version renitent ohne Señorita-Verbandlung aus kommt. Abgesehen davon, das Guy Williams noch immer und für immer mein Lieblings-Zorro sein wird, bietet sich hier so viel Potential, dass ich es einfach nicht ungenutzt verstreichen lassen konnte.

Also die Warnung: Slash-, Shounen-Ai-, Gay-, Yaoi-, Homo-content. Für alle, die das nicht abschreckt, viel Spaß. Für alle, die das nicht abkönnen, ihr wisst, wo der Exit-Button ist.

Pairing: Don Diego De la Vega (Disney) und Comandante Juan Taragona (OC)

Welt: Walt Disney’s Zorro 1957-1961



Kapitel 1 – Die Ankunft

Das erste Mal in seinem Leben war Diego nicht sicher, ob er sich darüber freuen konnte, dass der neue Comandante ein aufrichtiger Mann zu sein schien und Frieden und Gerechtigkeit in das Pueblo de Los Angeles bringen würde, oder ob er sich wünschen durfte, dass der Mann so habgierig und selbstsüchtig sein würde, wie seine Vorgänger in den letzten 2 Jahren.

Diego hatte die Ankunft des neuen Comandante vor zwei Tagen nicht verfolgen können. Zum einen war er im Auftrag seines Vaters in Santa Monica unterwegs gewesen, um zwei preisgekrönte Hengste ihrer Zucht gewinnbringend an deren neue Besitzer zu überführen. Und zum anderen war die Ankunft des neuen Befehlshabers der kleinen Garnison vergleichsweise unspektakulär erfolgt. Es hatte keine Vorabwarnungen, keine Paraden, keine Reden und keine großen Einmärsche gegeben. Der Mann war nach den Worten Don Alejandros einfach am frühen Nachmittag mit seiner berittenen Eskorte aus nur zwei Mann im Pueblo erschienen, hatte unzeremoniell dem Wachhabenden Corporal am Tor der Garnison einige Papiere in die Hand gedrückt und war Augenblicke später von Sergeant Garçia eingelassen worden. Danach hatte man den dunkelhaarigen und hochgewachsenen Soldaten erst am Abend wieder gesehen, als er in Begleitung von Sergeant Garçia und einiger weiterer Soldaten das Pueblo besichtigt hatte.

Da zu diesem Zeitpunkt die meisten Händler und Bauern das Pueblo schon verlassen hatten, waren nur die wenigen Gäste der Taverne Zeuge dieses Rundganges geworden. Und da Sergeant Garçia im Gegensatz zu sonst der Taverne auch danach keinen Besuch abgestattet hatte, waren die Neuigkeiten über den neuen Comandante nicht so schnell wie üblich im Pueblo breitgetragen worden.

Als Diego also am zweiten Tag nach der Ankunft von Juan Taragona nach Los Angeles zurückkehrte und seinen Durst in der Taverne stillte, wussten die Händler, Rancheros und Vaqueros noch nicht besonders viel über den neuen Comandante zu erzählen. Alle waren sich einig, dass die unzeremonielle Ankunft von Vorteil war, denn die Vergangenheit hatte ja gezeigt, wie schnell auch ein Comandante aus dem Hinterhalt erschossen werden konnte. Doch was sie sonst mit dem Schweigen aus der Garnison anfangen sollten, da waren sich die Bürger des Pueblos noch nicht einig. War es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, dass bisher noch keine offizielle Ansprache erfolgt war und auch Garçia sich seinen Frust oder seine Freude noch nicht über einem Glas Wein in der Taverne von der Seele geredet hatte? Die Gerüchte gingen von gelangweilten Soldaten, bis zu hinter den Garnisonsmauern zum Tode exerzierenden Soldaten hin und her. Aber einig waren sich alle, dass es kein schlechter Start sein konnte, wenn der neue Comandante nicht wie so viele seiner Vorgänger schon am ersten Tag nach der Ankunft fünf irrsinnige Steuererlässe ausrief oder den einen oder anderen Farmer aus daher geholten Gründen verhaften ließ. Das und mehr hatten sie alles schon gesehen und nichts hätte die Einwohner von Los Angeles in dieser Hinsicht mehr erschüttern können. Doch Señor Taragona hatte im Gegenteil seine Garnison bisher nur zu jenem ersten Rundgang verlassen und war danach nicht mehr gesehen worden. Und zur Überraschung insbesondere des Tavernenwirtes war neben Garçia auch keiner der anderen Soldaten vor die Tore der Garnison getreten, außer zu ihren täglichen Kontrollritten zu Pferd. Das Pueblo de Los Angeles war also überraschend uninformiert und konnte sich nur mit wilden Gerüchten behelfen. Zu Diegos Unmut konnte er also seine Neugierde im unauffälligen Gespräch mit den Besuchern der Taverne nicht befriedigen und sein Vater, mit dem er sich für seine Rückkehr in der Taverne verabredet hatte, war ebenfalls kein Quell neuer Erkenntnisse.

Im Unterschied zu den meisten Bürgern des Pueblos hatte Don Alejandro den neuen Comandante immerhin schon einmal persönlich getroffen. Als Vertreter der Rancheros der Gegend hatte Don Alejandro sich gestern in dessen Büro vorgestellt und Juan Taragona im Namen der Dons von Alta California willkommen geheißen.

„Er war zuvorkommend und ausgesucht höflich, aber er machte den Eindruck, als würde er sich mit weit wichtigeren Dingen beschäftigen, um Zeit zu haben, sich mit den normalen Bürgern abgeben zu können.“

Alejandro begegnete Diegos amüsiertem Blick.

„Man sollte meinen, einer der einflussreichsten Dons müsste ihm etwas seiner kostbaren Zeit wert sein, zumal ihm der Name De la Vega eindeutig etwas sagte, aber er hat sich nur wieder seinen Papieren zugewendet und mich höflich aber bestimmt von Sergeant Garçia hinauswerfen lassen.“

Diego sah seinen Vater nachdenklich an, doch dieser machte nicht den Eindruck eines wütenden oder gekränkten Edelmannes. Ganz offenbar nahm er dem Comandante seine Ignoranz ihrer Abstammung nicht so sehr übel, wie seine Worte vermuten ließen.

„Sei ehrlich Vater, welchen Eindruck machte er auf dich? Ist es ein neuer Monastario, den sie uns da gesandt haben, oder sogar ein neuer De Vargas?“ Diego war ehrlich gespannt auf die Antwort seines Vaters, denn davon würde abhängen, wie viel seiner Freizeit er in Zukunft wieder opfern musste.

Die letzten zwei Monate waren mit Sergeant Garçia als stellvertretendem Comandante relativ ruhig gewesen. Zorro hatte nicht mehr so oft reiten müssen, wie die mehr als anderthalb Jahre zuvor. Es hatte sich in den Kreisen der Banditen offenbar herumgesprochen, dass das Pueblo insbesondere ohne entsandten Comandante der spanischen Krone unter besonderem Schutz von Zorro stand. Bis auf die wenigen durchziehenden Banditenhorden hier und da und die ab und an auftretenden Diebstähle oder Mordversuche aus niederer Habgier oder Eifersucht hatte Zorro nicht so viel zu tun gehabt. Und zumeist hatte sogar der eine oder andere versteckt gegebene Hinweis von Don Diego an seinen guten Freund Sergeant Garçia ausgereicht, um die Banditen zur Strecke zu bringen. Diego hatte so viel mehr Zeit gehabt, endlich seine schon lang ausstehenden Forschungen im Bereich der Alchemie aufnehmen zu können, die er sich seit zwei Jahren vorgenommen hatte. Erst vor zwei Wochen hatte er erfolgreich eine Mixtur herstellen können, die aus Magnesium und Schwarzpulver bestand und annähernd das wundervolle chinesische Feuerwerk nachbilden könnte, welches er in Madrid an der Universität hatte bewundern können. Diego konnte es gar nicht erwarten, hier noch einige Versuche zu starten, um auch die Farben und Formen anzugehen, die ihn damals so beeindruckt hatten. Er plante, seinen Vater zu dessen Geburtstag in drei Monaten damit zu überraschen.

Nun befürchtete er aufgrund der Worte seines Vaters, dass der neue Comandante wieder mehr Ärger bedeuten könnte, doch das Lächeln Don Alejandros war ehrlich. „Nein, mein Sohn, ich glaube Señor Taragona war einfach nur zu sehr damit beschäftigt, sich mit seinem neuen Posten vertraut zu machen. Er studierte die alten Akten seiner Vorgänger und soweit ich sah, machte er sich auch Notizen. Und er machte den Eindruck eines logisch denkenden und ehrlichen Menschens. Eigentlich kann aufgrund unserer früheren Erfahrungen sein Desinteresse gegenüber dem Adel Kaliforniens nur positiv gewertet werden. Ein Mann, der Reichtum wie Galindo oder Macht wie De Vargas anstrebt, der wäre mir gegenüber nicht so gleichgültig geblieben.“

Diego musste Don Alejandro bei diesen Worten nur Recht geben. „Vielleicht haben wir ja mal Glück und es ist ein zweiter Toledano hereingeweht worden, allerdings ohne die Eifersuchtsproblematik.“

Alejandro nickte zustimmend. „Das wäre zu schön, um wahr zu sein, aber ich gebe dir Recht. Wir könnten hoffen, dass er ein ehrenwerter Gentleman und verdienter Soldat ist, der endlich etwas Ruhe in unser schönes Pueblo bringt. Und soweit ich es gesehen habe, besteht keine Gefahr, dass noch eine Señora Taragona nachkommen könnte. Das Gepäck des Comandante kam gestern mit der Postkutsche an und bestand aus einem großen Schrankkoffer und einem Seesack. Da der Mann mir nicht den Eindruck eines armen Sergeant machte und seine Uniform durchaus von bester Qualität war, kann dieses Desinteresse an weltlichem Besitz nur für die Abwesenheit einer Frau sprechen.“

Sowohl Diego als auch sein Vater wussten, dass Frauen an der Seite des Comandante meist mehr Ärger bedeuteten, als die Abwesenheit einer Señora. Dennoch stimmte Diego seinem Vater bei seinen Schlussfolgerungen nicht ganz zu, winkte aber ab, als dieser nachfragte. Wenig Besitz bei einem Soldaten der spanischen Arme musste nicht unbedingt bedeuten, dass da nicht noch mehr irgendwo war. Es konnte aber auch darauf hindeuten, dass der Mann erst vor kurzem von einer der vielen Fronten abkommandiert worden war. Im Krieg und im Kampf war kein Platz für viel Gepäck. Diego wusste dies von seinen einsamen Ritten in der Nacht nur zu gut.

Doch all das Überlegen brachte nicht viel Licht in das Mysterium des neuen Comandante. Mochte wenig Gepäck einen asketisch lebenden, ernsthaften Soldaten, einen vor seiner Frau auf der Flucht befindlichen Lebemann oder einen unehrenhaft von der Front weggelobten Comandante bedeuten? Wirkliche Schussfolgerungen konnten die De la Vegas ohne weitere Informationen nicht ziehen. Diego überlegte also gerade, wie er es ohne Anwesenheit des leicht beeinflussbaren Garçias anstellen konnte, noch am selben Tag einen Blick auf das Objekt seiner Neugierde hinter den Garnisonsmauern zu erhaschen, als sich die Gelegenheit von selbst präsentierte.

Alles begann mit einem lauten Getümmel hinter den Mauern der Garnison. Alarmiert erhoben sich einige der Gäste, die unter dem Vordach auf der Terrasse der Taverne ihren Wein oder ihr Essen zu sich genommen hatten. Auch Diego und Alejandro erhoben sich und sahen sich bezeichnend an. Aufruhr innerhalb der Garnisonsmauern konnte nie etwas Gutes bedeuten. Innerhalb der letzten zwei Jahre war dabei zwar meistens Zorro mit involviert gewesen – und Diego war sich derzeit keinerlei Schuld bewusst – doch auch Meuterei, Rebellion und Diebstahl hinter den hölzernen Toren waren keine Seltenheit gewesen.

Als dann eben jene hölzernen Torflügel unter lautem Tumult von innen aufgestoßen wurden, war Diego fast schon dabei, Bernardo zur nahe stehenden Kutsche zu senden, um die schwarze Kleidung Zorros aus ihrem Versteck zu befreien. Doch dann hielt er erstaunt inne und beobachtete fasziniert zusammen mit den anderen Bürgern des Pueblos, die auf der Plaza ihren Geschäften nachgingen und nun in eben diesen Beschäftigungen innehielten, das weitere Geschehen.

Aus der Garnison quoll ein Pulk Soldaten hervor, die in unterschiedlichen Stadien der Erschöpfung und Bekleidung gegen einen einzelnen Mann kämpften. Die Gesichter der Soldaten zeigten alles zwischen Anstrengung, Verbitterung und teilweise auch echter Verzweiflung. Alles Gesichtsausdrücke, die Diego von seinen Kämpfen mit den Soldaten nur zu gut kannte. Sie waren Zorros Kampfkünsten einfach nicht gewachsen und wussten dies auch nur zu gut. Der einzelne Mann, gegen den die Soldaten teils zu fünft gleichzeitig in abwechselnden Pulks fochten, trug ebenfalls nur die leichte Uniformhose der einfachen Soldaten und darüber lose ein weißes Hemd, welches verschwitzt an seinem wohlgebauten Körper klebte. Aber den Gesichtsausdruck dieses Mannes erkannte Diego ebenfalls von seinen Kämpfen mit den Soldaten wieder. Es war sein eigener. Dieser einzelne Kämpfer lächelte breit und war dennoch konzentriert bei der Sache. Er focht mühelos gegen die Überzahl an Soldaten und besiegte einen nach dem anderen mit großer Expertise und Gewandtheit. Jedes Mal, wenn die Gegenwehr der Soldaten erlahmte, rief er ihnen aber aufmunternde Worte zu, die sie anspornten, doch noch ihre offensichtliche Erschöpfung zu überwinden und erneut anzugreifen. Und immer wieder lachte der Mann fröhlich auf und zeigte ganz eindeutig, dass er den Kampf unglaublich genoss.

Dieses Lachen war es auch, was Diego, seinen Vater und einige der anwesenden Vaqueros zurückhielt, einzugreifen. Denn es zeigte deutlich, dass hier kein Angriff auf die Garnison von statten ging, wie anfangs zu befürchten stand. Ganz offensichtlich wurden die Bewohner des Pueblos gerade Zeuge einer Trainingseinheit des neuen Comandante und seiner Männern, für die der Raum hinter den Garnisonsmauern nicht mehr ausgereicht hatte.

Je länger der Kampf währte, desto klarer wurde die Überlegenheit des dunkelhaarigen Spaniers gegenüber den einfachen Soldaten – trotz deren Übermacht. Und es dauerte dann auch nicht mehr lang, bis sich keiner der Soldaten mehr motivieren ließ, von ihrem Platz am Boden aufzustehen und dem Kampf weiter beizuwohnen. Am Ende stand Señor Taragona schwer atmend und mit verschwitzt am Kopf klebenden Haaren, aber breit grinsend da und sah auf seine Männer herab.

„Nun Männer, das war doch mal ein schöner Übungskampf. Ihr habt weit länger durchgehalten, als ich gedacht hätte. Wie versprochen bekommen also alle außer den diensthabenden Wachen heute Abend frei. Garçia?“

Diego hatte gar nicht mitbekommen, das der korpulente Sergeant ebenfalls unter den Kämpfenden gewesen war. Aber tatsächlich kam das klägliche „Si Comandante?“ direkt von einer Stelle nicht weit entfernt von Señor Taragona. Da saß der Sergeant, schnaufend wie ein Walross, aber zu Diegos Überraschung ebenfalls grinsend, am Boden und sah seinen Vorgesetzten mit einem Blick an, den Diego selten an seinem Freund gesehen hatte. War da ein Hauch echter Bewunderung zu erkennen? Diesen Blick hatte Garçia eigentlich meistens nur für Zorro reserviert, wenn der schwarzgekleidete Rebell ihm mal wieder gewitzt und schlau durch eine sichere Falle schlüpfte.

„Garçia, ihr habt eure Wette verloren. Eure Männer konnten mich nicht mal vereint aufhalten. Aber ihr habt euch redlich bemüht, wie ihr es versprochen habt. Also gestatte ich allen Soldaten, die nächsten drei Mahlzeiten in der Taverne auf meine Kosten einzunehmen, wie ich es versprochen habe. Euer Wetteinsatz bleibt allerdings noch einzulösen. Wir werden das Training also jetzt jeden dritten Tag abhalten.“

Das Gemurmel der Soldaten am Boden war laut, aber es war keineswegs so ungehalten, wie man angesichts der Aussicht auf Wiederholungen solcher Trainingseinheiten normalerweise von den Soldaten zu hören bekommen hätte. Und obwohl die Soldaten sich nun nach und nach mühsam und teilweise nur mithilfe ihrer Kammeraden erhoben und zurück in die Garnison schlurften, war ihnen eine zufriedene Stimmung anzumerken. Sie waren geschlagen worden, wie sonst nur Zorro sie besiegen konnte, aber sie schienen sich alle nicht wirklich daran zu stören. Und alle anwesenden Bewohner des Pueblos konnten sehen, dass diese Zufriedenheit über eine Niederlage nicht daran lag, dass die Soldaten dies eben aufgrund der Kämpfe mit Zorro mittlerweile gewohnt waren. Nein, hier war ein Comandante, der seine Männer ehrlich und mit seinem Schweiß und Körpereinsatz trainiert hatte und sie für ihren Einsatz auch wie versprochen belohnte.

Comandante Juan Taragona war anschließend der letzte, der die Plaza verließ. Auch seine Schritte waren nicht ganz so beschwingt, wie sie vermutlich normalerweise waren. Aber sein Lächeln war immer noch weithin zu sehen und mit einem zufriedenen Nicken schloss er eigenhändig die Tore der Garnison von innen, scheinbar ohne die neugierigen Bewohner des Pueblos auch nur wahrzunehmen. Hier war ein Mann, der mit seinen Männern vollauf zufrieden war, obwohl sie ihn nicht hatten besiegen können. Einen solchen Comandante hatte das Pueblo von Los Angeles wahrlich noch nicht gesehen.

Leise murmelnd begann langsam wieder Leben in die Händler und Einkäufer auf der Plaza zu kommen und auch die Tavernenbesucher nahmen wieder ihre Plätze ein. Nur Diego blieb noch einige Sekunden länger an den Stufen der Terrasse der Taverne stehen und starrte auf die nun geschlossenen Tore der Garnison.

Nun wusste er, was für ein Mann der neue Comandante war. Aber er wusste nicht, ob er sich darüber freuen sollte, oder sich wünschen sollte, dass der Mann noch eine dunkle Seite haben würde, die sich ohne Zweifel irgendwann zeigen musste. Kurzum, Diego ahnte, dass Tornado in den nächsten Wochen sehr wenig Bewegung bekommen würde und er befürchtete gleichzeitig, dass er sich sehr bald schon nach der Zeit unter Monastarios Herrschaft sehnen und seine Studien ihn langweilen würden. Als sich Diego dann wieder neben seinem Vater niederließ und gedankenverloren an seinem Wein nippte, dachte er außerdem an das offensichtliche Können mit dem Degen, dessen Zeuge er soeben geworden war. Er kam nicht umhin, sich zu fragen, wie Juan Taragona in einem Kampf mit Zorro abschneiden würde und ertappte sich erneut bei dem Wunsch, dass der Comandante sogleich heraus stürmen und die Soldaten wüst für ihren verlorenen Kampf beschimpfen würde. Alles nur, damit Zorro einen Grund finden konnte, seine Fähigkeiten im Schwertkampf mit diesem Mann zu messen. Diego riss sich mühsam zusammen, um sich seine Gedanken nicht anmerken zu lassen, doch das wissende Lächeln seines Vaters neben ihm deutete an, dass zumindest dieser seinen inneren Kampf erahnte. Er musste vorsichtig sein, damit nicht auch andere Tavernenbesucher, die sein Geheimnis nicht kannten, auf sein seltsames Verhalten aufmerksam wurden. Also begann Diego übergangslos, seinem Vater von seiner Reise nach Santa Monica zu berichten und tatsächlich half ihm dies, seine Gedanken abzulenken. Doch immer wieder, wenn sein Blick über die nun geschlossenen Tore der Garnison schweiften, dachte Diego an diesen gutaussehenden Soldaten, der nicht viel älter als er selbst sein konnte und für den er schon nach nur so wenigen Augenblicken eine Faszination entwickelt hatte. Eine Faszination, die er sich nur zu gut erklären konnte, die aber vielleicht verhängnisvoll sein würde.

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Juan lehnte sich zufrieden im Stuhl zurück und trank das große Glas Wasser, welches ihm Corporal Reyes vor wenigen Augenblicken zusammen mit der gefüllten Karaffe gebracht hatte, in tiefen Zügen leer. Er war zufriedenstellend erschöpft und bemerkte mit leichtem Amüsement, dass er tatsächlich Mühe hatte, das Glas ein zweites Mal zu füllen, da seine Hand leicht zitterte. Der heutige Trainingskampf war der erste ernstzunehmende Kampf seit über fünf Monaten gewesen und erst jetzt merkte Juan, wie wenig er seinen Körper in dieser Zeit gefordert hatte. Wie gut, dass er mit Sergeant Garçia diese Wette abgeschlossen hatte, solange Trainingskämpfe abzuhalten, bis er von den Soldaten besiegt wurde. Die Soldaten konnten ihm nun sein benötigtes Training nicht mehr verwehren und waren sogar motiviert genug, mit allem zu kämpfen, was sie hatten.

In seiner letzten Kommandantur in San Jose hatten die Soldaten sich nie zu mehr als halbherzigen Kämpfen motivieren lassen und Juan hatte die Trainingskämpfe daher schnell wieder aufgegeben. Sie hatten seine Befehle zum Kampf zwar befolgt, aber die leicht errungenen Siege hatten schnell einen schalen Nachgeschmack hinterlassen und so hatte er klein bei gegeben. Vielleicht hatten der Capitán und sein Sergeant sich insgeheim sogar beglückwünscht, dass sie ihren neuen Comandante so schnell beeinflusst hatten, aber Juan hatte zum einen gewusst, dass sein Posten in San Jose nur temporär sein würde, bis der alte Comandante von seinen Verletzungen nach dem Sturz vom Pferd genesen sein würde und zum anderen hatte Juan nicht die Geduld gehabt, die Männer umzuerziehen. Sollten sie doch ihre halbherzigen Morgenapelle als einzige Herausforderung des Tages ansehen. Sie waren alle nicht schlecht ausgebildet und für die meisten Banditen reichte sowieso ein gut gezielter Schuss aus einer Muskete. Keiner der Soldaten in San Jose brauchte wirklich besseres Geschick im Schwertkampf, als das Wissen, dass das spitze Ende den Gegner treffen musste.

Juan war recht glücklich gewesen, als Comandante Perdonez nach nur zwei Monaten wieder laufen und drei weitere Wochen später sein Amt wieder aufnehmen konnte. Und nun war er hier in dieses kleine, unscheinbare Pueblo versetzt worden, welches dennoch aufgrund des maskierten Banditen Zorro Berühmtheit bis an den spanischen Hof erlangt hatte. Der Gouverneur erhoffte sich von Juan, dass er das Wunder wiederholen konnte, welches er in San Diego vollbracht hatte – eine gedrillte Garnison, deren Soldaten auch einer Übermacht an Banditen Herr werden konnte. Im Unterschied zu San Diego musste Juan hier jedoch keinen neuen Comandante unter den Sergeanten ausfindig machen, den man ohne schlechtes Gefühl mit der Stadt allein lassen konnte – ohne zu befürchten, dass er wie sein Vorgänger von Macht korrumpiert wurde. Nein, hier in Los Angeles würde Juan hoffentlich selbst diesen Posten für längere Zeit ausfüllen können. Gouverneur Santos, selbst erst seit wenigen Monaten im Amt, hatte ihm eindringlich die Situation erklärt, die hier in diesem kleinen Pueblo auf ihn warten würde. Und alles, was Juan bisher in den Akten seiner Vorgänger gelesen hatte– oder was eben gerade nicht geschrieben stand – und alles, was er bisher in den Gesprächen mit Sergeant Garçia und den einfachen Soldaten herausgehört hatte, bestätigten viele Annahmen des Gouverneurs.

Dieses Pueblo hatte in den letzten zwei Jahren seine Alcalde und Kommandanten gewechselt, wie ein Soldat der Kavallerie seine Reithosen. Derzeit gab es gar keinen Alcalde und so gutherzig und wohlmeinend Sergeant Garçia auch war, als stellvertretender Comandante war er hilflos überfordert. Aufgrund seines landwirtschaftlichen Reichtums und der großen Anzahl an wohlhabenden Dons stach Los Angeles hervor und es hatte Juan eigentlich überrascht, wie klein das Pueblo dennoch war. Dass sich macht- und habgierige Kommandanten hier die Klinke in die Hand gegeben hatten, hatte Juan dann jedoch weit weniger verwundert. Tatsächlich verstand Juan schon jetzt, nach nur zwei Tagen Zwischen-den-Zeilen-Lesens in den alten Akten und Berichten, wieso sich hier ein Mann berufen fühlen musste, die Gerechtigkeit selbst in die Hand zu nehmen. Ihm war schon jetzt klar, dass der Gouverneur nur die Hälfte der Probleme Los Angeles‘ überhaupt kannte und bei dem Teil, von dem er wusste vermutlich nur die Spitze des Eisbergs erfahren hatte. Juan wünschte sich nichts sehnlicher, als diesen ominösen Zorro eingehend zu allen Ränken und Intrigen zu befragen, die er im Laufe der letzten zwei Jahre vereitelt haben musste. Eigentlich verdiente der Mann einen Orden und kein Kopfgeld für seine Ergreifung. Wobei ein Kopfgeld von 4000 Pesos schon fast einer Auszeichnung gleich kamen.

Wie Juan gehofft hatte, waren die meisten Soldaten gerade aufgrund der ständigen Konflikte mit Zorro – die sie immer wieder verloren – begierig darauf, ihre Kampfkünste zu verbessern. Und so hatte Juan schon am ersten Tag nach seiner Ankunft erkannt, dass er hier auf diesem neuen Posten endlich Gelegenheit finden würde, etwas gegen seine nachlassende Fitness tun zu können. Zu seiner Zufriedenheit hatte der dauernde Kampf mit Zorro bei den Soldaten auch dazu geführt, dass sie nachdachten. Nicht alle gleich erfolgreich, aber keiner der Soldaten ruhte sich auf seinem Posten aus, wenn er mit echter Ungerechtigkeit konfrontiert wurde. Selbst Garçia war ein Mann, der sein eigenes Wohl ignorieren würde – und auch schon nachweißlich ignoriert hatte – wenn er vor die unmögliche Wahl gestellt wurde, entweder den Befehlen eines Tyrannen zu gehorchen, oder von diesem Tyrannen zertreten zu werden. Hier waren Soldaten, die wussten, was es hieß, ungerecht behandelt zu werden und gezwungen zu werden, ungerecht zu handeln. Sie waren erpicht darauf, endlich einem Comandante zu dienen, der sie nicht mehr vor diese unmögliche Wahl stellen würde. Und gerade deshalb hatten sie alle insgeheim Zorro in den letzten Jahren auf ihre Weise unterstützt – durch offene Meuterei gegen einen tyrannischen Kommandanten oder durch simples in-die-andere-Richtung-schauen. Dennoch war Juan sich der Loyalität der Soldaten dieser kleinen Garnison gegenüber der spanischen Krone sicher. Und auch hier hatte Zorro seinen Anteil gehabt. Der schwarzgekleidete Rebell kämpfte so offensichtlich für das Wohl der Bevölkerung und im Interesse der spanischen Obrigkeit, dass sich vermutlich jeder der Soldaten mindestens einmal Zorro als neuen Comandante gewünscht hatte. Da es nun mal aber so wahr, dass Zorro offiziell auf der anderen Seite des Gesetzes zu finden war, durften die Soldaten eben nur mit seinen Zielen, nicht aber mit seinen Methoden einverstanden sein.

Juan bot ihnen nun endlich eine Möglichkeit, wieder auf den richtigen Weg zu finden. Direkt nach seiner Ankunft hatte er die Männer auf dem Innenhof versammeln lassen und er hatte ihren Augen ansehen können, dass sie sowohl einen neuen Tyrannen befürchtet, als einen ehrlichen Comandante erhofft hatten. Er hatte nicht viele Worte gemacht. Juan mochte keine langen Reden und ewige Tiraden hohler Worte. Er hatte die Soldaten im Gegenteil gefragt, wann sie das letzte Mal ihren Sold erhalten, wann sie das letzte Mal brandneue Uniformen gestellt bekommen, wann sie das letzte Mal ein gutes Mahl in der Taverne genossen hatten – und wann sie Zorro das letzte Mal gesehen und wann gegen ihn gewonnen hatten. Bei allen Fragen bis auf bei der Letzten, hatten die Soldaten ehrlich und hoffnungsvoll geantwortet. Nur die fünfte Frage hatten sie zögernd und erst nach einigem hin und her wahrheitsgemäß beantwortet.  Juan hatte ihnen ihren ausstehenden Sold ausgezahlt. Er hatte schon vor der Fragerei gewusst, dass der letzte Sold über drei Monate zuvor zuletzt gezahlt worden war. Er hatte den Soldaten, die offensichtlich nur noch eine Ansammlung von Flicken als Uniform trugen, neue Uniformen aus den Vorräten aushändigen lassen und den restlichen neue Hosen und Jacken versprochen, sobald Nachschub aus Santa Barbara ankommen würde. Juan hatte Trainingskämpfe angekündigt, was schlecht verhohlenes Murren hervorgerufen und ihn insgeheim zum Zähneknirschen gebracht hatte. Aber als er zwei aufgerufene Soldaten gleichzeitig mit nur drei Degenstößen entwaffnet hatte, waren die Soldaten verstummt. Juans Ankündigung, sie selbst Trainieren zu wollen, damit sie künftig gegen ihn länger durchhalten und dadurch auf lange Sicht auch Zorro mehr Widerstand entgegen bringen konnten, hatte das bewirkt, was Juan in San Jose nie geschafft hatte. Die Männer waren Feuer und Flamme. Und die in Aussicht gestellten Mahlzeiten in der Taverne taten ihr übriges. Vielleicht wären sie nicht einmal nötig gewesen, um die Soldaten zu den Trainingskämpfen zu motivieren, aber Juan vermutete, dass ihm gerade das die nötigen Pluspunkte bei seinen neuen Männern eingebracht hatte.

Zufrieden dachte Juan an das Training zurück. Insgesamt hatten ihn die Soldaten zwei Stunden lang auf Trab gehalten. Anfangs waren sie einzelne Manöver und Fechtpositionen durchgegangen und hatten Gymnastikübungen zum Aufwärmen gemacht, bei denen die Soldaten schon wieder zu Murren begonnen hatten. Doch er hatte ihnen angesehen, dass die meisten schon zehn Minuten nach Beginn des eigentlichen Kampfes mit ihm froh über genau diese Dehn- und Streckübungen und die Erinnerungen an die diversen Grundlagen des Schwertkampfes gewesen waren. Die Soldaten hatten schnell erkannt, dass sie ohne dieses Vorspiel nicht einmal zwei Minuten gegen ihren neuen Vorgesetzten bestanden hätten. So hatten sich am Ende 50 Soldaten in Zweier-, Dreier- und Fünferteams zusammen getan. Sie hatten Strategien ausprobiert, die sie erst kurz zuvor noch mit Juan theoretisch durchgespielt hatten und sich spontan ein paar neue Strategien überlegt, von denen Juan nur vermuten konnte, dass sie durch Zorros verstohlene Angriffe auf die Garnison inspiriert waren. Alles mit dem Ziel, einen einzelnen Mann in den beengten Räumlichkeiten des Innenhofes zu besiegen. Juan hatte sich am Anfang leicht und nach einer Stunde anhaltenden Kampfes aufgrund seiner eigenen körperlichen Erschöpfung tatsächlich mit weit mehr Mühe als gedacht gegen die Übermacht erwehren können. Irgendwann hatten sie es tatsächlich geschafft, ihn am Tor in die Enge zu treiben und Juan war immer noch ziemlich stolz auf seine Männer und über deren dafür notwendige Manöver. Natürlich hatten sie nicht ahnen können, dass er diesen Ausgang des Trainings als ein mögliches Szenario längst vorhergesehen und sich eine Ausweichstrategie überlegt hatte. Das Tor allein zu öffnen, war erstaunlich leicht gewesen und hier würde er mit den dringenden baulichen Verbesserungen der Garnison beginnen.

Nicht überraschend war für Juan jedoch gewesen, wie viele der anwesenden Bürger des Pueblos bereit gewesen waren, ihren Soldaten zu Hilfe zu eilen, als sie scheinbar innerhalb ihrer eigenen Garnison angegriffen wurden. Jeder zweite Vaquero und Ranchero auf der Plaza und in der Taverne hatte beim Öffnen des Tores mit der Hand am Degen oder an der Pistole dagestanden – vermutlich war dies den meisten gar nicht bewusst gewesen. Nicht nur bei den Soldaten hatte die wechselnde Herrschaft der Tyrannen Spuren hinterlassen. Halb war Juan bei der Verlagerung des Kampfes auf die Plaza darauf vorbereitet gewesen, mit lauten Befehlen dem Training ein Ende zu setzen, doch sein Lachen hatte wohl schon ausgereicht. Juan war sich dieses Lachens gar nicht bewusst gewesen. Als die kampfbereite Stimmung Sekunden später in die ihm wohlbekannte Stimmung erfreuter Erwartung wie bei einem Stierkampf umschwang, hatte Juan sich noch kurz gewundert. Das erleichterte Lachen, was ihm zu diesem Zeitpunkt entkam, hatte ihn von seiner Anspannung befreit, ihm aber auch klar gemacht, wie es zu diesem Gefühlsumschwung gekommen war. Die Bewohner des Pueblos hatten instinktiv erkannt, dass hier kein Kampf auf Leben und Tod stattfand und kein Eingreifen nötig war.

Doch erst nun, da Corporal Reyes mit den Worten aus dem Zimmer gegangen war: „Vielleicht können wir Zorro beim nächsten Mal wirklich fangen! Ihr habt heute zwar genauso über uns gelacht, wie er es immer tut, aber immerhin haben wir Euch zum Schwitzen bringen können. Wenn Ihr an unserer Seite gegen Zorro kämpft, wird der Fuchs keine Chance mehr haben.“, war Juan klar geworden, dass Zorro vermutlich genauso viel Spaß bei seinen Kämpfen mit den Soldaten zeigte, wie Juan es heute bei ihrem Training gezeigt hatte. Die Bürger des Pueblos hatten dies instinktiv wiedererkannt und hatten dem sportlichen Treiben amüsiert zugesehen, wie sie es sonst wohl auch immer bei einer Jagd auf Zorro taten.  

Juan stellte nun das Wasserglas ab und wandte sich für die nächsten zwei Stunden wieder der Lektüre der alten Akten zu. Was er dort schon gelesen hatte und nun weiterhin auf den Papierbögen fand, waren beschönigte und verdrehte Wahrheiten, wie sie nur tyrannische Herrscher ohne Sinn für Logik zustande bringen konnten. Kein Wunder, dass Capitán Toledano ihn vor seinem Aufbruch aus dem Haus des Gouverneurs nur milde angelächelt und seine Frage nach Tipps zum Umgang mit Zorro und den angeblich so widerspenstigen Caballeros in seiner neuen Wirkungsstätte mit den knappen Worten beantwortet hatte: „Lest einfach zwischen den Zeilen der Berichte, dann werdet Ihr schnell merken, woran Ihr seid und worauf Ihr Acht geben müsst.“

Toledano hatte ihm knapp die wenigen Hintergründe über die Verschwörung einer Gruppe Aufrührer, deren Anführer sich selbst Der Adler genannt hatte, erklärt. Doch da er vom alten Gouverneur damals zurückgerufen worden war, bevor dieser Anführer sein Gesicht in Los Angeles gezeigt hatte, wusste auch Toledano nur das, was nun auch Gouverneur Santos aus den knappen Berichten der Dons und insbesondere Don Alejandro De la Vegas hatte entnehmen können. In den Berichten Sergeant Garçias stand sehr wenig über die weitreichenden Kreise dieser Verschwörung und Juan vermutete, dass der gutmütige Soldat bis jetzt noch nicht einmal ahnte, vor welcher Gefahr Zorro ganz Kalifornien damals bewahrt hatte. Dass Zorro einen großen Anteil in dieser Affäre hatte, war aus den Berichten der Dons klar erkennbar geworden und Don Alejandro war sogar so weit gegangen, eine Amnestie für Zorro vom Gouverneur zu verlangen. Der alte Gouverneur war weder vor einem Jahr dazu bereit gewesen, als Alejandros Brief ihn in dieser Angelegenheit erreicht hatte, noch ein halbes Jahr später, als ihm bei seinem Besuch der südlichen Provinzen von Zorro vermutlich sogar mehrfach das Leben gerettet worden war. Der Tod von Capitán Arellano durch Zorros Hand hatte hier einen großen Anteil an der Entscheidung des alten Gouverneurs gehabt. Wenn auch nie ganz klar geworden war, in welchem Ausmaß der Soldat in die Verschwörung gegen das Leben seines Mentors involviert gewesen war, hatte er doch großes Ansehen beim Gouverneur gehabt. Gouverneur Santos sah das damalige Geschehen mit anderen Augen, als sein Vorgänger, doch auch ihm waren ohne genaue Informationen die Hände gebunden und so hatte er Juan mit der klaren Aufgabe nach Los Angeles geschickt: „Findet heraus, was dort unten wirklich vor sich geht! Wenn dieser Zorro wirklich ein Bandit ist, fangt ihn und verurteilt ihn. Wenn er ein Rebell ist, der nur versucht sein Land zu schützen, wo die spanische Armee leider versagt hat, dann sorgt dafür, dass diese Notwendigkeit der Selbstjustiz nicht länger besteht und überzeugt ihn dann davon, sich zu stellen. Von Eurem Bericht wird dann abhängen, ob ein Gnadenerlass möglich ist.“

Und Juan hatte vor, diesem Befehl wortwörtlich zu folgen. Allerdings hatte er schon nach nur zwei Tagen im Amt und nicht sehr viel Kontakt mit den eigentlichen Bewohnern des Pueblos die Gewissheit, dass die Theorie Zorro sei ein Bandit keinerlei Prüfung standhalten würde. Das machte seinen Auftrag umso eindeutiger: Juan würde dafür sorgen, dass die Bewohner dieses Pueblos wieder an die Gerechtigkeit der spanischen Krone und deren Militärangehörigen glauben konnten. Was allerdings den zweiten Teil seines Auftrages anbelangte, fürchtete er, dass hier nicht alles so einfach schwarz und weiß war, wie sich der Gouverneur das wünschte. Einen Mann zu fangen, der es gewohnt war immer nur das schlimmste von Entsandten der spanischen Krone zu erwarten, würde schwierig werden. Einen Fuchs jagte man am besten mit der gleichen List und Schlauheit, die dieser besaß, aber auch dann dauerte eine Fuchsjagd lang. Juan zweifelte nicht daran, dass ihm die Jagd glücken würde, aber nach allem, was er bisher schon über Zorro aus den – durchaus gefärbten – Erzählungen von Sergeant Garçia erfahren hatte, fragte er sich, ob es überhaupt richtige war, diese Jagd aufzunehmen.

Über sich selbst und seine wirren Gedanken etwas frustriert, lehnte sich Juan irgendwann mit müden Augen zurück und betrachtete die Holzdecke. Vielleicht war es an der Zeit, sich ein paar Informationen aus anderen Quellen als angestaubten Akten und naiven Soldatengeschichten zu besorgen. Außerdem wurde es langsam Zeit, dass er sich den anderen Bewohnern des Pueblos offiziell vorstellte. Bisher hatte er nur Don Alejandro De la Vega kennen gelernt, als dieser sich praktisch in sein Büro gedrängt hatte. Der Mann hatte einen stolzen, aber aufrichtigen Eindruck gemacht und Juan hatte ihn von der ersten Sekunde an gemocht. Der Don redete so, wie er seine Berichte schrieb – aufrichtig und wahrheitsgetreu und dies war genau der Mann, den Juan sich künftig als Alcalde vorstellen könnte. Doch soweit waren sie noch nicht. Noch konnten sich die Bürger nicht mehr als Gerüchte über ihn erzählen und er würde sie genauso wie die Soldaten seiner Garnison durch Taten überzeugen müssen. Der nächste Schritt würde also sein, die Bewohner des Pueblos und der umliegenden Haziendas kennen zu lernen und davon zu überzeugen, dass ihr Glückstag tatsächlich angebrochen war und zur Abwechslung mal ein fairer Comandante für ihr Schicksal verantwortlich war. Erst danach konnte Juan daran gehen, sein eigentliches Ziel zu verfolgen – ein schlaues Füchslein.

Juan erhob sich, packte die Akten wieder an ihre Plätze im Schrank zurück und rief dann nach Corporal Reyes und Sergeant Garçia. Die beiden hatten an diesem Abend keine Wache und hatten schon nach dem Training ihren Plan des Besuches der Taverne angedeutet. Warum sollte er mit dem Kennenlernen der Bewohner Los Angeles‘ nicht schon heute beginnen. Er würde die beiden Soldaten begleiten und konnte sich so gleich dem einen oder anderen Ranchero oder Don vorstellen lassen.

Und wer wusste schon, ob nicht vielleicht der hochgewachsene, dunkelhaarige und überaus gutaussehende Caballero, der am Nachmittag direkt neben De la Vega gestanden und sein Training mit den Soldaten sehr intensiv aber mit undeutbarem Blick beobachtet hatte, in der Taverne ein Zimmer genommen hatte. Vielleicht traf er den Mann nun am Abend wieder und konnte einen genaueren Blick auf ihn werfen? Juan erlaubte sich für einige Sekunden diesen Wunsch, bevor er sich innerlich zur Ordnung rief und das bisher nur undeutliche Bild des unbekannten Señors zurück drängte. Hatte er denn aus der Vergangenheit nichts gelernt? Er sollte mit seinem Posten zufrieden sein und sich nicht etwas wünschen, was er unmöglich haben konnte. Es hatte lange gedauert, bis Juan seine Gefühle wieder unter Kontrolle bekommen und sein gebrochenes Herz gekittet hatte. Drei Jahre, zwei Fronteinsätze und eine andauernde Flucht von Spanien bis hier her in den hintersten Winkel Kaliforniens. Er würde sich nicht erlauben, dass alles noch einmal durchzumachen, denn er war sich ziemlich sicher, dass er das nicht noch mal ertragen konnte.

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Auf dem Weg zurück zur Hazienda erzählte sein Vater begeistert von dem neuen Fohlen, welches Meriposa vor wenigen Tagen, in Diegos Abwesenheit, zur Welt gebracht hatte. Da Meriposa eine der besten Stuten in ihrem Stall und der Vater des Fohlens niemand anderes als Tornado war, versprach sich Don Alejandro einiges von dieser Nachzucht. Die Vaterschaft würde er leider niemandem offen erzählen können und auf dem Papier stand daher auch Alejandros bester Zuchthengst Saturn. Doch Diego musste seinem Vater zustimmen, dass auch er gespannt war, wie schnell ein Fohlen seines schlauen und treuen Gefährten am Ende sein würde.

Diego ertappte sich allerdings dabei, dass er seinem Vater nur halb zu hörte. In Gedanken war er noch immer bei dem Trainingskampf der Soldaten vom Nachmittag. Er, Bernardo und Alejandro hatten sich am Anfang ihres Rittes zur Hazienda auch ein wenig in Mutmaßungen ergangen, was das Verhalten des neuen Comandante für Zorro bedeuten könnte. Natürlich hatten sie mit der Unterhaltung so lange gewartet, bis sie das Pueblo weit hinter sich gelassen hatten und vor neugierigen Ohren und Bernardo vor neugierigen Beobachtern geschützt gewesen waren. Einig waren sich die drei Männer nämlich in einem Punkt: Bernardo und Diego würden ihre Maskerade weiterhin aufrecht erhalten. Diego wünschte sich zwar nichts sehnlicher, als endlich nicht mehr den Bücherwurm und Narr spielen zu müssen, aber sie wussten einfach viel zu wenig über den neuen Comandante, um vorschnelle Entschlüsse zu fassen.

Ganz so schlimm war diese Entscheidung allerdings nicht. Wenn Diego ehrlich war, dann hatte er schon vor einiger Zeit aufgehört, wirklich Theater zu spielen. Die Bewohner des Pueblos hatten ihn alle mindestens schon einmal verdächtigt, Zorro zu sein. Er hatte sie alle schon mindestens einmal davon überzeugen können, dass diese Anschuldigungen falsch sein mussten. Und mittlerweile kam niemand mehr auch nur auf die Idee, sich auf der Suche nach Zorro zu ihm umzudrehen. Das hatte dazu geführt, dass Diego nach und nach wieder ein wenig mehr er selbst hatte sein können. Mittlerweile konnte er ohne Enttarnung zu fürchten seine Meinung äußern, wenn er mit Ungerechtigkeit nicht einverstanden war, oder einen Freund oder Bekannten vor überhöhten Steuern oder falschen Anschuldigungen in Schutz nahm. Seine Loyalität zu seinem Vater und seine Aufrichtigkeit gegenüber der Gerechtigkeit musste er nicht mehr verstecken. Alles was nötig war, um die Maskerade weiter zu erhalten, war ab und an ein tollpatschig fallen gelassener Degen, wenn sich die Gelegenheit anbot. Der im Schwertkampf lausige Don Diego konnte dennoch klug argumentieren und loyal gegen Tyrannen aufbegehren, ohne dass alle gleich „Zorro!“ riefen. Zumal in den letzten Monaten so selten die Notwendigkeit eines Rittes von Zorro und Tornado nötig gewesen war, dass manch einer der Bürger nicht einmal mehr die genaue Statur Zorros beschreiben konnte. Dieser amüsante Gedanke brachte Diego wieder zu seinen anfänglichen Überlegungen zurück: Würde er nun vielleicht nie mehr als Zorro reiten müssen, da sich der neue Comandante scheinbar als fairer und gerechter Mann herausstellte. Doch der zweite Punkt, über den sich sein Vater, Bernardo und er einig waren, war, dass diese erste Begegnung keinen wirklichen Hinweis über die Aufrichtigkeit des Spaniers geben konnte, der nun die Garnison befehligte. Nur die Zeit würde zeigen, was echt war und was nicht. Also musste Diego weiter bereit sein, sein Theater als Weichling und unfähiger Kämpfer wieder aufzunehmen oder eben fortzuführen.

Und dabei sehnte sich Diego verzweifelt danach, mit eben diesem Kommandanten die Klingen zu kreuzen, je früher, desto besser. Während sie aber nun in Sichtweite der Hazienda kamen, erkannte Diego, dass es nicht nur die Aussicht auf einen seit langem mal wieder gleichwertigen Gegner im Schwertkampf war, die ihn ein Wiedersehen mit Juan Taragona ersehnen ließen. Vor Diegos innerem Auge blitze wieder das Bild auf, dass der Comandante da auf der Plaza geboten hatte, als er breit grinsend über seinen Männern gethront hatte. Der muskulöse und von Kämpfen gestählte, aber athletische Körper war unter dem schweißnassen Hemd deutlich zu erahnen gewesen. Die schwarzen Haare hatten im wirr und doch verwirrend attraktiv am Kopf geklebt und Diego wünschte sich nichts sehnlicher, als diese Haarsträhnen zu berühren und nach hinten zu streichen. Das Gesicht war markant und sehr attraktiv gewesen und das breite Grinsen hatte das Potential, ansteckend zu sein. Die körperliche Erschöpfung, die vermutlich von dem schon recht lang innerhalb der Garnisonsmauern geführten Trainingskampfes hergerührt haben musste, ließ in Diego den Wunsch aufkommen, den Mann in seine Arme nehmen und an seiner Seite ausruhen lassen zu können.

Als Diego an diesem Punkt seiner Gedanken angekommen war, bemerkte er erschrocken die Erregung, die sich langsam seines Körpers bemächtigte. Alarmiert sah er sich sowohl nach Bernardo als auch nach seinem Vater um. Doch beide waren schon etwas weiter voraus geritten und bogen nun in den Weg zur Hazienda ein. Angestrengt versuchte Diego seiner Gefühle Herr zu werden. Wenn er nicht aufpasste, würde man ihm seine Gedanken direkt nach dem Absteigen von seinem Pferd ansehen können und das war etwas, was er weder Bernardo noch seinem Vater erklären konnte oder wollte.  Diese Maske trug Diego selbst vor seinem treuesten Diener, der ihn genau wie sein Vater so gern mit wunderschönen Señoritas in den Hafen der glücklichen Ehe einfahren sehen wollte. Diego brachte es nicht übers Herz, den beiden wichtigsten Männern in seinem Leben zu gestehen, dass dieses Schicksal für ihn nicht mehr zur Debatte gestanden hatte, seitdem er mit 15 seinen damals zwei Jahre älteren Cousin im Rahmen einer Mutprobe geküsst hatte. Diego war damals sehr deutlich klar geworden, was er begehrte und das hatte leider wenig mit runden Kurven und zartem Gemüt zu tun – wobei Diego zugeben musste, dass die wenigsten Señoritas gerade dieser letzten Beschreibung entsprachen.

Diesem Kuss waren weitere Küsse und ein paar Experimente mit anderen – weit verschwiegeneren jungen Männern gefolgt, die jedoch allesamt nicht in der Nähe von Los Angeles wohnten. Diego hatte schon damals die Kunst der Täuschung und Maskerade beherrscht und keiner seiner früheren Partner hatte je eine Ahnung gehabt, dass er ein De la Vega war. Manch einer hatte noch nicht einmal seinen Vornamen gekannt.

An seinem Interesse an Männern hatte Diego also schon lange keinen Zweifel mehr, aber bis auf in seinem ersten Jahr an der Universität von Madrid – bevor Bernardo in seine Dienste getreten war – hatte sich nie wieder die Gelegenheit ergeben, wirklich nach der Liebe zu suchen, die sich Diego insgeheim wie jeder andere Mann und jede andere Frau ersehnte. An der Uni waren ihm seine Studien und seine Fechtturniere in die Quere gekommen. Und zurück in Kalifornien hatte sich erst recht keine Gelegenheit ergeben, zwischen all den Kämpfen bei Nacht und Verstellungen bei Tag nach dem geeigneten Partner Ausschau zu halten, der dann auch noch seine Neigungen teilen musste. Ab und an hatte Diego darüber nachgedacht, seinem Vater zu gestehen, dass die Bekanntmachung mit jungen Señoritas umsonst sein würde. Aber sein Vater war jedes Mal so hoffnungsfroh gewesen, ihn mit der nächsten Kandidatin vielleicht doch glücklich zu sehen, dass Diego es nicht übers Herz bringen konnte, ihm einen noch tieferen Stich zu versetzen, als nur die Damen zurückzuweisen. Also hatte er gelernt, mit ihnen zu flirten, hatte gelernt, ihnen ein wenig Hoffnung zu machen, damit sie auch etwas von dem aussichtslosen Spiel hatten, nur um sie dann höflich aber bestimmt wieder von sich zu entlieben. Bisher hatte das wunderbar funktioniert. Und irgendwann hatte Diego sich damit abgefunden, dass neben einem Leben als Erbe eines der reichsten Dons der Umgebung, der Verantwortung für die vielen Bediensteten, dem Vieh und dem Land sowie seiner zweiten Aufgabe, die ihm die Verantwortung für ganz Los Angeles bei Nacht aufbürdete einfach kein Platz für die Liebe war. Diego hatte geglaubt, er hatte sein Schicksal als ewiger Junggeselle akzeptiert.

Leider teilte ihm sein Körper nur gerade eben deutlich mit, dass er ganz anderer Meinung war, indem seine Libido mit Macht zuschlug. Und das nur bei dem bloßen Gedanken an einen Mann, den er bisher nur aus der Entfernung gesehen hatte und dessen Charakter er bisher überhaupt noch nicht einschätzen konnte. Wobei Charakter für die körperliche Lust leider schon immer zweitrangig war, wie Diego auch aus eigener Erfahrung sehr genau wusste. Seufzend und über sich selbst innerlich den Kopf schüttelnd, fuhr sich Diego über das Gesicht und konzentrierte sich dann auf den letzten hundert Metern bis zu den Ställen auf seinen Plan für das neue Schwarzpulverexperiment, welches er am Abend noch beginnen würde. Die Zahlen und Formeln halfen dabei, dass die verräterische Beule in seinem Schritt beim Absitzen wieder verschwunden war. Dennoch beeilte Diego sich nach dem absatteln der Pferde in sein Zimmer zu kommen und schickte Bernardo mit ein paar glaubhaften Ausreden aus dem Zimmer, wie er es schon früher in solchen Situationen getan hatte. Aus Erfahrung wusste Diego, dass sich sein Körper nur für eine gewisse Zeit mit Logik ablenken ließ und je früher er sich um das Problem kümmerte, desto eher hatte er die Hand wieder für sinnvollere Tätigkeiten frei.
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