Die sanfte Brise und der schneidende Sturm

GeschichteRomanze, Angst / P12
Xiao Xingchen Xue Yang
22.07.2020
02.08.2020
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22.07.2020 486
 
X U E   Y A N G

Xiao Xingchen war tot, seine Seele zersplittert. Die lächerlichen Fetzen im Seelenfangbeutel waren nur ein Bruchteil von dem, was Xiao Xingchen ausgemacht hatte. Wo zur Hölle war der Rest?!

Xue Yang kroch über den Boden im Hof, wo dieser Idiot seinen Hals aufgeschlitzt hatte. Der Dreck hatte sein Blut bereits gierig aufgesogen, die Spuren seiner Wärme nahezu ausgelöscht. Xue Yang stieß ein schrilles Lachen aus. Das hatten Xue Yang und dieser versiffte Grund wohl gemeinsam, sie waren hungrige Parasiten, die das Leben aus naiven Schwachköpfen saugten.

Xue Yang grub seine Finger in den klumpigen Staub und schaufelte ihn in seine Hände, drückte seine Wange an die erbärmlichen Brocken. Wie hätte er denn ahnen sollen, dass der feine Daozhang sich selbst verletzen würde? Dass er sich verdammt nochmal umbringen würde? Sie verteufelten Xue Yang als Wahnsinnigen, aber war es nicht viel verrückter, sich selbst zu töten? Und wofür das Ganze? Xiao Xingchen hatte nichts gewonnen mit seinem hirnverbrannten Opfer! Er würde nicht einmal wiedergeboren werden ohne eine Seele, die einen Körper füllen könnte!

Das war es, was Xue Yang an den Guten und Rechtsschaffenden so sehr hasste. Vor Selbstgerechtigkeit triefend verurteilten sie ‘Missetäter’ wie Xue Yang, während sie in Wahrheit bloß zu feige waren sich die Untiefen des menschlichen Abgrunds einzugestehen, der die Welt regierte. Fairness war nichts weiter als ein Produkt ihrer Verblendung, das der Realität nicht standhalten konnte.

Xiao Xingchen hatte von der Wahrheit gekostet und die sanfte Brise war daran zerbrochen. Er war geflohen. In das Ende seines Lebens. Seiner verdammten Existenz! Xiao Xingchen war schwach. Wer auf einem Berg fern der Menschheit aufwuchs und sich mit weißen Roben schmückte wie eine zarte Magnolienblüte flehte förmlich darum, zertreten zu werden.

„Hier, hier, hier” hauchte Xue Yang, als könne er Xiao Xingchens Seelensplitter anlocken wie ein hungriges Kleinkind, aber sie wichen vor ihm zurück als hätten sie endlich ihre Lektion gelernt. Zu spät, dachte Xue Yang und zwang sie in den Seelenfangbeutel. Zügig zog er den Verschluss zu und sprang auf die angrenzenden Dächer, jagte von einem Ende zum anderen, während er den Nachthimmel auf Spuren von Xiao Xingchen absuchte.

So leicht würde dieser privilegierte Trottel ihm nicht davonkommen. Xue Yang musste Xiao Xingchen zurückbringen. Er würde seine Gliedmaßen festschnallen, ihn mit der Grausamkeit der Welt konfrontieren und ihn verstehen lehren. Xiao Xingchen würde begreifen, dass Xue Yang im Recht lag. Er würde einsehen, dass Xue Yang den Clan hatte ausrotten müssen. Und dann würde Xiao Xingchen ihm wieder Süßigkeiten bringen, jeden Tag, mit einem Lächeln auf den Lippen, das den Bonbons Konkurrenz machte.


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Anm.: Die Kapitel sind eher kleine Snacks, als ein Hauptgang, aber so kann ich trotz meines vollgepackten Alltags regelmäßig etwas veröffentlichen. :)
Ich überlege in Zukunft, sollten sich genug Leser finden, euch mitentscheiden zu lassen, was als nächstes passiert. Vorerst aber hoffe ich, dass ich jemanden hiermit erfreuen oder zumindest unterhalten kann. <3
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