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Das verlorene Königreich

Kurzbeschreibung
GeschichteAbenteuer, Übernatürlich / P16 / Het
23.07.2020
04.01.2023
31
78.169
5
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23.07.2020 1.443
 
Jemand öffnete von innen die Tür, und ich wurde fast hinein geschoben. Fasziniert, aber mit einem gewaltigen Kloß im Hals blickte ich mich auf den Fluren um. Die einzigen Menschen weit und breit waren ernst aussehende, kräftige Männer in Uniformen, die jede einzelne Handlung, jeden einzelnen Schritt mit einer solchen Gewissenhaftigkeit und Ernsthaftigkeit durchführten, dass es mir Angst machte. Je tiefer es in den Bunker hineinging, desto schwindeliger wurde mir - die Luft hier unten war unangenehm stickig, Wände, Decken und Böden sahen trist und kahl aus, und eine Hochsicherheitstür folgte der nächsten. Eine jede wurde für uns geöffnet, und je mehr es wurden, desto beklemmender wurde das Gefühl, eingeschlossen zu sein.
Wenn es doch wenigstens Fenster gegeben hätte! Doch die einzige Beleuchtung hier waren beißende weiße Lampen und grüne Notausgangsschilder. Nicht, dass die hier tatsächlich irgendwann gebraucht würden - wozu auch? Es gab nichts an dem Bunker, das niederbrennen konnte, und so wie er aussah, war er bestimmt auch bombensicher. Um mich von der tristen Umgebung etwas abzulenken, dachte ich darüber nach, in welchen Fällen solche Schilder noch relevant werden konnten. Bei Erdbeben und Vulkanausbrüchen? Nicht in England. Bei Überflutungen? Die hatte es um Liverpool tatsächlich schon mal gegeben. Jedoch war ich mir ziemlich sicher, dass diese Türen nicht nur Menschen abhielten, sondern auch Wasser. Bei Überfällen? Diese Vorstellung war so schräg, dass ich mir ein Schmunzeln nicht verkneifen konnte. Es war wahrscheinlich leichter, in den Buckingham Palace einzubrechen, als diesen Bunker zu stürmen. Und selbst wenn es jemand hinbekommen sollte, wozu?! Es gab keine Wertsachen hier unten, keine Staats- oder Militärgeheimnisse. Nur einen Haufen Ausbilder und Rekruten, die sich hier in unbequemen Feldbetten und mit sportlichen Übungen auf den militärischen Einsatz vorbereiteten. Und Gefangene. Ich wusste nicht, zu welchem Zweck das mächtige, größtenteils unterirdische Gebäude einmal errichtet worden war, jedenfalls erstreckte sich hinter der geschätzt neunzehnten Tür eine schier endlos lange Wand mit Zellen, in denen teils skeptisch, teils neugierig dreinblickende Männer verschiedenen Alters aktuell ihre Unterkunft hatten. Nicht, dass dieser Gefängnisblock für gewöhnlich genutzt würde, aber niemand hatte gewusst, wohin sonst mit diesen Typen.
Vor der sechzehnten Zelle endete der lange Marsch, meine Begleiter blieben stehen, jemand öffnete die Tür. Dahinter verbarg sich ein düster aussehender Bursche, der sicher keine zwanzig Jahre alt war. Das einst wohl schwarze Haar war struppig und staubig, und ungleich lang geschnitten. Die braunen Augen starrten in endlose Fernen, der Blick in ihnen war schmerzverzerrt, verbittert, erbost und so leer, dass ich das Bedürfnis verspürte, rückwärts umzukehren. Das Gesicht des jungen Mannes war ebenfalls so staubig und schmutzig, dass man nicht erkennen konnte, welchen Teint es natürlicherweise hatte. Die Mundwinkel waren eingerissen, die Lippen aufgesprungen, und ein leichter Bartansatz war zu erkennen. Das einzig Frische und Saubere an dem Gefangenen war die Häftlingskleidung - in diesem Fall ein älteres Modell der Rekrutenuniform mangels anderer Kleidung im Bunker. Ich verspürte bei dem Anblick des Mannes zugleich einen solchen Ekel und ein solches Mitleid, dass ich nicht wusste, wohin mit mir. Ich wusste selbst nicht, ob ich mich vor ihm selbst ekelte oder vor denen, die zugelassen hatten, dass ein Mensch so endete.
"Hat man den Gefangenen keine Dusche gestattet, als sie hierher gebracht wurden?", fragte ich so gefasst wie nur möglich.
"Er hat sich geweigert", ließ einer meiner Begleiter mich wissen.
Ich rang eine Weile mit mir, während die Soldaten den Mann, der nicht von selbst die Zelle verlassen wollte, aus eben jener herauszogen. Niemand hier wusste so recht, wie man mit den Neuankömmlingen umgehen sollte. Musste man sie zu gewissen Dingen zwingen, auch wenn Gewalt nötig war? Musste man ihnen entgegenkommen; Verständnis zeigen?
Und wie sollte auch irgendjemand wissen, welcher Weg der richtige war, wenn doch niemand die Hintergrundgeschichte der Gefangenen kannte?
"Bringen Sie ihn nach draußen auf den Hof und spülen Sie ihn dort mit einem Wasserschlauch ab", entschied ich schließlich. Und weil mir diese Entscheidung in gewisser Weise gleich wieder leid tat, fügte ich schnell hinzu: "Und stellen Sie sicher, dass niemand zusieht."
"Ja, Ma'am", nickte einer der Soldaten, und sie führten den Unglücklichen auf schnellstem Wege nach draußen.
Zwei von ihnen brachten mich derweil in ein Besprechungszimmer, in dem bereits zwei Leute saßen; eine professionell aussehende Frau in den Vierzigern und ein Mann von etwa fünfzig. Ich kannte beide schon flüchtig, schließlich hatten wir in der Zentrale bereits gesprochen. Ich nickte ihnen also nur zu; ich war ohnehin zu nervös, um jetzt ein Gespräch zu beginnen.
Einige Minuten später betraten drei Männer gemeinsam mit dem jungen Gefangenen das Zimmer. Der war auf den ersten Blick kaum wiederzuerkennen - sie hatten ihn nicht nur abgespült, sondern im anscheinend bei der Gelegenheit direkt die Haare und den Bart rasiert. Von der unfreiwilligen Dusche war er noch etwas feucht, aber seine Kleidung war trocken - man hatte ihn also vorher dazu bekommen, sich auszuziehen. Oder man hatte das gewaltsam für ihn gemacht, wahrscheinlich wollte ich das überhaupt nicht wissen.
Das Wasser hatte nicht nur den gröbsten Staub entfernt, es schien ihn auch aufgeweckt zu haben; nur sah er uns aufmerksam an.
Auf den zweiten Blick erkannte man jedoch, dass seine Augen immer noch genauso leer und verzweifelt aussahen, nun kam vielleicht noch eine Spur Trotz dazu. Zwei seiner Begleiter verzogen sich, ein dritter blieb zur Sicherheit im Raum. Ein besonders aufmerksamer Kollege kam derweil mit einem Glas Wasser, einer Tüte mit Essen und einer Schachtel Vaseline herein und stellte alles vor dem Gefangenen ab. Der betrachtete die Gegenstände skeptisch, rührte sie aber nicht an.
"Das hier ist für die Lippe", konnte ich mich nicht zurückhalten und deutete auf die Vaseline. "Es hilft bei wunder Haut."
Der junge Mann öffnete sehr zögerlich die Dose und betrachtete den Inhalt, fasste auch den jedoch nicht an.
"Sie sehen heute besser aus, Nummer 16", lächelte die sitzende Frau neben mir. "Wir haben von Ihren Kollegen erfahren, dass Ihr Name Grennige Lobán* ist, ist das richtig?"
Noch immer sagte er nichts, doch die Tatsache, dass er bei dem Namen kurz erschrocken die Augen aufriss, bestätigte wohl, dass es der seine war.
Die Psychologin fuhr damit fort, ein paar Fragen zu stellen und Anmerkungen zu machen, doch Grennige zeigte keinerlei nennenswerte Reaktion. Manchmal flimmerte etwas in seinen Augen auf, das aussah, als wolle er sich über ihre Worte lustig machen, doch er sagte nichts.
Schließlich sah die Dame ihn durchdringend an und erklärte dann: "Mr. Lobán, ich hoffe, Sie wissen, dass wir Ihnen helfen wollen. Wir, und nur wir, entscheiden darüber, ob Sie freigelassen werden. Das heißt, es ist nur von Vorteil für Sie, mit uns zusammenzuarbeiten. Es ist nicht unsere Aufgabe, Sie zu verurteilen für das, was war, wir wollen lediglich feststellen, ob Sie eine Gefahr für die britische Bevölkerung darstellen. Aber solange Sie nichts sagen, können wir Sie nicht einschätzen. Verstehen Sie das?"
Keine Reaktion.
"Vielleicht spricht er kein Englisch?", vermutete ich unsicher.
"Nein, ich denke, er hat jedes Wort genau verstanden." Die Psychologin erhob sich. "Ich denke, wir sollten an diesem Punkt nächste Woche anknüpfen. Mr. Lobán", nickte sie ihm zu und verließ dann das Zimmer, gefolgt von dem Mann, der die ganze Zeit über nichts gesagt, sondern nur Grennige beobachtet hatte. Ich blieb noch einen Moment, ließ mich auf den Stuhl fallen und sah den jungen Mann nachdenklich an. Man hatte mir ja gesagt, dass er ein 'Problemfall' sei, aber dass es so schlimm war, hatte ich nicht ahnen können. Nun da ich ihn direkt gegenüber von mir sah, war sämtlicher Ekel in mir verschwunden. Nicht weil er jetzt sauberer war als zuvor, sondern weil ich in der letzten knappen Stunde mehr und mehr begriffen hatte, wie ernst die Situation eigentlich war; seine Situation - unsere Situation. Wie schlimm er gelitten haben musste, um zu dem zu werden, was er nun war! Und wie viele Menschen da draußen genauso litten! Und in diesem Moment, in dem ich nur dasaß und ihn stumm anstarrte, fasste ich einen Entschluss: Ich würde ihm helfen, was immer dazu auch nötig war. Diese Entscheidung traf ich jedoch nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern weil ich ein hoffnungsvolles Zeichen brauchte. Ich hatte das Gefühl, dass, wenn ich den stursten, geheimnisvollsten und wahrscheinlich am schlimmsten traumatisierten unserer Gefangenen aus seinem Loch holen konnte - oder wenigstens dabei mithelfen - ich auch eine Chance hatte, mit meinen Leuten den Krieg zu gewinnen. So wurde also der Gefangene Nummer 16, auch wenn er herzlich wenig mit dem tatsächlichen Verlauf der Dinge zu tun hatte, zu einer Art Testlauf für den Erfolg unseres Planes und zu einem hoffentlich hoffnungsvollen Symbol für unser Volk.

*sprich Gɹiniʒ Lobann
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